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Aulda. t 4 Juni 1930

Jlt. Idü.

Ein Gedächtnis-Gottesdienst.

Heute vormittag fand gleichzeitig mit der Feier des Bonifatiustages zum Gedächtnis an die glückliche Errettung der Fuldaer Kathedrale bei rem Brand des nördlichen Domturmes in der Nacht vom 4. zum 5. Juni des Jahres 1905 e;n Eedächtnisgottesdienst im Dome statt. Er wurde unter bischöflicher Assistenz von Domdechaut Prof. Dr. Leimbach zelebriert bei zahlreicher Beteiligung der Gläubigen. In der Festpredigt, die das Leben und Wirken des heiligen Bonifatius zum Gegen­stand hatte, gedachte Domkapitular Prof. Dr. Richter jener anderen Dankfeier vor 25 Jahren, am Morgen nach dem Dombrand, und wies auf die Bedeutung des heutigen Tages vor allem auch für die Fuldaer Freiwillige Feuerwehr hin, die zu dem Gedächtnisgottesdienst Veranlassung gegeben und an Behörden und Volk Einladungen »azu hatte ergehen lassen.

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Die Bonifatiusoktav des Jahres 1905 wunde, wie erinnerlich, aus Anlaß des 1175. Todestages des Apostels der Deutschen (man setzte damals irr- tünticher Weise den Tod des hl. Bonifatius in das Iah' 755, statt in das Jahr 754, das inzwischen non der Forschung mit ziemlicher Sicherheit al:- Todsjahr des Heiligen erwiesen ist) in Fulda mit größer Feierlichkeit begangen. Am Sonntag, den 4. Jini, dem Hauptfesttag, fand in Gegenwart zahlreicher Erzbischöfe, Bischöfe und Aebte aus dem In- md Ausland die Reliquienprozsssion statt. Am Montcg, den 5. Juni 1905 brachte die Fuldaer Zeiturg folgenden Bericht:

Der erste Tag des Bonifatius-Iubiläums — zugleich auch der Hauptfesttag — bat nach einem geradezu herr­lichen Verlauf leider einen betrübcndenAbfchluß zefundei. Kurze Zeit nach Beendigung des Feuerwer­kes au dem Domplatz brach im Helme des nördlichen Domtirmes Feuer aus und gar bald stand der aus Holz ,«baute Turmaufsatz in hellen Flammen. Tausende non Nenschen imistanden wehmütig das schaurig-schöne Schauspiel: die Feuerwehr, der non allen Seiten, insbe- öndre auch von dem hiesigen Artillerie-Regiment, Un- erstitzung zuteil wurde, konnte den Turmhelm nicht ret­ten, der gänzlich abbrannte. Die alte berühmte Osanna- Elrke ist dabei zu Grunde gegangen und in der Glut geshmolzen: ebenso ist die Bonifatiusglocke stark beschä­dig und gänzlich unbrauchbar geworden. Um 2 Uhr nahts war alle Gefahr beseitigt, die Feuerwehr hatte mit Sei Aufräumungsarbeiten noch lange zu schassen. Als Ufache der Entstehung des Brandes wird uns von der Feuerwehr mitgeteilt, daß eine Patrone des Feuerwerks siy nach innen in den Turmhelm hinein entladen Ö dirt die alten Dohlennester in Brand gesetzt habe, der dmn in dem trockenen Holzwerk reichliche Nahrung fand.

Das Ereignis hat damals in ganz Deutschland nel Beachtung gefunden. Es knüpften sich an den Umgang noch langwierige Prozesse. Das Boni- sativsfest selbst hatte unter dem Ereignis, bei dem iurd) die göttliche Vorsehung und das tapfere Ver­holten der Feuerwehr die drohende Zerstörung des Domes durch das Feuer verhindert wurde, nicht gelitten.

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Die Freiwillige Feuerwehr hält aus Anlaß des Erinnerungstages heute nachmittag 5 Uhr eine größere Uebung im Hofe der Stadt­schule ab.

Jubilars der Buchdrucker-Kunst.

L. " Faktor Heinrich T atz e k und der Metteur "ildhäuser können am 5. Juni auf fine >rige Tätigkeit in der Fa. I. L. Uth's Hoj . rhd rucke re i zurückbiicken. Die Jubt- lare wurden geehrt van feiten der Firma durch eine stimmungsvolle Feier, tn welcher der langsäb-

Mldaer Zeitung (Umflieges Kreisblatt).

Freitag, Den b. 3uni 1930.

rigen treuen Dienste, auch während schwerster Kämpfe, besonders gedacht und eine Ehrengabe überreicht wurde. Die Handelskammer Kassel ließ Ehrendiplome mit Glückwünschen überreichen und auch die Gehilfenschaft gestaltete die Feier durch Festgaben recht eindrucksvoll.

25 Jahve. ।

Herr Johannes Remmert aus Fulda kann heute auf eine 25jährige Tättgkeit bei der Firma Emaillirwerk A. G. zurückblicken. Von seinen Ar­beitskollegen, dem Arbeitgeber und der Fuldaer Handelskammer wurden ihm besondere Ehrungen zuteil. Der Jubilar ist langjähriges Vorstands­mitglied des Christlichen Metall­arbeit erverband es.

Am Pfingstsamslag

bleiben die Büroräume der I n d u st r i e- und Handelskammer für den Verkehr mit dem Publikum geschloffen.

Aus der Arbeit der Landesbibliolhek.

Dem in diesen Tagen dem Herrn Landeshaupt­mann in Hessen zu Kassel erstatteten Jahresbericht über das Geschäftsjahr 1929 (April 1929 bis März 1930) entnehmen wir nachstehende Angaben:

Im Geschäftsjahr 1929 wurden die bereits ge­gen Ende des Geschäftsjahres 1928 begonnenen Verhandlungen über die Behebung der Raumnot der Bibliothek soweit gefördert, daß endgültige Ent­scheidungen getroffen werden konnten. Als wich­tigste Punkte seien hier folgende herausgegrifsen: Nachdem die mehrfachen Versuche, von der Bischöfl. Behörde etwas Gelände bei der Bibliothek zu einem Anbau zu bekommen, endgültig im negativen Sinne entschieden waren, kam nur die Verlegung in ein anderes Gebäude oder ein Neubau in Frage. Für den ersten Fall bot sich gerade während der Prüfung der Sache günstige Gelegenheit dadurch, daß das Stift Wallenstein beabsichtigte, seinen Sitz zu verlegen und damit das Gebäude für andere Zwecke freizugeben. Die verwaltungsmäßige und bauliche Prüfung des Objektes ergaben, daß sich Stift Wallenstein in hervorragender Weise wegen seiner Lage, seiner Raumgestaltung und unbegrenz­ten Ausdehnungsmöglichkeiten für die Aufnahme der Bibliothek geeignet hätte. Auf Wunsch des Landesausschusses wurden dann auch die Kosten für einen Neubau berechnet, um Vergleiche über dis beiderseitige Preisgestaltung anstellen zu können- Das Ergebnis aller Verhandlungen war, daß mit Rücksicht auf die angespannte Finanzlage und die Vorteile moderner Einrichtungen ein Neubau vorzuziehen sei, der dann auch bewilligt wurde.

Um Weihnachten 1929 veranstaltete die Biblio­thek eine Ausstellung ihres Mappenwerks „Denk­mäler der Krippenkünst", womit eine Ausstellung von Oelgemälden usw. des Fuldaer Malers Ferd. Lammeyer und einiger Plastiken von Anton Graue! aus Soden verbunden war. Die Ausstellung er­freute sich eines regen Besuches und öffentlicher An­erkennung in der Presse. Die ständige Ausstellung im Schausaal wurde von 2921 Besuchern besichtigt. Besondere Führungen durch die Bibliothek sanden statt für die Deutsche Biblioihekarscbule zu Leipzig, die Tagung für Jugendpflege sowie mehrere aus­wärtige Gelehrte: eine Oberklasse des Deutschen Landeserziehungsheims Buchenau sowie Klassen hiesiger höherer Schulen wurden in die Arbeitsweise der Bibliothek eingeführt, deren Ein­drücke ,’. T. zu Schulaufsätzen verarbeitet wurden. — Die Raumnot machte sich immer stärker bemerk­bar, es wurden durch Herausstellen der Fortset- zungsschränke auf den Gang und durch kleine Um­stellungen die letzten Versuche gemacht, die durch l den Platzmangel bedingten Hemmungen des Be- ! triebes nicht so fühlbar werden zu lassen. — Die • Bibliothek war geschlossen wegen Revision vom 20. bis 25. Mai außerdem am 24. Dezember und vom I 27. bis 31. Dezember. — Der Direktor nahm teil an

der Tagung der Deutschen Bibliothekare zu Königs- ber, er benutzte einen Teil feines Urlaubs zur Teil­nahme am 1. Weltkongreß für Bibliothekswesen in Rom und besichtigte dabei Bibliotheken in Mai­land, Rom, Florenz und Venedig. — In den nach­folgenden stasiftischen Zusammenstellungen beziehen sich die eingeklammerten Zahlen jeweils auf das Vorjahr. Vermehrung a) Ordentlicher Z u- wachsdurchKauf. Es wurden verausgabt zum Ankauf von Büchern 11 218,06 Rm. (10 998,72 <Jt). Davon für abgeschlossene Werke 3946,83 Rm. (6212,60 Rm), für Fortsetzungen und Zeitschriften 5146,66 Rm. (3523,87 Rm.), für Bucheinband 2124,57 Rm. (1262,25 Rm.) Der Bücherbestand der Bibliothek vermehrte sich durch Kauf um 302 (501) Werke mit 453 (757) Bänden, an Fortsetzungen wurden durch Kauf erworben 163 (139) Werke mit 248 (209) Bänden. Die Mittel der Vereinigung der Freunde der Landesbibliothek wurden ver­wandt für die auf ihre Kosten laufenden Fortset­zungen sowie einige besonders teuere Neuerwer­bungen. — b. Außerordentlicher Z u - wachs. Der Zugang an Geschenken hielt sich un­gefähr in der Höhe des Vorjahres, er betrug 575 (600) Werke mit 1081 (1166) Bänden, Aus der Zahl der Schenker feien heroorgehoben: Nachlaß Fräulein v- Apell-Fulda. Dr. Beisheim-Salzschlirf, Nachlaß Hauptmann Berla-Soden, Magisttats- bücherei Fulda, Oberregisseur Mehler-Fulda, Not­gemeinschaft der Deutschen Wissenschaft-Berlin, Bibliotheksdirektor Dr. Theele-Fulda und die Uni­versitäts-Bibliotheken Breslau, Marburg, Tübin­gen und Würzburg.

Es gingen an Pflichtexemplaren ein 20 (22) Bände. Der Gesamtzuwachs beträgt somit 1060 (1262) Werke mit 1804 (2154) Bänden. Der ver­arbeitete Zuwachs beträgt 1109 (605) Bände. — Katalogisierung. Im 1. Halbjahr wurden 230 (125! und im 2. Halbjahr 517 (309), also insgesamt 747 (474) Werke neu für die verschiedenen Kataloge verarbeitet. Mit der Anlegung eines Schlagwort­registers zum systematischen Katalog als Vorberei­tung zum Schlagwortkatalog wurde begonnen. — Benutzung. Lesesaal und Ausleihe waren für das Publikum an 289 (278) Werktagen geöffnet. Be­sucher des Lesesaals: 4952 (3909), unter den Be­

suchern waren 3707 (3229) männliche und 1245 S weibliche. Es wurden im Lesesaal aus den

azinen 6099 (5630) Bände vorgelegt. — Dse Gesämtausleihe betrug: 24 409 (22 354) Bände, also ein Mehr von über 2000 Bänden. — Für die Ent­leihung von und nach auswärts traten wir mit 45 (44) Bibliotheken in Verbindung. Bestellt wurden auswärts 761 (675) Werke; davon erledigt 303 (279) mit 444 (457) Bänden. Die Zahl der Entleiher (jeder auch bei wiederholtem Kommen nur einmal gezählt) war: 1645 (1386), wovon 441 (379) außer­halb Fuldas wohnten. — In der Berufsstatistik fst die Benutzung durch die Gruppe a. Geistliche, Hö­here Beamte usw., c. Bolksschullehrer, d. Studen­ten, e. Schüler und i. Industrielle gestiegen. Be­sonders auffällig ist die Zunahme der letzten Gruppe, bedauerlich ist der — wenn auch geringe — Rückgang der Gruppe b. Höhere Lehrer und Lehrerinnen. Es wäre zu wünschen, daß die wich­tigen Neuerwerbungen aus allen Wissensgebieten gerade diesen Kreisen noch mehr bekannt und von ihnen nutzbar gemacht würden. — Aus den emze- nen Fächern sei hinsichtlich der Benutzung hervor- gehoben der erfreuliche Zuwachs in 2111g. Wissen­schaftskunde, Fuldensien, Geographie, Geschichte, Pädagogik, Schöner Literatur und Theologie. Der kleine Rückgang in Sprachwissenschaft ist unwesent- sich ,da dieses Fach im Vorjahre sich verdoppelt hatte — Am Ort wurden benutzt: Eigene Hand­schriften 78 (113), fremde Handschriften 47 (133), nach auswärts verliehen 6 (29), Zusammen lol (275). Die Versendung der eigenen Handschriften erübrigte sich in mehreren Fällen dadurch, daß photographische Aufnahmen aus denselben gemacht und den Interessenten übersandt wurden, der Rück­gang in der Benutzung fremder Handschriften er­klärt sich z. T. aus der im Vorjahre zum Jubiläum herangezogenen größeren Zahl. — Die Gesamtbe- nutzunq beträgt: A. Druckschriften (Ausleihe) 24 409' (22 354), B. Druckschriften (Lesesaal) 6099 (5630), C. Handschriften 131 (275), zusammen 30 639 (28 259) Bände Die Steigerung

in der Benutzung hat also auch wie im Vorjahre wieder angehalten. — Zu Ende des Berichtsjahres legte der aus dem Amte scheidende Oberbürger­meister der Stadt Fulda, Dr. Antoni, den Vorsitz

„Die Nibelungen" in Amöneburg.

Eine Szene ans der Freilichtaufführung der „Nibelungen" von Hebbel in Amöneburg, über die wir bereits ausführlich berichtet haben. Phot. Mauß, Marburg.

Bl

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Reichhaltige Speisekarte. — Bekannte gute Küche.

von Znlda nach Chicago

halbversteckt in den Schluchten, industrielle Anlagen, da

schwingen sich, wie von Spinnen gewebt, schlanke Gitter

es war doch erst der 5. Oktober. Dort im Gebiete der

sten Teil der Strecke — etwa von Port Huron bis Buf­falo — während der Nacht durchfährt. Die Haltestellen sind spärlich, und am ersten Tag blieb sogar der Kaffee-

Krawatten, Socken, Hosenträger, Gürtel, Stöcke,

Ausschank der beliebten hiesigen Unionbiere, Löwenbräu und Dortmunder

GasthofJumKnrpfen“

Franz Wenzel

FULDA, Mittelstraße Nr. 8.

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Qualität ussd Preiswürdiskeit Joseph Schmitt, Fältln, Weingroßhandlung.

Als wir Buffalo hinter uns hatten und der Tag I auch wieder anders, es ist amerikanisch. Denn da sind, graute, merkte ich, daß es in der Nacht gereist hatte. Und halbversteckt in den Schluchten, industrielle Anlagen, da

Meilings Elite Kaffee

ein Hochgenuß für jeden Kenner per Pfund 4.00, 4.40, stets frisch geröstet.

Reis e-Erinnerung en

von Fr. Donatus Pfannmüller, Fulda.

50) -

Mir gefällt es hier viel besser als draußen in der «Wartehalle Wenn es nicht der richtige Wagen ist, "}aS mir der Schaffner, wenn er kommt, einen andern ™a8 anweisen. Die Hauptsache ist, daß dieser Zug Mch Newyork fährt. Weil es Mittag vorüber ist und A "Ur hastig etwas gefrühstückt habe, esse ich einen ^pfel und warte der Dinge, die da kommen sollen. Und Ee kamen; aber es war bloß der Hausdiener von Sankt Peter. Cr machte mir gelinde Vorwürfe, daß ich nicht Newartet habe. Aber ich lachte ihn aus: „Ich wollte ' auch einmal in einem Pullmann fitzen, wie Rocke- leller, Carnegie und andere reiche Leute." — Er aber meinen Koffer und führte mich nach einem andern ^agen, wo es zwar keine Drehstühle, aber dafür gut «halfterte Doppelsitze gab.

Dann ging die Reise los, obwohl mein Wagen noch U leer war. Der kleine Schaffner kam, ein freund- $er Herr, und suchte eine Unterhaltung mit mir an- «Uknüpfen, Als er merkte, daß ich Deutscher war, er- Mte er mir, daß er in einem Dorfe bei Posen geboren in1', und fragte, ob ich nicht Polnisch sprechen könne.

',n’ auch das nicht. Trotzdem ließen wir beide fei’ n Nationalitätenhaß auskommen. Ich zeigte chm mei- n Lokalfahrplan und suchte ihm klarzumachen, daß fäh t e Ah"ung davon habe, welche Strecke dieser Zug ■ Da ging er fort, und holte mir einen größeren Su r°n für die ganze Strecke bis Newyork. Mein ■an mte ich sehe, durch die Staaten Illinois, In- t^.0’ Michigan, Kanada, Newyork, Pensylvania, New Sott Uri‘) kommt am Ziel wieder in den Staat New- toirs Für Kanada habe ich kein Paßvisum, aber das — nichts ausmachen.

enn einer weiß, daß er 28 Stunden in der Bahn Ätt ?|Qt' sich aber voraussichtlich während dieser

ein keinem Menschen unterhalten kann, so ist das niederdrückend, selbst wenn man kein ^du>atzer ist. Dazu kommt, daß man den interessante-

boy aus. Statt dessen erschien ein Verkäufer mit eini­gen Flaschen in seinem Kasten, und ich kaufte ihm eine Flasche Vier ab. Zu spät erkannte ich, daß es das gefürchtete Rotbier war, besten Geschmack aus Si­rup, Fischtran und sonstigen Dingen zusammengesetzt erscheint. Ein Schluck — das übrige goß ich mit Mühe zum Fenster hinaus. Mit Mühe: denn die kanadischen Wagen haben Doppelfenster.

Als wir die Station Battle Creek hinter uns hatten, kam langsam die Nacht. Die Geschichte wurde mir lang­weilig. Schlafen konnte ich nicht, also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Aufmerksamkeit den Mitreisen­den zuzuwenden, die besonders auf der kanadischen Strecke ziemlich zahlreich waren. Es waren sehr viele Neger dabei. Viele dieser schwarzen Leutchen sehen sehr sympathisch aus. So fiel mir eine jüngere Negerfrau auf, die trotz ihrer wulstigen Lippen und der platten Nase beinahe schön genannt werden konnte. In ihren Augen lag soviel Herzensgüte, daß man gern über die anderen Schönheitsfehler hinwegsah.

Innerhalb der ersten 16 Stunden kam ich durch das ganze Gebiet der großen amerikanischen Seen. Vom Michigansee ausgehend, fährt die Bahn zwischen dem Huron- und Eriesee hindurch. Später bei den Niagara­fällen hat man links den Ontario- und rechts wieder den Eriesee. Freilich, es ist das eine Strecke von 870 Kilometer, der halbe Weg von Chicago nach Newyork.

Ich hatte im Zug nichts von einer Paß- oder Gepäck- reoision bemerkt, als wir nach Kanada kamen. Doch gegen Morgen, als wir wieder auf einer größeren Sta­tion hielten — es war Niagara Falls — bemerkte ich, daß die Reisenden ihr Gepäck aus den Netzen nahmen und es öffneten. Da folgte ich ihrem Beispiel. Und in der Erinnerung an die Paßkontrolle an der Friedens­brücke in Buffalo hielt ich auch meinen Paß bereit. Es tarnen zwei amerikanische Beamte und revidierten Pässe und Gepäck. Wir kamen ja aus dem Lande, in dem der gefürchtete Wisky nicht durch Gesetze verboten ist. Als mich der eine Beamte bei meinem Koffer stehen sah, machte er eine abwehrende Handbewegung und ging vorüber.

großen Seen gibt es ftühe und harte Winter. Wer die stürzenden Wasser des Niagarafalles gesehen hat, wird nicht glauben, daß diese jemals gefrieren könnten. Und doch schlägt sie der Winter in feinen Bann und hält sie im Sturze auf. Dann stehen sie da in wundervoller Erstarrung als ein Gigantenwald von Riesen-Eiszapfen, und zu ihren Füßen türmen sich Eisberge, auf deren Gipfel die Menschen stehen und das märchenhafte „blaue Wunder" anstaunen. Und wenn die Nacht kommt, dann richten große Scheinwerfer von Millionen von Sergen- stärken ihre Strahlen auf das Eiswunder und lasten es durch bunte Vorsetzgläfer in allen Farben des Stegen- bogens aufleuchten.

Unsere Bahn hat einen anderen Namen bekommen, trotzdem wir noch in den gleichen Wagen sitzen. Sie heißt jetzt Lehigh Valley. — Die Tagesfahrt über Ro­chester, Jthaca und Wilkesbarre ist wieder schön und interessant. Außerordentlich schön ist die Strecke von Jthaca an. Wir fahren durch eine Gegend, die, wenn hier statt Laubwald Tannen wüchsen, dem Schwarz­wald gleichen würde. Dann geht es lange Zeit den Windungen eines engen Flußtales entlang. Ich weiß nicht, ob dies der Lakawanna- oder der Susquehanna- fluß ist, aber das weiß ich, hier ist es schön. Um halb zwölf Uhr mittags durchfahre ich den ersten Tunnel aus meiner ganzen langen Reise. Dann Höll der Zug in Pittston. Da müssen große Kohlengruben fein; denn ganze Hügel von Kohlen sind überall aufgetürmt und schillern in der Sonne grün.

Dann steigt die Bahn wieder aufwärts. Um 1 Uhr mittags, als wir hoch oben einen Bergrücken entlang fahren, haben mir nach links einen wundervollen Aus­blick ins Tal. Da reiht sich Stadt an Stadt, Dorf an Dorf. Oder ists eine einzige Stadt, die da weitläufig über Tal und Hügel ausgestreut liegt?

Bald darauf haben wir den Höhepunkt der Bahn erreicht. Nun gehts wieder in den Wald und langsam bergab. Hier entspringt ein Flüßchen, das bald zum wilden Bergwafler wird, an dem wir in vielen Win- düngen entlangfahren. Ich muß an die Fahrt vom Brenner hinab nach Bozen denken. Aber es ist doch

brücken über den rauschenden Fluß, oder es ruft von irgendwoher eine Dampfsirene.

Dann ist das Märchen von Wald und Felsen und Wasserrauschen zu Ende, wir kommen ins Tal, und der Zug hält in Bethlehem, in Bethlehem, der Stahlstadt. lieber sechs Stunden hat das Märchen gedauert, und nun ist es zu Ende. Der Name Bethlehem könnte der Höhe­punkt des Märchens fein, fein schöner Schlußpunkt; aber er deckt nur eine Industriestadt ersten Ranges. Und diese Stadt ruft: Halt! Nicht sentimental werden. Wir sind in Amerika.

Und immer noch sind es fast drei Stunden Fahrt bis nach Newyork. Fünfundzwanzig Stunden lang quäle ich mich nun schon auf meinem Sitz herum. Das Schöne, bas der bequeme Mittelgang in den amerika­nischen Wagen hat, ist mir doch nun lästig geworden. Man kann da doch keine Spaziergänge zwischen sitzenden Reisenden machen. Ja, man kann sich nicht einmal vor fein Wagenfenster stellen; denn fein oberer Teil ist durch einen starren, undurchsichtigen Vorhang verdeckt. Und man kann das Fenster während der Fahrt nicht einmal offen halten. Es schiebt sich ja nach oben, so daß man selbst und die Nachbarn unter dem starken Luftzug zu leiden hätten. Und dann habe ich auch auf meiner langen Fahrt den Speisewagen gemieden und mich mit dem aöernötigften begnügt. Nun ists mir, als könne ich wieder einmal das Sitzen hinter einem gedeckten Tische vertragen.

Als der Zug in Jersey City einläuft, sinkt die Däm­merung herab. Ich glaube, sie spannen eine elektrische Maschine vor, weil es nun durch die Tube geht, unter dem Hudson und der Stadt hindurch. Dann rollen wir über ein ödes Gelände, das so gar nicht in die Um­gebung einer Weltstadt paßt. Und versinken bann unter die Erdoberfläche. Als ber Zug roieber hält, finb wir am Ziel, in Newyork, an ber Pensyloaniastation. Mübe ersteige ich bte Treppen unb finde auch glücklich den Aus­gang nach der 31. Straße. Noch ein Stück wegs, unb ich bin wieber unter Mitbrübern, kann meine Zunge roieber zum Sprechen gebrauchen in ber Weise, wie e< mich einst meine Mutter gelehrt hat.

Forffetzung folgt.