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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Ar. 132

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Sonntag, S. Juni 1930»

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57. Zahl«.

polMsche Wochenschau.

Die vergangene Woche hat, ohne äußerlich erschütternde Ereignisse zu bringen, in einigen Ländern doch Umwälzungen in Gang gebracht, deren Folgewirkungen noch nicht zu übersehen sind. Um Briands Pan-Euwpa-Entwurf ist es ziemlich still geworden. Vielleicht beraten die Völker darü­ber. Vielleicht aber auch haben sie ihn in Ge­danken zu den Akten gelegt. Es ist möglicher­weise für die Ingangsetzung einer solchen großen Idee doch noch zu früh. Deutschland, das schon seiner Lage nach einen Kernpunkt des Staaten­vereins ausmachen müßte, hat im Augenblick so schwere innere Sorgen, daß es keine Neigung verspürt, außenpolitischen Fernzielen nachzujagen. Auch eine goldene Zukunft bleibt ein Phantom, wenn die Völker wirtschaftlich so bedrängt sind, daß die Gegenwart sie zu ersticken droht. Was wird werden in Deutschland? In den Parteien steckt man die Köpfe zusammen und tuschelt über die Pläne des Kabinetts, die vielleicht rücksichts­los sein mögen, wenn man an diese oder jene lieb und altgewordene Gewohnheit denkt. Be­sinnt man sich aber auf das Ganze, so muß man sagen, daß einmal die scharfen Schnitte ja doch kommen müssen, wenn unser kranker Wirtschafts­körper wieder gesunden soll. Es ist sicher kein schlechtes Zeichen, daß man in weiteren Kreisen an den Gedanken eines Notopfers sich zu gewöhnen beginnt. Wer das Wort Notopser seinem echten Sinne Nach ersaßt, kann es im Ernst nicht ab- Ichnen. Die Beamtenwählerschaft der Zenttums- pattei hat daher sich mit dem Gedanken grund­sätzlich einverstanden erklärt, verlangt aber, und das ist selbstverständlich, ein Notopfer der Lei­stungsfähigen. Es wäre unerträglich, wenn man Abstufungen nach steuertechnischen Gesichtspunk­ten vornehmen und dabei das Soziale außer acht lassen wollte.

Das sind deutsche Sorgen. Im Ausland, tote gesagt, hat man andere. England hat sich, rote jetzt klar zutage tritt, in den letzten Jahren von Europa mehr und mehr distanziert, nachdem es in den Krieg eingegriffen, den Frieden aber nicht seinen Absichten gemäß hatte gestalten können. Einer seiner politischen Führer hat gegenüber Briands Paneuropahvffnungen das Wort geprägt: unser Herz schlägt außerhalb Europas. Und er fuhr fort, daß dies die für jeden Engländer, gleichgültig, zu welcher Partei er sich bekenne, stlbstverstäudliche Auffassung sei. Die größere Liebe gelte dem britischen weltweiten Imperium. Nicht Paneuropa sei englische Losung, sondern Pan-Britannica. Ob dieses unzweideutige Ab­rücken, hinter dem zweifellos Englands öffent­liche Meinung steht, für Briand oder wenigstens für Frankreich eine ernstliche Enttäuschung be­deutet, sei dahingestellt. Man hat immer mehr den Eindruck bekommen, daß Briand an seine Ideen selbst nicht mehr recht glaube, weil er sieht, daß er die Politik seines eigenen Landes doch nicht zielbewußt in die gewünschte Richtung steuern kann.

Auch das andere europäische oder halbeuro­päische Land, das im Zusammenhang mit den Paneuwpaplänen viel genannt wurde, erlebt eine Krise, die seine Aufmerksamkeit nicht mehr rest­los auf auswärtige Polittk konzentrieren läßt. In Rußland kämpft man um die Person des Diktators. Des großen Lenin Nachfolger Stalin war niemals ganz unumstritten. Aber mit einer ungeheuren Brutalität hat er sich durchzusetzen verstanden. Jetzt zeigt sich indessen, daß sein Sieg vielleicht nur äußerlich gewesen ist. Trotz­kis Parteigänger, die bislang mit allen Mitteln niedergehalten wurden, erheben sich wieder und man spricht davon, Stalin werde sich dazu be- rettfinden müssen, den Verbannten zurückzurufen und wieder in das Amt eines Volkskommissars emzusetzen. Das wäre für den Diktator, als ^n Stalin sich bisher aufgespielt hat, eine Der- demüttgung und ein Rückzug, die wahrscheinlich das Ende seiner politischen Laufbahn bedeuten würden. Selbst Lenins Witwe scheint auf der Seite der Stalingegner zu stehen. Was im Grunde .w Stellung Stalins erschüttert hat, ist bei der scharfen Zensur, unter der die russischen Zeittm-- Sen stehen, von Europa aus schwer zu erkennen. Sicherlich hat aber das Mißlingen des von Stalin veranlaßten Kollettivierungsprinzips in der Land­wirtschaft seinem Ansehen einen gewaltigen Stoß versetzt. Selbstverständlich wäre es töricht, von vem Sturze Stalins einen Zusammenbruch der Kstteherrschast und der kommunistischen Wirtschaft uoeryaupt zu erwarten. Es wird vermutlich noch ganzen Reihe schwerer Mißerfolge der Räte- pvuttk bedürfen, bis die Bevölkerung Rußlands nd hauptsächlich seiner Großstädte so weit ist, sie gegen das System selbst Sturm läuft, e- Brixen, in Südtiwl, hat sich unter großen Lr^uchkeiten die Inthronisation des neuen Fürst- k Ttt- Johannes Geisler vollzogen. Deutsch-

hat sich darüber gefreut, daß ein Deutscher, Tiroler zum Oberhirten der Diözese erkoren wurde. Trotzdem stimmt es bitter, wenn man - f, rote bei den Feierlichkeiten der deutsche ^woler Dr. Joh. Geisler genötigt war, feine ♦rft EJUetft in italienischer Sprache zu halten und rf,,, °Gnn in seiner Muttersprache seine Lands- le ansprechen durste. Das Unrecht von Süd- tii». die Vergewaltigung deutschen Volks-

L. 'ann durch keinen Vorgang so scharf illu- werden wie durch diesen. Der Jnthronisa- wohnten anscheinend als einzige soge- U ; Ausländer des Fürstbischofs Eltern bei, dani^ Aordtirol leben. Was für wehmütige (Se­nk « "sögen die alten Leute beschlichen haben, »fcj'12 litten Sohn, zu höchsten Ehren erhoben, |gi ungen sahen, in einer fremden Sprache zu E» n zu reden, in einer Stunde, in der ihm und jm- ^'nen Landsleuten das Herz so voll war, daß > nie MuttLrivracbe den wirklichen Gefühlen

hätte Ausdruck verleihen können. Aber die Politik will, daß Südtirol italienisch werde. Ob der Außenminister Grandi, der in letzter Zeit so scharf zu kritisieren versteht, und ob Arnaldo Mussolini, der Bruder des Duce, der die Revision verschie­dener Friedensdittatc vorgeschlagen hat, in dem Augenblick, da sie von den kirchlichen Feierlich­keiten in Brixen lasen, auch an die Gerechtigkeit int Zusammenhang mit dem Schicksal Südtirols gedacht haben? Wir glauben es nicht.

Staat werde hart.

Die in bedrohlicher Weise zunehmenden Zu­sammenstöße zwischen Kampsorganisationen radi­kaler politischer Parteien haben dem preußischen Iustizminister Veranlassung gegeben, durch eine besondere Verfügung die Justizbehörden ein­dringlich daraus hinzuweisen, daß der Schutz der Allgemeinheit und das Äaatstnteresse eine un­verzügliche und der Gemeingefährlichkeit ent­sprechende Ahndung solcher Strafen er­fordern. Die Staatsanwaltschaft habe sich mit größtem Nachdruck und mit allen Mitteln dafür einzusetzen, daß bis zur Aburteilung derartiger Straftaten nicht mehrere Monate vergehen. Werde alles getan, was der Beschleunigung dient, so müsse

die Anklage wenigstens gegen die Hauptbeteilig­ten regelmäßig nach einigen Tagen erhoben wer­den können. Unter allen Umständen müsse auf die Anberaumung eines rnöglich ft na­hen Hauptverhandlungstermins hin- gewirkt werden. In der Hauptoerhandlung fei mit größtem Nachdruck eine der Tat angemessene Sühne zu beantragen; demnächst sei die erkannte Strafe mit Entschiedenheit zur Vollstreckung zu bringen.

Der Iustizminister ^ersucht die Dorstandsbeam­ten der Gerichte und Staatsanwaltschaften, inner­halb ihres Geischästsbereichs diesen Sachen fortlau­fend ihr besonder es Augenmerk zuzuwen- den.

Eine Folge des bayerischen Uniformvsrbotes.

Die Landesleitung des bayerischenStahl- Helms gibt nach Blättermeldungen aus München bekannt, daß die für den 14. und 15. Juni in Regensburg angesetzte Kundgebung des baye­rischen Stahlhelms für die bayerische Ostmark und für den Kampf gegen den Bolschewismus verschoben worden ist, da durch das Uniform­verbot der bayerischen Regierung der Aufmarsch des Stahlhelms unmöglich gemacht wurde.

Vas ging an der polnischen Grenze vor?

Verschiedene Ergebniffe der deutschen und der polnischen llnlersuchuug.

wtb. Berlin, 7. Juni. (Eig. Meldg.). Das Gut­achten der deutschen Mitglieder der gemischten Kom­mission zur Untersuchung des Grenz-Zwischenfalles von Neuhösen faßt das Gesamtergebnis der Un- tepsuchung wie folgt zufammen: ■

1. Der reichsd entsche Landwirt Fude aus dem Kreise ist im Auftrage des polnischen Nachrichtendienstes nach Deutschland ge­schickt worden, um Nachrichten für Polen zu beschaffen.

2. Die deutsche Kriminal polizei hat sich in berechtigter Verteidigung auf diese Verbindung eingelassen.

3. Die polnischen Kommissar« sind auf deutschem Gebiet wegen Landesverrats feftgenom» men worden.

4. Polnische bewaffnete Grenzschutzsoldaten ha­ben die deutsche Grenze überschritten und von deut­schem Boden aus auf deutsche Beamte geschossen.

5. In her Abwehr haben deutsche Beamte die Schüsse erwidert, ohne polnischen Boden betreten zu haben. ,

Auf Grund dieses Tatbestandes ist der deutsche Gesandte in Warschau beauftragt worden, der polnischen Regierung eine Note zu überreichen, in der wegen der Uebergriffe der polnischen Be­amten Protest erhoben wird.

Was Polan sagt.

--- Warschau, 7. Juni. (Eig. Meld.) Der Be­richt der polnischen Mitglieder der gemischten Kom­mission zur Aufklärung des Neuhöfener Grenz- zwifchenfalles kommt zu folgenden, der Presse zur Verfügung gestellten Schlußfolgerungen:

1. Der Agent der deutschen Angriffs-Spionage, der seit dem Jahre 1912 als Beamte tätige Bruno Fude, erhielt von seiner vorgesetzten Be­hörde den Auftrag, polnische Grenzfunttionäre in eine Falle und auf deutsches Gebiet zu locken.

2. Der in den Hinterhalt gelockte Grenzkom- mtffar Leskiwicz wurde von der deutschen Poli­

zei erschossen, Kommissar Biedrzynski wurde fest­genommen und wird in Haft gehalten.

3. Das Vorgehen der deutschen Grenzpolizei, die den Ablauf der Ereignisse vom 24. Mai 1930 hervorgerufen hat, wurde weder durch die Not­wendigkeit, die deutsche Grenze noch Staatsge­heimnisse zu schützen, veranlaßt.

4. Die polnische Grenzwache ist auf deutsches Gebiet nicht eingedrungen.

5. Die polnische Grenzwache wurde auf eigenem Gebiet von den Deutschen beschossen.

Weiter erfähtt die polnische Presse, die pol­nischen Vertreter in der gemischten Kommission hätten festgestellt, daß der Akt der Provokation polnischer Grenzfunttionäre durch Vermittlung des im Kommunique genannten Bruno Fude -erfolgt ist, der schon Agent der Gegenseite war, bevor er mit den Organen der polnischen Grenzwache in Fühlung trat.

Das Ueberschreiten der Grenze durch die Offi­ziere der Grenzwache Leskiwicz und Biedrzynsk, erfolgte auf Vorschlag des Beamten der deutschen Grenzpolizei Stullich. der traft seiner amtlichen Stellung die polnischen Grenzfunttionäre zum Be­tteten deutschen Bodens ermächtigte.

Schließlich stellen die polnischen Deputierten fest, daß mit Ausnahme der auf deutsches Gebiet von Kommissar Stullich geführten Kommissare Biedrzynski und Leskiwicz kein anderer polnischer Funktionär die polnische Grenze überschritten hat.

*

Halbamtlich wird dazu bemerkt: Diese polnische Darstellung, die in allen entscheidenden Teilen in Widerspruch mit den Feststellungen der deutschen Kommissionsmitglieder steht, wird in ihrem grund­legenden Punkt 1 durch die Tatsache widerlegt, daß Bruno Fude, als polnischer Gefangener auf polnischem Boden von der Kommission als Zeuge vernommen, obwohl dadurch seine Sage wesent­lich verschlimmert wurde, die der deutschen Fest­stellung zu Grunde liegenden, ihm persönlich un­günstigen Aussagen gemacht hat, die die Fest­stellung der deutschen Kommissionsmitglieder er­härtet.

Mur Carol kehrt nach Rumänien zurück.

Heuer Akt in der Vattan-Monarchien-Operette.

wtb. Bukarest, 7. Juni. (Privatmeldung): Der frühere wegen seiner Ehe-Jrrungen abgc- dankte rumänische Thronfolger Prinz Carol ist gestern abend in Bukarest eingetroffen. Der Prinz hatte, wie jetzt bekannt wird, Paris, wo er zuletzt sich aufhielt, bereits vor einigen Tagen verlassen und sich nach München begeben. Von dort ist er gestern früh in einem Farman-Flugzeug nach Klaufenburg gestartet, wo er in den späteren Nach­mittagsstunden eintraf. Die Militärstation war von der Ankunft des Prinzen benachrichtigt wor­den. Der Kommandant, Ober Dahinten, schickte den Hauptmann Christescu und den Obersten Pre- kup dem Prinzen entgegen. Auf dem Flugplatz selbst wurde er von dem Kommandanten und allen Offizieren empfangen. Prinz Carol ist dann nach zweistündigem Aufenthalt nach Bukarest weiterge­flogen, mo er um 10 Uhr abends eintraf. Er be­gab sich sofort in das Schloß Eotroceni. Die An­kunft des Prinzen, der nicht incognito und mit feinen eigenen Papieren reifte, war dem Mini­sterpräsidenten Maniu bekannt. Er unterrich­tete als ersten den Bruder Earols, den Prinzen Ni­colaus, der zwar Carols Absichten, nicht aber die Zeit feines Eintreffens kannte. Die Königin-Groß­mutter Maria, die gestern ihre Reife nach Deutschland angetreten hat, blieb ohne Kennt­nis von dem bevorstehenden Ereignis. Angesichts der Rückkehr Carols ist das Kabinett nod) gestern zu einem Ministerrat zusammen getreten, der, in ständiger Verbindung mit dem Prinzen', die ganze Nacht hindurch beriet. Für heute ist eine Sitzung der Kammer anacsetzt, die über die erforderlichen

Beschlüsse und insbesondere über die Thronrechte des Prinzen Carol, die durch das Gesetz vom 4. Januar 1926 aufgehoben wurden, beraten soll.

In politischen Kreisen erwartet man, daß Ca­rol vorerst nur an Stelle des Prinzen Nicolaus i n die Regentschaft eintreten wird. Die Frage seines Verhältnisses zu seiner Gattin bleibt b e - sonders zu regeln; wie erinnerlich, hat die Königin-Mutter (der kleine Sohn des Prinzen Carol ist bereits zum König ausgerufen) immer erklärt, daß sie dem Prinzen Carol keinerlei Hindernisse in den Weg legen wolle, aber auch nicht geneigt fei, einen gemeinsamen Haushalt wieder aufzunehmen. Im ganzen Lande herrscht vollkommene Ruhe. Alle militärischen und zivilen Behörden halten sich der Regierung zur Verfügung. In der Armee wurde die Nachricht von der Rückkehr des Prinzen mit Begeisterung ausgenom­men. In der Oefsentlicksteit wird die Tatsache nur als Verwirklichung einer längst erwarteten Lösung angesehen, in politischen Kreisen wird Manius mei- sterliche Regie lebhaft besprochen. Uebriqens hat der Ministerpräsident noch um 3 Uhr früh die nicht mehr zu widerlegenden Meldungen über Carols Rückkehr formell dementiert.

Die telephonischen und telegraphi- f ch e n D e r b i n d u'n g en mit dem Auslande wur­den über Nacht eingestellt.

♦ Hoover unterzeichnet das deutsch-amerika­nische SchMenabkommen. Aus Washington wird gemeldet: , Hoover hat das vor einigen Tagen vom Senat verabschiedete deutsch-amerikanische Schuldenabkommen unterzeichnet.

Das Echo -er Deckungspläne.

Die Deckunqspläne des Kabinetts, die gestern bekannt gegeben wurden, finden natürlich reicy- lich Kritik Die Frage, ob das Deckungsprogramm im Reichstag eine Mehrheit finden wird, wird er- rig erörtert.

Die „DAZ." spricht von der entscheidenden pott- tischen Frage, die neben aller sehr berechtigten sachlichen Kritik mit der größten Sorge erfüllen müsse. Hinter den neuen Maßregeln ständen s:- gentlich nur die christlichenGewerkschaft ten und allenfalls das Zentrum (? ?). Selcht wenn es gelingen sollte, die Bedenken der Volks­partei und den Demokraten zu überwinden, sei es zu bezweifeln, ob der mitarbeitende Flügel der Deuts ^nationalen sich für eine so unpopuläre Ak­tion zur Verfügung halten werde. Das Blatt fragt, ob die Sozialdemokraten nicht die gün­stige Situation zu einem Vorstoß ausnutzen, der die Regierung vor der Inangriffnahme ihrer e'* amtlichen Hauptaufgaben aus dem Sattel hebt. Eine Antwort auf diese Frage gibt der „Vor­wärts" noch nicht. Er stellt ebenfalls nur d'e Frage, ob die Vorschläge im Reichstag eine Mehr­heit finden werden. Einstweilen werde man das mit sehr vielen Fragezeichen versehen dürfen. Das Schicksal der Vorlagen sei höchst un­gewiß. Ans den Aeußerungen des „Lokalanze'- cers“ und der „Deutschen Zeitung" ist zu schlw- ßen, daß die hinter Hugen'oerg stehenden Deufctz- nationalen das Deckungsprogramm ab lehn en. Der „Lokalanzeiger" spricht davon, daß die Steuer­last der Bevölkerung um hunderte von Millionen erhöht werden loll, weil di- Arbeitslosenversiche­rung Summen verschlingt, deren Aufbringung noch vor einem Jahre kein Mensch in Deutschland sur möglich gehakten hätte. Die „Deutsche Zeitung lleht in dem Deckungsprogramm den Beginn der Poungkrise.

Nach unserer Meinung bat das Zentrum keineswegs die Aufgabe, die völlig zerrüttete deutsche Finanzwirtschast unter heroischer Selbst­aufopferung in Ordnung zu bringen. Die gro­ßen Schw'ätzer und Kritiker sollen jetzt ein­mal zeigen, was s i e können. Das verantwor­tungslose Treiben in unseren Tagen, über dessen Kern sich ein denkender Mensch gar nicht mehr im Unklaren fein kann, muß und wird fein natür­liches Ende finden. *

Der Reichsarbeitsminister hat mit den Vertre­tern der Gewerkschaften Fragen der Krisenunler- siützung besprochen. Er führte aus, daß er ständig bemüht sei, der Notlage nur dem Arbeitsmarkt auch auf dem Gebiete der Krisenunterstützung im Rahmen des Möglichen Rechnung zu tragen. Die Geldmittel, die das Reich für Krisenunterktützung zur Verfügung stellen könne, seien bei der gegen­wärtigen Eesamtlage aber begrenzt. Wenn den vielfachen Wünschen auf Ausdehnung der Krisen- unterstützung in vollem Umfang Rechnung getra­gen werden würde, so würde dies für das Reich gegenüber dem Haushaltsansatz von 150 Millio­nen Rm. eine Mehrbelastung von mehre­ren hundert Milli onen Rm. ergeben. Er habe sich bereits mit Erfolg für eine nicht unbe­trächtliche Erhöhung der Haushaltsmittel einge­setzt, um dadurch in der Lage zu fein, wenigstens den größten Notständen zu begegnen.

Der Krieg in China.

wtb. Peiping, 7. Juni. (Eig. Meld.) Die Trup­pen der Nanking-Regierung haben den nördlichen Teil der Provinz Schantung geräumt und sich auf die Südseite des Gelben Flusses zurückgezogen Die Stadt Tsinanfu ist noch nicht gefallen. Die Regierungstruppen haben einen Teil der großen Brücke bei Tsinanfu zerstört. Es liegt kein Grund zu ernsten Besorgnissen für die in Tsinanfu roei>. lenden Ausländer vor. Die Deutschen beabsich­tigen jedenfalls nicht, die Stadt zu verlassen. In Tschangscha, das von den Kwangsi-Truppeir und der „Eisernen Division" der Nordarmee be­setzt worden ist, herrscht Ruhe und Ordnung. Die, bisher in Kanton verwandten Nanking-Truppen sollen, wie es heißt, zur Verstärkung der Jangtse- Front gegen Hunan und Kwangsi eingesetzt wer­den. Die Meldung, daß Kweiteh, dps bisherige Hauptquartier Kiangkeischeks, von den Nord­armeen eingenommen sei, ist noch nicht bestätigt.

Moskau oder Asien.

Bei der Behandlung der blutigen Unruhen, die einander seit Monaten in Französisch- I n d o ch i n a folgen, sagte in der Pariser Kam­mer dieser Tage ein Abgeordneter, der mit dm dortigen Verhältnissen besonders gut vertraut ist: „Dort unten regt sich nicht Moskau, sondern Asien!"

Diese Aeußerung legt tatsächlich den Kern eines Problems von enffcheidender weltpolitischer Bedeutung zu Tage, eines Pwblems, das weit über die Grenzen der französischen Kolonie hinaus geht, das sich auf den ganzen Fernen Osten von Palästina bis zur Mandschurei bezieht. Was die Araber veranlaßte, eine Delegation mit erbitterten Protesten nach London zu schicken, war nicht Mos­kau, sondern Asien, was die afghanischen Berg- ftämme veranlaßte, dieser Tage aufs Neue über die Gebirgspässe von Wazirstan nach Indien herein zu brechen, war nicht Moskau, sondern Asien. Schlimmstes Asien sind auch die neuerlichen Vor­gänge in China, das wieder im Chaos zu ver­sinken scheint. Asien herrscht in Judochina, in Niederländisch-Jndien, in den britischen Malaien­staaten Hinterindiens... und bei all dem ist Moskau nicht der Motor, sondern nur der Chauffeur, der jeden Tag ersetzt werden kann,