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114.

Klag, den 17. Mai 1930.

Fuldaer Zeitung

Passionsspiele 1930.

Don unserem eigenen nach Oberammergau entsandten Sonderberichterstatter.

-ttgangenheit und Gegenwart. — Aufbruch nach Oberammergau. — Langes Haar null Oienslmannkappe. — Das Vassionsthealer. — Das Spiel beginnt. — Chor und Prolog. — Die Urschuld der Menschheit und die Sühne am Kreuz. — Die Leidens­geschichte unseres Herrn. — Der Ausbruch.

So etwas duftet nach Kindheit, nach Jugend, »ach Wanderungen und Wallfahrten. Es ist alles

so wie zu der Zeit, da wir alle jung und voll «uft am Neuartigen waren, da wir tagelang Müh­sal und Anstrengung, Landstraße und Dickicht er­duldeten, um von einem hohen Berge aus ins Lnb hinunter sehen zu können, oder um einmal abends im stillen Wald die Nachtigallen schlagen «i hören. Ja, es ist sogar noch etwas von der Ju­gend ganzer Völker um dieses Spiel, von einer seit, als ringsum aus der Provinz die Menschen 5^ Stadt strömten, um auf dem Marktplatz unter freiem Himmel die großen Geschehnisse der Re- fiaion im Bild wiederzufinden. Sie brachten Brot und Wein mit und waren für einen Aufenthalt von Tagen bereit.

Gibt es so etwas heute noch? In diesem klei­nen bayrischen Oberammergau, wo man alle zehn -iglire die Passion spielt, — oder, wie man es hier nennt, „den Passion", denn anstatt „die" sagt der Oberammergauer seit altersher „der" Passion. Und die Menschen kommen nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern aus dem ganzen Lande, ja ubers Meer, aus der ganzen Welt. Mit D-Zügen und auf Ozeandampfern reisen sie her, Tage und Wochen, um für acht Stunden diesem wunderlichen und wunderbaren Spiel zuzuschauen. Fast ist es wie eine Abenteuer-Fahrt, die zwar bis München, ja noch bis Murnau ganz normal und bürgerlich verläuft, dann aber auf dem Vertrauen zu einer originellen Privatbahn beruht: Will man die recht­zeitig für das Spiel erreichen, so muß man schon um vier in der Frühe aufstehen, und dann be­

gegnet man in der Bahn an den Spieltagen Hun­derten von Gästen, die das gleiche Ziel und die

Wichen riesigen Butterbrotpakete und Feldflaschen haben wie man selber hat. Man sieht sich an und lächelt freundlich: Aha, auch nach Oberammergau. Man ist schon früh um sechs im Dorf, geht durch die Straßen und sieht, daß jeder Oberammergauer

eine dem und eine

ber

| au; wie ein kleiner, stilisierter Stadtteil, — t Dorderbühne, mit gleichbleibenden Bauten, Hause Annas und des Pilatus, mit Gassen" Straßen und mit einem Mittelbau, der wie Trmpelfassade aussieht und in Wirklichkeit wandelbare Schauplatz ist. Ein Vorhang verdeckt ibn noch. Aber zugleich sehen die wahren Kulissfen vieles Theaters schon herein, die bayrischen Berge ? mit wildgezackten Formen, von grünen Matten belebt und gemildert.

horch, die ersten Jnstrumententöne, man stimmt mi Orchester die Geigen. (Das Orchester sitzt un- : Mbar, wenn es regnet, schützt eine improvisierte Decke die Musiker, während die Vorderbühne schutzlos dem Wetter ausgesetzt ist.) Rasch haben l«h die fünftausend Plätze gefüllt: Hier ist das £ ®°?re Theater der Fünftausend. Bald beginnt das Stziel.

sein Haus für das Spieljahr geputzt, gestrichen und neu bemalt hat, und steht vor dem großen Theater. Dieser Bau ist wunderbar wie das Dorf, wie das Spiel und wie die Menschen, die mit ihrem lang- wallenden Haupt- und Barthaar, wozu sie im übrigen bürgerliche Hüte ober Dienstmann-Mützcn tragen, mehr nach einer schönen Vergangenheit als nach Geaenwartswesen aussehen. Einfache Recht­eckmasse zeigt der Theaterbau, im Innern den Cha­rakter einer Halle, der durch gewaltige Eisen- bögen-Konstruktionen noch erhöht wird. Alle Sitze sind in gleichlangen Reihen angeordnet, alle sind gleich übersichtlich, Bevorzugungen gibt es nicht M Sitze blicken geradewegs auf die BMne, die eine Breitseite des Theaters ausmacht. Sie sieht

Das Spiel.

Mas ist dieses Spiel? Was sieht man darin. Zeigt es, was bedeutet es? . . . Ein Chor zieht N von beiden Seiten in gleichmäßigem Aythmus eintretend, geführt vom heroldartig ge- mideten Prologus mit dem Stab und vom Daß.

tragen weiße Gewänder und darüber tauben- jTOc Mäntel, die sich leicht vom Blau des Vor-

i Der Dreizehnte.

Roman von Anny von Panhuys.

-K?p»nght 1929 by Verlag Bechtbold, Braunschweig.) 261 '

Ifro Duero hatte die Montirossi durch keine Frage K* ,einen Einwurf unterbrochen. Nun sann er, ob er W>ib ttQS Cr ^hört. auch glauben durfte. Es schien sein, dennoch empfand er Mißtrauen.

tenk <r. ,oan Muylen sagte in seinem schlechten Iar- ls^nzösisch: „Sie zweifeln die Erklärung der Prin- Iftra Qn' wahr? Bestimmt wären Sie auch von ngelogen worden, wenn es sich nicht um eine Mord- hudelte. Mit so etwas will man nichts zu tun °a ist man lieber wahr." /lang aufrichtig und überzeugend.

einigem Nachdenken fragte Primo Duero: rt» x- die denn, daß die Frau wiederkommen wird, Steine einzulösen?"

Aiontirossi nickte: „Das glaube ich sicher. Da- fk. wenn sie die paar tausend Gulden nicht ganz M^vhnlich nötig gebraucht hätte, würde sie die llltonk u°er[)aupt nicht weggegeben haben. Ihre Angst, M i) ‘Dnnte sie sehen, ist dafür bezeichnend." ■ET“® wann ist die Einlösungsfrist abgelaufen?"

<IJ er ®eiter-

Weihnachtszeit", gab die Montirossi zu- ü,or Weihnachten im vorigen Jahr brachte

Duero fuhr sich über die Stirn. Die ®e» g* ^hinter waren wie Schmerzen. Es war so durchzuckte es ihn, daß er hier mit diesem zum nnrüchigen Paare saß und durch sie die Spu- g5 Mörders zu finden hoffte.

Mkkklarte: „Ich möchte natürlich die Frau sehen ^kechen, aber ich habe auch zu Hause zu tun. Ich ^®"h öcfjl polizeilicher Hilfe versichern müssen." ^ Montirossi sagte ganz demütig und bittend: W Sie die Polizei nicht wenigstens vorläufig aus ,aifen' bis die Frau gekommen ist? Dann liiLt a(.tes für uns ganz anders aus. Und die ot die wertvollen Steine sicher nicht im Stich.

Hanges ber Hinterbühne abheben. Der Baß si-ngt jene ersten Verse, die schönsten zugleich des ganzen Spieles.

„Wirf zum heiligen Staunen dich moder, von Gottes Fluch gebeugtes Geschlecht! Friede dir! Aus Sions" Gnade wieder! Nicht ewig zürnet er, der Beleidigte. — Ist fein Zürnen gleich gerecht... Aus des Kreuzesbaumes Zweigen wehen Friedenslüfte durch die Welten hin . . ."

Der blaue Vorhang tut sich auf, ein ekstatisch gereckter Engel steht vor dem Paradieseseingang und bewacht die Stätte, an der Adam und Eva, die nun Verbannten, glücklich waren. Hier geschah die erste Weltschuld, die Urschuld, um deretwillen das Mysterium ber Erlösung am Kreuz notwenbig würbe, hiermit beginnt auch, in der symbolischen Darstellung durch das „lebende BUd", das Pas­sionsspiel. Der Vorhang schließt sich, ber Prolo­gus, ein alter Mann, der Christus der letzten drei­ßig Jahre, — Anton Lang —, spricht zu den Fünss- tausend im Saal:

„Betet, betet, mit uns, da sich die Stund erfüllt, daß des heiligen Gelübdes

Schuld wir zahlen dem Ewigen."

Und nun zieht Jesus ein in Jerusalem, sitzend auf einer Eselin, und das Volk der Juden ruft dem Sohn Davids Hosiannah, er vertreibt dis Händler aus dem Tempel, reinigt das Heiligtum seines Va­ters, feiert den höchsten Triumph vor feiner Er­niedrigung. Aber schon ahnt er das dunkle, ge­heimnisvolle Leid, das ihm bestimmt ist und um dessen Willen er in diese Welt kam. Wie leidvoll klingt seine Stimme in Bethanien, als er von sei­nen Freunden Abschied nimmt! Wie schwermütig und tragisch gedämpft begeht er mit den Zwölfen das Abendmahl, und als er jagt: „Dies ist mein Leib" und ,/Dies ist mein Blut", und als sie von feinem Leibe essen und von seinem Blute trinken, da senken die Frauen in ber riesigen Halle die Köpfe, und die Männer nehmen die Hüte ab.

Schon sind die Feinde am Werk, der Hohe Rat hat den unzufriedenen Jünger Judas mit dreißig Silberlingen bestochen, — die böse Macht des Mammons flirrte in jedem Klingeln der Stücke, die dem Verräter einzeln auf den Tisch gezählt wurden. — und als ber Herr zur Nachtzeit mit feinen Freunden in den Olivengarten geht, als er die große Stunde der Versuchung überstanden hat, überliefert ihn Judas seinen Feinden, sie neh­men ihn gefangen und schleppen ihn vor Annas. Das Vorspiel ist zu Ende, das wahre, bas eigent­liche Leidensspiel, „der Passion", fängt an.

Es ist seltsam, nun die Atenschen zu beobachten, die ringsum sitzen. Sie waren fröhlich und lachend am Morgen gekommen, nun ist es Mittag, sie Pak­ten ihr mitgebrachtes Mittagbrot aus, ober gehen ins Dorf, um bort zu essen. Aber scheint es nur so ober ifts Wirklichkeit, — sie gehen stiller, in sich gekehrter als sie kamen, und sie kommen mit glei­cher Ruhe zurück. Es ist, als ob bas Große, daß sie am Nachmittag sehen werben, schon setzt auf ihnen laste.

Unb nun beginnt bas Leiden. Der Menschen­sohn wird von Ricksierstuhl zu Richterstuhl ge­schleppt, vor Annas, der ihn ins Gesicht schlägt, vor Pilatus, ber ihn zu Herobes schickt und vor Herodes, der ihn verhöhnt und zu Pilatus zurück­sendet. Die Rotte der Soldaten spottet seiner, sie geißelt ihn blutig und setzt eine Dornenkrone auf fein Dulderhaupt, wirft einen Purpurmantel um feine zerschlagenen Schultern unb stellt ihn so bem Volke vor, neben Darrabas, ben Räuber unb Mörber: Run wählet, Juden, welchen Ihr frei ha­ben wollt, benn es ist Brauch, baß zum Osterfest ein Gefangener freigelassen wird. Die Hoheprie­ster aber haben durch ihre Rabbis das Volk gegen Issum aufwiegeln lassen, und die, welche noch vor ein paar Tagen Hossimnah riefen, schreien nun:

Jetzt wird man uns wahrscheinlich überhaupt keinen Glauben schenken, und es ist doch fein Vergnügen, allzu dicht in eine Mordaffäre verwickelt zu werden. Laffen Sie uns, ich meine Vater und mich, von Privatdetek­tiven überwachen, wenn Sie uns nicht trauen, damit Sie unserer sicher sind. Ich verspreche Ihnen dagegen bestimmt, ich depeschiere Ihnen sofort, sobald die Frau rnferen Sahen betreten hat und halte sie bei uns mit Gewalt zurück, bis Sie eintreffen, und wenn es wochen­lang dauert. Dann aebr rufe ich auf Ihren Wunsch selbst die Polizei, bann bekenne ich die Wahrheit genau so, wie ich sie Ihnen bekannte. Aber die Person muß erst zur Stelle fein, von der wir die Steine erhielten."

Primo Duero erwiderte: „Ich weiche Ihren Wunsch erfüllen. Nicht Ihretwegen, denn Sie verdienen keine Rücksicht, aber weil ich glaube, daß sobald diese Frau wieder auftauchte, die Spur des Mörders leichter auf- zufindcn fein wird. Ich lasse also das Geschäft Ihres '"-v-.-r, v!:d Sie beobachten, damit Sie beide keinen Fluchtversuch machen. Ist das Weihnachtsfest vorbei und ich habe noch keine Depesche von Ihnen, komme ich, um Ihre Verhaftung zu bewirken."

Die Montirossi seufzte.

„Ich bin nicht fromm, die Gebete, die ich einmal als Kind gekannt, habe ich längst vergessen, aber ich werde täglich beten, daß die Frau wiederkommt, damit man uns nicht etwa noch direkt mit dem Mord in Ver­bindung bringt."

Primo Duero notierte seine Adressen, schärfte den beiden noch ein, wenn die Frau tarne, nicht zu sagen, weshalb man sie festhielt, und seinen Namen nicht zu erwähnen, sondern seine Ankunft abzuwarten.

Das Paar beteuerte, was er wollte, und so ging er denn. Sein Weg führte ihn zufällig an einem Detektiv­büro vorbei. Er betrat es und gab den Auftrag, den Laden von Nicolaas Sneek beobachten zu lassen. Soll­ten sich Anzeigen dafür zeigen, daß der Inhaber des Geschäftes oder seine Tochter an eine Abreise dächten, bitte er um telegraphische Nachricht und sofortige Ver­folgung.

Da er gut vorausbezahlte, ward ihm prompte Er­füllung feiner Wünsche zugesichert.

Noch am gleichen Abend reifte er ab und während ber Fahrt sann er immer wieder, ob er nicht doch klüger

Kreuzige ihn! So wirb Barrabas frei, unb Chri­stus schleppt sein Kreuz, an bem er hangen soll, ben schweren Weg nach Golgatha hinauf. In ber Mitte zwischen ben beiben Räubern, bie mit ihm hingerichtet werben, steht sein Kreuz aufgerichtet unb unten würfeln bie Krieger um seinen Leibrock. Aber bie Erbe erbebt, so erschüttert sein Tob bte Welt, da er ihr eine neue Orbnung gibt, einen Neuen Bund, ber ewig mähren soll. Die Erbe nach seinem Tob ist eine andere als die vorher, unb ber Riß im Tempel zu Jerusalem unb bie erbebende Welt sind das Zeichen dafür.

Und nun, des Neuen Bundes Krönung, — er ersteht aus bem Grabe, aber nickst mehr um unter uns zu roanbeln, sonbern um wieder aufzusteigen in den Himmel, aus dem er gekommen ist. Der Chor aber, der jedes Bild durch Spruch unb Ge­sang einleitete unb der jedesmal auf das symbo­lische Bild ans dem Alten Bund hinwies, beschließt auch den Neuen Bund:

„Preis, Ruhm, Anbetung Macht und Herrlichkeit Sei dir von Ewigkeit zu Ewigkeit."

„Der Passion" ist aus.

Unb viele von den Fünftausend weinen, und viele sind, die einen Trost mitnehmen, wenn sie in den Zug steigen.

Siedlung und Diaspora.

Siedlung ist bie Parole unserer Zeit; unserer armen Zeit. Die Neigung zum Siedeln wächst mit der Not. Sind auf bem Lande gesunde volkswirt­schaftliche Verhältnisse, können junge Leute dort eine Familie, eine Existenz gründen, werden sie nicht in ferne Gebiete ab wandern müssen ober wollen.

„In der Heimat ist es schön". Wie hängen namentlich bie Bauern an der Heimat. Wie lie­ben sie ben Acker, auf dem sie arbeiten. Er ist ge­düngt mit dem Schweiße lieber Vorfahren; Un­wetter sind da niedergegangen, aber auch den Erntesegen hat der liebe Gott gespendet. Und erst das traute Heim — oft so eng, so niedrig, so schmucklos. Aber die Liebe hat es erleuchtet, hat es erwärmt. Wie hat man ba so traulich geplau­dert, bie alten Lieber gesungen, das Pfeifchen ge­raucht, sich harmlos vergnügt, gesund geschlafen, ist fröhlich erwacht.

Ja, in ber Heimat ist es schön! Und erst wenn junge reine Liebe an die Heimat bindet. „Das Schönste sucht er auf den Fluren, womit er feine Liebe schmückt". Darum wird ein Abschied von ber Heimat schwer. Unb doch mutz er heute so oft zu einer Notwendigkeit werden.

Raum für aüe hat die Erde. Allein nicht im­mer in ber Heimat. Je höher bie Rente aus ei­nem Anwesen ist, um so größer ist die Möglichkeit, in der Heimat zu bleiben. Ist die Rente groß, bann kann ich auch ein Anwesen teilen, mehrfach teilen. Dann hat jeber Teilhaber noch sein Aus­kommen. Wir leben aber in ber Zeit ber abneh- menben. ja sogar vollständig fehlenden Rente. Da kann man in vielen Fällen weder das ganze noch ein geteiltes Anwesen übernehmen. Von selbst kommt der^Gedanke, wo kannst Du billiger anfonv men, wo kannst Du besser als in der Heimat eine Existenz gründen.

Damit kommt man schon zur Siedlung. Raum für alle hat bie Erbe. Deutschland hat eine solche Fülle an Siedlungsland, daß man allen nur ir­gendwie zur Ansiedlung geneigten Anwärtern eine passende Stelle zuteilen kann. Das ist namentlich darum der Fall, weil die großen Güter in der Mehrzahl sich nicht rentieren und für Siedlungen zu ganz billigen Preisen zu kaufen sind. Wird man erst Ödländereien, solche die guter Bodenquali- . töt sind, zu Siedlungszwecken kultivieren, werden nicht annähernd soviele Siedler aufzutreiben fein, um alle diese Ländereien zu besiedeln.

Aber wir wollen hier nicht die wirtschaftliche, sondern die ethsich-religiöse Seite ber Siedlungen behandeln.

„Wir sind im wahren Christentum — O Gott wir danken Dir . . . ."

Wie hängen unsere Bauern am Glauben ber Väter. Diese wahre Liebe zum Glauben und sei­ner Betätigung; in ber Familie, in ber Kirche. Da hört man bas kraftvolle Tischgebet, ba erklirr- gen die Rosenkranz-Salven im Oktober, da gedenkt man in Liebe der armen Seelen. Wir glauben an eine Gemeinschaft der Heiligen. Und wie feiert man im Geiste ber Kirche die heiligen Feste und

bie Polizei gleich von allem in Kenntnis gesetzt hätte.

Aber nun mußte er abwarten, wie sich die dunkle Sache weiter entwickelte. Dann erst wollte er Schritte tun, die Steine wieder in seinen Besitz zu bringen.

Und dann schob er den Gedanken an den Mord und bie blauen Brillanten völlig zurück unnd dachte nur noch an Eva.

Wie er sie liebte, wie er sich darauf freute, sie bald fein nennen zu dürfen.

Das f>ätte er auch nicht gedacht, als er feine Reife von Barcelona nach Deutschland antrat, daß er bald Hochzeit halten würde mit Eva Hirtberg. Nie hatte er Montserrat so lieb gehabt wie das blonde deutsche MA>- chen, bas wußte er jetzt bestimmt.

17. Kapitel.

Am Abend nach Pirmo Dueros Abreise erwartete Hans Felsen Eva am Bahnhof der kleinen Heimatstadt. Er grüßte und sagte etwas erregt: „Du mußt mir ge­statten, dich zu begleiten, unterwegs werden wir uns aussprechen."

Eva dachte beklommen, sie wäre viel lieber allein ge­gangen, um ungestört ihren Zukunftsträumen nachzu­hängen. Aber eine Aussprache zwischen Hans Felsen und ihr war wohl nötig, sie kam nicht darum herum.

Sie erwiderte gequält: „Also, Hans, was haben wir uns nach deiner Ansicht noch zu sagen."

„Das müßtest du doch selbst wissen, Eva. Ich lasse mich nicht beiseite schieben. Die Liebe zu dem Spanier bildest du dir nur ein, eigentlich hast du mich lieb. Des­halb fei vernünftig. Ich will auch alles vergessen, alles."

Sein Ton war sehr bittend.

Eva dachte an Primo Duero unb sie entgegnete ernst: „Ich habe den anderen lieb und er hat es mir nun auch gesagt, daß ich seine Frau werden soll. Wollen nicht mehr davon reden und uns aufregen, ich kann nicht anders handeln."

Er blieb mitten auf der Straße stehen.

„Der Don Juan aus Spanien hat schon gesagt, du sollst seine Frau werden? O, das geht ja alles verteu­felt schnell. Ich sehe ein, es hat keinen Zweck, weiter um deine Gnade zu flehen. Also entschuldige die Stö­rung."

Er log seinen Hut wie vor einer Fremden.

2. Bialt.

Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda

Feiertage. Da wirb nicht abgebaut, mag noch so- viele Arbeit auf bem Felde sein. Das kommt wie­her ein. Arbeit ist Gebet, aber Gebet ist auch Ar­beit. Die leistet bann der liebe Gott in seinem Segen unb mit seiner Hilfe.

Unb erst bas Plätzchen in ber trauten Pfarr­kirche. Das wirb nicht vermietet, aber aus Ge­wohnheit verteidigt und festgehalten. Auch dort eine gewisse Vertretung des Eigentumsbegriffes. So ist man im Glauben auch mit der Kirche und dem kirchlichen Leben verbunden. Wie schwer trennt man sich davon.

Aber der liebe Gott wohnt doch überall. Man wird ihn doch auch in der Siedlung wiederfinden. Aber der liebe Gott wohnt ja nicht nur in Tem­peln, die von Menschenhänden gemacht sind. In den meisten Siedlungen fehlen die Tempel. Ab­gesehen von Schlesien und einem Teile der Grenz­mark, wo Katholiken in der Mehrzahl wohnen, sind die übrigen Siedlungsgebiete: Ostpreußen — Pommern — Mecklenburg — Brandenburg — protestantische Gebiete. Es fehlte lange an einer programmatisch konfessionell aufgezogenen Sied­lungsbetätigung.

Da wird nun ein Siedler in eine protestantische Gegend verschlagen. Er hat ja gar nicht an bte Kirche gedacht. Er war ja immer bem Gotteshaus, bem lieben Gott so nahe. Er kann sich ja gar nicht beuten, daß man so weit sich von ihm entfernen könne. Er will es ja gar nicht wahrhalten, daß man ba von ber Siedlung 20 Kilometer bis zur Kirche hat; ja daß man eine stundenlange Bahn­fahrt machen muß, einen Tag braucht, um zur Kirche und wieder heim zu kommen.

Aber das alles wird ihm erst zur traurigen Gewißheit, wenn er einmal da wohnt im fernen Lande. Ist da aber eine saure Arbeit, die ganze Woche hindurch, alles so neu, alles so unfertig, alles so unwohnlich. Wie muß er da sorgsam über­legen, wie unermüdlich fleißig fein. Aber die Ar­beit lenkt auch feine Gedanken ab. Es wird Samstag; er hört, er lauscht. Läutet da nicht die Angelus-Glocke, läutet sie nicht den Sonntag ein. Ja wirklich — sie läutet, er hört sie deutlich.

Und doch, es ist nur dis Sehnsucht, welche ihm den Glockenton vorgetäuscht hat. Nein, hier läu­tet feine Glocke, hier ladet sie nicht den Siedler zum Beten ein. Es wird Abend, es wird Morgen — der Sonntagsmorgen —. Er tritt vor die Tür, er fmnt, er späht — es kommt ihm ein Sehnen — es quillen bie Tränen — neu ein Land, in dem ich den lieben Gott nicht fand. Er geht hinein in ferne Kammer, es nimmt zu ber Jammer. In das Gebetbuch, der Rosenkranz. — Aber ist das ein Ersatz. — Und so erneuert sich der Schmerz, er wird größer von Sonntag zu Sonntag. Und erst am hohen Kirchenfest. Nein, bann hält er es nim­mer aus. Und ist die Reise noch so weit, noch so beschwerlich,— bann drängt ihn seine Seele hin­aus — hinaus zum fernen Gotteshaus.

Konfessionelle Siedlung — das ist die Parole. Katholische Siedler nur im katholi­schen Verbände ansiedeln. Dann können sie eine Kirchengemeinde bilden, ein Gotteshaus, wenn auch nur ein bescheidenes einrichten. Da können sie den lieben Gott einladen, bei ihnen zu wohnen, da kön- nen sie ihm ihre Nöte klagen, da können sie sich mit ihm Und durch ihn freuen. Dann gibt es eine ka­tholische Schule, dann gibt es katholischen Fami lienoerkehr, dann werden Mischehen vermieden dann leben auf im fernen Lande Glaubens- uni Nächstenliebe.

Karitas bie Parole. — Zu Gottes Ehr — bes Nächsten Wohls. In Matzendorf in Mecklenburg, anderswo hat man so konfessionelle Siedlungen, katholische organisiert.

Siedle man, doch stets bie Bitte: Der liebe Gott wohn in ber Mitte.

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„Hans, fei dach vernünftig", bat sie, wir können gute Freunde bleiben."

Er lachte böse: „Dazu habe ich kein Talent."

Und dann war er fort, ehe sie auch nur noch eine Silbe hätte sagen können.

Ihr traten die Tränen in die Augen, verstimmt und traurig setzte sie ihren Weg fort.

Am nächsten Abend kam seine Mutter zu chr und sie erzählte chr wahrheitsgetreu alles, was geschehen, sie sprach ihr ehrlich von ihren Empfindungen. Hans Fel­sens Mutter rang die Hände.

„Ich habe gemeint, es könnte nicht möglich sein, was mir Hans berichtete, und nun verhält es sich doch so. Um des Himmels willen. Eva, du machst uns ja alle lächerlich hier im Ort. Das geht einfach nicht, wie du es dir denkst. Alle Welt weiß von eurer Verlobung, die Weihnachten offiziell werden soll."

Eva schüttelte den Kopf.

„Wer ist denn „alle Welt"? Unsere Kleinstadt doch wahrhaftig nicht. Hans hat den Anstoß zum Bruch ge­geben. Er hat meine Ehre angegriffen. Und ich b:n froh, daß ich wieder frei geworden, denn jetzt weiß ich, glücklich wären wir beide doch nicht geworden."

Hans Felsens Mutter sah sie groß an.

„Mit meinem Jungen kann eine Frau nicht unglück­lich werden", sagte sie sehr betont und dann ging sie ohne Gruß.

Schade, dachte Eva seufzend, nun war die Verbin­dung mit den Nachbarn wohl zu Ende. Es war eit Stückchen ihrer Kinder- und ersten Iungmädchenjahre was damit zerbrach.

Sechs Tage später konnte sie schon Paguita Casano vas in Berlin abholen und die kleine dunkeläugig« Spanierin war ganz närrisch vor Freude über das Wiedersehen. Sie schwatzte unaufhörlich von Berlin bis vor die Tür von Evas kleinem Haus. Sie redete und redete und Eva lachte manchmal laut auf. Sie war froh, daß sie fortan nicht mehr den ganzen Tag mit der alten Haushälterin allein fein würde. Denn bei Albert Goldener im Geschäft war sie nicht mehr.

Als bie beiden Mädchen dann am Abend beisam­men saßen, fing Paguita alles, was sie gepäppelt, wie­der von vorn an.

(Fortsetzung folgt.) . .. ‘a