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tag, den 11. April 1930.

erbet für die Zeitung

deren Parteien, wobei er übrigens als einzige das Zentrum nicht erwähnte, verteidigen, io meinte er, einen Schützengraben, der garnicht an­gegriffen ist, die Volksnaricnale Reichsvereinigung aber will zum Angriff vorgehen. Brausender Beifall. Aber was wollen sie nun eigentlich an- flreifen? Unsoziale Gesinnung, die Weltplutokratie, die Deutschland von Amerika aus in Fesseln schlägt, jeden sturen Geist, der nicht lebendig in der Gegen­wart steht, die sinnlose Revolution, die um der Revolution willen Kultur unb Christentum zer­schlägt. Schön. Aber brauchen wir dazu nun »ine neue Partei? Wir wollen nicht unter Masi- rcuns Anhängern werben, aber wir dürfen doch wohl fragen, ob diese allgemeinen Forderungen nicht euch v o m Z e n t r n m — für andere Parteien

Mahrauns Partei.

Während am Sonntag vormittag das Zentrum Reichstag seinen großen Parteiausschuß ver- -melte, in' welchem neben Joos, Wirth, Steger- - n. Guerard auch Reichskanzler Dr. Brüning

Wort ergriff, um seinen Freunden auseinan- ru legen, wie es zum Zusammenbruch der alten ilition und zur Bildung des jetzigen Kabinetts i stand im vollbesetzten großen Saale der Phil- rmonie A r t h u r M a h r a u n, der Hochmeister s Iungdeuffchen Ordens, auf dem Podium, um ne neue Partei, die Volksnationale eichsvsreinigung zu stablieren. Es ist it Monaten davon im Jungdeutschen Orden die Rede, täglich werden in einer Beilage die neuen Ortsgruppen aufgezählt und die Pressestftnmen regiftriert, und als jüngst von Mannheim aus der volksparteiliche Führer Dr. Scholz zur Sammlung der staatsbürgerlichen Mitte neben dem Zentrum aufrief, ging manch besorgter Seitenblick zu Arthur Mabraim herüber, dessen Organisationsgeschick die Volkspartei doch wohl etwas fürchtet, und der, wenn es ihm gelingen sollte, seine Partei, die ja n>ohl ebenfalls t n der Mitte stehen würde, auf­zuziehen, sicher noch am ehesten der Volksparte: ' Abbruch tun könnte. Mahraun hat aber die Mannheimer Beschwörungen in den Wind geschla­gen und glaubt das schon damit begründen zu düffen, daß er schon heute rund 100 000 ein­geschriebene Mitglieder buche, deren Zahl durchschnittlich um 1 000 je Tag sich steigere.

Dies allein schon könnte eine Beschäftigung mit den Plänen des jungdeutschen Führers rechtfer­tigen, denn wahrscheinlich ist es richtig, was sein Pressechef kürzlich behauptete, daß keine bürger­liche deutsche Partei über einen solchen Stamm von mstgliedsmcWg verbundenen Anhängern verfügt. Freilich darf man eine solche Summe, auch wenn sie, wie wir der ehrlichen Beteuerung Mahrauns glauben wollen, nachweisbar ist, nicht überschätzen. 100 000 Stimmen geben, wenn sie in ein und demselben Wahlkreis vorhanden wären, noch ni.bt znei Mandate, und wenn jede aus Familien- und Freundeskreis her sich om Wahltage verdreffacht, gerade 5 Mandate, immer unter der Voraus­setzung, wie das Wahlgesetz vovschreibt, daß d'e erften 60 000 im gleichen Wahlkreis sich sammelten. Wenn also Mahraun, wie es nach seinen Aus­führungen wohl sicher ist, sich vielleicht schon bald, am Wahlkampf mit eigenen Listen beteiligen will, so brauchen die alten Parteien, auf die er so böse ist, deswegen noch nicht die Nerven zu verlieren. 100 000 Menschen im ganzen Reiche bedeuten am Wahltage noch nicht viel, fr. ehrlich man auch vor dem, der sie um eine Idee sammelte, Respekt haben darf. Aber was ist es nun eigentlich mit Mahrauns Idee? Er hatte immer den donnern­den Beifall seiner Getreuen, wenn er in feiner temperamentvollen und nicht durch Eleganz, aber durch Frische bestechenden Rede am Sonntag von der Ideenlosigkeit der alten, d. h. der anderen Par­teien, sprach, denen er, denen die jungdeutsche Be­wegung ihre Idee gegenüberstellen wollte. Die an-

Fuldaer

haben wir nicht zu sprechen — vertreten werden, unb zwar, das möchten wir in aller Bescheidenheit hinzufiigen, bisher nicht ganz ohne Erfolg?

Mahraun ist selbst sicher ein Idealist, nicht int langweiligen Sinne eines unbeholfenen Träumers, sondern ein Mensch, der wirklich Ideale sieht und seine Kraft daran setzt, auch anspruchslos, wie man wohl annehmen darf, auf dem richtigen Weg zu ihnen zu kommen. Aber cs scheint uns doch, daß er die Dinge zu sehr vom Standpunkte des Derbandsvorsitzenden aus sieht. Mahraun hat sich in den rund 10 Jahren, seidem er mit dem Jung- deutfck)en Orden auf den Plan trat, sich ja nicht zurück-, sondern vorwärts entwickelt. Es spricht ja schon für ihn, daß er als einer der schärf­sten und unerbittlichsten Rufer im Streit gegen Hugenberg gilt. Er hat auch rein organisations­mäßig vieles auf die Beine gebracht, wovor man Respekt haben kann. Aber die Idee seiner Partei­gründung, aus der allein heraus auch ihre Be­rechtigung zu erweisen wäre, ist uns auch in seiner doch nicht zu kurzen Rede nicht klar geworden. Leider auch nicht, und das ist eigentlich noch schlim­mer, aus den gedruckt vorliegenden Richtlinien der Volksnationalen Reichsvereinigung. Vieles, was darin gefordert wird, ist bei uns, mindestens als Grundrecht in der Verfassung, schon verwirk­licht, manches andere wird auch von anderen Par­teien verlangt und gefördert, wobei wir wiederum an die Zentrumspartei erinnern dürfen. Noch an­deres aber ist unklar, unsicher und vielleicht nicht einmal bis zu Ende durchgedacht. Wenn z. B. der Reichstag die Regierung für die Dauer der Wahl­zeit bestätigen fall und so gezwungen ist, vor der Nation die Verantwortung" für die von ihm be­stätigte Regierung zu tragen, „so ergibt sich sofort, daß hier eine Behauptung ausgestellt wird, über die sich noch erheblich diskutieren ließe". Es heißt dann weiter: „Ergibt sich die Unmöglichkeit der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Reichs­tag, so erfolgt der Rücktritt beider." Das ist weder schönes Deutsch, noch gedanklich und in seinen praktischen Folgerungen unbezweifelbar. Wann ist denn die Zusammenarbeit möglich? Und wie wäre es, wenn der Reichstag irr besten Glauben eine Regierung bestätigt hätte, die sich alsbald als un­fähig erweisen würde? Gott behüte uns vor einem Rattenkönig von Reichstagswahlen!

Dies ist ein beliebiges Beispiel für die Art, wie Mahraun sich das Eingreifen der Dolksnationalen Reichsvereinigung in die Politik denkt. Fast über­all stößt man bei uneingennmmener Ueberlegung auf einen guten Kern, aus den Willen, Schwierig­keiten, Mißstände und Mißbräuche zu beseitigen. Nur geht das i n d e r P r a x i s l e i d c r nicht schon durchdieAufstellung von Richt­linien. Mahraun, den nm Sonntag eine von 700 Menschen besuchte Delegierten-Verfammlung einstimmig — man denke! — zum Reichsvorsitzen­den der neuenVereinigung gewählt hat, hat die nicht unsympathisch wirkende Erklärung abgegeben, et selbst werde sich k ei n e s f a l l s in das Parlament wählen lassen. Das spricht idealistisch sicher nicht gegen ihn, und doch Hai man, wenn man ihn hört und man seine Richtlinien liest, das leise Ge­fühl, als ob er durch die Beteiligung am Parla­mentsbetrieb noch dieses und jenes, vielleicht schmerzlich und resigniert, lernen könnte. Er würde dann auch mit seinen Urteilen über die Verkrampft- heit und Verstocktheit der sogenannten alten Par­teien, obwohl es da sicher manches Peinliche feft- zustellen gibt, vielleicht doch etwas vorsichtiger sein. Und schließlich noch eines: Weiß Arthur Mahraun, daß die Männer und Frauen die dem packenden und durch feine äußere Gesundheit gefallenden Red­ner zujubeln, auch hinter ihm bleiben würden, wenn er ober seine Erkorenen im Reichstag, um nicht müßig oder nur mit schönen Reden zwischen den anderen zu fitzen, sich zu halben oder ganzen Ee- s ändnifstn bereitfinden müßten? • Mon hatte in der Versammlung den Eindruck, als ob er zwar in einem sehr großen Maße beliebt sei, als ob es aber zwischen seinen Träumen, wenn er das Wort nicht übelnimmt, und den Vorstellungen der an-

Zeitung

deren doch noch zum Teil erhebliche Nuancierungen gäbe. Mahraun persönlich steht sicher stramm und fest auf dem Boden einer volksstaatlichen Idee, die auch unsere Sympathien hat. Aber es ist auffällig, daß er seine Saalordner, an sich eine Kleinigkeit und vielleicht nur eine Aeußerlichkeit, noch in Uni­formen steckt und mit fchwarz-weiß-roten Kokarden schmückt. Diese Dinge scheinen uns zu Mahraun, der doch sicher nicht der General eines Wehrver­bandes sein will, nicht red>! zu passen, und dann entschlüpfte ihm, so muß-man wohl annehmen, ein Satz über die Judenfrage, wie er es nannte, den er wahrscheinlich nicht so leichtherzig niederschreiben würde. Er sagte, sehr richtig, es kümmere ihn unb die Volksnationale Reichsvereinigung nicht, ob sich auch Juden als Mitglieder meldeten. Das gehe ihn nichts an. Aber der Arier-Paragraph bleibe, der fei das gute Recht des Iungdeuffchen Ordens!

Mahraun steht wahrscheinlich auch geistig durchaus an der Spitze seiner Bewegung. Aber wenn schon er, wie offensichtlich, von der restlosen Durchdachtheit seiner Wünsche unb Strebungen nicht zu überzeugen vermag, was sollte aus einer Partei werden, die sich vermutlich aus Menschen zusam­mensetzen würde, die nicht einmal in grundlegen­den Fragen, siehe die Judenfrage, einig sind. An diesem Teil seiner grundlegenden Rede nämlich war der Beifall für den bejub»lien Führer sehr dünn. Farbe bekennen ist schön, aber es muß auch wirklich Farbe fein.

* Die Ueberführung der Königin von Schweden. Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt, daß der Sonderzug Rom-Swinemünde, der die sterblichen lleberrefte der Königin Viktoria von Schweden hierherbringen wird, in der Nacht zum Freitag in Swinemünde eintreffen wird. An der mili­tärischen Trauerfeier nimmt u. a. der Chef der Marinestation der Ostsee Kontreadmiral Hansen teil. Das Ehrengeleit werden die 2. und 4. Halb- flotille ausführen, die das schwedische Geschwader bis nördlich der Oderbank in der Ostsee begleiten werden. Die Durchführung des Trauerzeremoniells steht noch nicht genau feft Das schwedische Ge­schwader, das zur Uebersichrung der verewigten

2. Blatt.

Druck der Juldaer Ackiendruckerei. Fulda.

Königin in Swinemünde eintreffen wird, besteht aus den Panzerschiffen „Drottning Viktoria und „König Gustas V." sowie den beiden Torpedo-, bootszerstörern „Ehrenskjold" und Nordenftiold. Die schwedischen Schiffe werben im Laufe des Donnerstag eintreffen und om Kaiferbollwerk fest­machen, wo der Sarg aus dem Sonderzuge auf em Schiff übergeführt wird.

* Dom Vater erstochen. In Mitierfeld (Reg. Bez. Niederbayern) hat der m den büer Jahren stehende Hausbesitzer Reilhofer Mittwoch vormittag seinen 24jährigen Sohn Aloys erstochen Als der Sohn das Schlaszimmer des Vaters be­trat, drang dieser sofort auf den Sohn ein und brockte ihm einen Stich ins Herz bei. Der Gnind zu der Tat liegt vermutlich darin, daß Aloys Reil- hofer im Einverständnis mit seiner Mutter, aber gegendenWillendesDatersheiraten wollte. Zwischen Vater und Sohn war es des­wegen schon wiederholt zu Auseinandersetzungen gekommen. Der Täter wurde verhaftet.

Grotzer Lhemikatten-Diebslahl.

Bei der Handelsgesellschaft deutscher Apotheker in Breslau sind groß? Veruntreuungen aufge­deckt worden. Drei Angestellte der Firma, ein Haushälter, ein Drogist und ein kaufmännischer Angestellter, haben int Laufe längerer Zeit Chemikalien im Werte von 80 000 bis 120 000 Mark beifeite geschafft. Die gestohlene Ware wurde zum größten Teil nach Oberschlesien verschoben. Die drei Haupttäter — außer ihnen werden noch andere Angestellte ge» ringsügiger Veruntreuungen beschuldigt — haben ihre Betrügereien emgeftanden, und es wird gegen sie schon in nächster Zeit Anklage erhoben werden.

* Aushebung einer Falfchmünzerwerkskati in Böhmen. In Silin ,Tschechoslowakei) wurde in der Wohnung des 60 Jahre alten Fabrikange­stellten Mattausch eine Fasichmünzerwerkstatt aus­gehoben. Es wurden 6 Kisten mit Photographen-

Tokios Fest des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben 1923.

Die Menschenmenge vor dem kaiserlichen Palast in Tokio aus der Festbrücke, über die Kaiser hirohitu mik feinem Gefolge in feierlichem Gepränge zog.

In fünftägigen prunkvollen Festlichkeiten feierte Tokio jetzt seine Wiederherstellung nach dem furchtbaren Erdbeben 1923, da die japanische Hauptstadt fast vom Erdboden vertilgte.

Ich bitte meine werte Kundschaft höflichst, bei ihren Einkäufen zu berücksichtigen, daß mein Geschäft Feiertage halber kommenden

Größtes und ältestes Geschäft am Platze für Damen- und Mädchen - Bekleidung.

Sonntag und Montag, den 13. IM Bff || W» fj BW W gyg

und 14. April, geschlossen ist. WV WM ■€ 8 FH Er 8

Bon Zulda nach Chicago.

Reise-Erinnerungen

l von Fr. Donatus Pfannmüller, Fulda

14) ---------

Wir hatten den Saal verlassen, und ich war voller Freude, daß alles so schnell gegangen war. Lenti, der °wig unruhige, quecksilberne Lenti, sagte: „So, nun lchnell runter von dem Kasten, damit wir auch rasch dein Gepäck kriegen."

s „Aber sage mir nur eins: Das sieht ja gerade so uus, als ob das ein alter Bekannter von dir sei?"

„Well. Kenne die meisten. Das war Mister Klein, nabe ja schon genug mit ihnen zu tun gehabt. Ich weiß „ r überall Bescheid. Ich habe von allen Schisfahrts- nnien meine Ausweiskarte."

Ehrlich gesagt, ich hatte den guten Benti ein wenig 01 Erdacht der Aufschneiderei gehabt. Ich kannte ihn langen Jahren als achtzehnjähriges Bürschchen. Da- ols besaß er nur Taubeneinfalt und ein gutes Mund- L 'rt- Die vielen Jahre in Newyork haben ihm aber ch die für hiesige Verhältnisse nötige „Schlangenklug- , verschafft.

,.. während er an der Laufbrücke wartet, eile ich nach dmten unb hole mein Paket, das dort noch liegt. ,,^.sisllich hätte ich gern noch von einigen Bekannten .genommen: aber Benti drängt. Und wo soll h> auch jetzt die Bekannten finden? Alle find da drin- irgendwo bei der Paßkontrolle. — Also lebe wohl, „Dresden", wir sehen uns wieder.

4"ir gehen die Lausbrücke hinunter, mitten hinein in lle riesengroße Halle, in der ein fürchterliches Men- Engewimmel herrscht. Wer sollte wohl hier einen ^kannten herausfinden?

Da plötzlich höre ich rechts von mir den Ruf: „Lud- iXm Ich schaue mich um. Da lacht mir eine hoch- achsene Dame entgegen, die ich aber sofort erkenne.

1 nna:' — Als Kinder haben wir uns gekannt und « r*n gute Freunde. Jetzt hat auch sie einen grauen ■UH ■kB'e ich' Vierzig Jahre sind verflossen, seitdem sie chren Eltern nach Amerika reiste. Und neben ihr

steht ihr alter Later, Mister Heitmann, der mich vor ein paar Jahren daheim besuchte. Nach herzlicher Be­grüßung schieben wir uns durch das Getümmel zur Gepäckhalle, Benti voran. 2(n der weißgetünchten Wand der Halle entlang sind die Buchstaben des Alpha­betes in Abständen ausgemalt. Benti steuert auf den Buchstaben „P" los. Nun sehe ich, daß vor einem jeden Buchstaben auf der Erde ein Haufen Reisegepäck liegt. Meinen Handkoffer habe ich vor dem „P" sofort gefunden.

Benti packt den Koffer und sagt: „Komm mit zu einem Zöllner!" — Diese stehen noch untätig umher: denn ich bin als einer der ersten vom Schiff herunter­gekommen. Oer erste Zöllner, den wir treffen, ist ein Neger. Ich schließe den Koffer auf und Mister Heit­mann sagt zu dem Schwarzen auf Englisch: „Machen Sie nicht viel Umstände. Das ist ein Klosterbruder, und die haben nicht viel zu verzollen."

Der Beamte macht es auch kurz. Er greift einmal in den Koffer, dann reißt er ein Loch in mein Paket und greift hinein. Nun klebt er auf jedes Gepäckstück eine Zollmarke und wir können gehen.

Nun bin ich also wirklich in Amerika. Ich merke das schon aus dem Getöse, das um mich herrscht. Wir gehen ein Stückchen durch die Halle, werden durch einen Elevator ein Stockwerk tiefer befördert und trinken bann an einer Bude Eissoda. Benti schmollt. Er will mich mit zum Kloster nehmen, die Familie Hellmann will inich aber für sich haben: denn sie haben mich ja ein­geladen. Zum Kloster werde ich in den ersten Tagen schon einmal kommen.

Und Benti schmollt noch mehr. Er soll das große, durch den Zöllner aufgerissene Paket mit zum Kloster nehmen; denn dorthin ist es bestimmt, — und Benti möchte doch, da es noch so früh am Sonntag ist, irgend eine Spritztour machen, bevor er heimgeht. Doch das Schmollen nützt ihm nichts. Und ich Undankbarer muß ihn ziehen lassen. Er verschwindet im Gewühl der Menge. Im Stillen aber denke ich: Wie muß es einem Menschen zu Mute fein, den kein Freund hier erwartet, der verlassen in diesem Gewühl von Menschen steht, der keine der englischen Aufschriften lesen kann, die hier angeschlagen sind, und kein Wort der fremden Sprache

verstehen kann? — Armer Auswanderer, wie mag dir zu Mute fein?

Wir sind weitergegangen. Anna hat eine Auto­droschke herbeigewinkt, wir steigen ein und fahren los. Ich fühle mich wunderbar wohl und geborgen. Den alten Herrn Hellmann mit seinem eisgrauen Schnurrbart habe ich gekannt, als er noch 'ein frischer, rüstiger Mann war, und wie oft habe ich neben Anna gesessen und ihr bei den Schulaufgaben geholfen. Nun haben wir alle drei graue Köpfe. Eine leise Wehmut will ins Herz schleichen, da hält der Wagen.

Wir steigen aus. Da nebenan vom Bürgersteig führt eine Treppe in die Tiefe. Sie sieht nicht anders aus als eine bequeme Kellertreppe. An drei Seiten ist sie mit einem Eifengitter umgeben, damit niemand hinabfällt, und am Eisengitter hängt ein Schild mit der Aufschrift: Sübway.

Während wir hinabsteigen, belehrt man mich: „Wir fahren jetzt durch die „Tube". Es geht zuerst ein Stück unter Brooklyn her, dann unter dem Ostriver hindurch. Dann unterfahren wir Newyork und jenseits des Hud­son. Es ist der schnellste Weg, um heimzukommen."

Drunten in der Unterwelt brennen zahlreiche elek­trische Lampen. Wir müssen durch ein Drh kreuz gehen, das uns aber nur durchläßt, wenn wir 5 Cent in einen in der Mitte angebrachten Schlitz einwerfen. Eine grö­ßere Anzahl Menschen stehen wartend auf dem schmalen Bahnsteig, hinter dem die Gleise im Lichte der elek­trische Lampen glänzen. Nach beiden Seiten hin zeigt eine endlose Reihe von Lichtern, wohin das unterirdische Stahlrohr verläuft. Ich frage Anna nach Fahrkarten. Sie lacht. „Hier ist man nicht so umständlich, wie drü­ben im alten Land. Die 5 Cent, die ich für jeden von uns in das Drehkreuz geworfen habe, sind unsere Tickets. Damit können wir fahren, so weit die Bahn fährt."

Wir brauchen nicht lange zu warten. Die Züge folgen sich in wenigen Minuten. Von der einen Seite kommt es donnernd fjerangebrauft. Der Zug hält. Leute steigen aus, andere, auch wir, gehen still in einen der hellerleuchteten Wagen. Es ist gar kein Gedränge. Die Leute scheinen hier nicht ängstlich oder nervös zu sein. Silles geht ganz ruhig ab. Man braucht auch keine Stufe hinanzusteigen; denn der Badnsteio und der Wagen­

boden liegen in einer Ebene. Aber heiß ist es hier unten und auch in den Wagen, trotzdem ein paar Pro­peller an der Wagendecke schnurren.

Kaum haben wir uns gesetzt, da braust auch schon der Zug davon. Es ist ein ohrenbetäubendes Getöse, mit mit dem wir durch das weite Stahlrohr dahinsausen. Man kann sich nicht unterhalten. An den ßängsfeüen entlang sind die gepolsterten Sitze angebracht. Zei- tungslefenbe Leute sitzen darauf. Ich Überblicke rasch die gegenübersitzende Reihe. Herren und Damen, Weiße und Schwarze sitzen da nebeneinander, aber keiner scheint den andern zu kennen, niemand macht den Ver­such, mit feinem Nachbar zu reden. Und niemand raucht. Das ist in Amerika in allen öffentlichen Ver­kehrsmitteln verboten.

Die Freunde wollen mich auf dieses oder jenes auf- merksam machen. Wir schreien einander ins Ohr; aber das macht Kopfschmerzen. Also still sein und warten.

Dann hält der Zug ein paarmal an. Wir befinden uns unter Newyork. Leute kommen und gehen. An einer Station müssen wir umsteigen. Papa Heilmann gibt feiner Tochter den Auftrag, auf unserer Endstation gleich nach dem Auto zu telephonieren. Die letzten Worte werden schon wieder vom Getöse des fahrenden Zuges verschlungen. Anna ruft mir ins Ohr: „Jetzt sind wir unter dem Hudson. Beim nächsten Stop steigen wir aus." — Gott sei Dank! Eine solche Fahrt an einem solchen Tag kann einen verrückt machen, wenn sie lange dauert. Man möchte sich etwas Frohes .Liedes erzählen, ober bas Getöse verschlingt alles, unb bie Hitze betäubt einen.

Dann hält der Zug. Wir verlassen den Wagen unb steigen mit den andern die Treppen hinauf zur Oberwelt. Hier kommen wir nicht auf einen simplen Bürgersteig, sondern wir befinden uns in einer weiten Bahnhofshalle, in der uns überall Schaufenster mit verführerischen Aus­lagen begrüßen. Ich glaube, der Bahnhof nannte sich Lakawcmna-Station. Wir sind in Hoboken und haben seit der vorigen Haltestelle die Grenze zwischen Newyork und New Jersey überschritten. Der Hudsonfluß bildet hier die Grenze.

(»tortfeMuna folat.