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Samstag, Öen 8. Februar 1930.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt

Druck der Fuldaer Acliendruckerei, Fulda.

Allerlei Sorgen Italiens.

Von unserem eigenen

Trotz aller Feste geht der Faschismus ins neue Jahr nicht mit fliegenden Fahnen. Eine Reihe von Umständen wirkt da zusammen. Gegenwärtig ist die Lage wohl so. Daß alle Hoffnungen auf außen­politische Erfolge gerichtet sind; denn innerpolilisch und im Grunde auch wirtschaftspolitisch sind die Spannungen kaum noch zu verbergen. Ob Italien freilich außenpolitisch, das heißt im Augenblick hin­sichtlich der Flottenauseinandersetzungen mit Frankreich viel zu erwarten hat, das ist wohl eine Frage. So begnügt man sich damit, wenigstens die Auffassung von der außenpolitischen Lage, die Diskussion über sie zu uniformieren. Es hat den Anschein, als wolle der Faschismus jetzt die Not­wendigkeit seiner geistigen und praktischen Diktatur in erster Linie aus der schwierigen außenpolitischen Situation herleiten. Giarratana schrieb dieser Tage in seinen Blättern:

„Mit jedem neuen Tage muß in uns die Ueber- zeugung feste Wurzeln fassen, daß die unitarische Erziehung ihre Früchte auch auf dem Gebiete der Ideen, die wir haben müssen, besonders dem Aus­land gegenüber, zeitigen muß. All das ist Auf­gabe der nationalen Erziehung. Bis gestern war es allen Individuen und allen Parteien erlaubt, ihre Sympathien dem einen oder dem anderen gegenüber kundzugeben. Heute aber ist das nicht mehr der Fall. Ein sich selbstbewußtes Volk hat nur eine einzige Idee zu verfechten, nur einen ein­zigen Weg zu verfechten."

Die Statistik war in Italien stets eine etwas unsichere Größe, und dos soll sich auch unter dem Faschismus noch nicht viel geändert haben. Nach- den kürzlich veröffentlichten Ziffern der italienischen Handelsbilanz vom vergangenen Jahre schließt cs mit einer Gesamteinfuhr im Werte von 21353 000 000 Lire gegenüber einer Ausfuhr von 14 886 000 000 Lire ab. Das würden also auf alle Fälle die günstigsten Ziffern fein, die sich als Er­gebnis des Jahres herausrechnen ließen. Hält man die großen Erwartungen dagegen, die an die sieg­reiche Getreidsschlacht des letzten Jahres geknüpft wurden, so wird man doch etwas ernüchtert. Italien tröstet sich damit, daß eine Besserung um 894 000 000 Lire gegenüber 1928 zu verzeichnen fei. Aber an dem großen Defizit vermag auch diese Besserung nicht viel zu ändern.

Das Befehlsblatt der faschistischen Partei nimmt mit einer prägnanten Losung auch zu dieser Tat­sache wiederum Stellung. Er sucht seine Anhänger über den schlechten Jahresabschluß damit hinweg­zutrösten, daß es auf andere Länder hinweist, denen es angeblich noch schlechter geht. Und da greift es, allerdings wohl wenig geeignet, in erster Linie England heraus, desien Wirtschaftslage und Struktur sich ja kaum mit Italien messen läßt: „Die wirtschaftliche Lage Italiens kann nur im Vergleich mit derjenigen in anderen Ländern beurteilt wer­den. Er handelt sich mit einem Worte darum, festzustellen, ob es den anderen besser oder schlechter geht als uns. Was die Handelsbilianz betrifft, be­findet sich Italien unter den wenigen Ländern Eu­ropas, die das Jahr 1929 mit zufriedenstellenden Ziffern abschließen. Die Einfuhr ist tatsächlich zu­rückgegangen, und die Ausfuhr ist gestiegen. Eng­land hingegen hat ein Defizit von 25 Milliarden italienischer Lire au vermelden . . . usw."

römischen Mitarbeiter:

Mit welchem Sophismus die Statistik hier ver­wandt wird, ergeben ohne weiteres die oben ge­nannten Zahlen. Daß die Zahl der Arbeitslosen in Italien relativ gering ist, besagt bei der eigen­artigen Beschäftigungsmethode, die der Faschismus anwendet, nicht allzuviel. Dann fährt das Be- fehlsblatt fort:

„Konkurse und Vergleiche — die Gesamtziffer diyses Nebels ist in Italien sehr hoch (!) doch des­halb darf nicht geglaubt werden, daß die anderen Länder etwa ini Üeberjluß schwimmen . . Abge­sehen von wenigen Ausnahmefällen ist es nur ge­recht und logisch, daß die improvisierten Bankiers, Börsianer, Kaufleute Industriellen und Landwirte Pleite machen. Es ist vollkommen gerecht, logisch und moralisch, daß sie die faschistische Regierung ruhig zugrunde gehen läßt. In Italien werden unter dem faschistischen Regime die gefunden und ianierbaren Unternehmungen ausgiebig und prompt unterstützt, wie viele aus eigener Erfah­rung bezeugen können. In dieser Situation allge­meiner Misere zu verlangen, daß Italien die ein­zige Ausnahme bilden sollte, wäre einfach grotesk und unverzeihlich. Es muß höchstens die unnütze und gehässige Gerüchtmacherei der gewissenlosen, der Dummköpfe, der Miesmacher und der Anti­faschisten beim Schopfe gepackt werden, was schließ­lich und endlich ausgiebig und befehlsmäßig besorgt werden wird."

In der Tat ein merkwürdiges Befehlsblair einer großen, ja der einzigen Staatspartei. Wir meinen auch, daß wir diesen Ton schon öfter ge­hört hätten. Schon seit acht Jahren ist der Faschis­mus daran, die wirtschaftlichen Schmarotzer, wie er sie nennt, aussterben zu lassen. Sind es wirk­lich nur die Parasiten, die jetzt zugrundegehen, sind es nur Gerüchtemacher, Gewissenlose, Dumm­köpfe, die ihre warnende Stimme erheben?____

Italien selber hat immer gefordert, daß der Fa­schismus nach seinen Erfolgen beurteilt werden solle. Er selber hat Leben und Sterben der Be­völkerung einer Nation schon oft als Gradmesser für den inneren Wert der politischen Führung be­zeichnet. Da ist es doch bedenklich, daß Italien jetzt selber berichten muß, daß die Geburtenziffer nun auch in Italien in beängstigender Weise zurück- geht. In Südtirol wurde, wie in vielen Gegenden Italiens, neuerdings die Sitte der weißen Schleife eingeführt. Sie wird an den Häusern angebracht, in denen ein Kindlein zur Welt gekommen ist. Der Erfolg? Geburtenüberschuß in Bozen 1927: 173, 1928: 203, 1929: 162, für die Provinz aber sehen die Zahlen noch ungünstiger aus, sie beweisen, daß auf dem Lande sogar ein stetiger Rückgang war. 1927: 80 Prozent, 1928: 70 Prozent, 1929 : 60 Prozent. Das ist für den Geburtenüberschuß ganz gewiß immer noch eine sehr hohe Prozentziffer, ober sie fällt beängstlgend rasch und stetig. Für das übrige Italien liegen aber noch weitaus un­günstigere Ziffern vyr. Es ist keine Frage, daß sich in dem allen eine Krise ankündigt, deren der Fa­schismus auch mit schärfster Disziplin nicht Herr werden kann. Jetzt versucht er es mit noch stär­keren Mitteln als bisher. Nach dem Zuckerbrot der Festtage die Peitsche der Aaatsraffon! Ob man damit die Sorgen bezwingt?.

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Vom Wetterpropheten zur Wetterkarte.

Läßt sich das welker für 1930 voraussagen? — Der hunderijährige Kalender. — Astrologischer Unsinn. — Der „böse" Mond und der „gefährliche" Sonnenfleck. — Falsche und richtige Propheten. — Lier die Weklerkarte!

Das Interesse für die Witterung ist wohl so alt wie das Menschengeschlecht, und zu allen Zeiten hat man sich mit der Vorhersage des Wetters lebhaft beschäftigt. Das ist nicht wunderbar; ist doch überall das Leben des einzelnen wie der Gesamtheit auf das engste mit dem Klima des Landes verknöpft. Schon morgens beim Auf- stehen gilt der Blick dem Himmel, um zu sehen, war für ein Gesicht er macht. Man klopft an das Barome­ter, um festzustellen, ob cs steigt oder fällt, und lieft das Barometer ab, um sich danach anzukleiden. Wer möchte nicht gern wissen, wie das Wetter im Sommer oder jetzt im Winter wird, etwa in der Weise, mit der man heute ein astronomisches Ereignis berechnet. Aber die Kenntnisse von den Vorgängen in der Atmosphäre sind noch lange nicht so vorgeschritten, um derartige Theorien aufstellen zu können. Dunkle Wettermacher und astrologische Kalender mißbrauchen die Unwissen­heit des Volkes, um es mit ihren Prophezeiungen irre» zuführen. Alsdann gibt es Menschen, die fest davon überzeugt sind, daß die Planeten oder der Mond die WUterung verursachen, ohne sich von diesem Wahn frei­machen zu können.

Das Welter läßt sich nach der heutigen Wissenschaft im allgemeinen auf etwa 24 Stunden Voraussagen; doch gibt es auch noch gewisse atmosphärische Vorgänge, die es ermöglichen, daß man aus ihnen Rückschlüsse auf die zukünftige Witterung ziehen kann.

Betrachten wir zunächst den hundertjährigen K al e n d e r, der absolut unwissenschaftlich ist, und nach dem man sich nicht richten soll; jedoch das Volk schwört auf ihn. Das Jahr 1930 steht danach unter der Herr­schaft des bösen Planeten Saturn, der von kalter und feuchter Natur ist. Das Frühjahr soll nach diesem Machwerk von Kalender trocken und kalt sein, und wenn Regen eintritt, so folgt darauf in der Regel schädlicher Frost. Der Sommer ist gleichfalls kalt, Tage ohne Re­gen selten. Der Herbst ist ebenfalls unfreundlich und

bald winterlich, und nur im November fetzen noch schöne Tage ein. Der Winter wird anfangs naß, dann sehr kalt, und hält lange an. Vergleichen wir diese Vorhersagen mit der tatsächlichen Witterung, so roer­ben wir bald von dem hier dargelegten Unfinn über­zeugt fein. Der Verfasser des hundertjährigen Kalen­ders ist der Abt Mauritius Knauer, der ihn in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert erscheinen ließ.

Weiterhin richtet man sich im Volke gern nach „B a u- ernregel n", die an den verschiedensten Orten und zu den veffchiedensten Zeiten entstanden sind und schon daher für eine beliebige Gegend nicht maßgebend sein können. Verschiedene sind für gewisse Jahrestage be- stimmt, die man Lostage nennt. Bekannt sind der Sie- benschläsertag, der 27. Juni, und die Tage der „Eis­heiligen" vom 11. bis 14. Mai. Regnet es am Sieben­schläfertage, so soll es noch sieben Wochen lang wei- terregnen. Ende Juni beginnt nämlich in Deutschland die Hauptregenzeit, die gewöhnlich im August ihr Ende erreicht. Daß es sieben Wochen hintereinander' bei uns regnet, hat sich noch nie ereignet. Bedenkt man aber, daß es im Sommer zu häufigen Regenfällen kommen kann, so läßt sich diese „Regel" schon deuten.

Die Erhaltungstendenz der Wllterung spielt bei ei­ner Voraussage von längerer Dauer eine wichtige Rolle. Man kann wohl sagen, die Wahrscheinlichkeit, daß das morgige Wetter dem heutigen gleichen wud, beträgt mindestens 60 Prozent.

Ueber den W ettercharakter eines kam- menben Sommers ober Winters hat der be­kannte Berliner Meteorologe Professor Hellmann Untersuchungen angestellt.

Danach folgt wahrscheinlich auf einen sehr milden Winter ein warmer Sommer, auf einen mäßig milden Winter ein kühler Sommer, auf einen mäßig kalten Winter ein kühler Sommer, auf einen sehr kalten Winter ein sehr kühler Sommer, auf einen mäßig warmen Sommer ein mäßig milder Winter und auf einen sehr warmen Sommer ein kalter. (Der diesjäh­rige Winter scheint nach feinem bisherigem Verlauf allerdings diese Wahrscheinlichkeitsregel über den Hau­fen zu werfen. D. Schriftl.)

Professor Meinardus beschäftigte sich mit dem Einfluß des Golfftromes auf die Temperatur Mittel-

Europarundflug 1930.

Lausanne

Albacete

Breslau. —k

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Die Streckenkarte des 7500 Kilometer langen Rundfluges, der über 8 Länder führt. Start und Ziel ist Berlin. Die Durchführung des Rundflugs wurde Deutschland, dem Heimatland des letztjährigen Siegers Morcik, übertragen.

Da muß ich Mn!

El, das wäre gelacht!

auf die

Des närrische Komitee*

Anfang: 7.71 Uhr. :: Ende: Wenns aus ist.

Große Sänger- Rcdoute

in sämtlichen Räumen des Bürgervereins

VOBl HOvHnflnnSwItttSl MiinnCFCnOr am 8-uns^g, 6en 1. ms» 1930.

Sie grüne Saffianmappe.

Roman von Harold Effberg.

Copyright by Carl Dunker, Berlin.

2] ----------

Plötzlich sah er sich in dem gegenüber eingelassenen Spiegel. Er zog den Patz heraus, entfaltete ihn und verglich fein Gesicht mit dem auf der Photographie des Passes. Das Paßbild zeigte einen Mann von etwa 35 bis 40 Jahren mit einem anscheinend blonden Schnurr­bart. Der Patz ergab, daß Olaf Lilloe am 11. Mai 1888 in Drammen in Norwegen geboren war. Aus dem Spiegel sah bas frische Gesicht eines Achtundzwanzig­jährigen heraus mit ben blauen Augen, ber hohen Stirn unb ben blonben Haaren eines Nordlänbers. Sei dem grellen Licht ber über ihm brennenben Lampe waren feine Augen allerdings von Schatten umgeben, unb fo sah es wesentlich älter aus als 28 Jahre. Den ganzen Vormittag hindurch hatte er schon sein Gesicht vor dem Spiegel mit dem Paßbild verglichen. Hing doch ber Erfolg ber ganzen Resse nicht zum wenigsten bavon ab, ob es ihm gelingen würde, mit diesem Paß über die französische Grenze zu kommen. Aus einer inneren Westentasche holte er einen deutschen Reisepaß heraus, in dem seine eigene Photographie befestigt mar. Zu dumm war es gewesen, daß sie ihm am heutigen Morgen im französischen Konsulat, weil es Sonntag war, kein Visum hatten geben wollen. Sein belgisches Dauervi­sum war, Gott fei Dank, noch nicht abgelaufen, aber das nutzte für Frankreich nichts. Wer wußte, wozu es noch gut fein könnte, wenn etwa schließlich das Kom­mando ,^)änbe hoch!" ertönen würde. Aber dazu durfte es nicht kommen. Wie aber feine Reife enden sollte ober würde, davon machte er sich noch keine rechte Vor­stellung.

Unaufhalssam rollle, ächzte, schleuderte, stieß unb schwankte ber Zug in rasendem Tempo durch die Nacht Selten huschte ein Lickt vorbei, draußen war schwarze Finsternis, im Zuge war es still geworden, alles schien bereits zu schlafen.

Er sah nochmals in den Spiegel. Bin ich das wirk­lich, ber brave Bankbeamte Leo Drtranb aus Charlot-

tenburg? Nein sagte er sich, das war ich gestern noch, gestern mittag bis zum Büroschluß um 2 Uhr. Sogar noch bis heute früh, bis ich die Notiz in ber Zeitung las! Und jetzt sitze ich unter falschem Namen in dem teuersten Zuge Europas und fahre ohne Urlaub nach Paris! Wie bin ich bloß dazu gekommen!

Am Tage vorher, am Samstagabend, dem 30. Ok­tober, mittags 12 Uhr, faß der Bankbeamte Leo Ortrand an feinem Schreibtisch in der Depositenkafse am Kurfür- stendarnm. Bor ihm hantierte der Kassierer an den Geldsorten, rechts neben ihm zog sich der Schalter mit den drei Deffnungen für das Publikum hin, über denen die Worte „Einzahlung", „Auszahlung", „Kaffe" ge­schrieben ftanben. Plötzlich erschien in dem Rahmen ne­ben seinem Schreibtisch befindlichen Schalteröffnung der Kopf und die Brust eines eleganten Herrn von etwa 35—40 Jahren, nahm aus einer vor ihm auf ben Schal­tertisch gelegten grünen Saffianmappe einen Scheck ber norwegischen Staatsbank und bat mit fremdländischem Akzent um dessen Diskontierung. Leo Ortrand nahm ben Scheck entgegen, sah flüchtig auf ihn hin unb reichte ihn bem Kassierer hinüber, wobei er bem Fremden be­deutete, daß er sich an den Nebenschalter wenden möge. Der Fremde nickte und wartete am Schalter des Kas­sierers, während Leo Ortrand sich wieder an seinen Schreibtisch begab u. mit seinen Eintragungen fortfuhr.

Als er nach einer Weile aufblickte, war ber Fremde, inzwischen anscheinend vom Kassierer abgefer­tigt, verschwunden, aber auf seinem Schalter lag noch immer die schöne, grüne Saffianmappe. Wie nach!ah>g die Leute dock mit ihren Sachen sind, dachte Ortrand, nahm die Aktentasche auf seinen Schreibtisch, in ber Meinung, der Fremde werde gleich wiederkommen und sie sich abholen. Inzwischen kam neues Publikum, das mit Rücksicht auf den Monatsersten unb ben kommenden Sonntag noch allerlei Geschäfte erledigen wollte, und so hatten Ortrand und ber Kassierer alte Hönde voll zu tun. Dann sah er, wie der alte Kassenbote die Tür nach der Straße abschtoß; fein Auge fiel auf bie Uhr, es war schon 1 Uhr vorbei. Gott sei Dank, mieber ein Monat vorbei, bachte er, schrieb eine Quittung über fein Gehalt aus unb eine weitere über 1500 Mark, bie er durch eine glückliche Spekulation in der letzten Woche an ber Börse verdient hatte. Eigentlich war es ja den

Angestellten verboten, in der Bank zu spekulieren. Ader schließlich, er hatte sein kleines, väterliches Erb­teil in Wertpapieren tn der Depositenkafse angelegt, in der er angeftellt war, und dessen Verwaltung konnte unmöglich unter dieses Verbot fallen.

„Was wollen Sie denn mit all bem Gelb?" fragte ihn ber Kassierer lächelnd. Er antwortete im gleichen Tone: „Ich fahre über Sonntag nach Amerika!" Er setzte sich wieder an seinen Tisch und Überzählte das Gelb, es waren im ganzen 1750 Mark. Was wollte er mit diesem vielen Geld in feiner Tasche! Es war ja eigentlich lächerlich, es in fein bescheidenes Zimmer bei Frau Ritter mitzunehmen! Aber er war doch ein fo wunderschönes Gefühl, es in feiner Brusttasche bei sich zu tragen, sich als reichen Mann zu fühlen, wenn er auch nicht daran dachte, es über ben Sonntag auszugeben. Der Hilde würde er vielleicht etwas kaufen, vielleicht Parfüm, davon würde er auch etwas haben, und bann hatte sie sich doch brennend einen neuen Hut gewünscht. Den Ankauf würde er ihr überlassen, ihren Geschmack traf er ja doch nicht. Und ob er feiner Schwester So­phie etwas schenken sollte? Sie hatte es eigentlich nicht nötig, ihr ging es doch so gut in ihrer Stellung bei bem reichen Berckenselb, so gut, daß sie sich Schlaf- unb Wohnzimmer leisten konnte unb nicht mit ihm hatte zu- sammenwohnen wollen. Sie hatte sogar ihr eigenes Telephon, damit ihr Chef sie jederzeit erreichen konnte, wenn er sie brauchte, unb das kam nicht selten vor!

Wie oft hatte sie nicht noch nachts um 12 ober noch spä­ter in irgenbein großes Haus fahren müssen, wo Herr Jacques Verckenfeld nach einem üppigen Diner ein gro­ßes Geschäft zu Papier gebracht haben wollte, bevor ber Gegenkontrahent Zeit gefunben hatte, sich seine Unter» schrift nochmals zu überlegen. Plötzlich fiel sein Auge wieder auf die Aktenmappe. Der Mann ist doch nicht wiedergekommen, und jetzt sind bie Safes auch schon zu! Was soll ich benn bloß mit ber Mavpe anfangen? Hier kann ich sie nicht liegen lassen, unb vor Montag kann sie ja der Besitzer nicht zurückverlangen. Am besten ist cs, ick nehme sie mit nach Hause und bringe sie Mon­tag früh wieder. Er ginn zur Garderobe, wusch sich die Hände, nahm Hut und Mantel und verließ mit der Ak­tenmappe durch den hinteren Ausgang die Depositen­kasse. Nachdem er in dem gewohnten kleinen Restaurant

sein bescheidenes Mittagsmahl verzehrt hatte, trotz bes vielen Selbes, bas seine bickgeschwollene Brieftasche ent­hielt stieg er bie zwei Treppen zu der Gartenhauswoh- nung der Frau Ritter hinauf. Er öffnete geräuschlos bie Tür, um nicht von ber geschwätzigen Frau mit einer Ansprache beehrt zu werden, da dies ihn mindestens 10 Minuten feiner freien Zeit gekostet hätte, und begab sich in fein kleines Zimmer.

Die Einrichtung dieses Zimmers entsprach eigentlich nur mit feinem Schrank unb Bett den Begriffen des Berliner Mietzimmers. Was dem Kenner solcher Miets- zimmer sofort auffallen mußte, war ber völlige Mangel an irgendwelchen Nippes, Gipsabgüssen, Oelbrucken und ähnlichen Reproduktionen, mit denen sonst die kunstge­werbliche und bilderfabrizierende Industrielle das deut­sche Heim zu verseuchen pflegt. Dar war Leos erste Bedingung gewesen, als er vor zwei Jahren bei Frau Ritter eingezogen war, daß sie nämlich sämtliche zum angeblichen „Schmuck" des Zimmers dienende Gegen­stände entfernen mußte, einschließlich der Aschbecher ih­res verstorbenen Mannes, dessen Namen Frau Ritter ständig im Munde führte, und dessen Existenz ihm jedes­mal wieder wachgerufen wurde, wenn Frau Ritter sich für den Nachmittag entschuldigte, weil sie zu ihrem Se­ligen nach Stahnsdorf fahren müsse. Frau Ritter war ihm eigentlich das Widerlichste an der ganzen Wohnung, aber eine andere Wirtin mochte auch nicht besser sein. Deshalb blieb er wohnen und hatte sich fein Zimmer nach feinem Geschmack eingerichtet, sich aus feinem el­terlichen Heim ein paar gute Bilder, Decken unb Kissen mitgebracht und Pch bas Zimmer fo wohnlich zu machen gesucht, wie er es bis vor wenigen Jahren zu Hanse gehabt hätte.

Leo und Sophie waren die einzigen Kinder des Tuch- fabrifanten Ortrand in Aachen, der nach dem Kriege seine Fabrik verloren hatte, mit seiner belgischen Frau nach Hannover gezogen war und dort die schlechtbezahlte Stelle eines Prokuristen in einer kleinen Tuchfabrik hatte übernehmen müssen. Vor 3 Jahren war er ge­storben. Seine Frau stammte aus Charleroi in Belgien, wo die Großmutter heute noch in auskömmlichen, aber nicht sehr glänzenden Verhältnissen lebte.

(Fortsetzung folgt)