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Ar. 103

Beilage zur Fuldaer Aeikuug

4. Mai

Im Mai.

schmolz der Blütenschnee schon der Mangolien, (UI strahlt, wie Kerzen leuchtend, andre Pracht; Manch Beet ist mm kastanienüberdacht

llnb Dust vergeuden bald die Zentifolien.

«n „euer Tracht die alten Baumesriesen, Uni» alle Gärten prunken feenhaft;

In jedem Strauche treibend quillt der Saft, Der Blümlein weicher Teppich sind die Wiesen.

Die üppig prangt in Violett der Flieder, Der blütenschwer zur Erde niederMlt! — In MeMeicherzen regt sich, lustgeschwellt llnd schönheitstrunken, altes Sehnen wieder . . .

Das ist die Zeit, die wir so gern erwarten, In der der Lenz den Höhepunkt erreicht:

Der Wonnemonat, dem kein andrer gleicht

AnGlanz und Dust und holdem Frühlingszarten.

Jo L i m b a ch.

M Falsche Maßstäbe.

Alle Dinge gereichen uns zur Freude oder zum Leide. Gleichgültig lassen uns die wenigsten. Eigentümlich cher ist, wie wenige Menschen den richtigen M aß- »ab für die Bedeutung der auf sie «instürmenden Dinge tefitzen. Derjenige Mensch, der sich über Kleinigkeiten, wie man sagt, schwarz ärgert, ist vielleicht imstande, große Hebel mit Gleichmut und Gelassenheit zu tragen. Einer, der sich über jeden kleinen Verlust grämt, gibt leichten Herzens Hunderte und Tausende auf: macht je» mmd einen Angriff auf sein Portemonnaie, so wird er mangenehm, aber von seinem Bankkonto läßt er ruhig ein paar hundert Mark abschreiben. Das letzte Beispiel gibt uns einen Anhalt, um das Rätsel dieser seltsamen Einstellung zu lösen. Es kommt nicht aus die absolute Bedeutung an, die ein Ereignis für uns hat, sondern auf die Zusammenhänge, in denen wir es Men. Die Zahlung, die ein Mann aus seinem Por- iemonnaie leistet, betrachtet er im Verhältnis zu dem oielleicht nur bescheidenen Inhalt seines Portemonnaies. Die Abschreibung von seinem Bankkonto aber bemißt er mmllkiirlich nach dem Verhältnis, in dem sie zu seinem tzosamtguthaben steht. Und so verhält es sich auch mit

Dingen, die nicht Geldeswert haben. Einen wenn auch geringfügigen Angriff auf feine Berufstüchtigkeit wird ein Mann entrüsteter zurückweisen, als einen schweren Angriff gegen seine Lehensgewohnheiten; denn jenen sieht er im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Existenz und seinem Wirken, diesen steht er nicht im Zusammenhang damit, selbst wenn seine Lebensgewohn- heitm sein Wirken indirekt aus das verhängnisvollste beeinflussen. Ober wir setzen uns an den Tisch in der Erwartung eines guten Essens. Die Suppe ist vielleicht nicht ganz geraten — der Aerger bricht aus. Wo wir jedoch von vornherein nicht viel erwarten, vielleicht beim Abkochen auf freiem Felde, kommt fein Aerger auf, selbst wenn das ganze Essen ungenießbar ist. Eine Sicherung brennt durch, wir sitzen eine halbe Stunde im Dunklen — der Aerger ist groß; zumal drüben der Nachbar beim schönsten Lampenlicht sitzt. Aber sieh da, nun geht in allen Häusern auf einmal das Licht aus, vielleicht für mehrere Stunden, sofort hört der Aerger auf, das Gleichgewicht ist innen wie außen hergestellt. Und bei Glücksfällen ist es nichts anders: der Haupt­gewinn in der Tombola, auch wenn es nur eine silberne Uhr ist, macht uns zum Helden des Tages, wenn wir dagegen in der Klassenlotterie, in der Hunderttausend« winken, mit 200 Mark herauskommen, dann sind wir aber geneigt, uns zu ärgern, als uns zu freuen. Die Dinge sind, was wir in den gerade gegebenen Zusam­menhängen aus ihnen machen.

Ideal ist dieser Zustand nicht, denn er macht uns vielfach zu Sklaven des Augenblicks und der im Augen­blick sich Wichtigkeit anmaßenden Weinigkeiten. Wir müssen uns angewöhnen, di« Dinge auf ihre absolute Bedeutung hin anzusehen. Eine verunglückte Arbeit dürfen wir nicht in Vergleich zu der für sie geleisteten, jetzt nutzlosen Anstrengung setzen, sondern in Vergleich zu unserer Lebensarbeit überhaupt. Unser Leben als Ganzes, nicht zuletzt in Verbindung mit feinen letzten Zielen, muß uns vor Augen stehen, nicht nur der ein­zelne Tag, die Stunde oder gar der Augenblick.

Der Augenblick ist dir nicht freunb, Die Stunde bricht, was sie verspricht. Der T a g dir ost vergebens scheint. Das Jahr wird dich nicht ganz betrügen, Im Leben wirst du endlichen siegen.

3. E.

gefolgt und zu der ersten Aufführung gedichtet. Diese erste Fassung hatte den Schluß:

Nur einen Wunsch, wenn es herniederschaut: Doch jetzt empfindet sein verklärtes Wesen O möge doch den Heilgen, letzten Willen Das Vaterland vernehmen und erfüllen!

Dieser Schluß verlieh Schillers größter Sorge dichteri­schen Ausdruck, nämlich der Sorge um die Existenz sei­ner Familie. So fordert hier Goeche deutlich zu einer Unterstützung der Hinterbliebenen Schillers auf. Wir werden noch sehen, wie Goethe in einer größeren ge­planten Dichtung dem deutschen Volke diesen Liebes­dienst hatte ans Herz legen wollen. Erst für die Wie- decholungen der ®ebenffeierr in den Jahren 1810 und 1815 wurde dem Gedicht die heute gebräuchlichste Fas­sung gegeben.

Daß Goethe ursprünglich eine weit größere Gedenk­feier plante, läßt sich aus seinem Briese an Fr. Aug. Wolf vom 5. Ian. 1806 erschließen: „Meine schönen Lauchstädter Vorsätze sind freilich sehr ins Stocken und Stecken geraten, woran der musikalische Freund wohl die größte Schuld hat. Ich habe die Glocke hier noch nicht einmal aufgeführt, geschweige jenes Besprochene. Vielleicht gelingt es für Lauchstädt, denn es ist wohl bil­lig, das Andenken eines solchen Freundes mehr als einmal zu feiern". An den musikalischen Freund Zelter hatte Goethe schon am 4. August 1805 wegen dessen Mitwirkung geschrieben und dabei auf seinen Plan näher hingewiesen: „Sodann hoffe ich, das artbere Ge­dicht wenigstens im Schema, zu senden, bas alsdann zum 10. November zur Feier des Geburtstages un­seres Freunde könnte gegeben werden." Doch scheint Goethe über skizzenhafte Anfänge nicht hinausgekom- men zu fein, und die Blätter, die sich in seinem Nach­laß fanden, enthalten wohl alles, was der Dichter über­haupt niedergeschrieben hat.

Die erhaltene Handschrift weist drei Stadien auf. Während das erste Einzelblatt nur zwei kurze Ent­würfe zum Ganzen enthält, weist das zweite die Stich­worte zu zehn Szenen auf, die sich über vier Akte ver­teilen. Beigefügt fft eine zeichnerische Veranschaulichung des Ganzen. Das umfangreichere dritte Schriftstück be­steht aus 12 Blättern, die Ansätze zu Ausführungen der zehn Austritte enthalten. Der Umschlag trägt die Auf­schrift „Schillers Totenfeyer".

Zu Beginn sollten Ehöre, die aus Schillerschen Ge­stalten gebildet werden, auf die Bühne treten. Da ste­hen denn die Bergbewohner aus „Teil", jüngere Krie­ger aus „Wallenstein" sollten sich anschließen; die Stu­dierenden charakterffieren so wunderbar Schillers un­beugsame Willenskraft, wenn sie singen:

Seine durchgewachten Nächte Haben unfern Tag gehellt.

„Zur Idee erhoben" nennt Goethe die jugendlichen Ge­stallen und kennzeichnet so treffend die Art Schillers, seine Gestalten zu bilden. Dann folgen die Handwer­ker aus der „Glocke". Unter den Frauen ragen her­vor Thekla urtb Bertha, Gertrud Stauffacher und Hed­wig Teil. Auch der alte Attinghausen fehlt nicht; fein Platz ist unter den Greisen, „die freudig in bas kom­mende Jahrhundert hineinschauen": auch eine Verkörpe­rung von Schillers Idealismus. Hätte dieser Plan seine Verwirklichung erlebt, bann wäre ein überwältigendes Bild von Schillers starker Gestaltungskraft auf der Bühne erstanden. In diesen rauschenden Rhythmus dichterischen Schauens treten zwei stille Gäste: Thanatos und Hypnos (Tod und Schlaf). Wir wissen, daß Goeche Lessings Abhandlung „Wie di« Alten den Tob gebil­det" mit Begeisterung gelesen hat, und so kann man annehmen ,baß er entsprechend der antiken Vorstellung den Tod des schönen, aber stillen und ernsten Jüng­lings auftreten laessn wollte. In einem Dialog zwischen Tod und „Jüngling, Mädchen, Mann, Greis" wären bann die alten Totentanzmotive auf Gestalten aus der Dichtung Schillers angewandt worden: ein Plan von der größten Wirkung! Da flehen die Gestalten Schil­lers um das Leben ihres Schöpfers. Umsonst! Tha- natos bleibt hart; er sendet den Schlaf weg und tritt feine Herrschaft an. Es erscheint die Gattin Schillers mit ihren Kindern: „Sich und die Kinder darstellend

ist genug gesagt". Wie aus den kurzen Bruchstücken zu ersehen fft, weist sie auf bas Werk ihres Gatten hin:

Alles ist das Werk des Gatten, Was von Leben uns umgibt, und fügt Klagen über die Hilflosigkeit der Zurückge­bliebenen hinzu. Nur einen Trost hat der unerbittliche Tod: daß der große Tote solche Werke fchaffen konnte, hat er nur der Kraft zu danken, die von der treuen Liebe der Gattin ausging. Still tritt die Gattin mit den Kirchern zur Seite, und der „Freund und älteres Chor": Goethe, Karl, August und Körner, stimmen Ihre Wagen an um den toten Freund. Nun ist niemand mehr da, der mit hohem Geistesflug sie ins Reich des Idealen erhebt:

Wer reicht uns die Hand beim Sinken ins Real«?

Wer gibt so hohe (Babe?

Wer nimmt so freundlich an, was ich zu geben habe? Sie, die den Toten gefördert haben, brauchen nicht zu flogen:

Kamst du aber dem Regen

Tätig entgegen.

Widerstrebtest du nicht seinem Zug, Lähmtest du nicht seinen Flug Durch Willkür und Laune,

So danke dir selbst für dein Glück!

Es ist vorüber, cs kommt nicht zurück.

Die Klagen verstummen, das Baterland tritt auf. Es sucht zu künden, was chm Schiller war. Wer hart ruft chm der Tod entgegen:

Von deinen Schildern darf das Rad allein,

Es darf allein der Rautenkranz sich zeigen.

Nur Mainz (Rad), wo Dalberg als Erster Schiller för­derte, urtb Sachsen-Weimar (Rautenkranz), wo Karl August dem Dichter eine Heimat bereitete, dürfen in dieser ernsten Stunde klagen; die anderen haben seine dichterffche Sendung nicht unterstützt. Mögen sie an Schillers Nachkommen gutmachen, was sie zu Lebzei­ten des Totenversäumt haben! Nur die Dichtung darf heute sprechen, beim sie hat das Meffte verloren. Die Trauer wandelt sich in Verklärung. Das Wort „Nänre" weist auf Schillers Gedicht:

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,

Nicht die eherne Brust rührt es des stygffchen Zeus.

Und die Wage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe, da meinen die Götter, es meinen die Göt­tinnen alle.

Daß bas Schöne vergeht, daß bas Vollkommene stirbt.

Auch ein Klaglieb zu sein im Mund ber Geliebten, fft herrlich.

Doch das Gemein« geht klanglos zum Orkus hinab. Dann sollte das Vaterland noch einmal auftreten, aber aus ber Anordnung ergibt sich, baß es ein anderes fein sollte als jenes, das für den Toten kaum den nötigsten Unterhalt übrig gehabt hatte. Brausend und jubelnd setzt bann als prachtvoller Schluß das Magnifikat ein, das alle Worte und Klänge ber Dichtung zu einem mächtigen Finale zusammenfaßt unb zum Ewigen er­hebt.

Daß biefer großartige Plan nicht ausgeführt wurde, hat nur Zelters allzu geringes musikalisches Können

Trauernde Mutter.

Bebend breit' ich meine Hände in die Nacht —

Aus ber Tiefe des Gemaches mir ein Kind entgegenlacht:

Blaue Augen, Perlenzähnchen, um bas Köpfchen blonder Flaum —

Nie vergeß' ich diesen süßen, wundervollen Traum!

Als der Morgen kam gegangen, war mein Kindlein fort.

In der Lust verhallte zitternd meiner Sehnsucht Wort —

Und aus blassem Dämmer sah ber Tag mich an

Wie verwundert, baß ich weinend ihn begann.

Karoline Hauch-Hochgründler.

„Schillers Totenfeier".

Zum 125. Todestage des

Don Dr. Willi

• Am 3. Januar 1791 befiel Schiller zu Erfurt, wo er ta Koadjutor Karl von Dalberg einen Besuch gemacht tate, ein heftiges Katarrhfieber. Es war ber Anfang kr schleichenden Krankheit, die den von ftärfftem Willen Malte» Körper des Dichters allzufrüh aufrieb. Die » Besitz des Goeche und Schiller-Archivs befindlichen fMefe Schillers an seinen Arzt Prof. Stark von Mai M ob bieten einen erschütternden Einblick in eine WWW Krankheitsgeschichte, die mit kurzen Unter» ^mchungen anhielt, bis am Donnerstag den 9. Mai 1805 *r Tod Erlösung brachte. In ber Nacht vom 11. bis W fand nach ber WeimarerSitte bie Beisetzung unwürdiger Stätte, bem sog. Kassengewölbe, statt.

hatte Schiller am 1. Mai zum letztenmal ge» In den Annalen von 1805 erzählt er: „An- , wagte ich mich aus, ich sand ihn im Begriff, Sdjaufpiet zu gehen, wovon ich chn nicht abhalten f*®*- Ein Mißbehagen hinderte mich, ihn zu be» •**”*! so schieden mir vor seiner Haustüre, um v Niemals wiederzusehen." Heinrich Voß, der Sohn l ^kannten Uebersetzers unb Hausgenosse Goethe, uns, wie niemanb es wagte, Goethe die Trauer- zu überbringen und wie er erst am nächsten ih (A*1 ®erbalten ber Dulpius bas Geschehene merkte. W «Wanken an den verlorenen Freund brachte er em» Tag zu.

Dichters am 9. Mai 1930.

Beils, Hünfeld.

Eine würdige Ehrung des teuren Toten war Goethes nächste Sorge. Die erste Gedenkfeier sand am 10. Au­gust 1805 auf dem Theater zu Lauchstädt statt Es wurden bie drei letzten Akte von „Maria Stuart" auf­geführt unb banach „Das Sieb von der Glocke" brama- tffiert aufgeführt. Anläßlich der Wiederholung dieser Feier im Jahre 1815 hat Goeche in einem Aufsatz „Zu Schillers und Jfflands Andenken" eine Beschreibung dieser Dramatisierung gegeben: „Die mannigfaltigen einzelnen Stellen warm unter die särnüiche Gesell­schaft, nach Maßgctoe des Alters, des Geschlechtes, ber Persönlichkeit und sonstigen Bestimuungen verteilt. Auch der mechanische Teil des Stückes tat eine gute Wirkung. Die ernste Werfftatt, ber glühende Ofen, die Rinne, wo­rin der feurige Bach herabrollt, das Derschwinben des- feiben in die Form, welche sogleich mit Kränzen, bie burch alle Hände laufen, geschmückt erscheint, das alles zusammen gibt dem Auge eine angenehme Unterhal­tung. Di« Glocke schwebt so hoch, daß die Muße an­ständig unter chr hervortreten kann, woraus denn ber bekannte Epilog, revidiert und mtt verändertem Schluffe, vorgetragen und dadurch auch dieser Vorstel­lung zu dem ewig werten Verfasser eine unmittelbare Beziehung gegeben ward." Der Epilog war auf die letzten Worte der Glocke „Friede sei chr erst Geläute!"

erzählte bann ohne Pause weiter: „Sie ge» t und lud mich zu einer Tanzveranstaltung, bie darauffolgenden Woche in ihrem Hause Der» . wollte. Bald schloffen mir Freundschaft mit» ./Hs wir eines Tages spazieren gingen, tra- bekannten Finanzmann De Gex, dm sie 7™te. Er lud uns zum Tee ein unb wir fuh- eyT3Tn Auto, bas in der Nähe wartete, zu chm. dann beim Tee saßen, trat ein schlankes Mäd- »ie eine Spanierin aussah, ins Zimmer; er , 3*”5 als Gabriele Engledue vor. Wir lachten -Bleichheit unseres Vornamens und sie erzählte . - daß ihre Mutter eine Engländerin gewesen ne selbst sich aber bie ganze Zett in Madrid t ?. dab«. Nun sei sie nach London gekommen, tt 41 Englische Sprache zu erlernen. Sie war einn 'rsimdwo in Essex gewesen, mar aber ( j. "ndoner Hotel übergefiebelt, da sie in den hlrr»1 na<$ Madrid zurückkehren mollle. Sie gut, auch Herr De Gex war sehr nett .sch nahm seine Einladung an, in einigen b kn/1 dinieren. Meiner Mutter sagte tf6cft°n' i?cnn fürchtete, daß ihr meine neuen Kgr'"-1’ nicht angenehm fein könnten. Das Di» verlies angeregt, er führte uns nachher K* er und brachte uns alle drei nach Haufe.

. Das Glst.

Roman von William Le Oueux. I (Schluß.)

Abend des siebenten November hatte Dr un$ wich durch Frau Cullerton ^.Abendessen einlaben lasten, da erstere am 1 foHt ^ch Madrid abreifen sollte. Auch Herr lflef* rfi hwfammen, hieß es. Neuerlich mar weiner Mutter nicht zu fagen, wohin ES?'“j in die Stretton Street tarn, war Ga- schon dort und saß mit Herrn De Gex hl ff n Vchlwthek. Er sagte, daß er eben R UUerton telephonisch verständigt worben ■ "ne Frau nicht wohl fühle unb daß sie ba­

sier nicht kommen könnte. So setzten mir uns denn zu Tisch; es war außer uns nur noch ein Gast anwesend — wie ich mich jetzt erinnere, mar es Doktor Moroni, der sich dann später als mein Freund erwies.

Die Mahlzeit, die recht angeregt verlief, wurde von einem Diener serviert, den De Gex mit Horton ansprach. Ich enffinne mich nun, daß knapp bevor der Kaffee serviert wurde, Moroni vom Tisch aufftanb und zum Telephon ging. Als er wieder zurückgekehrt war, brachte Horton die Daff en herein, die bereits gefüllt waren. Der Diener stellte eine Tasse vor mich hin, doch De Gex vertauschte sie zuvorkommend mit ber seinen, da sie zu voll angefüllt war.

Wir plauderten miteinander und ich trank meinen Kaffee. Ich bemerkte, daß Doktor Moroni und De Gex mich seltsam ansahen. Der Kaffee schmeckte un­gewöhnlich süß unb es schien mir auch, als ob er leicht parfümiert gewesen wäre Kaum hatte ich meine Taffe auf den Tisch zurückgestellt, da spürte ich einen furcht­baren Schmerz im Kopf und schrie laut auf. Fräulein Engledue wollte mir beispringen, doch ein seltsames Schwindelgefühl erfaßte mich und im nächsten Augen­blick verlor ich das Bewußffein."

Ich schwieg und sann über ihre merkwürdige Erzäh­lung nach.

„Fräulein Engledue war also zu dieser Zett noch ganz wohlauf?"

„Gewiß, sie sprang ja auf, um mir zu helfen."

„Es wurde Ihnen demnach übel, bevor es ihr gleicherweise so erging?"

„Wurde ihr denn auch schlecht? Das wußte ich nicht" erwiderte sie erstaunt.

„Ja, Sie machte man durch ein Betäubungsmittel, das todesähnliche Folgen nach sich zog, bewußtlos, doch Fräulein EnglÄme wurde darauf mit Vorbedacht ge­tötet."

Gabriele starrte mich an, als wäre ich nicht Herr meiner Sinne.

„Gabriele Engledue wurde ermordet? — Das kann doch nicht wahr fein!" rief sie ungläubig aus.

„Es ist aber doch fo, ihr Leichnam wurde ver­brannt."

Gabriele stieß einen Schrei des Schreckens aus.

Nun erst sah sie ein, daß sie das Opfer eines geschickt ausgödachtm Anschlages gewesen war.

,Zch enffinne mich", fuhr sie fort, „daß ich in bem Augenblicke, als mir die Sinne schwanden, wie faszi­niert war von bem breiten spanischen Schal, den Ga­briele Engledue um ihre Schullern trug. Es war ein prachtvoller Seidenschal mit langen Fransen, der Blu­men in rot, grün unb goto eingestickt hatte. Ich hatte chn schon die ganze Zeit über bewundert, doch seine Far­ben schienen meine Sinne zu verwirren — rot, grün urtb goto."

Wie oft hatte ich mir über diese Worte den Kopf zerbrochen, — nun wußte ich die Wahrheit. Der spa­nische Schal war das Letzte gewesen, das sie geschen hatte, bevor das tückffche Orosin seine Wirkung tot.

Nun erzählte ich ihr meine eigene Geschichte.

„Mich hatte man unter einem Vorwand in das Haus gelockt, nachdem Sie Ihren Kaffee bereits ge­trunken hatten — vielleicht auch schon vorher", sagte ich. „Die Luft in ber Bibliothek war von einem unge­wissen Parfüm geschwängert und De Gex gab mir bann ein Glas Likör zu trinken, in das er vorher das ge­fährlichste aller Gifte, Orosin, geschüttet hatte. Dieses Gift zeigte bei mir auch sofort feine Wirkung und ei­nige Augenblicke später führte man mich an ein Bett, auf welchem Sie wie tot lagen. Ich hielt Sie auch tatsächlich für tot und stellte in meiner geistigen Ver­wirrung einen Totenschein aus, den De Gex schon vor­bereitet hatte. Ich erklärte darin, daß Sie an einem Herzleiden gestorben seien, mit welchem Sie seit eini­gen Monaten in meiner Behandlung gestanden wärm."

„Ich wußte dann nichts von mir, bis ich an Hamp­shire auf ber Straße aufgefunben wurde", warf Ga­briele ein.

„Mir also erging es ebenso, bis ich in einem Spitale in St. Malo zu mir kam", fuhr ich fort. „In kleinen Dosen zerstört das Orosin bas Erinnerungsvermögen, in größeren hat es einen todesähnlichen Zustand zur Folge unb in noch größeren — wie sie Ihrer Frmnd'N Gabriele Engledue verabreicht wurde, fofortigen Tod, wobei durch die Obduktton nur Herzschwäche als Todes­ursache koifftatiert werden kann. Durch Fräulein En» gledues Tod erbt be Gex das Vermöoen ’bres Vaters, des Grafen Csimnarttn."

„Dies klingt so unglaublich", erklärte Gabriele.

„Allerdings, Fräulein Tennison, doch haben Sie noch ein wenig Geduld und ich will Ihnen die ganzen Schur- kereim unseres gemeinsamen Feindes beweisen."

Ich ergriff ihre zarte Hand unb hielt sie einige Se­kunden lang in ber meinen. Tief blickte ich ihr in dil wundervollen Augen, dann hob ich ihre Hand an meint Lippen und drückte einen Kuß darauf. — Sie entzog mir ihre Hand nicht und ich ersah daraus zu meiner unermeßlichen Freude, daß sie meine Zuneigung erwi­derte.

Ich liebte Gabriele Tennison mit meiner ganzen Seele und wußte nun auch, daß sie mich liebte. Ich be­sprach mit Gabriele bie seltsamen Ereignisse, bis b*e Dunkelheit hereinbrach, unb erzählte chr meine eigenen Erlebnisse. Gespannt hörte sie mir zu.

Leise ergriff ich ihre Hanb unb brückte einen langen heißen Kuß auf ihre Sippen.

Ich fühlte, wie sie erbebte, als ich sie umfaßte. Zr meiner unermeßlichen Freude spürte ich, wie sie meiner Kuh leidenschaftlich erwiderte.

29. Kapitel.

Ein letzter Anschlag.

Unter meinen Briefen befand sich am folgenden Morgen ein kleines Paket, das ich öffnete. Es enchielt ein kleines Stück einer dunketoraunm Toilettenseife, das den Namen einer bekannten Firma trug. Es war in einem maschinengeschriebenen Begleitbrief einge­wickelt, ber auf dunkelblauem Geschäftspapier geschrie­ben war und einen Aufdruck trug. Der Brief war an einen Herrn H. Granfield gerichtet unb enthielt bie höfliche Mitteilung, daß bie genannte Firma eine neue Sorte Toilettenseife in den Handel bringe, wovon man mir ein Muster zu übersenden erlaube. Falls mir dir Seife zusagen sollte, könnte ich sie bei ihrem Vertreter einer Drogerie in Hammersmith, kaufen.

„Die Seife sieht recht gut aus", bemerkt? Harry, bem ich sie gereicht hatte Ich packte sie dann wieder in den Umschlag und legte sie beiseite.

Utr elf Uhr saß ich mit Rivero, Gabriele unb Harry Hambledon in einem Amtszimmer in Scotland Pard,