Fuldaer Zeitung
Der Zentrums-Sieg in Münster.
Von geschätzter Seite aus Münster, welche die öffentlichen Vorgänge sorgfältig beobachtet, wird der Kölnischen Volkszeitung zu der Mün- sterfchen Stadtverordnetenwahl geschrieben:
Es war ein bemerkenswertes Verhängnis, daß bei der gestrigen Stadtverordnetenwahl diejenige Partei, die die Ungültigkeit der ersten Wahl herbeiführte und für die neue Wahl eine ungewöhnlich große Propaganda entfaltet hatte, mit den größten Verlusten abschloß. Die Sozialdemokraten hatten in der Tat alles, aber auch alles getan, um die Zentrumspartei wegen der Aufstellung der Liste 1 a und 1 b am 17. November zu verdächtigen und noch in den letzten Tagen mit Hilfe eines Lautsprechers, der im Auto durch die Straßen fuhr, gegen das Zentrum die heftigste Propaganda getrieben. Die Folge war, daß das Zentrum nicht nur seine alte Mandatszahl behauptete, sondern noch ein neues hinzugewann. Die Zentrumspartei hat mit den 28 Mandaten eine starke Mehrheit in dem 48 Mitglieder umfassenden Kollegium.
Während die Wahlbeteiligung im allgemeinen etwas geringer war als am 17. November, ist das Zentrum von diesem Stimmenrückgang fast gar nicht betroffen worden. Dagegen haben fast alle anderen Parteien schwer gelitten. Die Liste des Mittelstandes, die 192$ noch 5874 Stimmen und 6 Mandate auf sich vereinigen konnte, ist auf 250G Stimmen und 3 Mandate zurückgegangen. Die Volkswirtschaftspartei, das bürgerliche Gegenstück der Mittelstandspartei Mieter, Arbeiter, Beamte), hatte 1924 es sogar auf 7431 Stimmen und 8 Mandate gebracht: ste ist jetzt auf 770 Stimmen zurück- oeworfen und aus dein Kollegium vollständig verdrängt worden. Der größte Test ihrer Anhänger dürfte zu dem neu gegründeten evangelischen Volksdienst übergegangen bezw. zur Zentrumspartei zurügekehrt i'eM.'
Der Evangelische Polksdienst, der in der Hauptsache aus den Kreisen der evangelischen Mitglieder der christlichen Gewerkschaften hervorgegangen ist und eine rege Propaganda entfaltet hat, konnte im
9er Vater des Bolschewismus?
tuaitis „Beichke" vor dem Zaren. — Mittel zum Zweck, aber verhüngnisvoll für ihn. -- Welkrevolukion und Panslavismus.
Von Dr. Heinrich Staab (Neuß).
wollt. Das Gleichgewicht der Kräfte, die so abgestimmt seien, daß „keine etwas zustande bringen kann", verwirft er. Es ist die Diktatur, d'e sich angeblich später selbst überflüssig machen will ww sie auch die weltfremde Idee des heutigen Bolschewismus ist. .
Die russische Herausgabe des Werkes besorgte W. Polenski, der als Kenner Bakunins auch -in Vorwort zur deutschen Ausgabe schrieb. Randbemerkungen und Vorwort des deutschen Ueber- setzers verraten ebenfalls d'e Voreingenommenheit für die sozialistische Ideenwelt. Bilder und Dokumente, Wiedergabe von Brisen und Urkunden geben „Bakunins Beichte" einen historischen Wert. — Es sind Lehren darin, die über Bakunins Person hinaus die menschliche Schwäche des systemlosen Systems durchleuchten, das sich der Bolschewismus nennt. Alle schneidigen Phrasen von der morsch gewordenen bürgerlichen Gesellschaft verblassen vor diesem System, das ein fruchtbares Land der Brotmarke und der wirtschaftlichen Zwangsjacke überlieferte und weit über hundert Millionen Menschen durch eine Kaste von eineinhalb Mllionen eingeschriebener Parteimitglieder beherrschen läßt.
schen revolutionären Klubs auf diesen Mann wie auf ein Orakel hörten, daß ihre modernen Nachfolger seinen Jüngern nicht weniger knecherisch anhängen und die vom Meister gerügte Methode zum Kampfmittel stempelten? Er belustigt sich in dem kurzen Höhepunkt seines politischen Ansehens darüber, „Orakel" — bei den Deutschen zu sein. Erschütternd ist zu lesen, daß Bakunin glaubt, den Deutschen „keine lange politische Existenz" prophe- zeien zu können. Er, der Revolutionär, hält sie der Unterordnung nicht für fähig. Es sei nun unkritisch bemerkt, daß Bakunin diese deutsche Eigenschaft als Frucht des Protestantismus und der deutschen Geschichte anspricht. Dagegen rühmt er den Franzosen nach, daß sie verständen, über alle Unterschiede hinweg sich zu einem gemeinsamen Ziel zulammenzuschließen. Lehrreiche Betrachtungen, doppelt lehrreich für unsere Gegenwart! Man erkennt aus Bakunins Schrift auch den Deutschenhaß als das wesentliche Element des Panslavis- mus.
. War Bakunius „Beichte" im Grunde ehrlich? In schwülstiger Unterwürfigkeit bettelt er den Zaren immer wieder um Gnade an. Er zeiht sich der Undankbarkeit gegenüber dem „gütigen Landesherrn" und verwirft seine frühere Gesinnung als frech, lächerlich, sinnlos und verbrecherisch. Immer wieder freilich streut er ein, daß nicht seine Natur, sondern die Umstände schuld seien.
In Gegensatz zu dieser betonten Unterwürfigkeit schildert Bakunin in glühenden Farben seine Anteilnahme an der Pariser Februarrevolution, Er spricht sich über die schlimmen Zustände im Zarenreiche aus, führt sie freilich auf die Beamten und Adeligen zurück, die des Herrschers Gerechtigkeit fürchteten. Bakunin, schon sieben Jahre im Gefängnis, voll unbändigen Freiheitsdranges, wollte unter allen Umständen frei fein. Jedes Mittel mar ihm dazu recht. Er verwendet das Mart „schwören", aber er vermeidet das Wort Reue. Bakunins Geständnisse betreffen nun Dinge, die der Regierung bekannt waren. Bakunin erreichte sein Ziel nicht Nikolaus I. starb, ohne ihn entlassen zu haben. Erst 1861 konnte Bakunin über Japan entfliehen. In Schweden, Italien, Frankreich, wo er noch einmal im Sinne seines unbelehrbaren Anarchismus zu wirken versuchte, verfolgte ihn sein Bekcnntn's an den Zaren. 1873 zog er sich, erkrankt, nach Locarno zurück.
Wenn Bakunin troßdem der „Vater des Bolschewismus" geworden ist, so mehr durch seine Gegner als durch, eigene Taten. Er schrieb 1851 in seiner „Beichte" 'indes auch einige Fundamentalsätze nieder, die — damals unerhört vorgreifend — heute Wahrheitssätze des Bolschewismus sind. Die Frage, was er an die Stelle des Zarentums fetzen wollte, beantwortete er freilich negativ. Das müsse der russischen Seele überlassen bleiben, wenn ste aus der Unterdrückung erwacht sei. „Wir sind berufen, zu zerstören. Aufbauen werden andere nach uns." Er selber sagt, er habe eine „freie Macht, aber ohne parlamentarische Formen" ge-
Michael Bakunin wird der Vater des Bolsche- •«mip genannt. Aber feine Beteiligung daran ist rMt einmal literarisch irgendwie bedeutsam, ^ziges geschlossenes Werk wurde zugleich sein L^icksal. Es ist die einzigdastehende „Beichte" vor Sm Soren Nikolaus I. vrn Rußland, die in deut- Uebersetzung von Bruno Kersten im Verlag ^ Deutschen Verlagsgesellfchaft für Politik und §kckichte zu Berlin erschien. Die russische Revolu- M hat auch dieses einzigartige Dokument der «eüqeschichte an das Tageslicht gebracht. Bakunins frcunbe wollen ihm nicht glauben, daß dieses hün- Me Zeugnis von Unterwürfigkeit nur ein Mittel m dem Zweck fein 'ollte, unter allen Umständen Aizukommen. Das Mittel war zu kühn, zu gewissenlos, als daß es nicht Mißtrauen erregte.
Besser als langatmige Betrachtungen gibt es -inen Einblick in die revolutionäre russische Bewe- (Hjno des vorigen Jahrhunderts, um die Zeit der ftanzösiichen Februar - Revolution und des 48er
Wenn man freilich Bakunins Beichte Glauben schenken darf, mar er ein eigenartiger Revolutionär, ft wollte Europa von den absoluten Fürsten be- sttien. Doch fein eigentliches Ziel war die Erhebung der slavischen Völker, mit deren Hilfe er Oesterreich-Ungarn zerschlagen wollte. Dieses Land galt damals als eine der Hauptstützen der derzeitigen Ordnung der Dinge. Bakunin wollte aus allen slavischen Nationen, den Polen, Tschechen, Kroaten, Slovenen u. a. vielleicht auch Ungarn, unter Führung eines vom Zarismus befreiten Nußjlands ein großes östliches Reich gründen. Die Griechen, Bulgaren, Rumänen sollten hinzutreten, k Als Zentrale dieses großen Reiches erträumte sich der Phantast Konstantinopel. So war feine Reoolutionsgier eingebettet in die schwär- [■ menschen Vorstellungen einer echt russischen Seele. Selbst wenn man annimmt, daß Bakunin so glanzend die planstaoische Idee entwickelte, um dem Zaren zu gefallen, bleibt genug übrig, seinen Jn- ternationalismus in Zweifel zu ziehen. Zeigt doch der heutige Bolschewismus in Rußland ganz deutlich, daß sich die Russen von der Internationale ’ nur eine großrussische Vorstellung machen können.
Bakunin ist durch einen unmenschlichen Deut- k Mchaß gezeichnet. Er sicht alles Schlechte und Minderwertige im Deutschen. Deutschland als das Herz Europas, ein gesunder und gefestigter Staat, war freilich das große Hindernis auf dem Wege der Anarchie, auch in der punilavifchen Abart. Diese; Bakunin Deutschenhaß ist auch ein Beitrag zur I Psychologie der Vorkriegszeit Von seinen Gegnern soll man lernen. Auch ihre Uebertreibungen, ja Lägen, können uns mahnen. „Den Deutschen fehl: jeder öffentliche Takt, 'o daß jede Polemik unter ihren ständen in ein schmutziges Gezänk endet, in U M sich kleinliche und erbärmliche Menschen nicht | *mig tun können." Ist cs nicht bezeichnend, daß sich unser gemütstiefes Volk von einem Revolutionär und Anarchisten solches, und nicht ganz it Unrecht, vorhalten lassen muß? Daß die deut
«19.
den 4 April 1930
2. MN.
Druck der Fuldaer Ackleudruckerei, Fulda-
ersten Sturm 4477 Stimmen und 5 Mandate erringen. Dieser Erfolg ging auch zum großen Teil aus Ko st en der Deutschnationalen Bolkspartei. Letztere hatte noch im Jahre 1924 3922 Stimmen und 4 Mandate aufgebracht und ist jetzt auf 785 Stimmen und ein einziges Mandat zurückgedrängt worden. Man hat in den Kreisen der Deutschnationalen Volkspartei diese Entwicklung wahrscheinlich kommen sehen, denn in den letzten Wochen entwickelte man eine heftige Fehde gegen den neuen Evangelischen Volksdienst: es kam zu sehr erregten Aussprachen, in deren Verlauf der bekannte deutichnationale Führer Landtagsabgeordneter Universitätsprofessor Dr. Hostmann feinen Verzicht auf ein neues Stadtverordnetenmandat erklärte Dr. Hoffmann verübelte es der neuen Gruppe vor allem, daß sie mit der Behauptung Propaganda trieb, es seien im früheren Stadtverordnetenkollegium die evangelischen Belange nicht genügend vertreten worden. Er wies diese Behauptung entschieden zurück. Aber auch von Zentrumsseite aus hot man deutlich erkennen lassen, daß zu einer solchen Behauptung kein Grund vorliege und daß auch das Zentrum stets sorgsamer Bedacht darauf genommen hat, daß die evangelischen Mitbürger in feiner Hinsicht benachteiligt werden. Es steht sogar stfft, daß die Schullasten für . die Evangelischen erheblich höher sind, als ste für die katholischen Schüler erforderlich werden.
Die Deutsche Volkspartei, die 1924 3482 Stimmen und 3 Mandate erhielt, zählte diesmal nur noch 2947 Stimmen, wofür ihr ebenfalls 3 Mandate zukommen. Die Kommunisten, die bisher im Stadtverordnetenkollegium mit nur einem Sitz sich begnügen muhten, sind durch die freundliche Hilfe der Sozialdemokraten nunmehr auf 2 Mandate gekommen. Die umfangreichen Anstrengungen der Nationalsozialisten haben die Zahl der Mandate bis jetzt 1, nichtzu vermehren vermocht.
Alles in allem darf gesagt werden, daß di< Zentrumspartei in Münster unter der Führung ihres neuen Vorsitzenden, Oberregierungsrat Wentrup, sich abermals bewährt hat und Münster zur einzigen Großstadt in Preußen machte, die über eine Zentrumsmehrheit verfügt.
Der Erfolg der Zentrumspartei zeigt, daß b e i geschlossenem zielbewußten Vorgehen unter geeigneter Leitung auch bei schwierigster Laoe der Zentrums^ gedanke siegreich i ft.
Wissenschaft und Forschung.
— Abreise der deutschen Grönlandexpedition tun Kopenhagen. Die deutsche Grönlandexpedition unter Leitung Prof. Wegeners reiste am Dienstag mit dem dänischen Dampfer „Disko" von Kopenhagen ab. Di, große Menge, die sich am Quai versammelt hatte, bewies von neuem die Popularität, die Wegener und feint Kameraden in Dänemark, das die Forschungen auf seiner Kolonie Grönland tatkräftig unterstützt, genießen. Der kleine Dampfer „Disko" führt eine höchst schwierige Last mit sich: 25 Pferde müssen untergebracht werden, ferner empfindliche wissenschaftliche Apparate, Dy namit, Benzin und andere gefährliche Stoffe. Der Dampfer. „Disko" wird zunächst Reykjavik anlaufen, wo noch drei Isländer sowie Pferde an Bord genommen werden sollen. Von Reykjavik wird der Dampfer auf den Hafen U m a n a k in Dänisch-Nordwest-Grönland Kurs nehmen. Dieser Hafen ist als Bestimmungsort für die Wegnersche Expedition gedacht.
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