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8t. M.

Konnkag, den 15. Iuni 1930.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda

Was die Woche brachte.

LutzenpoliNsche Umschau. — Italien im europäischen Jnteressenfireit. — Die Kampffront gegen Frank-

reich. — Polen und der Neuhofener Zwischenfall.

Non unserem besonderen Mitarbeiter.

Die innerpolitischen Sorgen und Nöte bringen es mit sich, daß wir oftmals der Außenpolitik nicht das gebührende Interesse entgegenbringen. Das ist zu verstehen, muß aber als Fehler gewertet werden. Denn wir befinden uns in Europa inmit­ten eines Umgestaltungsprozesses. Eine neue Mächtegruppierung geht an. Die während des Krieges geschlossene Front der ehemaligen Feind­bundmächte beginnt sich auffällig zu lockern. Eng­land steht heute schon in einem erheblichen Gegen­satz zu Frankreich, auf der anderen Seite beginnt eine umfassende Annäherung Großbritanniens an die Vereinigten Staaten.

Doch wird die gesamte europäische Politik am maßgebendsten beeinflußt durch den französisch­italienischen Gegensatz. Hier sind es weniger großpolitische Fragen, welche den französisch-italie­nischen Streit heraufbeschworen haben, ist es weniger die durch die sogenannten Friedensver­träge neugeschaffene internationale Lage der beiden Länder, sondern es handelt sich in der Hauptsache um die ureigensten Lebensfragen Italiens ebenso wie Frankreichs.

Aus den Reden Mussolinis wie Grandis haben wir die Zielsetzung der italienischen Politik kennen­gelernt. _ Sie konzentriert sich in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf das Mittelmeer. Italien muß Gelegenheit schaffen, infolge einer stetig wachsenden Bevölkerungsziffer, sein Menfchen- lchenmaterial unterzubringen, darüber hinaus auch seine Grenzen zu sichern und nicht zuletzt wirtschaft­liche Ausdehnungsmöglichkeiten zu erzielen. Und da beginnt schon der Kampf gegen Frankreich.

Es ist bekannt, daß auch Frankreich sein Auge auf das Mtttelmeer geworfen hat. E»- fürchtet einen Prestigeverlust und sucht deshalb jede anders Macht, die ebenfalls am Mittelmeer interessiert ist, zurückzudrängen. Um dieses Ziel zu erreichech, schließt es hinter dem Rücken Italiens unbedenklich Sonderverträge mit weiteren Staaten ab, die nun wieder dem Zweck dienen sollen, sich militärisch wie diplomatisch gegen alle Zukunftsmöglichkeiten zu rüsten.

Das ist für Italien Veranlassung gewesen, seine politische Front gegen Frankreich zu stellen. Und man muß sagen, es war nicht unklug dabei beraten Denn mit der Vertretung der eigenen nationalen Interessen hat es Italien verstanden, gleichzeitig seine Außenpolitik erfolgversprechend einzugliedern in die europäische Gelamtpolitik. Der beste Beweis dafür sind wohl die Reden des italienischen Außen­ministers Grandi gewesen. Denn er verwarf alle französischen Thesen und stellte eigene politische eliele auf. Damit lchuf er sich und der italienischen Politik zahlreiche Freunde bei den Staaten, die noch immer als die besiegten- Mächte angefeben werden, die die gleiche politische Linie haben, wie sch Grandi für Italien aufgezeigt bat. Es drebt sich bekanntlich darum, daß Frankreich zuerst auch heute noch trotz der Briand'schon Memorandum« von dem Pan-Europa Sicherheit verlangt, dann erst Schiedsgericht und Abrüstung. Wir Deutsche haben schon immer dagegen den Standpunkt ver­treten, dem sich jetzt auch Italien angeschlossen hat, daß wir eine Sicherung des europäischen Friedens Nur darin erblicken können, wenn die Staaten erst ab rüsten, sich dann die Schiedsgerichte anschließen und durch sie die eigentliche Sicherheit der Nationen garantiert ist.

. Dieses Ziel ist aber nur zu erreichen, wenn, wie selbst Mussolini wiederum mit Unterstützung »es deutschen Standpunktes erklärt hat, die verschieb

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König Carol II. — Vor den Reichstagskämpfen.

denen Friedensverträge einer Revision unterzogen roerben, weil auf keinen Fall die durch die Zwangs­diktate geschaffenen europäischen Zustände mit der dauernden Niederhaltung der sogenannten besieg­ten Mächte verewigt werden dürfen. Gerade diese Erklärungen des italienischen Duce gewinnen größte Bedeutung, weil durch sie für alle Welt klar zum Ausdruck gebracht worden ist, daß es Staaten gibt, die nicht in ihrem jetzigen Zustand bleiben können. Wir verkennen absolut nicht, daß auch Italien bet seiner politischen Einstellung zuerst nur an sich denkt, und dann vielleicht an seine Bundesgenos­sen, vor allem an Ungarn. Aber wenn schon ein­mal eine Revision eines Friedensvertrages vorge- nommen wird, dann wird zwangsläufig auch die Revision der anderen Zwangsdiktate folgen müssen.

Wir werden in der deutschen Außenpolitik diese Entwicklung mit der größten Aufmerksamkeit zu beachten haben, werden auch lernen müssen, eine andere außenpolitische Sprache zu sprechen, zumal wenn wir uns überlegen, wie oft wir schon bei Verträgen — denken wir an Locarno — durch ge­rissene französische Politiker und Diplomaten herem- qelegt worden sind. Nicht zu vergessen die letzten Vorgänge anläßlich der Räumung der dritten Zone her besetzten Gebiete, wo trotz aller Zusiche­rung Frankreich es fertig gebracht hat, daß die Luftschiffhallen versteigert und zerstört wurden. Solange mir mit derartigen französischen Machen­schaften zu rechnen haben, tun wir wirklich gut daran, mit allergrößter Vorsicht die Briand'schen Versprechungen aufzunehmen und seinen Zielset­zungen zu begegnen.

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Der Nenhöfener Zwischenfall hat zu einem um­fangreichen Notenwechsel zwischen Deutschland und Polen geführt. Es fällt einem in der Tat schwer, über die polnische Note mit ihren Auslegungs- tünften kein» Satire zu schreiben. Dabei muß doch Polen zugeben, daß auf seine Grenzbeamte die alleinige Schuld an dem Zwischenfall fällt, daß polnische Beamte die deutsche Grenze überschritten und das Blutvergießen verursacht haben. Natür­lich spielen hier die Spionageabsichten beider Län­der eine gewisse Rolle. Ader man wird es uns zugestehen müssen, daß wir mit vollem Recht be­sorgt sind um das Schicksal unserer Ostprovinzen, da Polen keinen Tag und keine Stunde vorüber­gehen läßt, wo es nicht mit irgendwelchen Schikanen gegen Deutschland arbeitet und den Frieden stört. Es werden sich jetzt die ordentlichen Gerichte auch noch mit dem Zwischenfall zu beschäftigen haben, da der angebliche deutsche Spion Fude, der aber absolut kein deutscher Spion war, sondern der rich­tige Tnp des unterdrückten Deutschjen in Polen, wegen Landesverrats unter Anklage gestellt wurde.

Im übrigen zeigen diese wiederholten Zwischen­fälle, daß schien noch keineswegs die ehrliche Ab­sicht hat, - einer friedlichen Verständigung mit Deutschland zu gelangen. Es ist von einem Größen­wahn befallen, "der immer zu politischen Fehlern führen muß, weil es sich des besonderen Schutzes Frankreichs erfreut und es ihm deshalb gleichgültig ist, ob die ihm benachbarten Staaten sich gegen die polnische Politik auflehnen oder nicht.

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Die größte Ueberraschung in der Außenpolitik bedeutet wohl die Rückkehr Carols nach Rumänien. Wer allerdings die rumänischen Verhältnisse in der letzten Zeit aufmerksamer studierte, konnte ahnen, daß sich bald etwas ereignen mußte. Denn schon immer stand die Nationale Bauernpartei, die im November 1928 unter Führung von Maniu ans Ruder kam, auf Seiten des legitimen Kronerben Carol. Vorübergehend war es ja den Liberalen gelungen, ihn zu einem Verzicht auf den Königs­thron zu zwingen, zurückzuführen auf das Be­treiben der Königinwitwe Maria.

Die plötzliche Rückkehr Carols, der Jubel, mit dem er empfangen wurde, lassen nicht nur auf einen Umschwung der Stimmung im rumänischen Volke schließen, sondern auch auf eine sorgfältige Vorbereitung. Jetzt ist Carol ein volkstümlicher König geworden, dessen politische Taten abzu­warten sind. An der rumänischen Außenpolitik wird sich allerdings wenig ändern. Carol ist ein

besonderer Freund Frankreichs und Rumänien ge­hört zur Kleinen Entente. Wir haben um des­willen an der zukünftigen Entwicklung Rumäniens ein großes außenpolitisches Interesse, weil dort die Minderheitenfrage mit an erster Stelle steht. Rund achtmalhunderttausend Deutsche leben in Rumänien und über ein Drittel der Bevölkerung ist mit Ein­schluß der Deutschen fremder Nationalität.

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In der deutschen Innenpolitik stehen wir am Vorabend schwerer parlamentarischer Kämpfe um das Deckungs- und Sanierungsprogramm des Reichskabinetts, das jetzt schon in der Oeffent- lichkeit heftig umstritten ist. Viel Zeit bleibt dem Reichstag nach seinem Zusammentritt am 16. Juni nicht mehr übrig für seine Beratungen über die geplanten Regierungsmaßnahmen. Denn zum 1. Juli soll alles unter Dach und Fach gebracht wer­den. Wir halten das für dringend notwendig, weil wir uns von einer Verlängerung des Notetats, der nm 30. Juni abläuft, nichts versprechen können.

So steht dem Reichstag eine arbeitsreiche Som­mertagung bevor. Er muß den Etat, die Dek- kungsvorlagen, die Sanierung der Arbeitslosenver­sicherung und noch verschiedene andere nebensäch­liche, aber doch auch wichtige Gesetzesvorlagen ver­abschieden. Er hat Beschlüsse von äußerster Trag­weite zu treffen, nicht nur für die Finanzen, be­sonders für die Wirtschaft und aber auch für die­jenigen Volkskreise, welche von den bekannten Re- oierungsmaßnahmen am meisten betroffen werden. Es wird hart auf hart im Reichstag gehen. Aber schließlich wird' sich die Regierung durchzusetzen vermögen, weil keine andere Partei andere gang­bare Wege bislang aufzuweisen vermochte, wie wir der Schwierigkeiten Herr werden sollen, wie eine Gesundung der Finanzen ermöglicht und ein aus­geglichener Etat verabschiedet werden kann. Und eins steht fest: dieser Reichstag fürchtet ganz be­stimmt Neuwahlen. Deshalb wird man letzten Endes lieber die eine oder andere bittere Pille schlucken, und damit der Regierung die Gelegenheit geben, nach Verabschiedung dieser Gesetze sofort mit den Vorarbeiten für das große Finanz- und Wirt- schaftsrsformwerk zu beginnen.

Furchtbare Tat.

Fünf Opfer einer grausigen Familientragödie.

rotb. Prenzlau, 14. Juni. (Eig. Meld.) Der 33 Jahre alte Arbeiter Otto Schmidt ermordete in der vergangenen Nacht seine 32 Jahre alte Ehe­frau, die 9 jcihrige und die 4 j äh ri g e T o ch- ter und den zweijährigen Sohn, indem er ihnen mit einem Taschenmesser den Hals bis auf die Wirbelsäule durch­schnitt. Den 13 Jahre alten Sohn, der vom Schreien der Mutter aufgewacht war, gelang es, dem Vater, der ihn bis auf die Straße verfolgte, zu entkommen. Hierauf versuchte Schmidt sich zu erhängen. Als ihm dies nicht gelang, schnitt er sich mit dem Messer ebenfalls d i e Kehle durch. Man sand die Leichen, teils in den Betten, teils auf dem Fußboden in großen Blutlachen auf. Das Motiv der Tat ist Eifersucht.

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rotb. München, 14. Juni. (Eig. Meld.) Der Werkmeister Ziegler erschoß in der vergange­nen Nacht in feiner Wohnung feine Ehefrau und feine zwei Söhne und tötete sich bann selbst durch einen Schuß. Die Ursache der Tat ist noch unbekannt.

Römischer Dries.

Von unserem römischen Mitarbeiter:

Der Juni wird wieder einmal ein besonders festlicher Monat für das vatikanische und kirchliche Rom. Der Pfingsttag brachte schon die feierliche Seligsprechung der ehrwürdigen Paola Frassinetti, die Gründerin des Dorotheen-Instituts. Der Chor raum bis zum ersten Ouerschiff war prächtig illu­miniert, während die zahllosen, im ganzen Dom angebrachten elektrischen Kerzen-Kronen schon die Vorbereitung für die vollständige Illumination aus Anlaß der späteren Heiligsprechungen ankün­den.

Ergreifend war es wie immer, als die Hülle vorn leuchtenden Transparent über der Kathedra, das das verklärte Bild der Seligen zeigt, in ent«

MJWWH II II

420000 Mark für einen WsmNePMch

Der brrühmke Wandteppich von Tonrnay aus dem 15. Jahrhundert, der eine Gerichtsszene darstellt, wurde die Sensation der großen Versteigerung der Figdor-Sammlung in Wien. Er ging für 420 000 Mark an ein Kopenhagener Museum.

Die kleine Eva.

13] Roman von C. Frajer-Simson.

Berechtigte Uebersetzung von H. Steiniger.

Deutscher Recht beim Verlag Georg Müller in München.

Das Licht wagte sie nicht anzudrehen. Langsam kühlte sie sich bis zur Tür vor. Sie war noch immer verschlossen.

Jetzt kam der schwierigste Teil ihrer Unternehmung, vorsichtig ein Anstößen an den Möbeln vermeidend schob sie sich durch das Zimmer bis zur Tür, die ins Speisezimmer führte. Sie rechnete darauf, daß Crea- Wt nicht auf diesem Weg zurückkehren, sondern die chswpttreppe benutzen würde, die unmittelbar bis vor l«ne Korridortür ging. Im Vorbeigehen mochte er dann

Tür des Wohnzimmers wieder auffchließen. Ge- rade hatte sie das Speisezimmer verlassen und die Hin- trepp« betreten, als sie zu chrem Entsetzen jemand k^raufkommen hörte. Das konnte nur Creason sein.

Eine halbe Minute lang waren ihre Füße vor Angst ?,'c an den Boden gefesselt, und die Versäumnis dieser Nalbea Minute machte ein Entkommen unmöglich. Er Zkste nicht entdecken, daß sie vor ihm floh. Fand er ue aber in dieser Kleidung hier, so war sie verloren. Er ^'tzte ja dann auf den Verdacht kommen, daß sie die -ffpiere besaß und konnte sie ihr einfach wegnehmen, «emand hätte ihre Hilferufe vernommen, denn die '"Schaft schlief weit entfernt im Nebenflügel.

2Hr« Hand suchte das Treppengeländer, um sich auf- zu halten. Dabei griff sie in etwas weiches, wol- ’?cs In diesem Augenblick hielt Creason an, um ein Zündholz anzustreichen, und in dem unsichern Licht, das

8U >hr drang, erblickte Eva eine Wolldecke, die offen» r von einem der Dienstmädchen hier vergessen wor- & n ®ar; In der nächsten Sekunde hatte sie die Decke y rabg«risi«n und sich vom Kopf bis zum Fuß hinein- otyUllf.

.. ®>e stand nun auf der untersten Stufe des weiter Ehrenden Treppenstücks. Unmöglich schien es a?' baß Creason sie nicht entdeckte. Vorausgesetzt, ber nicht wieder ein Streichholz anzündete. Dann es fein, daß er links an ihr oorüberging und,

ohne sie zu bemerken, ins Speisezimmer trat. Als er aber den Treppenabsatz erreicht hatte, wurde die Span­nung zu unerträglich für Eva. Sie wankte, suchte an der Wand nach irgend einem Halt und verwickelte sich dabei mit dem Fuß in die Decke. Wild griff sie mit der Hand umher, faßte den Schalter der elektrischen Be­leuchtung, gewann Halt, aber drehte dabei das Licht an.

Mit einem Schrei fuhr Creason zurück. Auf seinem Gesicht malte sich das äußerste Erstaunen. So standen sie sich einen Atemzug lang schweigend gegenüber und blinzelten sich an, von der plötzlichen Lichtflut geblen­det. Eva war die erste, die ihre Besinnung wiederfand. Sie hatte vor Creason den Vorteil voraus, daß sie von seiner Anwesenheit wußte, während er völlig überrascht worden war. Da sie fürchtete, daß ihre seltsame Klei­dung unter der Decke zum Vorschein käme, zog sie sie dichter um sich, setzte sich auf die Treppenstufen und rief:

„Sie, Herr Creason! Was für eine Erlösung! Ich dachte, es wär ein Einbrecher."

Creason konnte sich augenscheinlich keinen Reim auf die Sache machen. Er wußte nicht, daß das Licht nur durch ein Versehen an gedreht worden war, und dieser Umstand rettete vielleicht Eva.

„Ich teile Ihre Gefühle, gnädige Frau", sagte er. „Ich gesteh«, daß Sie mich erschreckt haben und daß ich erleichtert bin, nur Sie vor mir zu sehen. Aber sagen Sie mir, bitte: bringen Sie gewöhnlich die Nacht auf der Treppe zu?"

Die Frage und der Ton, in dem fie gestellt wurde, waren unverschämt. Dazu kam noch, daß er Eva mit einer unverhüllten Bewunderung betrachtete, die sie ver­letzte.

„Ich hörte ein Geräusch," antwortete sie kühl, „und kam herab, um zu sehen, was es gäbe. Sie sind wohl aus dem gleichen Grund da?"

Leichter konnte sie ihm die Erklärung nicht gut machen.

Sie fragte sich, ob sie nicht schon zu deullich gewor­den war. Aber er nahm bereitwillig das Stichwort auf.

„So ist es", sagte er. „Auch ich glaubte etwa vor einer halben Stunde ein Geräusch zu hören und kam herunter, um nachzusehen."

„Bann kann ich also, Gott fei Dank, wieder zu Bett gehen. Mich stiert.*

I „In dieser Hinsicht bin ich im Vorteil", versetzte Creason. „Sie sehen, ich habe mich gleich ganz ange­zogen, weil ich mich so belfer allen Ereignissen gewach­sen glaubte. Während Sie, gnädige Frau, nur eine Decke umnahmen. Wirklich eine merkwürdige Kleidung. Die Ihnen aber so gut steht, daß Sie zweifellos mit dem Einbrecher fertig geworden wären."

Die gezwungene Galanterie in feinen Worten war Eva widerwärtig. Dieser Mensch verstand es doch im­mer, seinen Mangel an wirklicher Bildung zu unter­streichen. Vielleicht lag das nur an der Wahl feiner Ausdrücke. Sie fühlte feine Blicke auf sich ruhen und fragte sich, ob er wohl, als sie das Licht andrehte, etwas von ihrer Kleidung bemerkt haben könne. Mittlerweile war es ihr gelungen, die Aermel des Sweaters über ihre Ellenbogen zurückzuschieben. Mit den nackten Ar­men hielt sie die Decke fest über dem Hals zusammen.

„Ich konnte mein Morgenkleid nicht gleich finden", sagte sie ein wenig zaghaft.

Sie fühlte, daß eine Wolldecke wohl das letzte war, dessen man sich bei einer solchen Unternehmung bediente. Dann fuhr sie fort in der Hoffnung, ihm den Eindruck zu machen, daß sie eben erst auf dem Schauplatz erschie­nen sei: „Nun, da Sie da sind, brauche ich mich ja unten nicht weiter umzusehen."

„O, Sie waren noch gar nicht unten?", fragte er und sah sie durchdringend an.

„Aber nein", log sie. „Ich wollte gerade hinunter, als ich Sie die Treppe heraufkommen hörte."

„Wirklich!", war alles, was er antwortete.

Eva fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Und plötzlich war sie am Ende ihrer Kräfte und wußte, daß sie dieses Verhör nicht mehr länger aushalten könnte.

„Dann will ich also wieder zu Bett gehen", sagte sie. „Wenn ein Einbrecher da ist, werden Sie sicher mit ihm fertig werden."

Sie sprang auf die Füße, drehte das Licht ab und lief die Treppe hinauf.

„Was soll denn das heißen, daß Sies plötzlich dun­kel machen?!" rief er ihr nach. Bei dem Zustand ihrer Nerven war es ihr gleich, ob er auch den Zweck erra­ten haben mochte. Es wäre ihr unmöglich gewesen, unter feinen Blicken in der Decke die Treppe herauf­zusteigen.

Aber sie zwang sich doch $u einer Antwort.

„Entschuldigen Sie vielmals", rief sie zurück. „Im Speisezimmer finden Sie den Schalter gleich links neben der Bür."

Dann wartete sie nicht mehr, rannte die Treppe her­aus und durch den Korridor in ihr Schlafzimmer. Hier roars ihr, als wär sie int Himmel. Aber nun setzte auch die Reaktion ein. Ihr Mut verließ fie, und sie fiel in einen Stuhl, zitternd vor Kälte und Angst.

Das Feuer im Kamin brannte noch, und fie raffte sich auf, um Holz und Kohlen nachzulegen. Bis sie ihre feuchten Kleider ausgezogen und sich in einen wärmen­den Morgenrock gehüllt hatte, stand es in voller Glut. Sie zog sich einen Lehnstuhl vor den Kamin und genoß die ausstrckhlende Hitze.

Als sie endlich durch und durch warm geworden war, vertauschte sie den Lehnstuhl mit dem Bett. Die kost­baren Papiere unter ihrem Kopfkissen, verfiel sie sofort in den Schlaf äußerster Erschöpfung.

9. Kapitel.

Der Eintritt Sonetts mit dem Morgentee weckte Eva auf. Sie fühlte sich erfrischt und merkwürdig wenig ermüdet durch die Anstrengungen der vergangenen Nacht.

Sobald Janet sie verlassen hatte, stand sie auf und holte ihre kur.ze Lederjacke und ihren Arbeitskorb. Mit beiden kehrte sie ins Bett zurück. Dann trennte sie sorg- fällig das Wollfutter der Jacke auf, schob die Papiere hinein und nähte es wieder zu, so daß auch nicht das Geringste zu bemerken mar.

Der übliche Dersteckplatz, dachte sie während der Ar­beit. Seit das Futter erfunden worden war, hatte man es für solche Zwecke benutzt. Jedenfalls deshalb, weil es dort am sichersten war, wenn man etwas an sich ver­bergen wollte. Nachdem es Jahrhunderte so gemacht worden war, warum sollte sie etwas Neues ausfindig zu machen versuchen? Diese Jacke trug sie in Schott­land beständig außer dem Haus und auch oft genug im Hau?. Sie erinnerte sich mit Befriedigung, daß sie sie auch bei der Ankunft Creasons angehabt hatte. Es konnte ihm also durchaus nicht auffallen, wenn fie sie auch jetzt den ganzen Tag trug. Die Steifheit des Se­hers verbarg aufs beste die Steifheit und das Knistern

■ der Papiere. v -

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