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Fuldaer
v Rund um die Woche.
Veuckuermesse. — Hans Jürgen Nebk Marren. — Jakob, der Chauffeur. Sinder. — Demokratie. — Puderquaste.
Habe heute die F-Moll-Mcsse von Bruckner aebört. Wie kann ich da noch eine Wochenplau- ?erei schreiben? Für eine Weile versinkt einem alles vor dem Hauch des Ewigen, der aus solch einem Kunstwerk einen umweht. Paradiese leuchten auf, die es heute nur in der Kunst noch gibt. Kindheit, Gotteskindschaft, werden lebendig und strahlen einen an mit seligen Augen. Hoch über den Dingen schwebt man dahin und fragt nicht viel nrehr danach, ob nun Tschiangkaisä>ek oder die Nordarmee Sieger geblieben ist, ob wir heute noch den Sprechchor eines Parlaments haben oder morgen ein Direktorium, wie ich es heiß erwarte, ob der Panzerkreuzer ein Jahr früher kommt oder später, ob ein Verbrecher mehr in den unheimlichen Krematorien der Unterwelt von Ehikago verbrannt worden ist oder einer weniger, ob Tante Mimi Vorsitzender ist oder Fräulein Stine, ob Paneuropa wird oder nicht wird, ja sogar ob Herr Frick glücklich in Berlin eingetroffen ist oder nicht. Gleichgültig ist das alles. Ewige Kunst spricht. Sie spricht vom Allein-Wertvollen. Sie spricht vom Unvergänglichen. Sie läßt das Wogen der Gefühle van Frühling, Sommer, Herbst und Winter anbranden an die Gestade, wo der Friede wohnt, wo Gott ist, wo das Unsichtbare in kristallener Herrlichkeit ragt.
Fast mache ich mir Vorwürfe, lieber jedem Genuß vergißt man so leicht da« Leid derer, die cn ihm nicht teilnehmen können. Wohnte ich da neulich in einer Familie, und die Jungens standen um mich herum. „Was schreibst du da?" fragt Hans Jürgen. „Kind", sage ich, „das ist ein Brief an einen armen Studenten, der nicht weiß, wie er sein Semestergeld bezahlen soll." Hans Jürgen beruhigt sich und klebt die Marke auf. Wie Kinder so sind, fragt er bald wieder: „Was schreibst du da?" Ich darauf: „Kind, dos ist ein Brief an einen Schriftsteller, der am Verhungern ist." Hans Jürgen rührt das nicht. Er klebt die Marke auf. Und wieder die Frage: „Was schreibst du da?" Ich sage: „Kind, das ist an eine Mutter von acht Kleinen, deren Vater heute stellenlos ge- wcrden ist." Hans Jürgen klebt die Marke auf. Ach, könnte ich die alle in eine Brucknersymphonie führen! Irgendetwas würde aufleuchten in ihrer noch so gequälten Seele. Irgendein Wissen darum, daß es doch noch Schönheit gibt, Vatergüte, ewige Liebe.
Jakob sitzt unentwegt neben mir am Steuer des Auws. Es zeigt der Weiser über 90 Kilometer. Jakob ist ein frommer Mann. Er betet sehr viel zu den armen Seelen. Die haben ihn niemals verlassen. Oft ist er abends todmüde. Aber die armen Seelen lassen ihm keine Ruhe, bis er feine drei Vater unser gebetet hat. Und wenn Jakob, der Chauffeur, der schon manche Exzellenz gefahren hat, betet, dann ist es etwas ganz Außergewöhnliches. Dann hat der Himmel Respekt zu haben, um so eher die armen Seelen. Sie haben ihn niemals verlassen. Nicht einmal, wenn der Wagen auf der glatten Chaussee tanzte. Seinen Wagen liebt Jakob und putzt ihn, als wärs ein Elück von ihm. Glaub nur nicht, daß dieser Jakob im Norden lebt. So etwas zu finden, muß man zum Süden gehen, wo es noch knorrige Eigenständigkeit gibt, die sich den Schnurbart dreht wie es ihr gefällt. Diesem Jakob täte eine Bruckner- neffe gut. Er würde, glaube ich, eine Lieche entdecken, die er doch noch nicht kennt. Wundervoll
Sr. 126.
Zonnlag, den 1. Ium 1930.
solche Menschen. Der könnte nach Berlin gehen und bliebe doch brav. Aber das Kindchen im Augapfel, das fehlt ihm noch ein wenig, ist er immerhin ein herrlicher Mensch, Jakob, der Chauffeur.
Wer wird sich bet einem Chauffeur lange aufhalten? Der fliegt doch durch die Gegend. Ich sitze längst bei dem jungen Freund, der übrigens schon eine Familie begründet hat. Ein feierlicher Akt ist da vor kurzem vor sich gegangen. Es hat der gestrenge Vater seinem Sohne den Stock vererbt, damit er ihn weiterführte in der Aufzucht des kommenden Geschlechts. Dieser Stock war nicht mehr ganz heil, wie jedermann leicht verstehen wird. Aber die Arbeit, die er geleistet, stand doch als vollendeter junger Familienvater da, dem der Großvater in aller Ruhe sagen konnte: „Führ ihn weiter, aber sei ein wenig milder, als ich es gewesen bin." Sollte man solche Reliquien nicht sammeln? Sollte man f?e nicht bergen in einem kostbaren Schrein? Besser, er leistet seine Arbeit weiter. Wer sein Kind liebt, der gibt ihm die Rute, und wer sie ihm spart, der überliefert ihn dem Prügel des Lebens, der gar hart mit den Muttersöhnchen verfährt, die niemals die Rute gespürt haben. Irgendwo trifft es einen doch.
„Hans Jürgen, was willst du werden?" Pfarrer natürlich. „Warum?" „Weil es so schön ist, den Segen zu geben." Das hat Hans Jürgen gut gesagt. Nun kommt der kleinere Bruder dran: „Was willst du werden?" Der sagt gerat) und klar: „Erzbischof." Ich darauf: „Slber warum denn gleich Erzbischof?" Der Kleine ist schlau. Denn «ach der Theologie sind die Bischöfe im Zustand der schon erreichten Vollkommenheit, während die andern Gläubigen noch auf dem Wege dazu sind. Der Kleine hat also recht, wenn er meint: „Ein Erzbischof sündigt nicht mehr." Der dritte wollte Schlachter werden, weil dann seine Mutter das Fleisch billiger kaufen könne. Ach, ihr prächtigen Jungen! Ihr könnt so bleiben. Ich bin im Paradies. Wie man es sonst nur noch hat im Gärtlein hinter dem Hildesheimer Dom, wo der tausendjährige Rosenstrauch blüht oder eben bei einer Brucknersymphonie, von der die gelehrten Musikanten mancherorts immer noch nichts wissen wollen. Was weiß auch ein Gelehrter vorn Paradies, von Schönheit, vorn Leben und von all dem, was Kinder wissen!
Ein Herr spricht zu mir, dem ich seinen Reichtum gönne. Er versteht etwas vom Geschäft und hat außerdem noch Idealismus. Er erzählt mir natürlich von den Steuern, die er zahlen muß. Es sind 83 Prozent der Steuern, die überhaupt von jener Gemeinde aufgebracht werden. Das ist soweit gut, aber ein bodenloser Irrsinn ist es, daß über die 83 Prozent dieser Steuern Leute entscheiden, die so gut wie überhaupt nichts zahlen. Sie legen mit diesen 83 Prozent Tennisplätze an ober richten Schulen für Halbidioten ein. Das nennt man auf deutsch Demokratie. Das souveräne Volk beschließt über die Verwendung von Summen, die es selber nicht verdient hat. Ich werde nun endlich auch Demokrat und halte mir einen Industriellen, über dessen 83 Prozent ich verfüge. Wenn es auf die Weise nicht gelingt, werde ich Sozialdemokrat und bewerbe mich im Namen der Gleichheit um eine Direktorenftelle an einer Bank . . . Alles das geht mir in den Pausen der Bruckner-Messe durch den Kopf. Aber es versinkt in eine Nichtigkeit. Zwei Zonen gibt es, die des Ewigen und
AeUung
allen Reu-
tommer ge«
Der Schauplatz des GrenzZwifchenfalls
Der Würger von Düsseldorf.
Wettere Geständnisse des Massenmörders Kürten.
Auch bei feinen weiteren Vernehmungen gab der in Düsseldorf verhaftete Massenmörder Kürten auf alle Fragen bereitwillig Auskunft und hielt auch nicht mit Angaben zurück, die ihn außerordentlich schwer belasten. Eine innere Bewegung hat er bisher bei keiner Tatschilderung gezeigt. Er schildert den Kindermord in Felehe (Lenzen- Hamacher), die Fälle Ida Reuter, Elisabeth D ö r r i e r und Frau Heinrich W a n d e r s in der gleichen eingehenden Weise wie in den früheren Fällen. Der damals in Flehe gemachte Fußabdruck konnte als zu einem Paar Schuhe des Kürten gehörig identifiziert werden.
Im Falle Ida Reuter erscheint Kürten dadurch überführt, daß er Zustand und Lage seines Opfers beim Verlassen des Tatortes in einer Weise
as Pertrix-Fabrlkalc, sowie Taschenlampen und Anoden batterien, stets frisch.
Fahrrad-Faulstich, jetzt Karlstraße.
ist Kurten hatte mehrere Stellen bez-ichnet, wo er selbst Kleidungsstücke der Dörner verborgen hatte. Weiter war seinerzeit im Falle Dörner, ebenso wie im Fleher Kindermord, ein einzelner Fuhabdruck am Tatort gesichert, der jetzt auch als von Kürten herrührenü identifiziert werden konnte.
Im Falle der Ehefrau Wanders zetgten sich gewisse Widersprüche. Die Richtigkeit der Anga- den des Kürten ergab sich aber ohne weiteres daraus, daß Kürten den Tatort bis ms einzelne schildern konnte, und daß ihm der Hammerstiel etwas unter dem eisernen Hammerkopf abgebrochen und daß das abgebrochene Stück im Bogen tn das Gebüsch in den Hof garten geflogen sei. Sofortige Nachforschungen führten zur Auffindung dieses Hammerstücks. Eine von Kürten gemachte Zeichnung dieses Stückes stimmte mit dem aufgefundenen Hammerftück überein. Kürten erklärte, daß das gefundene Stück zu dem von ihm Nicht nur im Falle Wanders, sondern auch in der ter, Dörrier und Meurer benutzten
schilderte, die dem objektiven Tatbestandentspinch. Weiter hat Kürten angegeben, das "Dportkoffe chen" der Reuter nach der Tat über eine Wuer in einen Hausgarten geworfen zu haben. Dies Köfferchen ist bereits vor längerer Zett tn dem Garten gefunden und als Eigentum der Reuter er-
Dörrier ist die DewÄMh- rung völlig unabhängig ?on .dein ^Geständnis Kürtens gelungen, da ent Stuck P^äbesatz mtt Stoff des Mantels der Dörner gefunden worden
2. Blatt
Druck der Fuldaer Actteudruckerest Fulda
die des Zeitlichen. In der zeitlichen ist alles einerlei. Im Ewigen aber ist es klar und schön. Der Lenz ist da und läßt feine Maßliebchen, feine Stiefmütterchen, seine Schlüsselblumen blühen. Die kümmern sich nicht um Partei und Politik, um Geschäft und Schacher. Sie blühen halt, eben darum. ,
Und da ich heute gut aufgelegt bin, so werde ich auch jenem Herrn, der für seine Kirche bettelnd mir ein paar Bleistifte geschickt hat, das Paket bezahlen. Wie ich höre, hat er der Nachbarin eine Puderquaste zugesandt, einfach unter Nachnahme. Der Zweck heiligt die Mittel, unter anderm also auch eine Puderquaste . . . Ach, wie die Welt mir gleichgültig geworden ist mitsamt ihren Ministerpräsidenten und Puderquasten. Die Seele ist voll von himmlischen Melodien. Welch ein Licht strömt auf die Erde. Welch gewaltige Akkorde rauschen ein Lied der Liebe um uns immerfort. Wir haben ein Paradies verloren und suchen es uns wieder. Das ist die Geschichte der Menschheit.
Der Mann im Monde.
höre.
Bäder und Kurorte.
— Bab Salzungen. Bis heute waren 391 Kurgäste hier eingetroffen.
Das Paßkontrollhaus Neuhöfen
in dem zwei polnische Grenzoffiziere, die die Grenze auf ein Scheinangebot von deutscher Seite hin zu Spionagezwecken überschritten hatten, verhaftet wurden. Die Offiziere suchten sich durch
an der deutsch-polnischen Grenze,
Pistolenfeuer der Verhaftung zu entziehen, wöbet einer von ihnen getötet wurde, während der ändert nach dem 500 Meter entfernten Zollhaus-Grabau in sicheren Gewahrsam gebracht werden konnte.
Qasthof„ZuniKarpfen“
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Ausschank der beliebten hiesigen Unionbiere, Löwenbräu und Dortmunder
Reichhaltige Speisekarte. — Bekannte gute Küche.
Meine Schutzmarke
QuaMf undPrelswttriliSkeit.
Joseph Schmitt, Fulda,
Weingroßhandiungf.
ff
■ irr ®Da raff^e den langen Wahlumschlag und die beiden ulustrierten Zeitungen zusammen und legte sie aufs ®ofa. Sie warf einen Blick auf die Titelbilder, wäh- kend es ihr war, als hörte fie Peter leise fluchen.
„Was gibis denn, Peter?" fragte sie aufsehend.
■ „Cs ist schon wieder in Ordnung", antwortete er. "w) Habs gesunden. Du hast diese blöden Zeitungen ?ur den Umschlag mit den Geheimpapieren gelegt, von f.enen ich dir heute nachmittag erzählt habe. Ich hatte 9erabe aus dem Safe herausgenommen und dachte, *“) hätte sie verlegt."
„Tut mir so leid, Peter. Ich meinte, das wären die 01«n Wahllisten."
t . „Himmel, nur noch fünf Minuten, und ich muß mich noch umziehen."
M. "Ich will mich auch sertigmachen und dich zum Bahn- sohren. Bis zum letzten Augenblick möchte ich doch | Etwas von dir haben."
t ^-'Schün, Eva!" rief er schon von der Treppe zurück. "df*r mach schnell, sonst reicht es nicht mehr."
: , Ter Schneesturm hatte nachgelassen, und der Wind Mte nur noch in schweren, unregelmäßigen Stößen j~er die Heide. Neun Meilen, die sie bis zum Bahn- rj *n Sallin'arig zurückzulegen hatten. Eva saß selbst J? Steuer. Sie haßte es, von Peter getreten zu fein, m'Z beute war es ihr noch außerdem, als laste das . irgendeiner Gefahr auf ihr. Sie suchte es ab» Ichutteln und in dem, was sie sprach, nichts davon auf» cmmen 3U lassen. Doch als sie sich der 'kleinen Stadt Werten, wurde es stärker als ihr Wille.
, --Ich wollte, du müßtest nicht fort", sagte sie.
"Zu dumm. Cvakind! Aber lang werde ich ja nicht usbleiben. Freilich, vor der Sitzung zurückzukommen, pZ . "un keinen Sinn, auch wenn ich Zeit hätte, wo- W ich sehr zweifle. Aber sowie es geht, komme ich. ^ülrscheinlich schon am Tag nach der Sitzung. Es :ft
Die kleine Eva.
Roman von C. Fraser-Simson.
Berechtigte Uebersetzung von H. Steinitzer. Deutscher Recht beim Verlag Georg Müller in München.
ja furchtbar einsam für dich, so allein hier droben. Wenn ich nur irgend jemand wüßte, den ich dir zur Gesellschaft schicken könnte."
„Das Alleinsein macht mir nicht die geringste Sorge, aber ich fanns nicht leiden, daß du heut wegmußt. Du wirst mich für kindisch halten, aber ich habe — Angst."
„Angst?! Ja, um Himmelswillen, wovor denn?" „Ich weiß nicht — ich fanns dir nicht erklären. Wahrscheinlich nur, weil ich wirklich kindisch bin. Nun, da sind wir ja."
Die Schlafwagen waren nicht voll, und Peter er- hielt ohne Schwierigkeiten einen Platz. Eva begleitete ihn in den Zug, und als sie in seinem Abteil waren, schloß er sie in die Arme und küßte sie.
„Beunruhige dich nicht, Liebling", sagte er. „Du weißt nicht, wie du mir abgehen wirst. Aber ich weiß, was ich an dir habe."
Seine Worte rührten sie und sie merkte sie sich, um sie später hervorzuholen, wenn sie allein war. Für den Augenblick gaben sie ihr Wärme und Trost. Wenn die Männer wüßten, welche Freude sie ihren Frauen mit solchen unerwarteten, aber aufrichtigen Zärtlichkeitsaus- brüchen machen, würden sie damit kaum so sparsam sein. Aber dann würden sie vielleicht Wert oder Aufrichtigkeit oder beides einbühen. Und so ist ihre Seltenheit möglicherwe'se doch einer der wenigen unbewußten männlichen Schachzüge; eine Waffe gegen die vielen bewußten der Frau.
Eva gab den Kuß zurück und drückte Peter eine Sekunde an sich, als fürchtete sie sich vor dem, was zwischen dem Jetzt und ihrem nächsten Wiedersehen liegen könnte.
„Leb wohl, Liebster", sagte fie. „Und gib acht auf dich, meinetwegen."
Nun stand sie wieder auf dem Bahnsteig, und Peter streckte den Kopf aus dem Fenster.
Den ganzen Zug entlang ging es ähnlich zu. Es kam Eva vor, als gäbe es nur Abschiede auf der Welt. Nur der Herr am nächsten Fenster schien niemand zu haben, der sich um ihn kümmerte. Der arme Kerl, dachte Eva.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung. Peter hielt ihre Hand noch einen Augenblick fest in der feinen.
„Schick mir gleich morgen Nachricht", rief fie, während er allmählich ihre Hand losließ.
„Selbstverständlich!" schrie er zurück.
Sie winkte mit dem Taschentuch, bis der Zug an der nächsten Biegung außer Sicht kam. Dann wandte sie sich um und wanderte mit einem Gefühl der Verlassenheit über den langen Bahnsteig auf den Platz hinaus. Schnell war sie wieder im Wagen und auf dem Weg nach Hause.
Er kam ihr länger vor als der Herweg, als Peter an ihrer Seite sah. Aber endlich lenkte sie doch in den Park ein und hielt vor der Tür. Langsam stieg sie die Steintreppe hinauf und ging ins Wohnzimmer. Im Kamin flackerte ein helles Holzfeuer, und daneben war der Tee hergerichtet. Aber der große Raum schien merkwürdig leer. Die Eigenart einer starken Persönlichkeit, die eben noch darin geweilt halte, fehlte. Dos Gefühl davon erzeugte in Eva eine eigene Stimmung der Rastlosigkeit. Da stand Peters Stuhl und schien ihn zu erwarten, und auf dem Nebentisch lag ein Buch, in dem er noch vor ein paar Stunden gelesen hatte.
Die Rastlosigkeit trieb Eva nach dem Tee aus dem Hause, obwohl es nun ganz dunkel war. Zwecklos ging sie im Park umher und bann noch ein wenig auf die Straße hinaus. Aber es war zu kalt, um lange draußen zu bleiben. So kehrte sie bald um und sprach nah im Pförtnerhaus vor, um sich nach der Frau des Gärtners zu erkundigen, die krank gewesen mar.
„Zu unangenehm", sagte Frau MacPhail, „daß der gnädige Herr so plötzlich weg mußte."
„3a, es ist langweilig, Frau MacPhail."
„Andrew wird so enttäuscht sein, wenn ers hört. Er meint, daß es dieses Jahr eine recht gute Jagd geben wird."
Andrew mar der Sohn von Frau MacPhail und Peters Jagdaufseher Er befaß ein kleines Stück Ackerland ein paar Meilen vom Schloß entfernt und mar darauf erpicht, feinem Herrn bei feinen spärlichen Besuchen zu einem guten Schußergebnis zu verhelfen.
„Der arme Andrew", sagte Eva. „Ich weiß, wieviel Mühe er sich gibt. Aber mein Mann wird ja in einigen Tagen schon wieder zurück fein."
„Hoffen wirs", meinte die Gärtnersfrau mit einem so sonderbaren Gefichtsausdruck, daß Eva fragte:
„Warum hoffen? Er kommt so bald er kann. Mir scheint, Sie haben wieder einmal mit der alten Ieanne zu tun gehabt. Hat sie ein Unglück prophezeit? Nein, ich will nichts davon hören. Ich glaube ja doch nicht daran, aber ganz aus dem Kopf bringen kann ichs auch wieder nicht, was sie daherredet."
„Gerade so gehts mir, gnädige Frau. Man muß dran denken, ob man will oder nicht. Immer kommt sie wieder und hinauswerfen kann ich sie doch auch nicht."
„Natürlich nicht, das arme Gefchöpf", jagte Em und stand auf. „Ich muß jetzt gehen, Frau MacPhail Hoffentlich machte Ihre Erholung Fortschritte. Also gute Nacht."
„Gute Nacht, gnädige Frau, und vielen Dank für Ihre Güte, daß Sie nach mir gefragt haben."
Der lange Abend ging langsam genug für Eva vorüber. Obwohl sie versuchte sich abzulenken, wurde sie doch ihrer Neugierde nicht Herr, zu missen, mas die alte Ieanne über Peter prophezeit haben mochte. Jetzt münschte sie fast, sie hätte die Gärtnersfrau danach gefragt. Selbstverständlich mürbe sie niemals an das törichte Geschwätz der Alten geglaubt haben. Sie lebte allein in ihrer Hütte, etma eine Meile vom Schloß Niemand kannte ihrer Vergangenheit, noch woher sie gekommen mar. Allmählich hatten sich die Leute daran gewöhnt, daß sie da mar, und nun gehörte sie schon seit Jahren zu den anerkannten Insassen der Umgegend. Sie mar unmahrscheinlich arm, peinlich sauber, und wo- von sie lebte, blieb ein Rätsel. Aber irgend etwas Unheimliches hing ihr an, und die meisten Leute hatten Angst vor ihr, wenn fies auch nicht Wort haben wollten. Dem Gerücht nach hatte sie Anfälle, in denen ihr die Zukunft offenbar wurde, und dasselbe Gerücht behauptete, daß nicht wenige ihrer Prophezeiungen eingetroffen waren.
Ein Abend voll gestaltloser Befürchtungen, die um bas alte Weib kreisten und Eva bald mit einem Buch ins Bett trieben. Sie wünschte jetzt, sie hätte die Jungfer angewiesen, während der Abwesenheit Peters auf dem Gang vor ihrem Zimmer zu schlafen. Es war so ungemütlich: allein in dem Stockwerk und kein Mensch in Rufweite.
Aber energisch schüttelte sie solche Gedanken von sich und war bald eingefchlafen. kFortsetz. folgt.)