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uldaerZertung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Ilr. 112

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die West im Bild- und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Donnerstag, 15. Mai 1930.

Monatlich 1,80 -inschließl. Postgebühr (48 Ps.> ohne Zustellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0,15 :JLX, auswärts 0,20 Kx. Reklamezeile: lokal 0,60 L-k, auswärts 0,80 LF. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheck!. Franks, a. M. 4051

57. Z-Hrg.

Nochmals: Partei Mahraun.

Im „Iungbeutschen", der Tageszeitung des Iuugdeutfchen Ordens und der im Entstehen be- nrirfenen Volksnationalen Reichsver­einigung wird eine von Empörung zitternde Zuschrift abgedruckt, die sich mit unserem, vor etwa einem Monat erschienenen Artikel „Partei Mah­raun" befaßt. Es werden uns darin allerlei Lie­benswürdigkeiten gesagt. Dieser Artikel werde „in seiner demagogischen Darstellung unter allen Aeu- ßerungen der deutschen Presse zur Gründung der Volksnationalen Reichsvereinigung nur noch von nationalsozialistischen Blättern übertroffen". Das ist allerhand. Weiter ist die Behauptung aufge­stellt, die angebliche Unsachlichkeit unserer Ausfüh­rungen sei bewußt und gewollt. Sogar die christ­liche Gesinnung wird uns abgesprochen. Dabei wird uns ein Artikel der Tremonia als Beispiel vorgehalten, wie man als Zentrumsblatt über die griindungsversammlung der Volksnationalen Reichsoereinigung zu berichten habe. Allerdings finden wir, daß auch die Tremonia von politischen Ungereimtheiten spricht und den doch sicherlich nicht restlos positiv zu wertenden Satz schreibt: „Da neh­men die Leute die Ungereimtheit als Nebensäch­liches, und da jubeln sie dem packenden und durch seine äußere Gesundheit auffallenden Redner und Idealisten zu." Eine Partei, der der Redner die Hauptsache, die Ungereimtheit aber seines Pro­gramms nebensächlich erscheint, ist sicherlich noch nicht bis auf den Grund politischer Weisheit vor­gedrungen. Darf man das sagen, oder ist das wie- Mr gewollt unsachlich?

Unser Artikel hatte hervorgchoben, daß Mah- raim als Persönlichkeit und als Redner sehr sym­pathisch wirke. Er spräche kräftig und überzeugt, weil er spüre, daß er kämpfen müsse. Wir beur­teilten ausdrücklich den guten Willen des jungdeui- schen Führers freundlich und bekundeten unseren Respekt vor seinem fraglos ungewöhnlichen Orga­nisationstalent. Freilich erlaubten wir uns auch einige Zweifel zu äußern und darauf hinzuweisen, daß von dem, was er fordere, vieles in den Grund­sätzen der Zentrumspartei schon längst pro- paaiert werde. Hier dürfen wir den Jungdeutschen auch darauf Hinweisen, daß die Tremonia sich ganz ähnlich äußerte und ebenfalls daran erinnerte, daß vieles von dem, was in den Richtlinien der Volks­nationalen Reichsvereinigung ausgestellt sei auch vom Zentrum verlangt und gefördert werde. Die Zuschrift des Jungdeutschen begeht eben nur den einen, allerdings recht ungewöhnlichen Fehler, sich darüber zu wundern, daß wir nicht sofsrrt die Auflösung der Zentrumspartei oder wenigstens ihre Eingliederung in die Volksna­tionale Reichsvereinigung vargeschla- g«n haben. Das aber war uns wirklich nicht mög- bch, weil die neue Partei uns mit ihrem Pro­gramm noch einigermaßen in der Luft zu hängen scheint, während das Zentrum nicht nur, wie es im Jungdeutschen heißt, die Möglichkeit zur Tat gehabt, sondern auch politisch eTatenvoll- bracht hat. Wir könnten sogar sagen, daß Mahraun ohne die verantwortungsbewußte Ar­beit des Zentrums, die erst die Grundlage zu einer Entwicklung zur Ordnung im Vaterlande schuß gEute nicht als Parteigründer auftreten könnte. Der verärgerte Beiträger des Jungdeutschen ist nur leider zu naiv, um zwischen Reden und Gedanken unterscheiden zu können. Darum ist es ihm, w-e er ausdrücklich sagt, unverständlich, daß der Ver­fasser unseres Artikels augenscheinlich der Volks­nationalen Gründungsversammlung selbst beige- wohnt hat und nun trotzdem nicht von Mahrauns ^iede und der siegesbewußten Stimmung in der -Philharmonie sich überzeugen ließ. Auch der Jung- deutsrye fragt: „Wo sind die Taten geblieben? Nun, lnehr verlangen ja auch wir nicht, als Taten. Aber potlaufig haben wir nur Worte gehört, schöne und wcalistische Worte, wie wir gerne zugeben. Aber von ihnen bis zu ihrer Verwirklichung durfte noch ein weiter Weg sein. Wir haben auch Mort, daß von finanzieller Unabhängigkeit und lebendiger Selbstverwaltung der Volksnationalen Reichsvereinigung gesprochen wurde. Aber neh­men das nicht alle Parteien für sich in Anspruch? Mellich die alten Parteien, wie sie heute sind, rannen, so behauptet der Jungdeutsche, eine von

Kräften getragene Bewegung überhaupt mehr durchführen. Vielleicht ist daran etwas Richtiges. Aber hat der Jungdeutsche Orden be- würd^» er °-s Partei mehr Erfolge haben

Was Mahraun und seine Getreuen verlangen, m o,e Volksgemeinschaft, ein Begriff, der ein c?e^n Dohren eindeutig war und vielen als «i? 3bea( erschien, der aber heute, seien wir ehr- 2”?; schon etwas abgeleiert ist. Kann ein Verein

hunderttausend Mitgliedern die Volksgemein- darstellen? Nimmt nicht auch der Stahl- ähnliche Ideen für sich in Anspruch? Und

* ist es mit den Nationalsozialisten, wenn wir Etttu^rer Dudenfresserei absehen? Der Jung- Jftnw sollte es uns nicht verübeln, wenn wir auf

gerade heute, in der Zeit der Parteikrisen, cht mehr viel geben, sondern Wirklichkeit triri>n9en‘ Aber freilich sollte er auch wicht jebc ttr t,r schon als unsachlich empfinden. Wir hatten ■s darüber gewundert, daß Mahraun, der, wie h, und sicherlich ehrlich sagt, auf dem Boden Niederlassung steht, für den Saalschutz unifor-

v^eute mit schwarz-weiß-roten Kokarden Ea et, während zugleich der Chefredakteur des ievn e.utschen, Mahrauns Kampf gegen den Flag- ifej^ «t als eines feiner größten Verdienste be- Ll„/te. Diesen Ausdruck unserer Verwunderung . nt die Zuschrift im Iungdeutschen „völlig un- ELttI,e Bemerkungen". ^Wahrscheinlich sind ihr fid) Qud> unsere Anmerkungen zu der offensTcht- V ungeklärten Haltung des Iungdeutschen zur

Der Mederzusammeuttltt des Reichstages Der Haushaltsplan für 1930. — Die furchtbare Plage der Arbeits­losigkeit. — Vorübergehende Erhöhung der Beiträge zur Arbeits­losenversicherung unvermeidlich.

D.D.Z. Berlin, 14. Mai. (Eig. Meld.) Der Reichstag tritt morgen, Donnerstag, nachmittags um 3 Uhr wieder zusammen, um nunmehr die zweite Beratung des Etats für 1930 in Angriff zu nehmen. Der Haushaltsaus­schuß hat bereits eine große Anzahl von Einzel­etats erledigt, darunter die Etats der Reichswehr und Marine, den Justizetat, den Etat des Der- kehrsministeriums und den Etat des Wirtschafts­ministeriums. Auf der Tagesordnung der morgigen Reichstagssitzung steht zunächst die erste Beratung einiger Gesetzentwürfe, so der kleinen Justizreform, der Gesetzentwurf über steuerliche Erleichterungen zur Verbilligung der Kreditversvr- gung der Wirtschaft, über die Liquidierung der Bank für deutsche Jndustrieobligationen usw.Die zweite Beratung des Etats beginnt dann mit den Etats des Reichspräsidenten und des Reichskanz­lers. Als erster größerer Etat wird der des Reichsjustizministeriums beraten, in Verbindung damit das von einigen Parteien, beantragte lieber* leitungsgesetz für die Strafrechtsreform.

Skegerwalds Voraussage.

V.D.Z. Berlin, 14. Mai. (Eig. Meld.) Reichs­arbeitsminister Dr. Stegerwald erörterte heute im Reichsausschuß in einer großen Rede neben den übrigen Fragen der Sozialversicherung auch die notwendige S a n i e ru n g der A r b e i t s l o s e n- verficherung. Er führte dabei aus, gegen eine dauernde Beitragserhöhung habe er starke Bedenken, eine vorübergehende Bei­tragserhöhung werde sich aber angesichts der zu erwartenden großen Steigerung der Ar- beitslofiakeir in diesem Jahre nicht ver­meiden lassen. Diese Erhöhung werde sich N'cht auf y4 Prozent beschränken können, sondern müsse größer sein.

Dr. Stegerwald führte aus: Gegenwärtig tre­ten an den Reichsarbeitsminister v i e r Gruppen heran mit Wünschen, die größere Mehrausgaben erfordern mürben, und zwar die Arbeitslo­sen, bestimmte Gruppen der Invaliden- r e n t n e r, die Kleinrentner und dann noch bir? Kriegsbesch äbigten. Die öffentlich - rechtlichen G e s a in t a u s - g_a b e n (Reich, Länder, Provinzen, Gemeinden, Sozialversicherung, Kirchen usw.) betragen rund 23 Milliarden Mark. Davon haben wir auf gut 3 Milliarden, die für Reparationsleistun­gen und Schuldentilgung und Verzinsung benötigt werden, in den ersten Jahren keinen Einfluß.

Die restlichen 20 Milliarden Mark Ausgaben entfallen auf folgende Positionen: Sozialversiche­rung 6 Milliarden, Kriegsbeschädigten-Fürsorge ohne Offizierpensionen und ohne Versorgung der neuen Wehrmacht 1,400 Milliarden, Wohlfahrts­pflege 1,300 Milliarden, Wohnungswesen 1 Mil­liarde, Gesundheitswesen 0,5 Milliarden, Beam­tenpensionen und Hinterbliebenenbezüge 1,9 Mil­liarden, Veamtengehälter ohne Reichsbahn und Reichspost, die dafür 2,5 Milliarden verausgaben 5,250 Milliarden, sodaß für soziale Zwecke ■2111 g e m e ine Fürsorge, Beamtenpen- [ionen» und Gehälter 83 P r o z. aller öffentlich-rechtlichen Ausgaben be­nötigt werden. Der Rest von etwa 3,3-Milliarden Mark, für Industrie- und Landwirtschaft 400 Mi-

lionen Mark und an Sachausgaben für kulturelle Zwecke, innere Verwaltung, ’ Finanzverwaltung, Justiz, Heer, Polizei 1,4 Milliarden.

Aus öffentlich-rechtlichen Mitteln bekommen ge­genwärtig Renten ober Unterstützungen (die reu­ten- und unterstützungsberechtigten Familienange­hörigen einbegriffen):

Arbeitslose 4,2 Mill.

Rentner aus ber Invaliden- und Ange­stelltenversicherung, Knappfchastsver- sicherung 3,8 M'll.

Kriegsbeschädigte 3,4 Mill.

Wohlfahrtspflege 1,5 Mill.

Unfall-Rentner 1,0 Mill.

Pensionäre 1,0 Mill.

zusammen 14,9 Mill.

Abzüglich der Doppelzählungen verbleiben gut 12 Mill. Personen ober nahezu 20 Praz. ber deutschen Gesamtbevölkerung, die Zuwendungen aus öffentlich-recht­lichen Mitteln erhalten. Diese Zahl ist in Wahrheit größer, weil bei den Beornten-Pen- sionären und deren Familien sowie Hinterbliebe­nen genaue Ziffern nicht zu ermitteln sind. Von den Ausgaben der Sozialversicherung entfallen etwa 40—45 Prozent auf Aerzte-Honorare, Arz­nei, Heilbehandlung, Wochenhilfe, Arbeitsvermitt­lung, Berufsberatung, wertschaffende Arbeitslo- fenfürforae, Verwaltung etc. — alles Ausgaben, die mit Rentenpsychose nichts zu tun haben — so­daß auf Renten und Unterstützungen in ber gesam­ten Sozialversicherung, einschließlich der Arbeits­losen und Krankeir etwa 3,5 Milliarden Mark ent­fallen, während die Beamten-Pensionäre, die Kriegsbeschädigten und die Klein­rentner,' die nicht sozialversicherungspflichtig sind, etwa 3)4 Milliarden Mark an R en- ten und Unterstützungen beziehen. Von den 20 Milliarden Mark Ausgaben ließen sich allerlei Ersparnisse machen, wenn eine Stelle (bei­spielsweise Reichsregierung und Reichstag) über diele Mittel nach einem einheitlichen Willen und einheitlichen Gesichtspunkten Anordnungen treffen könnte.

lieber diese Aufgaben verfügen gegenwärtig das Reich, 17 Länder, über 60000 Ge- m e i n d e n, 7 500 Krankenkassen, 106 B e- rufsgenvssenschaften, 35 Landesver- sicherun gsan st alten usw. In diese Dinge einzudringen, soll Aufgabe mehrerer Aus - gabensenkungsgesetze fein, die demnächst dem Reichstag zügehen werden.

Im Mittelpunkt des innerpvlitischen Streites steht seit einem Jahr das Arbeitslosenproblem. Im Jahre 1930 dürste die Arbeitslosigkeit we­sentlich größer sein als im Jahre 1929, schon weil int Jahre 1930 bis jetzt für bie B au - wirtschaft nahezu zwei Milliarden Mark weniger zur Verfügung stehen als im vergangenen Jahr. Der Rückgang der Bauwirtschast ist in der Hauptsache darauf zurück­zuführen, daß die Städte meist sehr stark verschuldet und gezwungen sind, ihre kurzfristigen in langfristige Schulden umzuwan- deln, und daß die Mittel für die erst stelli - g en Hypotheken bis zur Stunde noch stark fehlen.

Judenfrage unsachlich erschienen, denn es fällt auf. baß sie gerade hieraus nicht eingeht. Wie steht es damit? Mahraun sagte bamals, die Bolksnatio- nale Reichsvereinigung könne ihre Mitglieder nicht nach dem Taufschein fragen noch feftftelten, ob sich Juden unter ihnen befänden, aber der Arierpara­graph bleibe ihr Recht. Ist es zu viel gesagt, wenn man solche Wendungen und Windungen als unklar bezeichnet?

„Mahraun hat aus dem Jubel und ber ernsten Zustimmung seiner Getreuen entnehmen können, daß diese Tausende politisch geschulter Menschen sich völlig klar geworden sind, worum sein Kampf geht." So steht es in Sperrdruck im Jungdeut- schen zu lesen. Trotzdem erlauben wir uns unsere Zweifel aufrechtzuerhalten. Waren es wirklich po­litisch geschulte Menschen, von denen keiner nach­her aufftcmd, um über diesen ober jenen Punkt des Parteiprogramms, der unverständlich ober deut­bar ist. Klarheit zu verlangen? Mit gchim- mernden Redensarten, so schrieben wir vor einem Monat, und auch das hat der Jung- deutsche übel genommen, kann man weder Po­litik machen noch den deutschen Staat erneuern. Dabei bleiben wir. Wir haben nichts dagegen, wenn bie Anhänger Mah­rauns „in kompromißloser Unbedingthett" bereit finb, mit ihm zu marschieren. Aber sie mögen uns gestatten, auf unserem Wege zu bleiben und den ihren bis auf weiteres für eine Sackgasse zu halten.

Von der BIA.

9 000 Bewerbungen um 24 Stellen.

wtb. BasÄ, 14. Mai. (Eig. Meld.) Der für bie Behandlung ber Frage ber Emission der Obliga­tionen der Bank für Internationalen Zahlungs­ausgleich vom Verwaltungsrat eingesetzte Sonder­ausschuß beendete am Dienstag abend feine Ar­beiten, indem er ein ausführliches Programm für die Emissions-Modalitäten ausarbeitete. Gemäß Beschluß des Komitees mürbe sich die Bankleitung

genau an die Bestimmungen des Poungplanes halten unb Gelbmittel auf den Markt bringen, die in ber Währung des Landes, in dem sie ausge­geben werden, gezeichnet unb zurückgezahlt werben sollen. Dieses Programm wird am Donnerstag den Vertretern ber Bankiers unb Schatzämter vor­gelegt werden und dürfte nur noch geringe Ab­änderungen erfahren, so daß bie Emissionsfrage bis Ende der Woche geklärt fein werde. Indessen wirb die Bank keinerlei Mitteilngen über bie genaue Art der Emission ausgeben, bevor ber Zeitpunkt ber Emission der Obligationen, der auf Ende Mai vorgesehen ist, bestimmt ist. Am Tage der E r - Öffnung der Bank, also am 17. Mai, wird das Gesamtpersonal ber Bank 13 Beamte umfas­sen; es sollen aber sofort eine ganze Reihe weite­rer Ernennungen erfolgen. Für 24 Stellen, die für eine weitere Besetzung in Frage kommen, liegen bereits 9000 Bewerbungen vor. Erst im September dieses Jahres wird die Bank ihr Personal in erheblichem Umfange vergrößern.

Erfreuliche Wirkungen.

Das Echo des Parteitages der Preußischen Jentrumspartei.

Von unserem Berliner Mitarbeiter:

Der Verlauf des Parteitages der Preußischen Zentrumspartei hat in den Zentrumskreisen bie allergrößte Beachtung gefunden. Aber auch bie Presse der anderen Parteirichtungen schenkte ihm die Aufmerksamkeit, die er auch in der Tat ver­diente.

Wir müssen stets bei der Kritik der anderen Parteien an dem politischen Gestalten des Zen­trums, an seinen Forderungen und schließlich an seiner Krittk gegenüber dem Verhalten ber übri­gen Parteien uns überlegen, welcher Sinn in bie Worte, bie gesprochen ober geschrieben wer­ben, hineinzulegen ist. Dann erst erkennen wir bie wahren Absichten.

Es ist festzustellen, daß kaum ein Parteitag soviel Zeitungsspalten füllte wie der Preußentag

des Zentrums. Sonst beschränkte man sich doch ge­wöhnlich darauf, Reden großer Führer oder Staatsführer wiederzugeben und sie zu kommen­tieren. Das war beim Preußentag nicht so ohne weiteres gegeben. Denn er brachte eine Lini vom Anfang bis zum Ende. Diese Linie kani nicht verwischt werden.

Nehmen wir erst die Linkspresse. Da ist es sehr auffallend, wie jetzt plötzlich der „Sozialdemo­kratische Pressedienst", aber auch der „Vorwärts" eine schon längst nicht mehr vernommene an­ständige Sprache führen. Es scheint, daß ihnen die Worte des Zentrumsführers Dr. Heß', wie auch die vieler Diskussionsredner in der Tat Ver­anlassung gegeben haben, eine kleine Eewissens- erforschung anzustellen. Denn sie wollen wohl eine gewisse Abschwächung des Eindrucks ver­suchen, geben dadurch aber erst recht zu, daß sie sich getroffen fühlen mußten. Sie sagen, daß sie sich das Recht auf Kritik nicht nehmen lassen, aber die Handlungen des Zentrums abwarten wollen, bis sie sich ihr Urteil bilden. Damit kann man sich einverstanden erklären.

Die demokratische Presse möchte etwas ans dem Parteitag herauslesen wie e i n e n e u e W e g- richtung des Zentrums nach rechts. Wenn sie damit meint, das Zentrum würde aus partei- taktischen Gründen etwa Umbildungen auch in Preußen für wünschenswert halten, täuschen sich bie Demokraten. Für das Zentrum ist nur ent­scheidend, welche Kräfte jeweils zusammenge- schlossen werden können zu fruchtbringender staats- politifcher Arbeit, um dann auch eine starke Re­gierung zu bilden, welche nicht von oppositio­nellen Zufälligkeiten abhängig ist.

Die „Nationalliberale Korrespondenz" reitet wieder einmal das alte Steckenpferd der Perso­na I p o l i t i k und will glauben machen, baß das preußische Zentrum deswegen nicht energischer auf bie Bildung ber Großen Koalitiqn bränge. Dabei ist es doch nur bie Schulb bei Deutschen Volkspartei, wenn heute bie Umbildung ber Preußenregierung noch nicht möglich geworben ist. Sonst kann aber bie Deutsche Volks,Partei anbent Parteitag keine Kritik üben.

Nun bie Presse ber Rechten. Dort muß man mindestens zwei Kategorien unterscheiden. Die einen nehmen bei ihrer Kritik Rücksicht auf die Reichspolitik, die anderen beklagen es, daß das preußische Zentrum mit keinem Wort die Hugen- berg-Parole erwähnt habe nach Schaffung einer Rechtsregierung in Preußen. Aber beide sind hellhörig genug, um die Mahnungen des Zen­trumsführers Heß verstehen zu können, die er an bie Rechte gerichtet hat. Auch in Preu­ßen wirb man ben in Bewegung sich befindlichen neuen politischen und parlamentarischen Gestal­tungsproblem von allen Parteien die erforderliche Aufmerksamkeit schenken müssen.

Die Mrchen versolgungen in Rußland.

Von einem Kenner ber russischen Verhältnisse erhalten wir folgende Zuschrift:

Die kommunistische „Internationale Pressekorre- spondenz" veröffentlichte am 8. April 1930 dos Zirkular des Zentralkomitees ber Kommunistischen Partei ber Sowjet-Union „über ben Kampf gegen bie Verzerrung ber Parteilinien in ber Kolschosen- beroegung". In ihm würbe auch auf bie anti- religiöfe Propaganda aufmerksam gemacht, unb auf „bie vollstänbig unzulässigen Verzerrungen ber Parteilinie auf bem Gebiete bes Kampfes gegen bie religiösen Vorurteile" hingewiefen. Wohlvec- ftanben, es hanbelt sich nicht um einen Erlaß ber Sowjet-Regierung, ober um ein Runbschreiben ber herrschenden Partei.

Nun Haden bie amtlichen Sowjetvertreter im Ausland im Hinblick auf dieses Rundschreiben be­hauptet, es gäbe keine Kirchenoerfolgung mehr durch die Sowjet-Regierung. Diese Behauptung hält jedoch den Tatsachen gegenüber nicht stand. Wohl hat bie Sowjet-Regierung ben Kampf gegen bie Kirchen vorläufig abgeblasen, aber sie b u I b e t es stillschweig enb, baß bie Faktoren, von welchen bie Unterbrückung ber Kirchen ausgeht, ru­hig weiter arbeiten an ber Vernichtung jeglichen religiösen Ledens. Es lohnt sich einmal zu erör­tern, wie biefe Kreise arbeiten.

Das Organ ber kommunistischen Freibeuter Deutschlanbs „Der Gottlose" brachte in ber Imi- Numrner 1929 einen Bericht über ben zweiten all­russischen Gottlosen-Kongreß aus ber Feber bes beutschen Delegierten ber Kommunisten, eines ge­wissen Schubring. In biefent Bericht wirb aus­drücklich darauf hingewiefen, daß nicht nur der Präsident eines 140 Millionen-Bolkes im Namen ber Regierung zu ben Gottlosen sprach, sondern daß auch der Minister für Volksbildung bem Kon­greß über alle Maßnahmen ber Regierung auf bem Gebiete bes Kampfes gegen Religion, Kirchen unb Sekten Bericht erstattete. Nach berfelben Quelle, zweiter Jahrgang Nr. 6 von Juni 1929 bestehen biefe Maßnahmen ber Sowjet-Regierung, welche ergriffen würben „um bie feit jeher reaktionären Kirchen und Sekten in ihrem Lebensnerv zu tref­fen" aus folgenden Bestimmungen:

Das Dekret über bie religiösen Vereinigun­gen ordnet an, daß alle religiösen Vereinigungen unb Gemeinben, Kirchen, Gruppen, Sekten, Strö­mungen, Kultgesellschaften zu registrieren finb. 5ebe Vereinigung, bie nicht in vorgefchriebener Frist registriert wirb, wirb als erloschen erklärt.

Was man bamit beabsichtigt, ist ganz klar. Hier ftnb alle Organisationen ber Kirchen genannt, ge­gen bie ber Kampf ausgenommen werben soll. Sie weiteren Bestimmungen zeigen bas zur Genüge. Danach bürfen nämlich Gottesbienste unter freiem Himmel nur nach jebesmaliger besonderer Erlaub­nis abgehalten werden, während gottesdienstliche Handlungen in allen öffentlichen Gebäuden unb