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8t. 54.

Donnerstag, den 6 März 1930.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt

Druck der Fuldaer AcNendruckeret, Fulda

Ser Vater der rheinisch-westfälischen Industrie.

Zum 50. Todestag von Fr. Harkort am 6. März.

Von Dr. Wilhelm Schulte.

Man ist auch außerhalb Deutschlands gewöhnt, Entstehung und Entwicklung des wichtigsten deut­schen Industriegebietes mit dem Namen Krupp zu verbinden. Doch war Alfred Krupp selber sich wohl bewußt, wie sehr er bloß Jünger eines Größeren mar; freimütig gestand er 1876: „Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte, habe ich feinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm , die Anregung zu eigenem Streben. «Schon vor 50 Jahren (1826) hat derselbe Mann viele Ar­beiter beschäftigt; er war derjenige, der vor zirka 45 Jahren zuerst den Puddelprozeß in Deutschland einführte, trotz Kosten, Mühen und Gefahren, Hun- derttausende haben jetzt m Deutschland ihr Brot von dieser so wichtig gewordenen Industrie". Die­ter Größere war Friedrich Harkort.

Schon 1818 errichtete er zur Niederzwingung »er englischen Konkurrenz die erste Fabrik für den Bau von Dampfmaschinen, Förderstühlen, hydruu-

Ariedrich Harkort.

tischen Pressen, mechanstchen Webstühlen, und es war eine Fanfare in die Zukunst, wenn er diese ^Mechanische Werkstätte" auf und zwischen die Ruinen der romantischen Burg Wetter an der Ruhr baute — an einem Ort übrigens, der ge­heimnisvoll bereits im 18. Jahrhundert den Ge­nius des derzeitigen Bergamtsdirektors Freiherrn vom Stein angelockt hatte, von hier aus den Ruhr- 'ohlenbergbau grundzulegen harkort war es fer­ner, der in Duisburg die ersten deutschen „Rhein- Seeschiffe" vom «Stapel ließ und das erste selber imier Lebensgefahr durch die winterlichen Mee­resstürme in die Weser brachte. Am 1. Oktober 1837 fuhr der „Rhein" von Köln direkt nach Lon­don. Richt nur alle Zeitungen Europas, auch der Lord-Major von London, vereint mit dem ganzen englischen Ministerium, feierte die Ankunft des er­sten deutschen Rhein-Seeschiffes in der Hauptstadt des britischen Weltreichs. Beschämend noch heute die Dummheit unserer Väter, mit der sie dies Un­ternehmen zu Fall brachten. Das Einzige, was harkot davon verblieb, war die Flagge des „Rhein", mit der man auf seinen Wunsch später seinen Leichnam bedeckte.

Nicht weniger bitter zu leiden hatte Harkort als Begründer unseres deutschen Eisenbahnwesens. Man erstickte seine Ideen derart, daß wir ihn als solchen beinahe vergaßen irnb sein Name durch den Friedrich Lists überdeckt wurde. Acht Jahre vor diesem, im März 1825, legte Harkort in der Tages­presse — auch hier einer der ersten, die den Wert der Zeitung erkannten — genaue Pläne für den Bau von Eisenbahnen dar, insbesondere für die Köln-Mindener und die Bergisch-Märkische Bahn zur Verbindung des Industriegebiets mit der Nordsee. Doch wenn er wünschte: „Möge bald die Zeit kommen, wo der Triumphwagen des Ge- werbefleißes mit rauchenden Kolossen bespannt ist und dem Gemeinsinne die Wege bahnet", so wuß­ten die damals „Maßgebenden" in echt deutscher ■ttrt nichts Besseres zu tun, als die Unmöglichkeit emes derartigen Unternehmens auf das gründlichste nachzuweisen. Die öffentliche Meinung dachte eben über solchen Plan noch wenig anders als der da- walige König Friedrich Wilhelm III., der ohnehin

dem westfälischen „Pumpernickel-Lafayette" — Harkort hatte ihn an sein Verfassungsversprechen von anno 13 zu erinnern gewagt — nicht eben hold war: „Alles soll Karriere gehen, die Ruhe und Gemütlichkeit leidet aber darunter. Kann mir keine große Seligkeit davon versprechen, ein paar Stunden früher in Potsdam zu sein." Auf England hinzuweifen, wo der Bergmannssohn Stephenson sein Unternehmen gerade bis Stockton ausbaute, hatte auch wenig Zweck; denn die meisten von uns wollten doch nicht mal von der Dampfmaichine etwas wissen: „Jede neuerbaute Dampfmaschine vermehrt die Zahl der Bettler", schrieb die Köl­nische Zeitung, während „daß der «Schade» den un­sere Gewerbe durch das Maschinenwesen erleiden, bei weitem leichter ertragen werden, kann als der Druck, der aus dem Flor der zu sehr durch Ma­schinen vervollkommneten Fabriken erwachsen würde, die Deutschland mit drei bis vier Millio­nen Bettlern bevölkern würden. So konnte denn auch die von Harkort 1826 im Garten der Elber­felder Museums-Gesellschaft gebaute Schwebebahn keine Kapitalkräftigen anlocken, sie im Großen so auszubauen, wie das später hier in einzigartiger Weife geschah. Harkort iah sich gezwungen, auf das „eiserne Pferd" zu. verzichten und nur mehr eine Pferdebahn auf Eifenschienen dergestalt zu vropagieren, daß der Schienenweg wie eine Land­straße von jedermann gegen ein Wegegeld befah­ren werden könne, «selbst für diesen Plan gab die preußische Regierung vor, kein Geld zu haben, obwohl sie zur selben Zeit für die ostelbischen Jun­ker einen „Vorschuß" von 2,5 Millionen hergab und dazu noch für die ritterschaftliche Privatbank eine Bürgschaft von 500 000 Taler, außer einem ebenso großen zinslosen Darlehen übernehmen konnte. Da kann man verstehen, wie Harkort einem Adeligen, der sich dagegen verwahrte, „daß künftig jeder Bauer ebenfo rasch fahren könne wie Wir", antwortete: „Die Junker fühlen instinktiv, daß die Lokomotive der Leichenwagen ist, auf welchem Ab­solutismus und Feudalismus zum Kirchhof gefah­ren werden." Aber vorerst: einer der Harkortschen Jüngerlieferte die Zeichnungen fürdie erste deutsche Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Und ebenso mar es nicht Friedrich List, sondern Gustav Har­kort, Friedrichs Bruder, der das Unternehmen der Leipzig-Dresdener Bahn zum eigentlichen Erfolge führte, während Friedrich für Westfalen klagen mußte: „Unsere Nachbarn, das junge Belgien vor­auf, schöpfte das Fett von der «Suppe. Pfui über unsere unüberwindliche deutsche Schlafmützigkeit!" Erst 1847/49 wurde die Köln—Mindener Bahn durch Rheinland und Westfalen gelegt.

So konnte Harkort wie bei allen seinen Unter­nehmungen ehrlich sagen — und wie wenige Män­ner in unserer deutschen Geschichte dürsten ihm das nachsprechen —: „Ich bin nur em «väemann gew-esen und gebe mich zufrieden, wenn von hun­dert ausgeworfenen Körnern eines aufgeht." Als man ihm einmal seine geringen geschäftlichen Ge­winne vorhielt, antwortete er: „Mich hat die Na­tur zum Anregen geschaffen, nicht zum Ausbeuten." Mit Recht gab der Volksmund diesem beispielhaf­ten Industriellen den Namen des „heiligen Mar­tin", der indes gleich den ganzen Mantel fort­gebe —, ein Wort, das wir schon 1844 in dem amt­lichen Bericht der ersten preußischen Gewerbeaus- stellung wiederfinden, wo man neben der Bedeu­tung seiner industriellen Schöpfungen ebenfo sehr die „große Uneigennützigkeit" rühmte, „mit welcher dieser achtbare Fabrikant seine westfälischen Lands­leuten vorangegangen, vielen bei der Errichtung ihrer Fabriken behilflich gewesen ist und ihnen, mit Hintansetzung des eigenen Vorteils, feine Er­fahrungen und Entdeckungen —, anstatt nach, be­liebter Art sogenannte Fabrikgeheimnisse daraus zu machen — offen mitgeteilt hat."

Zu Füßen dieses Denkmals an der Ruhr ver­sammelt sich- heute alljährlich die Jugend zu kör­perlichem Wettspiel. Das „Harkortbergfest", wie es über die Grenzen Westfalens seinen Klang hat, steht unter dem Stern dieses seltenen Mannes, von dem sein Biograph Louis Berger auch im Hin­blick auf seine ungemeinen Verdienste um die He­bung des Bauernstandes, der Arbeiterwohlfahrt und vor allem die Entwicklung der Volksschulen

sagt, er habe wie kein zweiter den alten deuts-hen Schöffeneid verwirklicht: „Ich will des Landes Beste raten und das nicht lassen um Weib noch um Kind, um Vater, noch um Mutter, um Schwe­ster noch um Bruder, noch um Neid, noch um Habe, noch um eines Herren Willen, noch um Furcht vor dem Tod."

Technik und Verkehr.

— Keine Elektrifizierung Berlin—München. Die Meldung einer Berliner Mittagszeitung, daß bei der Reichsbahnoerwaltung Pläne für die Elektrifizierung wichtiger «strecken, besonders der Strecke Berlin—Mün­chen, in Arbeit feien, ist, wie wir aus Reichsbahnkreisen erfahren, unrichtig. Die Elektrifizierung einer so großen Strecke ist nicht in Betracht gezogen . Das Elektrisi- zierungsprogramm ist mit der Umwandlung der Ber­liner Stadtbahn zu Ende gekommen. Es könnte höch­

stens fein, daß die Strecken München—Ulm oder Mün­chen—Augsburg noch für elektrischen Betrieb in Be­tracht gezogen' werden. Derartig große Plane, wie eine Elektrifizierung der Strecke München—Berlin lie­gen der Verwaltung absolut fern, schon aus Gründen der «Sparsamkeit, denn die Elektrifizierung eines Kilometers Bahnstrecke kostet nmd 200000 Mark, was bei den 500 Kilometern Ber- lin—München eine ungeheure Summe ausmacht.

Tarifwesen.

= Neuer Tarifvertrag im Buchdruckgewerbe. Wie dem Lpd. aus Berlin berichtet wird, wurde für das deutsche Buchdruck- und Zeitungsgewerbe nach lang­wierigen Verhandlungen am Sonntag ein neuer Tarif­vertrag abgeschlossen. Er läuft zunächst bis zum Jahre 1932. ' _____

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer.

Volkseinkommen in Deutschland und Amerika

In Deutschland hat nach den Ermittlungen des I Instituts für Konjunkturforschung, das Volksem- | kommen im Jahrfünft 1925—1929 um rund 15 Milliarden Mark — von 54,3 im Jahre 1925 auf rund 70 Milliarden im Jahre 1929 — zugenom­men. Ist dies nun ein beweiskräftiges Anzei hen volkswirtschaftlicher Prosperität? In langsam an­steigender Entwicklung des Volkseinkommens kom­men ebensowohl die Wirkungen des Bevölkerungs­zuwachses, der gestiegenen Anzahl der Erwerbs­tätigen, der unter Schwierigkeiten und mancherlei Rückschlägen steigenden Produktivität der Volks­wirtschaft wie die seit 1925 feststellbare Erhöhung der Preise und andere rein nominelle Steigerun­gen (Heraufsetzung der Mieten, Besoldungsreform der öffentlichen Körperschaften usw.) zum Aus­druck. Auch ist die Steigerung des Volkseinkom­mens feit 1925 zu einem Teile wenigstens auf die Ueberwindung der verheerenden Jnflationswirkun- gen zurückzuführen.

Mit Recht weist die amtliche Statistik darauf hin, in welchem Grade die Erhöhung des Volks­einkommens durch Bevölkerungsbewegung und ge­stiegene Preise beeinflußt wurde. Der wahre Stand der Dinge ergibt sich erst dann, wenn man das Volkseinkommen auf den Kopf der Bevölke­rung umrechnet und außerdem die Preisbewegung auszufchalten versucht (was allerdings nur in ro­her Weise mit Hilfe des Lebenshallungsindex mög­lich ist). Es ergibt sich dann, wenn man den Stand des Volkseinkommens im Jahre 1925 — 100 setzt, eine Steigerung im Jahre 1926 auf 102, 1927 auf 108, 1928 und 1929 auf 115, d. h. eine Steige­rung um nur 15 Prozent. In gleicher Weise be­

rechnet, würde sich für das letzte Vorkriegspchr 1913 einen Stand von 119 ergeben. Das Volks­einkommen hat mithin, trotz der relativen Steia.e- rung der letzten Jahr-, das Vorkriegsniveau noch, nicht erreicht. Legen wir das Volkseinkommen m Deutschland nach dem Stand von 1929 auf, den Kopf der Bevölkerung nm, so kommt aus iedm Einwohner ein Jahresbeirag von etwa 1100 Mk.

Die amerikanische Statistik hat für das Jahr 1928 ziemlich eindeutige Zahlenreihen festgelegt. Danach betrug das Gesanneinkommen aller Staats- büraer in U.S.A. rund 89 Milliarden Dollar; das"sind etwa 375 Miliarden Rm. Interessant >st das ungewöhnliche Wachstum des Volkseinkom­mens von 66 Milliarden Dollar im Jahre 1919 stieg es auf 89^ Miliarden Dollar m vorletzten Jahre an. ftmgelegt auf die Kopf­zahl der Vereinigten Staaten mit ihrer fast dop­pelt so großen Einwohnerzahl wie Deutschland, entfällt auf den Kopf des amerikanischen Staats­bürgers im Jahre ein Betrag von rund 750 Dol­lar, in Reichsmark umgerechnet also mehr als 3 100 Mark. Berücksichtigt man, daß im Du-.ch- schnitte die Lebenshaltung in Amerika wesentlich teurer fft als bei uns (vor allem die Mieten und der Aufwand für Bekleidung und Schuhwerk lind erheblich höher), so können wir im großen Durch­schnitt die Kaufkraft des Dollars nach deutschen Verhältnissen auf etwas über 2 Mark bemessen. Unter Zugrundelegung dieses (freilich etwas ro­hen) Maßstabes ergibt sich, daß der Durchschnitts­bürger in den Vereinigten Staaten um etwa 50 Prozent gegenüber Deutschland in seinem Real­einkommen besser gestellt ist.

Zur diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse.

Blick auf die Technische Messe.

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Die grüne Saffianmappe.

Roman von Harold Essberg.

Copyright bh Earl Bunter, Berlin.

24 J ' ’ ' ———

„3Bo bleiben denn Hansens?'' fragte Lily.

„Guten Abend allerseits", sagte Burnhill. „Han- Ikn hat vor einer Stunde telephoniert, seine Frau wäre unpäßlich geworden und sie hätten ihren Arzt rufen Muffen. Es wäre ihnen leider nicht möglich, zu tom« nten. Sie hoffen aber bestimmt auf nächsten Freitag, j®5 es nichts Ernstliches wäre. Es tut mir leid, fferr Lilloe, daß Sie nunmehr nicht das Vergnügen yafcen jnerben, mit ihnen zusammen zu kommen, ich Mfc, Sie werden mit uns Engländern vorlieb nehmen! sollen Sie, bitte, meiner Frau den Arm geben, es ist ungerichtet!"

Leo wußte nicht, wie ihm wurde. Unwillkürlich Ilih er Christa an, die feinen Blick erwiderte, als ob sie 'a9en wollte: Siehst du, die Aufregung war umsonst.

Halb benommen reichte er Lady Burnhill den Arm Und der Zug bewegte sich durch die Halle in das d ah in­liegende Speisezimmer.

Leo sank in den Stuhl neben dem der Lady Bnrn- Rll, die die Spitze der Tafel innehatte, während links °°n ihm Lily saß. Er war im Augenblick unfähig, °«nen Gedanken zu fassen oder ein Wort zu sagen. Die Erschreckende Plötzlichkeit mit der durch wenige Worte le quälende Spannung der letzten zwei Stunden besei- «8t worden war, kam fast dem Schrecken eines plötzlich ^'"tretenden Unheils gleich. Ein Angeklagter, der seit stunden mit seiner sicheren Verurteilung gerechnet ?atte, konnte bei einem unerwarteten Freispruch nicht "knommener sein, als er. Er konnte noch nicht errnes- «En, was ihm durch die Erkrankung der Frau Hansen Eschert worden war. Langsam kam er zu seinem Be- ®u6tfein, drei Tage sorgenlos in diesem gastlichen baust, die angenehme Gesellschaft ihm freundlich ge- aanter Menschen, der für ihn märchenhafte Luxus und •u allem dielen Christa, die ihm schräg gegenüber ne­

ben Major Kirby saß und jetzt offenbar vermied, ihn anzufehen. Mechanisch nahm er seinen Suppenlöffel in die Hand, dann sah er, wie sich fein Weinglas mit ei­nem goldenen Wein füllte und allmählich kam ihm die verlorene Sicherheit wieder. Er nahm das kleine Glas und trank es in einem Zuge aus, es war Sherry und wärmte ihn innerlich.

Lady Burnhill enthob ihn der Mühe, einen Unter« haltungsstoff zu suchen.

■ „Lily muß Ihnen morgen bei Tage das Haus zei­gen, Herr Lilloe", sagte ff”, „Dieser Saal, in dem wir sitzen, ist, wie in vielen Häusern in England, erst viel später erlichtet worden, als der. übrige Teil des Hauses. «Sie sehen, er stammt erst aus dem Ende des 18. Jahr­hunderts. Ein Nachfolger der Brüder Adams muß ihn gebaut haben. Die Wände und die weiße Decke sind ganz in dem Stile, wie ihn Adams Häuser in Lon­don zeigen."

Leo hörte dem kunstgeschichtlichen Vortrag höflich zu und sah sich dann um. Jetzt entdeckte er erst, daß er in einem Raume saß, der jedem fürstlichen Schloste Ehre gemacht hätte. An der einen Längswand befand sich der unerläßliche Kamin in riesenhafter Größe in einem Marmorrahmen eingelaffen, darüber ein Män­nerporträt in Lebensgröße, in eine englische Landschaft gestellt, unter Glas. Vor ihm en der gegenüberliegen­den Wand waren zwischen Marmorsäulen drei von der Decke dis zur Erde herunterreichende Fenster, die mit roten Damastvorhänpen verhangen waren, vermutlich führten diese in den Park, in den er noch kurz vorher batte hinunterspringen wollen. Beleuchtet war der Saal nur mit Wandleuchtern, die die Möbel, die in gold­gerahmten vielen Bilder und die Menschen um den Tisch in ein mildes Licht tauchten.

Der große Eßtisch, an dem er saß, trug kein Tisch­tuch, wie er erst ietzt bemerkte, sondern war aus spiegel- alatt polierter Eiche. Als sein Teller gewechselt wurde, sah er, daß unter ihm eine scheinbar kostbare, kleine SpitzenHck-» lag, wie unter ieb-in Teller. Er hatte noch nie einen Tisch gesehen, der mit solchem Prunk gedeckt war. Den größten Eindruck machte ihm, es war doch November, der reiche «Schmuck von Malmaison-Nelkm,

wie er sie Christa am erneu Morgen in Land'- .-rohrt hatte. Faust am Hofe der Herzogin von Parma, die Stunde Wartens vor dem Abgang feines Zuges in Ber­lin fiel ihm em. Nach dem überstandenen Schrecken fing der Zauber wieder an zu wirken, der Zauber der grün« nen Saffianmappe, der immer wieder neue lieber- raschungen bot.

' Nachdem der Nachtisch aufgetragen war, geschah für Leo etwas Unerwartetes. Die Dame des Hauses erhob sich, Christa und Lily folgten ihrem Beispiel und die drei verließen den Saal, während die Herren $urü<t= blieben.

„Als unsere Damen noch nicht rauchten, war es nicht üblich, dies in ihrer Gegenwart zu tun. Wir Männer Hieben daher am Tisch, oft eine halbe Stunde oder län­ger, bis wir ausgeraucht und ausgetrunken hatten. In vielen Häusern, gilt die. Sitte nicht mehr, aber sie hat doch ihre gute Seite, wir Männer können uns bann über manches besprechen, was die Frauen nicht interessiert. Wie ist es denn bei Ihnen, Herr Lilloe?"

„Bei uns versüßt alles gemeinschaftlich die Tafel", erwiderte Leo, „und die Männer begeben sich nach dem Kaffee in ein Rauchzimmer, von wo sie für den Rest des Abends nicht wieder zurückkehren, und die Damen find sich selbst Überlassen. Das gilt natürlich nicht, wenn getanzt wird."

Ob es in Norwegen auch so war, fragte sich Leo, es war ja schließlich gleichgültig, was er sagte, die beiden anderen hörten aufmerksam zu. Dann ging die Unter­haltung über auf die Politik und den unvermeidlichen Kohlenstreik, wobei Burnhill erwähnte, daß er bereits eine telegraphische Bestätigung erhalten habe, und zwar von Berckenseld und von einer Kohlenfirma.

Und im Gefühl seiner persönlichen Bedeutung, das durch den im reichlichen Maße genossenen Wein noch er­höht wurde, folgte er den beiden in den Salon und zu den Damen.

Hier bestürmten sie ihn alle drei in verschiedenen Tonarten, ihnen etwas auf dem Klavier zum Besten zu geben.

Leo hatte ganz vergessen, daß er Lily erzählt hatte, er spiele Klavier. Während seines Sommerurlaubs im

Hause seiner Großmutter hatte er zum letztenmal eine Taste berührt. Immerhin hatte fein musikalischer Vater für eine gute Ausbildung gesorgt und dankbar gedachte er dessen im Augenblick. Dann fiel ihm ein, daß man zu Hause immer erzählte, der Engländer verstünde nichts von Musik, er hätte nur eine unglückliche Siebe zu ihr. Ob das richtig war, würde sich ja zeigen, aber immer­hin gab es ihm eine gewisse Sicherheit. Nachdem auf feine Frage die Anwesenden alle verneint hatten, spie­len zu können, setzte er sich an den bereits aufgeschlage- nen Flügel, klappte das Notenpult herunter und begann auswendig zu spielen, was ihm gerade in die Finger kam. Es war «Schumanns „Warum."

Es ging ihm merkwürdig bei dem Spiel. Es war chm, als lerne er dies kleine Meisterwerk der Rornan- tif zum erstenmal' kennen, als ging ihm zum ersten Mal auf, welche Stimmung darin lag, welche tiefe Be­deutung die Töne hatten. Unwillkürlich legte er seine ganze Seele hinein, seine doch eigentlich arglose, gut­herzige Kinderseele, die in dies verwegene Unternehme» durch einen äußeren Anstoß hineingeraten war, sie wußte nicht wie. Es war, als wenn er riA zum ersten­mal ausfprädje mit seinem besseren Ich, er, der doch seit' Tagen, die ihm Jahre dünkten, fi* keinem anver­trauen durfte! Warum, ja warum war er der Ver- fuäunn e-'-’-n diesen uwt-«fc<en W--- -• ->->>--n der doch unrecht blieb, auch wenn er kein Unrecht für wollte? Und warum war die Vorsehung so gütig ge­wesen und hatte auf diesem Wege, diesem unrech­ten Wege, Christa ihn begegnen lassen, und endlich, warum mußt« sie ihm erscheinen, um am Ende zu verschwinden, da mit dem Verlangen nach ihr doch die Entsagung Hand ln Hand gehen mußte! Warum . . .?

Als der letzte Ton verklungen war, hörte er keinen Laut. Er sah sich scheu um. Sie saßen alle ergriffen da und keiner wagte zu sprechen. Sie mußten feine innere Ergriffenheit gefühlt haben, von ihr benommen fein. Er suchte Christas Augen, sie strahlten ihn feucht- schimmernd an, jedoch sprach sie kein Wort. Endlich stand Lily' auf. die ihm am nächsten gesessen hatte, streckte ihm ihre Hand entgegen und sagte: „Das war wunder­voll, das war vollendet, spielen Sie bitte noch etwas."

(Fortsetzung folgt.)