er
Lebensbild.
Ich hab nicht Ruh in Bett und Haus, Es treibt mich immer Einer aus. Muß fahrn dahin durch Stund und Jahr, Bon allem wo ich glücklich war. , Es schallt das Horn, es klirrt die Jagd: Gott ist der Jäger, der mich jagt.
O immer klingt sein naher Schritt, Er wandert immer immer mit. Ich hielle still, ich hielle ein, Wenn ich nur wüht, ob er allein. Es klirrt die Jagd durch Rächt und Wind: Biel Sünden meine Jäger sind.
Wann kommt der Tau, wann kommt der Tag? Mich dürstet, daß ich trinken mag.
O, Gott, nimm hin, nimm hin mein Meid Und Leid und Zeit und Jrdrschkeit — Und schalle — Horn, und klirre — Jagd: Zum Tode der mich selig macht!
Johannes Weinrich.
Sittenreine Ingen-.
Von Adolf Kardinal Bertram, Breslau.
Wir geben mit Erlaubnis des Verlages Kösel u. Pustet, München, einen Teil des Kapitels über: — Sittenreine Jugend — aus dem Werke „Im Geiste und Dienste der Katholischen Aktion" (317 S., 7 Mk.) wieder. In ihm leuchtet dem Leser die Klarheit und Wahrheit der Gedanken des Kardinals über das Jugendproblem besonders ergreifend entgegen.
Schulung zu Glaubenskraft und sittlichem Adel ver- langt die Christenheit von der Katholischen Aktion, soll sie erfolgreich wirken. Daher Schulung besonders derer, auf denen die Hoffnung der Zukunft ruht, der reiferen Jugend, deren Blick erweitert, deren Charakter geläutert und gefestigt werden soll. Diese Schulung zu Glaubenskraft und sittlichem Adel steht im Zentrum aller Bildungsaufgaben. Daher der Kampf um die konfessionelle Schule. Daher das Zusammenarbeiten von Klerus, Lehrerschaft und Etternhaus. Dahin zielt die Arbeit der katholischem Jugend- und Jung- männeroereine, die Arbeit der Marianischen Kongregationen und Jungmädchenvereine. Dieses Ziel Hingt hindurch durch die begeisternden Ansprachen Papst Pius XL, so ost die katholische Jugend im Corttle di San Damaso um ihn sich versammelt. Im sittlichen Kampfe der Jugendlichen ist eine der schlimmsten Gefahren die Mutlosigkeit; die ist so recht das Gepräge im Geistesleben unserer Zeit. Daher unser Ruf: Mehr Mut im Ringen nach sittlicher Reinheit! Mehr Gottvertrauen! Das gilt auch von Schwierigkeiten im häuslichen Leben. Auch die Jugend soll wissen, daß Gott geheimnisvolle, weise Absichten hat, wenn er ernste Prüfungen schickt. Harte Jugend ist oft eine unentbehrliche Schule. Weichliche Verzärtelung ist Quelle launenhafter Schwäche und verderblicher Einbildung. Die Jugend soll wissen, daß die dunkelsten Seiten in unserem Lebensbuche zu den lichtesten werden, wenn der Glanz des Gottoertrauens sie durchleuchtet.
Solche Schulung der Jugend für den Kampf des Lebens hat hohen praktischen Wert. Nennt doch der heilige Paulus das Gottvertrauen den Helm, der in stürmischer Zeit unser Haupt decken muß. Ja, wahrhaftig, die Hoffnung hat schirmende Kraft. Wie der Helm das Haupt schützt gegen todbringende Pfeile und gegen Granatsplitter, so schützt uns das Gottvertrauen gegen Verzagtheit und Mutlosigkeit. Wenn ich weiß: jeder Tag und jedes Geschick, mag es auch von Menschen bereitet sein, hat seinen Platz im weisen Plane Gottes und wird von Gottes liebender Vatergllte überwacht, dann ist im Herzen fein Platz für Verzagtheit und Murren, kein Platz für sklavische Furcht, kein Platz für spöttische Worte der Atheisten. Dieses Bewußtsein ist der Helm, der das Haupt gegen Kleinmut schützt. Das sind hohe Werte seelischer Bildung in unserer Zeit, die an sich so wenig Sinn für Herzensblldung hat. Es sind Werte, die in Stunden sittlicher Kämpfe ihre Kraft erproben. Wenn die Bedeutung des Gottvertrauens für die sittliche Bildung so groß ist, dann erhebt sich von selbst die Frage: Wie können wir besonders die Jugend enteilen, inmitten all der um sie brandenden Kämpfe Kraft im rechten Gottoertrauen zu finden? Das ist eine Frage, die heute zahllosen Ellern und Erziehern sorgenvolle Stunden bereitet, Und die ich mit einigen Worten zu beantworten suchen will.
Nach sittlicher Reinheit verlangt die Jugendwelt auch heute. Heute ganz besonders inmitten der ins itngemeffene gesteigerten. Gefahren und Anlockungen.
Das Bewußtsein seines Adels läßt sich im Jugendherzen nicht ersticken. Niemals werden Jugendliche wahren Herzensfrieden und echte Freude finden, wenn ihr untilgbares Verlangen nach dem Adel sittlicher Reinheit un- erfüttt bleibt. Ohne sittlichen Adel bleibt das Herz unbefriedigt, leer, kalt, freudlos. Selbst in der Brust solcher Jugendlichen, die zeitweilig verirrt sind, schweigt die tiefe Sehnsucht nach sittlicher Erhebung und Rein- beit nicht. Ein ständiges Heimweh ist in ihnen, so untilgbar wie die Stimme des Gewissens. Wie können wir nun in diesen Kämpfen Gottvertrauen in ihnen wecken und festigen? Wie sie klugerweise zu reinerer Höhe führen? Vor allem durch tiefe Ehrfurcht vor dem S i 11 e n g e s e tz e, das der unendlich heilige Gott uns gegeben hat. Wo diese Ehrfurcht fehlt, findet das Gottvertrauen keinen Platz, sondern wird die seelische Krankheit nur verschlimmert. Er ist eine verhängnisvolle Lüge, wenn einzelne Pädagogen heute das Böse nicht mehr böse, die Sünde nicht mehr Sünde nennen. Wenn die Presse und manche Vertreter der Erziehungswissenschaft abirren von den ewig unveränderlichen Grundlagen sittlichen Lebens, dann untergraben sie alle Widerstandskraft jugendlicher Herzen. Dann schließen Feigheit und Lüge einen Bund miteinander zum Verderben der Jugend. Nur tiefste Ehrfurcht gegen den unendlich Heiligen kann die Bande schützen und verknüpft halten, die die Menschheit mit Gott verbinden. Ohne solche Pietät gegen den unendlich heiligen Gott ift gläubiges Gottvertrauen unmöglich Ich kann nicht Vertrauen Gott entgegenbringen, wenn ich seiner heiligen Sittenordnung Anerkennung versage. Mn der Ehrfurcht vor dem allerheiligsten Gott wächst im Jugendlichen die Ehrfurcht vor sich selbst und vor seiner ewigen Bestimmung. Das hängt aufs engste miteinander zusammen. An die Seele, die gottgeborene, gottverwandte, die zur Teilnahme am göttlichen Leben bestimmt ist, — an den Leib, der geweiht ist zum ewigen
lebendigen Tempel des Heiligen Geistes, kann der vernünftige Mensch doch nur mit Ehrfurcht denken. Glücklich das Gemütsleben des Jugendlichen, dessen Brust von diesem rechten Ehrgefühl durchdrungen ist. Gott- verwandt fein und darum in innigem Lebensverkehr mit dem Gotte der Heiligkeit und Liebe stehen: wie flößt dieses Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit Gott dem Herzen kraftvolles Gottvertrauen ein!
kleine Mitteilungen.
CElfernfeter der neudentschen Gruppe zu Fulda.
Man schreibt uns:
Im großen Saale der Harmonie veranstalteten wir mit unserer neuen Stadtgruppe eine kleine Elternseier. Eine stattliche Zahl halle der Einladung Folge geleistet. Sogar einige Brüder aus unferm „von Kettelergau' waren herbeigeeilt. Nach einem Begrüßungslied hieß der hiesige Ortsgruppenführer die Gäste willkommen. Studienrat Dr. Gottton von Darmstadt fesselte in einem schwungvollen Vortrag über: Spanien, das Land der Eucharistie und Marienverehrung", alle Zuhörer. Die Lichtbilder, welche folgten, vertieften das Gesagte. Der geistliche Gruppenführer Knratus Böhne sprach in großen Zügen über das Wirken des neudeutschen Bundes. Mit einem Abendlied schloß die Feier. Wenn wir mit dieser Feier an die Oesfentlichkeit traten, so glaubten wir, damit den Eltern und Freunden unserer Jungen unsere Art und unser Ziel in der Spanienfahrt der Neudeutschen vor Augen zu führen und dadurch solche, die noch unserem Bunde fernstehen, in diesem Sinne zu begeistern. Wir alle erinnern uns ja noch an den Bundestag 1929 hier in Fulda, wo wir alle die Neudeutschen mit ihren flatternden Wimpel gesehen und Feierstunden erlebt haben.
Seppel Schilling.
AmZlel und Weg der kaihol.Studenlenschasl Aus Anlatz einer Schulungswoche.
In studentischen Kreisen redet man heute viel vom „akademischen Prolstwriat". Es charakterisiert die geistige Situation dieses Standes. Die Allgemeingültigkeit einer materialistischen Lebensanschauung, die Unzulänglichkeit der heutigen Hochschulbildung, die Isolierung der Studienfächer hÄen die wirtschaftliche Not vergangener Jahre durch eine geistige ersetzt. An Stelle des reformatorischen Willens der Jugendbewegung der Nachkriegsjahre ist geistige Stagnation und Interefsen- lofigfeit getreten. Die jährlich steigernden Ziffern der Unioersitätsstuüierenden vermehrt die Zahl derer, die ohne höhere Bindung und Ziel dem Zweck der Wissenschaft zum Trotz sich die Mechanik eines besseren Handwerks aneignen. Finanzielle u. gesellschaftl. Stellung in der Zukunft sind babeTbie ausschlaggebenden Faktoren. Dem Blick ber heutigen Studenten fehlt bie Emorb- nungsmöglichkeit seines Berufes in feine Weltanschauung. Beide gehen nebeneinander her. Und so ist es zur Regel geworden, daß Eines von beiden hintansteht.
Das gilt auch für weite Kreise der katholischen Studentenschaft. Ein weiteres kommt hinzu: Der Liberalismus beherrscht heute immer noch die Universität. In dem Wirrwarr ber Anschauungen, im vielseitigen Kampf um ihre Geltung verlieren sich gar zu leicht bie scharfen Konturen einer festumgrenzten Le- bensanschauung. Andere Anschauungen ersetzen die von Elternhaus und Schule überkommen. Die liberalistische, zersetzende Lebensäußerung der heutigen Zivilisation tut das Ihre. Im Brennpunkt jener Kämpfe aber steht bie Seele des jungen katholischen Studenten. Entspricht es aber nicht ber geistigen Oberflächlichkeit ber heutigen Gesellschaft, wenn viele, allzuoiele jener inneren Spannungen überdrüssig bie Religion unb Kirche vielleicht noch als gewohnheitsmäßige Angelegenheit des Sonntags, ober nicht mehr als Bebürfnis unb tägliche Aufgabe, sondern als Reminiszenz für günstige Fälle betrachten. Ist es darum auch erstaunlich, wenn z. B. von über 400 katholischen Studierenden an einer mitteldeutschen Diasporauniversität nicht mehr 200 ihren sonntäglichen Pflichten nachkommen? Ist es nicht bezeichnend für bie innere Einstellung, wenn in vollkommener Verkennung bes Wesentlichen die Form vor dem Inhalt rangiert? Daraus erklärt sich bie vollkommene Gleichgültigkeit unb Jnteressenlosigkeit gegenüber ber Kirche, ihren Veranstaltungen unb geistigen Strömungen. Ist es ba wunder, wenn gerade im öffentlichen Katholizismus ber kathol. Akabemiker immer seltener wirb; bie ruhmreiche Geschichte des deutschen Katholi
zismus des vergangenen Jahrhunderts sah zur Verteidigung der Rechte der Kirche immer Akademiker als Führer. Jenes stolze Privileg hat bie heutige kathol. Akabemikerschaft nicht übernommen. Wie gering im Vergleich zu der sich immer steigernden Zahl ist ihre Arbeit in den katholischen Organisationen, in ber politischen Vertretung bes deutschen Katholizismus. Eine Zell, bie geistigen Diletantismus als zum Wesen bes Polillkers gehörig erachtet, bebarf mehr wie je ber geistigen Tiefgründigkeit einer idealen, zeitnahen Aka- demikerschaft. Und weiterhin: Die geistige Entwicklung des deutschen Volkes steht in einer Phase, bie weltanschaulich klare Fronten herausstellt. An Stelle politischer Notgemeinschaften beginnen bie Parteien ihre Eigenständigkeit und grundsätzliche Eigenart herauszu- ftellen. Alle aber begreifen, daß ber Kampf zukünftiger Jahre um den Inhalt des Staates und ber Kultur geht, ob chrisllich ober nichtchristlich. Wer, wie ber katholische Akabemiker, an verantwortlicher Stelle steht, ist in besonderem Maße dazu berufen, im entscheidenden Kampfe ber kommenben Jahre mitzuwirken. Darum ist es bie Aufgabe ber katholischen Stubenten- schäft mit ber Kraft ber Geschlossenheit, katholische Aktivität in ber Oessentlich- keit zu entfalten, so wie sie der Papst ber kathol. Aktion in seiner berühmten Ansprache an italienische Stutenten als ihre besondere Pflicht hervorhob. Kathol. Aktivität setzt Interesse an ber Religion voraus. Das aber fehlt heute weithin. So wirb der Weg zu bem gesteckten Ziele immer wieder bie Religion als Ausgangs- unb Endpunkt haben; man roirb uns beistimmen müssen, daß Religion nicht nur glücklicher Besitz, son- bern tägliche Aufgabe ist, die sich bewährt an ber Gestaltung ber Welt, an ben Dingen bes Alltags.
Es scheint, baß bie Aufgabe in ber katholischen Studentenschaft immer mehr erkannt wird, daß jene einsamen Vorposten langsam Fühlung genommen haben, bie seit Jahren überall mit scharfem Blick für die Aufgaben von heute für ihre Erfüllung kämpfen. So wirb hoffentlich bie Arbeit, bie bie katholischen Religionshochschulen, der Görresring unb ber Reichsverbanb beutscher Zentrumsstubenten bisher geleistet haben, Gesamtgut ber ganzen katholischen Stubentenschaft. Und boch ist bie Lösung biefer Aufgabe eine Folge ber Führung. Die Zeit ist endlich vorbei, mit dauernder Kritik an den Verbänden unb unter ihnen bie Zeit auszufüllen. Das katholische Volk hat ein Recht darauf, daß diejenigen, die dos „Privileg der Bildung" haben, auf dem Wege
zur Einheit des deutschen Katholizismus mit allem Mut« vorangehen. Sie sind auf dem Wege. Auch die Diasporastudenten; denn gerade sie spüren mehr als anderswo die Notwendigkeit ber Einheit im stillen Kampf um bie Geltung ihrer Weltanschauung.
So war es benn auch nicht ein zufälliger Einfall, sondern bas notwendige Ergebnis aus einer geistigen Situation heraus, als die „Politische Gruppe katholischer Studenten" (Mitglied des Reichsverbandes deutscher Zentrumsstudenten) an der Universität Marburg zu et- einer Schulungswoche vom 9.— 12. Januar d. I. einlud. Die Tagung vereinigte in den gastlichen Räumen des Unitas-Hauses zu Marburg zum erstenmale bis zu 70 Studenten ber katholischen Diaspora Westdeutschlands. Die Universitäten Gießen, Göttingen und Marburg waren über Erwarten stark vertreten. Ebenso bie Tatsache, daß sich hier im Hinblick auf Schwierigkeiten einer Ausprägung katholischer Lebenshaltung in ber Diaspora bie beiben katholischen Organisationen Görresring unb Reichsverband deutscher Zentrumsstubenten unter Zurückstellung jeder parteipolitischen und sonstwie gearteten Gegensätze zu gemeinsamer Bilbungsarbeit zu- sammensanben, bürste ein freubiger Anfang unb ber Nachahmung wert sein. Vorträge und Aussprachen behandelten bas Thema: Katholisches Staats- und Wirtscha-ftsethos. Der jüngste Reichstags- abgeorbnete bes Zentrums und Geschäftsführer der Windthorstbunbe, Dr. Heinrich Krone, stellte mit feinem Thema:
„Der kathol. Student unb ber national« Gebank e",
eine Frage zur Diskussion, die in ber Studentenschatt sich heute beim ftänbigen Wachsen bes Nationalismus befonberer Aktualität erfreut. Nicht bie Untertreibung in national unb nicht-national, nicht ber anmaßende Anspruch einer Kaste unb Partei, nicht ber tönenbe Mißbrauch bes Wortes bestimmt das Wesen des nationaler Denkens, sondern bie unpersönliche, Hingabe im Dienste für das Volk. Aus dem naturrechtlichen Zugeorbnetsein ber Begriffe Familie, Heimat, Volk, Staat ist bie Absolutsetzung bes Staates unb bamit auch bes Nationalen unmöglich. Der Nationalismus ist unchristlich. Es liegt an uns baß jenes 'absolutistisch liberalistische Denken bem trans- zenbalen auch in der Stellung zu Staat unb Nation Platz greift. Die Partei aber fei uns nicht der Staat, sondern nur Mittel zur Durchführung unseres Wollens für Politik, Wirtschaft und Kultur.
Alles politische (politisch im weitesten Sinne) Leben aber, so sagt Ketteler, muß sich an ber Frage Gott orientieren. Darum lag es in ber Gedankenfolge ber Vortragsreihe, roienn ber Frankfurter Studentenseelsorger Dr. Niel en in seinem Vortrage über „Die Ausgaben bes katholischen Jungakabemikers in ber Gegenwart" bas rechte Verhältnis bes Einzelnen zu Gott und ber Kirche als Grunbvoraus- setzung für ben Wert jebes öffentlichen Hanbelns forderte. Das erst macht jede Begegnung von Kirche unb Welt fruchtbar. In einem aktionellen Punkte haben mir jene Begegnung aufgegriffen. Wir diskutieren feit ber Existenz des „Roten Blattes ber katholischen Sozialisten" über bie Stellung bes Katholiken zum Sozialismus in weltanschaulicher und politischer Beziehung. In einem selten über biese Frage so tiefgründigen und alleinfassenden Referate hat uns ber Verfasser des Buches: „Der Sozialismus als sittliche Idee", ber Gießener katholische Religionsphilosoph Prof. Dr. Steinbüchel, bie ibeeilen Gegensätze von Katholizismus unb So3ialIsmus in prägnanter Formulierung vorgetragen.
Weil aber ber Sozialismus vor allem eine wirtschaftliche Bewegung ist, bie politische Bebeutung hat anb er er Feits bie übrigen Parteien ein solches Wirtschaftsprogramm, das politische Brauchbarkeit besitzt, nicht hatten, kann bie Zentrumspartei nicht froh genug sein, daß ihr Prof. Dessauer in seiner „koorpv- ratioen Wirtschaft" ein solches Programm geschaffen hat. In seinem geschichtlich unb philosophisch unterbauten Referate über: Der Katholik unb bie Wirtschaft zeigte er ber heutigen Wirtschaftsunorbnung bie neue Wirtschaftsorbnung bes Dienstes unb ber Kooperation aller beteiligten Kräfte. Die Tagung schloß mit einer öffentlichen Kunbgebung, bei ber Prof. Dessauer über „Bie Bebeutung bes p 0 litischen Katholizismus" sprach. Er stellte insbefonbere ben echten Konservatismus bes Geistes, ber im Zentrum trotz aller Fortschrittlichkeit immer zuhause war, den falschen Konservatismus der Form gegenüber. Seine an ihm gewohnten geistig tiefgründigen und weitfchauenben Ausführungen waren ein bedeutsamer Abschluß dieser ersten Marburger akademischen Schulungswoche.
Referendar Dr. Anton D a l l w i g.
Verirrt in der Camargue.
3J Von Kurt Witt.
Es mochte wohl so gegen sechs Uhr sein. Weiter. Die Füße meldeten sich. In den Waden schmerzte es beim Aufstehen unb bie Füße brannten in ben Schuhen wie Feuer. — Wieder kam die Steppe unb brannte bie Sonne. Weit braußen sah ich bie erste wilde Pferdeherde, die zu einer dichten Gruppe zusammengerückt ruhig graste oder auf ber Erde ruhte. — Wieder ein eigenartiges Gefühl, bas mich später noch oft beschlich, wenn ich auf bie wilden Steppenreiter, die Guardians was, bie in ihrer malerischen Tracht, ben weiten wehenden Leberhosen, ber flatternden breiten roten Schärpe, dem bunten Halstuch unb bem breiten Hut ihren eiferten Dreizack schwingend wie bie Teufel über die Steppe ritten. Das war bie wilde französische Pampas — oie auch so weich fein konnte roi< jener Abend in der ferme be la Magolonne, wo die wilden Reiter am abendlichen Holzfeuer die Lieder ihrer Einsamkeit sangen.
Der Durst, die Hitze, bie Müdigkeit und der Hunger. Ostwärts schien es bewaldeter zu werden. Dorthin. Treuer Kompaß. Als bann bie Dämmerung sich schnell Su senken begann, war ich schon ziemlich tief wieder in jenes sumpfig-buschige Gelände geraten, wie es für bas ganze Herz ber Camargue so charakteristisch ist. Schwarze Wassertüinpel, Grasbüschel, unter denen bas Wasser aufgluckst, wenn man barauf tritt, Busch, abgestorbenes Holz, tote verkrüpelte Baumstümpfe und Zwischen alldem mieber dürres Grasland und verbrannte Steppe. Jetzt hieß cs Vorsicht. Ein Zurück konnte cs nicht mehr geben. Die Camargue ist tückisch. Wehe, wenn ich fehltrat. Hier stand ber kalte Tob ber Camargue.
Es begann rasch zu dunkeln. Ueberall jetzt nasses sumpfiges Gras, unzugängliches Buschwerk. Barfuß watete man weiter. Immer tiefer hinein. Mein
Bambusstab muhte jeden Schritt befühlen. Hinter mir knicke ich die Zweige um wenn notwendig, den Weg wieder zu finden. Hier war auf einmal Kampf geworden. Du mußt! Alle Müdigkeit und aller .Hunger unb Durst müssen wohl auf einmal verschwunden gewesen fein. Ich weiß es nicht mehr. Nur das wußte man: Vorwärts, vorwärts. Ich fürchtete mich vor ber immer schneller hereinbrechenben Dunkelheit Wohin hier in diesen Sümpfen? — Etwas wie ein Sandpfad lief vor mir durch unzugängliches Bufchbickicht.
Bald wurde er wieder zu schwarzem moorigem Grund. — Ganz tief ging es unter Gesträuch hindurch. Fast war es schon finster, — da stand ich vor einem moorigen Wasser, dos mich — von einer alten halbverfallenen Schilfhütte trennte. Ein paar Stäbe ragten aus dem Wasser. Wegzeichen?--Es mußte ge
wagt werden. Knietief war das Wasser. Der Bambusstab tastete vorwärts. — Es gelang. —
D i e Hütte. Sie stand leer. Ein Raum mit einem roh gezimmerten Brettertisch, einer Bank. Ein paar Steine standen zu einer Art Herbstatt zusammen. Ader zum Ueberlegen wollte es nicht mehr recht reichen. Diese Müdigkeit. — In ber Ecke lag ein Haufen alten trockenen Schilfes. Noch einmal leuchtete die Taschenlampe die Hütte ab. Auf ber rohen Tischplatte stand eingekratzt der Name Armand. An einem Balken hing von ber Feuchtigkeit fast zerstört ein Bilb, bas wohl aus einem alten Kunstkalender stammen mochte. — Arribee bes Samtes Maries en Provence. — Zu mübe. —
Als ich morgens in meinem Schilfhaufen erwachte war cs heller Tag. 8 Uhr. Im Schilf wimmelte es von allerlei Käfergetier, bas ich am Abend nicht bemerkt hatte. Dazu brummte es von großen schwarzen Fliegen.
Der dritte Tag begann. — In der Flasche glucksten nur noch ein paar Tropfen Wasser. Ich durfte sie nicht anrühren: Das trockene Brot wollte ber Hals nicht mehr schlingen. Der ganze Körper schlapp und krank.
Der Kopf brannte. Ich wusch ihn im Sumpfwasser unb legte einen nassen Sappen unter das Kopftuch.
Alles was geschah an diesem Tage, geschah wie im Traum, bas Zurückwaten durch bas Sumpfwasser, bas weitere Vordringen nach Osten. — Eine unglaubliche Gleichmut war plötzlich ba. — An diesem Tage begegneten mir mehrere Rubel Wildpferde. Irgendwo geriet ich zwischen Stiere. Die Tiere gingen ruhig zur Seite unb schauten dem davonstampfenben Wesen noch lange nach. Steppe kam unb wieder Busch. — Dann, es mar wohl gegen zwei Uhr geworden, stand ich auf einmal an einem großen breiten Wasser, bas träge bahin- floß — eiN-Rhonearm. — Die Ufer waren versumpft, bei jebem «chritt sprangen unzählige Frösche laut patschend ins Wasser. Alles einsam, keine menschliche Siedlung zu sehen, kein Rauchzeichen. Von oben brannte die Sonne. Mechanisch führten bie Füße stromaufwärts. Ein Gefühl, wie wenn ein weicher Schlauch burch den Hals in ben Magen führe, war entftanben. Unmöglich noch zu benten. Die Augen kämpften gegen schwarze Schatten. —
Ein Kahn lag am Ufer. Ein Brett barin. — Weiß nur, daß ich ihn w-e im Traumzustand zollweise ins Wasser zerrte unb nicht abließ, bis er im Wasser lag. Als ich bann wie aus einem Fieber erwachte, lag ich lang mit bem Kopf auf bem Rucksack im Boot unb ließ mich von ber leichten Strömung treiben. Ein leiser frischer Luftzug belebte etwas, aber ber Versuch, durch ein Tuch gefeites Flußwasser zu trinken, mußte aufgegeben werden. Es schmeckte abscheulich. —
Das ging nun Stunde um Stunde so. Der Fluß mad-te '.Biegungen, umfaßte grüne Inseln und zog ruhig weiter. Mit bem Brett trieb ich ben Kahn voran ober ruhte lang hingestreckt. Pferde unb Stiere tauchten mehrmals am Ufer. auf.
Was war das? — Ganz in ber Ferne hob sich etwas wie ein hoher Fels aus bem Dunst — mürbe klarer — nach einer Viertelstunde ragten auch klar vier große Masten in die Suff. — Da mußten Menschen fein.
— Sebensgeifter waren wieder ba. Energien spannten sich. —
Wieder eine halbe Stunde und der große graus Schatten war zu einem klar erkennbaren Turmbau geworden.
Dahinter dehnte es sich weit. Da mußte Meer fein. Samtes Maries? Die Viertelstunden wuchsen in endloser Spannung. Dächer tauchten auf. Deutlicher zeichnete sich ber hohe Bau. Die hohe Basllika zeichnete sich wie der Riesenbug eines gewaltigen Schisses. Wei sie je gesehen hat, wird diesen Vergleich nicht vergessen können. Es war Saintes Maries. —
Wie doch der Mensch in einem solchen Augenblick handelt. Immer noch waren bie Ufer einsam unb menschenleer, aber ich trieb dos Boot an ben Steanb, riß einen Zettel aus meinem Notizblock, schrieb bem unbekannten Besitzer Worte bes Dankes, ber Entschuldigung, kletterte auf bie Böschung, sah mieber öde tro=- tene Steppe vor mir, burch die sich eine einsame weiße Straße zog, sah drüben, immer noch weit, bie mächtige Basilika ragen — lief — lief — lief schneller, sah einen einsamen Stranbfriedhof, einen Hochborbigen Zigeunerwagen, sah bie ersten Häuser auftauchen — immer weiter .. . Die weißen Hauben unb bie Spitzenhalstücher ber Camarguemädchen unb Frauen leuchteten unter grünen Gartenbüschen, unter dem offenen Sommervorhang. Aus Staub, Sonnenglut unb Stein wächst Samtes Martes vor mir auf. Die niedrige Seitenpforte steht offen. Die kühlen schwärzlichen Mauern mit be«i Danksagungen ber Jahrhunberte wölben sich. — „O granbi Santo Segnoureffo, be la Planuro b’ Amaresso". —
Zwei Tage lang fütterte mich meine gute Wirtsfrau auf wie ein Kinb, jnit Hagebutten, Sarbinen, Del und Rotweinwasser. — Dann ging es weiter — norbroärfs.
Mancher wirb ben Kopf schütteln: „Warum bas alles?" Warum? Man kanns nicht sagen. Man kann aber auch — Sagerfeuer und Sternennach! in ber einsamen Camargue — nie mehr nergeffen.
Schluß.