Üt. 140.
Donnerstag, den 19. Iuni 1930.
Fronleichnam.
ffitin Päpstl. Hausprälat Dr. theol. Hartmann, Professor an der Bischöflichen Akademie Paderborn.
Für die katholische Psyche hat Fronleichnam einen eigenen Glanz. Seine Tiefe, Fülle und Innigkeit bringen den ganzen inneren Menschen zum Mitschwingen. Freilich fordert es auch von seiner Gloubenskraft das volle Opfer der Unterwerfung unier die Offenbarung des Herrn. Es ist bemerkenswert, wie tief Jesu eucharistisches Wort sich in die Seele seiner Jünger senkte; wie immer: verbindend oder trennend. Es war in der Synagoge zu Kapharnaum ein Jahr vor seinem Tode, als er zum ersten Male davon redete. Er hatte soeben eine wunderbare Brotvermehrung vollzogen und dadurch bei seinem Volke allerlei irdische Hoffnungen erweckt. Das war keineswegs nach seinem ginn. Das wahre Brot steht noch aus: er w.ll es denen, die an ihn glauben, in der Zukunft reichen: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt." Die Verbindung dieser drei Worte: Brot, mein Fleisch, Leben der Welt, war wirklich nicht leicht zu vollziehen. Wer seine Rede nickt im tiefsten Glaubensgeiste oust nahm, der verstand sie nicht. Viele, die ihm bisher gefolgt waren, trennten sich jetzt von ihm. Sie sind wohl nie Glieder seines Reiches geworden Für die Glaubenswilligen und -starken aber spricht Petrus die Losung und die Lösung aus: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast'Worte des ewigen Lebens. Und wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist Christus, der Sohn Gottes." Es dauerte noch fast ein Jahr, da löste Jesus fein Wort ein und feierte zum ersten Male mit den Jüngern Fronleichnam.
Es ist auffallend, wie der Gehorsam des Glaubens in diesem Punkte das innere Wesen der Jüngerschaft verwandest und veredelt hat; was dem natürlichen Empfinden anfangs so große Schwierigkeiten geboten hatte, das wurde später für sie das Geheimnis eines Kultes, woran ste von ganzem Herzen hingen und der den Mittelpunkt ihres Ehristenlebens ausmachte. In jenen apostolischen Tagen schon war es so, als die Erstgläubigen, wie die Apostelgeschichte erzählt, die Eucharistie „vo.> Hous zu Haus", skat' oikous), feierten. Ihre Reihen waren noch dünn; es genügten die kleinen Räume, die ihnen jeweilig zur Verfügung standen. „Sie verharrten in der Lehre der Apostel, und in der Gemeinschaft des Brotbrechens und im Gebete." Aenßerlich alles noch so schlicht und einfach. Rock keine romanischen und gotischen Dome, noch kerne geschmückten Altäre und Statuen, noch keine rauschende Kirchenmusik. Ihr eucharistischer Glaube stand und ruhte noch ohne jede Stütze ganz auf sich allein; auf dem Worte des Herrn. Bei jeder Feier waren sie vollkommen von der Gegenwart des Herrn durchdrungen. Er weilte unsichtbar unter ihnen, wo immer zwei oder drei in seinem Namen versammelt waren. Mit dieser Verheißung hatte er sie ja früher getröstet. So ungefähr stand es um das Fronleichnamsfest in den ersten drei Jahrhunderten; in den Zeiten der Märtyrer: man feierte es bei jeder' hl. Messe.
■ ^ckon in den Tagen der Apostel war mit der eueyaristiscken Feier eine Lehrverkündigung verbunden. Diese Predigten wurden um so wichti-
W vielschichtiger später die Scharen waren, die sich bei der Feier zusammenfanden. Die Vorsehung schenkte der Kirche jene Männer, die es v?r- ’.anben, alle die großen Geheimnisse der Erlö- strng von der Inkarnation bis zum Tode und zur Erhöhung Christi mit der Eucharistie theologisch zu verknüpfen und durch praktische Aszese in Vas allgemeine Christenlebsn hinüberzuleiten.
Die großen Glaubensgeheimnisse ethisch auszunutzen, hat wohl keiner besser verstanden als der große Bischof Augustin. In seiner geistvollen Er- b.es Aohannesevangelium, zumal des sechsen Kapitales, verweilt er mit mystischer Tiefe und spiritualer Feinfügigkeit bei dem eucharisti- 'chen Mysterium. Auf der Höhe feiner theologi
ilöaer Zeitung
2. MN.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda
schen Betrachtung faßt er dann die religiösen Empfindungen zusammen in dem dogmatisch-ethischen Ausruf: „O Sakrament der Frömmigkeit! O Zeichen der Einheit! O Band der Liebe!"
„Sakrament der Frömmigkeit." Gewiß ist die Frömmigkeit etwas Persönliches und Individuelles. Sie lebt und webt in der Tiefe des Herzens und der Gesinnung. Sie lebt in der eigenen Natur, aber sie lebt nicht allein aus der Natur. Alle Menschlichkeit ist Gebrechlichkeit, wenn sie nicht ihren stachen Rückhalt an Gott findet. Durch die Sakramente wird nach dem Konzil von Trient die Gnade der Erlösung in die Merrschenseele emge- senkt: als lebendige Kraft, als ein neuer Geist, als ein heilig machendes Pneuma Gottes. So bei allen Sakramenten, am meisten aber durch das eucharistische, das nicht nur, sagt das Konzil, die heiligende Gnade, sondern „den Urheber der Heiligkeit selbst enthält". Wer unsere Fronleichnamsprozessionen als innerlich Unbeteiligter vorüberziehen sieht, der könnte wähnen, es handele sich um ein geräuschvolles zeremonielles Tun, das von einem unklaren Gefühle inspiriert und durch die Kirche äußerlich inszeniert sei. Der Katholik weiß, daß es ein stilles Andachtsfest ist, an dem die begnadete Seele dem Herrn ihren Dank darbringt für die Quellen der Kraft, die für sie in diesem Geheimnisse unversieglich fließen. „Nehmet hin! Esset und trinket!" Es gibt noch Christen, denen dieses Wort des Herrn ein heiliges Vermächtnis ist.
„O Symbol der Einheit." Als Augustin dieses hinfchrieb, da lebte in seiner Erinnerung ein eucharistischer Gedanke des hl. Paulus auf: „Ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, wir alle, die wir an dem einen Brote teilnehmen." Das Konzil sagt deshalb, daß „unser Heiland dieses Sakrament in feiner Kirche hinterlassen hat als Wahrzeichen der Einheit, durch die er alle Christen unter sich vereint und verbunden haben wollte." Die Kirche ist der Leib Christi, Christus chr verklärtes geistiges Haupt. Er preist die Sakramente mit seiner Gnade und leitet sie in die gläubige Seele;
er verbindet sie so mit sich und unter einander: „Zu einem Leibe und zu einem Geiste" (Paulus). Es ist ein Irrtum, wenn man die Einheit in der katholischen Kirche rein juridisch erklärt, gleichsam als einen Zwang, der den katholischen Völkern von der Hierarchie auferlegt werde. Was für ein Zwang könnte das sein, dem sich ein jeder jeden Augenblick, wenn er will, entziehen kann. Die katholische Einheit wird von dem bewirkt, der aus her Tiefe und Höhe des eucharistischen Geheimnisses alles an sich zieht. „Ein Leib" der Kirche, „ein Geist" der Kirche.
„O Band der Liebe!" Mit Charitas bezeichnet Augustin die höchste und edelste Form der Liebe. Nicht irgend eine Liebe, sondern jene, von der Johannes sagt: „Gott ist die Liebe." Von dieser Liebe, deren Gottes Wesen voll ist, wurde von Christus in der Eucharistie gleichsam ein Stück verwirklicht. Diese Liebe sandte den Gottlogos ins Fleisch. In dieser Liebe wandelte, wohnte und wirkte er unter uns. In dieser Liebe schied er von uns und blieb doch bei uns. „Da er die Sei- nigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, so liebte er sie bis zum Ende." Mit diesen Worten leitet Johannes die Vorbereitung zum Abendmahle ein. Was die Liebe schenkte, das kann, recht empfangen und recht verstanden, nur Liebe wirken. Mit welcher inneren Erregung wendet sich Paulus gegen den lieblosen Egoismus, der sich bei der eucharistischen Feier in Korinth einschleichen wollte. „Es prüfe sich der Mensch!" Dann trete er hinzu und empfange. Alle echte Gottesliebe wird von selbst zur Nächstenliebe. Die Liebe behält nicht, was sie dem Mitbruder schuldig ist. Sie steht nicht teilnahmslos da mit gefüllten Taschen, wenn der Nächste darben muß. Nur jene Liebe, die im Fronleichnamsfeste gefeiert und angebetet wird, kann die in kalter Selbstsucht zerklüfteten Völker und Menschen wieder zu einer lebendigen und gesunden Einheit zusammen bringen. O Sakrament der Frömmigkeit, o Symbol der Einheit, o Band der Liebe!
Zur Berliner Well-Kraft-Konferenz.
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zu Zulda
Donnerstag, den 19. Juni 1930.
A. Reihenfolge der Prozession.
1, Volksschulen. (In deren Mitte Musikkapelledei dompfarrlichen Jugendvereins.)
2. Lyzeum und Oberlyzeum.
3. Jugendabteilung des K. K. V.
4. Kath. Jugend, und Jungmännerveiem der Dom- pfanet. _
5. Kath. Jugend- und Jungmannervererne der Stadt- vkarrei. Hl. Geist-Pfarrei und von St. Sturmius.
6. Musikkapelle des stadtpf. Jugend-Verems.
7. Katholischer Gesellenverein des Herz-Iefu-Heims und der Stadt Fulda. .
8. St. Josephs- u. St. Sturmius-Berem.
9. Winstndia.
10. Meister- und Männer-Berem.
11. Katholischer Kaufmännischer Verein.
12. Staat!. Wmfriedschule.
13. Oberrealschule.
14. Gymnasium; in dessen Mitte .......
15. Musikkapelle (zur Begleitung der lateinische» Gesänge) Bioneck I.
16. Weißgekleidete Kinder.
17. Barmherzige Schwestern.
18. Kongregation der Englischen Fräulem.
19. Barmherzige Brüder.
20. Konvent der i’P. Franziskaner.
21. Der Domchor, das Priester-Seminar und De. übrige Klerus.
22. Der Hochw. Herr Bischof mit dem Sank tissimum.
23. Die städtischen Körperschaften, Vertreter von Be-
24 Die^Marianische Männersodalität mit Fahne uni in deren Mitte Musikkapelle Bwneck II.
25. Die übrigen Bürger.
26. Marianische Jungfrauen-Kongregattonen mit ihrer Marienvereinen.
27. Marianische Kongregation St. Notburga. Kongregation Maria Hili.
29. Musikkapelle (Feuerwehrkapelle).
30. Christi. Müttervereine.
31. Jung.Lioba, Kathol. Frauenbund, Elisabeths Paramenten-Bereine.
32. Die übrigen Frauen und Jungfrauen.
Festakt der Reichsregierung in den Festsäten am Zoo zu Ehren der Weltwirkschaftskonferenz.
1. Oscar v. Miller, Präsident der Tagung, 2. Reichsinnenminister Dr. Wirth, 3. Reichswerkehrs- minister v. Guerard, 4. Reichsminister für die besetzten Gebiete Treviranus, 5. Reichsjustizmini- fter Dr. Bredt.
B. Bemerkungen.
1. Nach der Kommunion des Bischöflichen Hoch, amtes stellen sich, sobald die Glocke zu lauter beginnt, auf die gleichzeittge Aufforderung der Ordner die einzelnen Gruppen in der unter A. bezeichneten Reihenfolge auf und setzen ftdi fofo« t« Bewegung. Sämtliche Gruppen, Ordensleute
und Klerus ausgenommen, werden ersucht, nicht zw« und zwei, sondern vier und vier zu gehe«, damtt die Länge der Prozession vermindert und, namentlich auch im Interesse des Gesanges, ein besserer Zusammen- Hang erzielt werde.
2. Das Zeichen zum Stillstehen an den 4 Altären sowie das Zeichen zum Weitergehen wird mrt dem Meßglöckchen der Stadtpfarrkirche gegeben. Man bittet dringend, dieses Zeichen sofort überall zu beachten, damit Lücken in der Prozession vermieden werden.
3. Bei der Rückkehr zum Dom ziehen nur die Gruppen von Nr. 3 (Jugendabtlg. des K.K.B.) ab tn den Dom. Die Fahnenträger der Vereine nehmen rechts und links vor der Kommunionbank Aufstellung. Die übrigen Gruppen (Nr. 1 und 2) bilden Spalier auf dem Domplatz und warten dort den letzten Segen mit dem Allerheiligsten ab. Die Erteilung des Segens wird durch ein Zeichen der Angelusglocke des Domes gegeben. Dann erst löst sich die Versammlung auf.
0. Reihenfolge der deutschen Gesänge.
1. Vom Dom zum ersten Altar: Nr. 91: „Auf, Zion, preise deinen König". _ ,
2. Vom ersten zum zweiten Altar: Nr. 92: „Deinem Heiland, Deinem Lehrer'.
3. Vom zweiten zum dritten Altar: Nr. 99: „Rommt und lobet ohne End'". „ ~ _
4. Vom dritten zum vierten Altar: Nr. 103: „D Gottes ew ger Sohn". _ ,
5. Vom vierten Altar zum Dom: Nr. 85: „Großer Gott, wir loben Dich".
DaS Domkapitel.
Sonntag, den 22. Juni, nachm. 3 Uhr Sportpark Johannisau
D J K Dom »MM IM -HUK Sportverein Fulda e. V.
Halbzeit Staffelläufe
Die kleine Eva.
lös Roman von C. F r a s e r - S i m f o n.
Berechtigte Uebersetzung von H. Steinitzer.
Deutscher Recht beim Verlag Georg Müller iu München.
„Ein merkwürdiger Name: Nibs", war alles, was er 'aS“e. „Um aber wieder auf unser Gespräch zurückzu- vknmen: als wir unterbrochen wurden, wollte ich eben
Hoffnung aussprechen, die Papiere zu finden, ohne ^-lc weiter zu belästigen. Das ist nun nicht gut möglich, a das Safe in diesem Zimmer ist. Darum erzählte ich <u)nen, wre ich zu den Schlüsseln gekommen bin, und "önen jetzt sehr dankbar, wenn Sie mir helfen wurden."
< mochte da wieder dahinterstecken? Er hatte das Safe schon in der letzten Nacht durchsucht.
T^^utn wollte er das in ihrer Gegenwart nun nochmals Aber fein Zweck wurde ihr bald klar.
eie sahen die Papiere durch, ein wenig oberflächlich, f;,e ®Da vorkam, und natürlich waren die, um die es irn ^nbelte, "'cht darunter. Ereason fragte, ob sie noch gendwo anders nachschauen könnten.
„Kein Geheimfach vorhanden?" warf er hin.
5Ri*r°.kas roar 65! Er hoffte, sie wüßte nichts von der sj, ■ ? der Papiere und daß er der letzte war, der barfit*11 burfte’ und da er sie nicht gefunden hatte. *■“*9 c er durch List aus ihr herauszubringen, wo sie sonst erborgen sein könnten.
U)j$D?. stellte sich, als dächte sie angestrengt nach. Dann iS en ste sich zu erinnern und zeigte ihm das Geheimfach, Änb u ' 'n iedem alten Sekretär angebracht ist. Der Ste"1 maF nicht gerade überwältigend: ein Fetzen Stiirfrf; Qpi?r' 6*n paar zerbrochene Reißfedern, ein ft <yn Siegellack und ein abgebranntes Streichholz. tnth"h'er die Papiere anscheinend nicht", sagte sie y, .d?irachtete ernsthaft die gefundenen Schätze. Ereason riet -2 einen ärgerlichen Blick zu, aber ihr Gesicht ver- nichts als fachliche Hingegebenheit. Bon oben bis Urd)fud)ten fie den Sekretär. Eva war innerlich ßJW wie ein Kind, das im Begriff ist, einen luftigen fäurftvZ auszuführen. Dabei bemühte sie sich, eine un- nnuosvolle Miene zur Schau zu trogen, aber irgend
etwas in ihrer Haltung erweckte doch Creasons Argwohn.
„Glauben Sie mir, gnädige Frau", sagte er und feine Stimme nahm einen drohenden Klang an, „daß es von außerordentlichster Wichtigkeit für Ihren Gatten ist, daß die Papiere gesunden werden und in seine Hände gelangen."
„Ich weiß ich weiß", rief Eva mit gut gespielter Verzweiflung. „Aber was kann ich tun? Ich habe keine Idee, wo wir sonst noch nachschauen könnten."
„Denken Sie gut nach, gnädige Frau, ehe es zu spät ist."
Das war eine unverhllllte Drohung. Sie zitterte, aber nach außen ließ sie sich nichts anmerken und antwortete etwas von oben herunter:
„Wollen Sie damit andeuten, daß ich die Papiere verborgen halte, Herr Ereason?"
„Ich will gar nichts anbeuten. Ich möchte Ihnen nur zum Bewußtsein bringen, daß. falls die Papiere nicht gefunden werden, die Ehre und — er machte eine sekundenlange Pause — die Sicherheit Ihres Gatten gefährdet ist."
„Nun schön! Wenn es so wichtig ist, so müssen wir eben die Kirminalpolizei anruf er. und das Haus durchsuchen lassen."
Ereason runzelte verdrießlich die Stirn.
„Zu Scherzen ist jetzt nicht die richtige Zeit", sagte er. „Sie wissen sicher, daß der Verlust der Papiere nicht bekannt werden darf. Erfährt man. daß er sie auch nur einen Augenblick aus der Hand gelassen hat, so wäre das eine Katastrophe für ihn."
Das sagte er offenbar, um ihr klarzumachen, daß die Unterstützung der Behörden nicht in Frage kam. Ein Gefühl der Hilflosigkeit bemächtigte sich ihrer. Da war sie, allein, ohne sich an jemend um Beistand oder Rat wenden zu können, einfach weil um Peters Leichtsinn, an dem sie doch auch Schuld trug, niemand wissen durfte. Was konnte sie gegen Ereason auszurichten hoffen? Wie sollte sie es anstellen, ihm am nächsten Tag zu entkommen?
Dann dachte sie an Peter. Man beheuptete doch, daß Liebe stärker sei als Haß, sollte da ihre Liebe nicht über den Haß der anderen siegen? Sie riß sich zusammen und sah Ereason kühl ins Gesicht.
„Es tut mir leid," sagte sie, „ober weiter weiß ich Ihnen nicht zu Helsen. Hat mein Mann Si« um di«
Papiere geschickt, so hätte er Ihnen auch mitteiten sollen, wo fie zu finden sind."
Das war ein Punkt, den Ereason augenscheinlich übersehen hatte. Aber er faßte sich bald wieder.
Er behauptete, sie wären im Safe und muß sich geirrt haben. Ich würde ihm telegraphieren, wenn ich wüßte, wo er zu finden ist. Aber er mußte mit einem geheimen Auftrag verreisen."
Gut pariert, dachte Eva, aber doch nicht schnell genug, lieber Freund. Laut sagte sie:
„Das ist allerdings dumm. Nun, für heute haben mir wohl genug gesucht. Es ist schon spät, und ich schlage vor, daß wir zu Bett gehen."
Ereason war einverstanden. Er schloß das Safe, steckte den Schlüssel in die Tasche, sagte gute Nacht und verließ das Zimmer. Auch Eva suchte chr Schlafzimmer aus. Ihr erstes war, sich zu überzeugen, daß die Lederjacke noch sicher in dem großen, eingebauten Wandschrank hing. Sie trat hinein — Gott sei Dank, da war sie. Sie konnte den Rand der Papiere im Futter fühlen. Dann setzte sie sich ans, Feuer, um den Fluchtplan für den nächsten Tag auszudenken.
Die Frage war: wie konnte sie Ereason ein Schnippchen schlagen und den Nachtexpreß erreichen? Der Zug ging von Ballinglarig, der Endstation, ab, aber das war fünfzehn Kilometer entfernt, und um rechtzeitig hinzu- kommen, hätte ste Ereason mindestens vierzig Minuten vor der Abfahrt verlassen müssen. Dann hatte er Zeit, falls er ihre Flucht entdeckte, an seine Spießgesellen in London zu telegraphieren oder vielleicht sogar ihr mit seinem Auto nachzukommen und im gleichen Zug mitzu- fahren. Und außerdem hatte er wahrscheinlich schon Vorsorge getroffen, daß die in Ballinlarig Einsteigenden überwacht würden.
Glücklicherweise fiel ihr ein besserer Plan ein als die Abfahrt von dort. Nur vier Kilometer vom Schloß entfernt befand sich die nächste Station Dollin Moor, wo der Zug zwar für gewöhnlich nicht hielt, aber vorher angemeldete Passagiere ausnahm. Davon hatte Ereason sicher keine Kenntnis. Und darum mußte sie unter allen Umständen von Dollin Moor abfahren.
Die nächste Frage war, wie hingelangen. Nicht zu früh, aber gerade noch rechtzeitig. Erst in der letzten Minute wollle sie Ereason zu entkommen suchen. Sie mußte es irgendwie einrichten, daß fie am Nachmittag
sich mit ihm zusammen einen oder zwei Kilometer von der Station befand, dann sich auf die Seite stehlen u. in das wartende Auto springen. So würde er keine Möglichkeit haben, ihr zu folgen. Plötzlich dachte sie an den Fluß. Ein Stück davon gehörte zum Schloß, und dieses Stück war gerade halbwegs zum Bahnhof.
In ein paar Tagen begann zwar die Schonzeit fürs Fischen, aber davon hatte Ereason sicherlich keine Ahnung. Er hatte ihr ja gesagt, daß er kein Sportsmann sei. Dann war also der Plan fertig, und sie brauchte niemand ins Vertrauen zu ziehen als Sing, den Chauffeur. Sie hätte sich ja wohl auf alle ihre Dienstleuts verlassen können/ doch ihre Verstellungsfähigkeiten waren eine unbekannte Größe. Besser, sie von allem in Unkenntnis zu lassen, damit sie in ihrem Benehmen natürlich blieben und nicht in dem Bestreben, noch natürlicher zu fein, übertrieben und erst recht unnatürlich wurden.
Dann fiel ihr etwas neues ein. Wenn sie unmittelbar vom Fischen in den Zug stürzte, mußte sie die Möglichkeit hoben, ihre Kleidung zu wechseln und die Gummistiefel auszuziehen. So machte sie sich daran, das nötigste in eine kleine Reisetasche zu packen und fügt« Schuhe, Strümpfe und einen kleinen blauen Filzhui hinzu. Jetzt noch chr langer Pelzmantel darausgelegt und dann war alles beisammen, was ste brauchte.
Aber was nun damit anfangen? Weder Janet noch die anderen Dienstmädchen dursten etwas von ihren Reisevorbereitungen merken. Das beste roar, die Sachen irgendwo hinzubringen, von roo Sing sie bepuem holen konnte. Einen Augenblick dachte sie nach, dann hatte sis sich für den sogenannten. Anabu entfliehen, eine aus Holz und Zinkblech zusammengesetzte Scheußlichkeit aus der Nordwesffeite des Schlosses. Früher hatte er einmal dazu gedient, während der Iagdzest Gäste unterzubringen, die im Schloß selbst keinen Platz mehr sanden, doch seit vielen Jahren war er nicht mehr benutzt worden. Um hin zu gelangen, hatte man die Haupttreppe hinunterzusteigen, dann ging es durch das Dienerschafts, zimmer und die alte Waschküche. Recht günstig roar es auch, daß eine zweite Tür direkt in den Küchengarten hinaussührte, so daß Sing von der Garage aus unbemerkt hinkommen konnte. Jedenfalls waren dort unter dem alten Gerümpel ihre Sachen sicher aufgehoben, bi» Sing sie holte.
Fortsetzung folgt