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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 53

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild' undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Mittwoch, 5. März 1930.

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57. Z-Hrg

Mmster Severing gegen Mstz-panik.

2,3 Millionen Arbeikslose. Line Million Ausgesteuerte. Radikalismus. Die Aussichten der Wirtschaft.

Bei einer großen Kundgebung anläßlich des fünfjährigen Jubiläums der Bereinigung für poli­zeiwissenschaftliche Fortbildung, die in Berlin un­ter Anwesenheit von zahlreichen Vertretern der Reichs- und Staatsbehörden in den ^Kammersälen stattfand, hielt Reichsinnenminister Severing eine Rede, in der er auf zahlreiche aktuelle politische Fragen programmatisch einging.

Wir befinden uns augenblicklich, so führte Seve- fing nach einem Bericht derVoss. Ztg." aus, auf einer bedeutsamen Station des Lei­densweges, den das deutsche Volk in der Nach­kriegszeit durchmachen muß. Die 2,3 Millionen Arbeitslosen und die eine Million Ausge­steuerten sind nicht allein eine Folge der Rationali­sierung. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit sehr viel ernster zu bewerten, als es heute noch vielfach geschieht. Je mehr die Radikalen von links und rechts schreien, desto weniger werden sie tun. Aber die geheimen Vorbereitungen zu Putschen, wie sie die Nationalsozialisten jetzt zu beginnen scheinen, können wir unter keinen Umständen dul­den. Die Nationalsozialisten sind im Augenblick eine ernstere Gefahr als die Komnru- nisten. Die starken Vermögensverschiebungen ins Ausland und besonders in die Schweiz sind nicht nur eine Flucht vor hohen Steuern, sondern die Sorge, daß durch Putsche die Existenz der wirt­schaftlichen Unternehmungen in Frage gestellt wird. Deshalb muß die Polizei mit aller Energie gegen derartige Zustände eingreifen. Augenblicklich, so führte der Minister weiter aus, bestehe Aussicht, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse sich bald b esern. Infolgedessen müsse man gerade jetzt die Nerven behalten. Severing sprach sich ener­gisch für eine einmalige Heranzieh ungder großen Vermögen aus. Der Vorsitzende der Preußischen Polizeibeamtenvereinigung habe ihm ebenso wie eine Anzahl von anderen Beamten­führern erklärt, daß ein N o t o p f e r, auch wenn es die Polizeibeamtenschast treffen würde, bei der Polizei populär sei. (Starker Beifall.) Der Mini­ster dankte den Beamtenführern und den Beamten mr ihre Stellungnahme, die umso notwendiger sei, )ls sonst unter Umständen die ungeheure Gefahr

Bolschewismus.

Wahrend die gesamte christliche Welt und mit chr auch die liberalen Gruppen, die nicht schlecht­hin als Stütze der christlichen Belange anzusprechen sind, mit Empörung und Trauer die allgemeine Religionsverfolgung in Rußland beobachtet und es an Protesten und Mahnungen nicht fehlen läßt, während der Papst in «einem bekannten Brief ort bett Kardinal Pomvili d e sowjetistischen Zustände mit heiligem Zorn gekennzeichnet und die maß­geblichen Vertreter anderer christlicher Bekenntnisse m Deutschland und in fremden Ländern durch ihre Entschließungen und Gebetsanordnungen die An­klagen der Kurie als gerecht und erwiesen aner­kennen, während der russische Metropolit Sergius sh einem offiziellen Dementi vergewaltigt wird, Mer dessen Verlogenheit kaum irgendwo ernsthaft Sitten wird während also die vor keinem el des angestammten Hasses und der brutalen Verfolgung zurückschreckende Hetze gegen jede reli- gwse Form in Rußland weltnotorisch wird, geht ber Bolschewismus mit neuen Provokaftonen vor. Aach den letzten amtlichen Angaben aus Moskau wurden in der gesamten Sowjetunion 900 Kirchen, 77 Synagogen, 200 Bethäuler der verschiedenen Re- bgtonsgemeinschaften geschlossen. In Kiew wurde ^Läuten der Glocken offiziell verboten, die Ka­thedrale geschlossen. Der Kampf gegen die Kirche 2? 1° besagt eine Meldung über Kowno, nach dem ^lsftuf des Papstes nicht zurückgegangen, sondern sich im Gegenteil wesentlich verschärft. Dem Entspricht der Eindruck, den man bei einem Rund- gang durch die von der Interessengemeinschaft für , rbeiterkultur veranstaltete Arbeiterkulturausstel- ung am Potsdamer Platz in Berlin erhält. Die xte'!e darüber berichtet, daß die Polizei einige M besonders kraß dünkende Ausstellungsgegen- lwnde schon vor einigen Tagen beschlagnahmt hat.

aber noch geblieben ist, vermag uns eine Vor- seuung Don dem geradezu höllischen Haß zu Der« 'Tnx n' iE dem der Bolschewismus die Religion »c> namentlich die katholische Kirche begeifert. Ein ei» m Bar einem Altar sitzt in einem Sessel nJlr ^tzesterfigur in weißen Gewändern, lebens- Mitra udn Meßbuch, und in der Rechten J*e einen Revolver, der auf die Beschauer zielt, darüber die Aufschrift: Pius XI.

kommt uns heute weniger darauf an, zu ' weshalb die Polizei nicht auch diese ^Mtdlichkeit entfernt hat, bei der es sich, vom Re- abgesehen, um die widerlichste Beleidigung Steil ^auveräns handelt, mit dem das Deutsche beit i Breußen in Frieden und Vertragssicher- leben. Darüber ist inzwischen an anderer Stelle iKu1 ^sprachen worden. Uns scheint es an der wi-ch^aeut darauf hinzuweisen, daß der Bolsche- thiftru? ,Qls Weltan'chauung, ein Totengräber befiLff' begründeter Kultur, beginnt, im Reich, feiftet "b^assung den säwtz dieser Kultur gewähr­ten a!ie "ach so weiträumig gezogenen Gren-

Benk-, Rede- und Pressefreiheit zu durch­wat- k » , als Volksvergifter furchtbaren For- Hetzen. Denn man darf ja leider nicht iterton n* baß Darstellungen, wie die oben fkiz- XtjtH 'hDon einer verhetzten Maste als abscheulich 1 nöcn und von einem gesunden Volksgeist mit

einer Einbehaltung von Gehaltsteilen der Beam­ten am Monatsende entstehen würde.

Zur Reichsreform erklärte der Minister, wenn wir die Reichsreform überstürzt durchführen wollten^ so würde das Resultat sein, daß die Parlamente unserem Vorgehen die Ratifizierung versagen, wodurch wir weiter zurückgeworfen wür­den, als wir bisher schon sind. Wir haben kein Interesse an einem Einheitsstaat, der so schwach ist, daß er von einem Reichsbankpräsiden­ten in Schach gehalten werden kann. Aber die Reichsreform ist unbedingt notwendig, und wir werden mit aller Energie an ihrer Verwirklichung arbeiten.

Die Umformung des Rotopfers

wtb. Berlin, 4. Mürz. (Eig. Meldg.). Reifts- finanzminister Dr. Moldenhauer fetzt feine Bemühungen um einen Ausweg aus den Schwie­rigkeiten der Etatsdeckung fort, und zwar verhan­delte er, nachdem gestern das Reichsfinanzministe­rium unter sich die noch möglichen Pläne beraten hatte, heute vormittag m't seinen Parteifreunden. Der Schlüssel zur Lage liegt nämlich auch weiter in den Händen der Deutschen Volkspartei. Es handelt sich jetzt darum, dem Notopfer eine Form zu geben, die es auch der Deutschen Volkspartei möglich macht, zuzustimmen. Heute nachmittag tritt dos Reichskabinett zusam­men. Es wird aber nicht angenommen, daß bis dahin bereits eine Einigung möglich ist. Vielmehr dürfte das Kabinett die Entscheidung noch einmal auf morgen vertagen. In parlamentarischen Krei­sen wird die Situation jetst optimistisch beur­teilt.

*

VDZ. Berlin, 4. März. (Eig. Meldg.). Im Reichstag trat am Dienstag vormittag der Fra k- tionsvorstand der Deutschen Volks­partei zu einer Sitzung zusammen, an der auch Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer teilnahm. Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s dagegen ist immer noch krank. Die Sitzung des Reichskabi­netts über die Deckungsvorlagen für den Etat 1930 wird erst heute nachmittag um 4 Uhr fortgesetzt.

Empörung hinweggefegt werden. Die Besucher dieser Ausstellung smd ja im wesentlichen dieselben Leute, in die die Rote Fahne alltäglich das Gift ihrer Lüge und ihres Haffes hineinpumpt und die nun ihre übliche, meist sicher ihre einzige Lektüre hier plastisch und farbig nochmals eingehämmert er­halten. Das ist der Zweck dieser Ausstellung: Niedertreten des letzten Glaubenshauches in ver­wirrten Arbeiterseelen, Lächerlichmachen sozial­ethisch gemeinter Einrichtungen, Verdächtigungen jeder ehrlichen Hilfe für den Armen und Bedräng­ten. Da ist etwa das Vorlesungsverzeichnis der Katholischen Volkshochschule, der gar nicht hoch zu würdigenden Gründung Dr. Sonnenscheins, ein willkommener Anlaß zur Begeiferung katholischer Bildungsmöglichkeiten, da wird der Abschied der Katholiken von dem päpstlichen Nuntius benutzt, um eine angebliche Bevorzugung kirchlicher Kreise vor den Kommunisten durch die Polizei hämiich hervorzuheben: da wird der künftige Sitz des Bi­schofs von Berlin in Beziehung gebracht zu der Wohnungsnot, und was der an den Haaren herbei- gezogenen Anlässe mehr find. (Gerade in diesem letzten Falle handelt es sich um die Diözesanverwal­tung des Bischofs). Dem vernünftig Denkenden, er braucht nicht Katholik zu sein, springen die hetze­rische Widersinnigkeit und der verlogene Haß all dieser Ausstellungsformen ins Auge. Aber die Besucher sind in ihrer großen Mehrheit schon, seit Wochen auf diese vorgebliche Entlarvung des Kirch­lichen in der Presse immer wieder vorbereitet wor­den, und weil sie davon überzeugt sind, daß die Polizei klassenmäßig und bewußt immer nur gegen die Kommunisten vorgehe, die sogenannte Bw.tr- geosie aber schütze und schone, darum wirkt selbst der polizeiliche Zugriff hier noch bestätigend im Sinne des Zersetzens und Niederreißens letzter Hemmun­gen.

Wir mästen uns über den Ernst der kommunist. Propaganda, die von einem brütenden, bohrenden Fanatismus gespeist wird, im Klaren sein. DieRote Fahne" vom 27. Febr. bringt unter der Heber« schrift: Bildende Kunst und revolutionäre Arbeiter­schaft, einen Beitrag über die Tätigkeit und die Aufgaben einer neuen Gruppe, derAssoziation der revolutionären bildenden Künstler Deutschlands". Da erfahren mir z. D.. daß die kommunistische Partei ihr besonderes Augenmerk auf Betriebs- vnö Häuserblock-Zeitungen richtet, für die die revolu­tionären Künstler Zeichnungen liefern sollen. Es gibt auch eine Marxistische Arbeiterschule, mit Kursen im Karikaturen- und Schriftzeichnen, auch für ganz unvorgebildete Arbeiter und Arbeiterinnen.Im Gegensätze zu den Zeichenkursen an bürgerlichen Schulen... arbeiten wir praktisch mit unseren Schülern an Plakaten, Flugblättern, Zeitungsköp­fen, bringen.... politisch Indifferenten gleichzeitig das ABC des Klassenkampfes bei." Hier liegt eine große Gefahr. Die politisch Indifferenten bilden das am eifrigsten behandelte Erziehungsmaterial des Kommunismus. Auf dem Wege über Arbei­terschulen, durch Flugblätter, durch Karikaturen, durch Ausstellungen, und immer unterstützt durch eine restlose unbedenkliche Umbiegung der Wahr­heit, weiß er, vielleicht sehr langsam, seine An­schauungen in Volkskretse hineinzuschmuggeln, die ihm von Hause aus noch fernstehen. Wie mag

wohl eine Betriebs- oder Häuserblock-Zeitung aus­sehen, in der jeder Unzufriedene, aber erst recht jeder Hetzer unb Fanatiker und Lügner sich in Wort oder Zeichnung auslassen darf? Und wie wird solch ein Machwerk in den übervölkerten Miets­kasernen der Industriestädte und in den kormnu- nistifch durchsetzten Betrieben wirken? Etwas bleibt immer hängen.

Wir begehen in Deutschland, nachdem es uns gelungen ist, das Reich zu halten und die gewalt­tätige Revolution zu lösclM, allzuleicht den Feh­ler, den Kommunismus ausschließlich als eine in­nerpolitische Angelegenheit zu betrachten, mit der unsere Polizei und im äußersten Falle die republi­kanische Arbeitnehmerschaft schon fertig werde. Aber Bolschewismus ist Feindschaft nicht nur gegen Staat und Gesellschaft, sondern auch gegen die Kultur. Und von der Kultur und ihrer Ver­wurzelung in christlichen und naturgesetzlichen Grundbegriffen, hängt es ab, ob Deutschland, ob der deutsche Mensch, ob unsere Kinder leben kön­nen, oder, vom Bolschewismus verseucht und ver­giftet, ersticken. Wir haben die russische Ge­fahr noch nicht überwunden, sie steht vor uns und reckt sich gespensterhast auf. Uns dagegen zu stemmen, ist Pflicht, die uns Religion, Vernunft, Menschentum vorschreiben. Sie verächtlich zu über­sehen, wäre verbrecherische Torheit.

* Senatsyriisident Gürtzner aus der SPD. aus­geschlossen. Der sozialdemokratische Parteivorstand hat in seiner Sitzung vom 4. März einstimmig beschlossen, den Senatspräsidenten beim Öberver- waltungsgericht, Gürtzner, aus der Partei auszn- schließeu. Er erklärt, daß die Dehauptung Gürtzners, er habe vom Parteivorstand für sein Vorgehen gegen den Minister Grzesinski freie Hand erhalten, auf Unwahrheit beruht. Herr Gürtzner hat sich ein großes Verdienst erworben, daß er den unhalt­baren Minister Grzesinski rechtzeitig zum Rücktritt genötigt hat.

* Admiral Grigorowitsch gestorben. In Ncm- ton ist im Alter von 78 Jahren der frühere rus­sische Admiral Grigorowitsch gestorben. Er war Adjutant des Zaren und von 1912 bis 1917 Ma- rineminifter.

Vorn Kabinett Tardien.

Das neue französische Staatssekretariat für die nationale Wirtschaft.

wtb. Paris, 4. März. (Eig. Meldg.). Nach dem Petit Journal werden in der Regierungser­klärung die Einrichtung unb die Aufgaben des neuen Ünterftaatsfetretariats für bie nationale Wirt­schaft bamit begrünbet merben, baß biefes eine Art Heber-Ministerium barstellen soll, um alle Fragen der nationalen Probuktion miteinan­der in Einklang zu bringen. Insofern wird der Unterstaatssekretär für die nationale Wirtschaft, so erklärt das Blatt, ein Kontrollrecht über das Han­delsministerium haben, um die Richtlinien des M>- nifterpräfibenten zur Anwendung zu bringen. Denn dieser hat nicht die notwendige Zeit, um nach allem zu sehen unb alles zu organisieren. Der Unter- Staatssekretär für bie nationale Wirtschaft werbe sich vor allem auch mit der Lebensteuerung und der Kontrolle der Preisgestaltung zu beschäfti­gen haben.

Die Saar-Verhandlungen.

wtb. Paris, 4. März. (Eig. Meldg.). Die Morgenpresse berichtet, daß in dem morgigen Mi­nisterrat der Minister für öffentliche Arbeiten, Pernot, den Auftrag erhalten werbe, bie S a a r- P e r h a n b l u n g e n mit ber deutschen Delega­tion fortzusetzen.

Arbeitslosen Debatte in A.S.A.

wtb. Washington, 3. März. (Eig. Melbg.). Bei Erörterung ber Ärbeitslostnsrage im Senat beschul- bigte heute ein Senator die Regierung Hoover, sie verquicke bas Problem mit politischen Erwägun­gen. Er sagte warnenb, es werbe Armut, Un­glück unb Aufruhr geben, wenn nicht ber Präsident und der Kongreß zufammenarbeiteten und die Frage im ganzen Lande zu lösen. Senator Lafol­lette erklärte, die Aufregung über kommuni­stische Kundgebungen sei mchts anderes als ein Ver­such der Regierung, die Aufmerksamkeit von ber Frage der Arbeitslosigkeit abzulenken. Eine Anzahl Senatoren zweifelten die Zuverlässigkeit ber amtlichen Statistiken an, bie eine Besserung der Arbeitslosigkeit zeigen. Die Debatte wird am heutigen Dienstag fortgesetzt.

Die Alonroe-Dottrin.

wtb. Washington, 4. März. (Eig. Meld.) Das Staatsdepartement veröffentlicht ein bisher geheim gehaltenes aus dem Dezember 1928 stammendes Gutachten über die Monroe-Doktrin, bas von bem früheren Unterftaatsfetretär Clark, ber gegenwär­tig der Botschaft in Mexiko zugeteilt ist, anläßlich der Besetzung Nicaraguas auf Verlangen des Se­nats verfaßt wurde. Nach einer Hebersicht über die bekannten, unter der Bezeichnung Monroe-Dok­trin zufammengefaßten politischen Grundsätze be­tont bas Gutachten, baß biefe Grunbsätze natür­lich auch auf agrefsive Hanblungen nichteuropäi- scher Staaten mit ben Vereinigten Staaten von Amerika anwendbar mären. Im übrigen berühre die Monroe-Doktrin die Beziehungen der Vereinig­ten Staaten und der anderen europäischen Natio­nen nur insofern, als Angriffe nicht-amerikanischer Staaten auf amerikanische Staaten in Frage kom­men. Diese Interpretationsfrage wird als Verzicht auf jene Erweiterungen ber Monroe-Doktrin, bie zur Zeit ber Panama-Kanal-Emsode vorgenom­men wurden, aufgefaßt.

Wie sieht es um Rumänien?

Der Ausgang der Gemeindewahlen. Reformen im Innern. Die Beziehungen zu den Nachbar­staaten.

Von Otto Schumann -Wien.

Die unlängst abgehaltenen Gemeindewahlen in Rumänien haben mit einem überwältigenben Siegs der National-Zaranisten, oer Regierungspartei, ge­endet. Die Stellung Manius scheint dadurch aufs neue befestigt, und der Mmisterpräsibent wird auf dem von ihm beschrittenen Wege ber inneren Re­formen ungestört weiter gehen können.

Dieser Weg ist nicht ganz ohne Dornen. Der vor einiger Zeit aus Sparsamkeitsgrünben erfolgte stark e B eamtenabbau hat naturgemäß viel böses Blut gemacht, und auch bie Steuer­erhöhungen wurden, wie überall in der Welt, mit recht geringer Begeisterung aufgenommen. Die dadurch erregte Hnzufriebcnheit ist natürlich Was­ser auf die Mühle der National-Liberalen, der er­bitterten Gegner Manius, deren oppositionells Haltung auch auf bie auswärtige Politik des Lan­des nicht ohne Einfluß bie bi. Wenn Vintila Bra- tianus Anhänger z. B. erklären, sie würben in dem allerdings wohl noch in weiter Ferne liegen­den Falle, daß sie ans Ruber kommen, bie von Maniu eingeleitete Gesetzgebung auf wirtschaft­lichem Gebiete alsbalb wieber aufheben, so kann dies bei ber engen Verflechtung ber rumänischen Wirtschaft mit bem Auslände (Petroleum!) un­möglich ohne Wirkung auf bie Haltung fremder Mächte bleiben.

Im Gegensatz zur Wirtschaftspolitik, in der Maniu beherzt neue Wege einschlägt, folgt bie Regierung in ben Beziehungen zu ben auswärti­gen Mächten int allgemeinen bem alten, durch die Verhältnisse gewissermaßen zwangsläufig sestgelcg- ten Kurs. Hnoeränbert ist bas Verhältnis zu Frankreich, ebenso das zu Ungarn, bem Bukarest ben Vorwurf macht, baß es bie leibtge Optanten­frage dazu benutze unter ber magyarischen Bevöl­kerung Siebenbürgens die Srrebenta wach zu hal­ten. Dies Problem wirb noch auf lange hinaus bie Beziehungen ber beiden Staaten trüben.

Auch gegenüber Rußlanb ist keine Aenberung zu verzeichnen. Die Sowjets haben zwar burch das sogenannte Litwinoff-Protokoll formell auf Bessara­bien verzichtet, aber fast noch am Tag der Unter» Zeichnung gegen dl» rumänische Auslegung des Ab­kommens protestiert. Das Riesenreich im Osten ist und bleibt der Alp, dec auf ber rumänischen Au­ßenpolitik lastet, und ber nur deswegen einstweilen nicht bedrohlich wird, weil seine inneren Verhäl- nisse noch gänzlich unkonsolidiert sind.

Unmittelbar der Besorgnis vor ben Russen ist bas rumänisch-polnische Militärbündnis entsprungen, durch das beide Staaten ihre derzei­tigen Grenzen aber nur gegenüber Rußland einander garantieren. Ter Vertrag hat sich bis­her nur in dem Ban einiger Telegraphen- unb Eisenbahnlinien sichtbar ausgewirkt: weitere wick» tigere Maßnahmen wurden inzwischen getrofftn, sind aber nicht an die Oeffentlichkeit gekommen. Gegen Ungarn scheint das Abkommen keineswegs gerichtet zu sein, was angesichts ber guten Bezie­hungen Warschaus zu Budapest eine Folge der Gemeinschaft der Interessen gegenüber ber Tsche­choslowakei ja auch überraschen müßte. Wie man sieht, führt Rumänien durch diesen polnischen Ver­trag einen mittelbaren Schlag gegen die Kleine Entente, ber es selbst angehört unb beren Daseins­zweck ja bie Nieberhaltung Ungarns ist.

Auch zu ben noch verbleibenden beiden Nach­barn Rumäniens sind feine Beziehungen nicht die besten. Den Stein des Anstoßes gegenüber Bul­garien bildet die Süd-Dobrudscha, von bereu- 220 000 Einwohnern bie überroiegenbe Mehrheit bulgarisch ist. Das sogenannteViereck" wurde 1919 aus angeblich strategischen Gründen annek­tiert, weil man in Bukarest ohne seinen Besitz die wichtige Bahnlinie Tschernawoda-Konstanza nicht glaubte verteidigen zu können. In der inzwischen verflossenen Zeit hat Rumänien alles getan, bis eingesessene Bevölkerung zu entnationalifieren. Als Mittel bazu bienten auf recht anfechtbare ju­ristische Gründe gestützte Enteignungen, durch bie den bulgarischen Bauern 70 Prozent ihres Besitzes genommen und an rumänische Kolonisten gegeben wurden. Die Besiedelung mit eigenen Landsleu­ten hat allerdings keine befriedigende Srgebmffe erzielt und die in Bukarest daran geknüpften Er­wartungen durchweg enttäuscht. Es ist ja ganz schön, Besitzer eines Stückes Land zu werden, wenn man keinen roten Heller dafür zu zahlen brauch!. Aber wenn es dann gilt, einem Boden, mit dessen Eigenart man nicht vertraut ist, in harter Arbeit Erträge abzuringen und mit Leuten anderer Rasse, Sprache und Denkweise unter demselben Dach zu Hausen, so bietet das keinen großen Reiz. Daher macht die Süd-Dobrudscha ber rumänischen Regie­rung wenig Freube. Aus Sofia laufen ftänbig Beschwerben über bie schlechte Behandlung ber ein- gesessenen Bevölkerung ein. Auch bie ins Land gelockten ober mehr ober weniger freiwillig borthin gegangenen Rumänen beklagen sich bei ihrer Re­gierung über bie Schwierigkeiten, mit benen sie zu kämpfen haben.

Eine Minderheitenfrage trübt auch das Verhält­nis zu Belgrab. Im ehemals ungarischen, jetzt südslawischen Banat leben 150 000 Rumänen, die sich über eine unerträgliche Beschneibung ihrer kul­turellen unb religiösen Rechte beklagen. Hnb bas, obgleich boch Rumänien unb Jugoslawien durch bie Kleine Entente eng miteinander verbunden sind! In Timisoara, im rumänischen Teil des Banats, besteht bereits eine ganze Kolonie aus Jugo'la- roien geflüchteter Rumänen: ihre wiederholt ver­anstalteten Protestoerfammlungen wecken ein lau-