Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Rr. 45
I Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
Sonntag, 23. Februar 1930.
Monatlich 1,80 einschliegl. Poltgibü r (48 Pf.) ohne 3mteUg. An,eigen-Preise Kleinzeile (Co!.) okal 0,15 L4I, auswärts 0,20 7#jH. Reklamezeile: lokal O.tiO >Ut, auswärts 0,80 O. Bei Wiederholungen Rabatt. Postschecks. Franks, a. M. 4051
57.3*0.
Der österreichische Bundeskanzler in Berlin
Kapitalzu- es konnte mehr bei
geworden. Jahr 1930
hinweg, und zweitens, wie schaffen wir die endgültige Gestaltung unserer Finanzen. Man hatte gerade für 1930 noch daran gedacht, eine Ausländsanleihe hereinzuftrnunen zur Deckung der Schulden van 1929. Diese Möglichkeit ist gescheitert infolge des hartnäckigen 'Widerstandes der Franzosen. Schon bei den Beratungen der Sachverständigen in Paris hatte Frankreich eine Beteiligung an der neuen Reparationslösung auf wirtschaftlicher Grundlage gerade davon abhängig gemacht, daß Deutschland nicht die 450 Millionen Anleihe aufnimmt, weil sonst nach Frankreichs Ansicht keine Aussicht bestünde zur Aufnahme einer internationalen Anleihe.
Das Jahr 1930 kan infolgedessen auch kein Jahr der Steuersenkung sein, ’onbern es muß werden ein Sanierungsjahr. Außerdem kann man das
wtb. Wien. 22. Febr. (Eig. Meld.) Die „Neue Freie Presse" veröffentlicht ein Gespräch mit dem Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s, in dem es heißt: Der Besuch des Bundeskanzlers Dr. Schober in Berlin wird in ganz Deutschland als der Besuch eines guten Freundes begrüßt werden. Wir sehen in dem Bundeskanzler den Vertreter unserer österreichischen Brüder. Wir sehen in ihm den aufrichtigen Freund des deutschen Reiches. Seine Reise nach Berlin wird deshalb für uns nicht nur ein formeller Staatsbesuch sein, der allein das Inter-
müssen stets daran denken, daß wir in den letzten fünfzehn Jahren eine Politik durchlaufen mußten, wie sie sonst ein Volk in einem Jahrhundert nicht erlebt. Erst der Krieg, dann der verlorene Krieg, der Zusammenbruch, die Inflation. All das hat der deutschen Wirtfchaft ein Kapital von rund 150 Milliarden entzogen. Wir sind ein Industrieland, das besagt schon alles. Und dieses verlorene Kapital hat die Fundamente der Wirtschaft zerrüttet und sich bis in die heutigen Tage unheilvoll ausgewirkt. In der Zeit vom November 1923 bis August 1924 kamen wir zur Währungsstabilisierung. Aber nur in der Theorie. Denn die eigentliche Stabilisierung der Währung erfolgte erst vom August 1924 ab mit dem Dawesplan. Seit August 1924 hatten wir uns in Deutschland im- glücklicherweise daran gewöhnt, daß wir nur immer vom Auslande gepumpt haben. Alte Schul- Heu wurden durch neue Schulden abgedeckt.
Gegenwärtig stehen wir nun vor einer realen
esse der Regierung und der politischen Kreise in Anspruch nimmt, sondern ein Ausdruck der Empfindungen, welche die durch die staatlichen Grenzen voneinander geschiedenen Teile des deutschen Volkes miteinander verbinden. Wir im Reich haben es mit herzlicher Genugtuung empfunden, daß es dem Bundeskanzler auf der Haager Konferenz vergönnt war, Vorteile zu erreichen, die Oesterreich eine bessere und günstigere Entwicklung zu gewährleisten versprechen. Wer wie ich an Ort und Stelle die erfolgreiche Arbeit des Bundeskanzlers im Haag aus nächster Nähe beobachten konnte, weiß die großen Verdienste, die er sich um das Land erworben hat, besonders zu würdigen. Wir werden die Gelegenheit des Zusammenseins natürlich dazu benutzen, um uns über alle uns gemeinsam berührenden Fragen zu unterhalten. Dabei werden u. a. auch die in der beiderseitigen Oeffentlichkeit gerade in der letzten Zeit so häufig erörterten Handelsver- tragsverhandluiigen eine Rolle spielen. Wenn sich, wie nicht zu leugnen ist, gewisse Schwierigkeiten während der Vorverhandlungen ergeben haben, so lagen sie nicht in einem Mangel an gutem Willen auf der einen oder anderen Seite, sondern in Umständen und Entwicklungen, für die weder das Deutsche Reich noch Oesterreich verantwortlich sind. Niemand im Reich verkennt, daß unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu Oesterreich von größter Bedeutung sind. Ich bin auch der festen Ueberzeugung, daß die Schwierigkeiten sich jetzt beseitigen lassen und daß die Handelsvertragsverhandlungen in naher Zeit zu einem beiderseits befriedigenden Ergebnis gelangen werden. Das Willkommen, das die Reichsregierung dem Bundeskanzler hiermit schon heute zuruft, kommt von Herzen und findet im ganzen deutschen Volke aufrichtigen Widerhall.
dieser Zustand auf die Dauer nicht behalten werden.
Zwei Fragen sind heute brennend Erstens, wie fommen wir über das
Problem der Sanierung nicht allein von der steuerlichen Seite her anfassen. Wirtschaftspolitische Ge- lomtmaßnahmen sind zu ergreifen. Es ist eine unbedingte Notwendigkeit, daß endlich unsere Steuer-, Wirtschafts- und Finanzpolitik zu einer Einheit ge--- bracht werden. Bis heute hat man auf jedem einzelnen Gebiete Sonderwege beschritten mit Rücksicht darauf, was die Gesamtlage erfordert. So kann es aber nicht weiter gehen.
Nun ist an dem Etat des Reiches bezüglich seiner Höhe von 10% Milliarden Kritik geübt worden. Diese Kritik läßt aber außer acht, daß es ganz unmöglich ist, an diesem Etat von einem Tag zum andern irgendetwas Einschlägiges zu ändern. Im Etat erscheinen 3% Milliarden für die Länder und Gemeinden. Wollte jemand an dieser Summe etwas ändern, so würde das eine schwere Schädigung für die Länder und Gemeinden bedeuten und diese zwingen, für den Ausfall neue Einnahmequellen zu schaffen, was letzten Endes zu einer erhöhten Belastung gerade der Wirtschaft führen müßte.
Dann erscheinen im Etat 3,9 Milliarden für äußere und innere Kriegslasten. Auch an dieser Summe würde sich nach sorgsamsten Erwägungen nichts änbern lassen. Und schließlich kommt dazu die normale und anormale Schuldentilgung. Für die Aufwertung haben wft im Etat jährlich 500 Millionen zu decken. 450 Millionen sind für die Schuldentilgung festgesetzt. Also sind im Etat über 8 Milliarden lediglich für die gesamte Schulden- deckung.' Für den übrigen Etat einschließlich der ganzen Sozialpolitik bleiben demnach nur noch rund 2,5 Milliarden übrig. 700 Millionen davon erscheinen im Etat des Reichswehrministeriums. Wenn wir an die Ausrüstungen unserer Nachbar-
Schon seit Jahren sind die Tagungen der Handels- und Jndustriebeiräte der Deutschen Zentrumspartei über den Rahmen von Gruppentagungen hinausgewachsen. Sie sind zu Wirtschaftstagungen des Zentmms geworden. Nicht nur rein wirtschaftliche Fragen und Probleme kommen nämlich zur Erörterung. Auch Fragen, die den Mittelstand und die Arbeitnehmerschaft ureigenst betreffen, werden in die große Diskussion ebenso wie in die Referate eingestellt. Die Vertreter dieser Gruppe nehmen stets an den Tagungen der Handels- und Jndustriebeiräte teil und treten in regen Gedankenaustausch mit den Führern der Wirtschaft in unserer Partei.
Vor allem ist es die große aklumfassende wirtschaftliche Zielsetzung, welche den Tagungen der Handels- und Jndustriebeiräte ihr besonderes Gepräge verleiht. In ganz Deutschland, ja weit darüber hinaus, finden sie das allergrößte Interesse und die Beschlüsse werden mit seltener Aufmerksamkeit allenthalben aufgegriffen.
Wie sehr man gerade von der diesmaligen Tagung als der Wirtschaftstagung des Zentrums sprechen kann, dafür zeugt am besten die formvollendete und tiefdurchdachte Rede des Reichsverkehrsministers Dr. Stegerwald.
Obwohl er infolge der Kabinettsberatungen und der Verhandlungen im Poungausschuß erst spät erscheinen konnte, hat er es doch verstanden, Zweck und Ziel dieser Tagung für die deutsche Wirtschaft klar herauszuarbeiten und bestimmte Richtlinien für die kommende Gestaltung der Steuer, Wirtschafts- und Sozialpolitik aufzuzeigen.
Er ging davon aus, daß der heute herrschende Pessimismus in Deutschland eine allgemeine Erscheinung sei. Auch er sehe die nächsten Jahre durchaus nicht optimistisch. Die Politik der letzen zehn Jahre habe verschiedene Strömungen verursacht. Es gelte nun nicht in den Fehler zu verfallen, nur aus der gegenwärtigen Sachlage die ganzen Perspektiven aufzubauen.
Die Tatsachen, wie wir sie nun einmal vor- linden, müssen ganz klar angepackt werden. Wir
dem Punkt im Poung-Plcm und Finanzpolitik sesthalten und damit die wahren Interessen aller an der Wirtschaft Beteiligten im besten Sinne erfüllen. Wir müssen dem Zentrum dafür ausdrücklich Dank sagen und daran die Bitte und Forderung knüpfen, unter keinen Umständen davon abzuiassen.
Es ist sicher, daß auch die Sozialpolitik an der starken Arbeitslosigkeit ein gut Teil Schuld mitträgt. Wir als ausgesprochene Freunde der Sozialpolitik müssen das sagen. Die kleinen und mittleren, weit im Lande verstreuten Betriebe leiden unter der überspannten Schematisierung in Bezug auf Lohn und Arbeitszeit. Bei vielen ist eine Verkümmerung festzustellen, soweit sie überhaupt noch am Leben sind. Der wundeste Punkt ist nach wie vor die Arbeitslosenversicherung. Es ist sehr bedauerlich, daß die Zentrumsvorschläge nicht verwirklicht morden sind. Unter den gegebenen Umständen scheint es uns am richtigsten zu sein, den Zuschuß des Reiches genau festzulegen und im übrigen dem Vorstand der Reichsanstalt volle Freiheit zu geben. Im ganzen muß nach unserer Meinung der Gedanke der Selbst- und Familienverantwortung wieder mehr in die sozialpolitische Gesetzgebung eingefügt werden.
Auch die Wirtschaftspolitik muß alle ihre Maßnahmen daraus abstellen, die Wirtschaft zu ihrer Wiedergesundung zu bringen. In Bezug auf die Rationalisierung sind wir zum gut Teil zweifellos zu weit gegangen. Da wir uns das Kapital zu hohen Zinssätzen im Auslande leihen mußten, ist der erwartete Erfolg nicht eingetreten Unter den gegebenen Umständen ist es jedenfalls richtiger, vorläufig arbeitsintensiv zu wirtschaften. Der Exportfrage legen wir allergrößten Wert bei. Wir werden dazu in nächster Zeit eingehende Anregungen an die Zentrumsfraktion geben. Der Zollfriedenskonferenz stehen wir sehr skeptisch gegenüber. Obschon wir Freunde des Zollabbaues sind, müssen wir feststellen, daß der Gedanke, unsere Zollermäßigungen würden die anderen nach sich ziehen, durch die Erfahrung widerlegt ist. Diese haben inzwischen ein hohes Zollniveau aufgebaut und können infolgedessen leicht von Zollfrieden sprechen. Für unsere Handeksvertrags-
Erniichterung. Jrn Jahre 1929 hatten^ wir die höchsten Leistungen aufzubringen. Die fuhr vorn Mslande hörte auf. Denn
In Berlin hielten die Handels- und Jndustriebeiräte der Zentrumspartei ihre 5. Generalversammlung ab. Die Tagung wurde unter der Leitung des Abg. Dr. ten Hompel abgehalten und war aus dem ganzen Reiche stark besucht. Eine ganze Anzahl Reichstagsabgeordneter des Zentrums und der bayerischen Dolkspartei hatten sich eingefunden, darunter auch der Fraktivnssührer des Zentrums, Dr. Brüning.
Nach der Eröffnungsansprache des Abg. ten Hompel ergriff der Abg. Dr. Brüning das Wort. In seinen Ausführungen kam er aus die Forderung des Zentrums zu sprechen, gleichzeitig mit der Annahme des Poungplanes auch die Reichs- finanzresorm durchzuführen, liebet die Motive dieser Forderung, die leider nicht überall den Beifall finde, der dieser Forderung Hukomme, machte er bedeutsame Ausführungen. Er betonte, daß der Poungplan der deutschen Finanzwirtschaft die Freiheit wiedergebe, die sie unter dem Dawes- plan nicht voll besessen habe. Mit der Rückkehr der Freiheit der Mnanzwirtschaft und Anleihepolitik sei die Verantwortung wieder ganz auf die deutschen Schultern übergegangen, die bisher zum Teil durch die ausländischen Kontrollorgane übernommen worden war. Die Finanzreförm müsse zusammen mit dem Poungplan durchgesetzt werden, da später nach der Annahme der Pounggesetze keine Reichstagsmehrheit für die Verabschiedung der Fi- nanzreform zu erhalten sein werde. Leider müsse festgestellt werden, daß das Zentrum in seinen Forderungen von den Parteien, die wirtschaftliche Fragen in den Vordergrund ihrer politischen Tätigkeit stellten, wie schon so oft, so auch hier wieder keine Unterstützung fände. Hoffentlich werde die Versammlung der Partei die nötige Rückendeckung geben, die sie sehr gut gebrauchen könne.
Hierauf erstattete der Geschäftsführer der Handels- und Jndustriebeiräte der Zentrumspartei Dr. Fonk, ein Referat über die Handels- und Steuerpolitik.
Von der politischen Seite her find für die deutsche Wirtschaft fast nur Negative zu melden: statt steuerlicher Entlastung, koimnen. WJJtterfeJ&ÜaitUWjen;. statt-dte..öffentlichen Betriebe abzubauen, werden sie erweitert: die Reform der Arbeitslosenversicherung, die auf halbem Wege stecken geblieben ist, wird nicht fortgeführt; die notwendige einheitliche Wirtschaftspolitik fehlt nach wie vor; Reichs- und Verwaltungsreform kommen nicht vom Fleck; die parlamentarische Lage ist infolge der Selbstausschaltung der Opposition trostloser denn je. Infolge dieser Umstände läßt die Unternehmer-Initiative immer mehr nach, dazu sinkt die Konjunktur ab, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. In dieses trübe Bild mischen sich nur einige Lichtseiten; die Produktion war im letzten Jahre in einigen Gewerben sehr groß; die Ausfuhr war die größte seit der Vorkriegszeit; die Zinsentwicklung ist günstiger geworden.
Unter diesen Umständen ist es nicht richtig, in Pessimismus zu machen, die Hände in den Schoß zu legen und sich nur um den Betrieb zu kümmern, sondern die Mitarbeit auch in den allgemeinen Dingen ist unbedingte Notwendigkeit.
Für diese Mitarbeit handelt es sich in erster Linie darum, eine solche Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik zu schafffen, welche die Arbeitslosigkeit aus ein Maß zurückschraubt, das tragbar ist. Es ist unmöglich, auf die Dauer 2>- Millionen Menschen, die mit Ausgesteuerten, der Krisenfürsorge Unterworfenen und Familienmitglie-
Wirtschaftspolitische Notwendigkeiten.
Son der Tagung der Handels-«.Induskriebeiräke der Deutschen Zenkrumspartei am 21. Febr. 1930 in Berlin
wtb. Berlin. 22. Febr. (Eig. Meld.) Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schober traf heute vormittag 8.56 Uhr in großer Begleitung auf dem Anhalter Bahnhof ein. Zu seinem Empfang hatten sich Reichskanzler Müller und Reichsaußenminister Dr. Curtius auf dem Bahnsteig eingefunden. Ferner war der österreichische Gesandte Dr. Frank mit den Herren seiner Gesandtschaft erschienen. Eine Schupobereitschaft bildete bet der Abfahrt des Wagens des Bundeskanzlers zum Kaiser- bof, wo Dr. Schober Wohnung genommen hat, Spalier. Der erfolgreiche österreichische Staatsmann, dessen Wirken in einer kaum fünfmonatigen Amtszeit dem deutschen Brudervolk in Oesterreich die Einigung im Innern durch die Verfassungsreform und die Freiheit nach Außen durch die Ergebnisse der Haager Konferenz gesichert hat, wird sich während dreier Tage in Berlin aufhalten, um im Gedankenaustausch mit den deutschen Staatsmännern die brüderlichen Beziehungen der beiden deutschen Volker zu vertiefen. Von den führenden Stellen des Reiches ist dieser Bekundung ein festlicher Rahmen bereitet worden.
Verhandlungen scheint es uns gut zu sein, wenn wir einen Dbertnrif schaffen.
Der Noungplan mit all seinen Ncbenabkommen liegt vor uns. Wenn es nicht so ist wie wir es erwartet haben, so trägt sicherlich ein gut Teil Schuld daran die überaus miserable finanzielle Vorbereitung, die wir uns selbst für die Verhandlungen gegeben haben. Ich sehe das Plus des Poungplans in der Aufhebung der Pfänder, der Wiedererlangung größerer velbstverant- wortung und größerer Souveränität. Schwierigkeiten werden auftauchen, wenn wir nach einem Moratorium die Zahlungen wieder aufnehmen müssen und außerdem die Transferierung der während des Moratoriums aufgelaufenen Summen. Hier liegt zweifellos der Ansatzpunkt zu weiteren Revisionen bis zu der letzten, die eine vernünftige Reparationsreglung schafft. Daß wir bis dahin mit dauernden Schwierigkeiten mehr oder weniger schwerer Art zu kämpfen hoben, ist bei 2 Milliarden jährlichen Abgaben ohne jede Gegenleistung augenscheinlich. Andererseits ist es nicht verständlich, wie man einen solchen Plan annehmen will, ohne klar und eindeutig die Konsequenzen nach innen zu ziehen. Den Sachverständigen der Pariser Verhandlungen ist das feierlich versprochen worden. Deswegen ist auch vom reparationspolitischen Standpunkt aus die Forderung des Zentrums, eines Junktims von Poungplan, Steuern und Finanzreform als in jeder Weife richtig zu bezeichnen. Der Hinweis, die Ratifizierung des Neuen Planes roübe dadurch ungebührlich hinausgezogen, ist nicht stichhaltig. Die 450 Millionen Tilgungsfonds, die Schacht vor Weihnachten forderte, find innerhalb 24 Stunden geschaffen worden. Aehnlich schnell könnte es jetzt auch gehen. Statt dessen verhandelt man wochenlang darüber. Sollte sich eine Mehrheit über die Zentrumseinstellung Hinwegsetzen, so sehen wir mit größtem Ernst der weiteren Entwicklung entgegen. Wenn die Regierung nicht endlich führt und genau sagt, was sie will, wird sie weder das Volk mitziehen, noch die Unternehmer anregen, initiativ an die Arbeit zu gehen.
Die Rede hinterließ einen nachhaltigen Eindruck und fand den stärksten Beifall der Ver- fammlung. In der anschließenden Aussprache wurden zuerst die Steuerfragen erörtert.
Inzwischen waren Reichsminister von Euer- ard und Dr. Stegerwahd erschienen, die der Vorsitzende Dr. ten Hompel auf das herzlichste begrüßte.
Slegerrvald über die
Von unserem besonderen Vertreter.
dorn zehn Millionen ausmachen, zu halten. Hier liegen allerschwerste Gefahren.
Von entscheidender Bedeutung nach der Richtung hin ist die Finanz- und Steuerpolitik in Reich, Ländern und Gemeinden, die unter einem einheitlichen Gesichtspunkt gesehen werden muh. Es geht nicht an, alle Schulden, die in den letzten Jahren gemacht wurden, jetzt auf einmal zu tilgen. So wichtig die Sanierung der Kassen- lage an allen drei Stellen ist, mindestens ebenso wichtig ist der sofortige Beginn der Finanzreform. Diese muh im wesentliches ermöglicht werden durch eine starke Ausgabensenkung, welche den Kardinalpunkt der Finanzpolitik in Reich, Ländern und Gemeinden in nächster Zeit abgeben muß. Für dieses Jahr ist es zum mindesten notwendig, daß die im letzten Jahr erreichte Ausgabensumme nicht überschritten wird. Diese Marimalgrenze sollte gesetzlich festgelegt werden. Die Finanzreförm muß in dem Sinnen begonnen werden, daß ein weitgehender Lastenausgleich schon in diesem Jahre verwirklicht wird. Nur bann, wenn wir einen solchen haben, wirb es möglich sein, im nächsten Jahr zu prozentualen Abschlägen zu kommen und einen guten Finanzausgleich zu machen.
Im übrigen bleiben natürlich die steuerlichen Forderungen, die wir zusammen mit dem Mittelstandsbeirat im Sommer vorigen Jahres aufstellten, bestehen. Sie decken sich zum Teil mit dem Programm, das die Reichsregierung im Dezember des verstossenen Jahres herausbrachte, und das vom Reichstag gebilligt wurde. Einen Punkt aus den beiden Programmen möchte ich herausheben: die kommunale Abgabe. Diese ist u. E. eine der Kernstücke der kommenden Finanzreform. An ihr halten wir unverrückbar fest. Wir geben unserer Genugtuung darüo -r Ausdruck, daß sich unsere Reichstagsfraktion auf denselben Standpunkt gestellt hat.
Mit allem Ernst möchte ich sagen, daß, wenn es nicht möglich ist, die Etats des Reichs,- der Länder und Gemeinden, die in den letzten Jahren so überaus stark gestiegen sind, nunmehr in diesem Jahre auf dieser Höhe zu halten und in den nächsten Jahren zu einem starken Abbau zu kommen, wenn es möglich ist, die überaus harte Besteuerung der gesamten Wirtschaft, insbesondere des kleinen und mittleren Unternehmertums fühlbar zu mildern, wenn es nicht möglich ist, auf diese Art und Weise die Unternehmer-Initiative wiederanzufachen, der Konjunktur einen Auftrieb zu geben, und damit die Arbeitslosigkeit zu verringern, ich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung eine schlechte Prognose stellen muß.
Leider sind die politischen Aussichten für diese selbstverständlichen Forderungen nicht gut. Wenn auch eine Reche führender Sozialisten von ihrem alten Schema: Besitz- und Masfensteuern abgekommen sind, so geht die große Masse der Abgeordneten und der Wähler aber noch im alten Trott, so daß von der Seite wenig zu erwarten ist. Auch die Steuerpolitik der Volkspartei ist unklar. Was die genau wollen, ist der Oeffentlichkeit unbekannt. Augenscheinlich kämpfen die verschiedensten Auffassungen gegeneinander. Es ist kennzeichnend, daß selbst ein 'volksparteilicher Minister nur 32 Millionen Ersparnisse erreicht.
Wir wollen uns nicht selbst loben, aber sowohl alle Briese und Besprechungen unserer Mitglieder wie auch die Meinung aller weitsehenden Wirtschaftler im deutschen Reich ist doch die, daß die klare Stellungnahme des Zentrums zur Finanzpolitik, die es seit dem Poung-Plan treibt, die einzig richtige ist. Es ist ausgeschlossen, auf Grund der polit. Verhältnisse nach Annahme des Aoung- Planes eine vernünftige Finanzpolitik zu treiben. Es müßten zum mindesten vorher die Grundzüge absolut feftliegen, ehe daß die Annahme erfolgen kann, sonst legt man sich zwar außenpolitisch fest, schafft aber nicht dafür die innerpolitischen Voraussetzungen, und tat damit etwas, was weder ein verantwortungsbewußter Mensch, geschweige denn eine Partei tun kann. Das Zentrum und die Bayerische Volkspartei sind die einzigen Parteien, die fast gegen alle anderen Parteien unbedingt an
länder denken, so ist das eine wirklich bescheidene Summe.
Die schwierigste Frage ist nun die, wie wir zu einer Sanierung trotz alledem kommen können. Denn das Jahr 1930 muß das Sanierungsjahr sein. An eine Steuersenkung kann nicht mehr gedacht werden. Selbst die Deutsche Volkspartei, die doch gerade den Plan der Steuersenkung immer wieder herausstellte, muß diese Tatsache zugeben, da ja ihr eigener Finanzminister keine andere Lösung finden kann. Aber das eine muß in diesem Jahre schon geschehen. Es müssen durch die Sanierung alle Vorbereitungen dazu getroffen werden, daß 'm Jahre 1931 die Wirtschaft entlastet und saniert werden kann.
Wie wird das möglich sein? 1. Wir müssen in Zukunft zu langfristigen Handelsverträgen ftiir der kurzfristigen kommen; 2. müssen wir zu langfristigen Tarifverträgen mit stabilen Preisen kommen. Und schließlich können wir das Arbeitslosen- problem in Deutschland im Hinblick auf die gewaltige Kapitalverknappung nur losen, wenn mir an dasselbe nicht allein von der Lohn- und Ge- haltsseite Herangehen, sondern dafür sorgen, daß wir eine stabile Wirtschaft mit stabilen Preisen schaffen, sonst kommen wir aus diesen erschreckenden Zuständen einfach nicht heraus.
Nichts kann der Wirtschaft helfen, nichts kann eine durchgreifende Sanierung unserer gesamten Finanzen garantieren, wenn nicht die Wirtschaft stabilisiert wird, wenn wir nicht eine gesunde Ba- hs für Kapitalneubildung und gegen die Kapital» flucht schaffen.
Dieses Ziel wiederum kann nur erreicht merken, wenn wir in Deutschland endlich zu einer einheitlichen Wirtschaftsauffassung kommen. Auf einem