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k. 75.

enntag, den 30. März 1930.

Fuldaer Zeitung

2. Blad.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda.

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Der Mann im Monde.

Die Pasfionsspiele in Fulda

Gesellenvereins sind eifrigst bestrebt, eine würdige und erhebende Darstellung der Passion unseres Heilandes zu bieten. Die Aufführungszeiten (siehe auch Anzeigenteil) sind Samstag VA und 8 Uhr, Sonntag 3 Uhr (für Zluswärtige) und 8 Uhr, sowie Montag um 8 Uhr abends. Man sichere sich recht­zeitig Eintrittskarten, die im kathol. Gesellenhausc (Tel. 1048) zu haben sind.

Bäume ist dieser Bolsche'.rismus ein Sturm, oer sie nur noch fester irrt Boden begründet. Aber für morsche Wälder ist er eine ungeheure Gefahr. Beim Sturm kommt ja erst zutage, wie dürr die Aefte sind und wie faul die Balken im Dachstuhl. Gefüllte Kirchen, christliche Heime, ehrliche Kauf­leute, zuverlässige Beamte, fleißige Arbeiter, ver­trägliche, einander wohlwollende Bürger, Gottes- liebe und Nächstenliebe, das sind die" Kräfte, die uns den Bolschewrsmus schon von selber fernhalten.

Dabei braucht man doch nicht davon abzusehen, auch das öffentliche Leben ein wenig auf bolschewistische Unverschämtheiten hin zu beobachten und es davon zu reinigen. Ich sehe wirklich nicht ein, warum man bei Versammlungen christlicher Parteien die Redefreiheit so weit treibt, daß man es den bolschewistischen Elementen, denen es ein­zig auf die Hetze ankommt, gestattet, eine Brand­rede nach der andern gegen Papst und Kirche zu halten. Ich sehe auch nicht ein, warum wir tn unfern Betrieben Leute zulassen, von denen wir wissen, daß sie direkt von Moskau gesandt und bezahlt werden, um die Luft zu vergiften. Ich sehe ferner nicht ein, warum wir freidenkerische Organe bei uns dulden, die in den rüpelhaftesten Formen das Christentum und seine Vertreter schmähen.

Immerhin sei es noch einmal gesagt: Der äußere Kampf gegen den Bolschewismus wird eine Heuchelei, wenn ihm nicht die innere Festigung des christlichen Lebens zur Voraussetzung dient.

echte Wort Glaube durch den Gemütswert der Gläubigkeit" ersetzt. Die Religion spielen sie ge­gen die Kirche aus und die Sittlichkeit gegen die christliche Moral. Untersucht man alle diese Er- satzftücke der Halbheit genauer, so findet man, daß es eben wirklicher Ersatz ist. Das Echte ist da­von. Religion verpflichtet, Religiosität verpflich­tet zu nichts. Glaube zwingt in die Knie, Gläu» bigkeit höchstens zu einem lyrischen Affekt. Sitt­lichkeit macht man sich selbst für seinen Hausge­brauch zurecht, christliche Moral aber besagt ob­jektives Gesetz. Ethische Veranlagungen klingt in der Philosophenspracke ganz gut, der Mörder aber, der ausgeht, zu morden, bedarf der Furcht vor dem Richter, der auch im Verborgenen sieht . . .

Vor dem Bolschewismus brauchen wir keine Angst zu haben. Nicht einmal der Teufel ist ge­fährlich. Aber diese Halbheit, diese fromme Phrase, diese Verwandlung der ewigen Wahrheiten in Zuk- kerbonbons, das ist es, was uns schwächt. Ein bißschen Einheit nur im Laaer des christlichen und des nationalen Deutschland, und wir können pfei­fen auf Stalin und seine ganze Tscheka ...

* Minister Becker beim Papst. Der frühere preußische Kultusminister Prof. Dr. Becker, der sich vorübergehend in Rom oufhält, wo er auf Ein­ladung der italienischen Kommission für geistige Zusammenarbeit über nationale Geschichtschreibung und internationale Verständigung sprechen wird, wurde vom Papst in Privataudienz empfangen. Der Papst unterhielt sch mit ihm

In einer chinesischen Zeitung las ich: In utschland Bürgerkrieg . . . Stündlich wird di? egerische Auseinandersetzung zwischen Marschall oering und Marschall Frick erwartet . . . Das id) der Mitte des fernen Ostens grüßt das Reich . Mitte Europas . . . Wu-Pei-Fu schlug sich f die Schenkel und sagie vergnügt: Genau so, e bei uns . . . Die arabischen Zeitungen brach- i Leitartikel, in denen die Kräfte der Gegner geschätzt wurden. Man drückt das dort als Volk 6er Hirten in Ziffern aus, die die Anzahl der Hammel bedeuten, die einem Leithammel folgen. Scheich Severing wurde dort auf eine Million ge­schätzt und Scheich Frick auf erliche Hunderttausend

Wir Deutsche sind ein kriegerisches Volk, und ist Ruhe an den Grenzen, t"o schlagen wir uns jm Innern. Fehlt uns der Ernstfall, so rufen wir den Harlekin. Sein Ansehen hebt sich bedeutend, seit sich sogar Reichsminister und Mnisterpräsi- ücnten für diese Rolle melden. Fehlt es an den panes, so bietet man wenigstens die circenses und lei es auch nur ein Puppentheater. Die Bedeu­tung der Persönlichkeiten, die darin tanzen, stellt den Publikurnsersolg sicher. Dagegen war denn dcch der berühmte Kartoffelkrieg zwischen Preu­ßen und Bayern noch eine ernstliche Angelegenheit.

Ba diese ganze Sache denn doch etwas anrüchig ist, so fiel mir jene Dach; ein, die so unglücklich auf den Hinterkopf frei, daß sie darob den Geruch­sinn verlor. Das scheint aus den ersten Blick nicht so schlimm zu sein, aber als die Milch überkochte und das ganze Haus schon voll war von Brand­geruch, da vergoh doch diese Hausfrau, die als einzige es nicht gemerkt hatte, bittere Tränen. Später soll es ihr passiert sein, daß sie statt Köl­nisch Wasser Schwefelwasserstoff als Parfum ver­sandte. Uebrigens ist es bekannt, daß der Ge­ruchsinn feit den Urzeiten sehr zurückgegangen ist Offenbar deshalb, weil die Menschen zugrunde ge­hen wurden, wenn sie alle die Skandale und Ver­brechen wittern könnten, die bei fortschreitender Kultur die Lust verpesten. Wo der Teufel ist, da stinkt es nach Schwefel vlld nach sonst noch aller­lei. Große Dichter wie Dante haben sich nicht gescheut, von diesen: Gestarrk des Lasters zu reden, wie die Darsteller der Heiligen auch nicht genug zu sagen wissen von dem Wohlgeruch aller Tu­gend. Wie gut, daß auch das seelische Witterungs­vermögen abgenommen hat. Denn alle Verbrechen verbreiten einen üblen Geruch. Denke man sich es aus, was geschehen würde, wenn alle jene Leute, Mc bei uns Kassen bestehlen, die die Unschuld ver­führen, die untreue Ehemänner sind, wenn alle diese Menschen nach ihren Verbrechen auch röchen. Das wäre doch fürchterlich. Ein neues Paris voll Parfumfabriken würde ans dem Boden schießen. Aber so ist es leider: Das Laster schminkt sich und die Sünde hüllt sich in Wohlgeruch. Man muß es nur wissen.. Man muß diese grofoe Schminkbude mancher modernen Literatur nur ein­mal ihrer Romantik entkleiden. Das ist nicht der geringste Fluch der Kultur, daß sie in ihrer lieber« feinerung das Gesetz aufhebt, das allenthalben in wr Natur noch wirkt, daß nämlich echtes Leben einen herrlichen Duft ausatmet, daß aber Leichen Modergeruch verbreiten.

Was soll man nun von Deutschland sagen, gibt es , wehr Leichen als Leben? Mehr Freisinn ms Glaube? Mehr Laster als Tugend? Die vrage ist sehr wichtig, weil davon die Aussichten abhangen, die der Bolschewismus bei uns wen wird. Wie nämlich die Entwicklung in Ruß- es gezeigt hat, ist der Bolschewismus feine fugend-, sondern eine Zersetzungserscheinung. Den Hauptkamps dagegen führt man darum nicht durch allerlei Reden, sondern durch ein gesundes christ- lsches und nationales Leben. Für verwurzelte

Die Vorbereitungen zu dem Passionsspiel der Münchener Festspiesgesellschaft sind nun beendet. Die Proben am Mittwoch und Donnerstag, beson­ders die Hauptprobe am Freitag, die mit Kostümen und einzigartiger Beleuchtung stattfand, zeigten, daß das Passionsspiel wirklich ein religiöses Er­lebnis tmrfteltt. Die Münchener Künstler wie auch die Spielerschar und die Gesangsabteilung des kath.

StA I Da gibt es Leute, die sichreligiös" nennen, leider

Utn, QIP. nur nicht an Gott glauben. Andere sindethisch

v veranlagt", aber von einem Weltenrichter wollen

hinesen über Deukschland. Die Dame ohne Geruchssinn. Der MniNer als I Wieder andere haben längst das

aelekin. Her ein Gesetz zum Schutz der christlichen Religion! Bolschewistisches nr h' n '

längere Zeit in fließendem Deutsch u. a. auch über das Vortragsthema. Prof. Becker stattete auch dem Kardinalstaatssekretär P a c e 11 i seinen Besuch ab, mit dem er aus der Zeit der Konkordatsverhand­lungen gut bekannt ist. Wie verlautet, wird Prof. Becker Freitag von Mussolini empfangen werden. Das Botschasterpaar von Bergen gab in der deut­schen Botschaft beim päpstlichen Stuhl ein Essen zu Ehren Beckers, an dem u. a. auch der ehemalige Staatssekretär von Kühlmann teilnahrn. Ferner veranstaltete Direktor Gericke und Frau einen zahl­reich besuchten Empfang in der Deutschen Akademie in Rom, in der Pros. Becker während seines römst schen Aufenthaltes Wohnung genommen hat.

Politik aus dem Gewissen.

Der Christliche Volksdienst, die seit einigen Iah ren, aus Württemberg stammend, in Südwest­deutschland bestehende neue Gruppe evangelischer Politiker, hat, nachdem man sie zunächst sich sechst überließ, durch zwei Dinge allgemeine Aufmerk­samkeit geweckt: durch das, was angeblich in der Politik allein entscheidet, durch den Erfolg bei den Wahlen nämlich und durch die Verbindung mit den aus der Deutichnationalen Volkspartei ausgeschiedenen christlichen Abgeordneten sozialer Prägung. Freilich ist nicht zu verkennen, daß durch dieses Bündnis der Christliche Volksdienst, wie er ursprünglich gedacht war und anscheinend auch, rein aus christlich-evangelischer Arbeit heraus, ent­standen ist, Gefahr läuft, er selbst empfindet solche Entwicklung als Gefahr nun doch das zu werden, was er nach vielfältigen Aussprüchen sei­ner Führer nicht sein will, eine Partei. Er bildet mit der Gruppe Lambach und anderen schon im Reichstag einen fraktionellen Kreis, und nicht Be­teiligte werden schwer begreifen, wie so denn nun hier ein Wesensunterschied gegenüber anderen Par­teien bestehen soll. Aber schließlich ist das nur eine Auseinandersetzung um Worte. Wichtiger, allein wichtig, ist der Inhalt der neuen Gruppe.

Die inneren Unterhaltungen hierüber scheinen noch nicht entgültig abgeschlossen zu sein. Der Christliche Volksdienst, das in Korntal-Stuttgart herauskommende Hauptorgan der Bewegung, bringt in den Nummern 10 und 11 seines lau­fenden Jahrgangs denVersuch der immer wieder notwendigen Darstellungder Idee des Volksdien­stes, der hier übrigens als christlich-sozial heraus« gestellt wird. Die Redaktion betont, diese Richt­linien hätten ihrschon vor dem Zusammengehen mit der christlich-sozialen Gruppe vorgelegen". Sie hätten aber auch jetzt noch uneingeschränkte Be­achtung. Der Verfasser dieses Versuches ist Wil­helm Kolb in Ludwigsburg. Er leitet die Bewe­gung vom Pietismus her, der heute in einem wei­teren Sinne zu verstehen fest" Der bestimmte klare Gedanke liegt vor, daß der Oeffentlichkeit von heute von Christus her noch etwas gebracht werden müsse." Die Bewegung ist also religiös und will die Oeffentlichkeit aus christlichem Geiste gestalten oder wenigstens beeinflussen. Kolb sagt ausdrück­lich, und darin stimmt offensichtlich der Heraus­geber des Blattes zu:Trotz der Tatsache, daß die Bolksdienstbewegung zunächst im politischen Leben in die Erscheinung getreten ist, kann die Bewegung doch, nicht eigentlich als nur rein politische Bewe­gung eingeschätzt werden. Vielmehr ist sie eine ausgesprochen religiöse Bewegung, abermit dem festen Willen zur Pflichterfüllung im polst. Leben."

Das ist ein Programm. Freilich kein politisches im Sinne der parlamentarischen Parteien, sondern ein ethisches, und es wird unterbaut durchdas verantwortliche Wissen, daß dem politischen Han­deln selbst neue sittliche Impulse gebracht werden müssen." Der Christlich-soziale Volksdienst will dir Lebendigmachung christlichen Gewissens. Es geht um den Erweis der schöpferischen Kraft des Chri- ftentums auf all den Lebensgebieten, die uns be­fohlen sind."

Von hieraus begreift man schon eher, daß die Führer des Volksdienstes sich gegen den Gedanken

Mißfarbene Zähne

entstellen das schönste Antlitz. Uebler Mundgeruch wirkt abstoßend. Beide Schönheitsfehler werden gründlich beseitigt oft schon durch einmaliges Putzen mit der herrlich erfrischend schmeckenden Chlorodont- Zahnpaste. Die Zähne erhalten darnach einen wundervollen Elfenbeinglanz, auch an den Seitenflächen, besonders bei gleichzeitiger Benutzung der dafür eigens konstruierten Chlorodont - Zahnbürste mit

. . gezahntem Borstenschnitt. Faulende Speisereste in den Zahnzwischenräumen als Ursache des üblen

I ^7, Serums werden gründlich damit beseitigt. Chlorodont: Zahnpaste, Mundwasser, Zahnbürsten Einheitspreis 1 Mark bei höchster Qualität. Man verlange nur echi ^jjuorodont in blau-weiß-grüner Originalpackung und weise jeden Ersatz dafür zurück.

Bon Fulda nach Chicago.

Reife-Erinnerungen

von Fr. Donatus Pfannmüller, Fulda.

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2. Seefahrt.

jemand sagte hinter mir:Im Rauchsalon u- .te Tisch Plätze verteilt." Ja, da muß auch ich tinpm ra bald Zeit zum Mittagessen, und in

aufl) Gemeinwesen, wie in unserer Schiffsstadt, muß Ordnung gehalten werden.

hi«»« ^"uchsalon drängt sich viel Volk zusammen. Die s^Ullchamerikanerinnen haben den Abschieds- entaeo-n Überwunden. Sie fahren ja ihrer Heimat au* j. un. imd munter und guter Dinge. Sie kennen barum fn. p Sitten und Gebräuche aus dem Schiffe, ^ifdiDlnb 8 ~ aud) die ersten bei der Verteilung der Famiiix ^' °'C belc9en gleich die Plätze für die ganze Wj^Jifet 'n drangvoll fürchterlicher Enge der Ober- tubiaer' g'-'I l -r ro'e cn Generalstabshauptmann, voll lisch -- 'cherhect. Bald spricht er Deutsch, bald Eng- tat'cr «V5 ^rade verlangt wird. Aus seinen Knieen

inq hp.-8lr- schwarzes Brett liegen, das der Ein- tt r:nh"....^esnales genau entspricht. Auf dem n Der(h 1 ;Le ^sche eingezeichnet und mit Num- sten ?Q roo die Stühle eingezeichnet sein und " .°uter schmale Schlitze ins Brett geschnit- toeitier Schlitz stecken zwei schmale Zettel, . und ein roter.

"e ha?nur große Speifcfaal unserer

60 sm; fur 100 Personen, der kleine für bieeim. flnb 9ege.n 300 Personen. Also muß Leder 'n ite Öer Posiere essen, dann die. an« gefragt Passagier gibt feinen Fahrschein ab und rften oder °ber weitenTisch" (an

er fi* Spe<fung) teilnehmen will. Dann

besonders fit Cl^en beliebigen Platz wählen, "eward vert«il?ml» rwmilieu angenehm ist. Der - auf denen aJ>° Cmc beißen und roten Zet- £ e Kummer des betreffenden Tisches

und auch des Platzes (Stuhles) ongemerkt ist. Die Farbe des Zettels entscheidet nur über die erste oder zweite Speisung.

Ich entscheide mich für die erste Mahlzeit, fchon des­halb, weil ich an frühes Aufstehen gewöhnt bin. Die Wahl des Platzes ist mir gleichgültig: ich habe ja nie­mand auf dem Schiff, mit dem ich zusammen sitzen möchte. Die Tischzeiten sind für mich um halb 8, halb 12 und abends halb 6 Uhr. Der zweite Tisch beginnt etwa dreiviertel Stunde später.

Kaum ist die Verteilung der Plätze vorüber, da rennt auch fchon der jüngste Steward durch die Räume und über die Decks, und bimmelt mit einer Handschelle die Leutchen zumersten Tisch". Jetzt machen die Lang­schläfer, die sich zumzweiten Tisch" gemeldet haben, schon lange Gesichter; denn auch sie haben Hunger.

Alles eilt die Treppen hinab zum Speisesaal. Das kleine Zettelchen, das ich vorhin erhalten habe, führt mich sicher an meinen Platz: Tisch Nr. 12, Platz Nr. 84. Ich glaube, ich habe einen guten Platz erhalten, gleich vorn als erster am Tisch. Da braucht man andere nicht zu stören, falls man einmal zu spät kommt oder früher fortgehen will. Die Tische sind schön gedeckt. Es liegt auf jedem Platz mehrfaches Besteck, auf jedem Tisch prangt ein prächtiger Blumenstrauß, an jedem Platz liegt eine Serviettentasche aus starkem Kreppapier genäht und mit der Platznummer versehen. In einer Ecke sind schwere Lehnstühle mit gepolstertem Lederbezug. Auf jedem Platz eine frischgedruckte Speisekarte. Alles in allem eine vornehm hergerichtete Tafel.

An unferm Tisch ist für 16 Personen gedeckt. Je 8 Personen werden von einem Steward bedient. Unsere Stewards, lauter nette Leute, und stets tadellos ge­kleidet, stehen fchon diensteifrig hinter unfern Stühlen. Mir gegenüber, ebenfalls an der Ecke, sitzt ein alter Herr, sonst, die beiden Reihen hindurch, fast nur Damen. Wir beiden Grauköpfe sind vom Obersteward wohl'als die Wächter dieser Damenschar gedacht. Nur der Platz neben mir ist noch unbesetzt. Doch da kommt eben wieder eine junge Dame herein, schaut sich suchend um, und wird, nachdem sie einem Steward ihr Zettelchen gezeigt hat, neben mich gewiesen.

Wir machen eine schüchterne Verneigung voreinander, wir nennen unsere Nomen, dann nimmt uns der Ste­

ward schon in Beschlag.Suppe gefällig?" Ja, wir bitten um Suppe. Wir haben beide Hunger, meine junge Nachbarin und ich. Und um gleich von Anfang an das Pis zu brechen, sage ich:Fräulein, ich denke, wir wollen gute Nachbarn fein. Denken Sie, ich sei Ihr alter Onkel, und sorgen Sie bei Tisch gut für mich. Sie dürfen auch alle Tage meine Portion Fruchteis aufeffen."

Sie lacht und verspricht, auch ohne Fruchteis für mich sorgen zu wollen. Dann bringt der Steward die Suppe. Ich sehe, wie meine Nachbarin die Hände auf dem Schoß übereinanderlegt und sich leicht ein wenig nach vorne neigt. Sic betet. Und ich selbst hätte es beinahe ver­gessen in der ungewohnten, geräuschvollen Umgebung. Ich falte die Hände und bete still ein kurzes Tischgebet. Dies stille Beten der jungen Tischnachbarin ist mir eine liebe Erinnerung. Es war die schönste Empfehlung, die sie hätte mitbringen können. Wir waren gleich gute Freunde.

Nach der Suppe studieren wir gemeinsam die Spei­sekarte. Hier hat sie für mich ihre Schrecken verloren: denn was ich auch bestellen mag, habe ich ja schon im voraus zugleich mit meiner Schiffskarte bezahlt. Meist bestellt meine Nachbarin für mich, oder sie macht mir wenigstens Vorschläge. Sie nimmt ihr Amt ernst und fröhlich zugleich. Und wenn morgens beim ersten Früh­stück allerlei Dinge mit englischen Namen auf der Spei­sekarte stehen, die wir nicht kennen, bann bestellen wir probeweise und fallen herein, weil wir nicht wissen, wie man diese merkwürdigen Körner und Hülfen be­handeln muß. Was soll man auch mitHominy, Grape- Nuts, Krumbles" oderPuffed Wheat" anfangen? Ein­mal hakten wir uns etwas Derartiges bestellt, und der Steward brachte zwei Teller mit Körnern, die mit einer wässerigen Brühe angefeuchtet waren. Sie schmeckten jammervoll, und ich gab den Kampf bald auf und ließ den Teller stehen. Meine Nachbarin aber schluckte alles tapfer hinunter, wenn ihr auch der Widerwille gegen das fade Zeug deutlich in den Augen stand. Und doch genießt man in Amerika diese nahrhaften Dinge alle Tage zum Frühstück. Man muß nur tüchtig Milch und Zucker dazu mengen, dann schmecken die mit Dampf behandelten Körner ganz gut.

Meine Nachbarin war, wie ich gleich bei der ersten Mahlzeit erfuhr, eine junge evangelische Lehrerin aus

Halle, die für ein Jahr nach Amerika ging, um dort eine Stelle anzunehmen und ihren Gesichtskreis zu er­weitern. Und zwei Tage später erfuhr ich von der Gat­tin eines evangelischen Pastors, daß sie ein Pfarrers­töchterlein aus Posen sei. Auf dem Schiff, in der Ein­samkeit des Weltmeeres, bildet sich merkwürdig schnell eine Familie aus den verschiedenartigsten Elementen, Die Frau Pastorin aus Wisconsin sprach mich schon am zweiten Tage an, als ich mich mit ihren netten Kindern angefreundet hatte. Und wir unterhielten uns manche Stunde über die verschiedensten Dinge. Ein jüdischer Millionär aus Kalifornien saß oft neben mir auf der Bank und mir besprachen die Judenmetzeleien in Pa­lästina. Und sehr oft stand ich mit meiner Tischnachbarin am Heck des Schiffes, wo dir Schiffsschrauben ihren weißen Schaumstrudel schlagen, und wo das Kielwasser wie eine breite Straße hinter uns lag, und wir behan­delten ernste ßebensfragen, während fröhliche Paare an uns vorüberschritten. Dort am Heck standen zwei schwere Reserveanker angelehnt. Einer van ihnen war das Lieb- lingsplätzchen meiner Tischnachbarin, von dem aus sic die Kielwafferstraße mit ihren ewig wechselnden Schaum- fpuren verfolgte.

Nach dem Essen räumten wir Leute vomersten Tisch" rasch den Saal. Wir wissen, daß droben eine Menge hungriger Menschen darauf wartet, nun ebenfalls gespeist, zu werden. Die Stewards haben es jetzt nicht leicht. Sie find während des ersten Tisches hin und her gerannt und haben die vielerlei Gerichte und Por­tionen von einer Küche geholt, die eine Treppe höher liegt. Jetzt müssen sie die Tische neu Herrichten und dann beginnt die Lauferei noch einmal.

Wir aber ergehen uns auf den beiden Decks, die uns zur Verfügung stehen, im Hellen Sonnenschein. Wir schauen den Matrosen zu, wie sie mit Hilfe der Lade- bäume und der Dampfroinben das letzte Gepäck in die Tiefen des Schiffes senken. Wir betrachten die See; aber nein, das ist ja noch die Weser. Erst wenn wir das Weser-Feuerschiff hinter uns haben, beginnt die Nordsee. Nach 2 Uhr mittags haben wir diesen Punkt erreicht. Jetzt Haden wir noch beständig ein paar Schiffe am Horizont, auch zeichnet sich drüben noch eine schwache unbestimmte Linie ab: die flache Küste.

(Fortsetzung folgt.)