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Beilage zur Fuldaer Zeitung
28. Mai
Wir stürmen ins Leben.
2ger nichts als seine Vaterstadt gesehn,
23er nie auf fremder Straße ist geschritten, Wer nie mit fremden Leuten sich gestritten Und nie vernommen fremder Stürme Weh'n, Wer nie beim Klang der Heimat süß gebebet, hat der gelebt . . .!?
Wer nach der Schulzeit harten, strengen Jahren Sich hurtig auf die Wandersohlen machte, Und spöttisch über Stubenhocker lachte Und Land und Meere kreuz und quer durchfahren; Wer um die Ohren sich die Welt geschlagen Und stolz des Reichtums Wissen heimgetragen, Nach eigner Welterkenntnis hat gestrebt: der hat gelebt . . .!
fllus dem Tagebuch eines wandernden Gesellen.)
Wir find Arbeiter.
6in Bekenntnis aus der „katholischen werhugend."
Wir sind Arbeiter und werden es im« mer bleiben. Das klingt hart, aber zu dieser harten Tatsache sagen wir ein ebenso entschiedenes Ja. Wir heben keine Hintertüren, durch die wir dem Schicksal entfliehen können. Wir Arbeiter sind so, weil das Schicksal nicht anders gewollt hat. Wir finden den Mut, uns M diesem Schicksalhaften zu bekennen und dafür zu leben, zu wirken, zu streiten. Gottes Fügung stellte uns zu den Brüdern an den Maschinen, an den Werkbänken, in den Gruben, an den Hochöfen, an Spinnmaschinen. Mit beiden Füßen stellen wir uns in unser Arbeitersein hinein. Unser Arbeitervolk aber lieben wir mit der ganzen großen Liebe unseres Herzens. Zu ihm halten wir, wie wir auch zu Vater und Mutter halten, denn Sott hat es nicht anders in uns hineingelegt.
Wir sind mit dem Volk an den Maschinen schicksals- Dcrbunben; darum spüren wir immer wieder erschüttert, daß die Not des Arbeitervolkes unsere Not ist, daß die Sehnsucht nach Befreiung, Würde und Aufstieg auch unsere Ehre ist, daß die Schande des Arbeiteroolkes auch die unsere ist, darum wird der zähe Wke in uns wach, mit der ganzen Kraft, mit der ganzen Energie des Willens an der Hebung unseres Standes mitzuarbeiten.
Wir stehen ja in diesem Arbeiterstande drin, sind ihm schicksalhaft zugehörig und auf Gedeih und Verderb, auf Leben und Tod mit ihm verbunden. Wenn sich unser Schicksal bessern soll, dann kann es nur geschehen. wenn wir uns für eine Hebung des gesamten Standes ersetzen.
Darum ist uns auch die Arbeiterbewegung in erster ^nie eine eigene Sache, die wir nicht anderen überlas-
J Auf in s Freigericht;
Einlabung zum Tag der katholischen Jugend in Somborn.
Die Somborner Jungmänner laden anläßlich ihrer auf Pfingsten festgesetzten Bannerweihe hiermit die gesamte katholische Jugend der Main- Kinzjggaues zu einem Treffen und zu einer Kund- gevung nach Somborn ein.
t . 1' Pfingsttag findet eine Führertagung un-
?v-r Un8 &es Derbandsobmannes Georg Wagner- uusseldorf statt. Am Abend wird ein großes Pfingst- feiter angezündet.
Programm des zweiten Pfingsttages sieht vor: Uhr: Weckruf. 7.30 Uhr: Gemeinsame hl. Kommunion während der Frühmesse. 9.30 Uhr: Festgottes- I l? P^'gt des Diögesanpräses Herrn Kuratus Kj Anschließend öffentliche Kundgebung auf dem wchplatz. 13 Uhr: Andacht, Ansprache und Weihe der euen Fahne. 14 Uhr: Aufstellung des Festzuges und | E7Z "ach dem Festplatz. Hierselbst Ansprachen, Kon- " « i,?°langsvorträge. Sportliche Wettkämpfe, Volksfest. ° Uhr: Siegerehrung.
h 3“ diesem Treffen wird auch die Jugend des Ful« in3 Landes erwartet. Jede Gruppe und jeder Verein a*f° seine Pfing st Wanderung in das n e Freigericht und unterstütze durch sein Er- ,.^nen die katholische Jugend in der Diaspora.
Kneipe im Verbindungsheim.
Aur eine Vorkriegsgeschichte?
U Aus dem Buch „Helmut Harringa":
."achdem die letzten Töne des Liedes verhallt M d°rte Friedrich von vier, fünf Korpsburschen Wü» r^tig den Ruf: „Harringa, darf ich mir einen
Wstatten?" Er antwortete jedem: „Sehr angc- komme nach," hegte aber durchaus nicht den M h °as 'n ledern Falle wirklich zu tun. Wenn ihn gea;,-.as Münchener Bier angenehm kühlte, und eine EyL Behaglichkeit durch seine Glieder zu riefeln
*° hotte er doch keineswegs die Absicht, irgend- Mii tri ^es ®ufen 5U tun, als ihm paßte. Er saß Storp/’ ? Lehrter Gast, den allzu stark zu „treten" die M htff Un8 verbot. Da konnte er den Trinkgesetzen w'.; Rotzen, als in Göttingen, wo er als „Sier»
ebenso berüchtigt wie als Fechter gefürchtet Lkhlpt.sk,
i^bte wieder feine Mütze auf den Tisch.
Wir haben heute abend die Ehre und das 3mei Vertreter unseres lieben Kartellkorps Ij, e’ uns begrüßen zu können ..."
der sekundenlangen Pause, die der Red- ^^Machte, schossen Friedrich Harringa zwei Dinge 3j„h , Einmal, wie oft er wohl in Göttingen * ®ö «■ °n. gEhbrt hatte, die bei solchen Anlässen r, • ^^felbe war. Und dann, wie gut es doch »b? er ,m letzten Augenblick vor dem Verlassen uf k ung noch den Zettel zu sich gesteckt hatte, ebenso wörtlich bestimmte Antwort ver- ßans" . ' Er als der ältere der beiden anwesen- 3ettel^s" ^rich ZU geben haben würde. Er zog Wlei OU2 und las ihn verstohlen durch, wäh- xc o auf dem vorgeschriebenen Gleise zu Ende
., 8en Worten:
für ? r ^G*^en dieselben herzlich willkommen, WLl . Erscheinen, hoffen und wünschen, daß sie W^§^vgte Stunden in unserer Mitte verleben ein em- , aus ihr und ihre C. C. Wohl, sowie len toj.-'F5 Fortbestehen der innigen Kartellbezie-
?Cr Hansea einerseits und zwischen un- M6»nn.. ,tia andererseits unser Glas in Gestalt poppenfalamanbers.-
fen können, weder Beamteten noch Beauftragten, noch Organisationen, die eine Unterabteilung „Arbeiterbewegung" daraus machen. Uns ist die Arbeiterbewegung Gewifsenchache, eine Angelegenheit unseres Lebenswillens und unserer Standesehre. Der Arbeiterverein ist nicht letzter Sinn unserer Arbeit. Wir wollen im Arbeiterverein zur Arbeiterbewegung und zum Lr b e i te r st a n d. Darum kann uns der Arbeiterverein nie Interessengruppe ober bloßer Unterhaltungs- bezw. Geselligkeitsverein fein. Im Arbeiterverein pflegen wir echtes Stanbesgut. Wir wollen unseren Platz im Arbeiterverein ausfüllen. In ihm treten wir das Erbe der Arbeiterbewegung an, wollen wir mit vollem Bewußtsein Träger des Aufstiegs des Arbeiterstandes werden.
Wir sehen das Heil des Arbeiters nicht darin, ihn von seinem Standort an der Maschine fortzubilden zu einem Anhängsel und einer verkleinerten Ausgabe des bürgerlichen Menschen. Arbeiter bezeichnet die unverbrauchte Kraft, die ookkliche Gesundheit der Fabrikleute. Er ist em 3tante voll Achtung und Glaube. Aus dem von bürgerlichen Abfällen lebenden Arbeiter wird nichts. Bei der sogenannten „bürgerlichen Kultur" ist nichts zu holen. Sie ist wurmstichig und geht dem verdienten Ende zu. Wir aber hungern nach dem Echten und sind darum daseinsunsicher in diese Tage hineingestellt. Wir wollen aus unserer Umwelt, Fabrik, Siedlungshaus, Gewerkschaft, der Unsicherheit unseres Daseins, dem Arbeiter neuen Stil und neue Form bringen. Das erwachte Bewußtsein der Schicksalsgemeinschast, dieses starke Ja zu dem Stande, der aus der Lohnarbeiter
masse am Werke ist, gibt uns Arbeiterjungen die Kraft, mit dem christlichen Glauben als Motor im Herzen für unsere Brüder zu wirken.
Wenn wir vom Arbeiter sprechen, bann ist dieser für uns nicht ein Mann, den man bemitleidet, ein Bettler, dem man Almosen zuwirft. Das lehnen wir ab.
Wir sprechen vom Arbeiter mit Achtung und Liebe. Für uns ist er der Werkmann, der Mann der Maschine, der eine große Sehnsucht in seiner Seele und Über große, unverbrauchte Kräfte verfügt. Also so ein Mann der Zukunft. Darum wollen wir, daß der Arbeiterjunge aufrecht neben der Maschine steht.
Darum gehören 'wir auch nicht zu den Feiglingen und Verrätern, die sich schämen ihrer Rot, ihres Arbeiterseins, die ihr Tagwerk verleugnen und als windige Gesellen es wie Affen den Bürgersöhne n nachtun. Darum gehören wir auch nicht zu den verkleideten Arbeitern, nicht zu den Strebern und Pöstchenjägern, die für sich die Arbeiterfrage lösen, indem sie sich ein behagliches Pöstchen ergattern. Wir haben auch mit jenen nichts zu tun, die als Arbeiter in andere Stände hineingewachfen sind mit dem Bestreben, ihr Brbeitertum zu vergessen und satte Spießer zu sein. Ihre Herkunft gibt ihnen die Aufgabe, auch in ihrem neuen Lebenskreis für ihr Ardeitertum Zeugnis abzulegen und für die Ehr« des Arbeiteroolkes einzustehen. Mit Freude und Stolz schauen wir auf jene Arbeiterführer, die als Söhne des Arbeitervolkes heute an höchsten Stellen stehen und ihr Ardeitertum nicht verleugnen. Ihnen halten wir treue Gefolgschaft, denn sie sind Bahnbrecher und Wegbereiter.
ketzerische Gedanken zu einer Versammlung im SfahffaaL
Im Fuldaer Stadtsaal fand bekanntlich am Samstagabend eine Versammlung der Christlich- sozialen Reichspartei statt. Sie wurde geleitet von einem jüngeren Führer der Christlich-Sozialen, der burA seine Ausführungen bewies, daß er anscheinc i.icht zu der neuen Jugend gehört, sondern unter die Berufsagitatoren gegangen ist. Wir hatten etwas anderes erwartet. Zu den Ausführungen des Hauptredners Stellung zu nehmen, ist Aufgabe der Stadtverorb- neten-Versammlung und des Magistrats. Vielleicht geht man auch einfach über den Unsinn und die Verdrehungen, die die Rede enthielt, zur Tagesordnung über, zumal das Körnchen Wahrheit, das man als ehrlicher Mensch ruhig zugeben kann, unter dem Wust der Wort« ganz verschwunden ist. — Uebrigens sollte man in Zukunft bei Beranstailtungen ähnlicher Art eine Vergnügungssteuer erheben, denn hier wurde Kommunalpolitik wirklich zur Tragikomödie. Unsere Gedanken über die Versammlung werden treffend in einem Aufsatz wiedergegeben, der in der Monatsschrift „Neulan d", Blätter jungkatholifcher Erneuerungsbewegung (Derlagsanstalt Tyrolia, Wien) erschienen Ht und di« Ueberschrift „Wider die Massen" trägt. T.
„®6 soll der Gaukler mit dem Händler gehen, — Sie beide machen unsre Dell erst schön!"
Sollen viele Menschen in Frieden und Ordnung beisammen fein, so ist notwendig, daß ihnen das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit gegeben ist. Jede Gemeinde braucht das, nicht weniger Volk, Stand, Staat. Diese Bindung gaben früher sachliche Belange des einfachen Lebens, die Macht der Autorität, der man unterstand, und das Bewußtsein, einem Volke, einem Staate, einer Geschichte, einem Gott zu- zugehören. Heute, wo man soviel von den Besitzlosen des Volkes spricht, ist das Volk wahrhaft besitzlos geworden an Heimatliebe und Gottesfurcht. Geschichte ist nur mehr eine Wissenschaft von der überwundenen Vergangenheit.
Doch da viele nicht sein können, wo sie nicht ein Gemeinsames zusammenhält, so ist dem Volk «ine neue
Wieder erfolgte das Kommando zum Salamander. Wieder ergossen die Gläser ihren Inhalt in die Mägen und klapperten und stießen dann auf den Tisch. Kaum abe,r hatten Christian und die Fäxe sie überall wieder gefüllt, als sich Friedrich pflichtmäßig erhob und an Ahlefeld die vorgeschriebene Frage richtete: „Darf ich um Silentium bitten?"
Ahlefeld, dessen Gesicht die Langeweile, die ihm die oft erlebte Zeremonie verursachte, schlecht verbarg, antwortete ebenso vorschriftsmäßig: „Silentium für den Herrn Vertreter der Hansa zu Göttingen."
Und Friedrich Harringa sprach in ernstem Ton die alt-ehrwürdigen Worte: „Wir Göttinger Hanseaten danken für die freundlichen Worte der Begrüßung sowie den auf unsres C. C. und unser Wohl geriebenen Schoppensalamander. Wir trinken auf ein ewiges oivot creseat florat der Baltia zu Kiel, sowie auf ein ewiges Fortbestehen der innigen Kartellbeziehungen zwischen der Baltia einerseits und unsrer lieben Hansen andrerseits, unfern Rest." Mit den letzten Worten leerten er und Mosler, wie das Gesetz es befahl, ihr volles Glas, während sämtliche Korpsburschen der Baltia feierlich „Prost" riefen.
„Ich komm« den dritten und vierten Halben nach. Füchse einen Ganzen!" rief der Fuchsmajor. Die Sache klappt« gut. Auch Holt erregte diesmal keinen Unwillen bei feinem Vorgesetzten.
Friedrich begann ein Gespräch mit dem ersten Chargierten links neben ihm, von dem er hoffte, mancherlei über das Leben auf den holsteinischen Landgütern zu hören. Von Graf Ahleselbs Gesicht schwand sofort der Zug der Langeweile, und er wurde ganz warm, wie er anhud, Friedrich die Schönheiten seines väterlichen Gutes zu schildern. Fitzwilliams hört« sehr interessiert zu, ließ auch einige Bemerkungen über den Landsitz feiner Familie in Wales einfließen. Die drei, die sich gut verstanden, achteten zwei Minuten lang wenig auf das fortwährende „Ich komme dir einen Halben", „Prost komme nach", um sie herum.
Länger aber konnte Pornhagen es nicht mit anhören: er richtete an Friedrich die Frage, ob dieser ihm nicht von Göttingen her etwas über die Gründe mitteilen könne, die seinerzeit zu dem Bruch des Kartells zwischen den „weißen" Göttinger Sachsen und den
Gewalt erstanden: „Demokratie*) Sie ist die Gewalt, die ein Volk, das seine Freiheit durch Enllau- fen zu erreichen wähnte, in einen neuen Käfig zwingt.
Welche Männer bekommen in einer Demokratie die Möglichkeit, dem Gemeinwesen des Staates oorzustehen? Darüber müßten wir doch wohl Nachdenken. Offenbar solche Männer, die es erreichen, daß ihnen das Volk, oder besser: die Leute lange und überzeugt zuhören. Denn die Reden der Wahlversammlung sind die Mittel, die den Staatsbürger bewegen sollen, eine Partei, einen Volksvertreter zu wählen. Wer also die besten Reden hält, wen man am liebsten hört,der hat am ehesten Gelegenheit, für das Gemeinwohl zu sorgen. Solche Fähigkeiten eignen sonst Schauspielern. Schauspieler zu sein ist ein höchst ehrenwerter Berus, aber wer wird einem Rudolf von Habsburg der Bühne zumuten, Deutschland in Wirklichkeit zu regieren? Die Zuschauermasse des Theaters tut ganz recht, ihm zu applaudieren wenn er einen gefälligen König zeigt — regiert er doch nicht in Wirklichkeit. Das aber ist närrisch: Wer in einer Demokratie die Fähigkeit hat, zu gefallen, hat auch schon die Möglichkeit, ja fast die Derpslichtung, Staatsgcschäft« zu führen. Wem die Fähigkeit mangelt, nach Gefallen zu fein, dem ist es verwehrt, für sie ein» zutreten. Wahrhaftig: Schönheitsköniginnen wären unsere geziemendsten Majestäten. Da man ja auch zu lesen bekommt, unsere Opernsängerinnen hätten außenpolitische Missionen.
Wie ist es doch so passend, wenn an einem Staats« feiertag im Radio eine Vorlesung aus politischen Schriften gehalten wird, gelesen von einem Schauspieler, der das wohltönenbste Organ und die treffendste Diktion hat, den aber das Gelesene nur — beruflich interessiert.
Man wendet ein, daß ein Maßstab der Gerechtigkeit zu finden ist in dem überzeugten Willen der meisten und daß sich dieser Wille nicht zum Schaden der meisten zusammenfinden wird, sondern nur zu ihrem Vorteil und Glück. Es soll bei der Mehrheit eine Ueberzeugung zu finden fein vom wahren Gemeinwohl und von den Mitteln, es zu
*) Wenn hier die Demokratie liberaler Prägung verurteilt wird, so darf man nicht die Idee des christlichen Volks st aates damit in einen Topf werfen.
„grünen" Tübinger Schwaben geführt hatten. Friedrich Harringa hatte keine Ahnung mehr, da ihn dergleichen nie interessiert hatte und außerdem die Geschichte eine Reihe von Jahren vor seiner eigenen Göttinger Zeit lag. Aber die Sache gab doch Veranlassung dazu, daß am Kopfe des Hufeisens eine Viertelstunde lang von nichts anderm mehr gesprochen werden konnte, als von dem Verhältnis, in dem die Korps des weihen Kreises überhaupt zu denen des grünen ständen. Und dann ging es von da auf die vielumstrittene Frage, ob für ein grünes Korps, wie die Baltia. nun eigentlich ein blaues ober ein schwarzes Korps das wünschenswertere Dorstellungsverhältnis sei. Während Graf Ahleseid jetzt noch gelangweilter aussah als vorher, geriet Pornhagen, soweit er das für zulässig hielt, in Begeisterung: Mit der ganzen Gründlichkeit, die die Sache forderte zählte er die sechs bis sieben schwarz-grünen Kreuzungen, die es gab, einzeln auf. Und von der Grundlage dieser unanfechtbaren Tatsachen aus wies er bann un» wiberleglich nach, daß ber Anspruch der blauen Korps, den grünen Korps näher zu stehen als die schwarzen, mit dem historisch Gewordenen durchaus nicht in Einklang stehe.
Aber schon in seine letzten Worte fiel Stavenhusens dröhnendes Organ: „Sind sie nun?" Er war Niebuhr einen Halben vorgekommen. Binnen bei* einhundertachtzig Sekunden, die von fünf Bierminuten umfaßt werden, mußte ber nach kommen. Nun waren zwar erst breißig Sekunden verstrichen, aber Staoenhusen wünschte eine Bierrempelei. Er fand auch sofort zwei schadenfrohe Gemüter, die als falsche Zeugen mit dem Ausrufe „Rum" feierlich bestätigten, die heilige Fr'st fei bereits verstrichen. Und wie sich Staoenhusen fragend nach dem dritten nötigen Helfer umsah, fand er auch den schnell in dem Korpsburschen Scham weder. Der war als witzig bekannt und rief deshalb nicht „Rum", sondern „Arrak". Aber auch dieses Wort genügte, um das Gesetz zu erfüllen, und kaum war es ausgesprochen, als Staoenhusen zur Fuchsentafel hinüberrief: „Silentium! Niebuhr ist im einfachen B. D. Ein bierehrlicher Fuchs erhält den Auftrag, Niebuhr an die Tafel des Hauses zu treiben."
Auf einen energischen Augenwink Mebows sprang Holt auf und schrieb den Namen Niebuhr mit Kreide an eine schwarze Holztafel, die hinter ihm an ber
erreichen. Auch biefe Annahme wollen wir auf ihre Wahrscheinlichkeit prüfen. Wir wollen sehen, wie es denn zugcht, wenn einige die Massen der Wähler von ber Eignung ihrer Pläne überzeugen. Welche Eigenschaften haben ihre Reben?
Will einer zu vielen reden, will er bas Wohlgefallen ber vielen erreichen, so muß er von solchem sprechen, was alte zu verstehen meinen unb was alle billigen. Was man zu vielen sprechen kann, muh einfach unb angenehm fein!
Es ist aber nicht einfach, bas Vermögen eines Volkes fruchtbarst zu verwalten. Es ist nicht einfach, sich weltanschaulich zu entscheiben unb es ist sehr schwierig, bie Kräfte eines Volkes und einer Wirtschaft zu überblicken und zu steuern. Dennoch wird es dem Dolks- führer leicht, zu reden: man tut einfach fo, als ob man alles klar durchschaue. Und die meisten unserer Volksvertreter werden jaso ehrlich und so dumm sein, an ihre Einsicht s e l b st z u glauben. Ja, die vielen sind schon zu überzeugen von allem genügend Einfachen. Nichts aber ist dem Menschen so einfach zu billigen, wie eine Verheißung, daß es ihm wohlergehen werde. Nur eines ist noch einfacher: sofort Geld zu nehmen. Darum zeigten auch die Bauer Kroatiens die größte Reife zur demokratischen Verfassung, als sie sich für ihr« Wählerstimme gleich bar bezahlen ließen.
Die Sachlagen sind nie einfach, aber die Idee ist es, oder soll es sein. Ja, das ist die wahre „Gewalt der Idee", daß man sie auf Tafeln malen unb bamit sichtbar auf ber Ringstraße herumgeken Hann. In ber Demokratie werben die Ideen sogar so einfach, daß es sich erübrigt, über sie nachzudenken. Man lobt bie Freiheit, ' ohne zu wissen, worin man gebunben ist. Man fordert Gleichheit, ohne sich selbst unb den nächsten zu kennen. Ja, man spricht eben auch von „Massen", ohne sich bewußt zu werben, baß man ja Menschen vor sich hat -n all ihrer Besonberheit unb nicht Schwerpunkte, deren einziger Beruf es ist, sich anzuziehen.
Die Einzelfälle sind in den Zeitungen oft nur dazu da, die Theorien schön auszumalen: sei es, daß sich ein Direktor — offenbar wegen ber Notlage der österreichischen Wirtschaft — erschossen, ober daß sich ein Dienstmädchen — offenbar wegen Uebermuts ber Kapitalisten — aus einem Fenster gestürzt hat.
Auch dieses ist einfach unb recht geeignet, Menschen auf Massen zu verarbeiten: Das Gefühl. Der Zorn ber Unterdrückten, die Empörung entrechteter Hausherrn, der Freiheitsdrang besessener Gehirne, da? sind die rechten Fahnen, mit denen Massen zu Feld ziehen. Es ist auch so gut eingerichtet, daß immer ein Gegner da ist. Zu wissen, daß man ein Gegner von diesen und jenen Leuten sei, ist noch einfacher als die einfachste Idee, es ist das billigste Gefühl, das dazu treibt, den anderen unterzukriegen.
Wenn sich die Führer eines Volkes einig wären, so könnten alle Massen in den Kreis ihrer wirtschaftlichen Belange und Privatmeinungen entlassen werden. Aber das wäre geradezu verfassungswidrig, denn bann oer güße man. baß „alle Macht vom Volk" kommt!
Die Massen sinb in einer liberalen D e- mokratie bie genarrten Helfer einer Klasse von Horrschenben höchst bebenk- kicher Art. Mit Begeisterung unb Vergnügen folgen bie Leute den. angenehmen Schlagworten ihrer Führer. Mil Liebe sind sie hinge geben der Abstraktheit einer großen Idee", deren Fehlerhaftigkeit ober ethische Minderwertigkeit der Herkunft sie nicht einsehen. So sind sie abgezogen von der notwendigen Kleinarbeit des universalen Lebens. Sie verlangen gleichzeitig gehört und zu einer Meinung beraten zu werden. Sie sind stolz, zu ihrer eigenen Hilfe und Wohlfahrt aufgerufen zu sein. Jeder fühlt seine Person als Sinn und Zweck der ganzen Staatsaktion. So ist die Intelligenz der breitesten Mittelmäßigkeit unb her ursprünglich-primitive Eigennutz zur Entscheidung der Lebensform eines Volkes aufgerufen. Man soll nichts gegen bie menschliche Dummheit sagen, man finbet auch sich selbst oft genug in ihrem Gefolge, aber sie zur Grunblage eines Staates, bem Schicksal des Volkes zu machen, ist zuviel Gemeinheit.
Felix S u f a n t.
H—l<IH'iH»l—RWUH-..JHI mi.8.1. IBM
Verantwortlich für „Dos Blatt der Jugend": Dr. oec publ. Joseph Sauer» Fulda.
Längswand des Zimmers hing. Nach ber Vorschrift ergriff er bann fein Seidel, ging, dieses in der Hand, um das ganze Hufeisen herum bis hinter Stavenhusens Stuhl, nahm respektvoll die Mütze ab unb meldete: „Melde, Niebuhr an die Tafel des Hauses gekreidet zu haben, unb trinke zur Bekräftigung meiner Aussage was folgt".
Wenn er gedacht hatte, Stavenhusens würde nach einigen Schlucke „geschenkt" sagen, so irrte er sich. Sta» venhusen dachte über Füchse im allgemeinen unb über Holt im besonderen genau wie Medow unb Pornhagen. Holt mußt« bas ganze Glos austrinken. Das war das achte Gemäß, das er nun im Magen hatte, zusammen bald zweieinhalb Liter/ Er war aber kaum wieder an seinen Platz gekommen, als Niebuhr sich schon an d-n ihm schräg gegenübersitzenden Korpsburschen wendete: „Sievers, ich pauke mich raus."
Sievers sprach, wie es die Sitte gebot nur für die Nächstsitzenden verständlich: „Sdlcntium! Niebtzchr paukt sich in die Bierehrlichkeit zurück."
Und nachdem dann Niebuhr einen Ganzen hinunter gegossen hatte, erklärt« Sievers so laut, daß alle im Zimmer es hörten: „Silentium! Niebuhr ist wieder bierehrlich. Ein bierehrlicher Fuchs kreide ihn au.*
Holt hatte noch keine halbe Minute auf seinem Platze gesessen, aber wieder traf ihn Medows befehlender Blick. Er spürte, wie eine dumpfe Wut in ihm empor- ftieg. Aber er fühlte auch bie Ketten, bie ihn hielten, unb gehorsam ergriff er den kleinen Schwamm in dem Kasten unter der Tafel unb löschte Niebuhrs Namen aus. Dann folgte roieber ber Marsch mit bem Seidel durch den Raum unb die Meldung, diesmal an Sievers Der war gnädiger und ließ ihn nur wenige Schluck trinken. Trotzdem fühlte Holt, wie sein Magen rebellisch wurde.
Als er aber wieder ruhig auf feinem Stuhl saß, schien bas vorüber zu gehen. Wenn nur nicht gerade in diesem Augenblick Medow den Gedanken gehabt hätte den fünften und sechsten Halben nachzukommen unb zu biefem Zwecke die Füchse aufs neue einen Ganzen trinken zu taffen. Holt dachte, er zwänge es nicht mehr. Aber es gelang noch.
(Fortsetzung folgt»