Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt
Nr. 44
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Samstag, 22. Februar 1930.
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52. Zahrg.
Schober kommt nach Verlm.
Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schober, dessen Besuch schon vor mehreren Wochen ange- ttindigt wurde, trifft am Samstag 9 Uhr vormittags in Berlin ein. Dr. Schober wird, laut „Bois. Ztg.", noch am Vormittag dem Reichspräsidenten d. Hindenburg und dem Reichskanzler seine Besuche machen, im Anschluß Mittagsgast des Rechs- präsidenten sein. Für die nächsten Tage sind Empfänge beim Reichsaußenminister Dr. Curtius und beim österreichischen Gesandten Dr. Frank vorgesehen. Auch ein Ausflug nach Potsdam und eine Salaoper Unter den Linden steht auf dem Programm.
Daß es sich nicht nur um einen Höflichkeitsukt handelt, ergibt sich daraus, daß Bundeskanzler Schober auch vom Sektionschef Dr. Schüller begleitet wird, der für Oesterreich die wirtsü-afls- volitischen Verhandlungen mit dem Reiche führt.
Bundeskanzler Schober.
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wtb. Wien, 21 Febr. (Eig. Meld.) Ein großer Teil der Wiener Preise befaßt sich bereits eingehend mit der auf heute nachmittag angesetzten Abreise des österreichischen Bundeskanzlers nach Berlin. Die „Reichspost" erklärt, Dr. Schober werde anläßlich seines Berliner Aufenthaltes Gelegenheit haben, wirtschaftliche Fragen, die die beiden Staaten unmittelbar berühren, zu besprechen und emen allgemeinen politischen Gedankenaustausch zu pflegen. Die großdeutschen „Wiener Neuesten Nachrichten" sind der Ansicht, daß keine amtliche Reise eines österreichischen Bundeskanzlers in Deutsch- Oesterreich lebhaftere und wärmere Zustimmung Inden könne als die des Bundeskanzlers Schobers
nach Berlin. Deutsch-Oesterreich erwarte aber auch, daß im Rahmen der gegenwärtigen handelspolitischen Möglichkeiten in Berlin doch alles vorbereitet werde, um den Abschluß der Handelsvertragsverhandlungen zu beschleunigen. Auch die „Arbeiterzeitung" glaubt, daß die Reise des Bundeskanzlers die so lange stockendenHandelsvertragsverhand- lungen zwischen den beiden Staaten vorwärts bringen müsse. Das Blatt meint, daß manche B e r - stimmungen beseitigt werden müßten, die drüben und hüben entstanden seien. Auch ohne Verletzung des Anschlußverbotes könnte für die engere wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Verknüpfung Deutschlands und Oesterreichs jetzt schm unendlich mehr geschehen, als bisher geschehen sei. Das „Neue Wiener Journal" bringt von unterrichteter diplomatischer Seite politische Bemerkungen zur Kanzlerfahrt nach Deutschland, in denen es u. a. heißt, die Welt müsse endlich begreifen lernen, daß die hohe Bewertung der italienischen Freundschaft keine Spitze gegen einen anderen Staat bedeute. Wenn Oesterreich seine Feinde in Freunde verwandle, so gewinne es damit diese Freunde auch dem deutschen Volk, der deutschen Idee.
Der Voung-plan.
DVZ. Berlin, 21. Februar. (Eig. Meld.) In den Vereinigten Reichstags-Ausschüssen wurde heute das Reichsbahngesetz angenommen.
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BDZ. Berlin, 21. Februar. (Eig. Meld.) Jin Strafrechtsausschuß des Reichstages wurde heute die Lesung der Strafgesetznovelle beendet. Der Reichsjustizminister sprach dem Vorsitzenden, Geheimrat Kahl, und dem Ausschuß den Dank der Regierung für geleistete Arbeit aus.
Londoner Mißerfolg?
Trotz Fortschritten ungünstige Beurteilung der Londoner Konferenz.
wtb. London, 21. Febr. (Eig. Meld.) „Timer" rncldet: Der Sachverständigenausschuß der Flotten- konferenz hat so gute Fortschritte gemache, daß- er am Mittwoch nächster Woche, dem Tage, an dem die Konferenz wieder zusammentreten soll, dem 1. Ausschuß einen ausführlichen Bericht vorlegen kann. Die Unterseebootfrage wird von den Sachverständigen nicht vor der Rückkehr französischer Delegierter in Angriff genommen werden. — Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" will wissen, daß die amerikanische Delegation die Lage jetzt sehr düster beurteile.
Frankreich im Sumpf um die Sozial-Versicherung.
Nach der Berufszählung vom Jahre 1921 — üe Ergebnisse der neuen Erhebung vom Jahre 1926 liegen immer noch nicht vor — sind in Frankreich in Handel und Industrie rund 4,5 Millionen Arbeiter und rund 2,5 Millionen Angestellte tä- sig, zu denen weitere 3,5 Millionen landwirtschaft- iche Arbeiter, Dienstboten und Heimarbeiter in Arbeitsoerhältnis treten. Diese rund 11 Millionen Lohn- und Gehaltsempfänger, die mit ihren Familienangehörigen mehr als die Hälfte der französischen Gesamtbevblkeruny darstellen, waren bisher in Fällen von Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit ufto., sowie im nicht mehr erwerbs'ähi- gen Alter völlig auf sich selbst angewiesen. Da sie bei der Geringfügigkeit der französischen Löhne im allgemeinen außerstande waren, sich für Notzeiten einen Spargroschen zurückzulegen, fielen sie zumeist der öffentlichen Armenpflege anheim.
Diesem Zustand sollte das Sozialversicherungsgesetz ein Ende machen, das am 5. April 1928 von der französischen Kammer verabschiedet wurde. Der damalige Ministerpräsident Poincarö, der es um seiner nationalen Bedeutung willen namens der Regierung selbst einbrachte, bezeichnete das Gesetz als „die Einlösung des feierlichen Versprechens, das der Staat der Arbeiterschaft während des Krieges gegeben habe." Zwischen Verabschiedung und Inkraftsetzung sollten jedoch zwei Jahre liegen, um der Wirtschaft die Möglichkeit zur Einstellung aus die neuen Lasten zu geben. Mittlerweile sollten die notwendigen Verwaltungseinrichtungen ins Leben treten, sollte der technische Apparat für die Durchführung der gesetzlichen Bestimmungen errichtet werden.
Diese 2-Jahresfrist ist nunniehr verstrichen. Von einem Inkrafttreten des Gesetzes aber ist vorerst nicht die Rede. Senat und Regierung haben beschlossen, zunächst Erhebungen über die Zahl der Versicherungspflichtigen zu veranstalten — eine Arbeit, deren Dauer auf drei Monate geschätzt wird. Damit haben die Gegner der Sozialversicherung Zeit gewonnen, in 2er sie ihre Agitation gegen das Gesetz noch verstärken können.
Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hat der einmütige Protest der Industrie, der Handels- und Landwirtschaftskammern den Arbeits- uiinister Loucher veranlaßt, eine Novelle zu dem Gesetz einzubringen, die in die ursprünglichen Bestimmungen beträchtliche Breschen schlägt. Die Selbstverwaltung, auf der die Versicherung ursprünglich ruhte, würde völlig zerschlagen. Anstelle der autonomen Einrichtungen wurden genos- senifchaftliche und private Versicherungskassen zu Trägern der staatlichen Versicherung gemacht und damit eine heillöse Zersplitterung des gesamten Veriicherungsapparates herbeigeführt. Sodann
wurde die Erhebung der Beträge nach dem tatjäch- lick gezahlten Lohn gestrichen und dafür ein auf 3 Lohnklassen aufgebautes Pauschalsystem eingeführt. In einem weiteren Kompromiß wurde die Beitragspflicht, die ursprünglich 10 Prozent der Lohnsumme betragen hatte, auf 8 Prozent ermäßigt. Da hierdurch alle statistischen Berechnungen über die Selbstfinanzierung der Versicherung über den Haufen geworfen wurden, erklärte sich der Finanzminister bereit, einen jährlichen Zuschuß von 850 Millionen Franken zu leisten, mit der Maßgabe freilich, daß gleichzeitig eine Herabsetzung der Der- sicherungsleistungen um 20 Prozent erfolgen müsse. Da der Versicherte in Krankheitsfällen auch schon auf Grund des uvsorünglichen Gesetzes 15 Prozent der Unkosten aus eigener Tasche zu tragen hat, bedeutet dies eine nicht unbeträchtliche Berschlelste- rnng der Versicherungsleistungen.
Sicherlich bedeutet dieser Stand der Sozialver- sstherung in Frankreich ein nicht unwesentliches Hindernis für die Verwirklichung des von Briand propagierten Gedankens der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Dieser Plan wird in den breiten Massen der Arbeitnehmer der anderen großen Industriestaaten schwerlich Gehör finden, solange die Sozialversicherung in Frankreich so wenig den Einrichtungen der übrigen europäischen Ländern ent- spricht. '
* Der Zusammenstoß des Reichsministers Dr. Wirch mit dem deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Professor von Freytagh-Loringhoven, über den wir berichteten, hatte zu Beginn der Sitzung der Vereinigten Reichstags-Ausschüsse ein Nachspiel. Es ist inzwischen bekannt geworden, daß die Indiskretion der nattonalistischen „Deutschen Zeitung", die die Ursache des Konflittes war, von einem Mitarbeiter dieses Blattes begangen worden ist, dem es gelungen ist, während der vertraulichen Sitzung der Vereinigten Ausschüsse am Montagnachmittag in den Sitzungssaal des Reichstags, in dem die Sitzung abgehalten wird, sich einzuschleichen. Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen Sitzung erklärte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Abgeordnete Scheidemann, daß di« „Deutsche Zeitung" vom 18. Februar einen Artikel gebracht habe unter der Ueberschrift: „Ein Skandal ohne Ende", worin sie die Ausschußverhandlungen über den Ästmng-Plan und die Berichterstattung darüber als eine Irreführung und einen historischen Skandal bezeichnet. Die „Deutsche Zeitung" betone weiter, daß sie es für ihre Pflicht halte, den Schleier der Verttaulich- keit ohne jede Rücksichtnahme zu zerreißen. Sie wolle ihren Lesern alles berichten. Sie schreibe wörtlich alles, was sie unter Ausnutzung aller
Möglichkeiten über die Vorgänge hinter den Kulissen des Reichstages nur erfahren könne. Sie werde sich nicht darum kümmern, ob der Ausschuß strengste Vertraulichkeit beschlossen habe oder nicht. „Ich bin der Ansicht", so erklärt Abgeordneter Scheidemann, „der Ausschuß kann sich ein solches Verhalten nicht gefallen lassen .Wenn der Ausschuß den Beschluß faßt, vertraulich zu verhandeln, muß das auch strikt durchgeführt werden. Die Annahme, die zunächst nahelag, daß der Artikel auf Grund von Indiskretionen eines Ausschußmitgliedes zustande gekommen sei, hat sich erfreulicherweise nicht als richtig herausgestellt. Vielmehr scheint sich der Vorgang so abgespielt zu haben, daß sich der Vertreter der „Deutschen Zeitung" auf die Jounalisten- tribüne geschlichen hatte, deren Tür durch ein Versehen des Reinigungspersonals des Reichstags kurze Zeit unverschlossen geblieben war. Wenn wir hier den Beschluß fassen, vertraulich zu verhandeln, so tun wir das nicht, um der Presse die Arbeit zu erschweren, sondern aus vaterländischen Interessen. Aber das, was die „Deutsche Zeitung" getan hat, ist genau das Gegenteil dessen. Der Artikel gibt die Verhandlungen zum Teil ganz falsch und zum Teil vollkommen entstellt wieder. Er ist geeignet, das deutsche Interesse auf das Allerschwerste zu gefährden .Ich hoffe, daß Reichstagspräsident Löbe energisch durchgreifen und dem Journalisten die Reichstagskarte entziehen wird. — Letzteres ist geschehen.
Japans Neuwahlen.
wtb. Tokio, 21. Febr. (Eig. Meld.) Die gestrigen Parlamentswahlen sind das Werk der seit Juli vorigen Jahres im Amte befindlichen Regierung Hamagutschi. Das vorherige Parlament war am 21. Januar unmittelbar nach seinem Wiederzusammentritt aufgelöst worden, weil die Regierung, wie ausdrücklich erklärt wird, die unterstützende Minderheit — die Minseito-Partei — bei den Neuwahlen in eine Mehrheit zu verwandeln hoffte. Sie wollte es nicht ihren Gegnern, dir mit 60 Stimmen in der Mehrheit waren, überlassen, das Kabinett in dem ihnen geeignet erscheinenden Augenblick zu Fall zu bringen, sondern selbst zur Osfeirsivc überzugehcn. Der Zeitpunkt dafür mar sehr günstig gewählt. Zehn Tage vor Auflösung des Parlaments hatte die Regierung durch Auf- helmng des seit M 7 in Kraft gewesenen Goldembargos dem Lande eine Besserung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage dokumentieren können, die auch sonst als Verdienst der Regierung in Erscheinung tritt. Für seinen Notenumlauf hat Japan verhältnismäßig die stärkste Goldreserve von allen Ländern. Die von der Regierung dauernd gepredigte Sparsamkeit hat dazu geführt, die Einfuhr des letzten Jahres auf 2 216 Mil Pen herabzudrücken, so daß die passive Handelsbilanz nur 80 Mill. Pen ausmacht, eine Rekordzahl für die letzten zehn Jahre! Die Besserung des Wechselkurses und die Senkung der Preise der täglichen Bedarfsmittel sind weitere äußere Kennzeichen der Aufwärtsbewegung der wirtschaftlichen Lage. Endlich erfreut sch die Hauptgruppe der Opposition, die Seiyukni-Partei, die für die militärische Intervention in Ehina und andere unpopuläre Maßnahmen verantwortlich ist, gegenwärtig keiner großen Beliebtheit im Lande.
Die Erwägung aller dieser günstigen Umstände mußte stärker wirken als die Rücksichtnahme auf die Londoner Flottenkonferenz. Die Minseito-(Re- gierung-)Partei hat 300 Kandidaten ins Feld geschickt und hofft zuversichtlich auf eine absolute Mehrheit. Es herrscht allgemein die Ansicht, daß die Regierung wenigstens eine für praktische Verhältnisse ausreichende Mehrheit erhalten wird.
Das Kabinett Chautemps.
wtb. Paris, 21. Febr. (Eig. Meld.) Chautemps hat seine Verhandlungen die ganze Nacht hindurch mit seinen Parteifreunden fortgesetzt. Erst um ä Uhr früh ist es. zu einem Abschluß gekommen, der allerdings ein Provisorium bedeutet. Die der linksrepublikanischen Gruppe angehörenden Abgeordneten Flandin, Pietri, Ricolfi, die er in sein Kabinett aufnehmen will, haben die ihnen angebotenen Portefeuille nur mit dem Vorbehalt der Zustimmung ihrer Fraktion übernommen. Falls die linksrepublikanische Fraktion ihre Mitarbeit an der neuen Regierung ablehnen sollte, gedenkt Chau- temps für die freiwerdenden Portefeuilles neue Persönlichkeiten zu nennen. Unter diesem Vorbehalt glaubt Havas, die endgültige Ministerliste wie folgt angeben zu können: Ministerpräsident und Inneres: Chautemps (Abgeordneter, radikal); Justiz: Steeg (Senator, radikal); Auswärtiges: Briand (Abgeordneter, Sozialrepublikaner); Krieg: Besnard (Senawr, radikal); Marine Albert Sarraut (Senator, radikal); Finanzen: Dumont (Senator, radikal) oder Lamoureux (Abgeordneter, radikal); Unterricht: Daladicr (Abgeordneter, radikal); Handel: Flandin (Abgeordneter, Linksrepublikaner); Oefsentliche Arbeiten: Durand (Senator, radikal); Landwirtschaft: Queuille (Abgeordneter, radikal); Kolonien: Piü- tri (Abgeordneter, Linksrepublikaner); Arbeiten: Loucheur Abgeordnete radikale Linke); Handelsmarine: Danielu (Abgeordneter, radikale Linke); Post,xnb Telegraph: Georges Bonnet (Abgeordneter, radikal); Luftfahrt: Laurent Eynac (Abg. radikal. Linke); Pensionen: Ricolfi (Abg. Links» republikaner).
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Chautemps, der Führer der radikal - sozialistischen Kammer« fraktion.
Neuer Kampf in China.
wtb. Paris, 21. Febr. (Eig. Meld.) Wie bei Korrespondent des „Petit Parisen" aus Shangha meldet, hat T s ch a n k a l s ch e k angesichts bei Tatsache, daß alle Aufrufe zur Verständigung chm Ergebnis geblieben sind, beschlossen, den Krieg gegen Jensischan zu beginnen, und feinen Truppen Befehl erteilt, sich kampffertig zu macken
* Generalkonsul Benndorf gestorben. Der beuich; Eeneralkonsul in Tiflis, Dr. Benndorf, der sich während seiner Tätigkeit in Tiflis eine schwere Erkrankung zugezogen hatte, ist gestern nachmittag in der Berliner Eharitä an den Folgen einer Operation im Alter vo.i 49 Jahren gestorben.
Große Entwicklungen in Rom.
Von unserem besonderen römischen Mitarbeiter.
Große Entwicklungen reifen langsam, aber wenn sie sich einmal vollziehen, so geschieht es mit der unwiderstehlichen Gewalt innerer Folgerichtigkeit.
An keinem Punkte des politischen und geistigen Lebens ringsum in der Welt wird das seit geraumer Zeit so deutlich nne in Rom. Was sich Ijiter vollzieht, ist in der Tat hoch erhaben über dem kleinlichen Ränkespiel um Augenblicksvorteile, wie es sonst so vielfach beobachtet wird, und wie es manchem zum Sinn der Staatspolitik überhaupt geworden zu sein scheint.
Man kann über Mussolini sagen was man will. Man mag auch zu den Lebensaussichten des faschistischen Experiments — namentlich sozialer und sozialgeologischer Art — stehen, wie man will, das Eine muß man ihm lassen, daß er ein ernst zu nehmender Gegenspieler der vatikanischen Bemühungen ist. Er ist eine Persönlichkeit, die es zwar niemals fertigbringen wird, den Vatikan auch um Haaresbreite von den kirchlichen Grundanschauun- gen und Traditionen abzutreiben, die aber dock durch die imponierende Geschlossenheit einer nationalen Idee viel dazu beigetragen hat, daß der Papst und mit ihm die Kirche die katholischen Grundsätze klar und nicht minder geschlossen unter modernen und höchst aktuellen Gesichtspunkten her- cusgearbeitet haben.
Mehr noch: es ist ein unvergängliches Verdienst des Faschismus, bas ihm nicht geschmälert werden soll, und dessen Früchte in erster Linie dem italienischen Volke in seiner Gesamtheit zugutekommen, daß er überhaupt erst einmal die Bahn frei machte für die endgültige Lösung der Römischen Frage. Wie eine sich öffnende Knospe bat sich aus
diesem Ereignis, dessen ersten Gedenktag Rom heut festlich begeht, im Lauf des verflossenen Jahre» ein Blatt nach dem anderen folgerichtig entfaltet, Auch der Faschismus hat seitdem gezeigt, was ir. ihm steckt, und was man wohl von ihm erwarter kann. Es hat da manche Ernüchterung gegeben wenigstens für solche, die ihn in seiner religiösen Grundhaltung überschätzten, aber für den Tieser- schauenden sind doch auch da verheißungsvolle Zeichen zu einer besseren Wendung vorhanden.
In dieser Beziehung ist der Besuch des faschistischen Generalsekretärs Turatt beim Papst — dazu in einer Audienz von einer Viertelstunde! — bezeichnend. Er war als Faschist im Vatikan, bekleidet mit der Uniform eines Generalleutnants der Miliz mit dem Großorden des italienischen Kronenordens. Den militärischen Gruß der Schweizer Garde beantwortete er mit dem römischen Gruß der ausgestreckten Hand. Beim Verlassen des Vatikans präsentierte eine Ehrenkompagrüe der Schweizer Garde. Gewiß, das sind Aeußer- lichkeiten, aber sie sind doch in hohem Grade bezeichnend.
Was in der so gründlichen Audienz besprochen wurde, das ist im einzelnen bisher noch nicht bekannt geworden; dennoch kann man aus marccher- lei Andeutungen entnehmen, daß das ganze Gebiet der faschistischen Grundsätze, sowohl hinsichtlich der tragenden Idee wie der Beziehungen zur Kirche und zu Erziehung, auch zur Katholischen Aktion und zur katholischen Presse, zur Verhandlung stand.
Mussolini hat erkannt, nm was es für ihn geht. Will er mit dem Kopf durch die Wand, dann geht es hart auf hart. Und dabei muß er, früher ober