Fuld aer Z ertun g
Anzeiger für die Staöf Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches äreisblatt.
Ar. 126
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild» und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift» :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
Sonntag, 1. Juni 1930.
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57. Iahrz.
Zeppelin in takehursl gelandet.
Mach 70 stündiger Fahrt von Pernambuco.
' Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist auf seiner Fahrt von P e r n a m b u z o nach New Nork, zu der es am Mittwoch nachmittag um 14.30 Uhr startete, nach 70stündiger Fahrt am Samstag mittag um 12.30 Uhr dt. Zt. (%7 Uhr morgens amerik. Zeit) in Lakehurst glatt gelandet.
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Die bereits angekündigt, hat Dr. Eckener die vorgesehene Zwischenlandung in Havana (Cuba) im letzten Augenblick abgesagt und sich für direkte Fahrt nach Lakehurst entschre- isen. Begründet wurde diese Programmänderung mit dem Mangel an Brennstoff. Es habe sich in
Pernambuco als unmöglich erwiesen, das sonst übliche Quantum an Brennstoff aufzunehmen, da das Gewicht des Luftschiffes durch den schweren Regen um mehrere Tonnen erhöht worden sei. Dazu kam, daß das Luftschiff auf seiner Fahrt zum großen Teil ungünstiges Wetter hatte.
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Die Vertreter der an der Jnternational-Zeppe- lin-Transportkompagnie beteiligten New Parker Banken und Industrieunternehmen sind mit einem Extrazug nach Lakehurst abgereist. Es wird erwartet, daß weitere Konferenzen mit Dr. Eckener vor der Abfahrt des „Graf Zeppelin" aus Lakehurst beabsichtigt sind.
öeleMgungsklage -es Reichspräsidenten.
CN.B. Berlin, 31. Mai. (Eig. Meld.) Vor bcm Schöffengericht Berlin-Charlottenburg begann heute früh der Prozeß gegen den nationalsozialistischen Schriftsteller und Reichtagsabgeordneten Dr. Julius Goebbels wegen Beleidigung des Reichspräsidenten von Hindenburg. Es handelt sich um den in dem nationalsozialistischen „Angriff" erschienenen Artikel mit der Ueberschrift: „Lebt Hindenburg noch?", der schwere Angriffe gegen Hindenburg wegen seiner Haltung zum Poung- Plan enthielt. Nach Eröffnung der Sitzung verlangte der Verteidiger Dr. Göbbels, Rechtsanwalt Graf von der Goltz -Stettin, den beisitzen- dcn Berufsrichter Landgerichtsrat Karow und den Schöffen Rieß abzulehnen, weil sie jüdischer Rasse seien. Darauf zog sich das Gericht zur Beratung über den Ablehnungscmtrag des Verteidigers zurück. Während der Beratungspause versuchten die Parteigänger des Angeklagten Göbbels immer wieder, in den Verhandlungssaal zu gelangen und die Justizwachtmeister hatten die größte Mühe, den Ansturm zurückzuhalten. Schließlich vurde die A b l e h n u n g des Antrages verkündet.
Der Streit mit Thüringen.
Die Auffassung Baums.
wtb. Weimar, 31. Mai. (Eig. Meld.) Staats- minister Baum veröffentlicht eine Stellungnahme zum Ergebnis der Länderkon- screnz, die sich mit den Thüringer Fragen befaßte. Nach Ansicht des thüringischen Staatsministeriums läßt die Rechtslage eine Sperrung der Reichszuschüsse aus den bekannten Gründen nicht
zu. Baum beruft sich dabei auf Artikel 128, I der Reichsverfassuna, wonach alle Staatsbürger ohne Unterschied nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihrer Leistungen zu den öffentlichen Aemtern zugelassen sind. Außerdem würde die Sperre gegen die Grundsätze für die Gewährung eines Reichszuschusses für Polizeizwecke verstoßen. Bei der Behandlung der Angelegenheit durch das Reich wie auch durch die Länderstrnferenz sei die Rechtsfrage gegenüber politischen Erwägungen offensichtlich in den Hintergrund getreten. Der Anlaß, aus dem das Recht zur Sperrung der Zuschüsse hergeleitet werde, sei überdies viel zu unbedeutend, als daß man in ihm eine Gefahr für die Sicherheit des Landes oder Reiches erblicken kann. Von den vorgeschlagenen Polizeidirektoren sei nur. ein einziger eingetragenes Mitglied der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei. Nach wie vor steht das thüringische Staatsministerium auf dem Standpunkt, daß eine Sperrung der Polizeizuschüsse durch das Reichsinnenministerium der Rechtsgrundlage entbehrt. Sollte die Sperrung wider Erwarten dennoch erfolgen, würde sich das Staatsministerium gezwungen sehen, die Entscheidung des Staatsgerichtshofes für das deutsche Reich anzurufen.
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wtb. Weimar, 31. Mai. (Eig. Meld.) Das Schreiben des Reichsmrnifters des Innern, Dr. Wirth, das in der Länderkonfe- renz angekündigt worden war, ist heute bei der thüringischen Staatsregierung eingegangen.
Am Motopfer und Umsatzsteuer.
Der Verband Katholischer Beamtenvereine Deutschlands, Sitz Köln, Magnusstraße 13, hat in der Frage des Notopfers an den Vorstand der Zentrumsfraktion des Reichstages folgendes Schreiben gerichtet:
„Sicherem Vernehmen nach machen sich in der Reichstagsfraktion des Zentrums nach wie vor Bestrebungen geltend, die für das Nvtopfer lediglich die Festbesoldeten heranziehen wollen. Die Stimmung unserer Mitglieder und das Interesse der Zentrumspartti selbst veranlassen uns, dem Vorstand der Reichstagsftaktion folgendes zu unterbreiten:
Wir sind der Auffassung, daß die Arbeitslosigkeit und die dadurch verursachte große wirtschaftliche Notlage der Arbeitslosen nicht nur als eine Angelegenheit eines einzelnen Berufsstandes, sondern des gesamten Volkes zu betrachten sind. Nach unserer Meinung müssen zur Milderung dieser NvÜage alle Dolkskreise, und zwar jeder ein» rllne Staatsbürger nach seiner Leistungs- ähigleit, beitragen. Die Heranziehung bestimmter Berufsgruppen, wie sie nach Mitteilung der Tagespresse von der Zentrumspartei im N o t - Opfer der Fe st besoldeten gefordert wird, wäre eine Sondersteuer und somit ein soziales Unrecht. Der Verband Katholischer Beamtenvereine Deutschlands erhebt gegen eine derartige Regelung energischen Widerspruch und schließt sich den bereits vom Reichsbeamtenbeirat der Zentrumspartei erhobenen Einwendungen an. Eine Sonderbesteuerung der Beamtenschaft müssen wir gerade im Augenblick um so mehr ablehnen, als nach den Ankündigungen des Reichsfinanzministers infolge der großen Notlage unseres Volkes den Beamten weitere nicht unerhebliche Opfer auferlegt werden sollen. Der angekündigte Abbau der Sonderzuschläge wird bekanntlich die Beamtenschaft des kacholischen Westens besonders hart treffen.
Wenn wir auch aus solchen Erwägungen ein Nvtopfer der Festbesoldeten ablehnen müssen, so erllären wir doch mit aller Bestimmtheit, daß wir mit einem allgemeinen Notopfer aller leistungsfähigen Staatsbürger nicht nur einverstanden sind, sondern daß wir ein solches sogar forderen«
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sich katastrophal zu überstürzen. Die allgemeine Depression, die über unserem Reichstag mstet, ist daher wohl verständlich. Man muß sich einmal vergegenwärtigen, wie v o r e i n e m V i e r- relj a h re von der Deutschen Volkspartei und dem Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer jede Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung kategorisch abgelehnt wurde. Jetzt wird mit einer Kaltblütigkeit eine einprozentige Beitragserhöhung 3ur Deckung der Fehlbeträge der Arbeitslosenver- Ncherung hingenommen, während schon eine viertel« pwzentige Erhöhung dieser Beiträge genügt hätte, F® die ganze letzte Kabinettskrisis und den Sturz tts Reichskabinetts Müller zu verhindern. Wer Otn“ daran und spricht davon?
.. Reichssinanzminister Dr. Moldenhauer Ante damals auch kategorisch den Gedanken eines Stopfers ab. Er tat dies nicht nur einmal, Addern in aller Oefsentlichkeit zweimal und brei« und sagte jedem, der es wissen wollte, daß er S1 An Notopfer der Festbesoldeten nicht zu haben N-.Aber bei den neuen Steuerplänen der Reichs- sEglerung ist jetzt das Notopfer zu finden, und NA im Betrag und in der Form von 100 Mill.
?auer Steuern. Näherhin hat man sich das oWpfer so gedacht, daß bei den Einkommen von S bis 8000 Mark die prozentuale Belastung Mch hoch fein soll, bei den Einkommen über 8000 dagegen nur der lohnsteuerpflichtige Teil ernt m£otnmen§ herangezogen wird. Die oft sehr A«den Nebenbezüge und das sonstige Kapitalein- z'jN^^n der hohen und höchsten Gehaltsempfänger, ^eoen somit unberücksichtigt. Dies scheint uns mit
Gedanken der steuerlichen Gerechtigkeit, die ^derstes Grundgesetz jedes gesunden Steuer» ™ lst, nur sehr schlecht harmonieren zu wollen. Die Druckerschwärze des Antrags der Wirt- L^itspartei, die letzte Erhöhung der Umsatz- lier um 0,10 Prozent zu beseitigen, Ut nicht trocken geworden, als bekannt wurde, Moldenhauer plant, die Umsatzsteuer K ,.u’n ein Viertelprozent zu er h öhen.
^faiSfteuer an sich ist, wie einer unserer Finanzminister einmal zutreffend sagte, ein sie h. r dafür, daß der Reichsfinanzminister, der tiefet/m^' an Jdeen-Armut leidet. Wir möchten '»titt-i Vorwurf in dieser Form gegen den gegen» fetoAt Reichsfinanzminister nicht erheben, müssen d>heü detonen, daß die Umsatzsteuer eine der hitT und ungerechtesten aller Steuerarten ist, ntlm Interesse der Wirtschaft abbauen, aber kfa®“lüauen sollte. Im Reichstag ist man sehr
wie sich die W irisch af tsp artei, iKbtnIu durch den Abgeordneten Dr. Bredt im » nett vertreten ist und für die Steuerpolitik
Die finanzpolitische Entwicklung des Reichs I des Kabinetts Brüning die Mitverantwortung trägt, lflt fiA sich mit der geplanten Erhöhung der Umsatzsteuer
abfinden wird. Als Reichsfinanzminister Dr. Reinhold die Umsatzsteuer von 1 Prozent auf 0,75 Prozent heruntersetzte, herrschte in der ganzen deutschen Geschäftswelt eine ungetrübte Freude. Die jetzt geplante Erhöhung der Umsatzsteuer von 0,85 auf 1,10 Prozent dürfte ganz andere Gefühle aus- lösen.
Ein solches allgemeines Notopfer müßte unseres Erachtens unverzüglich Gesetz werden."
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Der Reichskanzler empfing als Vertreter des Deutschen Beamtenbundes die Vorsitzenden Flügel, Kugler und Ehr- mann. Die Genannten trugen dem Reichskanzler die Auffassung des Deutschen Beamtenbundes zu den die Beamtenschaft gegenwärtig berührenden Fragen vor. Der Reichskanzler nahm die Ausführungen mit Dank entgegen und sagte Würdigung der vorgetragenen Gesichtspunkte zu.
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Der geschäftsführende Vorstand des Reichsbundes der höheren Beamten befaßte sich in einer Sitzung am 28. Mai erneut mit den beamtenpolitischen Absichten der Reichsregierung aus Anlaß des Ausgabensenkungsgesetzes. Der Vorstand bestätigte die bisher in der Sache unternommenen Schritte. Als Stellungnahme des Vorstandes wird von ihm folgendes bekanntgegeben: >«?
Die Verwirklichung der Absichten der Reichsregierung würde eine schwere Erschütternnz der Rechtsgrundlagen des Berufsbeamtentums als einer staatsnotwendigen Einrichtung bedeuten!
Der Reichsbund hält eine organische Vereinfachung und eine dadurch erzielte Verbilligung der öffentlichen Verwaltung im Reich, in den Ländern und Gemeinden für nötig und durchführbar. Die jetzt beabsichtigten Maßnahmen stellen einen unorganischen Eingriff in die Beamtenrechte dar, der für die Beamtenschaft zwar mit Unruhe, Unsicherheit und Verletzung wohlerworbener Rechte verbunden ist, aber organische Grundlagen der Verbilligung der Verwaltung nicht schafft.
Der Reichsbund ist bereit, an einer organischen Reform der öffentlichen Verwaltung positiv mit» zuarbeiten. i
Um die augenblicklichen Notstände zu beheben, kommen nut auf alle Bevölkerungsschichten nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit sich gleichmäßig erstreckende Maßnahmen in Betracht.
krach in der Mitte.
Die Bestrebungen, eine große Staatspartei der Mitte zu schaffen, an denen besonders der volksparteiliche Führer Dr. S ch o l tz beteiligt war, find gescheitert. Die verschiedenen Gruppen Volkspartei, Demokraten, Wirtschaftsparteiler und Jung- deutscher Orden haben sich am Mittwoch endgültig auseinanderdividiert. Der „Vorwärts" stellt dis Distanzierung des Jungdeutschen so dar, als ob Mahraun an einer eventuellen Verschmelzung der Parteien nur solange Interesse gehabt hätte wie dem Jungdeutschen Orden die Geldmittel ausgingen. Durch den Zulauf, den die Volksnationale Reichsoereinigung aber auf dem Lande gefunden habe, fei auch die Kaste des Jungdo wieder auf- gefüllt worden. Der Jungdeutsche aber stellt die Dinge anders dar und bezichtigt die Herren Dr. Scholtz, Erich Koch-Weser und Dr. Oskar Meyer rund und nett, ohne das Wort selbst auszusprechen, der Lüge. Verhandlungen hätten stattgefunden, die genannten Politiker seien dabei gewesen, und wenn diese jetzt den Anschein erwecken wollten, als fei eine Verhandlung mit den Jungdeutschen niemals in Frage gekommen, so stehe das eben den Tatsachen entgegen. Jene seien nichts als Parteitaktiker, die Jungdeutschen aber ehrliche Kämpfer. Die Verärgerung scheint demnach auf beiden Seiten nicht gering zu sein.
Greuel in Rangoon.
wtb. London, 31. Mai. (Eig. Meld.) „Daily Expreß" berichtet aus Bombay, die Zahl der Opfer der mehrtägigen Schreckensherrschaft in Rangoon belaufe sich auf 174 Tote und über 1500 Verwundete, darunter viele, die in grausamer Weise verstümmelt wurden. Auf den Straßen wurde unter grauen und Kindern ein furchtbares Blutbad angerichtet. Von den in die Krankenhäuser übergeführten Verluste schwe« den etwa noch 80 in Lebensgefahr.
Die Kommunaltagung des Zentrums.
Ihren Höhepunkt erreichte die Koblenzer Tagung der kommunalpolitischen Vereinigung der Deutschen Zentrumspartei am Himmelfahrtstage vormittags nach dem Festgottesbienst in der Chri- stus-Kirche in bet im großen Saal ber Stabthalle abgehaltenen Eröffnungstagung. Vorsitzender Justizrat Mönnig-Köln hieß bie Teilnehmer aus allen Teilen des Reiches herzlich willkommen und entbot besonders herzliche Grüße den Ehrengästen: Oberbürgermeister Dr. Adenauer, Ministerialrat Dr. v. Leyden, Oberpräsident Dr. Fuchs, Bundespräsident Dr. Heckel, Oberbürgermeister Breuer, als Vertreter des Reichsstädtebundes, Präsident v. Stempel und Oberbürgermeister Dr. Kraft als Vertreter des Preußischen Landkreistages, Oberbürgermeister Gering als Vertreter des Deutschen Landgemeindetages, Präsident Oberbürgermeister Dötsch als Vertreter des Preußischen Landge- meindetages-West sowie Parlamentarier aus dem Preußischen, Hessischen und Thüringischen Landtag.
Oberbürgermeister Dr. Russell-Koblenz entbot namens der Verwaltung der Stadt Koblenz den Willkommensgruß. Oberpräsident Dr. Fuchs er» klärte, unnötige Bevormundung durch den Staat müsse unterbleiben, wenn auch ein gewisser Zwang erforderlich fei. Aber nur ba bürfe eingegriffen werden, wo sich Willkür und Auswüchse zeigten. Das Mittel der Staatsaufsicht dürfe nicht von ber Staatshoheit mißbraucht werben. Weiter sprachen Begrüßungsworte Ministerialdirektor Dr. v. L e y- den, Landtagsabgeorbneter Dr. Heß, Präsident des Preußischen Landkreistages Dr. v. Stempel, die für ihre Körperschaften und Organisationen der Tagung den besten Verlauf wünschten.
Alsdann sprach Oberbürgermeister Dr. Adenauer-Köln über „Die Krise der Selbstverwaltung". Er ging vom Gedanken aus, daß wir vor einem Wendepunkt in der Politik ständen. Man werde sich in Zukunft mehr der Innenpolitik zuwenden, da die Außenpolitik bisher alles beherrschte. Der innere Aufbau werde für die Selbstverwaltung entscheidend sein. Der Redner bedauerte das Verhängnis des früheren Berliner Oberbürgermeisters Böß und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß das Urteil in seiner Schärfe und Härte im Gegensatz zu den milden stehe, die der Disziplinargerichtshof in anderen Fällen gefällt habe. Die leitenden Beamten seien heute nicht schlechter als in der Vorkriegszeit. Die Beamtenschaft tue ihre Schuldigkeit. Der Redner warnte vor allzustarker Politisierung der Beamtenschaft und auch davor, die Beamten nach dem Parteibuch anzustellen und ihre Laufbahn zu fördern. Der Beamte dürfe nicht Parteimann fein, sondern müsse sich bewußt fein, daß er als Beamter D i e- ner des Staates und im Dienste des Staates seine Aufgabe und Obliegenheiten zu erfüllen habe. Den Referentenentwurf zu einem neuen Versa f- fungsgesetz lehne er soweit ab, als er die Wahl aller Beamten durch die Stadtverordneten verlange. Auch in den Gemeinden werde gut gearbeitet, trotz allem Einfluß von außen. Bei Ausschaltung extrem gerichteter Leute müsse energischer als bisher zugegriffen und die Ordnung sichergestellt werden. In der Oefsentlichkeit kritisiere man die Arbeit der Gemeinde-Verwaltung. Man vergesse aber, daß ihr Aufgabenkreis von oben eingeteilt sei und nicht überfchritttn werden könne. Die Forderung nach Staatsaufsicht über die Städte und Gemeinden würde schließlich mehr schaden als nutzen. Das parlamentarische System sei dem Selbstverwaltungsgedanken wenig günstig. Im Reichs- und Landtag habe man kein warmes Herz für die Selbstverwaltung, denn es bestehe eine
enge Verbindung zwischen Regierung und bet parlamentarischen Mehrheit. Das habe zur Folge daß man den Gemeinden und Städten größere Aufgaben aufbürdet und geneigt fei, ihnen weitere schwere Lasten zu übertragen. Bei der Einführung der Reichsfinanzreform und der Arbeitslosenversicherung fei die Organisation zerschlagen worden. Mit ungeheueren Kosten habe man ein neues Institut geschaffen, das bisher versagt habe. Nun hort man, daß das Reichsfinanzministerium einen Kontrollapparat schaffen will, der sich vor allem nur auf die großen Städte beschränkt. Man scheine nicht zu wissen, daß die Städte gut arbeiteten und Rechnungsprüfer hätten, die nach dem Muster der staatlichen Stellen eingerichtet seien und fruchtbar arbeiten. Um die Krise der Selbstverwaltung zu überwinden, müsse man den Gemeinden ausreichende Steuerquellen für die Erledigung ihrer zwangsläufigen Aufgaben zugestehen ober man müsse bie Länder wieder selbständig machen.
Als nächster ' Redner sprach Rechtsanwall Ko n a rtz - Koblenz über die rheinische Bürgermeistereiverfassung. Die rheinische Bürgermeisterei- Verfassung habe sich durchweg bewährt. Andererseits wird aber das Gleiche auch bezüglich ber Magistratsverfassung von bereit Anhängern behauptet. Diese Verschiedenheit ber Auffassung ist auch bet den Berliner Beratungen zum Ausdruck gekommen. Die Zentrumspartei wird sich kaum für das eine ober andere System entscheiden, weil sie an der Tradition der einzelnen Landesteile festhalte. Ferner sprach Oberbürgermeister Dr. Raabe-Hagen über „Magistratsverfassung". Bei den Besprechungen über die kommunale Verwaltung und Verwaltungsreform stände immer die kommunalpolitisch wirksame Gemeindeverfassungsreform im Sinne der Selbstverwaltung im Mittelpunkt der Erörterungen. Der Redner ging auf die verschiedensten Verfassungsarten ein und beleuchtete sie in verfassungstechnischer und verfassungsrechtlicher sowie politischer Beziehung, um zu dem Schluß zu kommen: Die Frage der Eemeinde- verfassungsreform ist kein Ding für sich, sondern Mittel zum Zweck, nämlich: zweckmäßigste Verwaltung der Stadtgemeinden zu ermöglichen. Da eine einheitliche Auffassung über größeren Wert des einen Systems gegenüber dem anderen nicht erreichbar sein wird, müsse man fordern, grundsätzlich beide Systeme als gleichberechtigt gegenüber» zustellen.
Nach weiteren Ausführungen des Beigeordneten Schwering über das Thema: „Wohlfahrtserwerbs- Ivse und Wohlfahrtslasten" sowie des Beigeordneten Reintjen-Rheinhausen über „Die Zusammenarbeit im Kreis" und des Kreisbaumeisters Baccia-Koblenz über „Wegebau und Wegelasten" wurde der Jahresbericht, erstattet durch Eeneral- fefretär Dr. Heinen, entgegengenommen. Die Ausführungen ließen eine ständige Aufwärtsentwickelung der Vereinigung erkennen, die gerade im letzten Jahr der Kommunalwahlen schwierige Arbeit zu verrichten Halle. Aus der Fülle der Aufgaben seien nur die Schaffung einer kommunal- politischen Korrespondenz, die Teilung der kommunalen Blätter in Stadt- und Landausgabe« und ihre erweiterte Ausgestaltung, sowie die Abhaltung von Gemeindevorsteherkurfen erwähnt. Anstelle der ausgeschiedenen Mitglieder wurden in den Hauptvorstand gewählt: Stadtverordneter Richter (Köln), Stadtvewrdneter Tönnesrnann (Düsseldorf), Rechtsanwalt Gawelik (Ratibor). Die Versammlung beschloß, die nächste Haupttagung wahrscheinlich in Münster i. W. abzuhalten.