FuloaerZertung
M Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
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Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift» :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
Mittwoch, 21. Mai 1930.
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57. Zahrg.
Pan-Europa.
Es ist sicher kein Zufall, daß die amtliche Erklärung des Inkrafttretens des Voung-Planes und Jin Versendung der sogenannten Fragebogen Bn- an die Staaten Europas an ein- und demselben Tage erfolgten. Man kann den französi'chen Außenminister nicht, wie es in der deutschnationa- kn Presse ziemlich gang und gäbe ist, als einen Heuchler abtun, hinter dessen schönen Redensarten kein aufrichtiger Wille stehe. Briand ist vielleicht der ehrlichste Friedensfreund unter den Franzosen überhaupt, aber er ist Franzose und kann ebenso llking aus seiner Haut heraus wie ein anderer Mensch. Wenn er trotzdem einen ersten Schritt mr Berwirklichung feiner Idee eines vereinigten Europas an dem gleichen Tage tut, an dem durch die Joung-Gesetze der Krieg liquidiert und an dem an die französischen Heere am Rhein der Befehl erteilt wird, den deutschen Strom zu verlassen, so hat niemand das Recht, darin nicht den Willen zu erblicken, wenigstens durch eine große Geste zu erkennen zu geben, daß von dieser Stunde ab der Aufbruch zu einer neuen Menschheit beginnen soll.
Die Deutsche Regierung hat bei dem Paneuropa- Kongreß, der ebenfalls in diesen Tagen in Berlin begann, erklären lassen, sie lege der Denkschttst Briands großen Wert bei. Das ist umso bemerkenswerter, als Briaiids Gedanken sich mit denen des Grafen von Coudenhove-Kalergi nicht decken, vor allem nicht in der Umfassung der zu einem Paneuropa-Pakt heranzuziehenden Länder. Cou- dcnhooe-.Kalergi will England und Rußland ausschließen, was bei Rußland selbstverständlich fein mag, bei England Berständnis sindet. Briands Pläne sind z. T. anders. Er will alles in altem vielleicht überhaupt nicht mehr als, wie man gesagr bat, innerhalb des Völkerbundes eine europäische Fraktion gründen. Doch mag es in diesem Augenblick, da Briands Aufzeichnungen zunächst erst den. Studium der Außenministerien unterliegen, auf die Gestaltung des Gesamtplanes noch nicht so sehr mkommen. Wichtiger scheint uns, daß für die Grundidee einer europäischen Völkergemeinschaft zuerst die selbstverständlichen Vorbedingungen ge- Dffen werden. Und da möchten wir auf einige dhwiecigkeiten Hinweisen, die aus dem Wege zu Minen uns vordringlichste Aufgabe
döngt. -ti® ■
Wenn zu dem Paneuropa, zu dem Bund der Wer, zu der Familie der Rationen, zu der mo- kÄischen Union Europas, wie Briand so schön ge- !°gt hat, auch Deutschland gehören soll, so scheint uns selbstverständlich, daß zunächst einmal die «erfrage auf anständige Weise geregelt wird. Es klar, ba^ die Handhaben zu einer solchen Regung bei Frankreich liegen. Wir erinnern an die Anbrüche in unsere Grenzen unter der Erde. Es scheint uns auch notwendig, daß so unfriedlime 2wge wie die Ränkeoersuche französischer Eene- lcm i>ie wir bei der Diskussion über den Rcm- mungetermin erlebt haben, künftig überhaupt un- "fnglich werden, auch wenn ein unmittelbarer Ein- ■Pnirt) sich ihrer Einflußsphäre entzieht. Ferner fnT "5 die Paneuropaidee außerordentlich ^erlich, wenn Briand feinen ehemaligen Kol- 3tn.*°*”CQre veranlassen könnte, nicht mehr auf Brno trüber Quellen Deutschland Hinterhäitig- M und Vertragsuntreue vorzuwerfen. Dabei Achten wir auf einen Irrtum Hinweisen, der ®r;= c? "n einleitenden Teil seiner Denkschrift pein- unterlaufen ist, wenn er behaupte!, die fVriebensnerträge hätten neue Grenzen Im s0 • 8*r Ausdehnung geschaffen werden müs- oamit den nationalen Bestrebungen in Europa u9e netan werde. Das ist höchstens zu einem W^.Teile richtig. Namen wie Eupen - Mal-
Oberschlesien, vom El-aß nicht zu reden, wer- W w uns immer die Erkenntnis wachhalten, daß Äi*lne,n. bei gewissen Grenzziehungen ^erweise nicht gesprochen werden kann. Da- wurden wir es lebhaft begrüßen, wenn Bri- wh zu einem anderen Satz, den er niederge- n »r 1)at! ’n vollem Bewußtsein seiner prak- ? <*ustoirfungen bekennen würde. Dieser Satz • »Die Verständigung zwischen europäischen "n muß auf dem Boden unbedingter Sou- BF uud völliger politischer Unabhängigkeit er-
, Wir sind gewiß nicht für ein Aufrüsten, ■l *"e völlige politische Souveränität würde WM^raus etzen, daß niemand uns eine entmili-
Zone vorfchreiben dürfte.
Räifr;*elem Zusammenhänge erscheint es recht wenn Briand sagt, der Sicherheils- 1tänhr'le &er Vorgang über alles andere felbst- eingeräumt werden. Von solcher Ein- ßx^bcr kommen die Völker Europas nicht zu fte, mischen Union. Frankreichs immerwäh- ben auf feine Sicherheitsbedürfniffe hat •tReü >, °'ert Verhandlungen des Völkerbundes
i die Befriedung Europas im Jahr hint- ^7™- und auch heute noch ist es eine der ^Hemmungen auf dem Wege zu einem
BL Freundfchaftsbund in Europa. Den >T,sVeweis hierfür sehen mir in dem Kon- onh»r-en Frankreich und Italien, der in der °yniich scharfe Rede Mussolinis seinen Aus- fr», l>ot. Wenn die Franzosen sich zu u,.?11 Aussprache mit den Italienern be- 1.» s.hotten, so wäre die Rede Mussolinis, tL,.T'-egserklärung schon sehr ähnlich sieht, kMch geworden. Es genügt nicht, auf dem E-öeaie Gedanken zu entwickeln, sie müssen Attischen Gesinnung und im unbeirrbaren f"?n ? der Staatsmänner, ihre Grundlage , ^ochmals: An Briands ehrlicher Absicht to nicht, aber mir fürchten, das Ziel liegt noch weit, und den längsten Weg
M 0 Frankreich selbst zu bewältigen haben. .
Die kriegsfchrecken der Zukunst.
Der künftige Luftkrieg. — Brand-, Spreng- und Gasbomben.
Die Hölle wäre losgelassen.
Von unserem besonderen Mitarbeiter.
Der französische Oberstleutnant V a u t h i e r hat in der „Revue de Paris" im Mai einen Artikel über den künftigen Luftkrieg geschrieben, der mit Recht ungemeines Aufsehen erregt. Aus diesem Artikel erkennen wir, baß Technik und Wissenschaft noch rote vor bestrebt sind, alle nur erdenklichen Erfindungen in den Kriegsdienst zu stellen, daß aber auch alle bisherigen Friedensbemühungen zumal durch den Völkerbund es nicht vermocht haben, die Gefahren eines künftigen Krieges zu bannen. Das Schlimmste was sich ereignen könnte, wäre ein Luftkrieg, der wie Vauthier sagt, bann ausbrechen würde, wenn Frankreich „angegriffen" werden sollte.
Gewiß freuen wir uns über die phänomenalen Leistungen und die Fortschritte im Flugwesen. Aber nachdem es mit in erster Linie auch Vorbereitungen für einen künftigen Krieg schafft, müssen uns, die mir in feiner Weife Abwehrmittel zur Verfügung haben, ernsteste Sorgen und Bedenken erfüllen.
Hören wir Vauthier selbst, wenn er erklärt, daß es in Europa feinen Punkt mehr gibt, von einigen Gebieten in Zentralrußland abgesehen, welcher nicht im Aktionsradius feindlicher Flugzeuge liege. Nichts bleibt in Zukunft van dem zu erwartenden $ombcnregen verschont, feine Stadt, fein Dorf, keine Befestigungsanlage, keine Bahnen. Dabei lehnt es Vauthier ab, Zahlen zu nennen über die Stärke der Luftflotten, da die doch von Monat zu Monat sich ändern würden. Weit wichtiger ist nach ihm die Frage, in wslck-er Weise auch Han- . delsflugzeuge im Falle eines Krieges Verwendung finden können. Er bejaht die Frage, erklärt aber gleichzeitig, daß zum Ausbau der Verkehrsflugzeuge in Kriegsflugzeuge fo viel Zeit aufgewandt werden müßte, daß die Gegner schon längst mit Bombenangriffen derartige Industrien zertrümmert haben würden.
Danach scheint es also, als ob Frankreich schon eine so starke Luftflotte unterhält, daß es garnichr mehr notwendig hat, Verkehrsflugzeuge in Kriegsslugzeuge umwandeln zu lassen. Deutschland hat bekanntlich keinerlei Kriegsflugzeuge. Und nach Vauthier wird es auch nicht in der Lage fein, Verkehrsflugzeuge fo rasch umzubauen, daß sie zur Abwehr etwaiger Angriffe in Frage kommen könnten. Deshalb wäre der militärische Wert unserer Handelsluftflotte in einem Kriegsfälle von ganz geringfügiger Bedeutung.
Und nun ein Wort über die furchtbaren Zer- ftörungsmittel der Kriegsflotte. Das grauenvollste stellt wohl die Brandbombe dar. Schon wäh. rend des Weltkrieges hatte man sich benutzt. In Zukunft wird sie aber die furchtbarste Waffe werden. Die Brandbomben find im wesentlichen mit Magnesium gefüllt und entfalten eine Hitze von 2—3000 Grad. Jeder Löschungsversuch scheitert Eine Kilogramm-Bombe genügt schon zum Durchschlagen eines Hausdaches. Jedes Flugzeug kann eine beträchtliche Menge von Brandbomben mit sich führen. Vauthier weist an Einzelbeispielen auf die Gefährlichkeit dieser Brandbomben hin und schildert den Fall, daß etwa hundert Flugzeuge nach Paris fliegen, von denen es nur fünf gelingt, über der Stadt zu erscheinen. Diese wären in der Sage, rund 5000 Bomben abzuwerfen, welche mindestens 800 Brände erzeugen würden. Dabei setzte er allerdings voraus, daß ein großer Teil der Bomben überhaupt nur auf die Straßen, nicht aber auf die. Häuter fällt. 800 Bände würden aber genügen, um, zumal bei entsprechenden Windverhältnissen, Paris so ziemlich in Flammen auflodern zu lassen.
Ein weiteres Kampsmittel der Kriegsluftflotte ist die Sprengbombe, welche wir im Wett- kriege auch in der Heimat in den Grenzgebieten kennen lernen mußten. Ihre Zerstörungskraft und --Wirkung wurde seit dem Weltkrieg bedeutend vermehrt. Eine 1000 Kilogramm-Bombe bringt etwa 18 Meter tief in den Boden. Sollte ein Schutz gegen sie geschaffen werden, bann könnte das erst mit 24 Meter Erdreich erfolgen. Jede Betvnbecke bis zu vier Meter Dicke wirb glatt durchschlagen. Selbst die 500 Kilogramm-Bombe dringt 13 Meter tief in bie Erbe unb sprengt eine Betonbecke bis zu 3,50 Meter Dicke.
Damit sinb aber noch nicht alle Schrecken eines künftigen Luftkrieges nach Vauthier aufgezeigt. Sehr wichtig ist nämlich weiter bas Problem ber Laubung von Ueberfairkvmmanbos mitten im feindlichen Laub _mit Hilfe großer Flugzeuge, welche mit allen Schikanen moderner Technik ausgerüstet sind. Diesen Kommandos würde bie Aufgabe obliegen, im Feindesland wichtige strategische, in erster Linie Bahnanlagen zu zerstören und bann sofort wieber mit ihren Flugzeugen zu verschwinden.
Die Manöver der französischen Kriegsluftskotte können uns am besten die verheerenden Folgen eines Luftkrieges, besonders eines großen, kombinierten Luftangriffes vor Augen führen. Vauthier meint, baß bie Hölle bagegen eine Wohltätigkeitsanstalt wäre, wenn man sich vvrstellt, wie Hunderte gon Flugzeugen Sprengbombenangriffe ausführen, wie die Branbbomben in Stunben blühende Städte unb Dörfer zerstören können. Das Furchtbarste aber wären bann immer noch die Gasbomben, denen kein Menschenleben wie überhaupt ein Lebewesen entgehen kann. Mit Schaudern beuten bie Kriegsteilnehmer immer noch zurück an jene Tage, wo sie den Gasangriffen
ausgesetzt gewesen sind, wo Phosgen, Senfgase, Blaukreuz und andere chemische Kriegsmittel geradezu infernalisch wirkten.
Soll es wirklich in der Well keine Möglichkeit geben, diesen entsetzlichen Kriegsrüstungen, bie doch wahrhaftig mit Kultur nicht das Geringste mehr zu tun haben, zu verhindern? Wir haben doch den Völlerbunb, wir haben bie sogenannten Sicherheitsausschüsse, benen alle nur erdenklichen Vorschläge zur Erhaltung des Friedens, zur Rettung der Menschheit vor grauenvollen Kriegszer- ftörungen unterbreitet worden sind, unb bie sich nur immer bis heute mit schönen Reben geholfen haben, bie aber noch keine befreienbe Tat schufen. Erst vor einiger Zeit hat ber Sicherheitsausschuß des Völkerbundes das Problem eines Luftkrieges gegen den „Angreifer" erwogen. Vielleicht nimmt er die Gelegenheit wahr, in seiner nächsten Sitzung den Artikel des französischen Oberstleutnant Vauthier zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Wir sind überzeugt davon, daß er Gutes erwirken kann, daß sich bie Vertreter ber einzelnen Staaten herüber klar werben, baß sie eine gewaltige Pflicht zu erfüllen haben, wenn sie durch zwiw- genbe Beschlüsse jebe Kriegsmöglichkeit ausschal- ten und dafür Mittel unb Wege schaffen, um Streitigkeiten auf eine andere Art unb Weise zwischen den einzelnen Böllern beizulegen.
MusfoSinis Fanfaren.
In bet Uniform eines lommanbierenben Generals ber Miliz hielt Mussolini auf bem Truppenübungsplatz bei Florenz eine Parade ab, ber auch der Kriegsminister, die Minister für Luftfahrt und Marine, ber Generalftabschef ber Miliz, mehrere Unterstaatsfekretäre, Sekretäre ber Faschistischen Partei sowie zahlreiche Generäle beiwohnten. Ferner sah man mehrere Militärattaches frember Mächte in Uniform. Während des Vorbeimarsches ber Truppenkörper, die aus Abteilungen des Heeres, der Luftfahrt, der Miliz und ber technischen Waffengattungen bestauben, zog ein Eeschwaber von 120 Flugzeugen über bem Paradeplatz eine kunstvolle Schleife. Nach der Parade richtete Mussolini an die Soldaten eine Ansprache, in ber er u. a. ausführte: Wenn bie Jugend unter den Waffen steht, gehen alle Gedanken zu seiner Majestät, bem obersten Kriegsherrn, dessen Befehle wir bis zum Letzten erfüllen. Stuftet Arme unb Herzen, bomit Ihr, wenn bas Vaterland ruft, bereit seid, es zu oerteibigen. Unter den Klängen der Königshymne und ber Gio- vinezzi sowie dem Beifallstoben ber Zuschauer- menge begab sich Mussolini sodann mit seinem Gefolge zu Pferde in die Stadt zurück, too er von den Ballonen mit einem wahren Blumenregen überschüttet wurde.
Wenn Mussolini so kriegerische Töne von sich gibt, denken die ehemaligen deutschen Soldaten an die frierenden Katzel-Macher, die sie im Weltkrieg zu vielen Tausenden in den Gefangenenlagern hinter her Westfront gesehen haben. Und sie lächeln. Denn sie können sich nicht denken, daß auch Mussolini seine Landsleute ändern kann. Die Franzosen freilich fühlen sich durch die Fanfaren von Florenz stark beunruhigt.
Einige Pariser Blätter ziehen einen Vergleich zwischen ber Rede, bie Ministerpräsident Tar - b i c 11 vor den ehemaligen Frontkämpfern in Lyon gehalten hat, unb der Rede Mussolinis in Floi- renz. Der „Avenier" hebt aus Tardieus Ausführungen als bedeutsam den Hinweis auf den französischen Nationalfehler hervor, den individuellen Stolz, ber in einer unb berfelben Generation Uneinigkeit schaffe, fährt bann aber fort: „Lassen" wir uns nicht durch trübe Gebauten beeinflussen. Dergleichen wir, um uns barüber zu freuen, Franzosen zu fein, den erhabenen Ton ber Rebe Tardieus vor seinen ehemaligen Was- fenbrübem mit ber, die unter ähnlichen Umständen Mussolini gehalten hat. Europäer, sagt, wo find die Menschen guten Willens? Ihr werbet antworten, daß Mussolini selbst eine Erklärung für seine Nervosität gegeben hat: ,Wir können uns nicht setzeniß nun wohl, bann soll er sich legen!" — Das Blatt Daladiers, „La Republlque", schreibt: Noch niemals hat ein Regierungschef sich zu der- artigen offiziellen Erklärungen gegen bie Grundsätze der Gerechtigkeit unb der Freiheit hinreißen lassen. Mussolini wendet sich gegen jedes Ideal. Er will von seinem Volke alles trennen, was nicht ausgesprochen egoistisch ist. Er schüttelt die Faust und richtet an die Welt eine Herausforderung. Müßte er sich nicht fürchten, das schöne, lächelnde Gesicht Italiens, das doch seinen wahren Ruhm ausmacht, unter einer kriegerischen Maske zu verstecken?, und Italien ist Mitglied des Völkerbundes. Wird her Völkerbund, der doch die Sprache des Friedens reden muß, antworten, wenn man die Sprache des Krieges spricht?
Lakhottsche Welk.
— Kardinal-Staatssekretär Pacelli Protektor von St. Maria bell Anima. Ans Rom wird gemeldet: In Anwesenheit des deutschen Botscha ters und Gemahlin, des bayerischen und des österreichi chen Gesandten, anderer deutschen Diplomaten und Per önlichkeiten der deutschen Kolonie sand die Zeremonie der Besitzergreifung des teutonischen Hospizes Santa Maria dell Anima durch den Kardinal-Staatssekretär Pacelli statt. ■ Der Kardinal dankte für die Huldigungsadresse des Rektors Hudal und gab seiner Freude. Ausdruck, daß es ihm vergönnt fei, Protektor eines fo alten Institutes und einer io hervorragenden Kirche zu werden.
Brüning am Werk.
Nachdem die Kabinettsberatungen über das Ostprogramm in den letzten Tagen zum Abschluß gebracht worden sind, befaßte fid) das Reichskabinett unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning und unter Beteiligung des Reichsbankpräsidenten Dr. L u t h e r mit der w i r t s ch a f t s p o- litischen Lage in ihrer Gesamtheit und den vor der Sommerpause zur Erledigung zu bringenden Vorlagen.
Das Reichskabinett war f^ch darin einig, daß alle Mittel daran gesetzt werden müssen, zur Be - Hebung der Arbeitslosigkeit die Wirtschaft nach Kräften zu beleben. Zu diesem Zweck» werden Verhandlungen mit der Reichsbahn- und Reichspostverwaltung eingeleitet mit dem Ziele, möglichst umfangreiche Lieferungsaufträge baldigst zur Ausführung zu bringen. Auch der Wohnungsbau, insbesondere, soweit es sich um Kleinwohnungen handelt, wird durch besondere Maßnahmen gefördert werden. Bereits im Gang befindliche Verhandlungen über die kommunale Umschuldung sollen beschleunigt zu Ende geführt werden. Zur Förderung der Bauwirtschaft und Linderung der Arbeitslosigkeit wird auch die Frage der Inagnrist- nahme und des Ausbaues großer Straßenbauten geprüft werden.
Der Reichsfinanzminister ist ermächtigt, im Rahmen der Haushaltsmittel alle Lieferungsaufträge unverzüglich in Gang zu setzen. Sie Umgestaltung ber Gelddiskontbank auf ihre neuen Aufgaben wurde gleichfalls eingehend erörtert. Schließlich berichtete der Reichsfinanzminister über die geplante Gestaltung des Ausgabensenkungs- und Spargesetzes sowie der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft über das in Vorbereitung befindliche Standardgesetz für landwirtschaftliche Produkte.
Die Durchführung dieses Gesamtprogramms wird ohne Inanspruchnahme neuer Haushaltsmittel erfolgen. ______________________
* Reichspräsident von Hindenburg hat dem Präsidenten von Kuba anläßlich des kubanifichen Unabhängigkeitstages telegraphisch seine aufrichtigsten Glückwünsche Übermittelt.
Bolschewisierung des Kindes.
Wie sehr der Kommunismus in feiner maßlosen Agitation sich bemüht, auch schon die schulpflichtigen Kinder zu erfassen, ist für jeden ersichtlich, der sich einmal die Mühe genommen hat, einen der üblichen roten Demonstrationszüge in einer deutschen Großstadt sich genauer anzusehen. Da marschieren in Reihe und Glied neben den Fanatisierten der Straße nicht nur halbwüchsige Burschen, die zu einem Teil später ssth zu gemäßigteren Anschauungen zurückfinden mögen, sondern neben jungen Mädchen, deren politische Motive nicht immer ganz klar zu fein brauchen, auch Schulkinder bis zu den ABC-Schützen herab. Sind sie von Eltern und größeren Geschwistern gezwungen worden, mitzugehen? Treibt sie kindliche Neugier und Hoffnung auf Abenteuer? Ist es eine natürliche Großmannssucht, die mit dabei sein will, wenn etwas los ist? Wir wissen heute, daß die Kinder systematisch zum Kommunismus erzogen werden.
In den Demonstrationszügen werden jo- genannte Transparente mitgeführt, welche außer politischen Agitationsphrasen auch Verunglimvfun- gee der Religion und der Kirche enthalten. Was da vom Sturz der Regierung, vom Kampf gegen die Polizei und was der agitatorischen Knallerbsen mehr sein mögen, angemalt ist, wird auf viele Kinder verstandesgemäß noch keinen Eindruck machen. Wenn aber die Religion beschimpft, die Geistlichen verächtlich gemacht, die Absichten der Kirche in den Kot gezogen werden, so wird schon das Kind des zweiten Schullehrganges, das Lesen gelernt hat, sich dabei etwas denken, und da diese Schilder von Menschen getragen und vielleicht sogar verteidigt werden, die dem Kind nahestehew fo ist damit der Zweifel in die junge Seele gesenkt, und ein solches Gift wird wirken.
Ein klassisches Beispiel dafür, wie sehr es dem Kommunismus um die Gewinnung schon der Halb- flüggen zu tun ist, bot vor ein paar Wochen der Schulstreik im Berliner Stadtteil Neukölln. Wir haben wiederholt darüber gesprochen. Eine Bande, im ganzen kaum ein halbes Dutzend, von 15-bis 18jährigen Burschen hatte sich als Streikleitung etabiliert und errichtete Tage hindurch eine Art Schreckensregiment für Eltern und Kinder, indem sie die Erteilung des Unterrichts in mehreren Schulen verhinderte. Abends kam es zu Demonstrationen auf der Straße, bei denen man die streikenden Kinder als Deckung gegen die Gummiknün- pel der Polizei verwendete. Die Sache wird wohl noch, fo hoffen wir, vor Gericht erörtert werden. Aber der Schaden, der in vielen Kinderherzen an- gerichtet worden ist, kann vielleicht nicht mehr repariert werden.
Bolschewistische Jugendorganisationen haben jetzt in Berliner Schulen einen Kampftag veranstaltet, dessen Sinn es war, die Kinder mit dem Gedanken einer Bewaffnung des Proletariats vertraut zu machen. Wenn es nach den dabei gesungenen Kampfliedern unb den Flugblättern, die man verteilte, ginge, würden in naher Zukunft, bie Kinder der Volksschule mit Karabinern bewaffnet werden, um sich an dem ersehnten Kampf gegen das , Bürgertum, der nach Meinung des Kommunismus einmal kommen muß, tätig, nämlich Meßend und tötend zu beteiligen. Es war von proletarischer Wehrhaftmachung, von roten Wehr- organifationen die Rede, die, getreu dem Vorbild ber bolschewistischen Jugend Sowjetruhlands, mit >er Waffe in der Hand den Sieg erringen müssen.