Einzelbild herunterladen
 

Ar. 75

Beilage zur Suldaer Zeitung

30. Mürz

-----

Lenz- und Arühlingssprüche.

Lenz ist ein fröhlicher Rebell!

Sonnenstrahlen seine Schwerter, grüne Halme seine Speer'!

Oh. wie ragen und wie blitzen

Speer und Schwerter ringsumher!

(Anastasius Grün.)

Was der Frühling nicht säte, kann der Sommer nicht reifen, der Herbst nicht ernten, der Winter nicht ge- mehen. # Herder.

ffier die Blume pflückt, die den Frühling ziert, der „ersteht die glücklichste Kunst. Ernst Moritz Arndt.

*

Oh, darum ist der Lenz so schön mit Dust und Strahl und Lied, weil singend über Tal und Höh'n so bald er weiterzieht.

G e i b e l.

*

Wohl blühet jedem Jahre

Sein Frühling mild und licht:

Auch jener große klare, Getrost! er fehlt dir nicht. Er ist dir noch beschieden Am Ziele deiner Bahn; Du ahnest ihn hienieden, Und droben bricht er an.

U h l a n d.

Nu Meisterwerk deutscher Zngenieurkunfi.

Zur (Erinnerung an die Einweihung des Simplonfannefe am 2. April 1905.

Von Alois Brunner.

In unserer nach Höchstleistungen gierenden Zeit über­stürzen sich die Rekorde. Was vor einem Jahre vielleicht noch bestaunt wurde, wird heute belächelt. Weit seltener als je können wir auf einem Gebiete, ob technischer oder sportlicher Natur, von einem ruhenden Pole in der Er­scheinungen Flucht sprechen, von einer Leistung in diesem Falle, die Jahre lang unübertroffen bleibt.

Der 2. April dieses Jahres gibt uns Gelegenheit, eines dieser fetten gewordenen Ereignisse zu gedenken. 25 Jahre stad es her, seit mit der Einweihung des Simplontunnels, der längsten Felsdurchstichs der Erde, eine Leistung voll­bracht wurde, die bisher niemand überboten hat. Und vir können mit Stolz und Genugtuung hinzusetzen: Deutsche Jngenieurkunst war es, die hier einen von der gesamten zivilisierten Welt anerkannten Triumph feiern

Zur vollen Würdigung der wirtschaftlichen Bedeutung der Simplontunnels genügt ein Blick auf die Karte der Schweiz. Vor seiner Fertigstellung verfügte die Eidgenos- Mschast über einen einzigen Schienenweg nach Italien: ve Gotthardbahn. Damit bestand zwar eine Verbindung «Üins und der Mittelschweiz mit dem südlichen Nach- barn, doch die Westschweiz blieb auch weiterhin von der voebene abgeschnitten. Der zwischenstaatliche Verkehr wttaefteuropas mit dem Südosten umging das Schwei- $ m 6iet -’n großem Bogen. Eine Verbindung mit dem lenseits der Alpen mußte geschaffen werden, vyne Felsdurchstich war dies nicht möglich, weil die ^rwindung eines Paffes in Anbetracht der dadurch .wendig werdenden Kehren und Umleitungen und in« ihvka £ .0r°6®n Betriebskosten einer solchen Bahn un- mschaftljch fein mußte. So entschlossen sich die Bahn- •»ütottungen der Schweiz und Italiens zur Untertunne-

8 des die Grenze zwischen beiden Ländern bildenden plonmassivs zwischen Furggenbaumhorn und Wasen- östlich des Simplonpaffes, weil hier das verhältnis- Mg niedrig liegende Rhonetla im Norden und das noch iräb ®e !®ene Diveriatal im Süden die Ueberwindung Steigungen unnötig machte. So liegt der Schei- «»punkt beim Simplontunnel nur 704 Meter, beim Gott- dagegen 1154 Meter, beim Arlbergtunnel so- eg. ??. ^ter hoch. Diese verhältnismäßig geringe DurAff* n®te "Irlich eine größere Ausdehnung des Hielt bisher der Gotthardtunnel in dieser

U-V-6 eines Ar Millionärs D e

Mittelpunkt der Handlung bildet die rin' eines geheimnisvollen Vorfalls, den englischer Ingenieur namens Gar- Mim». eines Abends im Haufe des Londoner Snnr.T Gex erlebte. Gabriele ousiriii der Millionär als feine Nichte

li* n» ■ an dem fraglichen Abend angeb« aber Herzschlag. In Wirklichkeit ist

Taa» f„xfle e. N'chl gestoriben. Sie wird einige auf ’o "öllig erschöpftem Zustand auf

some Landstraße aufgefunden. Das Selt-

oerloren w le 1 dieser Zeit ihr Gedächtnis dem UTttn™" de, Garfield zeigten sich nach • fo starke .®orfaU ähnliche, wenn auch nicht h°rauss.em^^'-"ungen. Sie sind, wie sich später Tistes ‘ ffinrp'rx ?irtun9 eines geheimnisvollen den di-sucht nun unter allen Umstän-

diesem e .aufzuklären. Er reist zu Sommerfii. w Florenz, wo De Gex einen tingt ihn, nnL "t.aA ^•ar’s und Madrid. Es ge- dunkle Anoele"'"^'^ immer mehr Licht in die rer »irb es9 m3U bringen. Immer kla- d°s Hauvt' oin»r m ®t.e$ etn gewissenloser Schuft, len Ka^stel li^-n^^b^^rbanbe ist. Im letz« e>nem betannten s®arf,e® zusammen mit sranzösifchen S^^°bnder Detektiv in der änderen bunklen^a-i^""°?' mo De Gex mit zwei hat. De°Ger m'Enlen eine Zusammenkunft ien Augenblick h?r Klingt es, im letz- Emige Tage fn'ifJi- ?^haftung zu entkommen. Zurück, w°°er Kobri/?" ®ar[ieto nach London Aufwartung macht^ ° unb ^rer Mutter seine

b- ich weiß e?rrfDSIClrb Jft wahrhaftig dein * Moroni mnL' JPtad> ,[’r die Mutter sanft zu. ussen, wesha'b^D^ ^tauscht haben. Ich möchte ^rnt vor Jh-

k "Das' ist mVein ZK"' 3“ "" 9”

Das Gift.

Stornan von WUliam Le Queux. h des bisher abgedruckten Romanabschnittes.

Beziehung mit 14 920 Metern den Rekord, so errechnete man für den Simplontunnel eine Länge von 19 803 Me­tern. Eine weitere Folge des niedrigen Scheitelpunktes mußte die größere Höhe des Gebirges über dem Tunnel fein. Betrug diese beim Arlberg bis zu 720 Metern, beim Gotthard bis zu 1706 Metern ,fo stieg sie beim Simplontunnel bis zu 2135 Metern, in dieser Beziehung ebenfalls ein Rekord. ----

Im Jahre 1898 wurde von einer Hamburger Tiefbau­firma unter Leitung der deutschen Ingenieure Brandt, Brandau, Sulzer und Locher mit dem Vorbringen des Richtstollens auf der einen Seite von Brig aus, auf der anderen von Jselle aus begonnen. Gleichzeitig legte man einen zweiten, 17 Meter vom ersten entfernten Parallel­tunnel an, der während des Baues zur Lüftung, Waffer- ableitung und Beförderung des Baumaterials und der Arbeiter diente und in Abständen von 200 Metern durch Querstollen mit dem Haupttunnel verbunden wurde. Letz­terer sollte der ursprünglichen Berechnung nach bis No­vember 1903 erbohrt sein. Die raschen Fortschritte der ersten Zeit ließen den Durchschlag noch früher erhoffen. Doch auf der Nordfeite flieg vom siebenten Kilometer an die Gesteinswärme überraschend und in gefahrdrohender Weife. Wo man mit 36 bis 37 Grad Celsius gerechnet hatte — beim Arlbergtunnel betrug die höchste Gesteins­temperatur 18,5 Grad, beim Gotthardtunnel 30,8 Grad, Celsius — stieß man auf über 45 Grad. Vorn achten Kilometer an stieg die Hitze auf 53 Grad, um mit 56 Grad die Höchsttemperatur zu erreichen. Unter diesen Umständen drohten die Arbeiten zeitweise zum Stillstand zu kommen, weil die Zuführung kalter Lust nicht genügte, um weitere Tätigkeit vor Ort zu gestatten. Schließlich mußten besondere Vorrichtungen getroffen werden, um die Lust durch Riesenduschen mit Wasser niedrigster Tem­peratur abzukühlen.

Im Südstollen stellten sich den Arbeiten noch bedenk­lichere Hinderniffe in den Weg. Immer wieder schob sich bröckelndes Gestein vor die Bohrmaschinen, und der un­geheure Druck der mehr als zwei Kilometer hohen Fels- massen, die über dem Tunnel lagen, zersplitterte die stärksten Stollenhölzer, bog die mächtigsten Eisenträger. Gewaltige Zementblöcke mußten eingebaut werden, um dem Druck des Berges begegnen zu können. Dazu traten immer neue Waffereinbrüche, dadurch hervorgerufen, daß kalte und warme Quellen, oft wahre Bäche, erbohrt wur­den. Reißend, alles, was ihnen in den Weg kam, mit sich ziehend, gurgelten die Waffermaffen dem 634 Meter hoch liegenden Südportal zu. Am gefährlichsten aber waren die jedem größeren Wassereinbruch folgenden Felsein­stürze. Noch heute liegt eine Anzahl Arbeiter unter dem Gestein begraben, das seine Opfer nicht freigeben wollte. Man ließ die zermalmten Leiber dem Berg.

Trotz aller dieser Hindernisse schritten die Arbeiten monatlich um durchschnittlich 270 Meter vorwärts. Beim Gotthardtunnel hatte die Monatsleistung nur 111 Meter betragen. Dank der vervollkommneten Bohrmaschinen und der Benutzung von Sprenggelatine anstelle des Dynamits betrug die Zeitdauer eines Angriffs, d. h. das Bohren der je 9 bis 12 erforderlichen Bohrlöcher, das Sprengen und Abräumen nur vier Stunden gegenüber bis zu neun Stunden beim Bau des Gotthardtunnels. Die viertausend Arbeiter, die durchschnittlich beschäftigt wa­ren, schafften weit über eine Million Kubikmeter Gestein aus dem Berginnern. Die vier Millionen Bohrlöcher be­anspruchten insgesamt rund 2000 Tonnen Sprengstoff.

Im Februar 1905 erfolgte endlich der Durchschlag. Nord und Süd reichten sich zum ersten Male im Bergin­nern, fast genau an der Stelle, da die imagäre Linie der politischen Grenze den Fels schneidet, die Hände. Der Triumph deutscher Ingenieurkunst war wider Erwarten groß: Die Achsabweichung der beiden je zehn Kilometer langen Baustollen betrug nur zwanzig Zentimeter. Am 2. April befuhr der erste Zug die eingleisige Strecke von Brig bis Jselle.

Im Jahre 1912 wurde mit dem Ausbau des zweiten Stollens begonnen. Der Weltkrieg verzögerte die Fertig­stellung des zweiten Tunnels. 1922 konnte der Schluß­stein des Gesamtbaues gelegt werden. Zweigleisig durch­fährt nun die Bahn in getrennten Tunnels das Berg- massiv. In 26 Minuten bewältigt die elektrische Loko­motive die Strecke zwischen Brig und Jselle, die früher zur Zeit der Pastfahrt über den Simplonpaß einen Tag in Anspruch nahm.

Hans Christian Andersen.

Znm 125. Geburtslage

Neben Grimms Märchen mit ihrem treuherzigen Volkston stehen dem deutschen Kinde Andersens Mär­chen am nächsten. Wer hat sich nicht in seiner Kindheit an der Geschichte vom fliegenden Koffer, der Prinzes­sin auf der Erbse, dem standhaften Zinnsoldaten, den roten Schuhen und der ergreifenden Märe von dem armen Mädchen mit den Schwefelhölzchen u. a. er­freut? Diese Märchen sind mit so köstlicher Kindlich­keit erzählt, daß sie jedes Kinöerherz packen müssen.

Der Dichter dieser Märchen erwuchs einer Zeit na­tionaler und kultureller Erhebung seines Vaterlandes Dänemark, die einen gewaltigen Aufschwung der däni­schen Dichtung zu Beginn des 19. Jahrhunderts herbei­führte. Die ruhmreiche Schlacht vor Kopenhagen am Gründonnerstag 1801, als das erwachende Nationalbe­wußtsein der Dänen einen plötzlichen Angriff Englands abgeschlagen hatte, bedeutete für das Volk einen gewal­tigen nationalen Gewinn. Denn mehr als je besann sich jetzt der Däne auf seine Vergangenheit. Unter dem Einfluß der gleichzeitigen deutschen Romantik, die aus dem Geiste und dem bewußten Deutschtum des glau­bensstarken Mittelalters, aus Religion und Kunst Werte für die Gegenwart zu schöpfen suchte und die Poesie mit dem Leben zu verschmelzen strebte, griff auch die dä­nische Romantik mit Begeisterung zurück auf die Volks­poesie der eigenen Vergangenheit. Der Führer dieser neuen nationalen und romantischen Geistesrichtung war Adam Oehlenschläger (1779—1850), der Schöpfer der skandinavischen Renaissance und Dänemarks größter Dichter. Oehlenschläger war ein wahrhaft naiver Dich­ter im Sinne Schillers. Naiv ist auch die Dichtung Andersens.

In poefieoer Härter Schilderung hat Andersen die Aermlichkeit seiner Jugendzeit rührend geschildert in dem „Märchen meines Lebens." Sein Vater war ein armer Schrchmacher zu Odense, der erst 22 Jahre alt war, als ihm am 2. April 1805 ein Sohn geboren wurde. Der notgedrückte Mann, der selbst so herzlich gern eine höhere Schule besucht hätte, war keineswegs in der Lage, feinem wißbegierigen Sohne eine auch nur einigermaßen ausreichende Bildung angedeihen zu lassen. So war das Kind sich selbst überlassen und konnte sich in einsamen Stunden seiner blühenden Phan­tasie überlasten, die durch die literarischen Interessen des Vaters noch gerührt wurde. Nur die Armenschule konnte er besuchen. So wurde aus dem Gegensatz der dürftigen BWung und der erwachenden starken Bega­bung ein Sonderling, der aber, wie jeder Autodidakt, eine große Meinung von sich selber hatte. Schon wollte die Mutter, nachdem der Vater gestorben war, den langaufgeschossenen Jüngling zum Schneiderhandwerk

des Märchendichters.

bestimmen. Da erregte der junge Andersen die Auf­merksamkeit von Gönnern, die ihm den Besuch einer höheren Schule ermöglichten. Das Gefühl, Student zu sein (1828) hob sein menschliches Bewußtsein und der starke Beifall, den ein lyrisches Gedicht sand, sein dichterisches. Nun entfaltete er in den Spuren E. Th. A. Hoffmanns und Heines eine umfangreiche schriftstel- lerische Tätigkeit. Allerdings hatte die Kritik für seine unreife Schriftstellere! wenig Verständnis und riß den jungen Dichter recht unsanft aus seinen Träumen vom dichterischen Ruhme. Nach der Meinung des empfind­lichen jungen Schrisfftellers lag der Tadel an der Ver­ständnislosigkeit der Landsleute, und fo wandte er der Heimat den Rücken und unternahm mit königlicher Un­terstützung eine Auslandsreise. Durch die hierbei ge­wonnene Erfahrung und Erweiterung seines Gesichts­kreises hoffte er, ein wahres dichterisches Kunstwerk schaffen und die Zweifler in seiner Heimat zum Schwei- gen bringen zu können. Und wirklich errang sein neues Werk „Der Improvisator" (1835) großen Beifall. Fast unbeachtet dagegen blieb ein kleines, gleichzeitig erschie­nenes Heftchen mit dem bescheidenen Titel „Märchen, er­zählt für Kinder". Es war die erste Sammlung der Dichtungen, die Andersen unsterblich machen sollten, nämlich seiner heute allein von seinen Schriften noch lebendigen Märchen. Ein Glück, daß Andersen damals selbst den Wert seiner Märchendichtung nicht erkannte. Denn bei seiner rasch arbeitenden Produktion, die nur im Roman ihr Heil sah und aus der dichterischen Kunst ein Handwerk machte, fehlte alle beschauliche Ruhe und Innerlichkeit, die nun einmal für die zarten Gebilde der 'Märchendichtung unerläßliche Vorbedingung sind. So blieb die Fortsetzung dieses ersten Versuches glückli­cheren Stunden innerer Sammlung vorbehalten.

Neben Romanen und interessanten Reffeschilderungen (Schweden, Spanien), vergaß Andersen auch die Lyrik nicht, der er ja die erste kleine Berühmtheit zu verdan­ken hatte. Eines seiner lyrischen Gedichte wurde durch Chamissos Uebertragung „Der Soldat" (Es geht bei gedämpfter Trommel Klang) auch in Denffchland sehr bekannt. Mit Eifer versuchte er sich im Drama. Aber seine Begabung reichte hiersür nicht aus. Weder ge­nügte feine Menschenkenntnis, um dramatische Charak­tere zu gestalten noch war es ihm gegeben, eine drama­tische Komposition aufzubauen und durchzuführen. Sein Arbeitsfeld war die Idylle; die liebevolle Ausma­lung einer begrenzten Welt war feine Stärke. So fand feine eigentümliche Begabung ihr eigentliches Arbeits­feld in dem Märchen.

Nach der ersten Sammlung aus dem Jahre 1835, dis u. a. „Die Prinzessin auf der Erbse" enthielt, war di«

Ä

fr.

k<

...

Hans Christian Andersen (qest. 1875.)

Andersens Geburtshaus in Odense (in der Mitte hinten.)

„3a, gnädige Frau, das Ganze ist mir ein Rüffel — auch weshalb gerade Doktor Moroni ein solches In­teresse für Ihre Tochter zeigt. Man darf ihm nicht trauen, und ich muß Sie im Gegenteil vor ihm warnen."

„Warum? Er war doch Gabriele gegenüber so gut!

„Der Grund meiner Warnung ist der, daß er ihr Feind ist, ebenso wie der meine", erklärte ich ent­schlossen.

„Das verstehe ich nicht", rief Frau Tennison aus. „Weshalb sollte er denn Gabrielens Feind fein?"

„Das weiß ich nicht — jedenfalls aber fürchtet er, Gabriele könnte sich erholen und die ganze Wahrheit enthüllen, die ihn wahrscheinlich sehr belasten würde.

„Glauben Sie, daß er seine Hand bei dieser dunklen Sache im Spiele hat.

„Bestimmt", gab ich zur Antwort und erzählte ihr dann von meiner Reffe nach Italien, und wie ich ihre Tochter mit Moroni in Florenz gesehen hatte.

„Woher kannten Sie denn meine Tochter?" fragte sie erstaunt.

„Weil ich sie in jener verhängnisvollen Nacht in ei­nem Hause in London gesehen hatte."

„Sie fahen sie? Wo?"

„Im Hause eines gemeinsamen Feindes."

„Wer ist das?"

„Verzeihen Sie, gnädige Frau, doch mehr kann ich Ihnen vorläufig nicht sagen", erwiderte ich. „Wenn sich mein Verdacht bewahrheiten sollte, werde ich Ihnen dann alles sagen — bis dorthin muß ich Sie bitten, sich zu gedulden."

,Zch hätte es mir nicht träumen lassen, daß Gabriele auf der ganzen Welt auch nur einen einzigen Fenck» hat — ich kann das nicht begreifen." '

„Auch ich verstehe es nicht, aber es ist Tatsache. Sie müffen Ihrer Tochter die größte Vorsicht angedeihen lassen. Weshalb traf sie sich denn mit diesem Franzosen im Park?" .

„Ich habe eben erst davon gehört," gab die Dame zur Antwort. „Doktor Moroni scheint die beiden be­kannt gemacht zu haben, sie hat ihn vorher nur ein ein­ziges Mal gesehen."

Sich zu ihrer Tochter wendend, fügte sie hinzu „Was sagte er dir denn?"

I„Er brachte mir eine dringende Botschaft von Doktor Moroni, der mir sagen ließ, daß ein Anschlag aus mein Leben geplant fei", erwiderte das Mädchen mit leiser Stimme. „Er ließ mich daraus aufmerksam machen, daß Herr Garfield wahrscheinlich zu mir komme und sich als mein Freund ausgeben würde, doch sei er mein Feind, und ich sollte mir mit ihm nichts zu schaffen machen."

„Das war affo die zweite Warnung!" rief ich aus. „Mehr als je ist es mir nun klar, daß sie Angst haben, wir könnten zusammenkommen und den ganzen Anschlag aufdecken. Was sagte er denn noch?"

„Er teilte mir noch mit, Doktor Moroni sei noch in Florenz, doch würde er bald nach London kommen und mich dann besuchen. Dann trug er mir noch auf, zu niemanden zu sagen, daß er mich gesprochen und mich vor Ihnen gewarnt hätte — nicht einmal meiner Mut­ter."

„Das überrascht mich keineswegs", bemerkte ich: „denn ich weiß, daß Monsieur Suzor und Moroni sehr gut miteinander sind."

„Wieso?"

„Wie ich bereits erklärt habe. Fräulein Tennison, habe ich das Rätsel noch nicht gelöst, obgleich ich schon I so manche Tatsachen festgestellt habe, die mich der Lö- I jung näherbringen werden.

„Und ihre dösen Absichten?" fragte mich die Mutter.

„Die richten sich gegen uns beide, deshalb sind die Interessen Ihrer Tochter auch die meinen", erklärte ich. „Mein ganzes Trachten geht dahin, diejenigen, die — jedenfalls aus gewinnsüchtiger Absicht — diesen An­schlag gegen Ihre Tochter unternommen haben, der ge­rechten Strafe zuzuführen. Sie können Suzor und Moroni vertrauen, wie Sie wollen, gnädige Frau, ich werde jedenfalls meine gegenwärtige Haltung nicht ändern.. Daß sie Angst vor mir haben, steht fest."

„Ich sehe Ihren Standpunkt vollständig ein", er­widerte Frau Tennison.

„Deshalb lege ich Ihnen nochmals ans Herz, auf Fräulein Gabriele recht achtzugeben. Wenn man davon erfährt, daß ich hier gewesen bin, dann wird man sicher­lich versuchen, einen von uns zum Schweigen zu brin­gen. Wir müssen demnach auf alles gefaßt fein."

„Warum gehen Sie nicht zur Polizei?" schlug Frau Tennison vor.

„Weil die ganzen Umstände fo merkwürdig sind, daß man mir in Scotland Aard gar nicht glauben würde", gab ich zur Antwort. „Nein, ich muß mit mei­nem Freunde Harnbledon allein die Erhebungen fort» fetzen. Ich hoffe, es wird uns gelingen, das Rätsel des gegenwärtigen Geisteszustandes Ihrer Tochter zu lösen und auch den Grund herauszubringen, weshalb ein ähnlicher Anschlag auf mich verübt wurde."

„Nun ich hoffe, Sie mögen Erfolg haben, Herr Gar­field", meinte die alte Dame mit einem Seufzer. „Der Schlag, der mich getroffen hat, ist furchtbar. Mein armes Kind in dieser Verfassung zu sehen, ift entsetzlich." — „Sie muß eben Professor (Sourbeil konsultieren, den Spezialisten in Lyon, er kennt die Symtome und Fol­gen des Orosins genau."

Die alte Dame seufzte und blickte traurig auf ihre Tochter, die, das Kinn auf ihre Hand gestützt, dasaß.

„Leider bin ich nicht wohlhabend, Herr ©arfieft*,. sagte sie dann. „Gerne würde ich alles, was ich habe, dafür geben, wenn mein armes Kind geheilt werden könnte. Doch meine Mittel sind sehr beschränkt, und alles ist jetzt noch so teuer."

Mir bangte um die Zukunft des Mädchens, das ich fo innig liebte, obwohl ihr Geist zerrüttet war.

23. Kapitel.

Das tödliche Gift.

Es war Juli geworden.

Die Londoner Saison ging ihrem Ende entgegen. Das Derby war vorüber, ebenso die Kriket- und Polotur- niere und auch die Henley-Woche war vorbei. Die Lon­doner Gesellschaft bereitete sich auf den Aufenthalt auf dem Lande und an der See vor und überließ die Haupt- stadt den Stammesbrüdern aus Amerika, die in hellen Scharen in die Lovdoner Hotels einfielen.

Ich selbst war bei Francis und Golkffmith wieder hart an der Arbeit, wie vor meinem Abenteuer, während Harry- feinem Berufe am Polizeigericht nadiging.

Mit Frau Tennison stand ich nun auf sehr freund­schaftlichem Fuße; ich war ein häufiger Gast in der Longridge Road und verbrachte viele angenehme Stun-