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Fuldaer Zeitung

f. 109.

,«ntag. den 11. Mai 1930.

2. Blatt

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fuldo

ein gut Stuck Sozialismus und

kommt in der tatsächlich die schewismus ist.

Schilderung seines Lebens, das Schilderung des russischen Bol-

dieses Geschreibsels eingesehen und verbrennt we­nigstens, was man stoßweise bei seinem klappern­den Handwerk produziert hat.

Viele sehen gar nicht, daß in dieser Entwicklung des Apparates Bolschewismus

lebt. Kein anderer als Trotzki

Rund um die Woche.

Muttermilch in Flaschen. Der Hausarzt. Aktenverbrennung, xrotzki. Der Bischof mit der Zigarre. Das Mitleid des Lindes

2luf was kommt man nicht, wenn man fana­tisch einer hirnverbrannten Theorie nachläuft. Der Bolschewismus ist nun soweit, daß er auch die Ausbeutung der Ammen auf seine Weife bekämpft. Miiiter deren Säuglinge gestorben sind, werden veranlaßt, auf mechanischem Wege jenen anderen Muttern, die zu schwach sind, ihr Kind zu nähren, auszuhelfen. In den kommunistischen Zeitungen kann man die Photographie dazu sehen, komisch- widerliche Szenen mit dem Begleittext:Mutter­milch in Flaschen!" . . . Das Produkt zahlt der Staat, 100 Gramm 1 RM., und er gibt es den notleidenden Müttern ab für 60 Pfenngi. Diese liebevollen Menschheitserlöser zeigen hier, bis zu welchem Zynismus ihr Materialismus führt. Es paßt gut zu dem Worte Trotzkis, der die Menschen n seinen Lebenserinnerungen einfachschwanzlose Affen" nennt.

Wo ich nun der guten Amme gedenke, die auf dieie Weise ein Opfer der mechanistischen Kultur wird, fallen mir andere liebe Gestalten ein, die ach und nach geschwunden sind. Bei einigen kann man sich trösten. Daß es keine Postillone und fast keine Pferdedroschkenkutscher mehr gibt, ist ge­wiß traurig. Aber der Verlust an Poesie wird durch einen schnellen Autoomnibus doch ersetzt. Hehler ist es schon um das Aussterben eines gewis­sen Lehrertypus, wie ich ihn noch in meiner Ju­gend gekannt habe. So ein richtiger Dorsschul­lehrer? der ein Herz hat für sein Völkchen und über viel Lebensweisheit verfügte! Es mag aber schon sein, dich die Fortschritte auf der Akademie sich dcch mit diesem Dorfschullehrer aus alter Zeit noch irgendwie verbinden lassen. Direkt aber in der Linie, die bis zurMuttermilch in Flaschen" führt, liegt dos Aussterben des Hausarztes. Ich habe nichts gegen die Kassenärzte, sie können ja nichts dafür, daß sie das Opfer einer Entwicklung sind, unter der die meisten von ihnen selber schwer lei­den. Aber es dauern mich die Familien, die den Hausarzt entbehren müssen. Und das gerade in einem Zeitalter, das auf der medizinischen Seite so sehr die seelischen Faktoren des Heilverfahrens wieder würdigt. Der Mensch ist eben ein Geheim- t ms, und das darf man bei aller Mechanisierung der Kultur niemals vergessen.

Wir stehen hier mitten in einem schweren Pro­blem, vielleicht dem schwersten dieser unserer Zeit, soviel gegen den Kulturapparat auch gesprochen upd geschrieben worden ist, er wächst nur immer lustig weiter. Radio, Schallplatte, Kino, Paragra­phen ohne Ende, Illustrierte, Revuen, Konferenzen . end Sportwettkümpfe lassen uns gar nicht mehr zur Besinnung kommen. Je weniger besinnliche Menschen ober in diesem Apparat wirken, um so seelenloser wird er. Schließlich sind Gewaltakte Mwendig, die den Methoden der Revolution glei­chen, auch wenn sie in Amtsräumen vor sich gehen. Eo ist man in manchen Behörden heute dran, Ak­ten zu verbrennen. Man kann einfach die Räume nicht mehr zur Verfügung stellen, in denen die Archive Platz fänden. Seitdem die Schreibma­schine in diese sonst so stillen Bezirke der Verwal­tungen eingezogen ist, hat ein großes Geklapper begonnen. Der einen Schreibmaschine ist bald die zweite und die dritte gefolgt, jede mit einer Steno­typistin. Braucht man es selber nicht mehr zu schreiben, so schreibt man natürlich viel mehr, schon um die Freude hoher Iournalnummer genießen zu können. Endlich hat man die Wertlosigkeit

zu dem Ergebnis, daß heute der einstige revolutionäre Auftrieb vollkommen in einer Parteibureaukratie aufgegangen ist. Dieser Apparat ist zudem das beste Mittel, jede ernste Ueberzeugung und jede männliche Tat automatisch fernzuhalten. Man sieht das deutlich, wohin man immer lchout. Um bei Trotzki zu bleiben, wie kommt die Vossische Zeitung dazu, ein Buch und einen Mann zu feiern, der gewiß außergewöhnliche Energien besitzt, der aber doch ein fürchterlicher Henker des Menschengeschlechtes gewesen ist. Sub­jektiv noch so ehrlich, ist dieser Blutmench, doch objektiv ein Scheusal, worüber sich übrigens die ganze Welt einig ist, wie könnte sie ihm sonst das Visum verweigern. Ein ganzes Kapitel dieser Erinnerungen betschäftigt sich ja mit der interessan­ten Tatsache, daß kein Staat Trotzki ein Asylrecht bewilligen will, so daß der alte Revolutionär die­ses Kapitel überschreiben kann:Der Planet ohne Visum." Und doch auf der anderen Seite solche Huldigungen! Es sind die gleichen Leute, die heute einen ganz christlich anmutenden Dfierartifel schreiben, wie es auch dieses Jahr wieder in der Vossischen Zeitung geschehen ist, und die morgen einen Bischof verhöhnen. Das sollten sich die Le­ser der Berliner Illustrierten doch sagen, daß sie mit jedem Groschen einen Verlag unterstützen, der auf die raffinierteste Art das Christentum be­kämpft. Beweise?

Da liegt vor mir eine Photographie:Bürger­meister Scholz bei seiner Ansprache. Im Vorder­gründe der Bischof von Berlin." Man sieht die meisten Zuhörer nur undeutlich, aber jeden in der Haltung des interessierten Ernstes. Nur dem Bi­schof wird eine dicke Zigarre in den Mund gesteckt, d. h. er ist photographiert worden, als er eben in dieser Haltung war. Gerade vor ihm auf dem Tisch im Vordergrund stehen Sektgläfer, halbge­füllt, und allerlei gute Sachen. Geschähe so et­was einmal, so könnte man es Zufall nennen. Ich habe mir aber von einem Freunde, der die Haltung der Vossischen Zeitung sie steht da gar nicht allein seit langem mit Aerger verfolgt, erzählen lassen, daß dieses Bild gar nicht eine Einmaligkeit bedeutet, daß im Gegenteil schon die verschiedensten norausgegangen sind, die offenkun­dig raffinierte Nebenabsichten verraten. Was 'oll man zu der Instinktlosigkeit sagen, die solch ein Bild dann auch noch in die christliche illustrierte Presse bringt, so als hätte uns die Voß mit sol­cher Beachtung eines katholischen Bischofs auch noch einen Gefallen getan.

So viele Briefe hätte ich noch zu beantworten. Die meisten kommen von solchen, die schwer am Leben leiden. Sie verstehen Gott nicht, daß er das alles zuläßt. Dies ist eigentlich ihre einzige Zweifelsfrage. Andere betonen allerdings zum Schluß, daß sie doch alles wieder demütig hinnch- men wollen. Wie groß ist doch die Sehnsucht nach Liebe! Wie schwer andererseits das Verständnis für das Kreuz! Ja, es gleichen oft auch große Menschen jenem Kinde, das einst in einer Anwand­

lung des Mitleids den Christuskörper mit 'einen kleinen Händen von dem Kreuzei öfte, an das er geheftet war. Kind, was hast du da Törichtes un­ternommen! Da bist du ja eigentlich ein kleiner Bolschewik gewesen. Die Großen sind nicht anders. Gefährlicher als jeder Atheismus der Macht ist der Atheismus der Liebe, wenn man mitleidiger fein will, als der liebe Gott. Das ist der Atheismus der Philosophie derLebensbejahung", die schwerste Versuchung auch für gute und sonst kluge Men­schen. Jenes Kind ist heute schon eine ältere Frau. Im Grunde aber denkt sie noch wie in den Tagen ihrer Kindheit. Wann wird sie es einsehen?

Der Mann im Monde.

Die Frage der Bodenreform.

Lin Fuldaer Teilnehmer an der Tagung deutscher Bo- benreformer in Würzburg über seine Eindrücke.

Der diesjährige (33.) Bundestag des Bundes deut­scher Bodenreformer sand unter außerordentlich starker Beteiligung von Männern und Frauen aller Richtun­gen religiöser, wirtschaftlicher und politischer Anschau­ung und der Spitzen der weltlichen und kirchlichen Be­hörden, vom 25. bis 28. April in Würzburg, der Stadt Walters v. d. Bogelweide statt.

Am Begrüßungsabend fanden sich die Mitglieder Freunde und auch verschiedene Gegner des Bundes im Platzfchen Garten zu einer Feier zusammen, der man den Rahmen eines fränkischen Abends gegeben hatte.

Der Vorsitzende der Ortsgruppe Würzburg, Rechts­anwalt Dr. Link sprach ein herzliches Willkommen. Nachdem er der Aufgabe des Bundes gedacht, in selbst­loser emsiger Arbeit das Beste des Volkes zu ersinnen und zu verwirklichen, begrüßte er noch besonders neben dem Vorsitzenden des Bundes Dr. Damaschke die Lan­des- und Ortsoertreter. Des Redners Gruß galt auch den redlichen und ehrlichen Gegnern des Bundes, weil I auch sie gewillt sind, dem Volk und der Wahrheit zu i

dienen. Man könne ihnen deshalb nicht mit Haß be> gegnen. Ganz besonders betonte er, der Bund, sei nicht revolutionär, sondern evolutionär ge­sinnt.

Dr. Damaschke dankte Würzburg im.Namen des Bundes für die gastliche Aufnahme. U. a. führte er dann ein Wort Hindenburgs an, das unseres vereh­rungswürdigen Reichspräsidenten Wunsch ausdrückte, es möge jeder arbeitsame Deutsche sein wohlverdientes, gesundes Heim besitzen.

Das fernere Programm des Abends schenkte neben musikalischen Darbietungen den Gästen Einblick in Tracht, Sitte und Seel- des fränkischen Volkes. Da sah man einen Zug echt urwüchsiger, bodenständizer Winzer und trachtengefchmückter fränkischer Bauern und Bäuerinnen. Sie durchzogen unter Klängen hei­mischer Dorfmusik den Saal um sich auf der Bühne zu einem malerischen Bild zu gruppieren. Später folgten altfränkische heimatliche Tänze, wie sie Ahne und Ur­ahne einst um den Maibaum tanzten. Das ganze ein Bekenntnis der Eigenart des Frankenvolkes.

In der Samstagssitzung gab der Vorsitzende des Bundes Dr. Damaschke nach der Eröffnung zunächst dem Vertreter des Reichsarbeitsminifters, Reg. Rat Dr. Heilmann das Won. Dieser versicherte, daß das Reichsarbeitsministerium großes Interesse an der Arbeit des Bundes habe. Die Wohnungsfrage fei die Schicksalsfrage des deutschen Volkes. Oberregierungsrat Stümper sprach alsdann im Namen des bayeri­schen Ministeriums für Landwirtschaft, daß die Woh­nungsfrage im engsten Zusammenhänge mit allen an­deren sozialen und kulturellen Fragen stehe. Heute herrsche noch der Kampf der Geister um den Weg zur Lösung. Der Widerstreit der Meinungen könne aber den Behörden wertvolles Material liefern. Als Ver­treter des preußischen Wohlfahrtsministeriums betonte Ministerialdirektor Pauly: Die jetzige Zeit sei bedeut­sam, denn einmal liegt der Entwurf des Heimstättenge- setzes vor und zum ändern fei eben jetzt ein reichsge­richtlicher Entscheid getroffen worden, daß auf Grund des Artikels 153 dein Eigentum mehr Schutz gewährt wird. Falsch fei es zu behaupten, den Bestrebungen des Bundes lägen bolschewistische Ziele zu Grunde. Die russische Tendenz geht auf Kollektiv-Eigentum aus

Zu Schillers 125. Todestag.

Schillers Totenmaske, gezeichnet von I. Jagemann.

Friedrich von Schiller, nach einem zeitgenössischen Portrait.

Bon Julda nach Chicago.

PULT»Al

Reis e-Erinnerung en

von Fr. Donatus Pfannmüller, Fulda.

35) __________

Sonntag Vormittag wird der Plan für den Be- L? $cr Niagarafälle entworfen. Eigentlich besorgen das ^~ncm.ad)en stets die andern. Ich bin nur derjenige, der leife den Anstoß dazu gibt. Ich sage ganz beschei- t?'a6 ich doch auch gern die Niagarafälle sehen möchte. I|P* das will schließlich jeder Fremde, der nach Buffalo «nmt. Und weil die andern gut Bescheid wissen, müssen auch die Pläne machen. Es spielt das Telephon, und u> ist Q[[es gerege[f Um 2 Uhr sollen zwei Autos vor $Qufe stehen. Das eine gehört der Nichte unsers nider Bruno, die in der Stadt wohnt. Darin wird der Bruno sitzen, der viel Platz braucht, und Bru- ^tibert, der wenig Platz nötig hat. Dazu kommt Dieb 9* noch die Nichte und ein paar Kinder. In dem an» Oas einem Herrn Tromm gehört, soll ich mit Bru- tierbinanb sitzen. Also ist alles gut. Ich gebe noch ^»egramm nach Cleveland auf an einen Freund, daß ** nwrgen an der Bahn abholen soll.

^on in meiner Kindheit habe ich mir gewünscht, den hwten Niagarafall einmal sehen zu dürfen. Aber nw dieses Ereignis nahe bevorsteht, bin ich ganz . 3<f) bin auch viel zu müde und abgeschlagen, um leses Ereignis besonders gespannt zu sein, und lege dem Mittagessen ein wenig nieder. Dann t Bruder Albert herauf und sagt, ihr Auto fei schon cr würde mit Bruder Bruno einstweilen tos»

' 2ch> möge mich hinunter ins Sprechzimmer setzen Uf bas andere Auto warten.

Ich setze mich ins Sprechzimmer und warte. ne Nuto ist schon weg. Ich warte eine Viertel- fiatf) der andern, aber kein Auto hält vor un- -Ure; alle sausen vorbei. Das Telefon klingelt lripa(, aber da niemand sich meldet, schweigt es Ich hätte ja gerne den Hörer genommen, aber

GasthoUumKorpfeiT iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiini

Ausschank der beliebten hiesigen Unionbiere, Löwenbräu und Dortmunder

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiii

Reichhaltige Speisekarte. Bekannte gute Küche.

wenn der Mensch am anderen Ende mir englische Re­densarten ins Ohr sagt, was soll ich da antworten? Im Hause ists totenstill. Ein Teil der Patres ist fort, die andern schlafen vielleicht, und vielleicht schläft auch der junge amerikanische Bruder, der sonst den Pförtnerdienst besorgt. Bruder Ferdinand, der mit mir im gleichen Auto fahren soll, ist zu eben diesem Autobesitzer zu Tisch geladen. Kein Mensch ist im Hause, mit dem ich Deutsch reden könnte.

Es wird 3 Uhr, und noch immer fein Auto. All­mählich verliere ich den Humor. Vielleicht ist auch die­ses Auto ohne mich nach den Fällen gesahren, weil es schon vollbesetzt war, oder weil sie denken, ich sitze im anderen Wagen. Ich beginne in meiner Verzweiflung einen fürchterlichen Entschluß zu fassen. Ich muß mor­gen mittag nach Cleveland fahren, bas steht fest. Der Vormittag aber wird zum Besuch der Fälle kaum aus­reichen. Also mutz ich auf ben Besuch dieses Natur­wunders verzichten. Aber davon schreiben mutz ich und kann ich. Wenn es nicht anders geht, werde ich meine Leser fürchterlich anlügen. Als ehrlicher Reisebericht­erstatter darf ichs ja nicht, aber als Dichter darf ichs. Als Dichter darf ich sogar in den Himmel fliegen. Ich werde also im Geiste nach den Niagarafällen fahren, werde seine Wunder schauen, werbe vielleicht sogar noch einer Millionärstochter, die sich dort hinabstürzen will, bas Leben retten, werde dies und jenes tun, und nach­her alles brühwarm meinen Lesern erzählen. Viel­leicht wird es so viel schöner, als die Wirklichkeit ist. Aber eine elende Lumperei ifts doch.

Wieder schaue ich auf die Uhr: Viertel nach Drei. Noch 5 Minuten werde ich warten, bann gehe ich hin­aus und lege mich aufs Ohr. Da hält unten vor der Treppe ein Auto, und Bruder Ferdinand schaut her­aus. Ich eile hinaus. Der Herr am Steuer streckt mir die Hand entgegen, und Bruder Ferdinand sagt:Wir konnten nicht eher kommen: Mr. Tromm hatte Tisch­gäste." Es sitzen noch die drei Söhne des Herrn im Auto, nette, liebe Jungen.

Nachdem ich eingestiegen bin, geht es gleich in flot­tem Tempo los. Zuerst durch die Stadt und später durch wundervolle Parkanlagen und schöne Villenviertel.

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Diese Wohnviertel mit den schmucken kleinen Villen ver­söhnen stets wieder mit den wilden Bauten in der eigentlichen Stadt Herr Tromm fährt so scharf, als es die Verhältnisse nur gestatten. Die Straße zeigt star­ken Autoverkehr, aber außerdem verkehren auch die Elektrische und Eisenbahnen dort hinaus. Wir kommen sehr rasch voran. Ich suche in meiner Erinnerung nach dem, was ich früher über die Niagarafälle gelesen habe. Den Donner der stürzenden Gewässer können wir nicht hören, dafür sorgt schon unser Auto und der ganze moderne Verkehr. Aber eine Dunstwolke sehe ich dort vorn über der Erde stehen. Mr. Tromm redet zu­weilen einen Satz in gebrochenem Deutsch. Er hat früher einmal ein Jahr lang in Darmstadt auf der Forstschule studiert, und zwei Onkel von ihm sind Ober­förster in Baden. Er selbst ist in Amerika geboren, und das Deutsch, bas er früher einmal gelernt, hat er so ziemlich wieder vergessen. O diese Amerikaner sind sogar ihrer eigenen Sprache nicht ganz sicher. Sie scheinen damals bei der Babylonischen Sprachen­verwirrung an einer besonders kritischen Stelle geschafft zu haben. Sie schreiben z. B. ganz schönWater­mann", aber sobald sie das Wort sprechen, heißt es Woatermön. Aehnl'ch machen sie es auch mit ihrem großartigen Naturwunder. Sie schreiben: Falls os Niagara, also lauter schönea", aber dann lesen sie kaltblütig: Naiägärä-Folls. Also mit aller Seelenruhe geben sie demselben Buchstaben einen ganz verschiedenen Laut. Und sie haben nicht einmal eine festgelegte Re­gel für eine derartige Aussprache. Da soll nun ein rechtgläubiger DeutscherAmerikanisch" lernen!

Schon seit einer Weile haben mir die breite Fläche des Niagarflusses zu unserer Linken. Wir fahren ein Stück durch die Stadt, die von den Fällen ihren Na­men hat, bann biegen mir links in eine Parkanlage unb fahren nun am Ufer des Flusses. Dann erblicke ich zwischen den Bäumen hindurch die Ziegeninsel, die den Fluß in zwei Teile teilt, und sehe zu beiden Seiten der Insel eine Dampfmolke emporsteigen. Das Wasser zu unserer Linken eilt auf eine lange Strecke in kleinen Sprüngen bergab, und meine Begleiter sagen mir, daß dies dieHasenfälle" seien. Auf diesen Hafenfällen senkt sich der Fluß schon um 16 Meier. Also bevor er

iw iimiiiiiMiMiMiM mi HUinww i inDT «rfiWT -"jrinrg',*-,^'~ir-nrwarTf den eigentlichen Fall erreicht, hat er auf einer schiefen Ebene schon 16 Meter verloren.

Dann sehe ich weiter unten eine Menge Menschen an einem eisernen Geländer stehen, da wo die Dampf­molken emporsteigen. Und Herr Tromm sucht ver- zmeifelt nach einem Plätzchen, mo e : sein Auto zmischen die zahlreichen schon parkenden Autos schieben könne. Endlich hat er einen Platz gefunden. Wir klettern eiligst aus dem Wagen, und Herr Tromm führt mich hinüber nach dem Geländer, schiebt höflich die Leute auseinander und schiebt mich selbst ganz vorn hin.

Ganz still stehe ich, und schaue und staune. Gerade vor mir liegt ein weiter, tiefer, länglicher Kessel mit beinahe senkrechten Wänden. Dicht links neben mir stürzen die grünen Gemässer des Stromes in einer Breite von 330 Meter unter donnerndem Getöse 47 Me­ter senkrecht hinunter, um drunten als kochende meiße Dampfmolke wieder emporzuschießen. Dann folgt mit reichlich 400 Meter Breite die Ziegeninsel, hinter der der Hufeifenfall feine noch zehnmal größeren Wasser- maffen in die Tiefe stürzt. Der Hufeisenfall hat in­folge feiner tiefen Einbuchtung eine Breite von über 900 Meter. Allein was bedeuten diese Zahlen? Ich setze sie nur her, um meine Hilflosigkeit zu bemänteln, die mich gegenüber diesem Naturschauspiel erfaßt. Wie soll ich es würdig schildern? Da stürzen die Wogen hinab, nicht in glatten Bahnen, sondern wie ins Tau­sendfache vergrößertes aufgelöstes Frauenhaar. In wunderbarem Wellengeriesel stürzen breite, tiefgrüne Massen zur Tiefe. Dann werden sie weiß, werden Schaum, werden Dampf. Und mitten durch die grünen Strähnen brechen schon von oben her starke, nein mäch­tige weiße Wasfersträhnen. Sie sind schon ganz oben zu einem weißen, kochenden Wirbel geworden, der sich immer und immer erneuert und donnernd in die Tiefe stürzt. Jede Sekunde zeigt ein anderes Bild, und doch bleibt das Bild sich gleich. Es ist als ob da unten sich fortgesetzt eine ungeheure Dampfexplosion vollzöge, die die niederstürzenden Wasserrnassen ersticken müßten. Aber sie erneuern sie nur. Stundenlang möchte ich stehen und schauen, möchte dieses Bild von Schönheit und ungebändigter Kraft in mich hineintrinken.

(Fortsetzung folgt)