80.
-SN 5 April 1930.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda.
Parlamentarismus und Arbeitslosigkeit.
as schwierigste Problem. — In -em Ringen um ein Lösung.
«an besonderer Seite wird uns geschrieben:
-y ^hr und Tag arbeiten die Parteiführer, ^icbleute und Spezialisten der Fraktionen an Mkma des schwersten Problems unseres Wirt-- Gebens, der Arbsir?losenfrage. Die Anzeichen zur stetig steigenden Arbeitslosiq- machten sich sofort nach der Inflation bemerk- st» Mt den Jahren stieg die Ziffer zu einer be- “r- laenben Höhe. Unzählige Male berieten das m,ent. die wirtschaftlichen ebenso wie die ge- chastlichen Organisationen die Problemlösung.
gelungen, die einzelnen Auffassungen ein- . „Sher zu bringen, da zuviel politisch gedacht ra. «nb nur selten wirtschaftlich.
Niemand hat ein Interests daran — vor allem a nicht die deutsche Wirtschaft — irgendwie die Zungen der Arbeitslosenrersicherung etwa ab- TZL ^er vermindern zu wollen. Das kam aus ün bisherigen Debatten recht deutlich zum Aus- so daß über diese Punkte nicht gesprochen merben muß. _
Als in den letzten Seprembertagen des Jahres E schon einmal eine Kabinettskrise wegen der «rbeitslosenoersicherung dichte, hatte man geglaubt, daß sich späterhin bei sachlichem Studium Reformprobleme eine Verständigung unter den «chteien über die zweckmäßigste Neugestaltung des Arüeitslosenversicherungsgesetzes erzielen lassen ■ Iber der Streit entbrannte noch heftiger Er führte schließlich zu dem Sturze des Kabinetts I-eMnn Müller. Nun ist erst recht dieses Pro- k Lem in den Brennpunkt des politischen, aber auch mstschaftlichen Geschehens gerückt. Man sagt so- qar, daß es wohl in Bälde so etwas wie eine Wahl- ■ paröle darstellen wird. Vorausgesetzt, daß die MÄiner des neuen Kabinetts auch nicht in der Lage sein sollten, neben der Sanierung der öffentlichen x Kya^en gerade besonders die Sanierung der Arbeitslosenversicherung durchzuführen.
, Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat schon Whi»l in einem Wahlkampf eine Rolle gespielt.
Nicht bei uns, sondern in England. Dort trat b« Labour Party mit einer ganz entschiedenen k Parole zur Besserung des Notstandes infolge der Arbeitslosigkeit auf und brachte eine bedeutende
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F Mehrheit des Volkes hinter sich. Aber als es dann ' ans Regieren ging, erwies es sich bald, daß trotz g der Errichtung eines Ministeriums für Arbeits- V losenfragen so gut wie garnichts gebessert werden r konnte. Denn man ging auch in England nicht t m den Kem des Uebels heran.
Meiches dürfte sich auch bei einer W a h l - Lparo'le mit der A r b e i t s l of e n f r a g e k für Deutschland ergeben. Man könnte mit Schlagworten, mit Versprechungen, unter Umständen < Zahlenmäßige Erfolge buchen. Was wäre damit «reicht? Ein gewisser Eriolg für die oder jene Partei, die Arbeitslosigkeit bliebe bestehen, wenn
Nicht reformiert wird, und zwar unter gerechter Berücksichtigung der Interessen der Arbeitnehmer wie der Wirtschaft. Man kann hier nicht mit Parteipavolen an das Reformwerk Herangehen. Deine Gestaltung erfordert ruhige Ueberlegung, ; M zielklares Urteilen und Wollen.
Die Arbeitslosigkeit ist übrigens in bergan- zen Welt heute wahrzunehmen. Auch reichere «Mer, selbst das hochkapiralistische Amerika lei- GMtwter ihr. Sicherlich sind in jedem Lande
die Quellen dieses Uebels verschieden. Wesentlich tragen zur Arbeitslosigkeit die die einzelnen Staaten von einander trennenden hohen Zollmau- ern bei, die die freie Entfaltung der Wirtschaft unmöglich machen. Dazu kommen innerpolitische Probleme der verschiedensten Art, die in der Hauptsache in der Wirtschaftsgestaltung des einzelnen Landes liegen.
Wenn wir nach den Ursachen inDeutsch- l a n d forschen, so müssen wir zuerst einmal zehn Jahre zurückblicken, den Versailler Vertrag durchstudieren, durch den wertvollste Wirtschaftsgebiete willkürlich vom Mutterlands losgetrennt worden find; die Malsenabwanderunq aus dem abgetrennten Ostpreußen nach dem Westen, Vermehrung der Arbeitsuchenden und gleichzeitige Erhöhung der Arbeitslosenzisfern, alles Folgen des Zwangsdikiates. Das Heer, das im Frieden Hunderttauiende von jungen Menschen aufnehmen konnte, fehlt heute ebenfalls. Dann kam die Inflation, deren Folgen viele zwang, sich wieder einen Erwerb zu suchen. Daß überdies die Geburtenfrage ebenfalls eine wesentliche Rolle bei der Beurteilung des Arbeitslosenproblems spielt, braucht nicht weiter erwähnt zu werden. Wir müssen eben die Tatsache ins Auge fassen, daß über 30 Millionen heute das Heer der Arbeitenden bevölkern, daß von der ganzen Bevölkerung über 30 v. H. erwerbstätig sind.
Jeder Gesetzgeber sieht sich nun vor die Ausgabe gestellt, dieses Heer der Arbeitenden in den gesamten Wirtschaftsprozeß einzugruppieren, und zwar so, daß sowohl die Produktion als solche nicht nur erhalten bleibt, sondern noch gefördert wird, daß weiterhin aber die Arbeitenden auskömmliche Bezahlung erhalten. Da beginnen schon die Meinungskämpfe, setzen die Sachverständigen mit ihren Vorschlägen ein. Man hat in der Kesebgebunq. was unbedingt notwendig war, zuerst danach tra d- ten müssen, angesichts der großen Zahl und der sich stetig mehrenden Arbeitslosen, daß diesen ohne ihr Verschulden aus der Arbeit gekommenen Menschen geholfen wird. Das geschah durch die Versicherung. Damit hat man jedoch nur die eine Seite des Problems gelöst. Man mußte helfen und half. Wenn auch die Mittel, die den Arbeitslosgewordenen zur Verfügung gestellt werden, nur sehr gering sind, belasten sie immerhin die Wirtschaft und auch die öffentlichen Kassen. Im letzten Sommer ging man daran, nach Sanierungsmaßnahmen, nach bessernden Reformen zu suchen. Möglichkeiten dazu sind in der Tat viele gegeben. Einzelne Reformen wurden beschlossen und auch schon durchgeführt. Sie haben sich in der Praxis bewährt. Der Weg muß weiterführen. Man muß dazu übergehen, die Verwaltung der Reichsanftalt für Arbeitslosenversicherung mehr als bisher eine Selbstverantwoctung zu geben für die durchzuführende Sanierung. Dann kommen verschiedene Ersparnismöglichkeiten unbedingt in Frage. Denn auch der Verwaltungskörper der Reich sanft alt muß mitgutem Beispiel voranaehen, muß zeigen, daß er von seinen Selbstbestimmungsrecht nicht nur Gebrauch macht, sondern daß er benutzen will, um selbst zu sparen, eigene Reformen ein- und
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durchzusühren. Daran hat es bislang gefehlt. Ein übertriebener Bürokratismus herrschte, der schablonenmäßig arbeitete, der nicht von dem Schema abriicken wollte. Man hatte sogar Angst vor der Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes, man witterte Gefahren, wo wirklich keine vorhanden sind. Das nennen wir eine kurzsichtige Politik, die unbedingt zu beseitigen ist.
Auch praktische Weg», die Arbeitslosengefahr in etwa zu hemmen, wurden in den letzten Jahren gemacht. Man schritt zu N o t st a n d s a r b e i t e n. Dadurch wurden allerdings neue Möglichkeiten zur Unterbringung von Arbeitslosen geschaffen. Aber sie halfen nur einseitig wieder. Denn sofort mußten auch die Gelder aufgebracht werden, damit diese Arbeiten finanziert werden konnten. Und diese Gelder kamen nur wieder aus der Wirtschost selbst, wurden also einem anderen, vielleicht viel vorteilhafteren Produktionsprozeß entzogen. Ue- berdies ist auch bei diesen Notstandsarbeiten nicht unberücksichtigt zu lassen, daß sie — weil sie ja öffentlicher Verwaltung unterstehen — auch wieder große Verwaltungskosten verursachen, wozu dann noch psychologische Hemmungen und Störungen treten.
Aber die Lösung der Arbeitslosenfrage muß nun endlich gefunden werden. Wir halten im Grunde genommen von staatlichen Maßnahmen nicht sehr viel. Es gibt dafür praktischere Wege. Diese müssen begangen werden von denen, die am meisten an der Sanierung der Arbeitslosenversicherung interessiert sind, also gemeinsam von den Arbeitnehmern und von den Wirtschaftsvertretern. Denn man hüte sich vor Experimenten. Wenn die Arbeitslosenziffer in Deutschland sinken soll, dann ist das die erste Voraussetzung, daß nicht den Arbeitslosen durch Unterstützungen geholfen wird, sondern daß sie wieder in die Wirtschaft, eingruppiert werden, mstgestalten helfen. Deshalb muß der Staat 'zuerst der Wirtschaft selbst die erforderliche UnteAtützung gewähren, sei es aus dem Wege der Steuersenkungen oder einer anderen Entscheidung, dann wird sie wieder auf ein» gesunde Basis gestellt und kann neue Kräfte in den Produktionsprozeß einstellen. Diese Entlastung ist Grundbedingung für die Sanierung.
Viel wird unseres Erachtens davon abhängen, wie die neue Regierung, von der wir hoffen, daß sie nicht nur ein kurzes Dasein ftisten wird, die Lösung des Arbeitsloscnproblems anpackt. Sie muß ein bestimmtes Programm aufftellen, ein Programm, über das sich in friedlichem Gedankenaustausch dann Arbeitnehmer und Arbeitgeber unterhalten können, zu dem sie weiter Vorschläge machen sollen, wie sie sich aus der Praxis heraus eine zweckdienlichere Lösung vorftellen. Nicht gegeneinander, sondern füreinander, heißt auch hier die Parole. Die Vereinigung derDeutschen Arbeitgeberverbände haben dieser Tage ihre Vorschläge zur Reform der Sozialversicherung veröffentlicht. Wenn vielleicht auch der Zeitpunkt zu früh erscheint, so sind doch die Ausführungen der Denkschrift sehr wertvoll für die Zukunftsarbeit. Es heißt darin, daß nicht das Ziel verfolgt wird, dfe Sozialversicherung zu beseitigen, deren Wert und Notwendigkeit aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gründen durchaus anerkannt wird, sondern daß lediglich ihr Zweck ist, die deuffche Sozialverficherung.Zzen national- wirtschaftlichen Notwendigkeiten anzupassen, dainft sowohl der Wirtschaft als auch der Arbeitnehmer- schaft in gleicher Weile wirksam geholfen werden
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kann. Wir würden es begrüßen, wenn aus den Reihen der Arbeitnehmerschaft diesen Vorschlägen auch die ihren folgten, damit dann für die Gefetzgebung selbst eine Basis geschaffen wird, auf der dann die letzte Verständigung und damit die eigentliche Reform gesingen müßte.
Bilder vom Tage.
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Prof. Heinrich Wölsflin, der berühmte Kunsthistoriker, hat nunmehr die Einladung angenommen, an der Berliner Universität im Sommersemester Gastvorlesungen zu halten. Die Kunstwelt verehrt in Wölfflin den hervorragendsten Kenner der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, barüber hinaus einen der grundlegendsten Theoretiker der Kunstäthetik.
Nahas Pascha,
Aegyptens Ministerpräsident, führt jetzt in London die englisch-ägyptischen Verhandlungen, deren Zweck die Z u r ück z i e h u n g der e n g l i s ch en Truppen aus dem Niltal ist, wofür Aegypten England die Kontrolle des Suezkanals garantieren will.____________________________________________________
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Reise-Erinnerungen
Fr. Donatus P f a n n m ü l l e r, Fulda
yr^l9 ist, daß unser Schiff heute immer dort ® Wasser tiefe Löcher sind. Und um uns her Hellen und haben weiße Schaumkämme. Auch , ^echf frisch. Die Wellen sind gar nicht hoch. ■n "Lsich" bis zuin höchsten Wellenkamm schätze drei Meter Unterschied. Trotzdem verspürt schaukeln des Schiffes recht deutlich. Ein paar len schnell an die Reeling, stützen den Kopf in Und opfern — nicht dem Meergott, sondern öte rings um das Deck läuft. Der Schiffs- yter die Wache hat, füllt gleichmütig einen . .'Ier an einer der Deckleitungen und spült e ms Meer.. Die Frau Pastorin aus Wiscon- °uf einer Bank und schaut mit einem son- stchtsausdruck in die Ferne. Ich sage zu ihr: >a ein so nachdenkliches Gesicht?"
l nicht Hinsehen — ich darf nicht Hinsehen", ist > »sonst muß ich auch an die Reeling."
Lj? paarmal auf Deck hin und hergegangen itfn .iT bQS Gefühl, als ob mir von unten her ,n ,.®en Leib gestoßen würden, als ob Hirn “Einigen wollten. Da fetze ich mich 6*>Unh Ud--n Ur|b roarte, bis dieses dumme Ge- "Mikb v11 ’ft" —' ®°, nun wollen wir einmal i Don Seekrankheit unterkriegt. Ich gehe so die 'k r un,cr Revier reicht, und stelle mich ’nS und betrachte mir das aufgeregte L?° Se jede Bewegung der Wellen, sehe sie en >,^^^lellen. Die Woge, die am Bug des a f7'mng ^6 wälzt sich vom Schisse, fort, ba^toV^1 ?"igegen. Dort, wo sie sich tres- j>. Hasser jauchzend und zu Staub gewor- erfrfi .Um sind grün, „dickflüssig" möchte ich ^Reinen mir wie flüssiges Metall oder wie r m ^re Bewegungen sind ruhig, mürbe- [llf.cnn sie aufeinanderprallen, machen sie ' auf *8en bpmng und setzen sich schnell eine
len zugeschaut. Und dabei habe ich vergessen, daß es eine Seekrankheit gibt. Eines aber scheint mir sicher, daß jeder, der die Schönheit des Meeres in seinen Schriften gepriesen, dies erst daheim in seinem Zimmer auf feststehendem Stuhl getart hat. So lange man auf schwankendem Stuhle sitzt, so lange man von den Wellen mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts und rückwärts gedrückt wird, daß einem die Uebelkeü zu Kopfe steigt, so lange schmiedet man keine Verse über die Schönheit des Meeres. Erst wenn es möglich märe, die Bemegung des Schiffes gänzlich unabhängig von der Bemegung des Meeres zu machen, märe eine Seereise eine vollkommene Freude.
Am Mittag flaut der Wind ab, und die See wird ruhiger. Bei der großen Zahl der Passagiere merben bie wenigen Seekranken gar nicht vermißt. Das junge Volk bringt auch soviel Leben auf bas Schiff, baß auch bie Seekranken mieber lachen müssen. Außerdem scheint bie Sonne mieber, unb mir merben am Nachmittag Queenstown anlaufen ober vielmehr Cobh in Irland. In der Tat tauchen am Nachmittag Berge aus den Fluten auf, sie werden grün, und mir kommen ganz nahe zu ihnen hin. Hier ist's heller, sonniger, freundlicher als gestern in Cherbourg. Schon als vorhin das Lotsenboot anlegte, erschien uns das vorliegende Land freundlicher und zutraulicher. Und jetzt, da das Schiff mit abgeftelüer Maschine langsam meitertreibt, grüßt uns links ein kleines, nettes Dorf, rechts auf einem grünen Hügel eine Kapelle. Und unterhalb der Kapelle, dicht am Strand, liegt ein großer, stattlicher Passagierdampfer, von Sturm und Wogen dorthin gemorfen. Alles schaut dort hinüber nach dem hilflosen, nach dem toten Riesen, der hier zerschellte. Und jeder aus uns stellt sich wohl die Frage: Wie mar bas möglich? Wäre bies große Schiff in Sturm unb Nebel bloß gegen bie Küste gelaufen, bann hätte man es boch abschleppen können: aber es liegt feiner ganzen Länge nach auf bem Straub. Seine Wände sind schon ganz grün, feine Eisenteile rostig. Mit großer, ungeheurer Kraft muß es von den Wogen dorthin geschleudert worden sein. Hier sehen wir ein Werk der wilden See, bie uns nach Amerika tragen soll. Von einem Offizier unserer „Dresden" erfahren mir, • daß bas geftranbete Schiff „Celli" hieß und ber englischen „Weißen-Stern- Linie" gehörte.
Noch ivährenb mir still auf bem Wasser treiben, kommt plötzlich der Ober-Bootsmann auf Deck und schlägt auf einem großen Gong Alarm. Schon vorher hatte ich de- M* ’M w u'äten ein Haufen Rettungszürtel zu
sammengetragen morden mar. Und einige Leute der Besatzung gingen schon mit umgeschnalltem Rettungsgürtel umher.
Als bas Alarmzeichen ertönte, und bie Schiffsbesatzung mehr ober weniger eilig zusammenströmte, schrien ein paar Damen in meiner Nähe vor Schrecken. Unb Rufe erschollen: „Was ist los? — Warum haben bie Leute Rettungsgürtel. — Ich beruhigte sie: „Sehen Sie boch — eine Hebung! Hier, so nahe am Laube unb bei ruhiger See kann boch gar nichts passieren." — Wenn diese Hebung bei stürmischem Wetter unb auf hoher See ohne vorherige Bekanntgabe gehalten worben wäre, bann hätte es eine Panik abgesetzt.
So aber eilte bie Mannschaft aufs Oberbeck unb viele Passagiere folgten ihnen nach. Einer ber Offiziere ließ Boote ausschwingen unb hielt eine kurze Instruktion. Jeber Mann muß boch missen, was er im Falle einer Gefahr zu tun hat.
Währenb besten lief ber Tender, ber uns neue Passagiere bringen sollte, langsam an. Ja, f ob alb er sich bem großen Schiffe nähert, geht alles sehr langsam unb vorsichtig. Zmar hat er vom unb an ben Seiten dicke Polster aus altem lauwert angelegt, damit er seinen Rumpf nicht scheuert, aber ein starker Stoß gegen bas große Schiff könnte seinen Rumpf einbrücken.
Wieher legt ber Tenber vorn bei ber brüten Klasse an, weil bort bie seitlichen Türen zum Innern bes Schiffes liegen. Wir schauen von hoch broben herab auf den rauchenden Zwerg, ber uns neue Gäste bringt. Nachdem bas Schiffchen festgemacht hat, wird seine Brücke zu uns herübergerollt, und bie Passagiere betreten unsere „Bresben". Diesmal geht es ba unten recht lebhaft unb luftig zu, nicht so steif unb förmlich wie gestern in Cherbourg. Man hat noch eine zweite, recht steile unb primitive Treppe auf ben Tender Herabgelaffen. Auf ihr springt, läuft, rennt ein großer Teil unserer Matrosen, Stewards und Köche hinab aus ben Tenber unb holl dort nicht nur bas Gepäck ber neuen Reisegenossen, sonbern auch allerlei Lebensmittel: Körbe mit Gemüse, Früchte, Blumen, ja bie Köche schleppen halbe Schwein» herein. Und alles geht in geschäftiger Eile. Die Offiziere brän- gen; denn die Fahrzeit soll doch eingehalten werden.
Unb während sich dort unten alles in bunter Eile drängt, steht oben auf ber Brücke bes Tenbcrs ein irischer Trompeter und bläst mit rührender Innigkeit die schönsten irischen Lieder. Das ist der Abschied, den er seinen von ber Heimat scheidenden Landsleuten bringt. Mich
haben diese wehmütigen Lieder des irischen Trompeters mehr gerührt als das luftige „Muß i denn zum Städtlein hinaus?", bas uns die Schiffskapelle in Bremerhaven spielte.
Unterdessen hat sich droben auf dem. Oberdeck der „Dresden" eine andere Szene abgespielt. Vorhin, als auf unferm Schiff die Uebung mll den Booten abgehalten wurde, hat man zwei „blinde Passagiere" entdeckt, zwei deutsche Burschen, bie sich nach Amerika schmuggeln wollten. Ich habe ben Vorgang nicht beobachtet, die Leute selbst aber schon am vorhergehenden Tage gesehen, als sie auf ber Bank vor ber Hinteren Küche, saßen. Mir war ihr schlechtes Schuhzeug ausgefallen, unb ich hielt sie für Schiffsarbeiter. Währenb ber Uebung war ein Passagier auf sie aufmerksam geworben. Sie trugen nicht, wie bie übrige Besatzung, Rettungsgürtel, und gehörten auch nicht zu uns Passagieren. Jener Herr machte den Decksteward auf sie aufmerksam. Und dieser veranlaßte ben Ober* ftemarb, sie nach ihren Ausweispapieren zu fraaen. Da stellte es sich heraus, baß sie sich in Bremerhaven auf das Schiff geschmuggelt hatten. Durch einen Raketenschuß würbe bie Hafenpolizei angerufen, unb bie beiben „Blinden" wurden durch ben Tenber au Land geschickt. Von Irland werden sie wohl mit dem erstbesten Lloydschiss, bas nach Bremen fährt, borthin mitgenommen werden.
Wir haben aber auch noch drei Arrestanten an Bord, drei jugendliche Amerikanerinnen, die als „Blinde" bet ber vorigen Fahrt ber neuen „Bremen" mit nach Europa gekommen sinb. Durch bie Episobe mit ben beiben „Amben" erfuhren wir erst ihre Anwesenheit Aber zu sehen haben sie nur wenige Passagiere bekommen. Sie waren im Derberen Hospital eingeschlossen, wurden von einer Stewardes versorgt unb hätten jeben Mittag 2 Stunden „Ausgang" unter Aufsicht ber vorderen Wache. Es waren drei Mädchen von 14, 15 und 16 Jahren, die nach ihrer Aussage in Newyork in bem gleichen Hause wohnten. Einer ber Offiziere schilderte sie als sehr unternehmungslustige Töchter deutscher Abstammung. Die Aeltere habe erklärt, sie fei 16 Jahre alt, und ihre Mutter dürfe sie nach dem Gesetz nicht mehr bestrafen. Uebrigens sei ihre Mutter ein „Drache". Sie hätten nur einmal eine Seereise machen wollen unb es wäre so leicht gewesen, auf der „Bremen" für ein paar Stunden zu verschwinden. Nachher, als sich das Schiff auf hoher See befand, hätten sie sich gemeldet.
CFortsetzuna folgt..