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uldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Julda. Amtliches Kreisblakt.

irr. 122

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild' undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- r. leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Dienstag, 27. Mai 1930.

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57. 3fl6tg.

polltit und wirtschaft.

Politik geht immer um den Menschen. Wo sie es nicht täte, märe sie nicht Staatskunst, son­dern Jnteressentenklüngel. Höchstes, aber auch einziges Objekt aller staatlichen Arbeit ist der Mensch und seine Wohlfahrt. Auch da, wo es sich um andere Gegenstände zu handeln scheint, gcht es doch im Grunde um ihn. Politik muß daher auch ohne Eigensucht betrieben werden. Ihre Grundlage ist Uneigennützigkeit oder Ge­meinnützigkeit. Wer in der Politik Geschäfte ma­chen wollte, würde damit die Fundamente des Staates und der staatlichen Wohlfahrt zu unter­höhlen beginnen.

Wenn man von solchen Grundgedanken aus» geht, so könnte einem manches an der heutigen politischen Betätigung mißfallen. Hier und da ist aus der politischen Arbeit ein Betrieb geworden. Hier und da ist die Uneigennützigkeit einem sehr konkreten Zweckstreben gewichen. Es kann im Ernst nicht bestritten werden, daß in Deutschland eine gesunde Umgestaltung des Reichstagswahl­rechts' an parteipolitischen Hindernissen scheitert, die mit Uneigennützigkeit oder Gemeinnützigkeit nur sehr wenig zu tun haben. Es gibt Parteien, die sich die Verteilung ihre: Wählerschaft auf be­stimmte Gebiete oder Gebietsarten genau ausrech- ncn und dadurch sich ihre Meinung von der Not­wendigkeit einer Wahlrechtsreform und von ihren Möglichkeiten und Grenzen machen. Daraus er­gibt sich schon, daß und das gilt für jede Par­tei eine möglichst hohe Anzahl von Mandaten em sehr großes, wenn nicht das größte Ziel par­teipolitischer Betätigung ist. Aber das ist ja schließ­lich zu verstehen. Jede Partei glaubt im Besitze der einzig wahren politischen Auffassung zu sein, und demnach muß sie schon aus Wahrheitsgründen da­nach streben, ihren Anschauungen in einem mög­lichst breiten Umfange zum Erfolg zu verhelfen. Daß es auch Parteien geben könne, deren Führer selbst wissen, daß die Wahrheit nicht bei ihnen ist, möchten wir zunächst noch nicht glauben.

Wenn man sich die oben skizierten Gedanken überlegt, begreift man, was Geheimrat Dr. Duis- berg sagen wollte, als er im Reichsverband der Deutschen Industrie die Parole ausgab: Hinein in die Politik! Wieweit er freilich an die Uneigennützigkeit der Parteigesinnungen glaubt, mag dahingestellt bleiben. Vielleicht hält er von ihr nicht viel Vielleicht ist er int Gegenteil da­von überzeugt, daß im Reichstag und in den Län­derparlamenten, wenn nicht jeder Abgeordnete, fo [ doch jede Gruppe ihr eigenes Glück zu bauen, als ihre Hauptaufgabe betrachtet. An sich liegen solche Vermutungen ja nahe, seitdem es Parteien gibt, die ganz ausdrücklich für sich in Anspruch nehmen, m erster Reihe, wenn nicht gar ausschließlich, die onte ressen einer bestimmten Volks- kl o ff e oder eines Standes zu vertreten. Ja vielleicht ist hier sogar der Ausgangspunkt für Duis- bcrgs Ueberlegungen zu suchen. Es scheint, wie sch aus dem Echo erkennen läßt, daß seine Aus- sichrungen in einer Reihe nichl-arbeiterfreundlicher Blätter gefunden haben, der Meinung zu sein, die . deutsche Politik werde gegenwärtig von den Ar- bettergewerkfchaften gemacht. Es wird sich das »um beweisen lassen. Im gegenwärtigen Reichs­kabinett z. B. sitzt allerdings ein führender frü­herer Gewerkschaftler, der Arbeitsminister Steger- wald, aber seine Politik damit abstempeln zu wol­len, daß sic über den Horizont eines Gewerkschaft­lers nicht hinausginge, wäre ein Unrecht. Aller» omgs wird der Inhaber dieses Ministeriums im- l"er nicht nur von den Arbsits« und von den Ar» veitewerhältnissen im Lande eine Menge ver- "chen, sondern,.und das ist nicht weniger wichtig, °'n Herz für die Arbeiter haben müssen. Es ®°re gewiß nicht gut und würde dem Empfinden

Gesamtbevölkerung, in der ja die Arbeiter- lchast immerhin die Mehrheit bildet, nicht ent- iprechen, wenn etwa ein Kohlenkönig aus dem . Nflnisch-westfälischen Industriegebiet einmal Ar- - n^lninister würde. Vielleicht hat sich die idealste ^osung dieser Personenfrage in Dr. Heinrich ff ^rauns verkörpert, der Priesier ist und zugleich «mer der ersten Kenner der sozialen Pobleme in ^r Form.

Mache» nun wirklich die Gewerkschaften die Sie haben, wie die Stellungnahme ihrer «atter zur Duisbergschen Rede ergibt, seinen i tWr, wenn nicht gerade als Kriegserklätnng, "och wenigstens als eine Art Vorläufer 5 S r i e g 5 3 u ft a n b c » empfunden, und ant- t«rtn if)m wit dem Bekenntnis: Wenn die Un- ^nehnter stärker als bisher ihren Einfluß in der geltend machen, ja, wenn sie geradezu, so «r/l? ®u*5^er9 verstanden, die Macht ergreifen ». llon, so bleibt uns nichts anderes übrig, als un- ebenfalls aufs schärfste zu politisieren ^ne Ausdehnung der Unternehmer nach ^chten zu paralysieren. Damit find wir nun aber k ^ch keinen Schritt weitergekommen. Man muß

Gegenteil sagen, daß Duisbergs Parole mit ler Antwort aus dem Gewerkschaftslager die uanon verschlechtert hat. Denn tatsächlich stehen schon heute Arbeitgeber und Arbeitnehmer gerade freundschaftlich gegenüber. Dabei brau» in diesem Augenblick nicht zu untersuchen, Biben ober brüben Recht unb Gerechtigkeit ist. u.r beiter unb erst recht dem Arbeitslosen geht iNlecht, auch bem Angestellten. Ja selbst ber Je hat Grund, bei einem Vergleich mit den Mtnissen vor dem Kriege seine heutige Lage eoauern. Aber auch der Unternehmer schwimmt Ar? .®°töe, wie von Radikalen manchmal zu Nftchtigen Zwecken behauptet wird. Die deutsche Schaft in allen ihren Gliedern kämpft einen *ren Kampf, unb leicht hat es nie» ®b. Wenn wir diese Situation überwinden ten- io können wir das nicht dadurch erreichen, |

daß wir die Kampffronten noch stärker als bisher bewaffnen. Niemand kann es der Industrie ver­wehren, wenn sie sich bei den nächsten Reichstags­wahlen bemühen will, mehr Anhänger ihrer Wirt, schaftsauffassung als bisher in das Parlament zu bringen. Aber sie sollte dabei keine unvernünstigen Forderungen stellen, schon darum nicht, weil es kaum einen Kandidaten geben wird, der ohne die Wahlhilfe der Arbeiterschaft ein Mandat erringen kann. Wo aber Unternehmer und Arbei - ter sich zusammensetzen, um die besten Wege zu erkunden, auf denen die Allgemeinheit marschieren kann, da wird die beste Politik gemacht werden.

Tattville des Kabinetts.

Line Rede des Reichsfinanzministers.

Reichsfinanzminister Prof.Dr.Moldenhauer sprah in Köln in einer Mitgliederversammlung der Deut­schen Volkspartei über die politische Lage unter Berücksichtigung der Reichsfinanzen, wobei er u. a. nach dem Bericht derKölnischen Zeitung" aus­führte:

Die jetzige Regierung fei fest entschlossen, das Ziel der Sanierung mit allen Mitteln durchzusetzen, wenn erforderlich auch ohne Reichstag. Was mir jetzt brauchten, sei eine starke Führung oben unb Zutrauen im Volke. Die Regierung habe zu regieren und der Reichstag zu kontrollieren. Aber einen Reinchstag, der auch regieren wolle, dürfe es nicht geben. Wenn der Damm zu reißen drohe, komm; es nicht darauf an, baß die letzten Gesetze ber Aesthetik erfüllt würben. Er hoffe, am Enbe bes Rechnungsjahres mit ben Finanzen so weit zu kom­men, baß bie größte Sorge vom Volk genommen fei. Die Regierung werbe Mittel unb Wege fin- bert, bsn Gebcmken ber Sparsamkeit, ber heute die Reichsregierung beherrsche, auch auf bie Län­der unb Gemeinben zu übertragen.

Auch bie P r i v a tw irt s cha st müsse sich bie« fen Gebcmken zu eigen machen unb vor allem an ben höheren Stellen mit ben Gehältern weniger freigebig fein. Die große Sorge Deutschlanbs habe in ben kritischen Jahren dem Westen gegolten. Hier seien aber bie nationalen Gefahren jetzt ge­bannt, währenb im Osten bie Gefahr sich riefen» groß aufzeichne. Daher müßten wir jetzt alle ver­fügbaren Mittel anmenben, um biefer Not zu be­gegnen.

Zum Schlüsse feiner Rebe ging ber Minister auf bie Reichsreform ein unb betonte, baß die Frage Bayern unbebingt hinter bem Dualis­mus zwischen Reich unb Preußen zurücktrete. Wir müßten endlich ben Mut haben, biese Frage mit aller Energie anzufassen, bamtt bie maßlos oer- zögernben Verhanblungen zwischen ben Reichs- unb Lanbesinstanzen ausgeschültet mürben. Die ganzen Fragen ber Finanz- unb Steuerreform, ber wirt­schaftlichen Neubelebung unb des öffentlichen Ver­trauens hingen aufs engste zusammen mit ber Verwirklichung ber Reichsreform. Man dürfe in ber Oeffentlichkeit überzeugt fein, baß bie Regie­rung wisse, was sie wolle, unb baß sie auch bavor nicht zurückschrecken werbe, wenn sie mit ihrem Willen im Reichstag nicht burdjbringe.

Die Räumung.

Abbau des Ministeriums für die befehlen Gebiete. Die Derroerfung des Reichsbesihcs. Räumnngs. kermine.

Aus Berlin wird gemeldet: Im Haushaltsaus- schuß des Reichstags stand am Samstag ber Haus­halt des Ministeriums für bie besetzten Gebiete zur Beratung. Naturgemäß stauben bie mit ber bevorstehenben Räumung zusammenhängenden Fragen im Vorbergrunb. Minister Trevira­nus machte Mitteilung barüber, baß ber Abbau des Ministeriums sich in vollem Gange befinbe. Die Richtlinien über bie Verwertung bes Reichs­besitzes an Grunbstücken im besetzten Gebiet sol­len im Zusammenhang mit einem Ergänzungs- Haushalt heraiisgegeben werben. Von ber Reichs­regierung fei grunbfätzlich anerkannt worben, baß eine Reichswesthilfe nach Abzug von 10 Millionen für bie Osthilfe aus bissen Mitteln bestritten wer­ben soll. Der Ansatz für b;e Saargänger-Unter- stützungen wirb im Ergänzungshaushalt von 3 Mil­lionen auf 7,5 Millionen erhöht werben. Der Minister bedauerte, daß es irotz der zwischen dem deutschen und dem französischen Außenminister in Genf geführten Verhandlungen nicht gelungen ijt, den vom französischen Oberkommando geforderten Abbruch ber Luftschiff- unb Flugzeughallen in Trier, Griesheim, Lachen-Speyerborf und Kai­serslautern zu verhinbern.

Der Minister machte fobann Mitteilung von ber soeben eingegangenen Meldung des französi­schen Oberkommandos über die Räumungs­termine. Darnach werden geräumt fein: bis zum 31. Mai Zweibrücken, Germersheim, Speyer, Ludwigshafen, Worms unb Bingen, bis zum 17. Juni: Kaiserslautern, bis zum 26. Juni: Trier und Neustabt; bis zum 28. Juni: Kehl; unb bis zum 30. Juni: Mainz unb Wiesbaden. Der Großteil ber Truppen wirb bis 21. Juni von Mainz nach Wiesbaden gezogen werden. Die An­gehörigen ber Befatzungstruppen haben vom 26. Mai bis zum 1. Juni das besetzte Gebiet zu ver­lassen.

wtb. Germersheim, 26. Mai. (Eig. Melbg.) Ein großer Teil ber hiesigen Besatzung hat Ger­mersheim heute im Morgengrauen in Richtung Frankreich verlassen. Der Rest wird morgen heimkehren unb nur eine kleine Abwicklungsmann­schaft roftb vorläufig zurückbleiben.

Mussolini rebel.

Macchiaoelli als Vorbild!

Von unserem römischen Mitarbeiter:

Mussolini hat nach langer Zeit wieder einmal eine Demonstrationswoche hinter sich. Diesmal hat er, da er die politisch zugepitzte Lage natürlich sehr genau kennt, vorsichtigerweise nicht das Parla­ment als Plattform gewählt; er hat sich auch nicht in Rom Ovationen barbringen lassen; pflegen doch solche Aufzüge allzuleicht ihre Wellen bis vor die französische Botschaft unb die Jugoslavische Ge­sandtschaft zu werfen, sondern er ist über Land ge­gangen. Den dröhnenden Abschluß bildeten bie Tage in Florenz.

Was wollte benn nun- Mussolini eigentlich er­reichen? Er wollte sich inmitten seines Volkes zei­gen, wie es ihm geradezu im Zustande des Rau­sches folgt, wenn er, unausgesprochen gegen Frank­reich gewandt, am Schlüsse der Rede in Florenz ausruft:

Schwarzhemden, wenn sich zum Rechte nicht die Macht gesellt, ist es schlecht darum bestellt. Unser großer Macchiaoelli hat gesagt, daß unbewaff­nete Propheten zugrunde gingen. (Bei­fall!) Diese Lektionen der Geschichte und der Erfah­rung sind besonders lehrreich und beachtenswert. Mor­gen früh werden alle vor dem Schauspiel der bewaff­neten Macht das entschlossene, kriegerische Antlitz des faschistischen Italien erblicken. Nur das faschistische Italien, bis an die Zähne bewaffnet, wird die einfache Alternative aufstellen: Entweder wertvolle Freund­schaft oder grimmige Feindschaft."

Ein unbeschreiblicher Beifallssturm der mehr als 200 000 Anwesenden, zu denen Lautsprecher die Worte trugen, folgte dieser Rede Mussolinis.

Wenn es gerade auch in Florenz nahelag, an Macchiaoelli zu denken, so muß man die Form, in der es geschah, doch als wenig glücklich bezeich­nen, und Mussolinis Bekenntnis zu ihm wirb im Vatikan wieder nur eine Bestätigung dafür sein, baß noch lange nicht alle Schatten beseitigt sind, die auf dem italienisch-vatikanischen Verhältnis ru­hen. Gewiß hat Mussolini seinen demonstrativen Rückfall in frühere Tonarten dorthin verlegt, wo­hin sie schon eher gehören, auf die Straße nämlich, aber auch dort wird er nicht einem Manne unb seinen Idealen huldigen dürfen, die von der Kirche verurteilt sind, wenn er wirklich Freundschaft mit der Kirche will.

Im übrigen ließ er sich die Huldigung der kirchlichen Vertreter, wohin er in dieser Woche ringsum in ber Toscana auch kam, gern gefallen. Z. B war in Grosseta der gesamte Domklerus auf ben Stufen bes Doms versammelt. Der Bischof lud Mussolini zum Betreten des Gotteshauses ein, das von Nolksmassen gefüllt war. Mussolini ver­richtete knieend eine kurze Andacht, und beim Ver­lassen sagte ber Bischof:

Ich baute Ihnen für das, was Sie für Italien getan haben, unb vor diesem Altar spreche ich den Wunsch aus, daß Ihnen Gott gestatten möge, Ihre große Mission zu Ende zu führen!"

Aehnliches spielte sich bei seinem Besuch des Domes zu Pistoia ab, wo der Bischof sagte:

Wir begrüßen in Euch den Führer unseres Volkes, den von der göttlichen Vorsehung zu uns gesandten Mann, der geschickt wurde, um die gei­stige Einheit unserer Nation wieberherzustellen unb sie mit weiser, fester Hand ihrem höheren Ziel ent­gegenzuführen. Unter allen Verdiensten, die Ihr Euch um das italienische Volk erworben habt, ist jenes das größte, den Streit beigelegt zu haben, der da drohte zu trennen, was stets im Geiste aller vereint sein muß, die Liebe zur Religion und zum Vaterlands. Seid willkommen bei uns, während wir den Herrn bitten, daß er Euch lange Jahre er­halten möge unb Euch helfe, Euer Werk zu vollen- ben, daß Ihr begonnen habt, um Italien feinen höchsten Zielen entgegenzuführen."

Unter dem Brausen ber Orgel unb bem Jubel ber Geistlichen und Klosterfrauen zog Mussolini darauf in den ehrwürdigen Dom ein. Mch been­deter Andacht überreichte der Bischof dem Duce em künstlerisches Album mit prächtigen Bildern des Domes.

Mussolinis Ansprachen waren im übrigen durch­weg auf landwirtschaftliche und kleinbürgerliche Gedanken abgestellt, und da fand er gewiß manch treffendes Wort der Ermutigung. Sehr wirkungs­voll wußte er immer wieder auf die Pflicht zürn Aushalten im Ringen um bie wirtschaftliche Sanie­rung bes Lanbes hinzuweisen, dann aber bie Ge­danken zugleich auf höhere Werte zu lenken:

Man lebt vom Brote, Schwarzhemden, aber nicht allein vom Brote! (Stürmischer Beifall.) Wurde etwa der göttliche Wunderbau des Glocken­turms von Giotto nur errichtet, um der Korpora­tion der damaligen Marmorarbeiter Brot zu ver­schaffen? (Die Menge schreit: Nein!) Er entsprach einem tiefen, geistigen Bedürfnis . . ."

Für den, ber hören will, war gerade wieder in diesen Tagen inmitten bes Festlärms bie ernste, mahnenbe Stimme des Papstes vernehmbar, der erneut den Haß- und Gewaltgedanken in der Er­ziehung verwarf. Da wird bei allem erfreulichen Fortschritt in den Beziehungen zu Italien doch bie grundsätzliche Kluft stets wieder spürbar, und man erkennt, welche große Arbeit hier noch zu leisten ist.

* Im Reichstag schloß sich am Samstag an bie Rede bes Reichspostministers eine Aussprache an. Darin traten naturgemäß bie parteipolitischen Ge­gensätze ber Fraktionen weniger zutage als bet anberen Verhandlungsgegenständen. Von den mei­sten Rednern bekam die Postverwaltung eine gute Zensur. In seiner Antwort auf die Aus­führungen ber Fraktionsredner betonte der Mini­ster, baß er einer Agitationstätigkeit staatsfeind­licher Parteien von rechts ober links innerhalb der Postverwaltung mit größter Energie entgegentreten werde. Bei ber Auftragsvergebung würden alle Reichsgebiete gleichmäßig berücksichtigt und auch das Handwerk erhalte dabei seinen gebührenden > Anteil. Die Abstimmungen wurden wegen der >

spärlichen Wochenendbesetzung des Saales auf Montag 15 Uhr vertagt. Auf der Tagesordnung der Montagssitzung stehen auch die Anträge auf Reform ober Beseitigung der sogenannten Waren­haussteuer, die Krediterleichterungsvorlage unb der Haushalt des Reichswirtschaftsministeriums.

* Notverordnung zur Erhöhung der Gruudoer- mögensstener. Der Ständige Ausschuß des Land­tags beschäftigte sich bereits am Samstag mit der Vorlage über bie Erhöhung der Grundvermögens­steuer, die wegen der Obstruktion der Oppositions­parteien im' Plenum nicht zur Annahme gelangt ist. Gegenüber den Erklärungen der Oppositions­parteien, daß kein Nofftand vorliege, der den Erlaß einer Notverordnung rechtfertige, wies Finanzmini­ster Dr. Höp ker -Aschoff darauf hin, daß ohne die Erhöhung der Erundvermögenssteuer keine geordnete Haushaltsführung möglich sei. Die Not­verordnung, die sich mit dem Inhalt der ge­scheiterten Gesetzesvorlage deckt, wurde dann mit 16Stimmen ber Regierungsparleien gegen 13 Stim­men der Opposition unverändert ange­nommen.

* Der deutsch-türkischen Handelsvertrag ist in Ungarn paraphiert worden.

* Das türkische Kabinett hat die Errichtung einer türkischen Staatsbank genehmigt.

An der Ost-Grenze.

Grenzverletzung durch polnische Beamte. -

wtb. Marienwerder, 26. Mai. (Eig. Meld.) Der Regierungspräsident teilt mit: Am 24. Mai 21 Uhr erfolgte eine Grenzverletzung durch polnische Beamte bei Neuhöfen. Zwei polnische Erenz- wachbeamte sind feftgenommen. Bei dem von ihnen geleisteten Widerstand und einem Befreiungsver­such seitens anderer polnischer Beamten wurde ein deutscher und ein polnischer Be­amter durch P ist o len'sch üsse verwun­det.

*

C. N. B. Marienwerder, 26. Mai. (Eig. Meld.) Die Weichselzeitung erhält von der deutschen Grenzwache zu ber bereits berichteten polnischen Melbung über einen Zwischenfall bei Marien­werder folgende Darstellung der Ereignisse:zwei polnische Polizeibeamte haben am Samstagabend unbefugterweise die Grenze am Grensgebäude in Neuhöfen überschritten. Bei der Festnahme haben die Polen von der Waffe Gebrauch gemacht, wo­bei ein deutscher Beamter und ein polnischer Be­amter verwundet wurden. Unmittelbar daraus un­ternahmen andere polnische Beamte unter lieber» schreitung der Grenze einen Befreiungsversuch, in dem sie eine große Anzahl von Schüssen auf das Grenzgebäude und die deutschen Beamten abgaben. Die Verletzungen der deutschen Beamten sind leich­ter Natur. Die weiteren Ermittlungen über den Vorfall sind im Gange."

Die Pflichten des Soldaten.

Eine Verordnung des Reichspräsidenten.

Reichspräsident von Hindenburg hat eine neu: Fassung der im Jahre 1922 veröffentlichtenDe- rufspslichten des deutschen Soldaten" verfügt.

Die Neubearbeitung verfolgt den Zweck, durch Fortfall aller in Gesetzen und Vorschriften nieder­gelegten Bestimmungen und durch Zusammenfassen gedanklicher Zusammenhänge die Berufspflichten zu vereinfachen und ihr Verständnis zu erleichtern.

Die Berufspflichten sind allen Soldaten unver­züglich, jedem Neueintretenden sogleich nach der Einstellung vorzulesen. Dies ist jährlich mindestens einmal zu wiederholen. In regelmäßigen Zeitab­ständen f ind sie im Unterricht zu erläutern.

Die ersten Artikel über die Berufspflichten des deutschen Soldaten lauten:

Die Reichswehr ist das Machtmittel ber gesetz­mäßigen Reichsgewalt. Sie schützt die Grenzen des Deutschen Reichs unb seinen Bestand nach außen und nach innen. Das Deutsche Reich ist eine Republik. Ihrer Verfassung schwört der Soldat die Treue. Die unverbrüchliche Wahrung der bem Vaterland gelobten Treue ist die vor­nehmste Pflicht des Soldaten. "

Die Reichswehr dient dem Staat, nicht den Parteien. Politische Betätigung ist dem Sol­daten verboten.

Die übliche Seilerei.

Blutige Zusammenstöße in Pirmasens.

Der zweitägige Parteitag der Kommunistischen Partei am 24. u<nb 25. d. Mts. in Pirmasen- enbete in den Abendstunden des Sonntag tni einem blutigen Zusammenstoß zwischen Kom- muniftenunb Nationalsozialisten. De: kommunistische Parteitag war beendet und die aus­wärtigen Teilnehmer fuhren in Kraftwagen nach Hause. Eine Abteilung Kommunisten, die gegen 6 Uhr nachmittags durch die Zweibrücker Strafte fuhr, begegnete am Ausgang dieser Strafte einem größeren Zug Pirmasenser Nationalsozialisten, die zu Fuß von einervaterländischen" Feier in Böh- mühlbach zurückkehrten. Bei der Begegnung ent­stand aus iwch nicht geklärten Gründen und bisher unaufgeklärtem Verschulden eine schwere Schläge­rei unter Verwendung von Schuß-, S t i ch - und Hiebwaffen. Ins Krankenhaus mußten ein» geliefert werden sechs Personen mit schweren Ver­letzungen, von denen eine Person inzwischen g e» storben ist und drei weitere Personen in Lebens­gefahr schweben; acht Personen erlitten weniger schwere Verletzungen. Die Zahl der sonst noch leicht verletzten Personen ist iwch nicht festgestellt. Die überwiegende Mehrzahl aller Verletzter zählt zu den Anhänger« der kommunistischen Par- tei. Die öffentliche Ruhe ist durch Unterbinbuna