FuldaerZertung
Anzeiger für die Stabt Fulda unb ben Landkreis Julda. Amtliches Kreisblati.
Ilr. 128
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift» :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
Mittwoch, 4. Ium 1930.
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57. Zahrg.
Ausgaben-Senkung.
. Das ist Sinn, Anfang mb Ende jedes Spar- Mens: Ausgabensenkung. Wenn der Hausvater oder die Hausmutter feststellt, daß die Einnahmen, nämlich das Gehalt des Mannes nicht reichen, und wenn sie wissen, daß an eine Erhöhung nicht zu denken ist, dann bleibt nur dieses Mittel: Ausgabensenkung. Früher war das selbstverständlich. Erst während der Inflation haben wir gelernt, Geld auszugeben, welches wir nicht besaßen. Es konnte damals kaufmännisch sogar als eine Tugend, wenigstens aber als gerissene Klugheit betrachtet werden. Aber die Zeit der Geldentwertung ist Gottseidank vorüber. Wir erholten nicht viel, aber was wir bekommen, das ist w e r t b e st ä n d i g. Es muß reichen. Dabei steht die Frage der Teuerung nicht zur Debatte. Sicherlich ist heute alles viel teurer als vor dem Kriege. Und manches über den Grad der Verringerung der Kaufkraft unseres heutigen Geldes hinaus. Aber das ist ein Problem für sich, wir müssen mit dem Gelde auskommen, das wir im Augenblick und im Durchschnitt besitzen.
Wer Schulden hat, ist besonders schlimm daran, aber auch für ihn gibt es nur einen Weg, aus der Not wieder herauszukammen: Ausgaben- fenkung. Je dringender der Gläubiger mahnt, desto schärfer müssen die Ausgaben herunterge- driickt werden. Gewiß, das ist leicht gesagt, aber eine andere Möglichkeit bietet sich nicht. Auf das große Los zu hoffen oder eine Millionenerbschaft aus Amerika zu erwarten, iväre leichtfertig.
Am - schlechtesten geht es in Deutschland zur Zeit dem Deutschen Reich. Der Etat, der noch vor 14 Tagen so schön in Ordnung schien, erweist einenneu en Fehlbetrag vonvic- len hundert Millionen. Die Arbeitslosigkeit geht nicht nennenswert zurück. Der Wirtschaft fehlen kräftige Antriebe. Aber das Reich muß leben. Da macht sich die Regierung Brüning cn ein Werk, das in seiner Unpopularität zunächst jeden schrecken muß. Sie greift auf die hausbackenen Grundsätze unserer Großeltern zurück und macht sich das ominöse Wort Ausgabensenkung zu eigen. Daß frühere Regierungen dies nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet haben, hat dem parlamentarisch-demokratischen System schweren moralischen Verlust zugefügt. Aber «ich die Regierung Brüning wird es mit dieser Parole nicht leicht haben. Worin bestehen die Ausgabenverpflichtungen des Reiches? In der Hauptsache in der Beschaffung der Reparationslasten in jeder Form und in der Unterhaltung der Verwaltung. Dazu treten die Kosten für die Landesverteidigung. Die Reparationslasten liegen durch den Poungplan fest. Im Heeres- und Ma- rme-Etat hat man in den letzten Wochen zu streichen versucht, was irgend möglich schien, aber der Reichstag ist im ganzen der Meinung gewesen, daß weitere Ersparnisse um so weniger herauszuholen seien, als es im politischen Interesse des Landes liege, die durch das Versailler Diktat belassenen Rüstungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Nun ml also an der Verwaltung gespart werden. Es muß hier festgehalten werden, daß schon das vorige Kabinett sich mit diesen Erwägungen getragen hat. Auch war cs schon mit der Neuordnung der Beamtenbesoldung von 1928 mitbe- Mossen, daß künftig bei dem Freiwerden Dun «eamtenstellen immer eine von dreien nicht wieder besetzt würde. Wieweit dieser Grundsatz formell durchgeführt worden ist, und Meweit er in der Praxis sich als unhaltbar er« Wen hat, steht dahin. Jetzt will man, wenn
Informationen aus den' Ministerien richtig ™b, allmählich die Beamten in den Höch st en Verwaltungsstellen um 10 Prgzent vermindern. Dazu kann man, wenn man die unvoreingenommen und ohne Parteileiden- Kaft überdenkt, nur sagen, daß, wenn ein solcher ■abbau möglich ist, diejenigen verantwortlich zu Wochen wären, welche die Verwaltung in früherer yttt so hoch aufgebläht haben. Die ebenfalls erörterte Frage, ob man das Dienstalter der Be- "W*1 wieder heraufsetzen und bis auf 68 Jahre N°hen solle, wird in manchem, der sich an die «ampfe erinnert, die seinerzeit wegen der Herab- letzung des Beamtendienstalters geführt wurden, 12L ironisches oder bitteres Lächeln wecken. Am isüeuchtendstien wird noch der dritte Vorschlag «in- die Pensionen bei gewissen sogenannten Doppelverdienern zu kürzen.
. Bei allem, was hier vorgeschlagen wird, ist von Er schweren Notlage des Reiches auszugehen, oine Regierung würde aus dem Bedürfnis her- en5, oon sich reden zu machen, oder den starken e ?nn Zu spielen, an so schwierige Dinge heran- <.en’ wenn ihr nicht wirklich die Not auf den . ern brennte. Aber diese brennende
, * ist nicht wegzudiskutieren. Es ist ja bezeich- - °> daß auch eine Herabsetzung der läge« LJ ° e r für bte Abgeordneten erwogen J5. auch aus Abgeordnetenkreisen befürwortet
, Ferner denkt man daran, die Zahl der i^lainentnrier zu verringern, und zwar nicht nur btn w sondern auch in den Ländern und in o Gemeinden. Man wird, trenn man unbefan- Jfenh ’ äugeben können, daß hier grundsätzliche ^.l^rungen möglich sein müssen, ohne daß die De- fort te darum Schaden litte. Freilich taucht so- sll e’n neues Gespenst auf: Ein Gesetz mit su» En Aenderungen wäre sicherlich verfas» «em? L° " dernd. Es müßte sich zu ihm also, H,-" *'c?on die gegenwärtige Regierungskoalition
i ■ttäre' noch eine große Partei bekennen. Die »Lotaldemokratie hätte hier eine (Belegen»
' uni Zu .zeigen, daß es ihr nicht auf Agitation
Der Rhein wird frei.
Die mit der Annahme des Poungplanes durch die beteiligten Völker verbundene Vereinbarung, daß bis zum 30. Juni 1930 die besetzten Gebiete des Rheins und der Pfalz geräumt werden sollen, wird eingehalten. Die Quertreibereien französischer Generale haben sich nicht durchsetzen können. Die französische Regierung hat den Befehl zur Räumung der besetzten Landfläche erteilt, und nun verlassen seit einer Reihe von Tagen die französischen Truppen nach und nach das "Gebiet, in dem sie zwölf Jahre auf Grund eines in der Weltz- aeschichte einzig dastehenden Gewaltfriedens gelegen haben. Fast alle größeren Plätze sind schon heute von fremden Soldaten frei. In vielen Orten ist ein sogenanntes Abwicklungs-Kommando zurückgeblieben, aber es ist sicher, daß sich am 30. Juni der Alp, der zwölf Jahre auf dem Rheingebiet und auf Deutschland gelastet hat, lösen wird. Der Rhein wird wieder frei und ein deutscher Strom.
Es ist keineswegs so, wie ein naiver, allzu naiver Artikel int Watin in diesen Tagen es darzustellen suchte, daß die rheinische Bevölkerung die Franzosen betrübten Herzens scheiden sehe. Wir wollen sagen, wie es ist: Vor zehn und weniger Jahren noch konnte man feststellen, daß sich das Gefühl der Rheinländer derb, nicht ohne Humor, aber auch wahrhaftig nicht ohne Grimm in die Worte kleidete: ich möchte nicht der letzte Franzose fein, der das Rheinland verläßt! So war es nicht mehr. Der Rheinländer hatte sich, so kann man sagen, an die ungebetenen Gäste gewöhnt. Er wußte, was vor 12 Jahren auch nicht absolut sicher schien, daß sie einmal a b z i e h e n würden, und es ist wiederholt im Verlaufe des diplomatischen Ringens zwischen Stresemamr und Entente-Vertretern auffällig bemerkt worden, daß gerade aus dem Rheinland die einmütige Auffassung kam, man würde lieber noch länger den Druck der Besatzung ertragen, als sich zu politischen Zugeständnissen
und parteipolitische Gewinne ankommt, sondern aus die Erfüllung staatspolitischer Forderungen.
Schließlich unb enblich wirb ber Gebanke eines Notopfers wiederum erörtert. Man wirb ihn als Patriot bejahen dürfen, wenn seine Durchführung so gesichert wirb, baß nun nicht etwa nur diejenigen opfern müssen, die ber Staat irgendwie in der Hand hat und die meist noch am wenigsten in der Sage sind ein Opfer zu bringen, sondern daß allezu beweisen haben, daß es ihnen ernstlich um die Erhaltung des Reiches und um die Sanierung seiner Wirtschaftsverhältnisse zu tun ist. Es dürften also nur die wirklich ganz kleinen Leute mit nachweislich ganz geringfügigen Einkommen geschont werden, wobei man sich über die Grenze dieses Einkommens einigen könnte.
Wenn nicht alles täuscht, wird es um diese Vorschläge, mögen sie in der einen oder in der anderen Form kommen, schwere parlamentarische Kämpfe geben. Möchte es in ihnen nur ein einziges Motiv geben: Sachlichkeit.
Tardieu muffoliniert
Die mit großem und nicht ungeschicktem Trara angekündigte Sonntagsrede des französischen Ministerpräsidenten Tardieu in Dijon war in erster Linie darauf abgestellt, Frankreich und der Welt Tardieu als den starken Mann zu präsentieren, den Frankreich braucht. Man kann es ihm nicht verdenken, wenn er der Ansicht ist, daß Frankreich einen solchen Mann brauche unb daß er dieser Mann sei, und man kann es Frankreich nicht verdenken, wenn es nach einem solchen Mann Ausschau bält in einer Zeit, wo eine bedenkliche Isolierung Frankreichs immer stärker zutage tritt und die Beziehungen zu seinem stärksten unb ehrgeizigsten Nachbarn sich von Tag zu Tag verschärfen. Man braucht sich mit dieser Tatsache nicht weiter zu beschäftigen; sie liegt klar vor aller Augen und es genügte vollkommen, wenn Tardieu sich daraus beschränkte, im Hinblick auf 3ta- lien zu sagen, Frankreich brauche nicht unruhig
zu sein und könne auf leere Großsprecherei verzichten. Die Wendung, mit ber Tardieu den Vorwurf der Abrüstungsgegnerschaft abzubiegen versuchte, indem er für die Aufrechterhaltung der Rüstungen plädierte, die lediglich einer umso unbedingteren Sicherung des Friedens gelten sollten, war nicht ungeschickt, da sie die Tendenz zur Bildung umfassender Staatsgemeinschaften und ihrer Gesamtsicherung einbezog, — sie kann auch kaum von italienischer Seite gehässig aus gelegt werden; bestimmt nicht so gefährlich, wie Mussolinis Florenzer und Mailänder Reden über das entsprechende Thema. Wenn man trotzdem behauptet, daß Tardieu mit seiner letzten Kundgebung „mus- solinierte" so bezieht sich diese Andeutung in erster Linie auf Tardieus Pläne zur innerpoliti - s ch e n Reorganisation. Insbesondere scheint feine Idee der Stellungnahme des Staates gegenüber den Interessen, Ansprüchen, Rechten und Pflichten der großen Wirtschaftsorganisationen stark von Mussolini beeinflußt zu sein. In ein System gebracht läßt sich das, was Tardieu in dieser Beziehung gesagt hat, kaum anschaulicher illustrieren, als durch den Hinweis auf Mussolinis Ständeparlament. Da Tardieu vorsichtig unb klug genug gewesen ist, alle diese Erklärungen in einem verhältnismäßig gedämpften und zurückhaltenden Ton abzugeben, kann man es verstehen, daß ein außerordentlich großer Teil der Presse ihn nun auch programmäßig als den „starken Mann" feiert. Selbst die Radikalen wissen nicht recht, wie sie sich verhalten sollen, denn Grund zur Opposition hat ihnen Tardieu in seiner Rede wirklich nicht gegeben. Dafür empfinden sie immer peinlicher die ständige Pergrößerung des Risses zwischen sich und den Sozialisten, die im Augenblick in erster Lime Wert darauf legen, die abbröckelnden Teile ber kommunistischen Partei aufzufangen. Bestätigen sich die Hoffnungen, die Tardieu an das Einströmen ber 100 Millionen Dollar aus der Poung- Anleihe nach Frankreich knüpft, so kann man im Augenblick wenigstens seiner so pompös inszenierten Kundgebung keine schlechte Prognose stellen.
„(fotmilitotifietimg der Well-Wanz." Eine neue Sorge für den Reichsfinanzminister.
wtb. New Park, 2. Juni. (Eig. Meldg.). Reuter. Der Finanzmann Sir Josiah Stamp hielt auf einem Festessen eine Rebe, in ber er u. a. sagte, bie Verwicklungen der modernen Finanz- nnd Wirtschaftsfragen bilden die große Gefahr für ben Weltfrieben. Die internationale Finanz muß burch Verzicht auf Worte wie „Wiedervergeltung" oder „Reparation" entmilitarisiert werden. Der Redner wies daraus hin, daß es keine vereinbarten Mittel zur Behandlung verwickelter und heikler Fragen des internationalen Finanzausgleichs gebe. Die B. I. Z. werde sich vielleicht zu einem Apparat für die Koordinierung unb Kontrolle dieser sich ständig wandelnden Dinge entwickeln.
100 Mi«. Rm. für die V. 3. A.
Line unerwartete Mehrbelastung für ben Reichs- Haushalt.
CNB. Frankfurt, a. M., 3. Juni. (Eig. Melb.). Die Einlage, die die Reichsregierung nach der Anlage 3 des Haager Abkommens an die Bank für den internationalen Zahlungsausgleich zu entrichten hat, ist, wie die Frankfurter Zeitung erfährt, heute bei der „B. I. Z." geleistet worden. Die Einlage soll — unverbindlich — 50 Prozent des Durchschnittsguthabens der Reparationsgläubiger betragen, 100 Mill. Rm. aber nicht übersteigen. Da b!e
Mindesteinlage, welche die Gläubiger zu entrichten haben, nach der Anlage 8 des Haager Abkommens 125 Mill. Rm beträgt, hatte man in Berlin mit einer Einlagepflicht von etwa 60 bis 65 Mill, gerechnet, und dementsprechend im neuen Etat einen Betrag von 65 Mill, reserviert, allerdings mit dem Vorbehalt, daß er je nach den tatsächlichen Erfordernissen auch erhöht werden könne. Da der Generalagent, wie sich aus seinen letzten Abrechnungen ergab, im Monat Mai offenbar auf einen besonders hohen Saldo Gewicht legte, hat der monatliche Durchschnittsbetrag rund 205 Mill. Rm. erreicht. Infolgedessen hatte die Reichsregierung heute nicht 65 Mill., sondern volle 100 Mill. Rm. als Einlage an die B. I. Z. zu zahlen. In den kommenden Monaten wird die deutsche Einlage auf den halben Durchschnittsbetrag der Gläubigergut- baben in den vorausgehenden Monaten abgestimmt und man erwartet, daß bann ein Teil ber heute gezahlten Einlage wieder an das Reich zurück fließen werden, weil sich die Treuhänderguthaben senken werden, so bald die B. I. Z. ihre volle Tätigkeit aufgenommen hat. Immerhin war es für die Reichsregierung keine angenehme lieber« raschung, die statt der erwarteten 65 Mill, nunmehr für eine Zeitlang 100 Mill. Rm. zu zahlen, dies umsomehr, als der Rest des Reserve-Fonds des Reichsetats von 35 Mill. Rm., ursprünglich als Deckung für andere Ausgaben des außerordentlichen Haushalts in ben Etat eingesetzt worden war.
bereit finden, die Deutschlands Fesseln noch enger schnüren könnten. Der Rheinländer wartete auf den Tag der Befreiung, aber er wartete mit Geduld. Von Betrübnis kann weiß Gott keine Rede sein. Was man in der Nheinprovinz und in Hessen und in der Pfalz empfand, war das Gefühl einer erbitterten Gleichgültigkeit, die geflissentlich an den Trägern fremder Uniformen vorbei sah und sich höchstens einmal in dem Seufzer Luft machte, daß diese einzelnen Soldaten und Gendarmen ja schließlich nur höhere Befehle ausführten. So sah und sieht das hetrübte Gefühl aus, von dem bet „Ntatin" faselt.
Der Rheinländer ist friedlich und neigt einem weitherzigen Weltbürgertum zu. Er weiß, daß er auch westlicher Kultur viel verdankt und daß manches, was ihn in östlicheren deutschen Gauen gelegentlich in ein unklares Licht gebracht hat, auf seine großzügigere Art her Weltbetrachtung zurückzuführen ist, die mit nationalistischer Engbrüstigkeit nichts zu tun haben will. In ihm besitzt auch der Gedanke der Völkerverständigung einen beredten Anwalt. Er grollt auf Frankreich und Belgien nicht, die am längsten sich in den Desatzungsheeren wohlgesühlt und ihm die bitteren Stunden der Unfreiheit verlängert haben. Aber trotzdem wird über diese 12 Jahre noch manchmal zu sprechen fein. Was das rheinische Volk in ihnen gelitten hat, läßt sich ja in wenigen Sätzen kaum anbeuten. Wir erinnern an die beleidigende und demütigende Art, mit der im November und Dezember 1918 die Besatzungstruppen in die rheinischen Großstädte einzogen. Daß damals rheinische Oberbürgermeister mit dem Hut in der Hand vor den Toren ihrer Stadt den neuen Machthabern ihre Aufwartung machen mußten, ist noch nicht vergessen und kann geschichtlich niemals vergessen werden. Es steht auch noch in der Erinnerung von Hunderttausenden, wie in den ersten Besetzungstagen einzelne Trupps fremder Soldateska plündernd durch rheinische Städte zogen, so daß
sie von anderen Soldaten entwaffnet werden mußten. Und wer zählt die Schikanen, mit denen friede liche Verwaltungen, ja völlig unbeteiligte Einzelbürger drangsaliert wurden, weil es sranzösischen und belgischen Offizieren gefiel, sich als «Sieget anfzuspielen. Es ist damals vieles passiert, worüber nie eine Zeile in die Öffentlichkeit gedrungen ist, es ist aber anzunehmen, daß einmal die E c - schichte dieser Desetzungszeit in verbrieften Einzeldarstellungen die Welt darüber aufklären wird, wie im Zeitalter des Selbstbestimmungsrechtes, der Völkerverständigung und des Minderheitenschutzes, der Abrüstung bis an die Zähne bewaffnete «Soldaten sich einem hilflosen Lands gegenüber benehmen durften. Vom Ruhrkampf, der sich ebensalls am grimmigsten im Rheinland abgespielt hat, wollen wir nicht reden. Noch heute steigt jedem, der, wenn auch völlig passiv, dabei gewesen ist, die Erbitterung hoch in Erinnerung an die Gewalttätigkeiten, ja Unmenschlichkeiten, die unter der Aegide Poincares damals ein aus hundert Wunden blutendes Land vollends in die Knie zwingen sollte. Es ist Nicht gelungen.
Der kühne Trotz des Rheinländers, von dem vor 120 Jahren Joseph Eötres gesprochen hat, ist auch 100 Jahre nach den napoleonischen Ereignissen nicht gebrochen worden. Friedsam und unerschütterlich in seinem Lebenswillen hat das Rheinland die zwölfjährige Knechtschaft getragen unb trotz ihr noch vielfältige Werke wirffchaftlichen und kulturellen Wiederaufbaus errichtet. Es mag fein, daß mancher Franzose heute beim Abzug, aus dem schönen Lande solche Gefühle empfindet, wie der „Matin" sie den Rheinländern andichtet. Das wäre begreiflich. Wir wollen aber hoffen daß der Tag kommt, an dem auch der letztr Bürger Frankreichs zu der Ueberzeugung gelangt daß diese Besetzung, wenigstens in ihrer langest Dauer, ein weltgeschichtliches Unrecht war und daß es die Ausgabe jedes europäisch Fühlenden sein muß, sich dafür einzusetzen, daß solche Vorgänge in ihren kriegerischen Voraussetzungen, wie in den haßerfüllten Folgen des Völkerkampfes, unmöglich werden. . /
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Wie Havas aus Mainz berichtet, haben bie letzten Flugzeuge des 33. am Rhein stehenden Fliegerregiments^das Rheinland verlassen unb Mainz überflogen. Sie sind auf folgende neue Garnisonen verteilt worden: Tours, Nancy, Cha-, teauroux und Chalons.
* Gegen den wissenschaftlichen Krieg. Die „In- ternationale Frauenliga für Frieden unb Freiheit" veröffentlicht einen Aufruf, um Unterschriften für ein Begehren nach allgemeiner unb totaler Weltabrüstung zu sammeln. Es bebeutet dies eine gewaltige Aktion für bie Aechtung der Kriegsmittel. Warnend erhebt die Liga ihre Stimme, weil ganze Völker in Gefahr sind. Schwerste Anklagen gegen Krieg unb Entfachet bes Krieges stehen ihr in ihrem Kampf gegen ben wissenschaftlichen Krieg zu Gebote: Feuer, Gift unb Bakterien werben in einem neuen Krieg große Teile auch ber Zivilbevölkerung ausrotten; Bombengeschwader werden Dörret und Städte zerstören; Krieg bedeutet den Rum der Industrie; Giftgase vernichten jeden menschlichen und tierischen Organismus, vergiften Wasser; Feuerbomben von 3000 Pfund Celsius werden schließlich die Vernichtung alles Lebenden herbeiführen. Hervorragende Führer in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben sich bereits eingezeichnet. Wir sind überzeugt davon, daß auch in Deutschland der überaus große Teil des Volkes seine Unterschrift zur Verfügung stellen wird, für bie Aechtung der Kriegsmittel, zur Verhinderung neuen unmenschlichen Kriegführens.
* Die Ernennungen im auswärtigen Dienst. De. Herr Reichspräsident hat die in Aussicht genommenen Ernennungen für die Botschafterposten in London und Rom sowie für den Posten des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes nunmehr vollzogen. Boffchaster Sthamer in London wirb am 1. Oktober d. I. in den Ruhestand treten. Zu seinem Nachfolger ist der Boffchaster in Rom, Frh.-von Neurath, zum Boffchaster in Ränder Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, vor Schubert, und zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes der Dirigent Bernhard von Bülow ernannt worden. Herr von Schubert wird die Geschäfte des Staatssekretärs feinem Nachfolger in der zweiten Hälfte des Juni übergeben
* Pros. Dr. Raedetscheidl lehn! den Neußei Oberbürgetmeistetposien ab. Der Bonnet Made- miedirektor Prof. Dr. Raederscheidt hat den ihm von der Zentrumsfraktion in Neuß angebotener Oberbürgermeisterposten mit der Begründung ab gelehnt, daß er weiterhin seine ganze Kraft d« Lehrerausbildung widmen wolle.
Der Grenz-Zwischenfall.
Die polnische Presse unter Führung ber amtlichen „Gazeta Polks" beschäftigt sich eingehend mit dem Grenzzwischenfall von Neuhöfen und sagt, daß auch die polnische Regierung und die Oeffent- lichkeit mit Ungeduld bas Ergebnis der Untersuchung abwarten. Der verhaftete Pole Bydzinski ei nicht Chef des Spionagedienstes, ändern Gtenzkommiffar in Tzersk. ' Wie wir von unterrichteter Seite hierzu erfahren, ist bei der Mitteilung an bie beutfche Presse insofern ein tatsächlicher Irrtum unterlaufen, als bie Orte Dirschau (polnisch Tczew) unb Tzersk verwechselt würben. Es ist baburch ein falscher Einbruck in ber Oeffentlichkeit entstauben, ba man aus ber Meldung schließen konnte, daß es sich bei dem verhafteten Polen um ben Chef des ge-