57. Zahrg
Freitag, 13. Juni 1930
M. 135
Vor -en Entscheidungen -es Reichstags
ziel im
Der
und des Reiches stets das große Reform Auge behalten.
Iunggesellensteuer.
An der Berliner Börse war am Mittwoch das Gerücht verbreitet, Finanzminister Dr. Moldenhauer sei zurückgetreten. Wie auf Nachftage an amtlicher Stelle erklärt wird, entbehrt das Gerücht jeder Grundlage. Es war wohl entstanden, weil die hinter Moldenhauer stehende Deutsche Vulkspartei nicht gerade begeistert für die Moldenhauerschen Steuerpläne ist. Bekanntlich gestattete sich die Deutsche Volkspartei bis vor'kurzem zu erklären, sie würde für einen Abbau der Steuern sorgen.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „£ie Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift. :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
in sogenannten Leibesübungen überbietet und für Besinnlichkeit keine Zeit mehr übrig bleibt. Ist es nicht heute schon soweit gekommen, daß der Sonntag und sämtliche Feiertage nur noch für sportliche Dinge in Betracht kommen, während die Theater leer stehen, von Museen oder gar Kirchen ganz zu schweigen? Auch der Staat und die Gemeinden müßten sich dieser Dinge annehmen, denn sie sind ja schließlich dazu da, das Volk zu führen und es nicht einfach treiben zu lassen.
Am den Roggen-Preis.
wtb. Berlin, 12. Juni. tCig. Meld.) Es find Meldungen verbreitet worden, wonach die Reichs- regierung beschlossen haben soll, für Roggen neuer Ernte keine E i n f u h r s ch e i n c zu erteilen. Eine derartige Entscheidung liegt nicht vor. Die Reichsregierung wird vielmehr alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel anwenden, um auch dem Preis für Roggen neuer Ernte die notwendige Stütze zu geben.
Die Befreiung Lehls.
wtb. Kehl, 12. Juni. (Eig. Meld.) Heute fiül um 6.30 Uhr haben weitere 2 Offiziere und 7C Unteroffiziere und Mannschaften des französischen Infanterie-Regiments 170 Kehl verlassen und sich nach ihrer neuen Garnison Remiremont (Vogesen) begeben. __
Verwaltung am Leben und Sicherheit, Ordnung und Wohlfahrt in Fluß und Zucht halten. Wer also Steuern zahlt, tut damit nur seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wobei man die Frage offen lassen darf, ob er sie freudig oder mit geballten Fäusten tun will. Auch das ist wieder eine Angelegenheit der Moral. Moralischem Empfinden dürfte es aber entsprechen, wenn derjenige am meisten Steuern zahlt, der nach Abzua eines ver- nünftigen und auch seinen Verhältnissen entsprechenden Lebensstandard am meisten übrig behält. Das ist, wenn man den Verheirateten und den Unverheirateten einander gegenüberstellt, zweifellos der Junggeselle. Wer das bestreitet, beweist damit nur, daß er eben nicht verheiratet und über die Kosten, und zwar die zwangsläufigen Kosten eines richtiggehenden Haushalts, nicht im Bilde ist. Gewiß mag mancher Junggeselle mehr ausgeben als der Familienvater mit dem gleichen Einkommen. Aber das beweist ja gerade, daß der Unverheiratete der Begütertere ist, denn sonst wäre er ja gezwungen, sparsamer zu leben. Es handelt sich also bei der Junggesellensteuer keineswegs um eine Strafe, sondern ganz einfach um die Erkenntnis des Staates, daß hier noch eine Steuerquelle fließt, die bei der Notlage de? Landes gewissenhaft erschlossen werden muß. Selbstverständlich muß es auch hierbei A b st u f u n g e n geben, und es ist anzunehmen, daß mindestens in den Ausführungsbestimmungen ein Härte-Paragraph erscheint, der dafür sorgt, daß nicht in einzelnen Fällen der Sinn des Gesetzes in sein Gegenteil verkehrt wird. Mancher Junggeselle ist durch die Sorgen und mindestens moralische Verpflichtungen seinen Angehörigen gegenüber stärker in Anspruch genommen, als dieser oder jener kinderlose Ehemann. Ueberhaupt
ist die Frage der Besteuerung der Kinderlosen ein Kapitel für sich, zumal dann, wenn, wie es in solchen Verhältnissen ja ganz natürlich ist, Mann und Frau gleichzeitig gewerbliches Einkommen haben. Vielleicht kommt ein gerissener Finanzminister auch auf diese Dinge noch einmal zurück. An sich zahl natürlich niemand gern Steuern, weil er sich instinktiv einbildet, er habe nichts davon. Aber gegenwärtig kann nur eine einzige Losung gelten, und die lautet: Land in Not!
en zu verdunkeln. Zum Lobe wirklich sport- '"ger Menschen, denen es auf Stählung des ers ankommt, der, wenn er gesund und stark em Geist umso bester dienen kann, darf gesagt en, daß sie jede Art von Berufssport als eine indigung und einen Widerspruch gegen den Achter körperlicher Betätigung und wirklicher 'Subungen empfindet. Aber sie dringen mit ' Auffassung nicht durch. Weil Schmeling die sten Muskeln hat, darum wird er wie ein Tier )er Urzeit bestaunt und die Ocffentlichkeit etr* auch der Behörden halten es für richtig, ihre *sn beiseite zu stellen und ihn oder an- Nutznießern ihrer Körperkraft Kompl'mente mache», ja, Ehrungen zu erweisen, wie sie kaum mis ein wirklicher Gestalter des Lebens, ein ?ser, erwarten darf.
Damit find wir sicherlich auf falschem Wege, ernen gesunden und kräftigen Körper besitzt, ""8 üch darüber freuen mib ihn auch stählen Zu noch größeren Leistungen fähig machen. >n weitesten Kreisen, auch der deutschen Bs- der Sport längst Selbstzweck ge- s. _ 'st aber nicht so, als ob geistig ge- der Sieg Schmelings über Sharkey, wenn -um zufällt, eine größere oder auch nur halb- ' ,D große Leistung darstellen könne, als wenn , Ein Gelehrter durch die Arbeit seines Ge- die Wege und Möglichkeiten der Dolks- layrt erforscht und die Ergebniste in einem ,. ?dkr auch nur in einer Broschüre der All- . "^>1 zur Verfügung stellt. Selbst dem c1 Forscher pflegen die Ehrungen erst auf gelegt zu werden. Der zufällig mit m; • Muskeln ausgestattete Boxer aber ein Held durch die Lande ziehen und ■ k Schmeling auch schon Neigungen hat gewissermaßen als Führer zur Le- sich betätigen.
hEißt die Begriffe auf den Kopf stellen. ,1 l t Begeisterung für einen verfehlten es mündigen Volkes nicht würdigen Sport
Junggeselle Dr. Heinrich Brüning, .zur Zeit Kanzler des Deutschen Reiches, bringt mit seinen Ministerkollegen, von denen z. B. der Reichsinnenminister Dr. Joseph Wirth ebenfalls unbeweibt ist, eine JunggeseUensteuer ein. Das ist eine Steuerform, über die man in den letzten Jahren, noch mehr aber vor dem Kriege wiederholt uttd ausgiebig diskutiert hat, an die aber, aboefehen von einigen kleineren Ländern, sich unseres Wissens bisher noch kein Staat herangewagt hat. Nur Mussolini hat auch auf diesem Gebiet mehr Mut aufgebracht, als mancher andere europäische Staatsmann. Nun, Reichskan,zler Dr. Brüning ist ebenso mutig und vielleicht noch mutiger, weil die neue Steuer ja auch ihn persönlich trifft. Daß sie nicht schon länger eingeführt ist, möchten wir auf einen Denkfehler zurückführen, der in deutschen Landen häufig vorkommt und auch jetzt prompt wieder aufoetaucht ist, indem z B. ein Berliner Weltblatt schleunigst die Ueberschrift hinausschrie: „Der Ledige wird bestraft!" Das zeugt nicht nur von schwachem Denken, sondern auch von schwacher Moral. Steuern sind keine Angelegenheiten der Prügelpädagogik, sondern sie sind die Mittel und Wege, die den Staat und damit die
Gesichtspunkten urteilen, sondern im Interesse des
Volkes " -------
Wie wir erfahren, wird die von der Reichs- regierung am 5. Juni begonnene Prüfung der vom Reichssinanzminister vorgelegten Ausgaben- senkungs- und Spargefetze vom Kabinett am Freitag beendet werden. Der Reichskanzler, der die Pfingstfeiertage in Süddeutschland verbrachte, wird alsdann wieder in Berlin sein.
Slegerwald spricht!
Auf einer Tagung des großen Vorstandes des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften in Düsseldorf .führte Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald u. a. aus:
Aus Verlautbarungen der letzten Tage gehr hervor, daß große Teile des deutschen Volkes immer noch nicht sehen, worum es gegenwärtig geht. Don der Markstabili- sierung bis Ende 1925 mußten zur Rettung und Festigung der neuen Währung drakonische Steuern erhoben werden, teilweise auf Kosten der Sub- stanz. Im Hochsommer 1925 wurden die Steuern um 21/2 Milliarden RM gesenkt. Gegenwärtig befinden wir uns in einer rückläufigen Weltpreisbewegung. Die deutsche Wirtschaft zahlt 1930 für die gleiche vom Ausland einaeführtr Rohstoffmenge über 1 Milliarde RAl^weniger als 1928. Was die Reichsregierung gegenwärtig vor- schlägt, ist kein endgültiges steuerliches und staatsorganisches Sanierungsprogramm. Dieses kommt erst im Herbst. Die gegenwärttge Aufgabe ist die unbedingte Sanierung des Reichshaushaltes und der Arbeitslosenversicherung ohne Steuern, die die Kapitalflucht begünstigen, die die Pwbuktion ver- steuern und preisverteuernd wirken.
Den Schiedsspruch für Nordwest habe ich für verbindlich - erklärt, weil der Manteltarif von einem Teil der Gewerkschaften unbegreifticherweise zu unrechten Zeiten gekündigt worden ist, weil der Schiedsspruch an den Tariflöhnen nicht rüttelt, weil in einer Zeit, in der wirtschaftliche Stabilität das Gebot der Stunde ist, in einer der wichtigsten Rohstoffindustrien ein tarifloser Zustand und damit die Gefahr örtlicher und unübersehbarer Kämpfe im Interesse des Staatsganzrn verhindert werden mußte, weil die Unternehmer sich verpflichteten, über die Kürzung der Akkordlohnsätze hinaus eine Senkung der Eisenpreise vvrzunehmen und sich nur eigens die Kontrolle über das tatsächliche Ausmaß der Eisenpreissenkung durch Wirtschaftssachverständige Vorbehalten habe.
Wenn im Anschluß an die Erledigung des Houng-Planes Staat und Wirtschaft in Ordnung gebracht werden sollen, dann müssen alle Opfer bringen. Einer einseitigen Belastung der Arbeiter mußte und würde ich mich auf das allere nachdrücklichste widersetzen.
das Vertrauen im Volke stärken, wenn es auch nicht immer leicht fallen wird. Wir wollen ferner in der Wirtschaft die Hoffnung wecken, daß, wenn sie selbst zielbewußt an der Ueberwindung der Krise mitarbeitet, auch für sie die fühlbare Entlastung und damit gleichzeittg eine fühlbare Förderung kommt. Dann wird mich die Arbeitslosigkeit gemildert werden können.
Damit kommen wir gleich zum Kernproblem der augenblicklichen Diskussion über die Regie- rungsmaßnahmen, dem Notopfer. Das ist wohl die unpopulärste Maßnahme, zu det sich das Kabinett entschlossen hat. Es wird aller sachlichen Aufklärung bedürfen, um die Kreise davon zu überzeugen, daß die Maßnahme vorübergehend notwendig ist, welche durch sie am härtesten betroffen werden. Heute schon appellieren wir an das Reichskabinett, daß es sich in Anbettacht des von ihm von den Beamten und Angestellten geforderten großen Opfers von vornherein dazu entschließt, das Notopfer unbedingt zu befristen. Denn auch wir hegen die Hoffnung, daß die anderen Regierungsmaßnahmen zu einer allgemeinen Preissenkung führen, sodaß die Wirtschaftslage in den kommenden Monaten bis zum Ablauf der Fristzett so gebessert ist, daß diese unpopulären Maßnahmen wieder beseitigt werden können.
Außerdem erwarten wir eine rücksichtslose Sparpolitik im Reich, den Ländern und den Gemeinden. Unsere gesamte Finanzpolittk muß entschieden umgeformt werden. Sonst ist es nicht möglich, die Politik des Kabinetts auf die Dauer zu unterstützen und vor allem ist es unmöglich, von Vertrauen zu sprechen, wenn die öffentliche Hand nicht mit bestem Beispiel vorangeht bei der Sanierung und der Finanzreform. Wie sich der Reichstag entscheiden wird, ist noch völlig offen. Ebenso offen ist die Frage, wie und welche Mehrheit sich die Regierung erkämpfen kann. Wir hoffen nur, daß alle Parteien nicht nach kleinen
nur eine Seuche, die gegenwärtig durch Vie Länder geht und wieder verschwindet, wenn die Völker in ruhige und geregelte Lebensbedingungen sich zurückfinden. Das bleibt unsere Hoffnung. Es kann keinem Vaterlandsfveund gleichgültig fein, wenn in immer steigendem Maße sportliche Interessen in der Verstiegenheit, wie wir sie hier gekennzeichnet haben, an die Stelle geistiger Neigungen treten. Es kann letzten Endes auch nicht gesund sein, wenn allmählich das ganze Volk sich
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Als Schmeling vor einer Reihe von Jahren in Amerika einen spanischen Gegner niederboxte und schon damals fein Ruhm, was man heute so darunter versteht, hoch empor stieg, wurde in manchen Blättern nicht nur ausführlich, sondern auch mit dem Unterton eines stolzen Wohlbehagens vermerkt, daß der Unterlegene schließlich nur noch eine blutige »tafle gewesen fei. Noch heute bedeutet im privaten Leben ein solcher Erfolg, sei es eines Kampfes, fei es eines Unglücksfalles, etwas Rohes, Gemeines und Grausiges. In diesem Boxsport kann der S»ger sich damit unsterblichen Lorbeer holen «cbmeling hat am Dienstag nach dem Trainieren kurze Ansprache an die Zuschauer gehalten in meßendem Englisch, wie rühmend hervorgehoben ^ird, und sich darin als aufrechten Sportsmann «Snchnet. Und von dem Kampf, der ihm bevor- Uand, meinte er: der beste Mann müsse als Sieger «raus hervorgehen. Der beste Mann! Was für ^dere Begriffe verband man doch früher mit sol- AUt Ehrentitel. Die übertriebene und kritiklose •pottbegeifterung beginnt auch in Deutschland die trne zu verwirren und die Vorstel-
Geist oder Muskeln?
Es war immer eine der frühesten Lehren, die ein deutsches Kind in der Schule aufnahm, daß wir düsDolkderDenker und Dichter seien. Das bedeutet etwas Geistiges. Schon der Schulbube daä'te, wenn er es hörte, an Gelehrte, an Profes- foren, an Dichter, an Universitäten und Piblio- cheken. Wenn er heranwuchs, war es eine Selbstverständlichkeit, daß schon der Tertianer sich über ben Faust und andere Bücher hermachte, die seinem noch halbkindlichen Horizont zwar noch nicht ganz erreichbar waren, die in ihm aber doch eine Ahnung pom deutschen Wesen erweckten, das er eben durchaus nicht im Körperhaften und selbst um die Zeit brr Hochblüte militärischen Denkens nicht in bewaffneten Heldentaten erblickte, sondern eben in her Herrschaft des Geistes über das Materielle. Es ist der Geist, der sich den Körper baut — das war uns eine Lelbstv er ft and lichte Losung und selbst, als das Fußballspiel anfing, Einzelne in feinen Bann zu ziehen, wäre es doch auch für diese eine Schande gewesen, nun etwa in der Kenntnis Schillers und Goethes hinter anderen zurückzustehen.
Seitdem hat sich Einiges geändert. Wenn diese Zeilen in die Rotationsmafchine komwoft, kämpft in New Port der Berliner Boxer Max Schmeling mit feinem amerikanischen Gegner um die Weltmeisterschaft. Wenn man den Zeitungen glauben darf, und man darf es sicher, sind nicht nur gewisse Kreise, sondern tatsächlich jo ziemlich alle Menschen in New Park schon jetzt einfach aus dem Häuschen, lieber den neben dem eigentlichen Wettkampf einhergehenden Wettsport wollen wir nicht viel Worte machen . Er ist in Amerika üblich und mancher hofft dabei ein Stück Geld nebenbei zu verdienen. Aber daß diese Boxer- Seronftattimg mindestens, wie schon jetzt feststeht, 2% Millionen Mark an Eintrittsgeldern bringen wird, daß es Zuschauerplätze gibt, die 25 Dollar kosten, also 100 Mark, und die von Schiebern zum dreifachen Satze vertrieben werden, daß man desweiteren genötigt ist, 400 Plätze für Pressevertreter, und zwar, wie ausdrücklich gemeldet wird, aus der ganzen Welt, freizuhalten, das sind Nebenerscheinungen, die zum Nachdenken nötigen. Wir gönnen, ja. wir wünschen, nachdem es nun einmal so weit ist, dem deutschen Max Schmeling gern den Sieg über seinen amerikanischen Partner Sharkey. Wenn ichon die beiden sich gegenüberstehen, weshalb sollen wir nicht dem Deutschen den Daumen halten, aber daß es soweit kommen kann, das ist kulturell betrachtet sehr traurig.
Die Mobttisierungsanleihe.
Die Meldung über dcn erfolgten Abschluß de Mobilisierungsanleihe, die auf den Bericht bei deutschen Derhandlungsteilnehmer vom Reichsfinanzminister unterzeichnet worden ist, wird von Berliner unterrichteten Kreisen durchaus b e - grüßt. Gegenüber der 1924 abgeschlossenen Dawes-Anleihe bietet die Mobilifierungsanleihe erheblich günstigere Bedingungen. Die Verzinsung beträgt 5J4 Prozent, während die Dawes-Anleihc mit 7 Prozent verzinst wurde. Der Emifsionskur- fteilt fstb, wie man in Berlin gerechnet hat, 85,6 Prozent. Die Meldungen der Berliner Presse, btt von einem Emissionskurs von 86 Prozent sprachen, dürften ungefähr das richtige getroffen haben. Sämtliche Tranchen der Anleihe werden im Gegensatz zu der Dawe-Anleihe zu pari zurückgezahlt Vom Jahr 1935 an ist die deutsche Regierung in bei Lage, die Tilgung der Anleihe zu leisten.
Aus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben:
Die Sommertagung des Reichstags wird in diesem Jahre mit aller Bestimmtheit große politische Hitzewellen bringen. Nach allem, was man bis heute gelesen und gehört hat, nach der Kritik, dir man über das Demtngsprogramm des Reichskabinetts hörte, wird es ohne harte Kämpfe nicht abgehen. Wenn diese Kämpfe dazu führen würden, daß die Parteien sich allen Ernstes darüber klar werden, was unsere heutige Lage erforderr, dann könnten sie nur Gutes schaffen. Doch jetzt schon setzt jene unerquickliche Diskussion ein, die einer Agitations- und Jnteressenpolittk entspringt.
Es wird zu leicht vergessen, wo wir heute stehen, welche Gefahren uns für den kommenden Herbst drohen, wenn nicht fest zugepackt wird, wenn es nicht gelingt, in den nächsten vier Wochen zu einer praktischen Lösung der dringendsten Probleme zu fomnten. Wohl kein Reichskabinett befand sich jemals in r'nem schlimmeren Kreuzfeuer der Parteien, als das Kabinett Brüning. Dieses Kabinett, welches gebildet wurde zu dem Zwecke, eine grundsätzliche Reformarbeir zu leisten, nach innen und nach außen, das die Finanzen in Ordnung bringen soll, ■ Arbeitsmöglichkeiten schaffen muß, die Wirtschaft zu entlasten und anzukurbeln hat, hat trotz aller da und dorr vernommenen Kritik bewiesen, daß es führen und durchgreifen will. Es arbeitet mit dem Parlament zusammen, zwingt das Parlament selbst auch zu Entscheidungen, läßt sich aber — und das ist das Erfreulichste — in keiner Weise von den Parteien in seiner Zielsetzung be» irren und abhalten. ,,
Ws das alte Kabinett Müller gestürzt würde, war für die Innenpolitik so gut wie garnichts vorbereitet in der Konsequenz nach der Annahme des Pvungplanes. Das Kabinett Brüning mußte sofort reformieren und die gesamte deutsche Jnnenpoli- ttk auf eine andere Basis stellen, weil ganz neue Aufgaben auftauchen, ganz andere Wege in der Zukunft zu gehen sind. Diese gewaltigen Aufgaben zu meistern, ist für das Kabinett Brüning umso schwerer, als unter den Parteien sowohl wie auch in der Oeffentlichkeit ein durch nichts begründeter Pessimismus herrscht, der zum Teil sogar noch absichtlich gefördert wird. Es gibt Kreise, die sich darin gefallen, alles in düster schwarzen Farben zu malen, die es darauf abgesehen haben, das nicht nur für die Regierung, sondern überhaupt für das gesamte politische Gestalten notwendige Vertrauen im Volke zu den Gesetzgebern zu erschüttern.
Reichskanzler Dr. Brüning hat zu wiederholten Malen mit der ihm eigenen Sachlichkeit und Gründlichkeit auf die Gefahr einer solchen Handlungsweise hingewiesen und vor Uebertteibungen gewarnt. Er war es, der offen und für alle verständlich, die Fehler aufzeigte, die in der Vergangenheit gemacht wurden, der aber auch an den Willen und das Wollen des deuffchen Volkes in all seinen Schichten appellierte, um eine möglichst große Front der verantwortungsbewußten Kräfte zu schaffen, ohne die auch nicht die kleinste Gesetzesaufgabe innerhalb des großen Reformwerkes erfüllt werden kann.
Die jetzige Regierung brachte den Mut auf, in aller Oeffentlichkeit unpopuläre Maßnahmen zu vertreten, damit eben eine völlige Umkehr in der Politik, Finanz- und Wirtschaftsgestaltung ermöglicht werden kann. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nur in den alten Bahnen wandeln, auf die! Zukunft hoffen, ohne selbst tatfräftig Hand anzulegen, wenn es gilt, aus eigenen Kräften zu bessern und zu reformieren. Die Politik und Wirtschaft muß nun einmal auf eine andere Grundlage gebracht werden, sonst gibt es keine Errettung und Besreiung aus dem Wirrwarr, aus der Misere der Verhältnisse.
Doch nun noch einmal zum Deckungsprogramm. Hier hatte die Regierung und hat sie noch die Aufgabe, das gwße Defizit von 750 Millionen RM zu decken. Viele Wege konnten eingeschlagen werden. Eine Reihe von Vorschlägen wurden dem Kabinett unterbrettet. Davon waren alle überzeugt, daß die augenblickliche Lage außergewöhn-- liche Maßnahmen erforderlich macht. Es ist undenkbar, daß wir, wie manche Politiker es hin- zustellen versuchen, warten können bis zum Herbst, um bann erst das Reformwerk zu beginnen. Nein, jetzt schon muß zugepackt werden, jetzt schon müssen alle Vorarbeiten geleistet werden, sonst stehen wir im Herbst vor einem Chaos, aus dem es wohl kaum mehr ein Entrinnen gibt.
Nur bei dieser Ueberlegung können wir die Maßnahmen des Kabinetts einigermaßen verstehen, wie sie in seinem Deckungsprogramm enthalten sind. Wir geben es unumwunden zu, daß wir sehr viel daran auszusetzen haben. Wenn erst das Parlament sich mtt den Reform- und Deckungsvorschlägen beschäftigt, wird darüber noch mehr zu sagen sein. Vorläufig halten totr es aber für unsere Pflicht, der Regierung die Gelegenheit zu geben, durch die Tat und die Praxis den Beweis zu erbringen, daß die augenblickliche Notzeit zu einem großen Teile mit ihren Maßnahmen überwunden werden kann. Wir wollen vor allem
Fuldaer Zeitung
t Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.