Sk. 147.
Samstag, -en 28. 3uni 1930.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Acliendruckerei, Fulda
Fragen des deutschen Volkstums.
Zum Etat des Reichsminifteriums des Innern.
Bon Helene Weber, M. d. R.
Die Entwicklung,des deutschen Staates ergibt sich sicher aus den Spannungen der politischen Kräfte, die in den letzten Jahren neue Formen angenommen haben. Ich erwähne nur das An- rmchsen der revolutionären Kräfte der Kommunisten und Nationalsozialisten und die langsame, aber stetige Bildung eines konservativen Flügels.
Aber der moderne Staat entsteht doch nicht nur aus solchen Spannungen. Er ist vielleicht tiefergehend, als die meisten ahnen, auf die Neubildung des deutschen Volkstums angewiesen. Wir haben heute kein deutsches Bolkstum, wir haben Gruppen: christliche, humanitäre, sozialistische. Jede Gruppe strebt aus ihren weltanschaulichen und volkshaften Kräften nach ihrer Gestalt. Wir wollen in der deutschen Zentramispartei ganz bewußt und zielhaft unser christlich-deutsches Volkstum ausprägen. Unsere Jugendgruppen sind der ewig neue und immer starke Impuls zur Volkswerdung. Deutsches Volkstum und Christentum sind für uns untrennbar miteinander verbunden. Und doch müssen wir die Frage aufwerfen, ob nicht irgendetwas Gemeinsames unter den deutschen Volksgruppen ist, ob nicht der Toleranzbegriff auch eine Tat umschließt, die aus einem Verstehen des Andersdenkenden zu gemeinsamen Anschauungen und Handlungen kommen will. Ich halte das für möglich, wenn ich auch in diesem Zusammenhang nicht näher darauf eingehen will. Es müßte gemeinsame Verfassungsfeiern geben, gemeinsame Feste, bei denen wir die Verschiedenartigkeit achten und würdigen.
Auf dieser Grundlage ist auch die Bekenntnisschule eine wirkliche Volks schule, und wir bedauern, daß heute in weltlichen Schulen eine kommunistische Propaganda betrieben wird, die nur Haß und Zwietracht erzeugt. Es gibt letzten Endes keine n e u t r a le Bi l d u n g, wenn man darunter ein wirklich tiefes Bildungsgut versteht. Aber je ausgeprägter die Erwachsenenausbildung sich zeigt, um so weltoffener und verstehender sollte sie sein. Sie sucht auch in Deutschland noch beinahe hilflos nach ihrer Methode. In den Großstädten ist die Volksbildung stark in einer abstrakten Verstandsbildung stecken geblieben, auf dem Lande haben wir erst einige Ansätze, die heimatverbunden und wirklichheitsschaffend'sind. Auch die Körperkultur der Jugend sollte in dw allgemeine Bildungsentwicklung hineingestellt werden. Es ist beinahe peinlich, wir stark Sport- und Turnbewegung von Rekordsucht und übertriebenen Ehrungen verzerrt werden. Ich weiß, daß die maßgebenden Sachverständigen dagegen angehen, aber in der Masse haben sie sich noch nicht durchgesetzt. Der Boxer und Schwimmer gilt heuie mehr als die Wissenschaft eines Einstein und das größte Kunstwerk. Eine Körperkultur der Frau ist überhaupt nicht ohne ihre geistig- seelische Ergänzung wahrhaft deutsches Bildungsgut. Das Reichsministerium des Innern sollte bei der Gewährung von Beihilfen auch Bedingungen an die Einrichtungen und Aufführungen der Turn- und Sportbewegung stellen.
Wr werden das organische Wachsen des deutschen Volkstums niemals sehen, wenn nicht durch die Bemühungen des Reichsministeriums des Innern, der Kulturministerien der Länder und aller maßgebenden Kreise Ordnung in das Chaos des Be r e ch t i g u u g s we s e n s gebracht wird. Die Hochschulen sind überfüllt. Auch solche streben zu den Universitäten, die später ganz andere Fähigkeiten und Fertigkeiten beweisen müssen. Die Voiks- schvlen sind entvölkert. Man hat fast den Eindruck, daß das Leben um der Schule willen und nicht die Schule um des Lebens willen da ist. Unser Volk, das über zwei Millionen Arbeitslose hat und auf einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt ist, muß auf keinem Gebiere eine solche sinnvolle Planwirtschaft betreiben, wie auf dem des Berechtigungswesens. Der Reichsminister des Innern würde sich ein großes Verdienst schaffen, wenn er diese Frage tatkräftig anpacken und lösen würde.
Film und Rundfunk beeinflußen zunehmend die Bildung weitester Volkskreile. Wir müs
sen deshalb alles tun, damit die Qualität Schritt halt mit dem ungeheuerlich anwachsenden Tempo unserer Zeit. Ich glaube, daß manche sich keinen Begriff davon machen, welchen Einfluß tendenziöse Bildstreifen, wie z. B. der Film „Cyankali", haben. Wir verbitten uns eine solchePropaganda, die an diese schwierigste Lebensfrage mit solcher Sensation hrramritt. Es muß auch eine Selbstverständlichkeit sein, daß der Tonfilm von dem Lichtspielgesetz und seiner Novelle erfaßt wird ____
In diesem Zusammenhang möchte ich Stellung nehmen zu bett Fragen des deutschen Rundfunks. Wir sino cc: Auffassung, daß sich die Grundlinien, auf denen der deutsche Rundfunk aufgebaut ist, in ihren entscheidenden Punkten durchaus bewährt haben. Wir halten daran fest, daß der Rundfunk keiner Partei und keiner Weltanschauung dienstbar ist. daß er cber seine Kraft aus den gesunden und lebendigen Quellen des deutschen Volkstums schöpft und sich stützt auf die großen sittlichen und ku l t u r e 11 e n Kräfte, die Gott fei Dank im deutschen Volk noch lebendig sind. Wir wenden uns deshalb gegen die hier und da auftretende Erscheinung, großstädtische Dekadenz im Rundfunk zur Geltung zu bringen.
Ich habe den Eindruck, daß der Sozialismus und die Sozialdemokratie rüstig am Werk ist, sich im deutschen Rundfunk festzusetzen. Ich brauche nur an bekannte Vorgänge in der Berliner Funkstunde zu erinnern. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, daß der Führer der preußischen Sozialdemokraten in einer Reihe r on lieber« wachungsausschüssen maßgeblich tätig ist. Wenn Herr Crispin für die Sozialdemorcuie fordert, feine Partei müsse in allen Instanzen des Rundfunks vertreten sein, so darf ich darauf Hinweisen, daß es meines Erachtens wohl kaum einen preußischen Sender gibt — und auch von nichtpreuhi- fchen weiß ich's — bei dem nicht Sozialdemokraten im politischen Ueberwachungsausschuß vertreten sind. Das gilt nicht von der Weltanschauung meiner Freunde. Im politischen lieber« wachungsausschuh der Berliner Funkstunde, in einer Stadt mit 400 000 Katholiken, ist kein Katholik.
Sodann hat Herr Crispin eine etwas sehr ei-' qenartige Rechnung aufgeführt. Etwas sehr naiv. Aber agitatorisch recht wirksam. Ich bestreite diese Rechnung ganz entschieden und frage ihn, nach welchen Gesichtspunkten er sie aufgestellt hat. Anscheinend stellt er die ausgesprochen über sozialistische Fragen handelnden Vorträge all jenen gegenüber, die das weite Gebiet des wissenschaftlichen, tulturellen und künstlerischen Lebens umfassen, und folgert bann, dieses alles feien bürgerliche Vorträge. Eine solche Rubrizierung fft falsch und klassentendenziös. Herr Crispin hat auch scharfe Angriffe gegen ben Drahilosen Dienst unb gegen dessen Nachrichtenübermittlung gerichtet. Im Ge- genfah zu ihm stelle ich fest, daß die Tätigkeit dieses Dienstes und seines Chefredakteurs weithin Anerkennung findet.
In diesem Zusammenhang ein Wort über die auslandspropagandastische Bedeutung des deutschen Rundfunkts. Wir können eine starke Tätigkeit fremder Sender, namentlich an den deutschen Grenzen und in den deutschen Greuzlan- den feftfteKen. Wir sehen auch, wie Rußland durch besondere Vorträge auf die deutschen Hörer einzuwirken versucht. Wir bitten den Herrn Reichsminister, dieser Frage seine besondere Aufmerksamkeit widmen zu wollen. Gerade unsere an den Grenzen stehenden Sender haben eine besondere Ausgabe und unter ihnen besonders der Oberschlesische und Niederfchlesische. In diesen Gebieten hat jede Rundfunkdarbietung grenzpolitifche Bedeutung unb jebe das r eliaiöse unb sittliche Empfinden beleidigende Entgleisung bedeutet hier eine Schädigung des Deutschtums. Wir haben im Rundfunk die Möglichkeit, mit unseren Grenzland- und Ausländsdeutschen Brüdern in engem Kontakt zu stehen.
Möge der deutsche Rundfunk sich auch dieser Ausgabe bewußt seinl
Deutsches Volkstum kann weder durch Gesetze noch durch Verwaltungsmaßnahmen geschaffen werden; aber Gesetze und Verwaltung sollen daraus schaffen, sollen' es pflegen und schützen!
Skeuerhmkerziehungen.
(Eine Nachweisung übet verhängte Geldstrafen.
Noch von dem Reichsfinanzminifter Molden- Hauer ist dem Reichstag eine Nachweisung über Festsetzung unb Erlaß von Gelbstrafen bei ben Besitz- unb Derkehrssteuern, sowie ben Zöllen unb Verbrauchsabgaben zugegangen. Daraus ergibt sich, daß im gesamten im Rechnungsjahre 1928 in 27 621 Fällen bei den Besitz- unb Derkehrssteuern ©elbftrafen festgesetzt worben sinb in einer G e- s a m t h ö h e von 11 420 000 Rm. Im Jahre 1929 hanbelte es sich um 26 823 Fälle mit einer Gelbstrafenhöhe von 11 472 000 Rm.
Bei ben Zöllen unb Verbrauchsabgaben sinb im Rechnungsjahre 1928 16 174 Fälle verzeichnet worben, bei denen Gelbstrasen rechtskrästig festgesetzt worben sinb in einer gesamten Gelbstrafenhöhe ausschließlich Wertersatzstrafen von 62 844 000. Im Rechnungsjahre 1929 waren es 13 201 Fälle, die jedoch um vieles höhere Beträge erfaßten, sodaß sich eine gesamte Geldstrafensumme von 89 207 000 Rm. ergab.
Bei den Besitz- und Verkehrs steuern waren nächst Berlin mit 2727 Fällen und 1845 000 Rm. Geldstrafen im meisten herange- zogen der Landesfinanzamtsbezirk Münster mit 2235 Fällen und 1 210 000 Geldstrafen. Es folgt dann Dresden mit 1820 Fällen und 979 000 Rm. an Geldstrafen; sodann der Landesfinanzamtbezirk Stuttgart mit 1 789 Fällen unb 405 000 Gelbstrasen, weiter Landesfinanzamtsbezirk Breslau mit 1784 Fällen unb 525 000 Rm. Geldstrafen. Es verzeichnen ferner der Landesfinanzamtsbezirk Karlsruhe 1505 Fälle und 427 000 Rm. an Geldstrafen, der Landesfinanzamtsbezirk München 1250 Fälle mit 389 000 Rm. Geldstrafen usw. Köln hatte nur 767 Fälle und 192 000 Rm. Geldstrafe, Würzburg 372 Fälle mit 92000 Rm. Geldstrafen, Düsseldorf 940 Fälle mit 557 000 Rm., Nü rnberg 521 Fälle und 222 000 Rm. Geldstrafe, Oberschlesien mit 585 Fällen und 226 000 Rm. Geldstrafe.
Bei den Zöllen und Verbrauchsabgaben sehen mir merkwürdige Unterschiede. Bei Berlin handelt sich um 177 Fälle mit 3,9 Millionen Rm., bei D a r m st a d t beispielsweise um
52 Fälle mit jedoch nicht weniger als 30,7 Mill. Geldstrafe. Düsseldorf hinwiederum hatte zwar 1 404 Fälle, aber nur 900 000 Rm. Geldstrafen, Köln hinwiederum 3243 Fälle mit 3,5 Mill. Rm. Geldstrafen. Sehr hoch an Geldstrafen beteilig ist auch der Landesfinanzamtsbezirk Unter e l b e mit zwar nur 699, jedoch mit 21,5 Mill Rm. Geldstrafen. Münster hatte 813 Fälle mit 6,7 Mill. Rm. Geldstrafen. Sehr günstig steht hier Breslau mit zwar 435 Fällen, aber nur 218 000 Rm. Geldstrafen. Denselben Geldstrafenbetrag hat Stuttgart zu verzeichnen bei indessen nur 147 Straffällen.
Moskaus ReNgionsfeindschaft.
Beschlagnahmtes Kirchengerät wird ben Gottlosenverbänden überlassen.
Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die Sowjetregierung auf Antrag der Gottlosenoerbände .Kirchengerät, das von der Sowjetregierung in den Kirchen von Leningrad und Kronstadt beschlagnahmt worden war, den Gottlosenverbänden für ein antireligiös es Museum in Kronstadt zur Verfügung gestellt.. Die Maßnahme hat in verschiedenen Teilen der religiösen Bevölkerung starke Empörung hervorgerufen.
Feuersbrunft. »
Brandkatastrophe in einem polnischen Grenzstädtchen.
In den polnischen Grenzstädtchen I a n o w ent stand durch die Fahrlässigkeit einer alten Frau, die glühende Asche ausgeschüttet hatte, ein Feuer, das an dem infolge der langen Trockenheit ausgedörr- ten Material reiche Nahrung fand und sich in kurzer Zeit zu einem Riesenbrande auswuchs. Fast die Hälfte des an 4000 Einwohner zählenden Städtchens mar innerlich von drei Stunden ein Raub der Flammen. Die Ortsfcuer« wehren und die Wehren der benachbarten polnischen Städte blieben ben Flammen gegenüber machtlos, so baß bis Feuerwehren aus Neidenburg und anderen in der Nähe gelegenen deutschen Orten zu Hilfe gerufen werden mußten. Den vereinten Bemühungen gelang es bann endlich, dem entfesselten Element Einhalt zu gebieten. 2 4 Wohnhäuser, 64 Scheunen unb etroa 3 7 Ställe sinb vollstänbig niebergebrannt. Zahlreiches Kleinvieh ist ums Leben gekommen. Polnischerseits wirb erklärt, daß ohne bas tatkräftige Einschreiten ber Neibenburger unb ber an« bereu beutschen Feuerwehren das ganze Städtchen ein Opfer der Flammen geworden märe.
Die Hebung der versenkten Flotte.
Hebung des versenkten Kreuzers „Hindenburg
< 7*
* V-
■<
'... MH
ir 1;
M ; v
In der Bucht von Scapa Florn, in der am 21. Juni 1919 die ganze internierte deutsch Schlachtflotte von ihrer Besatzung versenkt wurde, setzte man die Hebung der Schisse fort. 29 Kreuzer und Linienschiffe konnten bereits geborgen werden, 15 weitere liegen noch auf dem Meeresboden. Unser Bild zeigt die Hebungsversuche des Kreuzers „Hindenburg".
Die kleine Eva.
23] Roman von C. F r a s e r - S l m s o n.
Berechtigte Uebersetzung von H. Steinitzer.
Deutsches Recht beim Verlag Georg Müller in München.
Sie sah dem Zug nach. Wie eine Schlange glitt er durch die Landschaft, und sie fragte sich, ob die nächste Schlange sie wohl in Sicherheit bringen würde. Dann sah sie sich nach Creason um. Die Wirkung, die sie durch ihre Worte hatte hervorbringen wollen, war offenbar erreicht worden. ,
Creason hatte seinen Wettermantel aus den Boden gebreitet und warf sich jetzt mit einem triumphierenden Lächeln drauf.
Eva deutete das Lächeln: nun bist du außerstande, die Papiere rechtzeitig deinem verehrten Gatten zu bringen!
Er zog seine Pfeife aus der Tasche und begann sie zu stopfen.
„Ich bin so durstig", sagte Eva. „Sie nicht? Wir könnten an dem Bauernhof dort um ein Glas Milch bitten. Das Fischzeug kann ja hier bleiben, da ich doch nochmal mein Glück versuchen möchte. Gegen Abend steigen die Fische am liebsten. Also, kommen Sie mit?"
Sie zeigte auf einen Bauernhof etwa hundert Meter abwärts am Fluß.
Creason warf einen Blick auf den Stacheldrahtzaun, der zu überklettern war und verriet nicht die geringste Lust, seinen bequemen Platz zu verlassen.
„Wenns nichts Besseres gibt als Milch", meinte er, 'will ich lieber warten, bis wir zuhause sind."
„Nein, Whisky werden Sie dort kaum bekommen. Also bis auf einige Minuten!"
Sie winkte ihm zu, während sie sich durch den Zaun zwängte. Bon seinem Gesicht konnte sie den Zweifel °blesen, ob er ihr nicht doch folgen sollte, aber Erschöp-
Faulheit oder der Gedanke an den eben Darüber» gefahrenen Zug gewannen offenbar die Oberhand in ihm.
„Ich warte auf Sie", rief er .hr nach.
Ohm jU beeilen schlenderte Eva weiter. Das Ge- xmbe stieg bis zur Straße ein wenig an, und beim Bauernhof hatte sie etwa ein Drittel der ganzen Strecke
hinter sich. Laufen durste sie nicht, obwohl ihr ein Blick auf die Uhr zeigte, daß sie fünf kostbare Minuten verloren hatte. Zehn blieben ihr noch, um das Auto und dann den Zug zu erreichen.
Endlich war sie bei dem Hof. Auch hier konnte sie von Creason noch beobachtet werden. Aber sobald das Gebäude sie deckte, begann sie zu laufen. Erst in gerader Richtung, dann als sie annahm, daß der Bauernhof sie nun nicht mehr verbergen würde, nach rechts auf das Gehölz zu. Zwischen ihr und der Straße lag ein kürzlich abgeholzter Hang. Sie war halbwegs drüber weg, als sie einen lauten Ruf hinter sich hörte.
Sich umschauend gewahrte sie Creason, der eben um die Hofecke bog und im Begriff war, einen Zaun zu überklettern. So hatte er sich also doch entschlossen, ihr zu folgen.
Nun war keine Sekunde mehr zu verlieren. Deckung hatte keinen Sinn mehr, so gab sie den Gedanken an das Gehölz auf und wandte sich einem vor ihr liegenden Rübenfeld zu. Ein schrecklicher Boden! Ihre schweren Stiefel hinderten sie am Laufen, aber sie hatte einen gehörigen Dorsprung und wenn King zur Stelle war, mochte noch alles gut gehen.
Wenn . . .? Aber wenn nun King da war, dachte sie, während sie keuchend weiterrannte, oder das Auto nicht gleich in Fahrt kam? Sie hörte Creasons Ruse hinter sich. Atemvevschwendung, dachte sie. Dann sah sie etwa zwölf Meter links unb auf gleicher Höhe mit sich einen Mann, der auf dem Felde arbeitete. Auch Creason hatte ihn bemerkt und schrie chm zu, sie aufzuhalten.
„Dieb! Dieb!" brüllte er. „Halten Sie sie doch auf, Sie Tropf!"
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe der Mann verstand, was man von ihm wollte, dann hörte ihn Eva seine Hacke hinwerfen und ihr nachlaufen. Sie war nun am Ende ihrer Kräfte. Ihr Atem ging in kurzen Stößen, und ein Schwindelgefühl überfam sie. Aber irgendwie stolperte sie doch weiter. Das Schnaufen des Mannes hinter ihr, das immer näher klang, trieb sie vorwärts. Als sie die Hecke erreichte, war er dicht hinter ihr. Sie fühlte eine Hand an ihrem Rock, ein Zerren und Reißen. Mit einer heftigen Bewegung machte sie sich los. Hinter chr ein dumpfes Geräusch wie von einem
schweren Fall. Der Mann mochte auegerutscht sein oder sich mit dem Fuß in einer der Wurzeln verfangen haben.
Mit letzter Kraft drängte sie sich durch die dünne Hecke. Wenn King mm nicht da war? Als sie.auf die Straße sprang, hätte sie fast einen Jubelruf ausgestoßen. King war offenbar auf der Lauer gewesen, und der Wagen war schon in Bewegung. Mit einem Satz war sie auf dem Trittbrett. Sie hörte die Zweige der Hecke hinter sich krachen. „Los! Schnell!" schrie sie King zu. Aber das war kaum nötig. King hatte die Verfolgung beobachtet und war seiner Aufgabe gewachsen. Als er sah, daß sie fest aus dem Trittbrett stand und sich am Windschutz festhielt, ließ er den Wagen laufen.
Eva blickte zurück. Der Mann stand auf der Straße und sah chr nach, und Creason rannte über das Rüben- seld auf ihn zu.
Ein glücklicher Zufall, daß man von dort die Eisenbahnbrücke nicht wahrnehmen konnte.
Atemlos sank sie auf den Sitz neben King.
„Gut gelaufen sind die gnädige Frau", sagte der Chauffeur anerkennend.
Eva nickte. Sie waren nun auf der letzten Steigung, die zum Bahnhof hinaufführte.
„Werden wir es schaffen, King?"
„Aber leicht, gnädige Frau. Das fft ja erst bas Signal." Noch eine Kurve. Das Donnern, des einfahrenden Zuges llang immer näher. Zu gleicher Zeit kamen sie an. Eva sprang aus dem Wagen und eilte auf den Bahnsteig. Der Schlafwagenschaffner lehnte sich aus dem Fenster.
„Frau Bailey?" fragte er und hals ihr auf ihre bejahende Antwort in den Wagen. „Nummero sieben", sagte er. King reichte ihr bas Reifetäschchen und den Pelzmantel durchs Fenster, mit denen der Schaffner verschwand..
„Creason wird glauben, ich fahre im Auto nach London", sagte Eva. „Er weiß nicht, daß der Zug hier anhält. Vielleicht überhaupt nicht, daß es noch einen zweiten Zug gibt."
„Wärs dann nicht besser, wenn ich gleich nach London weiterfahre?" fragte King. „Er wird dann in feinem Wagen mir nachfahren, und ich werde ihm schon eine schöne Strecke aussuchen."
„Das ist ein guter Einfall, King. Fahren Sie also I nur gleich weiter." I
Die Lokomotive des Expreßzuges stieß mächtige Dampfwolken aus, als wäre sie unwillig, daß sie eines einzigen Reisenden wegen an solch einer gottverlassenen Station hatte halten müssen. Wenn sie doch noch viele Hundert Meilen vor sich hatte, um pünktlich in der größten Stadt der Welt einzutreffen! Sie zog an, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
„Darf ich der gnädigen Frau viel Glück wünschen", sagte King respektvoll, die Hand an der Mütze. „Sie können sich darauf verlassen, daß ich den Herrn schon tüchtig herumführen und so bald als möglich in London fein werde."
„Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, King. Sie haben sich großartig bewährt. Noch vielen Dank für Ihre guten Wünsche. Ich kann sie brauchen."
Da geht mein einziger Verbündeter, dachte sie während sie ihm nachblickte, wie er sich umwandte und den Bahnsteig verließ. Dann zog sie seufzend den Kopf zurück und begab sich durch den Gang in ihr. Abteil Nr. 7. Am Ende des Ganges sah sie einen Herrn stehen, der in ihre Richtung blickte. Es war nur eine Sekunde, aber sein Gesicht kam ihr irgendwie bekannt vor.
Sie schloß die Tür zum Gang und hakte den Riegel ein.
Es war einer der neuen Schlafwagen, der nur Einzelkabinen hatte. Jede von ihnen besaß zwei Türen: ein» auf den Gang hinaus und eine zurückschlagbare Verbindungstür für den Fall, daß aus zwei aneinander- stoßenden Kabinen eine ganze gemacht werden sollte.
Diese Tür stand offen. Eva schloß sie unb hakte wii bet ber anderen den Riegel ein. Dann setzte sie sich aus ihr Bett und machte sich daran, die Gummistiefel auszuziehen, eine Arbeit, die ohne Beistand nicht leicht auszu- führen ist und sie längere Zeit in Anspruch nahm. Ihre Füße waren kalt wie Eis, und erst, als sie die Strümpfe gewechsell und leichte Schuhe angezogen hatte, fühlte sie sich einigermaßen gemütlich.
Den Hut nahm sie ab, rollte ihn zusammen unb ver- tauschte ihn mit dem andern, den sie mitgebracht hatte. Dann wickelte sie sich in ihren Pelzmantel und machte es sich mit Hilfe des Bettkifsens in einer Ecks bequem. Sie wollte nachdenken, aber die regelmäßige Bewegung des Zuges zusammen mit ihrer geistigen und körperlichen Erschöpfung versetzten sie bald in einen ruhigen Schlummer , (Fortsetzung folgt.)