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HMF

VM

Gruß von Gott.

Von Stefan Musins.

Es fällt ein Stern von Dir zu mir---

Durch Las Getümmel der Straße streift fein silbernes Kleid, berührt im Fluge dis weißen Lampen und weckt aus ihnen verwunderten Klang.

■: Ihn verwirren nicht die tausend Straßen, nicht die Millionen, die darauf wandeln, tiefst sinkt er ins Herz mir und haucht einen Gruß---

Daß es nicht mehr

nicht mehr so stumm und so tot ist wie die Lampen am Pfeiler, die nur gehorchen dem kreisenden Strom---

Roswitha von Gandersheim.

Nahezu 1000 Jahre sind vergangen, daß im Sach- senlande die erste deutsche Dichterin, Roswitha von gandersheim, geboren wurde. Die Berechnungen schwanken zwischen den Jahreszahlen von 912 und 939. Sie wurde früh Benediktinerin des Klosters Ganders­heim, und ihre Aebtisfin Gerberga gab ihr nicht nur die Möglichkeit eingehender Studien der römischen Dichter, der Mathematik, Astronomie und Musik, sondern ermun­terte sie auch nach den ersten schriftstellerischen Versuchen M weiterem Schaffen. Die von ihr überlieferten Dich­tungen umfassen acht Legenden und poetische Erzählun­gen, sechs Dramen und zwei umfangreiche Epen. Sie bediente sich der lateinischen Sprache, die damals als Schriftsprache allein in Frage kam, aber ihr Empfinden war kerndeutsch, versetzt sie doch die Menschen, auch wenn sie Legenden behandelt, meist in deutsche Umge­bung, zeichnet Ritter und Reckengestalten deutscher Prä­gung und Gesittung.

Zuerst §at sie wohl ihre Stoffe gestaltet, um den sit­tenlosen Stücken des Tersnz christliche entgegenzustellen. Bielfach sind ihre Dramen reine „Gnadendramen", deren Lösung durch Einwirkung göttlicher Kraft herbeigeführt wird. Eine köstliche Blüte ist ihre Agneslegende, die sich eng an das im Brevier und seinen Responsorien Ueber- lieferte anlehnt. Bei Roswitha finden wir auch die erste dichterische Formung eines faustischen Stoffes in ihrem „Theophilus". Den Höhepunkt ihres Schaffens erreichte sie in „Abraham". In diesem Drama ist die Entwicklung nicht mehr durch äußere Ereignisse bedmgt, sondern geht mit innerer Folgerichtigkeit aus den Cha­rakteren hervor.

Wichtig ist die Bedeutung Roswithas als Schilderin zeitgenössischen Kulturlebens. In ihrem Epos von den „Anfängen des Klosters Gandersheim" vermittelt sie uns die Geschichte dieses Klosters und zugleich des Lu- dolsingischen Geschlechtes mit starker Anschaulichkeit. In ihrem „Ottolied" besang sie die Taten Ottos I. und er­zählt auch van seiner zweiten Gemahlin, der Kaiserin Adelheid, ihrer Frucht und Rettung.

Es ist schade, daß wir von den Werken Roswithas keine gesammelte Ausgabe in wirklich guter und ihrem Schaffen entsprechender Uebersetzung haben. Sie würde ouch heute noch ihrem Namen, den sie selbst einmal als den „laut tönenden Rus" übersetzte, Ehre machen. Br.

Probleme der Zett.

tlu» den „Mitteilungen" des Reichsfrauenbeirals der Deuischen Zentrumspartei.

Der Reichsfrauenbeirat der deutschen Zentrunispar- tei schließt soeben den 4. Jahrgang seiner „Mitteilungen" mit einem bedeutsamen Doppelheft. Der erste Beitrag von Privatdozent Dr. Joseph Mayer, Freiburg-Breis- M, über „Katholische Sexualethik und Strafrechtsreform" nimmt Stellung zu den ^he- und Sittlichkeitsfragen, die im Laufe des vergan-

। genen Jahres im Strafrechts- und Rechtsausschuß des I Reichstages immer wieder zu scharfen Auseinanderset- i Zungen zwischen den Parteien geführt' haben, vom j Standpunkt der katholischen Moraltheologie aus. Die ' Redaktion will dadurch die ganzen Probleme zur Dis­kussion stellen, und man muß ihr dies als mutige Tat anrechnen. Ein weiterer Beitrag von Frau Weber über „E h e s ch e i d u n g s r e f o r m" setzt sich mit den Vorwürfen auseinander, die der Zentrumsfraktion von liberaler und sozialistischer Seite immer wieder gemacht werden, das Zentrum betreibe mit seiner Haltung in die­ser Frage katholische Kirchenpolitik und keine allge­meine Staatspolitik. In einem zweiten Beitrag „Ver­brechen und Vergehen gegen Ehe und Familie" berich­tet sie über die Beschlüsse der 1. Lesung im Strafrechts­ausschuß in bezug auf Ehebruch, Doppelehe, Ehebetrug. — Frau Teusch hat die Berichterstattung über die sozialen Fragen in den Beiträgen „Reform der Arbeitslosenversicherung?" und „Ladenschluß am Heilig­abend". Die knappe Zusammenfassung über das Z o l l- gesctz vom Dezember 1929 wird vor allen Dingen den Haus- und Landfrauen sehr willkommen sein. Interes­sant ist die neu eingeführte Rubrik „Streiflichter". Wir geben nur die Teilüberschriften: „Zur Frage der pädagogischen Akademie", „Um den weiblichen Ober­studienrat", „Verband der deutschen Reichs-, Post- und Telegraphenbeamtinnen", „Zur Reform des Reichs­lichtspielgesetzes", Reichsgesetzliche Regelung der Polizei­stunde", „Katholische Eheberatungsstellen". Die kurzen Notizen wollen Schlaglichter werfen auf Wichtiges in bezug auf das öffentliche Leben, in bezug auf Frauen­berufe und Frauenbewegung.

Im nächsten Heft der „Mitteilungen" soll die Dis­kussion über die Ehe- und Sittlichkeitsfragen von medizinischer und politischer Seite aus fortgesetzt werden. Ferner werden die Hausfrauen, dae Land­frauen, die Arbeiter chre Meinung äußern in bezug aus die Wirkungen des Zollgesetzes. Die „Mitteilungen" sind zu beziehen vom „Reichsfrauenbeirat der deutschen Zentrumspartei" mit einem Jahresabonnement von 3 Mark. Das jetzt erschienene Einzelhest kostet 1 Mark.

Billige Maskenkleider.

Von Emmy F i c u s - Frankfurt a. M.

Die Lust am Verkleiden, der Mummenschanz, ist fast so alt wie die Menschheit und läßt sich selbst in sorgen­voller Zeit nicht völlig unterdrücken. Die Karnevalszeit fordert ihr Recht auch in dieser wirtschaftlich bitter­schweren Epoche. Der Fasching bringt ja auch wieder Geld ins Rollen; unzählige Geschäftszweige, daneben Musiker und Kellner leben von dieser kurzen Frist frohen Feierns. Nur — darf Alles nichts kosten! „Gur aber billig!" steht als unsichtbare Devise über allen Maskenfesten. Wer ein solches mitmachen will, der .finnt nach Möglichkeit, sich für wenige Mark ein recht originelles Maskenkostüm anzufertigen. Die Auswahl ist groß, die Wahl macht Qual!

Die Mode erstreckt auch auf Maskenkleider ihr Ge­setz der weiblichen, gefälligen Note: Zierlich und graziös soll Alles aussehen, nicht mehr lausbubenhaft! Tem­perament, Statur und Kolorit wollen bei der Wahl der Maskierung berücksichtigt sein, damit man sich wohlfühlt in der Rolle und zum Stil paßt.

Man bevorzugt Heuer wieder Nationaltrachten, die man idealisiert und sie phantastisch aufputzt, Volkstrach­ten, seien es nun oberbayerische, schweizerische oder nor­dische, werden höchstens auf historischen Kostümfesten oder bei Trachtenzügen getragen, da sie aus kostbarem Material bestehen und nur unter erheblichen Kosten zu beschaffen sind. Dagegen stellt man Russin, Bojarin oder Schwedin für Maskenfeste sehr bililg aus Atlas, Samt, Nessel, und Flitter her. Die russische Bojarin trägt einen weiten Rock und ausgeschnittenes Mieder aus Atlas mit Goldborten, eine weihe Nesselbluse m't bunten Aufschlägen und einen hohen, diademartigen I Kopfputz mit bunten Bändern. Die spanische Tänzerin hüllt sich in eine drapierte, rote Taille, deren Enden als I

Fransenschal malerisch um die Schultern geschlungen werden, wenn man nicht einfach einen solchen gelben, roten oder geblümten Schal gefällig um den Oberkörper wickeln will. Den dazu gehörigen Glockenrock stellt man aus Task oder Samt aus einem alten Abendkleid her und garniert diesen mit Flitterband oder Gazerosen. Ein schräg gesetzter schwarzer Samthut und große Ohr­gehänge vollenden das flotte Kostüm.

Preiswert herzustetten ist auch die sogenannte „Gar­yonne", also eine „Junggesellin" von etwas knabenhaf­tem, schlankem Typ. Man wählt ein plissiertes Röckchen aus schwarzem Satin, dazu näht man eine Smoking­jacke aus rotem Samt oder Metallstoff, zieht darunter eine bunte Weste mit Kragen und Krawatte, nimmt eine Blume ins Knopfloch, und fetzt irgend einen kleidsamen Hut des Vaters, Bruders oder Gatten auf den Bubi­kopf, eventl. sogar einen Chapeau clacque. Fertig ist der flotte Anzug!

Auch zum „Bobbykostüm" gehört nur ein großkarier­tes Fallenröckchen, dazu ein enganliegendes Leibchen aus rotem Maskenatlas mit großer flatternder Vorsteck- schleife am hohen Halskragen. Auch um die Hand­gelenke knüpft man je eine rote Schleife und fetzt auf den Pagenkopf ein rotes Bobbymützchen. Dieser Anzug eignet sich besonders für kleine, lebhafte Persönchen.

Größere Frauengestalten dürften Freude haben am Cowgirl, einem Kostüm mit rundgeschnittenem, leder- farbenen Atlasrock, der sich nach rückwärts verlängert und vom Gürtel bis zum Saum seitlich mit breiter, schwarzer Franse abschließt. Dazu noch ein goldfarbenes Samtmieder, schwarzer Lackledergürtel, ein buntes, schräg geknüpftes Apachentuch, und als Hauptsache einen riesi­gen, weichen Schlapphut, sowie eine Kinderpistole in den Gürtel.

Für schlanke, zierliche Figuren eignen sich „Delster"- Kostüme in porzettanblauer und weißer Seide, mit Reif­röckchen und Halskrausen, den Schäferinnen gleichend. „Tango" nennt sich ein Kostüm mit silbernem Rock, sil­bernem Zylinder und blauem Smokingjäckchen, alles aus billigem Lame und Atlas herstellbar. Füllige Personen wählen vorteilhaft die Pracht eines „Königs von Fuad" mit langen, rockähnlichen Pluderhosen aus gelbem Atlas, mit rotem Fez und verschnürter Jacke. Auch die Russentracht in Olivengrün mit rotem Wollschal und buntem Diadem auf weißer Perücke läßt schlank er­scheinen.

So, meine Damen, nun wählen Sie unter dieser Fülle schöner Maskenkleider, die allsamt nur wenige Mark anzuschaffen kosten!

Zehn Geboke für die Gasküche.

Der Gasmesser ist dos gute oder das böse Gewißen der Hausfrau. Spare deshalb an Gas, wo Du kannst, damit er Dein gutes Gewissen werde, und beherzige dazu die folgenden Ratschläge. Der (Erfolg wird in Gestalt einer verringerten Gasrechnung nicht ausblü- ben und diese Sparsamkeit belohnen.

1. Du sollst Deinen Gasherd sauber hatten, nicht nie außen, sondern auch innen. Uebergekochte Speisen­reste können den Brenner verstopsen, und Du ärgerst Dich dann, wenn der unjchuldige Gaskocher nicht so will, wie Du willst.

2. Du sollst den Haupthahn am Gasmesser stets ganz öffnen. Durch teilweises Schließen wird nur verlän­gerte Kochzeit und höherer Gasverbrauch erreicht. Zum Kleinstellen der Flamme dienen die Hähne am Gas­kocher.

3. Wenn der Gasbrenner hinter dem Kocherhahn keinen Luftschieber besitzt (und ältere Brenner hecken ge­wöhnlich keinen), so sollst Du Dir einen solchen ent­weder selbst aus dem Blech einer alten Konserven­büchse Herstellen oder in einem guten Snftallationsge- schäft kaufen. Stelle die Flamme so ein, daß sie einen scharf begrenzten grünen Kern hat, ohne beim Klein- steilen zurückzuschlagen. So ist für die richtige Luftzu­fuhr gesorgt.

4. Bedeckt der Topf den Ringausschnitt des Kochers vollständig, so sollst Du den Rippenring so legen, daß

die Rippen nach oben kommen. Dann können die hei­ßen Abgase auch noch die Seitenwände des Topfes be­heizen. Auf geschloffener Kocherplatte darf nicht ge­kocht werden.

5. Sobald die Speisen kochen, ist die Flamme klein zu stellen. Mehr als kochen können Deine Speisen nicht, sie werden bei großer Flamme auch nicht etwa schneller gar. Mit einhahnigen Doppelbrennern spart man dabei Gas und vermeidet, daß die Speisen an- brennen.

6. Du sollst das Gas erst bann anzünden, wenn der gefüllte Topf auf dem Kocher steht. Die Flamme darf nicht über den Topfboden hinausschkagen, sondern muß etwa daumenbreit vom seitlichen Topsrande entfernt bleiben.

7. Wenn Du 1 Liter Suppe kochen willst, so stelle nicht 2 Liter Wasser auf und lasse 1 Liter nutzlos ver­kochen. Mache es Dir zur Pflicht, nimals ohne Deckel zu kochen. Du gebrauchst sonst etwa Vk mehr Zeit und Gas.

8. Breite und niedrige Töpfe sind im Gebrauch spar­samer als schmale und hohe. Bei gleichgroßen Töpfen sollst Du, sobald ihr Inhalt kocht, einen Topf auf den anderen stellen, als wenn Du einen Turm bauen woll­test (Turmkochen). Du brauchst bann für alle Töpfe nur noch eine einzige kleine Flamme unb sparst Gas. Aus solche Weise kannst Du auch bas Wasser zum Ab­waschen kostenlos erwärmen.

9. Bemühe Dich, ben Gaskocher so aufzustellen, daß er mit festem Rohr angeschlossen werben kann. Das erspart bie, Unbequemlichkeit bes Schlauches unb be­brütet erhöhte Sottbitiit des Geräts. Die Reinigung bes Gaskochers von unten her ist auch bei festem An­schluß möglich, besonbers, wenn er herausnehmbaren Brenner hat.

10. Prüfe, wenn Du mit Deinem Gaskocher ober mit Deiner Gasrechnung unzufrieden bist, an Hand dieser Gebote Deinen Kocher und handle nach diesen Geboten. Der Gasmesser merkt sich die kleinste Verschwendung.

K.

Die Frau in der Küche.

Weiße Bohnen mit Speck.

Ein Pfund weiße Bohnen werden in etwa zwei­stündiger Kochdauer nahezu weich gekocht. Inzwischen hat man auch schon ein halbes Pfund geräucherten Speck abgekocht, den man in Würfel schneidet und mit den Bohnen vermischt. Man füllt mit der Speckbrühe, die nicht zu scharf sein darf, auf und kocht das Gericht unter Hinzufügung einer Nelke unb einiger Pfefferkörner vol- lenbs gar, bis sich ein steifer Brei ergibt. Zum Schlüsse kann man das Ganze mit ein paar gerösteten Zwiebeln abschmelzen. Das Bohnengemüse, bas sich wegen seiner befonberen Nährwerte für recht falte Tage eignet, tnuf sehr warm serviert werben.

Die praktische Hausfrau.

Noch ein Vorschlag zum Feueranzünden mit Petroleum.

Eine Fuldaer Hausfrau schreibt uns: Zu dem in der letzten Frauenbeilage erschienenen Artikel über „Feuer­anzünden mit Petroleum" möchte ich noch ein äußerst einfaches, ungefährliches Verfahren mitteilen: In einer zusammengeknüllten Zeitung eine kleine Vertiefung mit kalter Asche füllen (etwa einen guten Eßlöffel voll), diese mit etwas Petroleum anfeuchten; das übliche An­machholz darüber schichten und das Papier anstecken« Der Erfolg ist sicher.

Glänzendes Wachstuch

erhält man, wenn man mit einigen Tropfen Petroleum auf einem weichen Tuche darüberreibt. Mit einem wolligen Poliertuch werden dann alle Petroleumspure» restlos entfernt.

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ist ein gutes Poliermittel für blinbgeroorbene Marmor- platten. Auch Spiegel lassen sich vorzüglich damit rei­nigen, ebenso alle Sachen aus Perlmutt, Achat, Galalith unb ähnlichen Materialien.

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Freitag, den 7. Februar

Rappen-Abend

HESSE

Die Reklamezettel.

Von I. Enbringer.

» Frau Lena Mirtz hatte in ihrem Leben laufen gelernt! , 5 kleines Göhr schon neben ber kranken Mutter fünf, । ischs. Geschwister betreut, bann einen faulen Mann, ben mitsamt ihren eigenen fünf Kindern ernähren mußte. Um 4 Uhr früh fing sie ihre Büroreinigung an, von 7

I an flog sie von einer Aufwartestelle zur anderen — I iwisch^ndurch immer wieder einmal nach Hause, um • 'wch bem Nötigsten zu sehen — um 3 Uhr ging sie Wäsche s Aschen, Holz zerkleinern oder sonst eine Arbeit tun, gleich, ob Manns- oder Frauenarbeit, von 8 Uhr ab verteilte sie für ein Kino Flugblätter auf ber ^kaße, und um 9 30 Uhr kam sie endlich todmüde nach /Uuse, um dort noch bis gegen 12 Uhr zu nähen, zu stop- ™ und aufzuräumen. Es war ein hartes Los. — : ^"ungleich es ihr der Herrgott dadurch erleichtert hatte, er ihren Mann hinweggenommen und ihr so wenig- !ens Zank und Streit unb Mißhanblungen erspart ’®tte. Mix einst sie als kleines Göhr, so mußte jetzt We vierzehnjährige Tochter, bie Marie, zu Hause nach eni Rechten sehen.

t ®es Abends an der zugigen Ecke, wo sich die brci | tra§en kreuzten, fegte sie nur immer so hin und her, E5 den Passanten ihr kleines, bald rotes, bald grünes, weißes Blatt in die Hände zu drücken, auf dem Lc eirigetaben wurden, sich den Film „Mord in Ken- I»*1)" oder „Liebeswahnsinn" oder „Die Nacht in Monte ober „Rivieraträume" unb wie bie Titel alle in bem Kino soundso anzusehen, das in einer

Nebenstraße lag unb daher diese Reklame brauchte. So leicht ließ sie keinen vorüber, ohne ihm den Zettel mit mehr ober weniger Gewalt in die Hand zu drücken. Wollte ihn jemand nicht nehmen, so wußte sie ihn ihm sogar geschickt in die Tasche zu stecken.

Eines Tages kam ein weißbärtiger Herr langsam heran. Sie flog ihm entgegen, hielt ihm das Blatt hin, er griff danach, während sie schon wieder zurückeitte, um einen andern abzufassen. Als ber Herr ihr bann nachkam, stellte er sich plötzlich vor sie hin.

„Waren Sie denn da schon mal drin?" fragte er, auf den Titel des Filmstücks zeigend.

Sie war über die Frage baff.

„Nö!" sagte sie kurz. Wo sollte sie die Zeit zum Kinobesuch hernehmen! Da hatte ihr einmal ein Kino­besitzer für bas Zettelverteilen freien Kinobesuch an- geboten. Sie hatte bafür gebankt! Sie mußte Bargelb haben!

„Hm," sagte ber Herr. „Haben Sie eine Tochter?" Sie war ärgerlich. „Geht Sie boch nichts an!" sagte sie.

„Doch! Wir gehen alle einander an, hebe Frau! Es gibt keinen Menschen, der nicht den andern was an­ginge!"

„Hat sich was!" erwiderte sie bitter. „Wenn man sich schinden unb plagen muß unb Tag unb Nacht nicht Ruhe hat — unb vier kleine Böiger umsonst nach ber Mutter schreien —"

Der Herr würbe aufmerksam. „So?"

Sie jagte über bie Straße, um einen Passanten ab­zufangen, kam bann jedoch wieber zurück. „Ja ja! Sie wissen wohl nicht, wie bas ist! Da vergeht einem die Lust, sich den Schwindel anzusehen!"

„Ah! Nun sagen Sie es selbst: den Schwindel! Ich kenne das Stück zufällig, und ich will Ihnen mal in aller Kürze ben Inhalt erzählen: Da läuft ein junges Mäbchen, eine Vierzehnjährige, ihrer Mutter weg, weils ihr zu eng unb einförmig im Elternhaus ist unb zuviel Arbeit — unb wird nachher eine große Dame — eine mit Anführungsstrichen — unb bas wird hier als Helbentat gefeiert".

„Na, meine Marie sollte---"

„Sehen Sie! Ihre Marie sollte---Sie ha­

ben also eine Tochter! Tausend andern Mütter aber werden hier ihre Töchter entfremdet und auf Abwege ge­führt. „Die goldene Leiter" nennt sich der Film. Ich danke für die goldene Leiter!"

Er reichte ihr die Hand. „Nichts für ungut! Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen. Aber Ihre Adresse könnten Sie mir geben."

Sie nannte sie ihm, dann ging er. Sie verteilte me­chanisch noch einige Zettel, aber langsam unb ohne Lust Nur gerabe, wenn jemanb dicht an ihr vorüberging, lieber bie Straße ging sie nicht mehr.

Sie begann zu benfen. Sie hatte ja nie Zeit ge­habt, zu denken. Sie war ja immer nur Arbeitstier gewesen, gehetzt, gefoltert. Da kommt kein Gedanke hoch. Richtig, ihre Marie war vierzehn Jahre alt Wenn die nun auch einmal Raupen in den Kopf be­kam! Wer weiß, was sie trieb, während sie bis spät in bie Nacht Zettel verteilte. War sie nicht in letzter Zeit scheu unb verschlossen unb unlustig gewesen? Mit einem Male würbe bie Angst in ihr riesengroß. Sie preßte bas Paket Zettel, bas sie noch hatte, fest unter den Arm, dann eilte sie fort, nach Hause. Es war ge­gen neun Uhr.

Vor ihrer Tür horchte sie. Es war alles still unb dunkel. Kein Laut. War Marie etwa nicht zu Hause?

Sie schloß leise auf und trat ein. Nirgends ein Laut.

Sie machte Licht. Da tagen die drei kleineren in ihren Betten und schliefen. Marie aber — hilf Himmel, war dem Kind etwas passiert? Marie lag neben dem Ofen auf dem Fußboden, den Kops über einem Arm, sie sah blaß unb übermübet aus. Neben ihr eine Schüssel mit Kartoffeln. Ste war anscheinenb bei ber Arbeit eingeschlafen.

Die Mutter trat näher unb betrachtete sie. So mochte auch sie als Kinb ausgesehen haben. Aber bet aller Not unb Hast war sie rein geblieben. Stolz durste sie auf ihr Leben zurückblicken. Damals allerdings hatte man es leichter. Damals gab es noch keine Kinos, nicht so viel Gefahr unb Verführung. Sie sah bem Kmb sor- schenb ins Gesicht. Gott sei Dank, noch waren biese Züge.rein, noch schlief es ben Schlaf ber Unschulb.

Sie nahm bie Zettel, bie sie unter bem Arm hatte, hervor. In bem Ofen schwellte noch ein wenig Feuer. Sie steckte sie hinein und sah zu. wie ste verzehrt wur­den. Und wie bie Flamme aufloberte, ba erstand gleich­zeitig in ihr ein nie gekanntes, nie geahntes Gefühl; ihr gebeugter Leib richtete sich empor, sie strich sich das wirre Haar aus der Stirn, unb eine Ruhe, wie sie sie noch nie empfunben hatte, war plötzlich in ihr. Sie um­faßte mit einem hochgemuten Blick ihre vier Kinder, dann nahm sie die Schlafende in ihre Arme unb trug sie zu Bett. Unterwegs schlug bas Kinb bie Augen atif; wirr sah es um sich. „Mutter!" lallte es bann und lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln an ihre Brust.