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Ilr. 126

Beilage zur Fuldaer Zeitung

1. Juni

Dors am Mittag.

Kaum lebt ein Laut; die Linden blühen, umlodert tief vom grellen Mittagsschein, die Straße gleißt, die weißen Häuser glühen, der Ginster züngelt gelb am Gartenrain.

Nur manchmal tönt vom Schulhaus Kindersingen, nur manchmal schwelt das Düften der Syringen, flutet und ebbt das Weizenfeld.

Dann ist es still, ein weißer Falter fliegt, von Duft und Bienensummen eingewiegt, wie trunken durch die somemrliche Welt.

Ludwig Bäte.

| Was ist Zeit?

Papst Pius X- und Tolstois Lehren.

Was ist Zeit?" fragte Tolstoi einmal ein Kind seiner Schule, die er in Iasnaja Poljana führte. Er hatte den Begriff Zeit am Vorabend mit den Schülern philosophiert.

„Es gibt keine Zeit!" anwortete das Kind unter dem Nicken des Greises.

„3a, was ist denn die Vergangenheit?"

„Die Vergangenheit ist geschehen, vorbei, nichts mehr, — also für mich ist sie keine Zeit!"

„Wer die Zukunft!" warf Tolstoi zufrieden ein.

„Die Zukunft ist noch nicht da, morgen vielleicht, aber jetzt ist sie noch gar nichts, Null, also für mich auch keine Zeit!"

„Aber die Gegenwart, das „Jetzt", liebes Kind?" forschte der Alte.

„Das Jetzt ist, während ich es nenne, schon vorbei, also nicht mehr bei mir, vergangen, nichts, keine Zeit! Mer wenn ich ihm entgegenschaue, bis es da ist, scheint « soviel wert zu sein, wie die Zukunft, ich habe es ja noch nicht. Das Jetzt ist also entweder Vergangenheit oder noch Zukunft, aber keine Zeit, Leo Nikolajewitsch!"

Alle Kinder nickten Beifall, so hätten sie es auch

Erden gibt es kein« Zeit, die Ewigkeit ist erst

so recht eine Zeit", schließt das Mädchen unter dem „Gut! gut!" des Lehrers.

Wie anders Pius als Pfarrer von Salzano an einem schönen Sonntag nachmittag in der Hellen, von der venetischen Sonne belichteten Dorfkirche zu seinen Christenlehrknabcn und Mädchen:

„Was ist Zeit?"

Und ein Andrea oder Pietro ruft: „Die Vergangen­heit. die Gegenwart und die Zukunft, diese drei machen die Zeit zusammen aus!"

„Gut!" sagt der Pfarrer Sarto, „und nun horcht, ich will Euch das noch einmal erklären!"

„Vergangenheit heißt jene Zeit, die Ihr gestern, vor­gestern und früher gehabt, die Ihr übel oder gut ge­brauchen konntet, die Euch jetzt freut, wo sie recht, schmerzt, wo sie unrecht verlebt wurde, die Ihr nicht abschütteln oder vergessen könnt. Es war eben Eure Zeit und über sie müßt Ihr dem Geber und Herrn der Zeit Rechenschaft ablegcn. — Versteht Ihr das Kinder?"

„Ja, Don Giuseppe, wir verstehen das ganz wohl!"

„Gut, dann begreift Ihr auch, daß Ihr nun die Ge­genwart, diese Stunde, diesen Tag, diese Woche möglichst gut verwenden sollt. Diese Zeit liegt jetzt gerade in Eurer Hand. Noch könnt Ihr sie ins Gute oder Schlimme kehren. Aber sofort, sogleich, wie ein Pfeil, enteilt sie und steht dann still als Vergangenheit, die Ihr nicht mehr ändern könnt!"

„Wir denken daran, Padre!"

„Wohlan, so sorgt Ihr gut auf die anrückende Zu­kunft. Auch sie ist Zeit, Aber niemand weiß, ob er sie noch bekommt? Und niemand, wie viel er davon er­hält. Lebe ich morgen noch oder nicht? Uebermorgen: Wer sagt es Euch? Vertröstet Euch nicht daraus! Nehmt den Augenblick und nützt ihn gut! Dann kommt Euch das Morgen nie ungelegen. Und wenn es nicht mehr käme, so brauchtet Ihr es auch nicht mehr!"

„Und nun, Kinder habt mir acht auf die Zeit! Keine gute Zeit, keine gute Ewigkeit. Aber eine gute Zeit, eine gute Ewigkeit!"

„Amen!" rufen die Kinder bedächtig.

Ich glaube, es bedarf da keines Wortes mehr, welche Katechese über die Zeit wahrer, kindlicher und nützlicher war und ist. Greeg M o h r l o.

Rembrandt als Kunst und Karilalensammler

Von Dr. Johannes Iah n-Leipzig, Privatdozent für Kunstgeschichte an der Universität.

In früheren Jahrhunderten, die den Begriff des Mu- seums als öffentlicher Einrichtung noch nicht kannten, hat das Sammeln von Kunstwerken und Raritäten anschei- mnd eine bedeutendere Rolle gespielt als heutzutage. Zu­nächst von den Fürsten und der Kirche geübt, drang es seit dem 16. Jahrhundert, erst in Italien, später auch in den nordischen Ländern in immer weitere Kreise des Bürgertums. Die meisten dieser Sammlungen zerstreu­ten sich nach dem Tode ihrer Besitzer oder infolge finan­zieller Krisen in alle Winde oder gingen in die auf der Trundlage fürstlichen Besitzes später entstandenen öffent­lichen Sammlungen über. In vielen Fällen sind mir aber durch Inventare, Testamente und dergleichen über ihre Art und Zusammensetzung ziemlich genau unterrichtet.

Rembrandts Sammlung war eine der bedeutendsten bet Niederlande des 17. Jahrhunderts. Wir kennen sie gut; denn bei dem hauptsächlich durch den Sammel­eifer verschuldeten Bankrott Rembrandts im Jahre 1656 Haus und Sammlung verkauft werden sollten, wurde ein Md; heute erhaltenes Inventar ausgestellt, das nicht nur jcbes Stück getreu aufführt, sondern das auch, weil es zim- merweise angelegt ist, Einblicke in die Einrichtung des liembrandtschen Hauses gewährt.

Was gab es dort an Kunstgegenständen und Raritä- im alles zu sehen? Ordnen wir, um einen besseren lieber* Mi<f zu gewinnen, das Vorhandene nach Gruppen, so sind da zunächst einmal Naturalien: Korallen, Muscheln, Hirschgeweihe, Löwenfelle, etwa 70 ausgestopfte Tiere, darunter ein besonders kostbares: ein Paradiesvogel. Bann, sehr reich ausgebaut, kunstgewerbliche und völker­kundliche Gegenstände: spanische Stühle, mit Samt bezo- 9en, indische und chinesische Schalen, Porzellanfiguren, kslerne Helme, darunter ein japanischer, etwa 150 ver­schiedene Waffen, Gewehre, Bogen, Spieße, Hellebarden,

Schilde, Harnische. Ferner Fächer und Kostüme, darun­ter zwei indische. Schließlich die Kunstwerke: antike Originale in Marmor und Bronze, Büsten von Kaisern, Philosophen, Dichtern (neben der Sammlung des Bür­germeisters Gerrit Reynst die reichste Antikensammlung des damaligen Amsterdam), auch Bildwerke späterer Zei­ten; als Hauptstück ein „Kindeken" von Michelangelo, vermutlich fein Jugendwerk, der schlafende Amor. Den größten Umfang nahm natürlich die Sammlung von Bil­dern und graphischen Blättern ein, und hier vor allem wird deutlich, daß Rembrandt nicht bestimmte Richtun­gen bevorzugte, sondern systematisch alles sammelte. Wir finden da Raffael, Giorgione, Palma Vecchio, v. Eyck, Lucas van Leyden, Lievens, Brouwer, Seghers (beide mit je 8 Bildern vertreten) und viele andere. Dann die Kupferstiche, Holzschnitte und Zeichnungen: Mantegna, die Caracci, Reni, Ribera, Brueghel, Floris, Goltzius, Schongauer, Israel v. Meckenem, Holbein, Cranach. Ganze Mappen von Stichen nach Raffael, Michelangelo, Tizian (diesen fast vollständig), Rubens und Jordaens. Mappen mit gegenständlich geordneten Stichen undZeich- nungen: Porträts, Landschaften, Architekturen, Kostüme. Aus der Bibliothek Rembrandts heben wir nur ein Werk hervor, die Proportionslehre Albrecht Dürers, der sonst in der Sammlung nicht vertreten ist, wiewohl Rembrandt ihn gut kannte.

Rembrandt hat nicht alles behalten, was er erwarb, sondern in regelrechtem Kunsthandel vieles weiteroer- kauft. Aber auch nach einer anderen Seite hin war er nickt der Typ des r.inen Sammlers. Denn die zahl­losen Gegenstände, mit denen er sich umgab, hatten für ihn auch einen hohen praktischen Wert als Requisiten, die er immer wieder als Modelle benutzt hat. Er liebte es ja so sehr, seine Figuren mit kostbaren Gewändern

und und wei-

Stepan der MW

Von W. v. K l o t t - Heydenfeld.

, ®an3 am Ende der langen ungepflasterten, von tie- Gleisen zerschnittenen Dorfstraße stand hinter einem 'uknsschmLchen Staketenzaun die niedrige schindelge- ueckte Kate Stepans. Runde unbehauene Balken, ^gerecht übereinander geschichtet, an den vier Haus- rn übers Kreuz vorspringend und mit einander durch tjfMe Moospolster verbunden, bildeten die Wände, so- außen wie im Innern der lehmgestampsten oer- ‘ adjerten Räume. Sie hielten die eisige Winterkälte Sa* ra6, aIs melerdicke Steinmauern und der riesige jWfofen aus unglasierten Ziegeln in der Ecke, auf llen breiter flacher Decke der alte taube Vater Ste- htl5 le*n Nuchlager aus molligen Schaffellen aufge- iJy’gen hatte, sorgte für die nötige Wärme. Aber auch ffl IUn9e Bauer, seine Frau und ihre beiden Kinder ftVn "'cht zu kurz, denn die breite, um den Ofen lau- tau? gemauerte Bank diente auch ihnen als Schlaf- »j e> Unter der schwarzen Balkendecke in der anderen tj”Jn;re<fe war als einziger Schmuck das übliche mef* ^8 ejchlagene Multergottesbild angebracht und davor ^nieite ein schweelendes kleines ewiges Lämpchen.

* ®ctäte hingen an den Wänden, ein sauber zu- ^^Nengesaltetes Retz steckte neben Sense und Rechen KL dem Querbalken. Hölzerne tarierte Näpfe

ein* ' E!n Laib großen schwarzen Roggenbrotes sie» ~3nne Kwas standen auf dem ungestrichenen —.

*8atfe nenti^" Aus dem Nebenraum schallte das f*e En brennender Fichtenscheite und brodelndes Zi- 'm Grapen kochenden Grütze. Hinten auf dem Ein Hahn, grunzten die frei herumlaufenden r n< und in dem kleinen strohgedeckten, grünbe- bxj^Stall blöckten ein paar Schafe, zerrten die El” .Kühe an ihren Stricken. Auf der Straße rum» Cln Wngen heran und hielt vor dem Hause.

■taFk Stritte stapften die wenigen Stufen zur Effmaiojen Veranda hinauf, die Tür wurde aufge* auf \ nuf der Schwelle erschien, einen Sack Mehl £ m Rücken tragend. Stepan, ein Hüne mit rötftch

blondem struppigem Bart und blauen Augen. Suchend sah er sich um unbbrüllte ungeduldig: „Akulina!" Als niemand antwortete, brummte er: Verdammtes Weios- volk, immer haben sie etwas, worüber sie die Köpie zu­sammenstecken müssen; wo wird sie nun wieder stecken — sicher bei Praskowja Jefimowna, Gott mit ihr der alten Schwätzerin! Vorsichtig setzte er den Sack auf eine Kiste, nahm die Mütze vom borstigen Schädel, strich die langen Haare zurück und ging in die Küche, roch am Grapen, lugte schnell aus dem Fenster und machte sich bann mit pfiffigem Gesicht in der Ecke zu schaffen, wo Akulina ihre Vorräte verwahrte. Bald hatte Stepan gefunden, was er suchte, hielt eine Flasche prüfend gegen das Licht und ließ den wasserhellen Inhalt gierig in die Kehle glucksen, wischte sich mit dem Aermel über den Bart und versteckte die Schnapsslasche am gleichen Ort. Dann kehrte er in die Stube zurück und streckte sich be­haglich auf die Ofenbank. Als Frau Akulina nach Hause kam, schlief Stepan tief und fest. Ohne ihn zu wecken, band sie den Gaul vom Pfosten los, spannte ihn aus und gab dem Tier einen Klaps, damit es in den Stall ging. Dann sah sie nach den Säcken auf dem Wagen, benachrichtigte die Nachbarn, für welche Stepan, da cs sich so getroffen, auch etwas Mehl aus der Mühle ge­bracht hatte, trug das Essen auf und gab ihrem Mann einen Rippenstoß. Der gähnte herzhaft, so herzhaft, daß Akulina plötzlich schnuppernd die Nase hob und dann brach ein Ungewitter los: Lump, versoffenes Schwein und dergleichen Kosenamen flogen dem Sün­der an den Kopf, daß er ihn schnell duckte, denn d:e Frau hatte auch schon mit schlagenden Beweisen aufge­wartet, die er im Bewußtsein seiner Schuld willig hin- ncchm. Nur wenn Stepan, was hin und wieder vor­kam, sich einen Rausch angetrunken hatte und seine Frau ihn zu Hause mit Vorwürfen empfing, tauschten sie die Rollen, denn dann verprügelte er sie, aber es war trotzdem eine glückliche Ehe.

Rund um das Dorf dehnten sich die dazu gehörigen Felder, welche aber nicht persönlicher Besitz der ein­zelnen Bauern, sondern Eigentum der Gemeinde waren, der sogenannte „Mir", der zwar durch einen Ukas tm Jahre 1910 aufgehoben wurde, aber wie so oft in Ruß­land auf dem Papier stehen blieb. Jedes Feldstück war nack der Zabl der Höfe in gleichgroße Stücke ge-

unb blitzendem Geschmeide, seine Szenen mit allen mög­lichen interessanten Gegenständen auszustatten.

Wäre seine Sammlung geschlossen auf uns gekommen, sie würde heute einen riesigen Wert darstellen. Zu ihrer Zeit war bas jeboch nicht ber Fall. Zwei Taxatoren, bie sie in ihrem Bestände von 1640 bis 1650 abschätzten, gaben als Gesamtsumme nut 17 400 Gulden an, worin die Gemälde mit 6400 Gulden eingesetzt waren. Wie wenig diese Summe bedeutete, mag aus der Tatsache er­hellen, daß Rembrandt für fein 1638 gekauftes Haus, ein ganz normales Wohnhaus, immerhin 13 000 Gulden zu bezahlen hatte.

Dieses Haus war also ein Musterbeispiel jener „Kunst- unb Wunberkammern", aus benen bann unsere Museen hervorgegangen finb. Es vereinigte all bie Gruppen, benen heute eigene Museen gewibmet finb, naturtunb- liche unb völkerkunbliche, für Kunstgewerbe, für Skulp­turen, Bilbergalerien, Kupferstichkabinette. Vollgepfropft war bieses Haus von oben bis unten mit den taufen* beriet Dingen, unb man mag sich an das enge Durchein­ander von Fausts Studierstube erinnert fühlen. Alle

Begriffe von sauberer und klarer Aufgeräumtheit, die wir etwa von den Jnnenraumbildern eines Termeer ober Pieter be Hoch mitbringen, müssen wir weit hinter uns lassen, wenn wir uns bas Milieu verstellen wollen, in bem die Werke des größten nordischen Malers entstanden sind. Wie anders sah es dagegen bei Rubens aus! Der hatte sich eine Rotunde mit Oberlicht bauen lassen, in der seine Sammlung wohlgeordnet unb repräsentativ aufge- stellt war, ein Symbol ber Persönlichkeit ihres Be­sitzers.

Rembranbt ist hier von einer Seite gezeigt worben, die man seltener ins Auge faßt. Allzu leicht denkt man ihn sich ja als das ganz auf sich gestellte, einsam schas­sende Genie, das weltabgewandt die aus ber Tiefe feiner Seele fteigenben Gesichte gestaltet. Aus feiner Tätigkeit als Sammler aber wirb seine Verbundenheit mit ber äußeren Welt offenbar, allerdings nicht mit der des All­tags (auch diese hat er mit höchster Schärfe beobachtet) sondern mit der Welt fremder künstlerischer Gestaltungen und jener fremden Dinge, die mit ihrem Ton des Fernen und Seltsamen seiner Anschauung unb {einer Phantasie ftänbig neue Nahrung zuführten.

Wenn man einen Garten hat...

Humoreske von E.

Hartwigs haben enblich einen Garten. Es ist fürs erste zwar nur sehr weißer, mit Kalk unb Bauschutt ver­mischter Sanb hinter dem kleinen, neuen Häuschen, aber es stehen schon ein Fliederbaum darauf und eine Birke. Der richtige Garten wirb sehr schnell fertig fein, man kann sieh billig Obst unb Gemüse für den Haushalt zie­hen und hat obenbrein noch eine sehr gesunbe unb ver­gnügliche Beschäftigung für alle Familienglieber.

Vater Hartwig kauft sich ein gutes Werk über Gar­tenbau, Gemüsekulturen unb Blumenzucht, was feine Frau bes teuren Preises wegen nicht einsieht.

Aber es ist hoch sehr schön, einen (Sorten zu besitzen. Nun hat sich Vater Hartwig auch schon bas zum Gar­tenbau nötige Gerät angeschafft. Eine Harke, eine Hacke, eine Baumsäge, eine Mistgabel, eine Rosenschere, eine Gießkanne, Spaten, Weibenkorbe, Bast unb eine Sichel zum Grasschneiben.

Die Hausfrau findet bie Hälfte des Handwerkszeugs unnötig und kriegt vom vielen Graben den Rücken nicht mehr ganz grabe.

„Das verstehst Du nicht", beschwichtigt ber Hausherr. „Diese Dinge gehören zum Gartenbau wie bie Luft zum Atmen, liebe Melanie. „Wenn schon, denn schon", ist meine Devise, unb von nichts kann nichts werben. Eine orbentliche Grundlage ist überall nötig, wo man etwas erreichen will. Sollst mal sehen, was Du nun am Wirtschaftsgeld sparst, wenn Dir das Gemüse im Garten zuwächst. Johannis- und Stachelbeersträucher habe ick auch schon bestellt. Die sind im Dutzend billiger. Wir werden, nachdem Du Dir genügend zum Einmachen ge­pflückt hast, Wein von den übrigen Beeren keltern. Schreibe doch bald an Onkel Brolweit nach Ostpreußen und bitte um bas Rezept für feinen vorzüglichen Obst­wein, den er selber macht. Und hier sieh mal ... Sa­men .... zwanzig Tüten für vier Mark . . . fabel­haft billig, nicht?"

Frau Hartwig sieht und liest andachtsvoll die Na­men auf den Päckchen. Asperula, Campanula, Saul* fitffia, ßupinus. Malope . .

„Ist bas Gemüse?" fragt sie erschöpft vom Buch­stabieren der Fremdwörter.

„Nein, Sommerblumen. Gemüse kaufe ich gleich schockweise als Pflänzlein vom Gärtner. Da kann Mut­ter unb Tante Frieba gleich nachher was von abbekom­men, solche Masse wirb der gut gedüngte Boden tragen. Gestern hab ich schon Radieser unb Rettiche am Zaun lang gesät."

„Am Zaun lang?" Frau Hartwig verfolgt mit be­stürztem Blick die Hanbbewegung ihres Eheherrn. „Da ... bbba brühen, wo unser erstes Beet fertig ist?"

„Natürlich da brühen", regt er sich auf. „Soll ich Dich ba etwa vorher um Erlaubnis bitten?"

„Nein . . . das gerade nicht", bekennt sie. „Nur, ich dachte .... weil man doch zuerst Petersilie in der

Krafft-Stramm.

Küche braucht, habe ich da wo Du Rettiche unb Kabtefer gesät hast . . ."

„Etwa Petersilie gesät?"

Sie nickt geknickt.

Das ist der Anfang bes Gartens. Aber später wirb es besser. Man gräbt, pflanzt, sät fach- unb sachgemäß, es gibt überhaupt keinen Samen, ben man nicht in b e erbe streut, um sein kostbares Sanb auszunützen. Das Beet mit ben Dreierlei verschiedenen Samen wirb be­sonders interessant. Daraus wächst es so rasch und grün und stark in ber Lenzsonne, daß es eine Freude ist. Schließlich drängt sich darunter wieder neues Grünzeug hervor.

„Unkraut", schilt Vater Hartwig unb reißt es aus.

„Unkraut", denkt Mutier Hartwich erschrocken und zieht es vorsichtig fort, um ber Ueppigfeit darüber nicht zu schaden.

„Am Ende Brennesseln mang die Radieser", schreien bie Kinber unb zupfen mit.

Was stehen bleibt, kann sich nun prachtvoll ausbrei­ten, beginnt zu blühen unb zu wuchern, ist Ictber alles anbere als bas, was man gesät und für Unkraut ausge* rissen hat.

Es ist sehr schmerzlich.

Aber nun wachsen bafür schon Kopfsalat, Kohlrabi und die gelegten Erbsen unb Bohnen in ber Erbe.

Nur schießt der Salat so beängstigend in die Hohe, als ob er sich zum Spargel ausbilden will, und die Kohlrabipflänzlein werden anstatt größer merklich klei­ner. Die Erbsen holen die Spatzen, ehe sie aufgehen können, unb die Bohnen kommen überhaupt nicht, weil Peterle nachgesehen hat, ob sie schon Keime im Boben angesetzt haben. Das verrät er aber ben Eltern nicht, bie immer noch auf den grünen Segen warten.

Dagegen stehen bie Obststräucher herrlich. So ein üppiges Blattwerk hat man selten in anderen Gärten gesehen. Zwar wollen keine Früchte ansetzen. Die ganze Kraft schießt in bie Blätter.

Die gesäten Blumen scheinen Pferbebung nicht zu vertragen. Ihre Blüten fallen bereits als Knospen ab.

„Dieser Pferbebung ist mein Tob", klagt Vater Hart wig. „Hab ich nicht Kuhbünger haben wollen? 21 bei nein . . . weil zufällig ein Pferbestall in der Nähe war, mußtest Du Deinen Kopf durchsetzen mit dem billigeren Pferbemist vom Kohlenfritzen . . ."

„Bitte — Deine Bücher finb baran schulb", wehrt sich Frau Hartwig.

„Darin wird Pferbebung für Sanbboben empfohlen. Und wozu Du Deine Rosenschere gekauft hast, ist mir auch klar."

„Rosen? Sitze ich auf Rosen, wenn Ihr mir alles wieder im Garten vermurkst, was ich säe oder pflanze? Die Bengels haben Sonnenblumenkerne zwischen die Bohnen gesteckt. Das Spinatbeet hat Tante Friedas

teilt, bie reihum ihren Besitzer wechselten. Auf biefe Weise konnte Stepan sich Zwar nicht herüber beklagen, von anderen übervorteilt zu werben, aber es ärgerte ihn immer, ein schlecht gehängtes unb oberflächlich bear­beitetes Stück Lanb zu erhalten unb er gab sich deshalb auch keine Mühe, seinem Nachfolger ein besseres zu hin­terlassen. Und so wie er, dachten auch die anderen. Mit seinem Hakenpsl'ug, den der Urgroßvater vor grauen Jahren aus einer knorrigen Wurzel in ber Form einer zweizinkigen Gabel geschnitzt hatte, kratzte Stepan ein wenig auf ber Erbe herum, säte mit ber Hanb ein bischen Korn, ließ es wachsen und erntete was Gott ihm gegeben hatte. Im Winter aber, wenn bas Dorf unter metertiefen Schneemaffen begraben lag unb alle Bauern sich faul auf dem Ofen räkelten, ent­faltete sich in Stepans Häuschen eine emsige Tätigkeit. Die ganze Familie war damit beschäftigt allerlei Spiel­zeug aus Holz zu schnitzen und wenn das Weihnachts- fest heranrückte, fuhr das Ehepaar in die nächste Stabt unb tauschte die Sachen gegen ein buntes Kopftuch, derbe Schaftstiefel und andere nützliche Dinge ein. Einst, als Stepan von der Heimfahrt noch einmal durch die Straßen schlenderte, bemerkte er einige Kinder, welche ganz ähnliches Spielzeug zum Kauf anboten. Erft dachte er sich nichts dabei, aber als sie zu Hause waren, begann er, wie ber Russe sagt: langsam sein Gehirn zu bewegen und das Ergebnis dieser Tätigkeit war, daß er im nächstn Jahr seine eigenen Kinder auf die Straße schickte und bedeutend mehr erzielte, als bei dem Tausch­geschäft. Aus lauter Freude kaufte Stepan seiner Frau ein besonders buntes unb großes Tuch, auch bie beiden Kinder erhielten ein wohlverdientes Geschenk, bann zog die Familie in den nächsten Traktir. Droschenkutscker Dienstleute und alle möglichen anderen Existenzen füll­ten das Lokal unb brängten sich um einen bleichen hohlwangigen Jüngling mit wirrem, langem, schwarzem Haar, welcher eine flammenbe politische Rede hielt Auch Stepan gefeilte sich bazu und vernahm mit wach- fendem Erstaunen, welch rosige Zukunft ber Schwarz­haarige verhieß. Er sperrte ben Munb auf, um nur ja kein Wort zu verlieren, aber als ber Sprecher, auf feine Brust beutend, behauptete: Wir sind die Zukunft Rußlands, streifte Stepan das schmächtige Gewächs mit einem mitleidigen Blick, machte eine verächtliche Hand*

bemegung und kehrte ihm den breiten Rücken. Eine schöne Zukunft, dachte er, wenn alle so aussehen sollen wie ber.

Der Winter verging, Regen unb Sonnenschein Der- mpnbelten bie Straßen in einen unpassierbaren Brei, in welchem Pferd und Wagen rettungslos versanken. Der Sommer kam ins Land unb mit ihm ber Krieg. Boten jagten von Dorf zu Dorf und gaben den Befehl weiter, der alle gebienten Männer zu ben Fahnen rief. Heulenbe Weiber begleiteten ihre Männer, Söhne, Brüher ein Stück Weges, machten über sie bas Zeichen bes Kreuzes unb ließen sie ziehen — der Zar rief, sie mußten ihm folgen unb sie taten es wie Tiere, bie man zur Schlachtbank führt. Alle Branntweinhuben waren geschlossen, keiner ber vielen konnte sich mit einem Rausch trösten. Stepan als einziger Sohn war burch das Gesetz vom Dienst befreit unb brauchte sich vorläu­fig nicht zu stellen. Was auf ben Plakaten unb Mani­festen staub, die am Gemeindehaus angeschlagen waren, wußte er nicht, denn er konnte wie bie meisten weben lesen noch schreiben. Einige behaupteten, es ginge wie­her gegen die Japaner, andere wollten gehört haben, der Krieg richte sich gegen Deutschland. Von ben Schlitz­äugigen hatte Stepan schon durch Teilnehmer am ersten Krieg gehört, Deutschland dagegen war ihm völlig un­bekannt, er hatte niemals gewußt, daß es ein solches Reich gab, es interessierte ihn auch nicht. Kommissio­nen fuhren von Dorf zu Dorf unb schrieben alles auf. Vieh, Pserbe unb Kornvorräte. Seine Kuh konnte Ste­pan nicht verstecken, obwohl er es gern getan hätte, bafür aber brachte er für alle Fälle einige Sack Roggen in Sicherheit. Requisitionen würben ausgeschrieb:n. auch Stepan mußte Schreibe abliefern unb erhielt bafür ein beschriebenes Stück Papier. Mißtrauisch brehte- er es hin unb her und fragte schließlich ben Beamten, was er bamit anfangen solle. Dieser aber hauchte ihn an, baß dem Bauern Hören und Sehen verging unb er sich schleunigst trollte. Nach einigen Monaten jedoch rief man ihn ins Gemeindehaus unb gab ihm für ber Zettel Geld, erheblich weniger zwar, als er sonst füi sein Betreibe erhalten hätte, aber es waren doch im­merhin einige blanke Rubelstücke — schabe, buchte Sie»