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Fuldaer Zeitung

Der Abmarsch der französischen Truppen aus Bingen

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Samstag, den 24. Mai 1930.

ein Hochgenuß für jeden Kenner Per Pfund 4.00, 4.40, stets frisch geröstet.

worden, wofür sogar Felssprengungen notig waren. Fast jeder Oberammergauer hat sein Haus neu bemalt, das Dach ausgebessert, Balkone und sterläden ausgeflickt, — gar ______ u_ Ir„

chen, daß vielfach auch Betten und Bettzeug ange schafft werden mußten, um Passtonsgäste zu bester^

ÄAissdiank der beliebten hiesigen Unionbiere, Löwenbräu und Dortmunder

Nur noch ein kleiner Gendarmerieposten blieb in dem schönen Rheinstädtchen an der Mündung der Nah: zurück, um die Durchfahrt der aus der dritten Zone abziehenden französischen Truppen zu sichern.

t, Balkone und Fen- nicht davon zu spre-

Uakastrophen-Polttik.

Dresden, Ende Mai 1930.

Der Nationalsozialismus hat in Sachsen eine moralische Niederlage erlitten. Diese Partei, die den Kampf gegen den verfahrenen Parlamentaris­mus auf ihr Schild gchchrisben hatte, und immer wieder betonte, daß der Egoismus und die Willkür der Parteien gebrochen werden müsse, hat nun das Land Sachsen durch ihren eigenen Parteiwahn in den unsinnigsten aller Wahlkämpfe geführt. In dem Moment, wo das beste Kabinett seit den Ta­gen der Revolution soeben gebildet war, hat sie wegen der Aussicht auf ein, paar neue Abgeord­netensitze die Auflösung des Landtags bewirkt. Selbst die radikale Sozialdemokratie, die den Auf­lösungsantrag als rein formale Gegendemonstra­tion gegen den bürgerlichen Charakter des Ka­binetts gestellt hatte, war vollkommen überrascht, als die Nationalsozialisten sich auf ihre Seite stell­ten. Die Linke wollte gar nicht, daß der Antrag angenommen werde, schon aus dem Grunde nicht, weil sie allzu schlechte Aussichten auf Verstärkung ihrer Position durch die Wahlen hat.

Srbon vor 14 Tagen, sofort nach der Bildung der Regie ng, fiel ein scharfes Schlaglicht auf die sächsischen Nationalsozialisten. Während alle bür­gerlichen Parteien darauf verzichtet hatten, einen ausgesprochenen Parteimann ins Kabinett zu brin­gen, und nur Persönlichkeiten mit sehr langer Be­

Gasthof JMorpfen“

Halterin im Sägewerk Unterammergau. Schon als sie drei Jahre alt war, als ganz kleines Kind, wirkte sie beim „Passion 1910" mit, lief unter dem Volk von Jerusalem Christus entgegen, als er auf einer Eselin in seine Stadt einzog, und auch 1922, bei der ersten Aufführung nach dem Kriege, durfte sie ,mithin". Diesmal hat sich, wie sie selbst sagte, ihr heimlichster Wunsch erfüllt, obwohl sie gar nicht gehofft hatte, daß man sie zur Maria „wäh­len" werde; denn die Hauptrollen werden in drei Wahlgängen von der ganzen Einwohnerschaft re­gelrecht gewählt . . . Das Haus, in dem sie wohnt, liegt gegenüber dem Rathaus, und nicht weit von ihr wohnt die Magdalena, Johanna Preisinger d-e Wirtstochter vom Gasthof „Zur Alten Post". ' Ist die Maria still und in sich gekehrt, ein zartes blon­des Mädchen, so. ist die Magdalena heiter, ver­gnügt, dunkelhaarig und von ausgeprägtem Tem­perament, das sich auch in ihrem Spiel beweist.

Ja, das Dorf lebt für dieses Spiel, es ist eine Sache aller und jedes Einzelnen. Könnte man es sonst verstehen, daß sobald „der Passion" begonnen hat, sogar schon vorher, alle Leute im Dorf einander mit dem Namen der Rolle nennen, die ihnen durch die Wahl zugefallen ist? Fragt man, wo es zu Alois Lang gehe, so weifen die Dörfler an das Südende des Dorfes und sagen: „Sie wollen zum Christus? — Der wohnt am Leinebach." Und fragt man, vor dem Haus des Hugo Rutz stehend, wer hier wohne, so sagen sie: „Das ist'der Kaiphas." Kaiphas, ein würdiger und menschenfreundlicher Mann, ist im bürgerlichen Stande ein Schmied. Und zwei junge Leute, die während der Mittag- paufe einer Aufführung alle Gaststätten des Ortes überfüllt gefunden hatten, die aber gleichwohl et- was essen wollten, erzählten, daß sie einfach in das Haus des Kaiphas gegangen seien und gesagt hatten, sie möchten gerne essen, denn sie seien hungrig. Da habe ihnen die Frau des Kaiphas obwohl sie garnicht auf Gäste eingerichtet war und auch keine Pension hatte, von ihrem Essen gege­ben, und schließlich für das ganze Mittagbrot acht­zig Pfennige verlangt. Dies ist eine wahre Ge­schichte, und sie zeigt, wie die guten Oberammer­gauer in Wirklichkeit sind, und daß niemand im Dors daran denkt, an diesem Spiel zu verdienen.

Was es mit den „Reichtümern" der Oberammer­gauer auf sich hat.

Man spricht viel von den „riesigen Einnah­men", die das Pasfionspiel den Dorfbewohnern bringe, — und kaum jemand ahnt, welche Unkosten zunächst einmal nötig sind, um Dorf, Straßen. Theater und Kostüme für jedes Spiel neu instand W setzen. Das Theater ist vergrößert, d-:e Bühne modernisiert und zugleich künstlerisch verschönert worden. Dieser Umbau hat mehr als eine Million gekostet. Die Straße von Unterammergau bis zum Kloster Ettal mußte asphaltiert werden. Sie ist außerdem, um die gefährlichen Kurven für Au­tomobile zu vermeiden, um die Hälfte verbreitert

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Actleudruckerei, Fulda

Rom Text und von dec Musik.

Einfach sind beide, die Worte, die im Ober­ammergauer Passionstpiel gesprochen werden, und cmh die Musik, die zu ihnen gespielt wird. Man ist in diesem Dörfchen konservativer als man in Bayern sowieso schon ist, und so hat man auch an dein alten Texte „des Passions" nicht viel geän­dert. Wahrscheinlich sind es sogar zwei alte Texte, die man zu einem vereinigt hat, und zwar einer aus dem Augsburger Benediktinerkloster, ein an­derer von einem Augsburger Meistersänger. Vor mehr als hundert Jahren wurde dieser alte, aus zwei Spielen zufammengefügte Text von einem Exkonoentualen des Klosters Ettal, das nahe bei Oberammergau liegt, überarbeitet, und einige vier­zig Jahre später erhielt er seine letzte Fassung durch den Geistlichen Geheimen Rat Daisenberger, der selbst Oberammergauer war. Seither hat man nichts mehr an den einfachen und schlichten Worten geändert, und es ist gut so.

Auch die Musik, die ein Oberammergauer Leh­rer, der zu Mozarts und Haydns Zeiten lebte, Rochus Dedler, schrieb, ist kaum verändert. Es ist die Musik jener Rokokozeit, vielleicht eher breit als tief, aber voll natürlicher und ungezwungener Herz- lickkeit. Die Musikanten sind lauter Oberammer­gauer, Bauern und Herrgottsschnitzer, und einer von ihnen, ein Geiger, ist schon achtzig Jahre alt. MM hat ihm wohl angedeutet, daß er vielleicht schon ein wenig alt fei, um weiter noch im Orche­ster mitzuspielen, aber davon wollte der Gute nichts wissen. „Ich bin nun schon so lange dabei", meinte er, „warum soll ich nicht auch jetzt noch mitspielen können?" Und er spielte mit. Manchmal ver­säumte er mal einen Einsatz, aber das hat nieman­den gestört. Darum klang die Musik „zum Pcff- sion" doch gerade schlicht und schön wie sonst, und vielleicht sogar noch schöner. Weil nämlich die'er Geist, in dem man den guten Asten mit- lpielen ließ, feine Früchte trögt, und weil aus eben diesem Geist das ganze Spiel gespeist ist: Es lebe der Geist des „Einer für Alle imd Alle für Einen".

Die Spieler.

Den Herren und Meister spielt in diesem Jahr zum ersten Male Alois Lang, ein Bildhauer. Eine A^ße, schmale Gestalt, Haar und Bart sistd schwarz, | und seine Haut ist. südländisch, braun. Seltsam, wie oft man überhaupt im Dorf auf südliche, zuweilen rein Mische Menschentypen trifft. Gibt es einen kesseren. Beweis dafür, daß lange Beschäftigung und geistige Einftellung, die sich vom Vater auf den K kohn vererben, auch körperliche Merkmale hervor- IW’ Die Stimme dieses Christus ist bei aller WMongschönheit und bei allem baritonalen Glanz I doch kräftig, männlich und fest. Es ist ein härterer L Ehrislus als der seines Vorgängers Anton Lang, -- ein Mensch auch, der mehr von seinen Nerven abhängig ist. Das versteht man, wenn man weiß, ' d'kser Bildhauer auf fast allen Kriegsschau- « putzen den Weltkrieg miterlebte, daß er vier Jahre ■ tag dem Tod ins Äuge sah, und auch einmal, bei Mcmnonvillers, schwer verwundet worden ist . . . U... Die Maria, ein blutjunges Mädchen, mit ihrem L ärgerlichen Namen Anna Rutz geheißen, ist Buch-

Meine Schutzmarke

Verbürgt

WMW and Prelswfirdlgkeif.

Mi Schmitt, FuNa.

Weingroßhandlung.

bergen. Wer bezahlt alle diese gewaltigen Unko­sten? Die Gemeinde, und das einzelne Gemeinde­mitglied. Und was bekommen sie dafür von den Besuchern? Die Preise, in die die Eintrittskarte für das Spiel, die Unterbringung und Verpflegung für den Spieltag, den Vorabend und den Morgen danach einbegriffen sind, kann man durchaus nicht als besonders hoch bezeichnen. Ständige Besucher hat das Dorf kaum, es ist lediglich auf die vorüber­gehenden ßogiergäfte angewiesen, die einen oder zwei Tage zum Spiel dort bleiben. Den wahren Profit — haben die Kurorte der Umgebung und die Eisenbahnen . . .

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Währung im Staatsdienst berufen wurden, oppo­nierten einzig und allein die Nationalsozialisten. Sie wollten einen nationalsozialistien Arbeits­minister, und zwar ohne sich selbst parteimäßig an die Regierung zu binden. Sie schlugen einen Kan­didaten vor, der früher Sozialist war, dann Alt- fozialist, dann Demokrat und schließlich National­sozialist. Es war schon aus dem Grunde unmög­lich, diesem Verlangen zu entsprechen, weil infolge des Sparsamkeitsprogramms das Arbeitsminifte- rtum von einem anderen Minister mit verwaltet wird. Selbst dieses Spapsamkeitsprogramm wurde also scharf bekämpft. Man erkannte bald, daß die Auflösung des Landtags um jeden Preis be­trieben werden sollte.

Welch große Erbitterung bei sämtlichen Par­teien, sogar einschließlich der Sozialdemokraten (hur die Kommunisten ausgenommen) gegen die äu­ßerste Rechte herrscht, war aus der letzten Land­tagssitzung deutlich zu ersehen. Man empfindet die jetzige Entwicklung als einen Schlag ins Gefstht des Volkes. Erft am 12. Mai vergangenen Jahres wurde der Landtag gewählt und am 17. November sanden Kommunalwahlen statt, die ihrerseits die „Schrecken" des Wahlkampfes über das Land brachten. Beide Male stellten fid), die National- fozialisten auf die Seite der bürgerlichen Parteien, und die rote Mstcht wurde gebrochen. Heute be­seitigen sie gemeinsam mit den Sozialisten und Kommunisten diesen selben Landtag und machen die Arbeit der besten Regierung unmöglich.

Das Kompromittierende an dem Ausgang der Krise ist der Gedanke, daß fünf Abgeordnete es in der Hand haben, ein Land in immer neue Be­unruhigungen zu stürzen. Warum aber besitzen diese Fünf eine solche Macht? Weil der einzelne Abgeordnete, der im Parlament sitzt und zur Stimmabgabe aufgerufen wird, nicht nach seinem Gewissen, sondern auf den Befehl von oben ab­zustimmen hat. Die Tragik dieses Systems tritt sowohl bei der Sozialdemokratie in Erscheinung von der fast die Hälfte aller Abgeordneten viel I lieber mit Nein als mit Ja gestimmt hätten, als 1 auch bei den Nationalsozialisten selbst. Die geteilte

H Wilh. Hoefling jun. I

s Ecke Marktstraße — Buttermarkt 1

Fernruf Nr. 623

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I Passionsspiele 1930.

®°n unserem eigenen, nach Oberammergau entsandten Sonderberichterstatter.

konservatives Oberammergau. — Nu achtzigjähriger Geiger. — Geschichten von den Spielern. Alois Lang, der Mldhaver. — Die Buchhalterin im Sägewerk. — Mittagbrot bei Kaiphas. — Ver am Paffionsspiel verdient.

k Der Dreizehnte.

Roman von Anny von Panhuys.

| ^9rigl)t 1929 by Verlag Bechthold, Braunschweig.) h«rkmische Ian aber wich und wankte nicht, sein

-** »><■ r e 6of,rte sich förmlich in die Frau hinein.

|. T. 005 2neek schüttelt den Kopf.

K ȟch habe keinen Scherz gemacht, Mevrouw." Dorhang kam Ja Montirosii hervor und

I" 5itte L flam.in^aft liebenswürdig: „Folgen Sie mir I Seit’ tu, , ®ie in das Zimmer führe, das Sie kurze ‘ r^nen werden."

ifefrnCj'b ^nn hier sämtliche Einwohner des Hauses ' Frau. Ich muß heim, Sie bereiten

|Mi«tirnfr6eilaucrtt roir außerordentlich," lächelte die BEe h i "a6er es läßt sich nicht ändern."

^^»beruh'? e’nen Zufall, der vielleicht die Frau fo sie wenigstens keine Lärmszenen fei tonnten Kunden kommen. Man mußte ^a*lb^hter crmartet einen bekannten Juwelier von ES ’ 6er Ihre Steine durchaus kaufen will, und in nujet "'cht- daß Sie vorher das Haus verlassen, "tend JT ,^at ^kche Einfälle. Sie können nämlich Die -v er‘aufcn, und wir gewinnen auch noch." stampfte mit dem Fuß auf.

? wagen Sie, es, mich hier zurückzuhal-

? UtttPri* - °rc ^ec Handlungsweise für den Gipfel g» uchamtheit. Lassen Sie sofort die Tür frei« Sie sich doch bitte, nicht zu sehr, Meo- tang. .e die Montirossi. „Mein Vater hat es sich Unt'nmal eingeredet, die Steine mit Nutzen Ifiens h Uns öu verkaufen, und ich rate Ihnen, ne’rfai fen Zweiter abzuwarten. Wenn Sie bann len mögen, wird er Sie natürlich auch gehen sit das tollste Stück, das mir in meinem gan- 1 vergekommen ist," schalt die Frau. „Ich "'sie rufen."

Jan erhielt einen Wink und gab feinen Posten auf, aber nicht etwa, damit sie den Laden verlassen konnte, sondern um sich hinter sie zu stellen und sie langsam, und ohne einen anderen Zwang als den feiner bedrohlichen Nähe, durch den alten grünen Vorhang zu drängen.

Sie befand sich nun in einem sehr hübschen und be­quem eingerichteten Raume, dem alte Möbel und schone Teppiche eine vornehme Note gaben. Jo wies auf eine Treppe im Hintergrund des großen Zimmers.

„Wollen Sie die Güte haben, Mevrouw, die kurze Treppe hinaufzusteigen, die Tür geradezu führt in Ihr Zimmer, das Sie bewohnen werden, bis der Juwelier, der sich für Ihre Steine interessiert, hiergewesen ist."

„Ich hatte es verboten, die Steine jemand zu zeigen," rief die Frau empört „und ich will und werde sie nicht verkaufen. Nicht für alles Geld der Welt. Ihre Augen blitzten dunkel und drohend. „Sie dürfen mich doch nicht gegen meinen Willen hier zurückhalten. Sie schei­nen nicht zu wissen, was Sie damit tun. Es ist Frei­heitsberaubung."

Jo machte eine lässige Bewegung.

„Wenn mein Vater sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, läßt er sich nicht mehr davon abbringen."

„Die Frau schrie laut auf: ,Zch bin in die Hände von Wahnsinnigen gefallen."

Nicolaas Sneet rieb sein Sinn.

„Strengen Sie sich nicht an, hier hört Sie niemand." Er wandte sich an den Herkules. „Jan, sei Mevrouw behilflich, trage sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer."

Die Frau bebte vor Erregung.

„Wehe ihm, wenn er mich anfaßt, ich gehe schon allein."

Sie überlegte. Es mußte sich doch eine Gelegenheit bieten, wieder aus diesem von Narren bewohnten Hause zu gelangen. Am besten war es, scheinbar auf die Idee der Leute einzugehen und sich heimlich wieder wegzu­schleichen. Es gab doch eine Haustür, die für sie mög­licherweise einfacher zu erreichen war wie die Ladentiir.

Sie ging auf die Treppe zu und erstieg sie. Sie be­trat auch das Zimmer geradeaus, aber ehe sie noch be­griff, daß sie jetzt erst in der richtigen Falle saß, hörte sie draußen den Schlüssel im Schloß herumdrehen. Sie sah sich erschreckt nach allen Seiten um. Das Zimmer hatte keine Fenster, und es brannte elektrisches Licht.

Die Frau taumelte auf das kleine Sofa zu und starrte entsetzt vor sich hin.

Was sollte sie nur beginnen, um aus dieser seltsamen und ustangenehmen Loge herauiszukommen? Lange saß sie so, dann untersuchte sie das Zimmer. Cs hatte eine Seitentür, die sich auch öffnen ließ. Aber der Ne­benraum war nur eine Badcftube, ausgeftattet mit allen Bequemlichkeiten, doch war das Gemach fensterlos wie das andere.

Sie kehrte zurück in bas andere Zimmer. Es war be­quem und hübsch möbliert. In einem weit offenstehen­den Schränkchen standen allerhand Speisen, Brot, kaltes Fleisch, Eier und Kuchen, auch Wein und eine Karaffe Wasser. Man hatte sie reichlich mit Lebensrnitteln ver­sehen, hatte also alles vorbereitet, und sie demnach er­wartet.

Sie lockerte ein wenig den Mantel. Es war ihr heiß geworden. Aber sie wollte bas Kleidungsstück nicht aus­ziehen, benn noch dachte sie nicht daran, sich dem be­fremdend unverschämten Verlangen des Juwelenhändlers zu fügen. Noch rechnete sie damit, dieses Haus verlai- fen zu können. Wenn nicht im Augenblick, so doch viel­leicht in einer Stunde, in zwei Stunden.

Es mußte doch einmal jemand kommen, um nach ihr zu sehen. Aber sie wartete und wartete umsonst. Nie­mand schien sich mehr für sie zu interessieren. . Sie hatte feine Uhr bei sich, aber es mußte schon spät sein.

Allmählich ward sie stumpf vom Warten und dann überfiel sie grenzenlose Wut. Sie schlug mit einem eisernen Leuchter gegen die Tür, daß es laut und ala- mierenb durch das kleine Haus schallte. Nun hörte sie Schritte heraufkommen, die vor ihrer Tür Halt machten. Eine weibliche Stimme meldete sich.

Die Frau schrie zornig: „Deffnen Sic sofort, jede Minute, die Sie mich länger hier festhalten, verschlim­mert die Folgen Ihrer ganz unmöglichen Handlungs­weise noch."

. „Machen Sie nicht solchen Lärm," klang es in ruhi­gem Tone zurück, „benn wenn Sie so fortfahren, bleibt Jan bei Ihnen als Ehrenwache im Zimmer. Sie ken­nen ja unseren Jan, er hat Körperkräfte für sechs Männer."

Die Frau ließ den kleinen eisernen Leuchter, den sie noch in ber Hand hatte, fallen, und taumelte auf bas Sofa zurück.

Wahnsinn war bas ja alles, heller klarer Wahnsinn und sie stand im Mittelpunkt dieses tollen Erlebnisses. Es mußte mehr dahinter stecken wie bas, was man ihr sagte. 'Sie holten die Steine hervor, die ihr Nicolaas Sheet zurückgegeben und ihre Augen waren plötzlich mißtrauisch.

Die Steine hatten doch gar nicht das herrliche sprü­hende Feuer der blauen Brillanten! Viel matter schien es ihr, wie sie es in ber Erinnerung hatte. Sie nahm einen ber Steine aus bem Etui unb putzte mit ihrem Taschentuch daran herum. Möglicherweise hatte sich leichter Staub darauf angesetzt. Aber die Flächen waren rein.

Sie hielt den Stein gegen das Licht, sie dreht ihn spielend nach allen Seiten, aber sie stellte fest, ber Stein hatte sich verändert. Sie nahm den anderen Stein aus bem Etui unb machte dieselbe Feststellung.

Sie brach in die Knie vor Schreck, denn nun war sie ihrer Sache sicher, die Steine, die ihr Nicolaas Sneek ausgehändigt, konnten wohl im ersten Moment, bei oberflächlicher Betrachtung für die blauen Brillanten gelten, die sie ihm verpfändet, aber eine gründliche Prüfung vertrugen sie nicht, denn sie waren falsch. Ge­färbtes, sorgfältig geschliffenes Glas hatte man ihr ge­geben, und mit dieser Gaunerei hing es auch zusammen, daß man sie hier festhielt.

Ihr Kopf war ganz wirr von den auf sie einftürmen- ben Gedanken unb ein fast lautloses Schluchzen, das ihr die wilde Erregung erpreßte, schüttelte ihren Körper.

Was bedeutet bas nur alles, was würbe nun gesche hen? Was hatte man vor mit ihr?

Sie erhob sich langsam unb ging an bas Schränkchen Wasser wollte sie trinken, bamit sie ruhiger warb, damit sie wieder ein wenig geordneter zu denken vermochie, damit sie überlegen konnte.

Aber das Wasser nützte nicht viel. Sie zermarterte ihren Kopf, zermarterte ihn vergebens.

Irgendwo schisig eine Uhr die Mitternachtstunde, alles war still im Hause. O, wenn sie nur hier heraus könnte, sie wollte sogar die echten blauen Brillanten im Stich lassen, nur frei fein müßte sie, frei.

Endlich übermannte sie Müdigkeit, sie lag auf dem Sofa und schlief ein, aber furchtbare Träume quälten sie.

ilSortfehuno folafi