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vk. 123.

Mittwoch, den 28. Mai 1930.

Opposition, Kritik, Sachlichkeit.

Bemerkungen zu einer Rede Breilfcheids.

Seitdem das Kabinett Hermann Müller durch die Sozialdemokratie zum Rücktritt gezwungen wurde, bestehen Zwischen dieser Partei und dem Zentrum gespanntere Beziehungen, als es vorher -er F"U war. Man hat uns offenbar übelgenom- inen, daß einer der Unseren die Bildung des neuen Kabinetts übernahm, und außerdem ist man, so darf doch wohl gesagt werden, wenigstens im ersten Augenblick ärgerlich über sich selbst gewesen. Der Beschluß der Sozialdemokratie, der zu der Re- aierur.gsdemission führte, war ja offenbar das Er­gebnis eines momentanen Versagens der politi­schen Ueberlegung, was schon daraus folgt, daß nicht einmal unter den sozialdemokratischen Mini­stern Einigkeit herrschte und der Reichskanzler Her­mann Müller selbst den ganzen Vorgang ausbruct» lich bedauert hat.

Die Sozialdemokratie ist also, um einen berühmt gewordenen Ausdruck zu variieren, aus dem Ka­binett herausgefchliddext. Deshalb sollte sie aber den Groll über ihre eigene Ungeschicklichkeit nicht auf diejenigen übertragen, die wahrhaftig nicht gerne die Nachfolge des Kabinetts Müller über- nahmen. Es ist aber leider von fozialdemokro- ti'chen Rednern und in der sozialdemokratischen Presse oft genug behauptet worden, der Sturz des Kabinetts Müller fei ein von den jetzigen Mehr- hcitLparteien abgekartetes Spiel gewesen. Der so­zialdemokratische Fraktionsführer Dr. Breitscheid, hat in seiner langen Oppositionsrede am 2. April, mit der er das Mißtrauensvotum gegen die Rc- gietung Brüning begründen wollte, davon ze- sprechen, daß man warnend im Krankenzimmer der Großen Koalition gesessen habe, um nach ihrem Ableben ihr Erbe anzutreten. Und kein Geringe­rer als Severing behauptete in einer Rede in Biele­feld, Dr. Brüning habe dem Kabinett Müller sei­nerzeit nur solange Chancen geben wollen, bis die Frage des Panzerkreuzers B akut geworden wäre. Dann habe man ein anderes Kabinett bil­den wollen und gebildet.

Daß die sozialdemokratische Presse solche und ähnliche Gedankengänge übernahm und dem Zen­trum immer wieder den Vorwurf machte, es habe )en Zusammenbruch der Großen Koalition herbei­geführt, um selbst ans Ruder zu kommen und dann reaktionär Politik zu machen, ist bekannt. Ihre Kampfesweise ist zeitweise so massiv und be­leidigend gewesen, daß Dort Zentrumsseite ernstlich auf die Gefahren hingewiesen wurde, die eine solche Haltung der größten Oppositionspartei für den Be­stand der Weimarer Koalition im Preußischen Landtag in sich berge. Das hat sogar zu einer Auseinandersetzung im preußischen Parlament selbst geführt, wobei Ministerpräsident Dr. Braun objektiv genug war, die Haltung der Sozialdemo­kratie im Reich zu bedauern. Kurz darauf fand der Parteitag des Vreußischen Zentrums statt, und hier wurde durch dessen Vorsitzenden, Dr. Heß, wie durch eine ganze Reihe anderer Redner eindringlich un­terstrichen, daß in der Tat das Vorgehen- der Lczialdemokratie im Reiche dem Bestand der preu­ßischen Regierung zum mindesten nicht förderlich fein könne. Diese preußischen Reden sind nicht mgehört verhallt. Zunächst zwar hat sich die So­zialdemokratie noch so gestellt, als ob die Be­schwerden des Zentrums unberechtigt seien und als ob Otto Braun eigentlich gar nichts besonderes gesagt habe Heute aber haben wir das klare Zu­geständnis, daß die Opposition sich über ihre Hal- tur-g mehr Gedanken macht als noch vor drei Wochen. Acht Tage nach dem Preußischen Partei­tag, am 18. Mai, hat in Offenburg auf dem Par­teitag der badischen Sozialdemokratie Dr. Breit­scheid sich ausführlich mit dieser gesamten partei­politischen Diskussion beschäftigt und nach dem Be­richt derRheinischen Zeitung" Ausführungen ge­macht, die sehr deutlich sind und erfreulicherweise den Willen erkennen lassen, die Opposition von persönlichen Gehässigkeiten freizumachen und auf das Niveau parlamentarischer Sachlichkeit zurück­

Fuldaer Zeitung

2.81a«.

Druck der Fuldaer Aclieudruckerel, Fulda

zuführen. Es beweist, daß er sich auf den Sinn der Opposition besonnen hat, wenn- er erklärte, das Kabinett Brüning vermögejetzt zu zeigen, was es kann und was es nicht kann, und die Oeffenl- lichkeit sieht klar über seinen tatsächlichen Charak­ter". Das ist ehrlich gesprochen und rückt von der bisherigen Methode, den Charakter der neuen Re­gierung im voraus zu verdächtigen, ab. Zur Hal­tung der Opposition aber, ist Breitscheidder An­sicht, daß das charakteristische Merkmal der Oppo­sition nicht eine besonders rauhe oder gar gehäs­sige" Tonart fein soll, und er warnt ausdrücklich davor,etwa die Mitglieder des uns gegnerischen Kabinetts persönlich anzugreifen oder ihnen Beweg­gründe zu unterschieben, deren tatsächliches Bor- hondensein wir nicht beweisen können". Breit­scheid hält also seinen Kollegen und seiner Preise ein ganz klares Kolleg über politische Verantwort­lichkeit, und wir erkennen das gern an, zumal er fortfährt:Ich würde es auch für falsch halten, wenn man beispielsweise dem gegenwärtigen Reichskanzler nachsagen wollte, er hätte vor oder nach der Kabinettskrise gegen das Kabinett Müller intrigiert und schon im voraus die neue Regie­rung bereit gestellt."

Mit diesen Ausführungen zieht Breitscheid die Fülle der bisher in sozialdemokratischen Versamm­lungen und Zeitungen gegen das Kabinett Brü­ning und insbesondere gegen das Zentrum erhobe­nen Beschuldigungen in aller Form zurück. Er weiß auch, weshalb er es tut. Selbstverständlich will er nicht aufeine berechtigte und wo es not- tut, rücksichtslos Kritik" verzichten. Das verlangt auch niemand Es ist der Sinn der parlamentari­schen Opposition, der Ueberzeugung zu leben und ihr Ausdruck zu geben, daß sie eine bessere Poli­tik macken würde, als die jeweilige Regierung, und vieler ihrer Auffassung soll sie selbstverständ­lich Ausdruck geben. Auch kritisch und, wenn es ihr gutdünkt, rücksichtslos. Aber Rücksichtslosigkeit braucht niemals Grobheit oder Unverschämtheit zu werden Herr Brettscheid irrt nur, wenn er meint, das Zentrum suche nuroffenbar nach einem Vressionsmittel, mit dessen Hilfe die berechtigte Kritik, die wir an der Politik des Kabinetts Brü­ning übe», eingeschränkt oder gar zum Schwei­gen gebracht werden soll". Davon kann keine Rede sein. Aus berechtigter Kritik kann jede Re­gierung lernen, und das Kabinett Brüning ist im übrigen nicht der Meinung, daß es die sozial­demokratischen Einwendungen fürchte» müsse. Die Sczialdemokratie mag also bei ihrer kritischen und ablehnenden Haltung bleiben, sie soll aber, und auch das hat Dr. Breitscheid mit erfreulicher Deut­lichkeit gesprochen, nicht vergessen, daß es für sie verfänglich wäre,eine Atmophäre zu schaffen, die im Reich ein Wiederzusammenkommen der Sozial­demokratie mit dem Zentrum unmöglich macht".

Wir nehmen von diesen Ausführungen des so­zialdemokratischen Führers gerne Notiz, ohne uns deshalb manchen anderen Auffassungen, die er in seiner Offenburger Rede vorgetragen hat, anzu­schließen. Das parlamentarrsche System sieht die Opposftion als -einen integrierenden Bestandteil des Regierungsapparates an, und Opposition ohne Kritik wäre ein Widersinn. Die Kritik schärft das Gewissen der Regierung, die an ihr die eigenen Auffassungen und Beschlüsse überprüft. Grundlage aller Kritik aber muß Sachlichkeit sein. Kritik um der Kritik willen wäre Leerlauf.

* DampferMünchen" in Bremen eingetroffen. Der DampferMünchen" des Norddeutschen Lloyd, der seinerzeit, wie gemeldet, im Hafen von New Po r k nach einem schweren Bordbrand gesunken, dann aber wieder gehoben und flott gemacht war, ist Sonntag abend um 9 Uhr in Bremerhafen eingetroffen.

* Cholerakcanke Mekkapilger. Sieben ägyp­tische Mekkapilger erkrankten auf der Rückreise in Tor (Hilbinsel Sinai) an Cholera. Es wurden alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung der Seuche in Aegypten zu verhin­dern.

Die französische Sozial-versichemng

Von sachverständiger Seite wird uns geschrieben: Die neue französische Sozialver­sicherung soll am 1. Juli ds. Is. in Kraft tre­ten. Obwohl vorher noch, einige Formalitäten zu erfüllen sind, stehen doch die Grundzüge des neuen Gesetzes schon fest und werden schwerlich eine Aen- derung erfahren. Ein Vergleich mit der deut­schen Sozialversicherung ist deshalb heute schon möglich.

Die französstche Sozialversicherung erstreckt sich auf die Krankenversicherung, Invaliden- und Altersversicherung. Es ist zwar eine Arbeits - Io f en Versicherung vorgesehen, doch ist solche in ihren Leistungen so minimal, daß sie gegenüber den deutschen Leistungen gar nicht in Betracht kommt. Rach dem deutschen Gesetz hat ein Ar­beitsloser der Klasse VI (Jahresverdienst bis 1800 Mark) zunächst Anspruch auf bis zu 330 Mk. Unter­stützung innerhalb sechs Monaten, nach dem fran­zösischen Gesetz dagegen nur Anspruch auf 45 Mk. innerhalb drei Monaten, das ist menin mehr als Nichts. Aber es ist zu berücksichtigen, daß Frank­reich bis jetzt keine Arbeitslosigkeit kennt und ehe.- Mangel an Arbeitern besteht. Die Verhältnisse können sich aber ändern und dann wird man auch dort an eine ernstliche Versicherung gegen Arbeits­losigkeit denken müssen.

Die Hauptsache bildet in Frankreich die Kran­kenversicherung. Diele ist aber für die Ar­beiter auch erheblich ungünstiger als in Deutsch­land, da 1. fünf Karenztage anstatt der in Deutsch­land üblichen drei abgehen, 2. der Arbeiter 1520 Prozent zu den Arzt- und Apothekerkosten beitra­gen muß, 3. die Leistung der Kasse auf 50 Prozent des Lohnes beischränkt ist, während sie in Deutsch­land vielfach 6066% Prozent beträgt. Das fran­zösische Gesetz mürbe also in der Hauptsache den Vorschlägen der Vereinigung deutschen Arbeitge­berverbände entsprechen, über welche mir schon frü­her berichtet haben.

Wesentlich günstiger für den Versicherten ist die französische Invaliden- und Altersver­sicherung, welche fast das Doppelte der deut­schen Rentenbezüge, und zwar im allgemeinen schon nach Vollendung des 60. Lebensjahres ge­währen soll.

Wie das mit den außerordentlich geringen Beitragssätzen, welche in Frankreich gezahlt wer­den sollen, möglich sein wird, ist ein Rätsel. Hier­bei dürsten nack einer längeren Erfahrung viel­leicht schwere Enttäuschungen zu erwarten fein. Während die deutschen Invaliden- und Altersver­sicherungsbeiträge für Lohnklasse 4 d. h. über 36 Mark Verdienst nächentlich, einen Beitrag von 10.50 Mark pro Monat erfordern, wovon Arbeit­geber und Arbeitnehmer je die Hälfte also je 5.25 Mk. zahlen, wozu aber noch besonders 2 Mk. Reichszuscküfse monatlich treten, so daß diese Ver- sfchcruna im Ganzen etwa 12.50 Mk. monatlich für jede Person der Lohnklasse 4 kostet, sind in Frank­reich nur 20 Francs 3.30 Mk. monatlich durch­schnittlich für alle Klassen vorgesehen, wovon der Staat 1,65 Mk., der Arbeitgeber 82% Pfg., der Arbeitnehmer ebenfalls 82% Pfg. tragen soll. Man vergleiche 82% Pfg. in Frankreich.und 5.25 Mk. in Deutschland! Für die Versicherten des land­wirtschaftlichen Berufs sind besondere, noch etwas ermäßigte Beiträge vorgesehen.

Dabei beträgt der Rentenanspruch nach dem französischen Gesetz etwa 720 Mk nach dem deut­schen für die genannte Lohnklasse nur etwa 456 M. jährlich.

Jedenfalls rechnet man in Frankreich mit febr nichtigen Verwaltungskosten, während in Deutsch­land die Verwaltungskosten eine geradezu unglaub­liche Höhe erreicht haben und die Hauptursache sind, weshalb so hohe Beiträge gezahlt werden müssen und fo geringe Renten herauskommen. Schon früher ist auf die Planlosigkeit des deutschen Sozialversicherungswesens hingewiesen worden; tcbe Versicherungsart hat ihre eigenen Bestimmun­gen. Für bic Alters- unb Invalidenversicherung

gibt es 7 Beitragklassen mit Beiträgen von 30 Pfg. bis 2 Mark wöchentlich, für die Arbeitslosen­versicherung dagegen 11 Lohnklassen, für die Al­ters- unb Invalibenversicherung zahlen Arbeitgeber unb Arbeitnehmer je 50 Prozent, für bie Kran­kenkasse Arbeitgeber 33% unb Arbeitnehmer 66%, für die Arbeitslosenversicherung mieber beibe Par­teien je 50 Prozent.

In Frankreich gibt es für die Gesamtversiche­rung nach bem neuen Gesetz 5 Lohnklassen. Jebe Partei zahlt bie Hälfte, außerdem einen festen Beitrag von je 5 Francs 82% Pfg. pro Monat für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das gilt für olle Versichern»gsarten zusammen: Kranken-, Ar­beitslosen-,' Invaliden- und Altersversicherung zu­sammengerechnet erfordern nur 800 000 000 Mark jährlich einschließlich der Staatszuischüsfe, während

VNder vom Tage.

Prof. Dr. Hermann Stegemann

wird am 30. Mai 60 Jahre all. SeineGeschichte des Krieges in vier Bänden", eine hervorragende Beschreibung der Taktik der kriegführenden Staa­ten, die er teils schon während des Krieges ver­öffentlichte, erwarb ihm einen bedeutenden Na­men. Steegmann war Redakteur, wurde 1921 zum Ehrendoktor der Freiburger Universität er­nannt unb 1922 als Ge f chi ckt sp r o f e f f o r an bic Universität München berufen. Stegemann schrieb auch zahlreiche belletristische Romane unb Novellen.

Lorb Davidson,

her frühere Erzbischof von Canterbury, ist im Al­ter von 82 Jahren gestorben. Daoibfon, ber vor zwei Jahren wegen ber Zurückweisung bes neuen Gebetbuches ber Englischen Kirchen fein Amt nie« bertegte, war einer der größten Kirchendiplomaten unb neben Soeberblcm ber stärkste Vorkämpfer ber Stockholmer Kirchenunion.

Rauch, kein Ruß, keine Sch tacken.

i Dee Dreizehnte.

Roman von Anny von Panhuys.

Copyright 1929 bt) Verlag Bechthold, Braunschweiz.) 35] ___________

"Dein Vater hat mich von jeher eingeschüchtert unb !r 'chmer wieder allzu deutlich gezeigt, daß ich nur on seiner Gnade abhing. Nichts hatte ich vom Leben, ^Mer nxjj. Aschenbrödel. Und in mir lebte auch erlangen nach Freude. Sogar sehr viel Verlangen.

Sehnsucht habe ich gesteckt bis zum Halse, zu ge= wie andere Mädchen, aber was ich mitmachen Urfte, mar Abfall von dem, was man Vergnügen nen- 5? konnte." Ihre Stimme ward schwindend.Auf - sitzte ich mein Hoffen, aber du ließest mich im Stich, $1* feige vor deinem Vater. Als der Rosenmontag war, machte ich mir heimlich einen roten Clowns- um mitzufahren mit dem Auto. Ich wollte sein unter Masken, wollte einen Scherz machen, stand hinter einem Flügel der Haustür verborgen ^-0?r Maske, als ihr euch versammelte, als als ihr die hohrenden zähltet. Es glückte mir auch, mich unbe- £ unter euch zu mischen.

JtUr ein Scherz sollte es sein, ein paar schöne Stun- wollte ich mir verschaffen. Alles ging gut. Ich tte dir unterwegs meinen Streich erzählen, aber du ^hieltest dich fortwährend mit der blonden deutschen ouferin, und ich wagte mich keinem der anderen zu entdecken. Mir wurde plötzlich Angst, es * deinem Vater zu Ohren, was ich getan, und er Zornig werden. Ich bemerkte, daß dir oder der 'llchen anscheinend schon aufgefallen war, es besan- i'w statt zwölf Clowns dreizehn auf dem Auto, und irlor die Lust, dir zu erklären, wer der Dreizehnte h - ^ute dir auch nicht mehr. Schließlich mür« vielleicht deinem Vater etwas verraten, oder die uche würde es tun. Ich war verstimmt. Das Der- 4en. bas ich mir versprochen, fand ich nicht, die 1,5 Waren albern und langweilig, das Publikum

1 Binder. Ich atmete auf, als das Auto vor ber

Bar hielt. Es ward mir dort leicht, mich über den Hof durch einen Ausgang in eine Nebenstraße zu entfernen. Ein Clown fiel an dem Tage nicht auf. Ich hatte da­mit gerechnet, von dir ins Haus geschmuggelt zu wer­den, nun du aber nichts wußtest von allem, konntest du mir auch nicht helfen. Ich nahm bestimmt an, dein Vater würde um die Zeit meines Nachhausekommens im Laden fein, der Hund meldete ja nicht, wenn einer von uns heimkam. War ich dann erst in meinem Zim­mer, würde ich in fünf Minuten umgezogen sein, dachte ich, und ich wollte dann schnell ein paar Schritte fort­gehen, um gleich danach offiziell wiederzukommen. Daß ich einen heimlichen Wohnungsschlüssel besah, wußte niemand. Ich hatte zuerst das Pech, als ich auffchloß, von der Portera gesehen zu werden. Da ich fast gleich groß bin wie du, hielt sie mich für dich, und ich sand das ganz praktisch. Die Maske schützte meine Züge. Wenn ich erst einmal umgezogen sein würde, wäre für mich alles erledigt. Schließlich hatte ich ja auch nichts Besonderes getan, nichts, als einer törichten Laune nachgegeben, die mir nicht die kleinste Freude einge­bracht."

Sei nicht so weiffchwesiig" unterbrach Primo Duero Montserrat,deine Empfindungen sind Nebensache."

Sie lachte kurz auf.

Ja, das waren meine Empfindungen für dich wohl immer. Auch für deinen Vater. Sie pumpte den Atem tief aus der Brust heraus.Ich öffnete mit meinem Schlüssel leise die Wohnungstür und stand in der Diele deinem Vater gegenüber. Auch er hielt mich für dich, sprach mich Primo an, fragte, warum ich wiedergekom­men. Mir fiel keine Ausrede ein. In der nächsten Se­kunde aber hatte ermir schon die Maske heruntergezogen, und als er sah, wen er vor sich hatte, schimpfte er mich zornig, ich sei eine Skrgnügungsnärrin, eine Leichtsin­nige und als ich etwas entgegnen wollte, hob er die Hand gegen mich. Ich floh in der Richtung meines Zimmers. Er mir nach mit geballter Faust.

Es gelang mir, in mein Zimmer zu kommen, aber er hatte feinen Fuß zwischen die Tür gesetzt. Ich war außer mir. All der Haß gegen ihn als Unterdrücker und Peiniger, der sich feit Jahren in mir aufgespeichert,

war zum lodernden Brand geworden. Ich langte ganz unbewußt und nur instinktiv nach der Luftpistole, die ich mir einmal gekauft in einer verzweifelten Stim­mung, mit der ich meinem Leben einmal ein rasches, lautloses Ende hatte bereiten wollen. Dein Vater wch auch. Nichts anderes wie einer Irren. Und das war ich auch. Nicht anderes wie eine Irre war ich in jener Stunde. Er wich zurück, aber ich drückte ab und trat. Tros ihn nur zu gut. Er taumelte und stürzte, war auf der Stele tot. Der Hund kam jetzt erst aus dem Laden, und ich erkannte, nun begann eine böse Gefahr. Er konnte mich anfallen, laut heulen. Ich lud neu und schoß auch auf ihn." Sie bedeckte einen Moment die Augen mit der Rechten.Das arme Tier tat mir leid. Als es stumm am Boden lag, kam ich überhaupt erst zum Bewußtsein, was ich getan. Da fetzte mein Verstand erst wieder ein. Und von der Sekunde an dachte ich scharf und logisch. In rasender Hast schloß ich vor allem erst den Laden, damit kein Kunde eintre­ten konnte und dann packte ich ein Kleid und einen Mantel in einen großen Bogen Packpapier und wollte davoneilen. Ich sah den Kassenschrank im Büro offen. Dein 23aier war wohl gerade daran gewesen, als er mich kommen hörte. Ich nahm das bare Geld, das ich fand und die blauen Brillanten, die der Marques de Palma am gleichen Tage abholen wollte und stürzte fort. Auch diesmal sah mich die Portera. Aber ich hatte mein Gesicht wieder mit der Maske bedeckt und sie konnte mich nicht erkennen. Ich"

Höre auf, um des gütigen Heilandes willen, höre auf", schnitt ihr Primo Duero das Wort ab.Ich weiß, auf welche Weise du dich des roten Kostüms ent­ledigtest. Das Kostüm wurde entdeckt, aber bis jetzt blieb verborgen, wer es getragen. Ich habe genug ge­hört, übergenug. Du bist furchtbar!"

Er faßte sich mit beiden Händen an die Schläfen, hinter denen es surrte wie kleine Räderwerke.Ich kann es ja gar nicht fassen, es sprengt mir den Kops."

Montserrats Züge waren leidenschaftlich erregt.

Ich weiß, ich habe dir Schreckliches gesagt, ich we-'ß auch, ich bin nun in deiner Gewalt. Aber das wäre

nicht das Schlimmste! Viel schlimmer, nein, das Schlimmste auf Erden ist, itafy ich nun, wenn ich nicht fortkann, den Mann verlieren muß, den ich liebe. So liebe, wie ich dich niemals hätte lieben können!" Sie schlug sich mit der geballten Faust an die Brust.Alles ist gegen meine Liebe farblos. Als ich dein Haus ver- ließ, nahm ich eine Stellung als-Gesellschafterin in Va- lenzia, ich mußte doch zunächst die Rolle der Mittello­sen spielen, um nicht aufzufallen. Und dort lernte ich ihn kennen. Cubaner ist er und Prinzen, Hampelmän­ner und Wachsfiguren sind alle Männer gegen ihn. Wir fanden uns, wir heirateten." In ihren dunklen Augen leuchtete es wie Fanatismus auf.Eine jener wunder­vollen Abenteurernaturen ist es, die das ganze Dasein wie ein buntes Spiel nehmen, die zu leben wissen, zu lieben, zu genießen. Und ich zog mit ihm, die glückse­ligste aller Frauen. Nichts vor dem kümmerte mich mehr, was hinter mir lag. An nichts dachte ich mehr als an ihn. In feiner Abwesenheit, in seiner Gegen­wart. Mein Geld ging bei unserem Leben mit darauf. Wir lebten im vorigen Jahre im Haag. Einen kleinen feinen Spielklub hatten wir dort, aber eines Tages klopfte die Not an unsere Tür. Da fuhr ich hierher, versetzte die Steine, die mein Mann niemals bei mir gesehen. Ich veränderte für alle Fälle mein Aeußeres. Wir leben jetzt in Paris und ich habe die mehrtägige Abwesenheit meines Mannes benützt und bin hergereist, um die Steine zu holen. Jetzt haben wir Geld genug. Ich bin in einem kleinen Hotel im Haag abgestiegen und in der alten Vermummung, die ich erst unterwegs im Zug vom Haag hierher anlegte, gekommen. Die Steine wollte ich wiederhaben, weil ich fürchtete, wenn sie verfallen würden, könnte sie der Pfandleiher ver­kaufen und ich käme in Gefahr, wenn die seltenen Steine erkannt würden."

Primo Duero hatte nur halb hingehört, er stand noch viel zu stark unter dem Eindruck der enffetzlichen Neuigkeit. Montserrat war die Mörderin seines Va­ters! Alles in ihm bäumte sich gegen die Wahrheit auf. Das Unglaubhafteste auf Erde schien es ihm.

" ' ^Fortsetzung folgt.)