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Jtt. 53.

E Heimat Ji

Fulda, den 4 März 1930

Aschermittwoch!

Mn ist auch diese ungewöhnlich lange Karne- vals-Zeit des Jahres 1930 bald zu Ende. Nach d-n paar Abendstunden, in denen es noch einmal laut zu zu gehen pflegt, schlägt die Mitternacht- Stunde des Tages, an dem die Kirche das Aschenkreuz als drastisches Symbol des Vergäng­lichen auf die Stirnen der Gläubigen zeichnen läßt, den letzten Tagen hat der Fuldaer Fasching -echt kräftiges Leben gezeigt. Am Montagnach- mittag war in der Friedrichstraße wieder wie in alten Zeiten eine richtige Konfetti-Schlacht im Kana. Zahlreich waren die Kinder-Masken, darun­ter viele recht hübsche. Abends füllten sich die gw- Ln Lokale bis zum letzten Platz. Die bekannten Cafe-Häuser ivaren bis zur Mitternachtsstunde so überfüllt, daß niemand mehr hinein konnte. Mas­kengruppen, darunter in der Ueberzahl „Bauern­mädchen und Bauernburschen" machten ihre Auf­wartung, und lustige Scherze flogen zwischen Mas­kierten und Nichtmaskierten hin und her. Hie und da wurde auch gesungen, bald schön, bald weniger schön, aber Ausschreitungen und Rohheiten sind nicht bekannt geworden. Die Karneval-Krise, die man sonst vielerorts beobachtet, ttat hier in Fulda wohl deshalb nicht so deutlich in Erscheinung, weil der Fuldaer den Karneval nie so stark erlebt hat wie seine süd-westdeutschen Nachbaren. In den Rundsunk-Ueberttagungen hörte man gestern aus Mainz, Köln, Düsseldorf und Münster bei allem Rosenmontag-Lärm doch eine starke Resignation heraus. Man schien krampfhaft für den Rundfunk „Fastnacht zu mimen". Was das bedeutet, kann man heute in der Kölnischen Volkszeitung lesen, einem Matt, das dem rheinischen Karneval stets freund­lich gegenüber gestanden hat. Die K. V. schreibt:

Wir leben in einer Zeit der Gegensätze. Die dies­jährige Karnevalsaison und der heutige Rosenmontag mit dem großen närrischen Umzug legten davon wieder beredtes Zeugnis ab. Während durch sterbende Wirt­schaft, beängstigende Zahlen der Erwerbslosen, Steuer­druck und -Nöte im Reich und in der Kommune Frau Sorge gefahrdrohend um das deutsche Haus schleicht, bietet sich die Oeffentlichkeit in einem Genußdurst und in einem Ueberschwang von Freude dar, wie ihn wei­teste Kreise der verschiedensten Bevölkerungsschichten nur zu berechtigterweise als schriller Gegensatz zu der sich immer lähmender auswirkenden allgemeinen Not empfinden müssen. Der besinnliche Zeitgenosse kann daher nicht ohne ernste Hemmungen über den Rosenmontagszug als Gipfelpunkt des närri- Sen Treibens berichten. Je mehr wir uns von der rkriegszeit mit ihren guten Traditionen des Kölner Faschings entfernen, um so mehr beginnt die Poesie je­ner Zeit zu schwinden. Die Verarmung weiter Schich­ten des Volkes, die nivellierenden Einflüsse von Kriegs-, Nachkriegs- und Inflationszeit auf unser Volk und die durch die Großstadtentwicklung Kölns gegebene zuneh­mende Mischung der einheimischen Bevölkerung mit Zugewanderten, wirken zwangsläufig auf den Gesamt­charakter des Festes zurück. Sie lasten seinen intimen und Familiencharakter aus der zurückliegenden Dezen­nien immer mehr verblassen. Die Aufgabe des Fest­komitees des Kölner Karnevals um Hebung des vater- städtischen Festes, um Wahrung seines gerade für Köln betont lokalen Charakters, wird darum immer schwieri­ger. Die Bemühungen um die so dringend notwendige Verkürzung der Karnevalssaison sind diesmal leider wieder negativ verlaufen.

Aber die Karneval-Sorgen sollen jetzt ver- siessen sein. Aschermittwoch steht vor der

Dom Diözesan-KIerus.

Der katholische Religionslehrer am Kasseler Wilhelms-Gymnasium, Prof. Dr. W e b e r, der sich Zur Erholung mehrere Wochen im Süden aufgehai- ten hat, wurde auf der Heimreise von einer schwe­ren Furunkirlose befallen und mußte sich in Re­gensburg ins Krankenhaus begeben. Dort trat eine bösartige Gesichtsrose zu der Furunkulose hinzu, daß der Patient in Lebensgefahr schwebte. Inzwischen soll im Befinden des Kranken eTne leichte Besserung eingetreten sein.

Die Steuerspionage.

ÄLandesfinanzamt Kassel teilt mit: In Der« _______ n Zeitungsartikeln ist unter der Ueber- Mst „Stcuersvione an der Arbeit" über einen Prozeß berichtet worden, der in letzter gw das Reichsgericht beschäftigt hat. Es handelt wn die Klage eines Kaufmanns, der von dem -^«chsfiskus eine Belohnung für Angaben über °»kuer- und Abgabenzuwsderhandlungen bean-

Die grüne Saffianmappe.

Roman von Harold Effberg.

Copyright by Carl Bunter, Berlin.

®r öffnete behutsam die Tür und ging auf den Gang 2hr Name mußte ja auch an der Tür stehen. Zimmer neben dem seinen war ein Badezimmer, kamen zwei Türen, an denen Mr. und Mrs. Han- ^stand. Dann bog der Gang um die Ecke, er ging de- Wn weiter. Da, an der nächsten Tür stand „Miß tetr ' - s.®r S'ng schnell den Weg, den er gekommen Wh'h*11» r zurück. Was sollten die Leute bloß von fionft e,nFen> wenn er an die Tür des jungen Mädchens $QS roar doch unmöglich!

Serah l6ttoäre 65 m,t Major Kirby? Dann könnte er h h ®Ut $u dessen Onkel Burnhill gehen! Außer- I Uu, c cr °n keiner Tür seinen Namen gesehen, er

fey'-Sr • olf° buch nicht finden können.

$r ans Fenster und zog den Rollvorhang hoch. Dlei q fT 035 Fenster mit seinen altertümlichen, in Benibpr aj-Cn scheiden und jah hinaus in die kalte No- Vvst-Nur undeutlich konnte er die Umrisse von f Um<n unterscheiden.

oufV schloß er das Fenster wieder und warf sich berts g. . f°- Er war ratlos. Es blieb ihm nichts an- bem ff,-,-r'9’.aIs lu versuchen, die Entdeckung bis nach Utanbiu lstnauszuschieben und sich dann Sir Edward ia vffenbaren. Durch seine Handlungsweise hstl ton 1S?er "'einand geschädigt, im Gegenteil. Burn- schlimmü persönlich zu Danke verpflichtet und das WUnnrn' mas 'hm passieren könnte, wäre, daß man «ft, nn's5 in uiier Frühe sang- und klanglos mit dem könnte o f ^uhn bringen lassen würde. Vielleicht M betew °®Qr burnhill warnen, sich an dem Geschäft gezogen ^h' ^tB0T er "'cht genauere Erkundigungen te A-xh nieder ein, zum Hochstapler gehörten doch Ir verlier er war wieder einmal im Begriffe, i Ein Diener kam herein und brachte auf ein Telearamm für Olaf Lilloe.

Mittwoch, den 5. März 1930.

Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt).

fprucht, die er 'seinerzeit in dem bekannten Sprit­weber-Prozeß gemacht hat. Der Fall stammt be­reits aus dem Jahre 1924, liegt also weit zurück. Die in den Zeitungsartikeln daran geknüpften all­gemeinen Bemerkungen sind nicht richtig. Zunächst sei den immer wieder von bestimmter Seite aus­gestellten Behauptungen gegenüber betont, daß es nicht zutrifft, daß Beamte in irgend welcher Form an dem Mehraufkommen an Steuern und Strafen prozentual beteiligt sind. Dagegen können Privatpersonen eine Belohnung von höchstens 5 Prozent des in die Reichskasse fließenden Mehr­betrages an Steuern und Strafen erhalten, wenn sie Angaben machen, die zu der Aufdeckung von Steuer- und Abgabenzuwiderhandlungen führen. Bei dem heutigen bedauerlichen Stand der Steuerrnoral ist es noch nicht möglich gewesen, auf das Material, das aus Anzeigen pri­vater Personen über Zuwiderhandlungen geg»n die Steuer- und Abgabengesetze herrührt, zu verzich­ten. Wie die Praxis zeigt, ist der finanzielle Er­folg derartiger Mitteilungen recht groß; zahlreiche Steuerzuwiderhandlungen werden aufgedeckt, von denen die Finanzämter andernfalls keine Kenntnis erhalten würden. Es handelt sich dabei um Steuer­pflichtige, deren Einkommen und Bermögen nicht leicht zu übersehen ist, vor allem um solche Perso­nen, denen das erforderliche Staatsbewußtsein fehlt. Im Interesse einer gerechten Verteilung der Steuerlast zum Wohle der Allgemeinheit wird da­her vorerst auf das Anzeigenmaterial nicht ver­zichtet werden können. Wenn die Zeitungsartikel weiter von Bäderüberwachung und Kontrollmittei­lungen über Personen, die besonderen Aufwand treiben, sprechen, so schildern sie Maßnahmen der Inflationszeit, die seit langem abgebaut sind.

Das städtische Bauprogramm 1930.

Die Finanzkommission der Stadtver- ordneten-Bersammlung hat dem in der letzten Stadtverordneten-Sitzung erörterten Programm, im Jahre 1930 im Kohlhäuser Feld weitere 34 Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen zu bauen, gestern zugestimmt. Die Finanz-Kommission war mit der endgültigen Verabschiedung der Vorlage vom Plenum betraut worden. Die Deckung der ent­stehenden Kosten in Höhe von rund 250 000 Mark erfolgt teils durch Hauszinssteuermittel aus dem diesjährigen Hauszinssteuer-Äufkommen, teils auf Anleihe. Sofort nach Genehmigung der Anleihe durch den Herrn Regierungspräsidenten werden die Arbeiten ausgeschrieben und alsdann mit dem Bau begonnen werden.

Die Weidenkätzchen.

„Schont die Weidenkätzchen!" Wie oft schon ist dieser Mahnruf ergangen in Tageszeitungen und Zeitschriften. Und doch zeigt leider jedes begin­nende Frühjahr aufs neue, daß immer noch' die Mehrzahl der Menschen diesen Ruf überhaupt nicht vernommen, oder daß sie ihn leichtfertig, wenn nicht böswillig überhört haben. Jetzt, wo die ersten sonnigen Vorftühlingstage die Menschen in frohen Scharen hinauslocken, ist ja nichts so verständlich wie die ungehemmte Freude an dem Wiedererwa­chen des pflanzlichen Lebens. Und zu den ersten Frühlingsboten gehören die Weidenkätzchen. Wenn erst die silbergrauen, sammetweichen Blütenstände wie richtige Katzenpfötchen aus den Knospen her­vorgetreten sind, dann erscheinen an den männli­chen Blüten auch bald die Staubgefäße, und die Sträucher erstrahlen in der Fülle und Pracht ihres goldenen Schmuckes. Damit ist der Frühling wirklich da und zeigt sich deutlich und eindringlich auch allen, die sonst nicht allzuviel erleben ' int Freien. Die Freude ergreift ihr Herz — im sel­ben Augenblick ergreift aber auch schon ihre Hand den Strauch. Einige schneiden zart und liebevoll einige Zweige ab, um sich zu Hause an ihnen zu erfreuen. Die meisten aber kennen keinerlei Ehr­furcht vor der Natur. Ganze Aeste werden bru­tal abgerissen und ab gerupft, kahl oder grausam verstümmelt bleiben die Sträucher stehen.

Die Weidenkätzchen bilden int Vorfrühling meist für einige Zeit die erste und wertvollste Nahrungs- guelle für die Bienen, die hier gleichzeitig Pollen und Necktar finden. Der tausendfältige Besuch der Bienen selbst an kleinen Weidenbüschen beweist dies schon. Noch deutlicher svürt es der Imker an der normal und erfreuHd) fortschreitenden Früh­lingsentwicklung feiner Bienenvölker. Wenn nun die Hauptpollenguelle die Weidenkätzchen, versagt, oder zu früh versiegt, so können die Sammelbienen nicht genügend von dem unentbehrlichen, eiweis- haltigen Pollen, benr Bienenbrot, herbeischaffen und es kann nicht genügend Nachwuchs ernährt und aufoezogen werden. Die batnirrb bedingte

schwächere Entwicklung holen die Völker oft im gan­zen Jahr nicht mehr ein. Schwächere Völker bedeuten aber nicht nur eine geringere Honigernte, sondern daneben etwas noch viel Wichtigeres, nämlich eine unvollständige, ungenügende Bestäubung und Be­fruchtung der Blüten, vor allem unserer Obstbäume und Beerensträucher, sowie zahlreicher anderer landwirtschaftlicher Nutzpflanzen. Wer sich das klarmacht, wird zugeben müssen, daß das Ab- pflücken von Weidenkätzchen ein Unrecht ist.

— Berufsroettfämpfe des 3ung-ft. S. v. Am Sonntag fand in der Harmonie die Preisoerteilung aus den drit­ten Berufswettkämpfen des Iung-K. K. V. statt. Zu der kleinen Feier konnte der kaufm. Leiter der Abteilung außer der großen Zahl der Wettkämpfer auch Herren aus dem Stammverein begrüßen. Nachdem die Sieger durch Ueberreichung der Diplome und Preisgegenstände belohnt

waren, wurden die Arbeiten ausgegeben. Es stellte sich dabei heraus, daß die Abstände zwischen den Siegern und dem größten Teil der übrigen Teilnehnier nur ganz gering — z. T. nur halbe Punkte — waren. Groß- Freude herrschte, als Dr. Frei, der Leiter der Wett­kämpfe, in seinen Ausführungen betonte, daß diesmal tatsächlich die durchschnittlichen Leistungen weit über deneü aller in den letzten Jahren unter seiner L-ituno abgehaltenen Berufswettkämpfe lagen. Die ermittelten Sieger sind: Im ersten Lehrjahr 1. Preis Ludwig Die­gelmann und Joseph Stork, 2. Preis Friedrich Quell, 3. Preis Wilhelm Jestädt. Im zweiten Lehrjahr: 1. Preis Joseph Storch und Hans Zeier, 2. Preis Karl Scheuer- mann, 3. Preis Karl Jacob. Im dritten Lehrjahr: 1. Preis Magnus Schlag und Karl Storch, 2. Preis Leo Baum und 3. Preis Karl Herzig. Es mußten in jeder Klasse zwei erste Preise ausgegeben werden, da die Ar- beiten unbedingt gleichwertig waren.

Vergebung von Aufträgen an Gemelvdevertreler.

Für die Gewerbekreibenden ist eine gesunde Regelung notwendig.

Die Frage der Vergebung von Aufträgen an Mitglieder der Gemeindekörperschaften hat in der neuen Gemeindeparlamenten eine rege Diskussion ausgelöst. Das augenblicklich starke Interesse an dieser Frage ist in erster Linie wohl geweckt wor­den durch die tn letzter Zeit bekannt gewordenen großen Unregelmäßigkeiten bei Vergebung von Auf­trägen und Arbeiten in öffentlichen Betrieben über­haupt. Die Erörterung der Frage der Vergebung von Arbeiten an Gemeindevertreter war auch irj den letzten Jahren mehr in den Vordergrund ge­treten, da sich das Bedürfnis immer stärker zeigte, auf diesem Gebiete Mittel und Wege zu finden, nicht nur bestehende Mißstände zu beseitigen, son- dem sogar den Anschein nach außen hin zu ver­meiden, als könne da etwas Unerlaubtes unter­laufen. Auch auf der Hauptversammlung der Kommunalpolitischen Vereinigung im Jahre 1928 war diese Frage angefchnitten worden. Die leb­hafte Erörterung dieses schwierigen Problems, die in letzter Zeit in Stadt und Land gepflogen wurde, zeigt, wie verdienstvoll es von der Kommunalpoli­tischen Vereinigung der Deutschen Zentrumspartei gewesen ist, daß sie Richtlinien über die Vergebung von Aufträgen an Mitglieder der Gemeindekörper­schaften aufgestellt und veröffentlichte (KB. Jahrg. 1929, Heft 13, S. 333), deren Wichtigkeit und Be­deutung auch in anderen Parteien geschätzt wird. Wenn die Erörterung der Frage, ob und inwieweit ein ehrenamtlicher Gemeindevertreter mit seiner Ge­meinde in geschäftliche Beziehungen treten dürfe, stellenweise auch nur reine mA g i tations« bebürfnis entsprungen ist, so zeigen sich bei dem ganzen Problem doch auch manchmal noch reckt bedenkliche Zustände, ja man stößt sogar mancher­orts noch auf Mißstände, deren Beseitigung nur im Interesse einer reinlichen Selbstverwaltung liegen tarnt. In den Bereich bie'fer Fragen gehört auch die Hergabevon übergroßen Darlehen aus Sparkassen an Mitglieder von Spartas- senvorständen und ihre Kuratoriumsmitglieder. Eine wie große Beachtung man der Frage der Verquickung von Geschäft und Mandat schenkt, sei an einer Reihe von Erörterungen dieser Frage nachstehend gezeigt.

Anträge der Linken in der Stadtverordneten­versammlung in Andernach auf Ausschluß der Stadtverordneten und Kommissilmsmitglieder bei Vergebung städtischer Arbeiten und Lieferungen wurden mit den Stimmen der bürgerlichen Stadt­verordneten abgelehnt, die der Meinung waren, daß in einer kleinen Stadt nicht genug Fachleute zu finden sein dürften, die für ihre Tätigkeit für die Allgemeinheit zwar feinen besonderen Vorteil erwarten, aber auch nicht dafür noch bestraft werden wollen, indem sie im wirtschaftlichen Wett­bewerb hinter andere zurückgestellt werden. In Andernach wird bei den Submissionen, die übri­gens die Vermattung erledigt, so verfahren, daß stets der Billigste den Zuschlag bekommt, außerdem darf nach einem früheren Beschluß ein Kommis­sionsmitglied nicht an Sitzungen teilnehmen, in denen über Fragen entschieden wird, die eine dieses Mitglied persönlich interessierende Arbeit betrifft.

Gegenüber einem von der Sozialdemokratie in der Stadtverordnetenversammlung in Mayen ge­stellten Anträge, keine Aufträge für städtische Ar­beiten und Lieferungen an Stadtverordnete und Kommissionsmitglieder, auch nicht an solche Fir­men, von denen Angestellte oder Teilhaber Stadtverordnete oder Kommissionsmitglieder sind, zu erteilen, der der Ablehnung verfiel, wurde unter anderem betont, daß durch Annahme

eines solchen Antrages prominente Persön­lichkeiten verloren gingen, ober es bestände die Ge­fahr, daß solche Firmen, die sich nach einem solchen Beschlüsse nicht mehr bewerben könnten, sich Hinte! einer anderen Firma verstecken würden. Bei der Kleinheit der Stadt könne der Fall eintreten, daß überhaupt nur eins der Mitglieder aus dem Stadt­verordnetenkollegium ober ben Kommissionen für eine berartige Lieferung in Frage tarne und bie Lieferung müßte bann nach auswärts vergeben werben. In der Aussprache ist von bürgerlicher Sette wieberhott ber Wunsch geäußert worben, baß bas Bauamt, das bisher das Recht hatte, Aufträge bis zu 1000 Mark selbst zu vergeben, auch diele Aufträge ausschreiben maß.

Der bisherige Magistrat ber Stabt Homburg v. b. H. hatte in feiner letzten Sitzung beschlossen, daß Aufträge unb Lieferungen für bie Stadt nicht an Mitglieder des Magistrats sowie der Gas-, Wasserwerks- und Schlachthofdeputation vergeben werben sollen. Gegen diesen Beschluß wurde na­mentlich von Handwerkersette lebhaft opponiert. Man will über diese reine Verwaltungsfrage bas Plenum entscheiden lassen.

Im Gemeinberat von Cornelimünster wurde ein Antrag angenommen, wonach nur dann Gemeinderatsmitglieder bei öffentlichen Arbeiten den Zuschlag erhalten dürfen, wenn sie Minbest- forbernbe sind.

Bei ber Wahl ber Baukommission int Gemeinde- rat von Ehrenbreit si ein (Landkreis Koblenz) ist gegen bie Wahl eines K andidaten protestiert und gegen ihn der Vorwurf erhoben worben, daß er seine bisherige Mitgliedschaft mißbraucht habe, um ielbst Aufträge zu erhalten. Er habe seine Kennt­nis von Angeboten benutzt, um diese zu unterbie­ten. Diefe Auseinandersetzung artete schließlich, als ein kommunistischer Redner trotz Wortenzie- hung die auch von anderer Seite erhobenen Vor­würfe fortsetzte, in einen solchen Tumult aus, baß der Vorsitzende die Sitzung schloff

Der Gemeinderat von Glehn (Kr. Neuß) be­schloß, daß sämtliche Offerten von Gemeinbearbei­ten ungeöffnet der Finanzkommifsion übergeben werden sollen.

Kommunisten und Sozialdemokraten hatten im Gemeinberat von Gobesberg (Landkreis Bonn) den Antrag gestellt, dem sich die Nationalsozialisten anschlofsen, es als unzulässig zu erklären, an Ge­meindeverordnete Aufträge der Gemeinde zu er­teilen, da nicht zu bestrstten fei, daß Gemeindever- orbnete durch Lieferungen und Anträge tn em ge­wisses Abhängigkeitsverhältnis der Verwaltung ge­genüber kommen. Gemeindevorsteher Bürgermei­ster Zander betonte, daß ber Gemeinberat schon früher bazu übergegangen sei, für Lieferungen durch Gemeindeverordnete eine Zweibrittelmehrheit zu verlangen unb festzusetzen. Weiter könne man schließlich nicht gehen, denn sonst würben bie Ge­meindeverordneten, bie zu ben Gewerbetreibenden zählten, für ihr Ehrenamt bestraft. Er bat, es bei dem bisherigen Verfahren zu belassen. Für bie Zentrumsfraktion wurde erklärt, diese könne sich nicht entschließen, für ben Antrag zu stimmen, da man auch der Ansicht sei, baß bann ber Gewerbe­treibende bestraft werde. Die Mitglieder ber Zen­trumsfraktion seien ohnehin stark gebunben durch eine schriftliche Erklärung, bie sie ver­pflichte, bie Fraktion unverzüglich in Kenntnis zu fetzen, wenn sie sich um eine gemeindliche Arbeit bewerben. (Eine solche Erklärung haben auch bie Mttglieber der Zentrums-Fraktion der hie­sigen Städtischen Körperschaften unterschrieben. (D.

Herrgott! sagte er sich, noch bevor er es aufriß, das könnte seine Rettung fein. Wie auch der Inhalt lautete, cs war eine Ausrede für eine sofortige Abreise! Auf die Klingel drücken, sich vom Diener zu Sir Edward führen lassen und diesen im bedauernden Tone bitten, ihn sofort zur Bahn fahren zu lassen! Die Vorsehung war mit ihm! Er öffnete den braunen Umschlag, das Telegramm war von Leroi und lautete:

„Pomernatzki Sedlaczek Paris nichts auffälliges brieflicher Bericht folgt."

Das besagte nicht viel, aber das interessierte ihr. ja alles nicht mehr, für ihn war die Sache erledigt. Er würde jetzt nach London fahren, seine Geldangele­genheiten bei der Bank in Ordnung bringen und nach Hause zurückfahren. Oder aber, einmal in London, konnte er auch Pomernatzki erwarten und dort die Ko­mödie weiter spielen. Ungehindert durch gesellschaft­liche Rücksichten gegenüber Menschen, mit denen er ja nicht hatte zusammenkommen wollen, nur fort von hier!

Und Christa? Und die drei schönen Ferientage, die er mit ihr verleben wollte? Sollte er ohne weiteres die Flinte ins Korn werfen? Sollte er sie dem Major Kirby überlassen, diesem Golfspieler, diesem Ruderer, diesem Courmacher?

Jetzt, wo ihm die Gelegenheit gegeben war, allen weiteren Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehn, wuchs wieder fein Mut. Auf einmal sah er keine Veranlas­sung mehr, nur aus Angst vor einer Entdeckung das Weite zu suchen. Das Telegramm blieb immer noch als Ausrede, um das Haus vor Montag zu verlassen. So leicht wollte er sich doch nicht ins Bockshorn jagen las­sen, so leicht nicht auf das Glück verzichten, das ihm das Zusammensein mit Christa bot, wenn er sich auch immer wieder und wieder versicherte, daß es keine Erfüllung gab.

Aufatmend blickte er wieder im Zimmer umher und jetzt sah er es auf einmal in einem ganz anderen Lichte. Jetzt wurde er erst gewahr, welch ungewohnte Pracht ihn umgab.

Wenige Minuten vor 8 Uhr ging er umgekleidet die Treppe hinunter in die Halle Ein Diener öffnete bie Tür zu einem anstoßenden Salon. In einem Sessel saß Christa in großer Abendtoilette. Trotzdem Leo picht viel davon verstand, wußte er doch, daß er dieses

Kleid an ihr noch nicht gesehen hatte und daß sie ihm auch darin gefiel. Sie sah lächelnd von dem Buche auf, in dem sie gerade blätterte ued sagte: „Nun, haben Sie Ihren Brief geschrieben?"

Der Ton machte ihn betroffen. Hatte sie etwas von seiner Bestürzung gemerkt? Zwar brannte er dar­aus, zu wissen, ob Hansens schon da wären, aber cr durfte nicht fragen. Wenn sie etwas gemerkt hatte, würde das ihren Verdacht bestätigen.

„Ja", erwiderte er einsilbig.

„Warum so kurz? War ich indiskret?"

„Aber ich bitte Sie!"

„Was haben Sie eigenttich?"

Diese Frage anders als mit „nichts" zu beantwor­ten, hatte noch nie ein Mann gewagt, zumal sie mit ei­nem solchen verführerischen Augenaufschlag begleitet wurde.

„Bin ich schon wieder indiskret? Sagen Sie auf­richtig, Herr Lilloe, ich habe das Gefühl, als ob Ihnen irgend etwas nicht recht ist. Bin ich vielleicht daran schuld? Sind Sie böse, daß Sie hierher gekommen sind? Ist ihnen die Familie nicht symvathifch?"

Aber ganz im Gegenteil, ich finde sie entzückend und wundere mich nur, daß sie einem Fremden, wie ich es doch bin, solche herzliche Gastfreundschaft gewährt. Ich bin hier untergebracht wie ein Fürst! Und alle sind so liebenswürdig zu mir, wie ich es gar nicht ver­diene. und Sie besonders!"

„Herr Lilloe", sagte sie zögernd, „ich mutz Ihnen ein Geständnis machen, ich . . ."

Die Tür ging auf und Lily kam herein. Das Geständnis blieb ungesprochen.

„Sind Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden, Herr Lilloe?" fragte Lily.

„Ich habe eben schon Fräulein Horn gesagt, daß ich wirklich Ihre große Liebenswürdigkeit gar nicht ver­diene, ich habe wohl das schönste Zimmer im Hause?"

Lily lächelte geschmeichelt. „Wir nennen es bas Elisabeth-Zimmer. Königin Elisabeth soll darin ge­schlafen haben, aber ich mutz Ihnen leider sagen, daß es in England mehr Häuser gibt, in denen diese unglückliche Frau übernachtet haben soll, als Nächte in ihrem Le­ben!"

Sie lachten alle drei. Was wollte Christa ihm eben gestehen? Hatte sie doch etwas gemerkt, wo büeber nur die Hansens? Er konnte nicht stillsitzen, er stand auf und ging an eine Vitrine, die mit altem Glas und Porzellan gefüllt war.

Lily trat zu ihm: „Verstehen Sie etwas von allem Porzellan?"

„Leider nein! Rur von Holz!" Und auch das war gelogen.

Dieser Zwang, dauernd die Unwahrheit zu sagen, noch dazu gegenüber diesen reizenden beiden Mädchen, denen er sich gern unbefangen und harmlos gegeben hätte, ging ihm auf die Nerven. Man mußte ihn wirklich für einen Bauern hallen.

Die Tür ging wieder auf, Leo drehte sich erschreckt um. Es war nur Kirby, aber bei dieser Gelegenheit fing er einen Blick von Christa auf, die ihn prüfend ansah. Sie mutzte seine Nervosität bemerkt haben. Sie sah wie ertappt auf ihr Buch, eine leichte Röte färbte ihr sonst so blasses Gesicht.

Was war bas nur, was sie ihm zu gestehen hatte? Vielleicht hatte er nach Tisch eine bessere Gelegenheit, sie zu fragen. Wo nur die Hansens blieben?

„Sind Hansens noch nicht angekommen?" fragte Lily ihren Vater. Er wützte es. nicht, er wäre in fei­nem Zimmer gewesen, war die Antwort.

Die Spannung wurde unerträglich. Leo vertiefte sich in die bunten Kupferstiche, die in alten Mahagoni­rahmen an den Wänden hingen, um feine Unruhe zu verbergen.

Lily versuchte bie Unterhaltung wieder mit chm aufzunehmen. „Lieben Sie Bilder?"

„Sehr sagte er, „aber ich verstehe auch leider davor, nicht sehr viel. Wir Norweger sind in dieser Bezie­hung leider nicht sehr gebildet. "

Es war wieder eine Lüge. Aber wie sollte er sich mehren!

Lily versuchte ihm die Stiche zu erklären. Erzählte von ber Technik unb ihrer Herkunft. Leo tat interes­siert. Aber es nutzte nichts, er konnte nicht recht zu- hören War es benn noch immer nicht 8 Uhr?

Endlich tat sich die Türe auf und Lady Burnhill, gefolgt von ihrem Manne, trat in bas Zimm--

(Fortsetzung folgt)