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irr. 81

Beilage zur Fuldaer Zeitung

S. April

Manche Straße.

Von Franz Cingia.

Manch« Straße mutzt du du gehen Ganz von Schatten eingehüllt.

. Manche Stunde wird verwehen, Die dein Sehnen nicht erfüllt.

Wie voll Trauer ist dein Schreiten, Frohe Zeichen, siehst du nicht.

Laß die Hoffnung nie entgleiten, Einmal führt sie dich zum Licht.

W zahrkausend schaut in die Gegenwart.

Von I. Russell.

Bilder von deutscher Wanderschaft.

Dow Kreuzgang des Konstanzer Münsters führt eine _ leider meist verschlossene Tür in die ehemalig« Meuritiuskapelle. Darin steht eine Kostbarkeit gotischer Steinmetzkunst, lieblich wie «in Minnelied: di« ® e- jurt des Herrn. Ein kleines steinernes Rundge- häufe, in dessen Innerem als Symbol ein« hölzerne grabtruhe steht. An den Pfeilern und Säulchen, zwi­schen Arkaden und knospendem Randwert erzählt der Stein die Geburtsgeschichte Christi, von der Verkündi­gung bis zur Dreikönigsanbetung. Rührend ist die er­schöpft ruhende Maria, über ihr schwebt das gewickelte Ainülein, in dessen winziges Dasein Oechslein und Ese­lein schauen. An der Nachbarsäule lehnt Joseph an seinem Stab und schaut, aus angemessener Entfernung, mit ängstlich besorgtem Ausdruck zu Maria hin. Bei Hirtenbotschaft kriecht die blumige Wiese mit den weidenden Lämmern den Säulenstamm hinauf. Um die gewölbte Krönung stehen die Apostel.

Wie ein Blütenstrauß, durch Jahrhunderte hindurch duftend erhallen, ist dieses Gebilde aus zart angemaltem Stein, in dem deutsche Minne und Innigkeit lebendig wurde. .

*

An den Dachschrägen der Vierungstürme romani­scher Kirchen hocken vielfach Männlein aus grauem Stein. Die Beine gekreuzt, den Kopf auf die Haito ge­stützt, so verbrachten sie schon ein Jahrtausend. In dmnpfem Schlaf oder in lautlosem Horchen in das Wirr- sal der Zeiten, die um sie branden wie unruhevoll« Meere. Sie aber lassen die Segnungen der Sonne, die Kühl« des R«gens, den klirrenden Frost des Wint«rs stumm über sich ergehen. Manchmal sind sie fast begra­ben,wenn der Schnee sich aus dem Dachfirst häuft. Manch­mal scheinen sie geheimnisvoll zu lächeln, wenn der MoÄ ihre uralten gefurchten tzäuptlein umglänzt . . .

In Basel, in der farbigen Großartigkeit des Mün­ster», liegt unter dem Nordfenster des Chores Köni­gin Gertrud Anna, die Gemahlin Rudolfs von Habsburg, mit chrem Söhnlein Karl unter köstlichem gotischen Grabmal. Wie lebendig spürt man, daß sie so nchen muß, die Königin und Mutter, in herber Ein- stnnkeit, geschieden von ihrem im Tode vorangegange­nen Knäblein durch die schlanke Säule eines goti­schen Arkadenbogens. Aber die Mutternähe läßt woh­lig des Knäbleins Antlitz lächeln und leuchten. Seine kleinen Hände liegen kreuzweise auf der Brust, und die Füßchen stehen auf dem Rücken eines drolligen gutmütigen Löwen, der das Habsburger Wappen trägt. Cs liegt die schöne Stille eines unstökbaren Schlafes >^«r dem Grabmal. Man möchte einen Wiesenstrauß darauf legen, so wie man Lebenden Blumen bringt.

*

Wie Teppiche das Braungrau einer Wand auflüsen können, um tausendfälliges Leben in den Raum zu tra- -M, so blühen die Glasfenster des Straßbur­ger Münsters aus der schmalen Umrahmung des »ewändes. Ja, sie sind die eigentliche Wand, der Stein m nur die Stütze. Milder und doch glutvoller leuchte­ten nie Farben. Hier webte die Sonne selbst mit an glänzenden Gespenst, das da in Farbe und Form.

neuer Gebarung, uraltes, sagenhaftes Leben ^wet. Sind «s die Kaiser, die schicksalsvoll Krone *r dzepter tragen, ist es die lebendige Geschichte Jesu feiner Heiligen immer ist es nicht eintöniges

Das Gist.

Roman von William Le Oueux. 171 ,

Mott des bisher abgedruckten Romanabschnitte».

Den Mittelpunkt bef Handlung bildet die Aufklärung eines geheimnisvollen Vorfalls, den «m junger englischer Ingenieur namens Gar- lteld eines Abends im Haufe des Londoner -wlltonörs D e Gex erlebte. Gabriele ^-ngledue, die der Millionär als feine Nichte »usgibt, stirbt an dem fraglichen Abend angeb* an einem Herzschlag. In Wirklichkeit ist noer Gabiele nicht gestorben. Sie wird einige . später in völlig erschöpftem Zustand auf auf einsamer Landstraße aufgefunden. Das Selt- ' 'ft, daß sie seit dieser Zeit ihr Gedächtnis enorenhat. Auch bei Garfield zeigten sich nach seltsamen Vorfall ähnliche, wenn auch nicht Iltarke Erscheinungen. Sie sind, wie sich später o rausstellt, die Wirkung eines geheimnisvollen hm3».- ®arf:'elb sucht nun unter allen Umstcin* n Sache aufzuklären. Er reist zu «s? Zwecke nach Florenz, wo De Gex einen l^j^nersitz hat, nach Paris und Madrid. Es ge- d»Är allmählich immer mehr Licht in die r,,_ "5 Angelegenheit zu bringen. Immer kla- hnft ef' daß De Gex ein gewissenloser Schuft, ten °'.ner Verbrecherbande ist. Im letz- einomQ?l.e linden wir Garfield zusammen mit frnn?xr?Jfannten Madrider Detektiv in der anh?r°»n1senN'mes, wo De Gex mit zwei bat dunklen Elementen eine Zusammenkunft len 9r,.e und Genossen gelingt es, im letz- GiirimUcrn6 tcfr 9er Verhaftung zu entkommen. 3Ur.-A -a9e später kehrt Garfield nach London er Gabriele und ihrer Mutter seine mad)t. Auf seinen Rat bringt bte futfutnn , rer Achter Gabriele zwecks Unter* ®SiiePi3h«CJn»nJ de^hmten Professor nach Lyon. _wnel° begleitet sie auf dieser Reise.

ft ©abrier um 3 erschien ich am nächsten Tage »r», bas und deren Mutter im Hause des Profes- en aus einem Hügel in Rosen und Geranien

Aufzählen von Daseinstaschen und Wirklichkeiten, im­mer bricht der Himmel selbst mit seinem Licht durch alle Begebenheiten, macht Leuchtendes leuchtender und er­höht den glühenden Zauber seltsam verschlungener Er­zählungen. Und nicht nur im Glase selbst, das die Gewände durchbricht, lebt dieser doppelt lebendige Geist. Er webt und wirkt auch auf der Käste des Bodens, auf den er feine bunte Lichtflut wirft und so zum an­deren Male sein warmes Leben auferstehen läßt. Wun­dersam , wenn am Abend Erwins Rosette ihren zit­ternden Zirkel in den Raum wirft und man nicht nur mit Füßen dtHH diese Segnung schreitet, sondern der ganze Mensch sich von if),t umfangen lassen kann. Aber auch die Heiligen auf ihren Sockeln haben manchmal ein neckisches Buntflecklein auf ihren Gewändern oder wie ein Zeichen der' 'Weihe ein offenbarendes Blau auf ihren Stirnen.

Das frühe Mittelalter, dessen Formgefühl sich im allgemeinen noch nicht in der Dreidimensionalität der Plastik erlösend ausdrückte, sagte im Ornament das We­sentliche seiner Seele aus. Und vor allem sind es die Säulenkapitelle, die dazu angetan sind, diese Orna­mente aufzunehmen. Wir sehen da eine Linienpracht, die anfangs erst keusch und verhüllt, symbolhaft von den Dingen der Natur redet. Vöglein und Pflanzen sind Teil« von Teilen entnommen. Ein Schnabel pickt vom unteren Ende eines Blattes an «ine Beere, die doch keine Beere ist, sondern nur Kugel. Menschen mit Froschhänden und gnomenhaften Gestallen Hüpfen durch Gewinde von leblosem Gesträuch. Dämonische Gebilde, Traumgesichtern gleich, verschlingen sich im Reigen einer entgöttert scheinenden und noch gotterfülllen Welt. Alles ist Geheimnis. Aber es löst sich immer mehr, nicht in der Enthüllung und flächenhaften Austeilung eines unheiligen Handelns, sondern mit dem Zeichen der in die Tiefe. Höhe und Weit« wachsenden Offenbarung.

Es zeigt sich nun das wahrhaft lebendige Leben. Nicht nur, daß Blüten und Blätter, wie sie draußen in Wald und Garten blühen, nachgebildet werden. Sie leben und handeln wie füh'<-bc \ rD» Wind streicht durch sie hindurch, sie blähen und bauschen sich. Sie sind zornig und wild, flüstern und lispeln, rascheln und singen. Sie sind so wunderbar beseell, daß man verstehen kann, daß neben ihnen zwillingshaft gleich­sam menschliche Gestalten geboren werden konnten, wie sie z. B. im Westchor des Naumburger Domes ihr beredtes Dasein führen.

*

Alle Wege müssen zu ihr führen und gingen sie auch durch Unheil und Nacht. Sie ist das Licht, das zu Ende der dunklen Gänge leuchtet, das aus den La- byrinnchen hinausführt. Es gibt plötzlich keine Enge mehr, die unsere Brust umschließt. Alles ist Weite und Licht. Und warum? Weil wir ihr Lächeln spüren: das gesegnete Jungfrau-Mutterlächeln der Madonna der Geburt von Grünewalds Jsenheimer Altar. Wir fühlen es auf unsere Leiden, auf die Unfähigkeiten und Ungenügfamkeiten unseres Lebens niederrieseln wie sü­ßer Tau. Wir sind nichts anderes als das Kind, das in ihren Händen liegt, dessen Blick chrem reinen Blick begegnet. Die Heiligkeit ihres Lächelns, durch das sie erst ihr Dasein hat, ist so groß, daß es di« ganze Welt um sie her bestrahlt, daß die Berge hinter ihr auf- schimmern wie Gefilde einer ewigen Landschaft, daß der Himmel aufbricht, um huldigend auf sie herabzufluten, daß die Rose an ihrer Seite blüht, als habe Gottes Finger sie eben angerührt. Selbst ihr lichtdurchflochte- nes Haar weiß von dem Leuchten ihres Wesens, und in den rieselnden Falten ihres Mantels wohnt alle Wohltat des Trostes für den Unglücklichen, der nichts ersehnt, als sich in die mütterliche Güte ihres Gewan­des zu schmiegen.

Schlsssgeschwindigkelkeu einst und jetzt

Don Kapitän Emst

Wenn heute der von Thomas Cook u. Sohn beför­derte Vergnügungsreisende nach Alexandrien kommt, dort mit dem bereitstehenden Schnellzug nach Kairo und dann mit einem der Fluß-Raddampfer nflaufwärts fährt» so wird er Eingeborenen begegnen, die den Strom mit Fahrzeugen aus Papyrusschilf kreuzen.

Mit dieser Begegnung werden sechs Jahrtausende überbrückt. Forschungsdrang und Zufallsgeschehen ver­mitteln uns im Bilde der Brandungswelle der Men­schentaten ewigen Ablauf und stete Wiederkehr. Die Po­lynesier wagten sich mit ihren Pirogen aufs offene Meer, als die Menschen des Nordens vielleicht noch in der Steinzeit lebten. Aber noch heute segeln die Men- tvwei-Insulaner mit ihren Praus ausgehöhlten Baumstämmen die Küste entlang, noch heut« bauen sich die Nikobarer ihre Geisterfchiffe aus drei langen Baumstämmen zurecht, und während unser Wassersport* ler seinen handlichen Motor anwirst zur Wochenend­fahrt, mühen sich die Fischer der Ceylonküfte ab, um ein, aus zusammengebundenen Baumstämmen verfer­tigtes Floß durch die Brandung zu bringen.

Solche Betrachtungen sind wichtig für den Begriff der vom Menschen stetig weiter entwickelten Technik, find wichtig in einer Zeit, in der dasTempo! Tempo!* als Kampfruf und Forderung güt, in der die Schnel­ligkeitsleistungen eines Verkehrsmittels als Maß für den technischen Erfolg genommen werden.Wieviel Kilometer macht dieser Kraftwagen in der Stunde, oder jenes neueste Flugzeug? Wieviel Knoten läuft der neu­lich gebaute Schnelldampfer?" Das sinddie Fragen, die den Menschen unserer mechanisierten Kultur beherrschen.

Sehen wir uns auf dem für die heutige Weltver­kehrswirtschaft wichtigen Beförderungsmittel um: dem Seeschiffe. Prüfen wir, ob die Steigerung seiner Ge­schwindigkeit in Einklang zu bringen ist mit dem Zeit­raum, der für die technische Entwicklung der Schiff­fahrt in Betracht kommt. Er kann nicht genau festge­legt werden. Wir nehmen das dritte Jahrtausend als Anfangspunkt an. Aus der Zeit des ägyptischen Kö­nigs Suofru (28402816) sind uns ziemlich sichere Nach­richten über den Seeverkehr seiner Schiffe nach der

Römer- Kiel.

phönikischen Küste und zurück erhalten. Schiffe, welche die See zu halten vermochten, nach schiffsbaulichen Grundsätzen angefertigt waren, wie wir sie im Rohen noch heute anwenden. Durch bas Segel und die Armkraft der Ruderer bewegt.

Wie schnell kamen sie vorwärts? Zur Messung von Fahrtgeschwindigkeit gehören Zeitbestimmung und Streckenmaß. Beides war im Altertum allerorten von dem heute Gewohnten so verschieden, das uns Ueber- konnnene, so wenig zuverlässig, daß man di« Schätzung von Geschwindigkeiten nur im groben Mittel und an Hand einer langen Reih« von geschichtlichen Angaben vornehmen kann. Jene ägyptischen Schiffe nun, die Ze­dernholz von der phönikschen Küste holten, werden durch- fchnttliche Geschwindigkeiten von 34 Seemellen in der Stunde erreicht haben (eine Seemeile mißt 1852 Me­ter), Leistungen, wie sie heute für unsere kleinen Fracht­segler zutreffen.

Von den Schiffen der Griechen Meistern im an­tiken Schiffbau! werden im Laufe der Jahrhun­derte Höchstgeschwindigkeiten von acht Seemeilen, durch­schnittlich van vier bis sechs Seemeilen berichtet. Die Normannenschiffe, die um 900 n. Ehr. an die Gestade von Nordamerika gelangten, können bei gutem Winde neun Seemeilen geschafft haben.

Kommt das Mittelalter. Im Jahre 1525 sollen zwei Karaoeilen, di« Schiffe des Kolumbus, eine Strecke von 4000 Seemeilen in 25 Tagen durchsegelt haben: das ergäbe eine durchschnittliche Tagesleistung von 160 Meilen 6% Meilen pro Stunde. Eine so unerhörte Leistung für die damalige Zeit, daß man den Angaben des Geschichtsschreibers freilich mit Zweifel begegnen muß.

Kapitän Cook dagegen in dem sich Ueberliefe- rung und wissenschaftlich Errungense mit persönlichen Fähigkellen so glücklich vereinigten, daß man von ihm die Begründung der heutigen seemännischen Kultur her- leiten kann, Cook schreibt in seinen Reiseberichten von 1776 über ein Durchschnlltsetmal von 107 See­meilen während 32 Tagen (4,5 Meilen pro Stunde). Das fft auch die Durchschnittsleistung der heutigen

Ozeansegler. Der brave Nettelbeck, Gneisenaus treuer Kampfgenosse, der ein ungewöhnlich tüchtiger und ge­schickter Seeman war, erzähll uns von seiner schnellsten Reise, die er als Kapitän je gemacht hat: Im Jahrs 1781 lief er von Dover nach Lissabon in vier Tagen. Das ergibt gleichfalls eine stündliche Geschwindigkeit von 4,5 Seemeilen im Durchschnitt.

Um 1850 war der Dampfer bereits eine alte Erschei­nung. Seit Ausgang des 18. Jahrhunderts gab es Dampfschiffe auf Binnengewässern, 1819 überquerte das erste Schiff mit Hilfe einer Dampfmaschine den Atlan­tik, feit 1838 verkehren regelmäßige Dampferlinien zwi­schen England und Amerika. Doch es vergehen fünf Jahrzehnte, ehe diese Kohlenfresser die Höchstleistungen der beschwingten Segler überbieten können! Um 1830 etwa beginnt jenes goldene Zeitalter der amerikanischen und englischen Schnellsegler, der Klipper, deren Rekord- reifen jeder Seemann der alten Schule als heilige Ueberlieferung einer großen Zeit bewahrt. Die Zahl ihrer Namen ist Legion. Es wurden von ihnen Tages­leistungen erreicht, die einer stündlichen Durchschnittsge­schwindigkeit von 17 Seemeilen, das sind 31,5 Kilo­meter, entsprachen und damit älteren Passagierdamp­fern durchaus an die Seite zu stellen sind. Diese hel­dische Zeit erlebte gewissermaßen ihre Renaissance in den berühmten Salpeterseglern der Hamburg« Ree­derei Laeisz. Deren größtes und bekanntestes Schiff, der Fünfmaster Preußen, segelte im Jahre 1903 vom Westausgang des Englischen Kanals bis nach Nord­chile in 57% Tagen. Eine mittlere Reife hingegen wird zu neunzig Tagen gerechnet.

Dem 1893 erbauten englischen Schnelldampfer Lu- cania ermöglichten seine Maschinen eine Geschwindig­keit von 22 Seemeilen; der deutsche Schnelldampfer Kaiser Wilhelm der Große (Stapellauf 1897) kam auf 22,5 Seemeilen, die Deutschland drei Jahre später erbaut soll über 23,5 Meilen erreicht haben.

Und jetzt besitzen wir in den Schnelldampfern Bre men und Europa des Norddeutschen Lloyds mit 28 Meilen Siunden-Geschwindigkeit die schnellsten Perso- nendampser der Erde. Das bedeutet: innerhalb rund 36 Jahren konnte die Fahrtgeschwindigkeit derartiger Schfffe um rund 27 v. H. gesteigert werden! Das be­deutet ferner, daß zwischen den Höchstleistungen von Segelschiffen der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts und denen der modernsten Schnelldampfer Unterschiede von nicht mehr als 10 Seemeilen liegen. Vor dein Weltkriege besaßen wir bereits Torpedoboote mit 33, klein« Kreuzer mit 27 Seemeilen Stundenleistungen; die Geschwindigkeiten beider Typen konnten nach 15 Jahren um nicht mehr als 1,5 beziehungsweise 2,2 v. H. gesteigert werden.

Diese Darlegungen besagen, daß die Möglichkeiten der Geschwindigkeitssteigerung auf weite Sicht ihre technischen und wirtschaftlichen Grenzen gefunden ha­ben. Technisch, in schiffbau- und maschinenbaulicher Hinsicht, wirtschaftlich, weil jede nennenswerte maschi­nelle Leistungssteigerung falls sie denkbar und durchführbar wäre einen so unverhältnismäßig hö­heren Verbrauch an Brennstoff (Kohle oder Del) er­fordert«. daß sich dies eben aus Gründen der Rentabi­lität von selbst verbieten würde. Die Darlegungen be­sagen ferner, dah hier jenem Geschwindigkeitswahn der Menschen von feiten der Natur ein gebieterisches Halt entgegengeftellt wird. Und besagen schließlich, daß wir im Andrang der Tagesereignisse, in dieser raschlebigen, ruhelosen, sensationslüsternen Zeit nicht der in der Ver­gangenheit geschaffenen Werte vergessen sollten. Vor allem nicht in der Schiffahrtsgeschichte. Denn das Welt­meer, das im Anfang war, überdauert in den ewigen Atemzügen feiner Gezeiten die Kulturen von gestern und heute...

, Der Astronom.

'Skizze von Erwin Sedding.

In Sönlangen verließen so viele Fahrgäste den Zug, daß Wak für sich und (eine Tochter ein ganzes Abteil zurück befielt.

Er wollte aus dem Fenster sehen, aber die Scheiben waren trüb vor Nässe. Wak dachte an jene Reise, da er Maria zur Hochzeit beglellet hatte. Das war auf der­selben Strecke gewesen, vor knapp einem Jahr. Wie die Sonne damals geschienen hatte.Bereust Du, mich in

eingebettet lag. Ein schweigsamer, alter Diener führt« uns ins Haus.

Gleich nachher erschien auch der Professor und mu­sterte die Kranke mit scharfem Blick.

Würden Sie mir gestatten, Madame, Ihre Tochter in mein Ordinationszimmer zu führen?", fragte er Frau Tennison.Es ist am besten, wenn ich sie ohne Beisein anderer'Personen ausfrage."

Gewiß", erwiderte Frau Tennffon und fügte, zu Gabriele gewendet, hinzu:Der Herr Professor möchte einige Fragen an dich richten willst du nicht mit ihm in das anstoßende Zimmer gehen?"

Gabriele nfarf mir Anen fragenden Blick zu und folgte dann denn alten Herrn in das Ordinationszim­mer.

Durch das Fenster des Zimmers, in dem Frau Tennison und ich schweigend warteten, drang ein süßer Duft von Rosen und Jasmin. Ich stand auf und blickte in den Garten hinaus, der wunderbar gepflegt war; der Pro­fessor schien ein Rosenliebhaber zu sein, denn überall sah man blühende Rosenstöcke.

Plötzlich hörten wir durch die geschlossene Tür Gu- brielens erregte Stimme, di« ausrief:

Nein das war es nicht. Warum wollen Sie mich einer solchen Tat beschuldigen?"

Verzeihen Sie, Mademoiselle", hörten wir den Professor ruhig erwidern,ich beschuldige Sie nicht, ich habe bloß eine ganz einfache Frage an Sie gestellt."

Ihre Frage ist beleidigend, Herr Professor", er­klärte Gabiele erregt.Wie können Sie mir etwas Derartiges zumuten?"

Mademoiselle, ich mute Ihnen ja nichts zu", gab der Professor zurück.Ich will nur Ihren Geisteszu­stand feststellen. Doch Ihre Empörung ist ein gutes Anzeichen. Ich bitte tausendmal um Vergebung, wenn sie sich beleidigt fühlen sollten", fügte er in seiner höf­lichen Art hinzu.

Nach einer kurzen Pause hörten wir, wie er sagte:

Wollen Sie mir bitte Ihre beiden Hände geben und mir in die Augen sehen."

Ein längeres Schweigen folgte.

Wir hörten den Professor seufzen, doch er sagte nichts.

Die Untersuchung dauerte fast eine Stunde. Er stellte vielerlei Fragen an Gabriele, um ihr Gedächtnis inbezug auf die Vorfälle aufzufrischen, doch vergebens. Diese Fragen schienen sie zu quälen, denn plötzlich rief sie laut aus:

Nein, das halte ich nicht aus! Sehen sie sehen Sie doch da ist es wieder! Alles ist rot, qrün und goto!"

In atemloser Spannung lauschten wir, doch alles, was wir hören konnten, war «in hoffnungsloses Seuf­zen des Professors, das uns mehr sagte als Wort«.

Wir wußten, daß Gabrielens Fall hoffnungslos war, auch für den einzigen Menschen in ganz Europa, der die Folgen des Orosins kannte, und dem es in zwei Fällen gelungen war, eine Heilung herbeizuführen.

Schweigend blickt« ich Gabrielens Mutter an; sie mußte meine Gedanken erraten haben, denn die Trä­nen liefen ihr über die bleichen Wangen.

Wir wußten, wie wir daran waren unsere Reise war umsonst gewesen.

Dieser Gedanke ließ mich in ohnmächtiger Wut ge­gen De Gex und seine Spießgesellen die Zähne zusam* menbeißen. Ich war entschlossen, ihnen die Mask« vom Gesicht zu reißen und das unschuldig« Mädchen, das ich so innig liebte, zu rächen, und sollte es auch mein Le­ben kosten!

2 4. Kapitel.

Ein weitere» Rätsel.

Die erjte Woche August war in London ungc^2yr.= lich heiß und ttocken.

Gabriele und Frau Tennffon waren in Lyon geblie­ben; denn Professor Gourbell hatte den Vorschlag ge­macht, die Kranke durch einige Wochen in seiner Be­handlung zu belassen. Zwar halle er keine Hoffnung auf eine Genesung: die Dosis Drofin, die man ihr bei­gebracht hatte, war seiner Behauptung nach größer als jene, die mir De Gex damals in jener Schreckensnacht in mein Glas geschüttet hatte.

Mein Kollege Harry Hambledon war noch immer beim Polizeigericht in Hammersmith beschäftigt und hatte es schon zu einem guten Namen gebracht. Vor kurzem hatte er sich ein kleines Zweffitzerauto gekauft und führte

. an jedem Sonntag Nora in die Umgebung hinaus. Auch mich hätte der Autosport gelockt, doch bei den schweren Auslagen, die ich in letzter Zeit gehabt hatte, konnte ich es mir nicht leisten. Außerdem hatte meine Firma eben einen großen Auftrag in Chichester übernommen, und ich war daher fortwährend auf der Reffe zwischen Lon­don und Chichester.

Jedenfalls mußte ich meine Arbeit zur Befriedigung meiner Firma erledigt haben, wenigstens nach dem reich­lichen Urlaub zu schließen, den sie mir gewährt hatte. Doch meine Gedanken weilten stets bei Gabriele, die ich aus ganzem Herzen liebte.

Wir schrieben uns häufig. Manchmal schrieb mir auch Frau Tennison aus der kleinen Pension in der Rue Paul Bert m Lyon, doch ihre Briefe waren immer recht verzweifelt. Die arme Gabriele war immer noch im Gleichen; sie hatte noch immer kein Interesse für das, was um sie vorging, und rief immer wieder jene ge­heimnisvollen Worte:Rot, grün und goto!"

Auch ich war ganz verzweifelt und ließ den Kopf hängen. Mehr als einmal kam ich an dem Haufe in der Stretton vorbei; die Jalousien waren herabgelafsen; denn das Haus war seit dem Winter geschlossen, nur der Verwalter wohnte dort.

So oft ich an dem Haus vorbeikam, mußte ich daran denken, wie damals in der Nacht der Diener Horton auf mich zugekommen war und mich flehentlich gebeten hatte, zu feinem Herrn zu kommen. Nun sah ich auch, wie schlau der Plan ausgedacht gewesen war em Plan, der nur einem genialen Hirn entsprungen sein konnte.

De Gex Anllitz verfolgte mich in meinen Träumen. Zugegeben, er war em Finanzmann, der das Geschick Europas leiten konnte aalglatt, lächelnd und von en- gemein gewinnendem Aeußern; doch weshalb Snzor ab­sichtlich die Bekanntschaft mit mir gesucht, und deshalb man mich hernach in jenes geheimnisvolle Haus gelockt hatte, das waren zwei Punkt«, deren Zweck ich nicht er­fassen konnte. .

Als ich fp eines Abends zu später Stunde wieder an dem Hause vorbei kam, sah ich zu meiner Ueber-as-bunz vor dem Tore niemand anderen stehen als De ®e$ in ei­gener Person, der im Begriffe war, in sein Auto zu ste».