NUS
Ein Morgen im Mai.
Frühmorgens, wenn der Tau noch fällt. Geh ich, vergnügt im Sinn, Gleich mit dem Nebel 'naus aufs Feld Und pflüge durch ihn hin.
Und sehe, wie er wogt und zieht Rund um mich nah und fern, Und sing dazu mein Morgenlied Und denk an Gott Len Herrn;
Die Krähen warten schon auf mich
Und folgen mir getreu, Und alle Vögel regen sich Und tun den ersten Schrei.
Indessen steigt die Sonn herauf
Und scheinet hell daher —
Ist so was auch für Geld zu Kauf, Und hat der König mehr?--
O wer das nicht gesehen hat, Der hat des nicht Verstand.
Man trifft Gott gleichsam aus der Lar —
SDHt Segen in der Hand,
Und sicht's vor Augen, wie er frisch
Die volle Hand ausstreckt, Und wie er feinen großen Tisch Für alle Wesen deckt. Claudius.
Ausere Stellung zur Politik.
Jugend und Partei.
Noch ist nicht geklärt, welche Stellung die junge Generation den Parteien gegenüber endgültig einnehmen wird. Cs gärt. Viele Parteien stehen mitten in einer Krise Man braucht nur an die Austritte nahm- haster Parlamentarier aus der Deulschnationalen und Demokratischen Partei zu denken. Noch vor kurzem sprach ein Führer einer Grupp« der nicht sehr starken liberalen Jugend die Warnung aus, daß die Jugend aus die Dauer vielleicht nicht mehr in den alten Parteien Mitarbeiten könne, weil dort die Voraussetzung für einen Durchbruch des Neuen fehlten. Aus dieser Aeu- ßerung eines uns weltanschaulich fernstehenden jungen Menschen spricht das starke Mißtrauen der jungen Generation gegenüber den Parteien. Man hat zu viele schöne Worte in Wahlzeiten gehört und zu wenig Verantwortungsbewußtsein und wahres politisches Führertum gespürt. Das deutsche Volk lebt in einer Notzeit, in der man versuchen müßte, alle positiven Kräfte zusammenzufassen und das zur Rettung Deutschlands Erforderliche konsequent und ohne Rücksichtnahme auf Parteivorteile zu tun und durchzusetzen. Den Parteien fehlt aber meist der Mut zur Entscheidung, weil sie fürchten, eine vielleicht benachteiligte Interessengruppe könnte es übel nehmen. Und so ist es denn so weit gekommen, daß das parlamentarische System in Deutschland gründlich abgewirtschaftet zu haben scheint. Das Volk verlangt nach einer starken Führung, nach entscheidenden Taten. Es herrscht eine zum Teil berechtigte tiefe Mißstimmung in allen Schichten.
Die radikalen Parteien nutzen diese Stimmung aus; sie verheißen unter den von ihnen präsentierten Führern ein neues Reich, versprechen, alle Mißstände abzuschaffen, und bedienen sich aus agitatorischen Gründen sehr oft recht niedriger und verwerflicher Mittel. Auch diese Parteien, die das Führertum betonen und den anderen vorwerfen, sie dächten nicht an das Volk, sondern nur an die Partei und chre Stellung, können deshalb nicht vor der Kritik der neuen Jugend, und vor allem der katholischen Jugend bestehen.
Don den radikalen Parteien bemühen sich in unserer Gegend am stärksten die Nationalsozialisten um die Jugend. Besonders am Wochenend ziehen ihre bezahlten Agitatoren auf die Dörfer und halten dort Versammlungen ab. Da man dort oft politisch nicht sehr gut geschult ist, braucht man in der Wahl der Agitationsmethoden nicht vorsichtig zu fein. Was da erzählt wird, hat mit der notwendigen politischen Aufklärungsarbeit wirklich nichts zu tun. Es dürfte bald Zeit sein, diese Art „Politik" zu treiben, beim richtigen Namen zu nennen. Don dem für die Beteiligten anscheinend „verdienstvollen" Betrieb, muh die Jugend mit aller Schärfe abrücken. Den bezahlten Agitatoren in Versammlungen entgegenzutreten, ist vorläufig unnütz und unangebracht. Aber durch planmäßige Aufklärungsarbeit von Mund zu Mund und politisch?
Schweizer-Fahrt.
3]
Aus dem Tagebuche eines Fuldaer Wanderburschen.
l' 15. August. Schon recht früh verzichten wir gern auf die Ruhe. Sie paßt uns nicht zu dem Tag, dem Feste Mariä-Himmelfahrt. Wie frisch ist es in den tau- feuchten Wiesen. Die „Drei-Mythen" im Morgenlichte bieten uns den ersten Gruß. Bald finden wir eine Anne Quelle, die uns das notwendige Wasser gibt. Auch der Bart ist lang geworden, Feiertag und noch schöne Zeit zum Rasieren. Da steht ja ein Wagen zum Aufstellen von Spiegel und Wassertopf. Gleich ift’s Ssschehen, und um 6 Uhr erfüllen mir im Kloster unsere veiertagspflicht.
Nun sind wir wieder ganze Menschen. Wir gehen SUm See und erwarten den Dampfer, die nahen Berg- tiefen mit ihren Schnee bedeckten Kuppen bewundernd.
■ Die Fahrt.beginnt. Brunnen gegenüber ein aus dem ’ Hasser ragender Felsblock, früher Mythenstein genannt, *e5t „Dem Sänger Teils gewidmet". Rechts oben auf 6er Höhe die Rütli-Wiefe, deren taufrisches Gras sich 8egen die vereinzelten dunklen Tannen des Seeufers grell abhebt. — „Still lächelt der See". —
!. Wir sinnen und fühlen mit, was der Dichter diesem °lnsamen Fleckchen Erde abgelauscht. Hohe Felsenufer Umsäumen den See. Zuweilen werden sie von reißenden, schaumenden Bergbächen bespült, deren idyllische Schluch- cn uns für kurze Augenblicke ausschauen lassen auf |8tüne Matten und herrliche Bergpartien. —
M: Drüben am steilen vorragenden Felsen, der von der kenstrahe durchbohrt ist, die Tellsplatte mit der Tells- rapelle.
WllFlüelen. Wir besteigen die Bundesbahn nach .."schenen. Mit unerwarteter Geschwindigkeit zieht uns Elektrische Lokomotive das Tal der Reuß hinauf. Die ^7lnofd)Qft5bUber wechseln von Minute zu Minute, lassen. In dreimaligen fast kreisförmigen Win- mgen schraubt sich die Bahn in die Höhe, so daß wir Kirchlein von Massen dreimal umfahren, jedes* *
l in einer anderen Höhenlage zu uns. Gewiß ein •ftettoert der Technik!
Schulung in den Vereinen kann verhütet werden, daß die politisch noch ungeschulte Jugend (von den Alten wollen mir gar nicht reden) unserer Heimat der Verhetzung zum Opfer fällt und für die Zwecke der nationalsozialistischen „Berufspolitiker" eingefangen wird. Hüten wir uns, den Methoden der Radikalen irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Wenn wir di« heute gebräuchlichen unfairen Mittel in der Politik nicht anwenden, verzichten wir vielleicht auf einen Augenblickserfolg z. B. ein gutes Wahlergebnis, auf die Dauer wird sich aber auch heute noch nur das innerlich Wertvolle uni) Gesund« durchsetzen. Katholische Jugend hat im deutschen Volk die große Ausgabe, sich mitten durch Verhetzung und Parteipolitik zu einer verantwortungs- vollen und im wahrsten Sinne nationalen Staatspolitik durchzuringen. Sorgen nur dafür, daß wir dieser Aufgabe gewachsen sind. W i r werden es fchaffen, wenn unser ganzes Handeln letzten Endes aus einer tief re* Itgiöfen und gläubigen Haltung entspringt. Nur wenn wir gläubige Christen sind — keine Taufschein- und Gewohnheitskatholiken — werden wir unseren Mann stellen können und aus einem schweren Weg nicht zufammenbrechen. Sorgen wir deshalb dafür, daß in unseren Dörfern und Städten der Gei st der neuen katholischen Jugend lebendig wird. Dann können wir allen Versuchen von radikaler Seite ruhig entgegentreten. Dann ist das Austreten von Agitatoren nur der Anlaß, daß wir uns leichter bei den „Alten" durchsetzen.
Dann ist die reinliche Scheidung, die'überall kommen mutz, bald da. Denn aus den Reden der Agitatoren spürt man nicht den Geist, der allein unser Volk und das politische und wirtschaftliche Leben erneuern kann. Vom wahren Christentum als dessen Hüter sich auf den Dörfern z. B. die Nationalsozialisten kühn ausgeben, ist bei ihnen wenig zu merken. Wenn wir das sagen, so ist damit nicht einfach behauptet, das Christentum fei etwa allein beim Zentrum. Man kann höchstens fragen, wo ist die Möglichkeit gegeben, die Grundsätze des Christentums im öffentlichen Leben entschiedener durchzusetzen? Und da kann die Antwort nur lauten: in der Partei, die sich seit ihrer Gründung nach Kräften für die Erhaltung des Christentums' eingesetzt hat. Die lebendigen Teile der katholischen Jugend haben deshalb auch immer in chrer großen Mehrheit wieder ihre B e- reitschaft zur Mitarbeit in der Zentrumspartei erklärt, sie bietet die beste Chance, daß auch im politischen Leben mit dem Christentum Ernst gemacht wird. Komme keiner mit der abgeleierten Phrase, Politik habe mit Religion nichts zu tun. Das ist ja gerade das Unglück unserer Zeit, daß man di« einzelnen Lebensbereiche, Politik, Wirtschaft .Kunst, von der Religion isoliert hat. Der moderne Kacholik muß wieder versuchen, aus seiner religiösen Ueberzeugung heraus das Leben zu gestalten Die neue Jugend hat dazu den besten Willen. Auf dem Gebiet der Politik will sie deshalb in der Zentrumspartei mitarbeiten und suchte sie zu ihrem Instrument zu machen, weil sie nach ihrer Tradition diesem Willen am ehesten entgegenkommt. Man braucht nicht mit dem Zentrum in allen Stücken einverstanden zu
sein und mag meinetwegen Vorkommnisse und Persönlichkeiten in der Partei verurteilen: Die Erkenntnis von dem Wert und der Notwendigkeit der Zentrumspartei macht aber aus den Führern der bewußt katholi- fchen Jugend die aufrechtesten Kämpfer für das politisch« Zentrum und den Neubau dieser Partei.
So steht die kacholische Jugend in ihrer übergroßen Mehrzahl zur Partei. Mit Genugtuung hat sie besonders die Haltung des Zentrums bei den letzten politischen Ereignissen beobachtet. Bei ihr ist der Wille ZU einer wahrhaft christlichen und nationalen Staatspolitik am stärksten und die Fähigkeit zur Handhabung des politischen Apparates erfreulich groß. Aufgabe der jungen katholisechn Generation ist es, dafür zu sorgen, daß die Partei auf dem jetzt eingeschlagenen Weg zielstrebig weitergcht und die hemmenden Elemente schonend ausschaltet. T.
Die Siedlungsfahrt
katholischer Jungbauern nach Mecklenburg.
Aloys Seyock, der Führer der katholischen Jungbauern im Jugend- und Jungmänneroerband veranstaltet bekanntlich in der Pfingstwoche eine Siedlungsfahrt nach den kacholischen Siedlungsdörfern in Mecklenburg. An ihr können sich 100 Jungbauern beteiligen um Aufklärung über die Siedlungsmöglichkeiten zu erhalten. Die Fahrt beginnt am 6. Juni in Münster i. W. und ist am 15. Juni beendet. Sie führt über Berlin, wo die Teilnehmer auch Gelegenheit haben, das katholische Leben in der Großstadt kennen zu lernen. Die Kosten für die eigentliche Siedlungssahrt betragen insgesamt 70 Mk. hinzu kommt noch der Fahrpreis für die Hin- und Rückfahrt nach und von Münster. Eine wesentliche Verbilligung könnte unter Umständen eintreten, wenn sich 10 Teilnehmer aus dem Fuldaer Lande zusammen fänden, da man dann Fahrpreisermäßigung nach Münster beantragen könnte. An der Fahrt wird als Gast auch der Schriftleiter des Jugendblattes teilnehmen. Anmeldungen müssen umgehend an Kuratus Kind- Marborn erfolgen. Vielleicht ist es dem einen oder anderen Interessierten möglich, nach irgendwoher einen Zuschuß zu erhalten, so daß er sich anschließen kann. Unter Umständen gibt auch der Diözesanverband der Jungmännervereine noch einen kleinen Zuschuß. Die Fahrt verspricht für jeden Teilnehmer ein Ereignis zu werden. Die Ostsiedlung ist die Ausgabe unseres Volks. Nur durch sie kann die Ueberflutung der bedrohten Ostgrenzen verhütet und der Arbeitsmarkt im Westen entlastet werden. Ein mit der Scholle verwachsenes Bauerntum muß auch in Osten wachsen. Vielleicht haben daran die Großgrundbesitzer des Ostens und die Sozialisten der Großstädte kein Interesse. Aber unser Land braucht die Ostsiedlung und gerade das katholische Bauerntum des Westens hat hier ein großes Ausgaben- und Arbeitsgebiet. Katholische Jungbauern, di« Ihr vorwärtskommen wollt und Tatkraft besitzt, bentt deshalb an die Siedlungsfrage. In der Oeffent- lichkeit hört man von chr wenig; sie ist ja auch nicht durch Reden zu lösen, sondern durch harte Arbeit und gegen den Widerstand mancher einflußreichen Kreise rechts und links.
Jugend und Frauenbewegung.
Es hat keinen Zweck, Gegnern die tieferen Grunde einer großen Kulturbewegung darzulegen, deren zwingende Kraft ihnen doch nicht aufgeht. Wohl aber hat es einen Zweck, daß mir jungen Menschen uns von Zeit zu Zeit Rechenschaft darüber geben, was die Bewegung, in die wir seit Schule und Beruf hineingewachsen sind, die uns für unser Leben erst das Fundament bereitete, die Frauenbewegung, eigentlich will — und was wir ihr schuldig sind. Nur so können wir sie bewußt beeinflussen, nur so ihre Grenzen und Maßnahmen richtig beurteilen.
Es ist nicht schwer, eine knappe Formel für ihre Ziele zu finden. Die Frauenbewegung will die äußere Stellung der Frau sowohl im Volksleben wie auch in der Familie den ungeheuren sozialen Veränderungen anpassen, die das letzte Jahrhundert uns gebracht hat. Sie will deshalb d i« Frau einerseits zu innerer und äußerer Selbständigkeit fähig machen und sie andererseits in den Dienst der Aufgabe stellen, die die Wohlfahrt des Ganzen
auch ihr auferlegt, und die ohne ihre Mithilfe garnicht geleistet werden kann.
Mit dieser formalen Begriffsbestimmung ist nun freilich nicht viel gesagt. Es gilt, sie mit einem Inhalt zu füllen. Sie führt uns mit der Kennzeichnung der Doppelaufgabe, um die es sich handelt, mitten hinein in den Konflikt, der unser ganzes modernes Leben beherrscht: es verlangt Freiheit, d. h. Stärkung der persönlichen Selbständigkeit, Entfaltung individuelle: Kräfte, Fähigkeit zum Führen — und dann wieder di« Unterordnung dieser Kräfte unter die Ziele und Zwecke, die Kulturaufgaben des ganzen Volkes, die Ueberwindung aller einseitigen Jnteressenpolitik zur Erfüllung der gemeinsamen nationalen Aufgabe. Und immer wieder erhobt sich die Frage, wo da die Grenze zu ziehen ist, wie weit die Entwicklung der eigenen Per- fönlichkeit gehen muß und gehen darf im Interesse des Ganzen Und so ist dann die Frauenbewegung nur ein Ausschnitt der großen geistigen Bewegung „Entwicklung", in der die Menschen, in der auch unser Volk zum Anspruch auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung erzogen worden ist Zu Selbstbestimmung nicht nur im
Göschenen. Mit der Schöllenen-Bahn nach An- bermatt ins eigentliche Hochgebirge. Sie roinbet sich an steilen Felswänben entlang, balb hinter biefen, bald unter künstlichem Dache vor drohenden Lawinen Schutz suchend. Uns fast parallel läuft die Paßstraße des Furka-Gebirges. Die Landfchaftsbilder des St. Gotthard fesseln uns ungemein, bis uns ein Tunnel die Aussicht versperrt. Sofort hinter dem Tunnel die Teufelsbrücke, die Paßstraße von einer Felswand zur anderen hinüberführend, das schmale tiefe Tal der Reuß überquerend. Das Wasser tost, schäumt und spritzt bis zu uns hinaus.
Vor uns auf grüner Au Andermal t. Wir steigen um und fahren mit der Furka-Bahn durch eine idyllische Talebene. Alpenveilchen und Alpenröschen umsäumen das Ufer des nunmehr ruhig dahinplätschernden Bergbaches. Zu beiden Seiten herrliche freie Ausblicke, immer klarer und deutlicher auf Bergspitzen und Schneemassen, die in der grellen Mittagssonne glitzernd aufleuchten. Noch ein letztes Tunnel und wir haben unser Ziel soweit erreicht. —
Wir wandern die Paßstraße auswärts und nach der dritten Kurve stehen wir plötzlich vor dem Rhone- gletscher, der sich scheu hinter dem Felsen verborgen hatte. Eine ungeheuere Eismasse, 10,Kilometer lang, von der Gletschermilch bespült. Eine Bergpartie für sich mit seinen tiefen Spalten und feiner verrunzelten Oberfläche. Die obere Schneeschicht ist abgeschmolzen, so daß wir mit wenig Gefahr den Gletscher betreten können. Wir springen von Eisblock zu Eisblock über die bis zu 40 Meter tiefen Spalten, die mit ihrem grünen blauen Schneewasser uns verlockend reizen. Bald stehen mir auf einem Eisblock, einem Dreifant, der einer Insel gleich einem Kahn im See hin und herwogt. Bald darauf klettern wir auf allen Vieren auf die gegenüber« liegende kleine Anhöhe. Vor uns das weite Rhonetal, an dessen Wiege die ungeheuere Eismasse, der Gletscher. Auf der anderen Seite Schnee bedeckte Felsenhöhen.
Zur schönen Sommerzeit mitten auf weiten Schnee- und Eisfeldern! Nur noch halbverwelktes Moos bedeckt den Boden während ein Edelweißblümlein verstohlen hinter dem Felsblock hervorlugt, mit uns den Schöpfer preisend ob der Fülle zu unseren Füßen, ob
des Zaubers der Bergwelt. Jetzt verstehe ich den Knaben Tells, der seinen Vater fragt: „Gibt's Länder, Vater, wv nicht Berge sind?" Diese Berge weisen und führen zur Höhe, wa jener wohnt, der da mächtig ist, in dessen Vaterhänden unser Schicksal ruht. Nun weiß man auch, wie es kommt, daß die Berge immer wieder so mächtig die Menschen anlocken. Je höher der Berg, um so größer die Opfer, die Mühen; aber auch um so erfreuender das erreichte Ziel. . .
Es fröstelt uns. Wir steigen ab. Schwer finden wir den alten Weg. Die Sonne verschwindet hinter vereinzelten Wolken, sichtbaren Schatten hinterlassend.
Wir fahren in Andermatt ein, da entlädt sich über uns ein schweres Gewitter. Ein Gewitter in den Bergen! Blitze zucken um die Bergspitzen, der Donner rollt. Vierfaches, fünffaches Echo; dicke schwarze Wolken ziehen über die Berge in unseren Talkessel. Der Regen prasselt an die Fensterscheiben unseres Wagens. Der noch vor kurzem so klare Ausblick ist gänzlich verschwunden. Die grauen, vom dreckigen Regenwasser bespülten Felswände stimmen so recht zum ganzen Naturereignis. Ein eintöniges Landschaftsbild: Kahle Felsen, darüber düstere Gewitterwolken und im Tale der gelblich schäumende Fluß, vom Regen angeschwellt. —
Wir kommen wieder an den See, merken fast nichts mehr von Gewitter und Regen, das gleichliebliche Landschaftsbild wie am frühen Morgen; jetzt nur im Schatten der Abendsonne. Einige Bergflüsse allerdings spülen ihre schlammigen Wasser in den sonst spiegelklaren See. Am westlichen Himmel ein glühend roter Streifen der untergebenben Abendsonne, hinter uns in den Bergen unheimliches Wetterleuchten, dabei silhouettenhaftes Aufleuchten der von uns besuchten Bergriesen des St. Gotthardt.
17. August. Erdrückend heiß. Ganz erhitzt lagern wir in den Mittagsstunden unter einem kühlen Baum am Wegrande. Ein Kramhändler begegnet uns. Der Typ eines echten Schweizers. Wir erkundigen uns nach dem Weg bis St. Gallen. Die Auskunft ist mehr als ausführlich und genau. Sodann sprechen mir von unserer Reise, von der Schweiz. Hier zeigt sich so recht der Schweizer, der Patriot. Er rühmt die freie Schweiz,
privaten, sondern auch im staatlichen u. sozialen Leben. Aus willenlosen Untertanen des absolutistischen Staates sind freie Bürger geworden, ine sich chre politischen Geschicke selbst schaffen. Das ist das Werk des 19. Jahrhundert gewesen. Und dic Aufgabe, die schon am Schluß des Jahrhunderts einsetzte und die unser Jahrhundert zu erfüllen haben wird, ist, dem zum Selbstgefühl erwachten Bürger wieder mit dem Gemeingefühl zu durchdringen, mit dem Bewußtsein seiner sozialen Verantwortlichkeit, damit er seinen Weg nicht im Gegensatz zum Wohl und zu den Zielen der Gesamtheit, sondern in der Uebereinstimmunz damit sucht.
Dieselbe Entwicklung machen heute die Frauen als Gesamtheit durch. Als eine unabweisbare Forderung haben sie es zunächst empfunden, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, die schlummernden Kräfte zu entfalten, von denen sie die dumpfe Empsiw düng hatten, daß sie ein größeres Feld zu füllen oer- möchten, etwas Eigenes in weiterem Umfang zu leisten imstande wären. Ibsen hatte tief in die Seele bei neuen Frau hineingeleuchtet, wenn er feine Dina Do« in „Die Stützen der Gesellschaft" sagen läßt: „Zuerst will ich arbeiten, selber etwas werden ... Ich wül keine Sache sein, die man einfach an sich nimmt." Urb wenn er in Nora diesen neuen Trieb der Frau, selbst etwas sein zu wollen, nicht eben ganz psychologisch über den Mutterinstinkt den Sieg davon tragen läßt, so wird das dem tieferen Blick doch wieder eine psychologische Wahrheit. Sie beiden Aufgaben der Mutter- schäft: selbst etwas zu sein, um das Dienen und Opfern im richtigen Sinne leisten zu können, das ist nur ein anderer Ausdruck für das, was Goethe meint, wenn er sagt, die beste Mutter fei die, die den Kindern zur Not auch den Vater ersetzen könne. Und di« große Aufgabe, die unsere Zeit den Frauen stellt, ist die gleiche für die Gesamtheit: Macht etwas aus euch, macht euch fähig, die Führerschaft auf den Gebieten zu übernehmen, die eurer harren, die gerade eurer Hand bedürfen, um Früchte zu tragen, und dann stellt euch in den Dienst der Gedanken, die wir verkörpern, der Menschen, dis eurer bedürfen.
Befreien und binden
das ist die Doppelaufgabe, die die Frauenbewegung an uns vollzogen hat und noch weiter an uns vollziehen wird. Und wenn in chrer ersten Phase der Nachdruck auf dem Befreien lag, weil es erst galt, aus den Frauen etwas zu machen, was sie den neuen Aufgaben, die die Zeit ihnen stellte, in der Tat gewachsen sein ließ, so muß sie jetzt umso mehr den Nachdruck aiuf das Binden legen. Alle dis neuen Berufsmöglichkeiten, die sich ihnen erschlossen, die Bildungsmöglichkeiten, die sich ihnen aufgetan haben, sind ebenso viele Verpflichtungen, Verpflichtungen einerseits zum nachdrücklichsten Ernst der Berussaus- übung, um in ihm gerade das Besondere des Frauenkönnens zum Ausdruck zu bringen — eine Aufgabe, die sich nur der Vertiefung erschließt, Verpflichtungen andererseits, dieses Frauenkönnen in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet.
Wer die Befreiung, die Erschließung neuer Bit- dungs- und Wirkensmöglichkeiten nur benutzt, um für sich etwas zu gewinnen, für den sind Dienen wie Führen leere Worte Leere Worte in dem Sinne, in dem wir fie auffaffen. Er steht sozial im leeren Raum. Uns aber bezeichnen diese beiden Worte die beiden Gegenpole sozialer Betätigung. Sie ergänzen und bedingen einander. Nur wer dem Dienst einer Sache gelebt t>at, kann uns die Sicherheit geben, daß er als Führer der Sache nicht feine persönliche Befriedigung auf Softer seiner sozialen Verantwortlichkeit suchen wird.
Nur dann werden wir sicher sein können, daß auf dem Gebiet der sozialen Arbeit, auf dem die groß« Zukunft der Frau liegt, auch tatsächlich ihr« tief' tnnerften Instinkte und Ueberzxugungen zum Ausdruck kommen werden. Wenn auf einem Gebiet so ist aus diesem die Doppelforderung: Führen und Dienen, die heute an die Frau herangetreten ist, eng verschmolzen. Nur langsam, in organischem Wachsen und Werden, können sich hier die Dinge gestalten. Vorläufig handel! es sich darum, im Sinne des Schleiermacherschen Wortes zu handeln: „Dafür ist das Zeitalter noch nicht reif, sagen sie immer . . . Was noch nicht sein kann- muß wenigstens immer im Werden bleiben . ."
Lucie Leßnau.
Verantwortlich für „Das Blatt der Jugend": Dr. oec. publ. Joseph Sauer- Fulda. ______________
ihre Verfassung, seine Heimat und sein Volk. Er hat auch Deutschland bereift, kennt Bayern und Baden; aber die Schweiz ist schöner. Ihre Verfassung ist für viele Länder vorbildlich geworden. Er erzählt von der Bundesverfaffung, nennt die einzelnen Kantone, deren Aufgabe, Rechte und Pflichten. Wir sprechen vom Weltkrieg, staunen über fein Wissen und seine guten Ansichten. Aber trotzalledem die Schweiz ist für ihn „das schönste Land der Erde". Sein Wesen war freund- lief). Er hielt fest an seiner Meinung. Tagsüber mußte ich noch des öfteren an ihn denken, weil diese Erschei- nung so viele Erinnerungen wachrief an ähnliche Fälle.
Dies war der Anlaß, daß ich bald darauf, als wir steil bergab fuhren, in einer starken Kurve einen gefährlichen Salto schlug, weil ich mehr an den Schweizer dachte, als auf mein Rad achtete. Zum Glück kam ich mit einigen Schrammen davon.
*
Nun habe ich m#in Tagebuch geschlossen, nicht als ob es an Aufzeichnungen fehlte, nein, ich will nur noch kurz den Verlauf der Rückfahrt anbeuten. Vor allem ließe sich noch vieles sagen über die alte, berühmte De- nediktinerabtei St. Gallen, die ein Opfer der Säkularisation wurde, deren Gebäude aber noch von dem Glanze vergangener Zeiten Zeugnis geben. Bevor wir über die Grenze fahren, holen wir uns die 20 Mark ab, die wir für unser Fahrrad hatten hinterlegen müssen. Damit werden wir sicher nach Hause kommen. Der Bodensee ist doch ein ungeheures Wasserbecken und außerordentlich schon die Fahrt mit dem Dampfer, der uns nach Lindau bringt. Friedrichshafen. Leider ist „Graf Zeppelin" auf feiner Weltreise. Meersburg, Ueberlingen, bann ins Donautal mit einem Besuch des bekannten Lenediktiner- klosters Beuron. Unsere Föhn hat sich in die Länge gezogen, wir sind mich müde. Da uns das Geld für die Bahnfahrt noch reicht, fahren wir kurz entschlossen über Stuttgart nach Frankfurt. Hier trennen wir uns.
Zu Hause aber werden wir freudig empfangen: Gott sei Dank sagt die Mutter, daß alles glücklich verlaufen ist. Alle wollen etwas von uns hören. Wir erzählen von der schonen weiten Welt und freuen uns, — daß wir wieder in der Heimat sind. B. W. F.