Zuldaer Zeitung
Koankog, den 20. April 1930.
2. Bialt
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, $ul6e
Oftergrütze»
Diesesmal haben es mir die roten Mandel- -aume angetan. Bei Heidelberg sah ich sie zuerst, und so konnte man sein Herz doppelt daran verlieren. Gewiß, es gab noch viel Blühendes und Lenzhaftes sonst zu sehen. Etwas schüchtern kam c5 heraus, als wollte man ganz leise die fröhlichen Ostern der Natur vorbereitsn. Kräftiger war schon das Krün der Kastanien, während die schlanken Birken ihr zartes gelbschimmerndes Blätterwerk Nie junge Mädchen ihr Goldhaar nur einfach jo in die Tonne hielten. Auch die Wiesen zeigten «chon saftigere Farben, und der Stier ging vor dem Pfluge nebenan einher, als wäre alles so ein Vergnügen. Nichts aber war diesen roten Mandelbäumchen vergleichbar, die einfach überall auftauchten, mitten zwischen alten Schuppen und Gasanstalten sogar. Am liebsten hätte ich aus jedem ein blühendes Reis geschnitten und Blumensträuße rn die ganze Welt geschickt ... an Herrn Brüning zum Beispiel, an alle Parteien, womöglich, ja natürlich, aber warum denn nicht, auch an Herrn Hu- aenberg. Ein paar auch für den schon verlassenen lisch der Dreimächtekonferenz mit einem Gruße, fie möchten doch womöglich alle fünf beisammenhalten. Wohin denn sonst noch? Für alle armen Ttübchen reicht es leider nicht, aber da gibt es Rat. Heraus mit euch allen jetzt in die Natur. Gehe, der Frühling ist wieder da. Die große Ltube draußen ist warm und geschmückt. Betten sind da für alle im weichen Gras. Licht kostet nichts. Schönste Spiegel schenken der Himmel und das Wässerlein. Musik machen die alten Sänger mit dem Ton der Liebe, und sie brauchen dazu Dicht Radio und Grammophon. Miete ist umsonst. Das rote Mandelbäumchen ladet ein.
So schön, daß bei uns Ostern in den Frühling fällt. Sie sind beide ein Fest der Neugeburt von innen her. Diese Bäume, diese Blumen und Gräser haben es in sich gehabt und stellen nun diese ihre innere Kräfte aus. Sie warten nicht auf Programme von außen. Das zwitschert los, ohne sich im geringsten um einen Kapellmeister zu kümmern. Sieht man so die dunklen Stämme und die schwarzen Zweige, io sollte man meinen, es dächten die alten Baumriesen trübselig an allerlei Sorgen, an Steuern am Ende ober an ein Agrarprogramm oder an eine Finanzreform. Aber nein, sie denken nicht daran. Sie blühen einfach. Sie nehmen das Leben als ein Fest. Sie vertrauen auf Boden und Sonne. Wollten wir doch von ihnen lernen! Gewiß, wir müssen schon sinnen, sorgen und rechnen. Aber was hilft es alles, wenn wir nicht zugleich blühen, wachsen, von innen her froh sind, wie die Natur. Schafft uns die Leichenbitter aus den Häusern und auch aus dem öffentlichen Leben heraus! Sie sind zu nichts gut, als nur zu dem, den Humor zu verderben Wer aufs lebendige Leben wirken tritt, der muß selber leben, muß das Geheimnis des Blühens besitzen. Was knurrt dieser Mann und was migränt diese Frau? Reden über zerbrochenes Eheglück und begrüßen sich gar am Oster- «wrgen, jedes ein paar Scherben in der Hand. Eitzen den schönen Frühlingsnachmittag da draußen ober baheim und hacken ans eincmber los wie ölte Krähen ober äugen einander an wie Eulen, haltet doch keine Reden! Fallt einander um den hals und sagt ein herzhaftes Alleluja. Mehr wollt ihr ja eigentlich beide nicht und die Kinder auch nicht. Warte, ich schicke euch ein Mandelbäumchen Mn Heidelberg, und ihr findet am Ende das ver- Mcne Herz darin. Auch wenn kein Osterhäschen kommt, auch wenn es zu Pralinen nicht reicht, das alles ist nickt der Kern. Lieben sollt ihr Menschen, blühen, jeder wie ein Mandelbaum, dann geht alles von selbst. Nur Frühlingsmenschen werden auch das Reich erneuern. Wenn sie nächstens wie- ber an der Arbeit sind im Reichstag, weiter b»- Mht, den Parlamentarismus zu blamieren, werde >ch ganz still ein blühendes Mandelbäumchen vor «la Rednerpult stellen.
1$ dcis Christentum denke ich mir am liebsten anter dem Bilde des Frühlings. Ich liebe die ^oigt, die so ist, daß man etwas wachsen, etwas M'fen fühlt. Ich liebe die Katechesen, in denen «n Mandelbäumchen blüht. All die Wahrheiten, 2! wir so fernen müssen, sind es nicht Blätter,
[Bon Fulda nach Chicago.
Reife-Erinnerungen
19)D°n Donatus Pfannmüller, Fulda.
A. .Ehrend des Mittagessens ist mein Freund, Bruder g2*ton, angekommen. Nachdem er in Eile ein wenig " ^Qt' HE er mich im Sprechzimmer ab. Er ist in iT ; "be. Nur schweren Herzens ging er vor Jahren fremde Land, und nur, weil ihm die Oberen ge» lebem' er i3ort dringend nötig sei. Und er hat ME». Platz dort gut ausgefülll, die Erwartungen, die KJ" *ttn gesetzt hatte, weit übertroffen. Aus dem
, bescheidenen Schreinerbruder ist ein Architekt ge» WflieT’ Q&er Bescheidenheit und Frömmigkeit ist chm en. Nur nimmt er das Leben zu ernst und schwer: ter« e»ne "ogeheure Arbeitslast ruh tauf seinen Schul» Maube£Qt,e* er fo ein schwächliches Menschenkind. Ich er h e ""ch- das Heimweh nagt an seinem Herzen. Aber Mrrt aus und sagt: „Wie Gott will".
Ikttinh r htzon wir im Sprechzimmer bei meinen M^l-j der Pater Guardian ist da. Elsie sagt
sie J "^ne Bosheiten, wie es ihre Art ist. Dann fragt 8uf, halb Deutsch und halb Englisch: „Facher
KL Sie nicht einen Platz, eine Stelle für zwei 6!tere Sd)® ft?" ®am** meint f*e sich selbst und ihre ittL 0,1 'ch weiß etwas, wenigstens für eine". Dann Ämige sm 65 'hoen auf Eng' sch, und ich verstehe nur im 9BQa 2lls wir aber später auf dem Heimweg KO sitzsn, sagt mir Anna, um was es sich handelt, ■LB sie nicht abgeneigt sei, diese Stelle anzunehmen. M ofm einc. Pflegerin gesucht für ein junges Mädchen, Mtai, js? "jj normal, aber auch zu schade für eine mni, Sie sei ein Kind geblieben. Schon morgen ■tu 0 °en Bruder des Mädchens in Newyork auf» leit. J 'ch soll sie begleiten. Dazu bin ich gern be- kn tt)h-'i*rQU Clsie um 5 Uhr im Dienst sein muß, müf» M Bor 4 Uhr daheim sein. Sie tut mir herzlich Wtz. m '"Een Augen schaut eine beständige Uebermü- hat sgjjJ "ol sie den Wagen gesteuert, hat schnell ein n gegessen und muß schon wieder nach- der •J’totjorf "nnen, um mit der Untergrundbahn nach
bein, , fohren. Dann kommt sie abends um 11 “ die tw, ,mu.6 früh um 7 Uhr wieder fort. Wahr- E orlcheine wachsen nickt an den Bäumen.
Blüten unb Früchte vom Baume bes Lebens? Sollte im Christentum nicht bas Parabies erneuert werben, unb wäre bas nicht ein blühender Garten? Also will ich mich baran machen, auch in ber Kirche Gottes Mandelbäumchen zu verteilen. Zunächst auf jebes Generalvikariat em Manbelbäumchen, mitten in den Aktenstoß hinein. Jeber Mutter Oberin natürlich auch eins. Auch eines auf jeben alten Sakristeischrank. Eines auch bem Herrn Küster, ber etwas griesgrämig geworben ist. Eines an bie ernste Stelle, wo man fein Sünbenpäcflein in diesen Tagen nieberlegt Wüßten es boch alle, baß dieses schöne Wort, bas wir als Echo unserer Sünbenlitanei empfangen, jenes Oster wort: „Der Friebe sei mit bir", so recht wie ein Manbelbäumchen ist. Eines auch bem armen Herzen, bas mit Gott ringt in der schweren Not ber Zeit, im-
sie. Da blüht bas Manbelbäumchen blutig rot... Dir geht es besser, als benen bort, die dennoch bas ergreifenbe, bie Himmel aufreißenbe Oster- alleluja ber Martyrerkirche fingen . . . Sing bu mit, bist vielleicht auch ein Stücklein Martyrerkirche in deinem elenden Heim . . . Dieses Alleluja ist am schönsten, ein Lerchentriller über Kalvaria . . .
Das wollte ich noch erzählen, es gehört hierher Jüngst war ber erste befonbere Gottesdienst für bie Deutschsprechenden in Antwerpen. Diese Feier war wunderschön, zumal sich bie Belgier Nährend, hingehend an ihr beteiligten. Da habe ich mit einem Geistlichen gesprochen, der vieles im Krieg gelitten hat. Sein Haus ist verbrannt, d>e halbe Familie erschossen. Er war ganz ruhig. Er sprach nicht von Schuld. Mir schauten einander nur an, unb er sagte schlicht: Da sei nun alles begraben
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Ostern.
Osterglocken. Haben sie noch die Kraft, den Men scheu auch unserer Tage innerlich auszurühren? ® kam wohl in noch nicht lang verflossenen Zeiten vor, daß einer, der sich verloren hatte, vom Klange der >. . r- glocken das rechte Heimweh bekam. Das ist heute > cht mehr leicht möglich. Wir sind dazu zu trocken ge» worden. Sachlich nennen wir das und komme:, ns dabei bedeutend vor. Wir wissen, was eine Glock st, wissen, wie sie gegossen wird und wie ihr Ton entsteht« Wenn alles recht klappt, entsteht eben das, was wip Glockenläuten nennen. Was ist da denn nun weiter?
Und doch ist da noch ein „weiter". Osterglocken klingen anders als Weihnachtsglocken, Sonntagsglocken an* ders als Werktags», Tedeumsglocken anders als Totenglocken. Nur eben, daß das die meisten von uns nicht mehr hören, und daß gerade darin ein Stück unjeres Elends gelegen ist. Unser Sinn für das Hintergründige ist erstorben. Und doch ist gerade dieses Hintergründige, das das wirklich Wahre ist, in jedem toinne das warm Umhüllende, das, was unserm Leben und Sein die Plastik gibt, die Fülle und den freudig quel» lenden Fluß. Wohl dem, der jenes zweite Ohr noch hat, das über das erste hinweg noch die wirklichen Osterglocken hört. Er hat etwas, um das er sehr froh sein sollte. Denn nur in chm ist wahrhaft Osl.rn!
I o d o k u s.
Von der Kurz-Schrifi.
=• Die größte Stenographentagung. Für den Deu scheu Stenographentag, der in der Zeit vom 1. bis < August in Berlin stattfindet, ist wegen des riesigen An dranges für die öffentliche Festsitzung der Sportpa!< belegt worden. An dieser öffentlichen Veranstaltung werden auch die Reichs- und Staatsbehörden ter h- men. Den Festvortrag hält Staatssekretär a. D Heinrich Schulz, der während seiner Amtszeit im Reichsnü- nisterium des Innern in den Jahren 1924 und 1925 die amtliche deutsche Einheitskurzschrift mit geschaffen hat. Mit der Tagrmg wird ein großes Wettschreiben verbunden. Ferner befindet sich eine sehr interessante Ausstellung in Vorbereitung, und außerdem werden eine Reihe Sondertagungn der stenographischen Landesverbände sowie über ©pe5ialfrac$en stattfinden. D:e zahlreichen Anmeldungen, die bisher vorliegen, taüen jetzt schon erkennen, daß eine Stenographentagung ;u» standekommt, wie sie in diesem Umfange noch nicht dagewesen ist. Veranstalter der Tagung ist der Deutsche Stenographenbund, der 180 000 Mitglieder zählt unfeinen Sitz in Dresden Hai.
Theater und Musik.
— Uraufführung in Aschaffenburg. Am Stadtthea» ter in Aschaffenburg wurde die neue Komödie des bekannten fränkischen' Dramatikers Julius Maria Becker, des Dichters des „Brückengefft", uraufgeführt. Das Stück erzielte, besonders nach dem ersten und dritten Akt, lebhaften Beifall. In echt komödienhafter Weise wird die Ruhm- und Prahlsucht unserer Zeit gegeißelt. Die Stadt Aschaffenburg nahm die Aufführung zum Anlaß, den Dichter in besonderer Weise zu ehren. Rach dem zweiten Akt wurde dem Autor im Theaterzimmer des Stadttheaters durch Bürgermeister Gräf ein Lorbeerkranz mit einer Schleife in den Farben der Stadt Aschaffenburg überreicht. Bürgermeister Gräf betonte, daß Beckers Werke ihn, den Dichter, ehren, und daß er durch seine Werke seine Vaterstadt ehre.
rner, immer. Ja, ich weiß, bas ist nicht fo leicht, sein Alleluja zu singen, wenn ba keine Arbeit ist und kein Gelb, unb bie große Familie unb die grarulige Wohnung, und die Rechnungen alle, und der schlechte Wirtschaftsgang, ich weiß, und auch das Mandelbäumchen von Heidelberg ist frühmorgens naß vom Tau, als hätte es Tränen geweint. Aber wir Armen haben doch ein besonderes Recht auf die Osterfreude. Denk auch an die noch Ae-rme- ren. Auf der Insel Solowietz, ganz oben im Po- larmeer, sitzen Hunderte von Bischöfen, Priestern und Gläubigen überhaupt, die da ihr Ostern feiern müssen unter dem Sowjetstern ber russischen Kfr- chcnverfvlgung. An diesem Tage werden sie Holz hacken, wie an jedem anderen. In eisiges sibirischer Kälte. Zitternd vor Hunger. Keine Glocke tönt an ihr Ohr. Kein Ostergruß tröstet
Abends um halb 7 Uhr hören wir im Radio, daß der „Graf Zeppelin" eben über Chicago fliege. Der Sprecher meldet, daß er selbst hoch oben auf dem Dache eines Wolkenkratzers stehe. Siebenunddreißig Flugzeuge umschwärmen das Luftschiff; wir hören hier die Motoren surren. Der Mann ist so begeistert, daß wir es an seiner Stimme, seinem hastigen Atmen und zuweilen aus seinem jubelnden Lachen heraushören können. Er sagt, die Dampfsirenen der Fabriken und Schiffe machten soviel Lärm, daß sich die Leute kaum verständigen könnten. Wir selbst hören hier das verworrene Getöse.
Am nächsten Morgen brachte die „Staatszeitung" unter anberm auch folgende Zeppelin-Nachrichten:
Chicago, 28. August. „Chicagos Millionen begrüßten den „Graf Zeppelin" heute nachmittag 4 Uhr 25 Minuten mit ohrenbetäubendem Massenjubel, der aus den menschenwimmelnden Straßen des Geschästsviertels, von den Dächern der Hochhäuser, von Feuer-Nottreppen und aus den Fenstern zu dem stolzen Beherrscher der Lüste emporbrauste und von Passagieren und Mannschaften des in geringer Höhe über der Stadt kreuzenden Luftschiffes erwidert wurde, während Fabrikpfeifen und Schiffssirenen ihre Begleitmusik heulten.
Die Akustische Gewalt der Begrüßung, die dem deutschen Luftwanderer in der mittelwestlichen Metropole zuteil wurde, steigerte sich noch, während das Luftschiff sich gegen den Michigansee wandte und über die Wellen und dann wieder südöstlich über das Häusermeer dahinzog, bevor er den Kurs gen Cleveland wieder aufnahm. . . .
Dr. Eckener unetrlietz es nicht, den Gruß der „Königin des Westens" mit einer ritterlichen Geste zu erwidern. Das Luftschiff salutierte, als es das See-Ufer erreicht hatte, und die begeisterte Bevölkerung hatte Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie glatt der Gigant der Lüfte jeder Laune seines Führers gehorcht . . .
Da die Entfernung von Chicago nach Newyork 1000 englische Meilen beträgt, sagte ich am Abend zu meinen Freunden, daß der „Graf" bann morgen vormittag zwischen 9 und 12 Uhr in Newyork sein könne. Ob wir ihn aber zu sehen bekommen würden, bas war eine andere Frage.
5. Der „Zeppelin" ist da.
Am Donnerstag morgen bin ich ein foenig früher aus den Federn als sonst, und sitze in meinem Zimmer. Gegen 7 Uhr höre ich das Brummen von Flugzeugmotoren, achte aber nicht darauf, weil täglich Flugzeuge über ber Stadt kreisen. Da eilt jemand die Treppe herunter, und Elsie ruft draußen: „Bruder! Er kommt!"
in Gottes Liebe ... Er erschöpfte sich in Freundlichkeiten für uns Deutsche . . . Das ist der Weltfriede. Da blüht das Mandelbäumchen des neuen Frühlings.
Auf Wiedersehen. Nun hab ich ja manches Blümlein vergessen. Muß ich noch einmal zurück, wie als Kind zum Diaspora-Kirchlein? Wenn ich des Nachmittags einmal allein mar und dann fort» ging, hab ich mich stets vor allen Heiligen verneigt. Eines Tages merkte ich auf dem Heimweg: Ei, du hast ja St. Joseph vergessen! Bin dann zurück uni) hab mich vor ihm tief verneigt. Das geschehe nun auch heute vor Veilchen, Stiefmütter« chen, Schlüsselblumen, Maßliebchen und wie sie alle heißen. Das Mandelbäumchen aber war doch das schönste.
Friedrich Muckermann, S. J.
Ich laufe hinaus unb schaue nach oben. Ja, er kommt. Gerabe über unsere Zentral-Avenue kommt er heraufgeflogen, ber stolze, silberglänzende Riese. Sechs Flugzeuge geben ihm das Geleite. Es sieht wunderbar feierlich aus, wie er fo daherzieht. Er ist wohl nur 300 bis 400 Meter hoch, und ich kann ganz gut die Aufschrift „Graf Zeppelin" lesen. Gerade über, unferm Hause schwenkt er nach rechts ab. Papa Heilrrann, nur in Hemd unb Hose, ist aus der Hintertür gelaufen, unb ruft nach Anna, bie das Auto aus der Garage tun soll. Er will hinüber nach dem Hudson fahren, wo man einen besseren Ueberblick hat. Mich schickt er hinauf, ich soll seinen Rock holen. Aber die Sache klappt nicht. Elsie muß fort zum Dienst, und Anna läuft noch mit wirrem Haar und im Morgenmantel herum. Ich sage ihm das; aber er brummt: „O diese Weiber! Im Wagen sieht das doch kein Mensch!" Unterdessen ist der „Graf Zeppelin" längst verschwunden.
Elsie hat gleich nach dem Aufstehen das Radio angestellt und auch eine Meldung über den gegenwärtigen Stand des Luftschiffes erhalten. Allein entweder kennt sie bie Landkarte von Amerika nicht, ober sie hat bie Ge- fchwinbigkeit bes fliegenden Grafen unterschätzt. Er war schneller da, als wir dachten. Auf unserer Straße war es übrigens ziemlich still; denn die meisten lagen noch in den Betten. Nur ein paar Straßenkehrer schwenkten ihre Besen.
Um 8 Uhr meldet das Radio die Landung in Lake- hurst. Um 8 Uhr 10 wird das Luftschiff heruntergezogen. Zehn- bis fünfzehntausend Menschen sind zugegen. Zwei große „Bosses" kommen, um die Luftpost abzuholen. Die Sprecher lösen sich immer wieder am Radio ab. Jede Einzelheit wird berichtet; sogar der Hund, der unter der Gondel hindurchläuft, wird erwähnt. Wir hören Kommandorufe, das Geschrei der Menge, dazwischen auch Musik. Es ruft jemand in deutscher Sprache und mit Berliner Akzent: „Viele Grüße vom Bodensee!" Alle wollen Dr. Eckener gratulieren. Immer wieder ertönen Hoch- unb Hurrarufe. Die Laby Drummont Hay wirb des öfteren erwähnt, sogar daß sie einen schwarzen Hüt trägt. Alle wollen Eckener umarmen. Von ihm berichtet der Sprecher, daß er sechs Ehrenspa- zierstocke in der Hand trägt, die man ihm auf diesem Fluge geschenkt hat.
Eine unbeschreibliche Begeisterung geht aus dem Bericht des Sprechers hervor. Wir hören hier alles, was dort geschieht, nur ist es zuweilen durch den Jubel und Lärm, ber mitübertragen wird, unverständlich. Eckener spricht selbst, dann wird eine längere Begrüßungsdepesche
Technik und Verkehr»
— Fernsprechverkehr zwischen Deutschland und eng- lischen Schiffen in See. Von sofort an wird versuchsweise der Fernsprechverkehr zwischen den Fernsprechnetzen Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt (Main), Hamburg und Köln einerfeUs und den Schiffen „Majestic" unb „Olympic" andererseits während ihrer Nordamerikafahrten zugelassen. Der Verkehr wird über London geleitet, von wo ab er auf dem Funkwege abgewickelt wird. Ein Dreiminutengespräch kostet 114 Mk.. Gespräche werden zunächst in der Zeit von 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachts M. E. Z. vermittelt. Falls ein Gespräch am Tage der Anmeldung nicht ausgesührt werden kann, steht es bem Anmelber frei, die Anmeldung für den nächsten Tag ober weitere Tage bis zur Beendigung der Fahrt des Schiffes bestehen zu lassen; eine Sondergebühr wird hierfür nicht erhoben. Kommt ein Gespräch aus Gründen, die nicht im Fernsprechbetrieb liegen, nicht zustande, so wirb eine besondere Gebühr von 17.50 RM. erhoben.
Schriftleiter: Dr. phi! Johannes Kramer. Verantwortlich für bie Anzeigen: Direktor der Fuldaer 1 Actiendruckerei I. Parze 11er.
des Präsidenten auf Englisch verlesen, dann auf Deutsch. Die Lady Hay ruft: ,Zch bin das glücklichste Mädchen auf der Welt! Aber ich bin so nervös, daß ich mich selbst O Lord tituliere." —
Die „Staatszeitung" ist nun ganz angefüllt mit „Zeppelin", unb es hat kaum Wert, eine Auslese aus den Berichte treffen zu wollen. Mr. Heilmann plant eine Autofahrt nach Lakehurst, um mir das Luftschiff ganz in der Nähe zu zeigen. Allein weil ich fürchte, daß wir doch nicht „vorn dran" kommen, rede ich ihm das Projekt aus. Ich denke, der „Zep" sieht am schönsten aus, wenn er fliegt.
An einem der nächsten Tage bekommen wir einen Brief aus Cleoeland von einem deutschen Landsmann, der schon als zwölfjähriger Junge nach Amerika aus» wanderte und dort feit vielen Jahren lebt, der aber noch sehr am alten Land hängt. Er schreibt u. a.:
„Ich darf diesen Brief nicht schließen, ohne des großen Weltwunders zu erwähnen — unfern Heben „Graf Zeppelin". Wie ein fliegender Meteor kam er am Mittwoch kurz nach 11 Uhr von Lakewood dem See-Ufer entlang an unferm Hause vorbeigeschossen. Anna härte zuerst die Motoren summen und begab sich auf die Porch (Veranda). Ich folgte ihr und konnte gerade sehen, wie er bem Square zuflog. Das Radio hatten wir angestellt unb lauschten auf alles, was zu unferm Nutzen sein konnte. Wie froh war ich, als es hieß, er kommt zurück nach der Westfeite, er fährt nach dem Flugfeld. Das war ein wahrer Jubel. Wie der Blitz ging es nach ber Attick, von wo ich ben Turm hell beleuchtet am Square sehen konnte, unb die Suchlichter, bie ben „Graf" beleuchteten. Ich konnte in ber Ferne die Lichter bes Luftschifies sehen unb bemerken, daß er feinen Kurs nach meiner Richtung nahm. Die Motoren wurden lauter, der Umriß zwischen den Bäumen großer und höher, und auf einmal schoß er über meinem Kopfe dahin — 90 Meilen die Stunde. Da? war ein Anblick! Ich werde ihn nie wieder vergessen. Mein Herz jubelte in meiner Brust, und ich konnte nicht umhin, vor Rührung und Freude auszurufen: „Gott segne dich und die du trägst! Helfe mit, Deutschland wieder groß zu machen. Laß dir fein Leid zustsßen, und komme wieder glücklich nach Hause." — Die Zeitungen, die einstmals „Hunnen!" schrieen, sie übertrafen sich nun gegenseitig, um Dr. Eckener ja zu bewegen, über Cleve- land zu fliegen. Nun, sie haben es geschafft und es wird ihnen keiner das so schnell nachmachen
(Fortsetzung folgt.)