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Bt. 31.

jceiiag, den 7. Februar 1930.

Fuldaer Zeitung

.............................................. HIHI Illi

liebet die Führung einer Frakkion

- 2. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerel, Fulda.

hat sich, wie seinerzeit schon kurz gemeldet tttirbe, in beachtenswerter Weise anläßlich siner Wahl zum Vorsitzenden der preußischen Land­tagsfraktion des Zentrums der Abge­ordnete D r. Heß geäußert. Wir möchten auf feine Gedankengänge angesichts des jetzt vorliegen­den ausführlichen Berichts noch einmal zurückkom- men, da sich daraus für die im politischen geben tätigen Partei-Freunde manche interessanten Lehren ziehen laßen. Dr. Heß führte u. a. aus:

Nachdem die fünf großen Gruppen der Fraktion an mich herangetreten waren und mir den Vorsitz der Fraktion angeboten hatten, weil unser altver­ehrter Herr Altchef von dieser Bürde entbunden zu fein wünschte, habe ich mich bereit erklärt, mich zur Wahl stellen zu taffen. Das Resultat dieser Wahl ist mir bekannt gegeben worden und ich bin m der Lage, Ihnen danach jetzt die Erklärung ab­zugeben, daß ich die Wahl anzunehmen bereit bin. Ich danke Ihnen zunächst allen herzlichst für das mir dadurch entgegengebrachte reiche Vertrauen. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, daß mir der Entschluß nicht leicht geworden ist, und daß ich mich nur nach Ueberwindung großer innerer Hemmungen dazu habe durchringen können.

Des Ernstes dieser Stunde bin ich mir voll­kommen bewußt. Sie kennen mich lange genug, um zu wissen, daß ich nicht zu den politischen Leichtblutlern gehöre. Ich pflege die Dinge im all­gemeinen etwas schwer, vielleicht manchmal etwas zu schwer zu nehmen. Daran wird nicht mehr viel zu ändern sein. Aber für das politische Leben ist es ja auch nicht gerade fehlerhaft, wenn man dem Emst des Lebens mit Ernst und Nachdenklich­keit gegenüberzustehen gewöhnt ist.

Vorsitzender einer großen mit Verantwortung belasteten Fraktion zu sein, das mag als Ehre aufgefaßt werden. Aber es ist zweifellos kein Vergnügen. Das war es früher schon nicht, wo die Verhältnisse wesentlich unkomplizierter waren. Und das ist es heute noch viel weniger. Nachdem ich mich aber einmal zur Uedernahme dieses Amtes bereit erklärt habe, muß und will ich mich ihm auch mit ganzer Seele und — je nachdem — auch mit allem damit verbundenen persönlichen Konsequenzen hingeben. In diesem Augenblick glaube ich Ihnen ein Wort darüber schuldig zu sein, wie ich mir die Führung meines Amtes denke. Ich könnte mich dabei ja auf die einfache Erklärung beschränken, daß ich mein Amt im Geiste meines großen Vorgängers zu führen ver­suchen wolle. Damit wäre an sich vollkommen ge­nug gesagt. Vielleicht ist es aber doch im Hinblick auf unsere ganzen Zeitverhältnisse angebracht, wenn ich meine Auffassung durch einige Gedanken präzisiere.

Ich habe in der Hauptsache zwei große poli- tische Lehrmeister gehabt: Julius Bachem und Felix Porsch. Und ich habe mich bemüht, von der spezifischen Eigenart dieser beiden bedeutenden Persönlichkeiten soviel wie mößlich abzulauschen und in mich aufzun-hmen. Der Rheinländer Julius Bachem war der anerkannte Meister der taktischen Einzelheit, der Schlesier Felix Porsch der Meister in der Angabe der großen politischen Linie. Ich habe politische Höhepunkte im Leben dieser Männer aus nächster Nähe miterlebt. Meine Vorbilder jemals zu erreichen, wird mir nicht beschieden sein. Ich muß mich deshalb mit der Erklärung begnügen,

daß diese Sorbitoer für mich die Richtschnur meines Handelns bilden sollen.

Eines war übrigens beiden Männern gemein­sam: die politische Konsequenz, das zielbewußte Festhalten an einem einmal als richtig erkannten und demnach auch mit Entschlossenheit beschrittenen Wege. Damit habe ich die drei Prin- zipien angebeutet, an benen sich jede politische Führung orientieren muß: Linie, Taktik und Konsequenz. Das scheinbar selbstverständliche an diesen drei Punkten ist die Konsequenz und dennoch weiß jeder, der im politischen Leben steht, daß gerade die Konsequenz in der politischen Praxis das Schwierigste ist. Das liegt in der Hauptsache daran, daß eben dieses Spurhalten gelegentlich zu Entschlüssen führen kann, die draußen im Lande auf Widerspruch stoßen, weil sie nicht verstan­den werden. Dies ist oft genug einerseits da­rauf zurückzuführen, daß eine Fraktion manchmal die letzten und feinsten Gründe für ihre Haltung der Oeffentlichkeit nicht angeben kann. Das kann einer Fraktion selbst das Leben manchmal schwer machen. Jeder Abgeordnete erlebt bas gelegentlich an sich.

Solche Situationen aber können erfahrungsge­mäß mir bann gemeistert werden, wenn man der Fraktion von außen hcr zubilligt, daß sie selbst letzten End es am besten wissen muß, was sie zu tun ober zu lassen hat. Wenn man einer Fraktion die Verantwortung aufbürdet, muß man ihr auch die Entschließungsfreiheit geben. Politik ist Kunst, auf lange Sicht zu arbeiten Auf einer groß gedachten politischen Linie kann es immer Etappen geben, deren Zweckmäßigkeit der Außenstehende nicht übersieht.

Dabei ober möchte ich eines ganz besonders zu bedenken geben: Die Zentrumswählerschaft ist mit ihren Fraktionen in einer ganz eigenartigen Weise durch die große gemeinsame Weltan- sch auun g auf das denkbar engste verbunden. Wenn darum die Zentrumswählerschaft zu ihren Fraktionen gerade in Weltanschauungsfragen nicht ein absolutes, ich wäre versucht zu sagen, ein ge­radezu blindes Vertrauen hätte, dann hätten nach meinem Empfinden Zentrumsfraktionen ihren eigentlichen und tieferen Sinn verloren. Damit ist selbstredend nicht gemeint, daß eine Fraktion für gute Ratschläge von sachverständiger Seite nicht stets empfänglich wäre. Sie ist im Gegenteil dank­bar dafür, und sie hat auch nicht einmal etwa- fcagegen, wenn solche Winke sich in Form von scharfen Kritiken äußern. Aber die Kritik muß sachlich bleiben.

Und dann noch ein Wort über das Arbeiten in der Fraktion selbst. Ein uralter Korporations- spruch lautet: „in dubiis libertas!", in Zweifels- Fällen Freiheit! Diese Forderung findet aber ihre nachdrückliche Grenze in der anderen: „in neces- fariis unitas!" . Auf die Fraktion übertragen heißt das: in rein politischen Fragen muß die Frak­tion mit absoluter Geschlossenheit auf­treten. Sonst ist keine Politik mehr mögstch Wenn das berühmte Sentiment der Fraktion in wichtigen Dingen durch Mehrheitsbeschluß festgelegt ist, muß die Minderheit sich fügen. Das mag der jeweiligen Mnderheit manchmal schwer fallen, sei es aus logischer Ueberzeugung oder sei es aus see­lischen Gründen. Und dennoch müssen in jeder Fraktion Opfer des Intellekts gelegentlich gefordert werden. Eine Fraktion darf nie über* sehen, daß die Erziehung der Einigkeit und @e*

schlossenheit gegenüber der Einzelmeinung ohne je­den Zweifel der höherstehende Zweck ist.

Deshalb bin ich auch der Meinung, daß die stän­dische Gruppenbildung in einer Fraktion nicht der Neigung verfallen darf, sich als Kampforganisation aufzufassen. Eine Zentrumsfraktion verträgt das am allerwenigsten. Es gibt anerkanntermaßen keine politische Partei in Deutschland, dis auch nur annähernd so wie das Zentrum in seiner Struktur ein Abbild des ganzen Volkes darstellt. Aber es gibt auch keine Partei, die die Heber« brückung der ständischen Gegensätze in dem Maße fertigbringt wie wir. Das liegt einzig und allein daran, daß wir alle uns, gleichgültig woher wir kommen oder ma« wir find, durch die große katholische Weltanschauung gebunden fühlen. Gegen Gruppenbildung in einer Fraktion ist nicht das mindeste einzuwenden. Sie ist im Gegenteil für die praktische Vorarbeit ein großer Vorteil. In der Fraktion aber selbst darf nur die Meinung des einzelnen Fraktionsmitglie­des zu Wort kommen, nicht aber die einer Gruppe.

Das scheinen mir die großen Gesichtspunkte zu fein, die für das Leben in der Fraktion, für de­ren politische Bedeutung und also auch für ihre Führung leitend sein müssen. Und von diesen Ge­sichtspunkten aus gedenke ich an das mir über­tragene Amt heranzutreten. Heber die Schwere der Dreantwortung, b;e ich damit übernehme, bin ich mir, wie gesagt, vollkommen klar.

* Ein Nachspiel zum Londoner Halry-Prozeß. Wie seinerzeit gemeldet, wurden vor kurzem der Londoner Finanzmann H a t r y und drei seiner Mitdirektoren wegen Betruges zu schweren Zucht­

hausstrafen verurteilt. Der fünfte Direktor Der Hatry-Gesellschaft, der Italiener Gialdini, hatte sich durch rechtzeitige Flucht nach Italien der Ver­folgung durch die englische Justiz entzogen. Auf an Telegramm des Blattes „Evening Standard" an Mussolini, in dem um Verfolgung Gialdinis unter italienischem Gesetz ersucht wurde, hat Musso­lini jetzt durch die italienische Botschaft in London antworten lassen, die italienische Regierung sei be­reit, die Verhaftung Gialdinis anzuordnen, wenn die britische Regierung die Gründe für eine der­artige Aktion übermittle. Solange Der bestehende Gegenseitigkeitsoertrag gelte, könne jedoch eine Auslieferung nicht in Frage kommen.

* Festnahme eines internalionalen Betrügers In Trübach im Rheintal gelang Der Polizei Die Verhaftung eines von Deutschland, Oesterreich und mehreren Schweizer Kantonen steckbrieflich verfolg­ten internationalen Schwindlers. Dieser trieb s-ch in St. Gallen unter verschiedenen hochtrabenden Namen umher und besuchte Gasthöfe mit Der Er« Körung, Der Vertreter eines Vereins internationa­ler Automobilhotels zu fein. Durch sein sicheres Auftreten machte Der Betrüger, vermutlich nn 45 Jahre alter Schlesier, gute Geschäfte. Zahlreiche Gasthofbesitzer erklärten ihren Beitritt zu dem er­wähnten Verein und bezahlten zugleich Die Ein-

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer. Verantwortlich für allgemeine und kommunale Po­litik Dr. phil. Johannes Kramer, für Heimat, 3u- gendblatt und religiöse Beilage Dr oec. publ. Jo­seph Sauer, für Den übrigen Text Dr. rer pol. Karl Au st ermann, alle tn Fulda Verantwortlich Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor der Fuldaer Actiendruckerei I Parzeller.

Die Riesen-Talsperre bei Zschopau (Sachsen) vollendet.

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Die riesige Talsperre,

bei Zschopau in Der Nähe von Waldheim (Sachsen), ein neues Meisterwerk deutscher Ingenieur arbeit ist soeben feriiggefteHt worden. 160 Hektar Land werden durch die bogenförmige Sperrmauer überstaut, und über 20 000 Millionen Kubikmeter Wasser in einem künstlichen See gesammelt, der mit seiner. Länge von 9 Kilometern das Land sckaftsbild völlig verändert. Neben Dem Hochwasser- schütz wird das Werk hauptsächlich Der Krafterzeugung dienen.

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Die Stadt des Rotweins.

Von Dr. Dr. Gerhard Be n z m e r.

Rotwein ist für alt« Knaben

Eine von den besten Gaben. . . .*

Das Wort und feine Nutzanwendung erfreut sich auf fcer ganzen Welt so allgemeiner Beliebtheit, daß der Le­ser gewiß gern etwas über jene Stadt hören wird, deren Name der gesamten Weingattung die Bezeichnung ver­liehen hat : B o rd e a u x. Mitten in ein unübersehbares Gewoge von Rebenfeldern geschmiegt, liegt am Ufer der Garonne, hundert Kilometer landeinwärts von ihrer Ein- wundung in den Atlantischen Ozean, di« Stadt des Rat- Keins. Der Fremdling, der den Bahnof verläßt und sich anter dem Bilde dieser Weinmetropole ein Gemisch von großstädtischer Eleganz und naturnaher Lieblichkett vorge­stellt hatte, wird vermutlich von dem ersten Eindruck, mit dem ihn die Stadt empfängt, herb enttäuscht werden. Man schreitet di« breite Uferstraße an der Garonne ent­lang und mag es gar nicht glauben, daß man sich in der viertgrößten Stadt des Landes, im Zentrum von Handel und Seefahrt an Frankreichs Westküste befindet. Holpri­ges Pflaster führt vor niedrigen Häuschen entlang. Im Strom liegen ein paar verschlafene Fischerboote. Men­schenleer find die Ufer; nur hier und da sieht man einen Angler ober Hafenarbeiter gelangweilt in die lehmig-trü­ben Fluten der Garonne ftarren.

Allmählich nimmt die Straße städtischeres Aussehen an. Lagerhäuser, aus denen der würzige Duft des Rot­weins dringt, Raffinerien, Destillerien und Kontor- gebäude treten an die Stelle der niedrigen Häuschen. Dort, wo die berühmte Steinbrücke von Bordeaux das Nord- und Süduser der Garonne miteinander verbindet. Regt einer der Mittelpunkte der Stadt. Auf diese Brücke dürfen die Bordelaiser mit Recht stolz sein; sie ist mit ihren 17 Bögen ein ebenso schönes wie wuchtiges Sau- verk.

Mit einem Schlage hat sich das Bild gewandelt. Ein »rächtiger Triumphbogen über verkehrsreicher Straße, denkmalgefchmückte Plätze, Paläste der Zollverwaltung und der Börse, und zwischen ihnen, in stilvollem Halb­

rund, die weitläufigen Bauten großer Hotels. Aber zwi­schen den neuen Häusern wieder ein uraltes, mittelalter­liches Stadttor, durch dessen düstere Wölbung man in krumme und winklige Seitengassen blickt.

Am Kai kleinere und größere Dampfer jeder Flagge: deutsche, englische, amerikanische, holländische, skandina­vische und französische Schiffe in friedlichem Nebenein­ander. Ein breiter Streifen Land zwischen Ufermauer und Straße. Und auf diesem Pier unübersehbare Stapel von — Rotweinfässern und Schnapskisten. Denn Rot­wein und Liköre: das sind die an Menge weitaus über- wiegenden Ausfuhrartikel dieser Stadt, die seit dem 13. Jahrhundert als unbestrittener Mittelpunkt des Wein- handels gilt. Mehr als 4>4 Millionen Hektoliter Wein erzeugt alljährlich die Umgebung von Bordeaux; und alle die verschiedenfarbenen bunten Flaggen der Frachtschiffe am Pier geben Kunde von der weltweiten Beliebthett dieser Weine. Und nicht weniger als alle die verschie­denen Medocs, Graves, Sauternes, Entre-Deux-Mers und Saini Emilions, die Faß auf Faß in den Seibern der Dampfer verschwinden, erfreuen sich auch > — wie es hier der Augenschein lehrt — die mannigfaltigen fran­zösischen Weinbrände und Liköre in allen Ländern eines guten Rufes als schätzenswerte Getränke. Stapelweise wandern die gefällig geformten Schnapskisten mit Kog­naks, Anisettes und Benedictines vom Pier an Bord. Mit Verwunderung sieht man erstaunliche Mengen von Söffern und Kisten sogar unter dem Sternenbanner ver- schwinden; — gewiß nicht, um an der Dreimeilenzone des Landes der „Trockenlegung" ins Meer geschüttet zu werden. . . .

Wandert man zwischen den Bergen von Fässern und Kisten hindurch, den herb-frischen Geruch des Rotweins einatmend, so fällt dem Beschauer wohl die behagliche Ruhe auf, mit der hier gearbeitet wird. Mit dem rast­losen, großzügigen Betrieb beispielsweise in Den Häfen von Hamburg, Rotterdam, Le Havre oder Newyork läßt sich bas Treiben am Pier von Bordeaux, das als See= Handelsstadt Frankreichs den dritten Rang beansprucht, schlechterdings nicht vergleichen; und tatsächlich übertrifft ja auch die Tonnage-Ziffer Hamburgs diejenige von Bor­deaux — trotz des nicht weniger als 9 Klm. langen, halbkreisförmig gekrümmten Hafenbeckens der Weinstadt,

des „Goldenen Hornes Frankreichs", — um etwa das Zehnfache!

Unweit des Pont de Bordeaux beginnt am Quai des Ehartrons das eigenlliche Zentrum des Handels mit Geschäftshäusern und Stapelhöfen, mit Käsereien, Lager­schuppen und Kellereien, vor denen fässerbeladene Fuhr­werke halten. Automobile und Pferdewagen, Eselskarren und elektrische Bahnen rollen vorüber. Bisweilen will es einem vorkommen, als spiegele sich in diesen Borde­laiser Straßenbahnen das Bild der ganzen Stabt. Sie sind gebrechlich und verstaubt, von uraltem Format, gleichsam als habe man eben erst die Pferde vor ihnen ausgespannt.

Und bald ist es auch schon wieder vorbei mit den großzügigen Geschäftsbauten. Verwitterte alle Häuschen treten an den Kai, und hier hebt das Reich der seefahren­den Zunft an. Logierhäuser und Schenken von wenig einladendem Aeußern, Bars und allerlei Ber-aussgefchäste bilden die Front Der Hafenstraße. Vom Äragenfnopf bis zur Grammophonplatte gibt es nichts, was der Ian Maat aller Länder hier nicht erstehen könnte. Aus den Kneipen bringt der Laut der Grammophone und elektrischen Klaviere, Seeleute und Hafenarbeiter, Weiße, Marokkaner und Neger, Fuhrleute, Fischer und oeritable „Hafenlöwen" räkeln sich auf schadhaften Stühlen, die die Wirtschaften auf die Straße gesetzt haben und „spülen sich die Fliesen", wie der französische Fachausdruck lautet. Durch manches der alten Häuser hindurch führen Tor­wege in die Seitenstraßen; und blickt man durch diese Häusertunnels hindurch, so ist man erstaunt; denn was man sieht, ist kaum noch die Stabt, ist fast schon bas Dorf. Holpriges, löcheriges Pflaster zwischen niebrigen, einstöckigen Häuschen; altersgraues und verwittertes, bau­fälliges Mauerwerk, aus dessen Ritzen Gras und Moos wächst.

Noch lebendiger als hier in Bacalan, erwächst vor dem Beschauer die Vergangenheit, wenn er durch die Seitengassen der Hafengegend wandelt. Er schreite durch die Rue Carpenteyre, und vor seinen erstaunten Augen wird das Mittelalter noch einmal Gestalt gewinnen Häu- fer aus moosigem Quabergeftein sterben langsam ben Tod des Verfalls. An morschen Türen hängen noch die Klopfer aus Urgroßväterzeit. Durch vergitterte Fenster

und düstere Torwege blickt man in halbdunkle Räume, in denen Gerät gestapelt ist und Schmiede, Schreiner und Faßbinder ihr Handwerk üben. Ein Imbißladen hat feine bescheidenen Vorräte ins Fenster gelegt; win­zige Aale und blinkende SUbersischchen, Radieschen und noch dampfende Artischocken harren des Vorübergehen­den.

Im Eafe de Bordeaux, dem Treffpunkt der Borde­laiser, nehme ich Abschied von der Metropole des Weins. Ein typisch französisches Provinzcafs, ein wenig abge­nutzt und verbraucht anmutend, mll den unvermeidlichen facettierten Riesenspiegeln und überreicher Deckenorna­mentik. Schöner noch als alle Genüsse, die mir der Ober auftafelt, als die mannigfaltigen verschmitzten Leckerbis­sen des nahen Meeres sind die prachtvollen Weine, di« hier gegen ein unwahrscheinlich bescheidenes Entgelt ge­reicht werden.

Ms schon die Schatten der Nacht heraufzuziehen be­ginnen, führt mich der Weg zur Kathedrale. Menschen- leer sind die Straßen. Und während man durch die stillen, spärlich beleuchteten Gassen wandelt, denkt man wohl des beweglichen nächtlichen Treibens tn ben Städ­ten der Heimat. Dort entzünden sich jetzt die Lampen und Gesang und Lachen klingt au? weit geöffneten Fen­stern durch die laue Nacht. Bordeaux aber schlummert und träumt schon von längst vergangenen Zeiten, von Tagen glänzender Taten der Waffen und des Geistes, von Zeiten ruhmreicher Schlachten und blühender Künste und Wissenschaften; träumt vom Glanze der Vergangen­heit, von der Enttäuschung der Gegenwart und den Sor­gen der Zukunft.

Tagessprüche.

Der Müßiggang macht unendlich viel müder und nervöser als die Arbeit und schwächt die Widerstands­kraft, auf der eigentlich alle Gesundheit beruht. (Hilty.)

*

Zürnt. Freunde, nicht, wenn Spötter euch verlachen! Erwidert lächelnd ihren Spott und wißt: Der Spöt­ter Witz kann nichts verächtlich machen, was wirklich nicht verächtlich ist. (Badenstedt.)