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Fuldaer Zeitung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Jutda. Amtliches Kreisblatt.

Ilr. Ul

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Mittwoch, 14. Mai 1930.

Monatlich 1,80 einschlietzl. Postgebühr (48 Pf., ohne Zustellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0,15 JUt, auswärts 0,205UL Rerlamezeile: lokal0,60 auswärts0,80 O. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheck!. Franks, a. M. 4051

57. Zahl«.

3m Geiste Mndlhorsts.

Don einem bayerischen Politiker, der den Preu- schen Parteitag mitmachte, gehen uns folgende ulen zu:

' 3nn>i Parteitage von außerordentlicher Wich- iiakeit liegen hinter uns. Der Preußische Zen- runisparteitag und die Landesausschußsitzung der bayerischen Volkspartei in Bamberg. Zwei Par­teien, aber ein geistiges Fundament, eine Marsch­route, ein Wille, ein Ziel!

Fürwahr: Der Geist Windthorsts ist wieder le­bendig. Es war ein schönes Erleben, wie auf dem Preußischen Parteitag der Vertreter der Bayeri­schen Volkspartei das Ziel der wahrhaften Bluts- brüderschaft zwischen den beiden Parteien aufzeigte, nachdem der um die Erreichung dieses Zieles so hochverdiente Führer der Bayerischen Volkspartei im Reichstag, Prälat Leicht, zuvor auf der Par­teitagung in Bamberg dem gleichen Wunsche Aus­druck gegeben hatte. Jene Stunde von Köln er­stand vor dem geistigen Auge aller Zentrums­anhänger, als damals Prälat Leicht die Wefens- und Herzensverbundenheit der beiden politischen Zruppen mit bezwingender Ueberzeugungskrast darlegte.

Im Geiste Windthorsts vollzogen sich jetzt wie­der die Tagungen in Berlin und in Bamberg, und hüben und drüben hat es sich ergreifend gezeigt, welche universale Kraft auch heute noch diesem Führergeiste und diesem Geiste der Einheit und Tinigkeit inne wohnt.

Im Geiste Windthorsts hat das Zentrum die wechselvolle politische Entwicklung in unserem Va- ierlande überdauert; in diesem Geiste wird es auch den Forderungen, die Volk und Vaterland an uns stellen, in der Zukunft gerecht werden, wenn wir nur einig sind und treu! Bamberg und Berlin sind uns wieder neue Bürgen für diese Gesinnung.

Die Tagung In Genf.

wtb. Genf, 13. Mai. (Eig. Meld.) Der Völker- sundsrat ist heute vormittag um 11.30 Uhr zu seiner zweiten öffentlichen Sitzung zusammengetre- ten, deren Tagesordnung rein geschäftsmä­ßigen Charakter hat. Bor der Sitzung hatten Büand, Grandi und Henderson eine mehr als einstündige Unterredung. Auf Befragen erklärte Briand Pressevertretern, die von der Londoner Konferenz offen gelassenen Fragen der Flottew- abrüstung seien erörtert worden. Die Bereinigung dieser Fragen sei jedoch eine Aufgabe für län­gere Sicht. Ihre Lösung soll auf allen zur Verfügung stehenden Wegen, auch den der diplo- maüschen Verhandlungen, versucht werden.

Angenehme Kunde.

Der stellvertretende Chef des Generalstabes der ^anzösischen Besatzungstruppen, Brigadegeneral olanchard, ist zum'Generalstabschef des Gene- 'als Guillaumat, Mitglied des Obersten Kriegsra- «s, ernannt und mit der Leitung der A u f - "jung der französischen Besatzungs- Kuppen beauftragt worden.

Der Auftrag dieses Herrn Blanchard ist uns chr sympathisch. Er wird die französischen Be- !°tzungstruppen auflösen. Die Freiheits- «unde naht!

Scharfer Wind in Indien.

Schwere Strafen für Gandhis Anhänger.

wtb. Amritsar, 13. Mai. (Eig. Meldg.) Dr. • ^'sichlew, ein Anhänger Gandhis, wurde zu drei wahren schweren Kerker verurteilt. An- sw Anhänger Gandhis erhielten 18 Monate Ge- !ngni§. Alle waren wegen Widerstandes gegen * Staatsgewalt angeklagt.

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-wtb. Bombay, 13. Mai. (Eig. Meld.) Abas ^habjj, Gandhis Nachfolger, der, wie gemeldet, Wern verhaftet wurde, ist zu 6 Monaten verur- E worden. 1 y HM Hi

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„ wtb. Scholapur, 13. Mai. (Eig. Meld.) Hier 1 °Q§ Standrecht verkündet worden.

.wtb. Kalkutta, 13. Mai. (Eig. Meld.) Nach Haussuchung im Hauptquartier des Aus- 1» -s des Kongresses für die Präsident- i^aft Bengalen wurden etwa 80 Perso - ran?- verhaftet. Sie werden wegen Straßen- UOe§> Mordes und Zerstörung angeklagt.

Gandhis Sohu auf dem Wege nach Dharasana.

-E- Navsari, 13. Mai. (Eig. Meld.) Reuter: .«dhis Sohn Manila! machte sich gestern abend

°en Weg nach Dharasana, jener Stadt, gegen 'v^ibepot sich der mißglückte Vormarsch des Mieten Nachfolgers Gandhis, Tyabji, gerichtet ;• Man erwartet, daß ungefähr 300 Frei- heute vormittag Dharasana erreichen werden.

Kreuzer „Emden" von der Auslandsreise ;u-

!Eig. Meld.) Montag vormittag traf der ^er ,.Emden" von seiner 3. und vorläufig letz- ^uslandsreise als Schulkreuzer wieder in Wil- '^haven ein, wo eine kurze militärische Begrü- stattfand. Der Kreuzer war am 13. Januar laufen, hat also eine niermonatige Fahrt hin- v. die nach Westindien und den Vereinigten en führte. Die Kadetten der Emden werden

Mai ihre Ausbildung bei einer Fahrt des 1 Tchulkreuzers „Karlsruhe" fortsetzen.

Thomas Esser,

Vizepräsident des Deutschen Reichstages, ein Sechzigjähriger.

Von Reichstagbgeordneter Hermann Hofmann- Ludwigshafen.

Am 15. Mai vollendet Thomas Esser, eine der markantesten Persönlichkeiten der Deutschen Zen­trumspartei, sein 60. Lebensjahr. Der Werdegang dieses Mannes führte durch die harte Schule von Mühe und Arbeit, von unermüdlichem Ringen nach Aufwärts und Vorwärts.

In dem Dorfe Schwerfen (Kreis Euskirchen) stand sein Elternhaus. Drinnen waltete ein flei­ßiges, biederes Ehepaar, der Mühlenbauer und spätere Fabrikleiter Vater Esser mit seiner klugen, lebensgewandten Frau, stolz auf ihre vier stram­men Buben. Die Mutter war von überragender Begabung, so daß selbst Gymnasiasten im späteren Haus Esser zu Euskirchen im deutschen Aufsatz gei­stige Anleihen bei ihr machten. Tief religiöse Le­bensart bestimmte in der Familie Esser Wort und Tat.

Rheinische Lebensfreude in Sang, Spiel und schöngeistiger Betätigung hatte hier eine Heirn- und Pflegestätte. Aus solchem Familiengeist ist Thomas Esser hervorgegangen; seine ganze Ent-

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Wicklung ist darin begründet. Berufliche Bindun­gen des Vaters erforderten eine zweimalige Ver­legung des Wohnsitzes, zuerst nach Düren und dann nach Euskirchen, wo Thomas Esser seine Volks­schuljahre verlebte. 1884 bis 1888 ist er Buch- druckerlehrling. In darauffolgender siebenjähriger Gehilfenzeit suchte er feine Vervollkommnung in der Schwärzkunst und zwar in verschiedenen Stel­lungen. Selbstverständlich gehörte der junge Buch­drucker zur Kolpingsschar. Die Episoden, die der Jubilar aus seinem Wanderleben in Freundeskrei­sen erzählt, sind von herzerquickendem Humor. Schon als Zwanzigjähriger hatte er die Bedeutung beruflicher Organisation erfaßt und sich dem da­mals neutralen Verbände der Deutschen Buch­drucker — der zu jener Zeit einzigen Buchdrucker- Organisation — angeschlossen. Die Festschrift zum 40jährigen Jubiläum des Bezirksvereins Bonn vom Jahre 1924 berichtet, daß der 23jährige Thomas Esser, der heute selbst natürlich zu der inzwischen freige- werkschaftlich gewordenen Or­ganisation keine Beziehungen mehr hat, als Orts- und Bezirksvorsitzender des Buch­drucker-Verbandes in Bonn eine führende Stellung einnahm und fügt hinzu: „Unter dessen rühriger Tätigkeit entfaltete sich wieder langsam ein rege­res Vereinsleben und auch die Mitgliederzahl zeigt ein weiteres Anwachsen."

Der junge Gewerkschaftler Esser mußte aber bald die Rache reaktionären Unternehmertums er­fahren. Wegen feiner Zugehörigkeit zur Buch­drucker-Organisation fand er bei seiner Umfrage nach neuer Stellung überall verschlossene Türen. Da sattelte er um, wurde zuerst kaufmännischer Vertreter einer Mühle und gründete nach seiner Verheiratung in der Textilindustriestadt Euskirchen ein Manufakturwarengeschäft. Die Idee des ge­nossenschaftlichen Zusammenschlusses regte sich mächtig in dem damaligen Feuergeist und rang nach Gestaltung. So gründete er im Jahre 1898 den Verein selbständige Handwerker- und Ge­werbetreibenden in Euskirchen, der als Träger einer ausgezeichnet gelungenen großen Gewerbe­ausstellung in Euskirchen 1903 den Beweis für seine Leistungsfähigkeit erbrachte. Esser leitete diesen Verein, bis er 1923 im Mittelstandsamt Eus­kirchen aufging. Dos rheinische Handwerk er­kannte frühzeitig den dirigierenden Geist und die führende Hand Essers in Handwerkerfragen und wählte ihn deshalb 1899 schon zum Schriftführer und später, nach dem Tode Ehrysants zum Vor­sitzenden des Rheinischen Handwerkerbundes. Burd) die Initiative des Jubilars wurde 1900 die Spar- und Kreditgenossenschaft in Euskirchen gegründet, aus der sich am 1. April 1914 die Gewerbebank G. m. b. H. Euskirchen entwickelte, deren Leiter Thomas Esser heute noch ist. In gewandter, vor­sichtiger und umsichtiger Weise hat er dieses ge­nossenschaftliche Bankinstitut durch alle Fährnisse und Klippen des Krieges und der Inflation glück­lich hindurchgeschleudert.

Sein Tatendrang ließ ihn auch 1904 die „Eus­kirchener Volkszeitung" (Zentrumsorgan) ins Le­ben rufen, worin er sich selbst schriftstellerisch aktiv betätigte. Amüsante, witzige Novellen in plasti­scher, dramatischer Gestaltung als Mischung von

Wahrheit und Dichtung aus der Feder Essers fes­selten damals das Interesse der Loser dieses Blat­tes. Der Genossenschaftler Esser wurde 1904 in den Vorstand des Rheinischen Genossenschastsver- bandes gewählt und 1908 auch in den Aufsichtsrat der Rheinischen Genossenschaftsbank berufen. Seit 1912 gehört der Jubilar dem Vorstand der Hand­werkskammer Köln an. In dieser Eigenschaft or­ganisierte er während des Krieges das rheinische Handwerk zu genossenschaftlichen Kriegslieferungen. Seine genossenschaftlichen Fähigkeiten und Ver­dienste würdigte 1930 die preußische Zentral-Ge- nossenschaftskasse durch Berufung Essers in den engeren Ausschuß.

Seine politische Laufbahn begann 1906 mit der Wahl zum Stadtrat in Euskirchen. Bald darauf wurde er Kreistagsmitglied, 1918 Mitglied des Provinziallandtages und 1919 Mitglied der preu­ßischen Landesversammlung. Als der gefeierte Zen­trumsführer Geheimrat Karl Trimborn 1921 starb, wurde Thomas Esser sein würdiger Nachfolger im Reichstag. Die kluge besonnene Art Essers, seine außerordentliche Gewandtheit in mündlicher und schriftlicher Präzisierung und Formulierung der Gedanken und sein hervorragendes Talent, schwie­rigste Situationen mit einfachen Mitteln zu klä­ren und zu meistern, sowie seine absolute Selbst­losigkeit und hingebende Opferbereitschaft bewirk­ten einen außergewöhnlich raschen Aufstieg dieses Mannes im politischen und parlamentarischen Le­ben. Vom Mitglied des Reichsparteiausschusses, zum 2. Fraktionsvorsitzenden trug ihn das Ver­trauen der Partei und Fraktion empor. Seine überragenden sozialpolitischen Kenntnisse, seine ver­mittelnde, versöhnende Art und sein besonderes Geschick als Beratungsleiter prädestinierten ihn zum Vorsitzenden des sozialpolitischen Ausschusses im Reichstag, welche schwierige Ausgabe er vom 1. Januar 1923 bis heute mustergültig erfüllt. Sein Name ist in dieser Eigenschafl in die "Geschichte des schwierigen Aufbaus der deutschen Sozialpolitik der Nachkriegszeit unauslöschlich eingetragen. Im Jahre 1926 wählte ihn der Reichstag in das ehren­volle Amt eines Vizepräsidenten. Auch in dieser hohen Würde erwies er sich als Meister, so daß auch sonst Ungläubige im Reichstag an „Gott Va­ter" glauben, wie Thomas Ester auf dem Präsi- dentenstuhl feiner äußeren würdigen Erscheinung wegen scherzhaft im hohen Hause genannt wird In Vertretung von Mittelstandsfragen, der Anlie­gen des besetzten Gebietes und der Sozialgesetz­gebung sind seine großen Verdienste unbestritten. In zahlreichen Broschüren über Mittelstandspolitik und Genossenschaftswesen hat er Aufklärung und Anregung durchs ganze deutsche Vaterland ver­breitet.

In unermüdlichem Schaffen war er immer einer derjenigen, die bei der parlamentarischen Arbeit bis zur letzten Minute ausharrten und draußen im Lande in öffentlichen Versammlungen aufkkä- renb und begeisternd für die Zentrumsidee wirk­ten. In humorvoller Weiss unterschied er je nach der theoretischen und praktischen Wirksamkeit der Parlamentarier zwei Gruppen: „Die Höhenflieger" und „die Kanalreiniger oder Senkerfeger", und überließ es dabei den einzelnen Abgeordneten, sich selber einzugruppieren. Als Mann reifer Erfah­rung und tief fundierten Lebensweisheit war er manchen schon kluger, väterlicher Berater.

Seinen rheinischen Humor und seine hervor­ragende gesangliche Begabung stellte er immer gern in den Dienst der Freundschaft und der Fraktions­familie. Eine prächtige Hans-Sachs-Gestalt! — wenn Thomas Ester durch feinen sonoren Baß die, Herzen aller erfreute. Drei feiner heimatlichen' Männergesangvereine haben diesen echten sanges- frohen Volksmann durch Verleihung der Ehrenmit- gfiebfchaft besonders gefeiert und feine Heimat­stadt Euskirchen, für die er so außergewöhnlich viel getan, erhob ihn 1925 zum Ehrenbürger. Wer ein­mal in feinem stillen Tusculum zu Euskirchen gast­liche Aufnahme fand, herzlich aufgenommen von der emsigen, liebenswürdigen Frau Ester, der fühlte sich wohl in der Atmosphäre eines gediege­nen, einfachen Familienlebens mit so echt gesun­dem Konservatismus und wohltuenden, mittel- ständlerifchem Einschlag.

Thomas Ester ist einer von der alten Zentrums­garde, dessen Leben und Streben im christlichen Idealismus wurzelt, der im Wirken für das All­gemeinwohl an sich selbst zuletzt denkt. Ihm brin­gen zum 60-Iahr-Jubiläum am 15. Mai alle Zen­trumsanhänger voll Dank und Begeisterung ihre Wünsche dar Möge ihn Gott seiner Familie und der Deutschen Zentrumspartei noch recht lange gesund und aktiv erhalten. Diesen getreuen Ekke­hard des deutschen Mittelstandes, diese Hans- Sachsgestalt unter den deutschen Meistern, grüße ich als Sechzigjährigen in aufrichtiger Herzlichkeit und Freundschaft mit Richard Wagners Meister­singer-Parole:

„Ehret Eure deutschen Meister; Dann bannt ihr gute Geister!"

* Beleidigung des Reichspräsidenten. Die Staatsanwaltschaft in Berlin hat Anklage gegen den nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Dr. Göbbels wegen Beleidigung des Reichs­präsidenten erhoben. Der Reichstag hat die Ge- nehmigung zur Strafverfolgung erteilt. Es handelt sich um den Artikel „Lebt Hindenburg noch?" und die Zeichnung „Und der Retter sieht zu", veröffentlicht in Nummer 6s bei ..Angriff" vom 29. Dezember 1929.

♦ Stapellauf eines japanischen Kreuzers. In Pokosuka ist in Anwesenheit von 50000 Zu­schauern ein neuer 10000 Tonnen-Kremer vom Stapel gelaufen. v ,

Die Lage in Sachsen.

Der letzte Ausweg.

Aus Dresden wird uns geschrieben:

Das unglaublich Scheinende ist in Sachsen zur Wirklichkeit geworden: Bei der jetzigen Regierungs­bildung konnte keine parteipolitisch hervorgetretene Persönlichkeit Minister werden. Die wichtigste Vor­aussetzung für das neue Kabinett, das endlich nach einer drei Monate langen Krise zustande kam, war das Ausscheiden aller reinen Parteimänner. Sämt­liche Parteien von rechts bis links waren von sich aus nicht mehr fähig, dem Land eine Regierung nach den Regeln des parlamentarischen Systems zu geben. Die vornehmste Aufgabe des Parlaments also konnte nicht mehr erfüllt werden. Man stürzte wohl eine Regierung, aber eine neue zu bilden war niemand in der Lage. So kehrte man gewisser­maßen zu den Grundregeln alter Staatskunst zurück: Daß man denjenigen Persönlichkeiten die Regie­rungsgeschäfte übertrug, die durch lange Bewäh­rung im Dienste sich am geeignetsten erwiesen haben.

Aber es gibt noch eine zweite Ueberraschung. Ausgerechnet die Demokraten waren es, die im letzten Augenblick den Vorschlag eines völlig un­parteiischen Kabinetts machten. Also eine Partei, die dem demokratisch-parlamentarischen Prinzip in Sachsen immer am weitesten entgegengekommen ist, befürwortete es jetzt am stärksten, über die Parteien hinauszugehen und ein Kabinett aus Männern zu berufen, die lediglich eine fachliche Eignung mitbringen. Der Ministerpräsident, den sie jetzt gewählt haben, war allerdings schon vor Wochen von den übrigen bürgerlichen Parteien für die Bildung einer Regierung vorgeschlagen, damals wurde er von den Demokraten bekämpft, weil sie immer noch auf die große Koalition hofften. Heute sind diese Hoffnungen für die nächste Zeit endgültig zerschlagen. Die demokratische Partei hat sich aber dabei durch ihre unglücklichen und gleich im Anfang völlig aussichtslosen Verhandlun­gen mit links allerschwersten Schaden im Lande zugefügt. Ihr Ansehen hat stark gelitten, denn bei den Verhandlungen hat sie all das vermissen lassen, was man von einer wirklichen Partei der Mitte, deren Aufgaben in Sachsen eigentlich nur von einer Partei mit sehr ausgeprägtem weltanschaulichem Charakter bewältigt werden können, verlangen muß. Als Ausgleich dafür bemüht sie sich nun für eine geordnete überparteiliche Regierung einzutreten.

Die Zusammensetzung der Regierung ist höchst bemerkenswert. Der Ministerpräsident Schieck ist vielleicht der bekannteste Mann ganz Sachsens. Er verfaßte vor einiger Zeit die Denkschrift über die große Verwaltungsreform des Landes und steht seitdem ganz im Mittelpunkt der Erörterungen. Schieck ist Präsident des sächsischen Staatsrech- nungshvfes und bringt als solcher beste Kenntnisse, vor allem der finanziellen und wirtschaftlichen Ver­hältnisse des Landes mit. Er hat sein Kabinett innerhalb zweier Tage gebildet. Sämtliche Mini­ster sind alte Staatsbeamte, die parteipolitisch hervortraten. So war der eine Kreishauptmann, ein anderer Präsident des Oberlandesgerichts, der dritte Ministerialdirektor in einem Ministerium. Zwei von ihnen waren bereits im vorigen Kabinett als Fachminister tätig.

Wenngleich man erst die Arbeit der neuen Män­ner abwarten muß, so kann man doch ohne jede Uebertteibung behaupten, daß diese Regierung die erste ist, die sozusagen vom ganzen Land mit Sympathie begrüßt wird. Es kommt darin der Wunsch des Volkes zum Ausdruck, endlich Män­ner an der Spitze zu sehen, von denen man an­nehmen kann, daß sie auch für das ganze Volk sor­gen wollen. Sehr sympathisch berührte sofort die erste Handlungsweise des neuen Ministerpräsiden­ten. Die Gegner Schiecks nannten ihn seither gern den Denkschriftenverfasser, der sehr leicht An­regungen und Vorschläge machen könne, weil er nicht mit der Verantwortung für ihre praktische Durchführung belastet sei. Schieck hat den Willen zur Reform sofort praktisch bewiesen. Es gibt von heute ab keine 7 Minister mehr in Sachsen, sondern nur noch 4. Die einzelnen Ministerien bleiben zwar noch vorläufig in der alten Meise bestehen, aber die neuen Minister müssen sich in die Führung sämtlicher Ministerien teilen. Der Präsident selbst nimmt z. B. das Volksbildungsministerium hin­zu. Offenbar wird es nicht lange dauern und man geht auch an den Abbau der Ministerien selbst heran, denn hier ist viel überflüssiges vorhanden. Auch die Gehälter der Minister können eine ge­waltige Reduzierung vertragen. Wenn dieses Kabi­nett lebensfähig bleibt, so wird Sachsen sehr bald ziemlich starke "Umwälzungen erfahren. Es wäre mit dem Ansehen des neuen Kabinettsführers nicht vereinbar, wenn er jetzt die Reform des Landes, so wie er sie seither stets verlangt hat. selbstnichi mit größtem Eifer betreiben wollte. Der Land­tag aber wird am besten sein Ansehen dadurch retten, wenn er der Regierung keine allzu großen Schwierigkeiten macht.

Zunächst steht noch ein Auflösungsantrag der Sozialdemokraten auf der Tagesordnung. Wir be­richteten schon früher, daß die Sozialdemokratie einen Auflösungsantrag der Kommunisten abge­lehnt und dadurch bewiesen hätte, wie sehr sic Neuwahlen fürchte. Das war in der Tat so. Abei damals dauerten die Bemühungen der Demo tra­ten noch an, die Linke mit in die Regierung ZU ziehen. Die Sosialdemokraten hofften noch, daß sie innerhalb der Regierung ihre ganzen Wünsche auf Vormachtstellung erfüllt sehen würden, und darum ein ungünstiger' Wahlausfall lieber zu vermeiden sei. Als aber die Koalitionsverbandlunaen abge­brochen waren, brachte die Sozialdemokratie so­fort von sich aus einen neuen Antrag auf Auf­lösung des Landtages ein. Einerseits war nichts mehr zu verlieren und andererseits standen die