NILS
Veilage zur Fuldaer Zeitung
23. Mürz
Erster Frühlingstag.
Ein Feld steht grün in junger Saat, In gelbem Schleier die Weide, Der Gartenbusch an meinem Pfad Trägt Kätzchen aus Samt und Seide.
Der Himmel, blau und weiß gefleckt, Blinkt in den Pfützenspiegeln, Das Dorf, hinter Baum und Zaun versteckt, Leuchtet mit roten Ziegeln.
Hell pfeift der Starmatz in dem Hag —
Halt an. Du Mensch, ein Weilchen:
Heut ist der erste Frühlingstag Mit Sonnenschein und Veilchen!
Heinrich Eisen.
e vier Sonntage vor Ostern.
Von Adolf Föhr.
Oculi.
Dunkel war die Märznacht. Ein zäher Wind hat an Bäumen gerüttelt. Erst gegen Morgen ist er geflohen. Nun hängen die Tränen an den Zweigen, Tränen des Schmerzes, der doch schon halb vergessen ist.
Hinter grauen Wolken geht die Sonne auf. Nebel deckt die Welt.
Ein Star erwacht und schmettert ein paar Töne her- ■jjje. Dann hält er erschrocken inne. Es ist ja so still, so unheimlich still überall! Und scheu, unschlüssig hüpft er auf dem Boden umher.
Da liegt noch altes Laub. Modrig und feucht. Es klebt fest am Boden. Viele Regengüsse und viel Sonnenschein werden noch kommen müssen, um es zu zerfressen.
Ein alter Mann steht da und betrachtet aufmerksam die Knospen. Da rötet sichs, da! Ein ganz klein wenig haben die Knospenaugen ihre Lider gehoben. Und der alte Mann greift sinnend in seine Schulzeit zurück, kramt p mühsam sein letztes bißchen Latein zusammen und erinnert sich, daß Oculi der lateinische Name für die Knospen ist.
Läkare.
Die Sonne stiehlt sich lachend durch einen dünnen Wolkenriß. Die Häuserfronten, rein gewaschen durch nächtlichen Sturzregen, blinken auf. Sogleich aber stürzen sich breite Schatten drohend über sie.
Mehr und mehr brechen die Wolken auseinander und r formen sich. Ein paar Tiergestalten lagern fern am Horizont. Und oben — ei, da hüpfen ja schon ein paar Echäfchemvolken hin und her. Und der Himmel dahinter U-so hell und blau, als breite er heimlich schon den Öfter- N vor.
Eine Schar Sperlinge kreischt über das Dach hinweg M fällt in die Bäume. Stare singen froh vom First. Und in Wolkenhöhe, schnell rudernd, lautlos zieht ein Strich wilden Enten zielbewußt dahin.
Ein Kind spielt versonnen auf der Straße und treibt den Kreisel an. Immer wieder, immer von neuem, und ! ficht den merkwürdigen Umdrehungen zu. Ein stilles Freuen liegt über seinem Gesicht. Und zugleich doch auch das tiefe Sinnen, was dieses Kreisels nimmermüder Gang Bedeutungsvolles enthalte. Ich will es dir sagen, Kind! Das Kreiselspiel des Lebens ahmst du auf deins ■ Leise nach. Sieh, für den Kreisel bist du Schicksal. Du selbst aber wirst dich einmal in wirbelnder Bewegung «chen unter der Peitsche des Lebens. Dann sei dir der Sonntag Lätare eine Lehre — der Sonntag der frohen Besinnlichkeit, der uns anweist, aus allen Umtrieben des Schicksals, selbst aus Not und düsterer Zeit, Zuversicht und selige Gewißheit zu ziehen für einen kommenden -roßen Ostertag! Lätare, freue dich!
Judica.
Heraus, heraus! Der Frühling ist da! Aber tritt ie-se aui, noch darfst du es nicht wissen! Denn — heute, usute schon wollten sie Ihn töten. Ihn hinabstoßen von «nmi Felsen. Aber noch war Seine Zeit nicht da. Er »erbarg sich ihnen. Also, Sonne, leg auch du einen | Meier über dein glühendes Herz, dämpfe deinen Schein! ij Frühling warte noch ein wenig! Eil nicht zu sehr Sieh, Hagelschloßen lauern noch im Hintechalt. Ihr Vögel.
W «nnt ihr nicht zu früh? Da — wie die Schnepfen strei- 1
djen! Weh, es knallt int Walde, und mit durchschossener Brust fällt das Tierlein nieder — kam es dazu in die Heimat zurück? Still, laßt doch die Kreatur in Frieden! Judica! Judica heißt: richte! Ja, richtet euch, er ist höchste Zeit! Und seid rein wie der junge Frühling, wenn er in die Lande zieht.
Ein Wetter kommt herauf. Dunkle Wolken, Blitz, Donnerrollen, Hagel! Das erste Frühlingsgewitter. In einem Augenblick ist die Welt winterlich geworden.. Und ihr steht zage vor den Fenstern und schaut durch die Geronnenen Scheiben in die Verwüstung. Auch dieses ist ein Gericht! Judica!
Palmarum.
Sie haben Ihn zum König ausgerufen. Und doch wird man dessen nicht froh. Die Blütenkätzchen an den Zweigen, die sie Ihm entgegenschwingen, schauen so fromm drein und öffnen so selig ihre weiche Brust — aber es werden nie und nimmer Früchte daraus: sie wurden ja vom Ast gebrochen und blieben nicht am lebenden Baum. So öffnet sich auch manche Menschenbrust dem Herrn und jubelt Ihm Hosiannah zu. Aber nicht um Seinetwillen. Könige, Mächtige, Wundertäter sind umworbene Personen. Viel vermögen sie, viel erwartet man von ihnen. Ist ein Wunder, ob es nun Brot schafft oder Wasser in Wein verwandelt oder Tote auferweckt, nicht ein Hosiannah wert?
Ein Tag des Zwiespalts. Hoch im Himmel jubelnd unzählige Lerchen, unten auf der Erde die ersten grünen Blätterspitzen, hie und da schon eine scheue Blüte, das erste herb duftende Gras. Zwischendurch aber immer die bange Frage: was wird werden? Werden diese frühen Blüten Früchte tragen? Wird dieses junge Gras zum Halm werden? Werden diese Blätter nicht verdorren? Und äugt nicht schon der Sperber nach der Lerche? Ja, die Natur bangt und zweifelt an sich selbst. Ein schmerzlicher Bann liegt aber der Welt. Jäh bricht die Lerche ab, die Knospe schließt sich, das Blatt rollt sich zusammen — so tritt die Nacht, die dunkle, unergründliche, schweigende Nacht herein, und der Tag entflieht, wie -'n einem Schauer über sich selbst gepackt
Dank an Franz Herwig.
Zu seinem 50. Geburtstag am 20. 2Här$,
Don Heinrich Bachmann.
Von allen Begegnungen, die ich mit ihm hatte, sind mir drei besonders im Gedächtnis geblieben, zwei wirkliche und davor eine im Geiste.
Don der will ich ansangen. Damals war ich Führer einer Quickborngruppe irgendwo in Niedersachsen. Die Dreizehn-, Vierzehnjährigen waren an sich schon schwer für Bücher zu begeistern, namentlich aber fand ich trotz aller Mühe nicht den Weg, um sie für die katholische Literatur, an die wir älteren doch so unerschütterlich glaubten, zu entflammen. Das alles war ja zu geistvoll und zu erwachsen: oder es war so, daß die Jungens immer gleich die Pädagogen dahinter witterten. Da kam ich eines Tages zu einem Nestabend und fand die Gesellschaft unruhig wie einen Bienenkorb. Alles sammelte sich um einen Mittelpunkt. Ich selbst wurde auf eine Bank gezogen und mußte zuhören. Und dann las einer mit rotem Kopf und verschlagener Stimme Herwigs „Widukind" aus der „H e l d e n l e g e n d e". Er las das Buch bis zu Ende. Die anderen waren feurigen Auges andächtig wie sonst nie. Ich weiß nur, daß es sich dann jeder stillschweigend gekauft hat. Sie schlepptens mit ruf die Fahrten und lasen es dann immer wieder, allein oder gemeinsam, jeder stumm für sich oder vor allem mit qrollend-jauchzender Stimme draußen in den alten Wäldern oder aus stiller Heide irgendwo an einem Hünengrab.
Da hatten sie endlich den gefunden, der ihnen das mit Worten malte, was unausdrückbar in ihren niederdeutschen Herzen lag. Aus diesen dünnen schmucklosen Heften stieg ihnen der Mann empor, über den die Geschichte nur fünf Sätze und die Bauern der norddeutschen Tiefebene nur raunende Geheimnisse zu berichten wissen.
Er wurde greifbar, wuchs aus dem Hof feines Vaters in fein großes Schicksal, hatte den Sturm der weiten Ebene hinter seinem weißen Roß, und die Verschlossenheit der Wälder in seinem Wesen. Für ihn war der
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I Den Mittelpunkt der Handlung bildet die Aufklärung eines geheimnisvollen Vorfalls, den em junger englischer Ingenieur namens ® ar- meld eines Abends im Haufe des Londoner Mlllwnärs De Gex erlebte. Gabriele ^ngledue, die der Millionär als feine Nichte ausgibt, stirbt an dem fraglichen Abend angeb- "ch an einem Herzschlag. In Wirklichkeit ist aber Gabriele nicht gestorben. Sie' wird einige "Ca9e später in völlig erschöpftem Zustand auf sMamer Landstraße aufgefunden. Das Seltsame Li baß sie seit dieser Zeit ihr Gedächtnis verloren Auch bei Garfield zeigten sich nach dem leitfamen Vorfall ähnliche, wenn auch nicht so narke Erscheinungen. Sie sind, wie sich später perausstellt, die Wirkung eines geheimnisvollen rnistes. Garfield sucht nun unter allen Umständen die Sache aufzuklären. Er reift zu meiern Zwecke nach Florenz, wo De Ger einen hat, nach Paris und Madrid. Es ge- mgr chm, allmählich immer mehr Licht in die öunfle Angelegenheit zu bringen. Immer kla- er wird es, daß De Gex ein gewissenloser Schuft, tQS einer Verbrecherbande ist. Im letz- n Kapitel finden wir Garfield zusammen mit bekannten Madrider Detektiv in der fran- ioittajen Stadt Nimes, wo De Gex mit zwei an- fjctf ih*3fl€n Elementen eine Zusammenkunft
Inm facher keinen Menschen, der in Madrid sftjttener märe, als Tenor „De Gex", erwiderte ’en sr T- - "®r empfängt im Hotel Ritz stets unsere „ -Politiker und andere Berühmtheiten. Selbst der lieft .'h" schon mehr als einmal zu sich befohlen, 7* mit ihm über Finanzprobleme zu beraten, aber behaupten Sie, Senor De Gex wäre ein
Das Gis«.
Roman von William Le Queuj
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Inhalt des bisher abgcdrockken Romanabschnittes.
„Ich behaupte es nicht bloß, sondern ich klage ihn sogar öffentlich dieses Verbrechens an," fügte ich erregt hinzu, denn ich dachte an Gabriele.
Rivero sah mich von der Seite an und zuckte ungläubig die Achseln.
„Wie Sie wollen", bemerkte ich. „Zumindest aber habe ich bewiesen, daß er ein geheimer Freund des berüchtigten Despujol ist. Weshalb sollte er sich hier in Nimes mit De Gex und Moroni treffen, wenn nicht ein teuflischer Zweck damit verbunden wäre? Despujol führt einen verzweifelten Kampf gegen die Gesellschaft, und De Gex finanziert ihn, er ist daher ein bezahlter Diener des reichen Geldmannes."
„Nun", sagte er dann, „was Sie mir da mitgeteilt haben, ist jedenfalls sehr interessant."
„Wenn Sie also Despujol festnehmen wollen, dürfen Sie keine Zeit verlieren", drängte ich. „Vergessen Sie nicht, daß er und seine Bande überall ihre Helfershelfer haben, die Augen und Ohren offenhalten.
„Sie haben recht", stimmte mir Rivero zu. „Ich will gleich auf die Polizei gehen — kommen Sie mit mir!"
Wir fuhren sogleich zur Polizeidirektion, wo man uns zu Monsieur Coulagne brachte, einem eleganten, grauharigen Herrn, der die Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch trug.
Als Rivera sich oorstellte, verbeugte sich der Beamte und bat uns, Platz zu nehmen. — In raschen Worten erklärte der spanische Detektiv den Grund unserer Dorsprache und ersuchte um die Verhaftung des gesuchten Verbrechers Despujol. Er wies dabei feine Vollmacht der spanischen Regierung vor.
„Hält sich Despujol wirklich hier in Nimes auf?" rief der Kommissär überrascht aus.
„Gewiß, ich sah ihn heute mittag hier ankommen."
„Wir suchen ihn schon seit zwei Jahren, und zwar wegen des Mordes an Madame Lescot, einer reichen Witwe aus Aix-en-Provence."
„Dann wird er wohl nicht ausgeliefert werden?" bemerkte Rivero. „Wir suchen ihn wegen eines ganzen Dutzend von Verbrechen. Unter anderem verübte er einen Mordversuch auf meinen Freund hier, Monsieur Garfield, der gegen ihn ausfagen wird."
| Christengott ebenso schwer zugänglich wie für jeden fpä- ' teren Niedersachsen. Aber er hielt ihm dann die Treue wie nur der Mensch Niederdeutschlands treu sein tarnt. In diesem Erlebnis und über diesem Buch sind wortlos j Freundschaften geschlossen worden, die heute noch halten. | Vor allem aber hat dieses kleine Heft die so schwer zugänglichen Herzen von Niedersachsenjungen geöffnet. Und wenn einer dort ein- und ausgehen darf, so ist es unser Dichter.
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Auch der andere Franz Herwig, der sich aus der Geschichte unseres Volkes, an deren Größe er unpathetisch glaubt, hingewendet hat in unsere nächste Gegenwart! Dieser hat sich besonders unter der Jugend der Städte Freunde geworben. Schon seinen „Sebastian vom Wedding" sah ich immer wieder in den älteren Gruppen der Jugendbewegung. Das war der Heilige, wie ihn die jungen Menschen ersehnten, der Mann, der das Heute liebt um seiner Not willen, und der sich hinopfert am Kreuz einer Straßenlaterne für seinen göttlichen Meister und feine armen Menschenbrüder.
Ich durfte dabei fein, wie auf Burg Normann- ft e i n Franz Herwig mit anderen katholischen Dichtern zusammen ein paar Stunden unter niederdeutschen Jungens saß und mit ihnen umging. Er war aus Weimar, wo er wohnt, herübergekommen. Damals bin auch ich ihm zum erstenmal wirklich begegnet. Uns wurde das alles zum unzerstörbaren einheitlichen Erlebnis: Dieser große, gütige Mensch mit der hellbraunen Hornbrille, mit der klangschwingenden, anheimelnden Sprache von den Gegenden um die Mittelelbe, mit der betulichen Sorgfalt, in der er jede Begegnung, jedes Erlebnis nahm. Ich weiß nicht, seitdem ist mirs immer, als ob der Daniel aus den „Eingeengten" der Straße zwischen Treffurt und Eisenach über die wir in den Normann- fteiner Tagen oft zusammen gewandert sind, im Chaus- feegraben seine großstadtverwirrten Augen geschlossen hat. Selbst die Stelle glaube ich im Gedächtnis zu haben.
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Dann kam er einmal auf unsere Redaktionsstube. Damals waren wir in Berlin besonders stolz auf ihn; denn fein erster Großstadtrom. „Die Eingeengten" war auch ein wenig Erfolg unserer jungen kathol. Sache. Seine kleinere Geschichte von dem tapferen Krüppelkind Willi, der das Leben besingt, war ebenfalls schon her
aus. Und es ist selbstverständlich, daß ich ihm gleich davon gesprochen habe. Er wollte hin zu seinem Freunde Sonnenschein, und er hatte wenig Zeit. Vielleicht hat ei deshalb ein bißchen übertrieben. Aber er hat mir versichert — und dabei lachte er sein Eulenspiegellächeln — daß er noch ein Dutzend Berliner Romane schreiben, und daß „W i l l i siegt" nur ein Stück Abfall von der großen Arbeit sei, die erst mit den „Eingeengten" an- gefangen habe.
Inzwischen hat er die Reihe mit „Hoffnung auf Licht" und neuerdings mit „Fluchtversuche" fort- gefeit. Langsam bevölkert sich fein Berlin mit immer neuen Schicksalen und Gestalten Viele davon sind nur ihm irgendwo im Norden oder Osten oder in den äußersten Vororten begegnet; manche haben auch unterwegs auf der Reife von Berlin bis Weimar ihre ganz eigene Herrnigfche Prägung bekommen. Wer die besten unter ihnen, Sebastian, Paul und Hildegard Oppermann, lind mit fernen Büchern zurück zu uns gekommen. Und sie leben heute unter uns. wenn auch nur in unserer Vorstellung. Seitdem denken wir an sie, wissen um sie und sind glücklich, daß ihre große und heiligmäßige Wesensart aus dieser wirren Stadt, dieser unserer oft so schwel zu ertragenden Wahlheimat erstehen konnten.
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So steht der heute Fünfzigjährige mitten im Willen zum Werk. Seine an sich verschlossene, preußische Natur wird sich immer neues Feld menschlicher Lebensäußerung erobern und entdecken. Er hat den deutschen Osten mit seiner Auseinandersetzung mit Polen in den „L e tz- ten Zielinskis" im „Schlachtfeld" und im „Begräbnis des Haffes" bargeftellt; er kennt „Das märkische Herz" der Hohenzollern und den derben Reiter „Jan v. Werth" ebenso wie Otto III. im geschichtlichen Roman „Wunder der Welt" ober die drei Jahrhunderte des Palastes der Gonzaga am Gardasee in „Die Stunde kommt". Er schrieb kleine Erzähl. wie den „Pfarrer zu Pferd", „Die seine I n g e b o r g" und „I obus ch". Auch eine humorige Erzählung „Das Sextett im Himmelreich" ist ihm gelungen. Ja, er hat sich mit seiner Schrift „Die Zukunft des katholischen Elementes in der deutschen Literatur" und seinen Roman-Kritiken im . „Hochland" einen Namen gemacht und uns eine Bresche zum Eintritt in die Zeit geschlagen. Aber sein Hauptverdienst ist die Entdeckung von dichterischem Neuland. Gerade das möchten wir Jungen ihm danken.
Das Magsleben der antiken Wett.
Von Henry Perl.
Rom mit seinen großartigen — aller Welt zum mindesten durch Abbildungen bekannten Baudenkmälern und Ueberreften, mit den gigantischen Verhältnissen seiner verschwenderischen Pracht gibt den staunenden Blicken der Nachwelt bloß einen einseitigen Begriff jener fernen Zeit, in der sie entstanden sind. Wie ganz anders wurde er schon, als Herculanum und Pompeji, diese zwei Sommerfrischen des alten Rom, nach achtzehnhundert Jahren ans Tageslicht gezogen wurden und das Dach eines römischen Hauses weggehoben ward und welche Auffchlüsse geben uns erst die heutigen Ausgrabungen in Rom selbst.
Dieselben Freuden, dieselben Miseren künden diese aufgegrabenen Straßen, diese weggehobenen Decken, die uns das Leben der so glücklich gepriesenen Welt nicht einzeln, nicht in seiner Größe allein, sondern mit all seinen Kämpfen und Beschwerden zeigen, die unzertrennlich sind von Menschenart und Menfchenlos.
Alles wird uns verständlich in dieser Umgebung lebloser Kleinodien, die jene Menschen des Altertums uns zurückgelassen haben. Alles und auch das, daß ihr Leben nicht sorgenloser, nicht müheloser gewesen ist als bas unserige, wiewohl vielleicht größer und einheitlicher.
Hier die verkohlten Zeugstücke, sorgfältig in einer Glasfchüssel gesammelt; wir greifen zur Lupe. Dieselbe Struktur, dieselbe Gattung Wollenzeuges, aus der ein Toga und heute unser Frack gemacht wird. Nicht allein am Webstuhl der Ewigkeit, auch am Webstuhl der Endlichkeit verändert sich ja so unglaublich weniges!
Wir stehen vor dem Brote, der Gottesgabe Niedrig- geborener. Hier liegt es vor uns, dieses Brot, das der Bäcker am Tage des Entsetzens, der über Pompeji meuchlings hereingebrochen war, in den Backofen geschoben hatte. Nahezu 2000 Jahre hat es unter der schützender Decke gehärteter Lava gelegen, und heute betrachten wir es durch den luftdichten Glasschrank hindurch, der es vor Verwesung verwahrt. Die Formen sind dieselben geblieben, wie sie in Unteritalien noch zur Stunde geknetet werden.
Und hier sind auch Reis, unterschiedliche Gewürzsorten, Gerste, Hafer, Bohnen und nun gar bas Del, ber Wein, letzterer in seiner Originalkaraffe! Der Kellerstaub von neunzehn Jahrhunderten auf seinem gläsernen Flaschen- halse! Kristallisiert der Wein, das Del gestockt, aber dennoch da, der Zeit getrotzt in ihren Lavagräben!
Und nun erst die leeren, bloß mit Sand und Asche gefüllten Flaschen, die Trinkgefäße, Küchengeräte, genau wie sie bas an seinen Trabitionen festhaltende Volk im Süden Italiens heute noch im Gebrauche hat. Gerade als ob es wußte, daß diese Amphoren, diese schlanken Flaschenhälse, diese dem Auge wohlgefälligen zweihenke- ligen Krüge — die man in der Kunstsprache je nach ifiren Linien etruskische, griechische, pompejanische nennt — nie durch vollendetere künstlerische Formen ersetzt werden tönten.
Scheinbar Geringfügiges ist es, was hier den Beschauer fesselt, ihn wiederholt von hehren Meisterwerken
Der Kommissär drückte auf einen Taster, worauf sein Sekretär erschien. In wenigen Worten gab er ihm seine Aufträge, worauf sich der Sekretär wieder entfernte.
„Despujol ist ein verzweifelter Verbrecher", bemerkte Rivero. „Er ist stets bewaffnet und verfügt über ganz ungeheure Körperkräfte — er ist imstande, auch den stärksten Gegner zu erwürgen."
„Ich habe 'schon meine Vorbereitungen getroffen", erklärte Monsieur Coulagne lächelnd. „Ich habe zehn Mann in Zivil kommandiert, die sich unauffällig zum Hotel Luxembourg begeben und ihn dort bei feiner Rückkehr verhaften."
„Dadurch werden De Gex und Moroni gewarnt werden," fiel ich rasch ein, „und werden uns entschlüpfen."
Rivero lachte. Ich wußte, daß er meinen Worten keinen Glauben schenkte. Seiner Ansicht nach konnte doch der reiche Freund Spaniens nichts Böses vorhaben! Hatte ihn denn nicht der König selbst zu Konferenzen geladen?
Ich war über Riveros Haltung nicht überrascht, doch ich hatte gehofft, daß Despujol verhaftet werden würde, ohne daß De Gex und der Arzt hiervon Kenntnis erlangten.
Im Auftrag des Kommfffärs hatte man einen dicken Akt gebracht, den er und Rivero nun durchstudierten; er enthielt eine Liste der Verbrechen, deren man Despujol beschuldigte, oder an denen er beteiligt gewesen fein sollte.
Die Anzahl dieser Verbrechen war eine beträchtliche und zeigte, daß es dem Mann, den die Polizei von ganz Europa schon feit langem suchte, immer wieder gelungen war, zu entkommen.
„Nun, diesmal werden wir schon darauf schen, daß er uns nicht entschlüpft!" erklärte Rivero triumphierend!
„Gewiß", stimmte der Polizeikommissar zu. „Meine Leute sind bewaffnet und werden ihn bringen, lebend oder tot.
Da klingelte bas Telephon, Monsieur Coulagne nahm eine Meldung entgegen unb rief dann aus: „Meine Leute haben bereits das Hotel umstellt — wir brau
chen also nur noch zu warten, bis Despujol zurückkehrt." —
Ich machte mich nun mit Rivero und dem Kommissar ebenfalls auf den Weg dorthin. Als wir, vom Kommissär geführt, zum Hotel kamen, sahen wir, daß dort mehrere Leute, scheinbar ganz müßig, herumstanden.
Wir gingen in das Hotel, setzten uns in die hinterste Ecke der Halle und warteten.
Eine volle Stunde lang warteten wir in Ungeduld — da zeigte sich endlich die bekannte Gestalt des Doktor Moroni in der Türe. Er war allein!
Er ging in sein Zimmer hinauf, wo er ungefähr zehn Minuten lang blieb. Dann kam er wieder herunter, ging ins Bureau unb verlangte die Rechnung für sich unb seinen Freund und erklärte, er wolle mit dem Zuge, ber in einer halben Stunde ab ging, nach Paris reifen.
Rivero, der unerkannt in seiner Nähe gestanden war, kam rasch zu uns herüber und flüsterte uns zu:
"Sie sind fort! Auch er reift ab! Jedenfalls haben sie Verdacht geschöpft, baß sie beobachtet werben."
„Ja, Despujol ist ein flüchtiger Vogel", erwiderte Monsieur Coulagne. Dann staub er auf unb ging vor bas Hotel hinaus, wo er dem ersten Inspektor, ber sofort auf ihn zukam, eilig etwas zuflüsterie. ..
In wenigen Augenblicken waren mehr als bie Hälfte ber Detektive nach verschiedenen Richtungen hin ver- schwunben, um auf ben Bahnhöfen Erhebungen anzustellen. Als er wieder zu uns trat — Moroni war mittlerweile wieder in fein Zimmer hinaufgegangen — sagte er:
„Despujol kann noch nicht weit fein — ich habe Auf- trag gegeben, baß alle Eisenbahnstationen in einem Umkreis von zweihundert Kilometern verständigt werben. Kommen Sie mst mir in mein Bureau zurück und warten wir bort bie weiteren Berichte ab."
"Was geschieht mit Moroni?" erkundigte ich mich.
„Er wirb beobachtet werben — bas habe ich bereits verfügt", bekam ich zur Antwort.
In die Polizeidirektion zurückgekehrt, warteten mit suf bie Berichte über ben Flüchtigen, doch es liefen keine ein. Erst zwei Stunden später erfuhren wir von einem Inspektor bas Ergebnis ber Erhebungen.
2lm vorhergehenden Tage war ein großes, offenes Auto, bas von einem Chauffeur gelenkt wurde, in die