dere Partei, weil er in Preußen nicht machen kann was er will. Das Zentrum steht dem neuen Kultusminister mit derselben Wachsamkeit und denselben Bedenken gegenüber, die es gegen jeden anderen preußischen Kultusminister haben müßte und haben wird, gleichgültig woher er kommt. Es wird um seine Belange mit Grimme genau so zu kämpfen haben, wie es mit allen seinen Borgängern kämpfen mußte im neuen, wie im alten Staate. Das Zentrum verlangt von Dr. Grimme nichts weiter als Objektivtät und Gerechtigkeit. Dann wird dieser zum Zentrum ein erträglichesBer- hältnis haben und seine Arbeit mit dem Staatssekretär im Kultusministerium durchaus reibungslos verlaufen, woran der neue Minister selbst ein ebenso großes Interesse haben dürfte als das Zentrum. Die Zentrumsfraktion trägt für die Berufung Grimmes keine Verantwortung. Eine entscheidende Stellungnahme der Fraktion zu dem neuen Kultusminister kann erst in Frage kommen, wenn man gesehen hat, welche Politik der neue Minister macht oder machen will."
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Dr. Adolf Grimme,
der Vizepräsident des Brandenburgischen Provinzialschulkollegiums, wurde anstelle des zurückgetre- tenen Dr. Becker zum preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ernannt.
Die Kommumsten-Akiion.
Li» Todesopfer bei den Hamburger Zusammen« stoßen.
wtb. Hamburg, 1 . Febr. (Eig. Meld.) Der Polizeibericht meldet: Bei den gestern nachmittag im Anschluß an eine Erwerbsloienversammlung erfolgten Zusammenstößen am Holstenplatz wurde von privater Seite ein junger Mann, der eine Schußverletzung erlitten hatte, ins Krankenhaus geschafft, wo er in den Abendstunden starb. Es soll sich um einen 16jährigen Lehrling handeln. Die vergangene Nacht verlief ruhig.
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Wtb. Lübeck, 1. Febr. (Eig. Meld.) Rund 50 Personen, die auf dem „Hunger-Morsch" nach Hamburg unterwegs waren, wurden gestern von der Polizei festgenommen und zunächst nach der Strafanstalt Lauerhof überführt. Es handelt sich zumeist um junge Leute, unter denen sich zwei kommunistische Lübecker Bürgerschaftsmitglieder befinden.
* Wechsel des Slaatskommissars an der Berliner Börse. (Eig. Meldg.). Der bisherige Staatskom- missar an der Berliner Börse, Ministerialrat Dr. Ernst, ist zum Ministerialdirektor ernannt worden. An seine Stelle ist zum Staatskomissar an der Berliner Börse Ministerialrat Dr. N e u f e l d bestellt worden.
* Auch Abbruch dr Dirschauer Brücke? Wie die Deutsche Zeitung erfahren will, soll Polen nach dem Abbruch der großen Münsterwalder Brücke nun auch den Abbruch der Dirschauer Eisenbahnbrücke planen.
* Die Tochter Tachins Äs Anwältin in einem Kommunistenprozeß. Nach einer Meldung des Echo de Paris aus Straßburg hat die Tochter des kommunistischen Abgeordneten Cachin, die den An- waltsberuf ausübt, die Verteidigung des Kommunisten Beuche übernommen, der in Straßburg als Herausgeber des in den Kasernen verteilten revolutionären Blattes „Der rnbotmäßige Ka- monier" verhaftet worden ist.
Eröffnung der Grünen Voche.
Ueichs-Ernöhningsminister Dietrich und preußischer Landwirt» schasts-Minister Steiger über das Agrarproblem.
wirtschaft — ein gemeinsames großes Ideal: Di> Wiederherstellung der Macht uni Größe und Freiheit unserer Heimat. Möoe auch die diesjährige „Grüne Woche" ein Markstein sein auf dem harten Wege, der unser« Landwirtschaft einer besseren Zukunft entgegen-
wtb. Berlin. 1. Febr. (Eig. Febr.). In der Ausstellungsstadt am Kaiierdamm wrirde heute vormittag die 5. „G rüne Woch e" Berlin, die traditionelle Ausstellung und Messe der Landwirtschaft eröffnet. Nahezrl 10C0 Bertreter der Regierungsstellen. des Magistrats, der Wirtschaft, der Technik, der Landwirsichafr und der Presse wohnten der Feier im Ehrenhof der Halle I in Gegen- w-art von zahlreichen Mitgliedern des diplomatischen Korps der Feier bei.
Als Vertreter der Reichsregierung nahm der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Dietrich, das Wort zu seiner Erösfnungsan- sprache. Er wies darauf hin, daß sich die deutsche Land wirtschaft in einer schweren Krt- s i s befinde, deren Ursache vornehmlich in der Zollgesetzgebung des Jahres 1925 und darüber hinaus in der Auswirkung der Reparationslasten zu suchen sei. Wenn die Verschuldung zu einem gewissen Stillstand gekommen zu sein scheine, so sei doch die Z i n S l a st unerschwinglich. Muli müsse Wege suchen, um den I n l a n d s v e r - brauch des Roggens zu vermehren. Der jetzige Zustand, bei guter Ernte V» Million Tonnen oder noch mehr Roggen ins Ausland zu ver- schleudern, und gleichzeitig für 500 oder 600 Millionen Mark Weizen zu importieren, fei, so führte der Minister weiter aus, unhÄtbar. Dort, wo d»e Möglichkeit bestehe, müsse in Zukunft an Stelle des Roggens W e - z e n ar.gebaut werden, selbst wenn eines Tages bei ungünstiger Roggenernte der Roggenpreis dem Weizenpreis nahekommen sollte. Im vorigen Jahre stand die „Grüne Woche" im Zeichen der Selbsthilfe, dieses Jahr stehe sie im Dienste der Meliorationen. Ungeheuer viel sei noch auf diesem Gebiete zu tun lieber allem, so schoß der Mnister, was uns wirtschaftlich, parteipolitisch und weltanschaulich trennt, haben wir alle — und voran die Land-
Für den Freistaat Preußen sprach sodami Staatsminister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Dr. h. c. Steiger, der vor allem auf die Bedeutung von Wasserwirtschaft uni Landeskultur hinwies. Die Regelung de, Wasserwirtschaft und die Berbesferung des deutschen Bodens seien Maßnahmen, die mehr als je zu; Hebung und Weiterentwicklung der deutschen Landwirtschaft notwendig seien und durch die allein das Ziel die ausreichende Ernährung des deutschen Volkes aus eigener Scholle zu sichern, erreicht werden könne. Alle Meliorationen hätten das Endziel, uns von der Einfuhr ausländischer Lebensmittel, die das deutsche Volksvermögen alljährlich um annähernd 4 Milliarden Reichsmark verringere, unabhängig zu machen. Die Landeskulturschau gebe zum ersten Male einen umfangreichen Ueberblick über die Meliorationstätigkeit aller deutschen Länder, über die von Wissenschaft und Praxis geleistete Arbeit, aber gleichzeitig auch über die noch zu erfüllenden Auf- gaben.
Für die Stadt D e r l i n und ihr Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt sprach Bürgermeister Scholz, der Reich und Staat Dank aussprach für die zuteil gewordene Unterstützung der „Grünen Woche".
Die Deutschland-Hnmne blldete den Abschluß der Feier, die auf alle deutschen Sender übertragen wurde. Ein Rundgang durch die acht hallen, der nunmehr größten aller bisherigen Berliner Ausstellungen, schloß sich an.
Mas die Woche brachte.
Von der Slotlenkonferenz in London. — Die deutsche AutzenpoUttk im Zeichen des Zonng-Plans. — Vor kommenden schweren Entscheidungen. — Die zielklare Politik des Zentrums. — Pflichten und Aufgaben der Wählerschaft.
Von unserem besonderen Mitarbeiter.
Die Presse der ausländischen Mächte beschäftigt sich augenblicklich mcht mit dem Haager Ergebnis. Denn alle diese Staaten haben ihr gesamtes Interesse auf die Flotten-Konferenz in London konzentriert. Man sieht aber keineswegs klar, was eigentlich in London vor sich gegangen ist und noch vor sich gehen wird.
Die entscheidendsten Verhandlungen finden ja hinter verschlossenen Türen statt. Man befürchtet scheinbar die öffentliche Kritik ober will nicht zeigen, daß noch ein weiter Wea bis zu einer vollen
Verständigung in der Frage der See-Abrüstung zurückzulegen ist.
Wenn wir den Gerüchten und je nach der Einstellung des betreffenben Laubes zu bem Flotten- Programm gefärbten Presseberichten nachgehen, so finden wir, daß scheinbar bis heute in London mehr theoretische Probleme behandelt werden, daß man aber noch keine Möglichkeit geschaffen hat, das eigentliche Verhandlungsprogramm auch in der Praxis burchzuführen. Es geht eben um bie politische Macht. Daneben verickwinben fast bie an«
Sonntag, 2. Februar 1930
Ar. rr
irrsckeml sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchcndlätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Echrift- - leitung 1152, Fuldaer Aciiendruckerel 1150 und 1151. ::
Nei-Mchle-Abkommen in London?
Von der Flotten-Konferenz.
absichtige, einen großen Teil der von ihm gewünschten 175 000 Tonnen für die Kategorie der Groß- kampfschifse zur Schaffung großer Kreuzer nach dem Typ Der „Ersatz Preußen", gespickt mit 11 oder 12-zölligen Geschützen, zu verwenden. Man rechnet damit, daß diese neue französische Kategorie etwa 15 000 Tonnen Wasserverdrängung aufweifen werde, da man in Frankreich das deutsche Geheimnis der Herstellung von Aluminium, das widerstandsfähig gegen See-Wasser und salzige Lust sei» nicht kenne und auch nicht die Verbesserungen, die auf dem deutschen Kreuzer vorgenommen seien. Da Deutschland nach dem Versailler Vertrag 6 Kreuzer dieser Klasse zugestanden seien, beabsichtige die französische Regierung, zum mindesten die gleiche Zahl, wenn möglich aber 7 oder 8 Kreuzer zu bauen. Die Baupläne für diese Schiffe seien bereits in Vorbereitung.
Die Dauer der Konferenz.
wtb. Paris, 1. Febr. (Gig. Meldg.). Dem Sonderberichterstatter eines nationalistischen Blattes zufolge hat Tardieu den 1. März als voraussichtlichen Endtermin der Londoner Flottenkonferenz bezeichnet. Die Engländer glaubten, daß
wtb. London, 1. Febr. (Gig. Meldg.). Der diplomatische Korrefpondent des „Daily Telegraph" sagt, der am Donnerstag neu geschaffene Ausschuß fei aufgegeben worden, weil die Delegierten der Dominiens eine angemeffene Vertretung beansprucht hätten, die bei einem in der Zahl beschränkten Ausschuß nicht möglich gewesen wäre. Der einzige bestehense Ausschuß sei also die SB o I l° konferenz, bie als Ausschuß tage. Weiter berichtet ber biplomcttiiche Korrespondent, nach dem neuesten französischen Vorschlag würden Minenleger, Schulschiffe usw. nicht zur Gesamt-Tonnage gerechnet werden. Ein nach britischer Auffassung unbefriebigenber Punkt fei, daß der französische Vorschlag keine Grenze für die Tonnage-Verrechnung enthalte, so daß einige Mächte bie Transfer- Freiheit festhalten könnten, währenb es anderen überlassen bliebe, besondere Vereinbarungen zur Beschränkung dieser Freihest abzuschließen. Der Korrespondent erklärt, baß dies zwar nicht deutlich ausgesprochen werde, aber aus einem Paragraphen der Denkschrift geschlossen werden könne, Frankreich werde danach nichts gegen eine etwaige Drei- Mächte-Konvention in dieser Frage zwilchen Amerika, Großbritannien und Ia- pan einwenden.
uldaerZertung
Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
die am 21. Januar eröffnete Konferenz acht Wo- wtb. Paris, 1. Febr. (Eig. Meld.) Chicago | chen in Anspruch nehmen werde, die Amerikaner Tribüne berichtet aus London, daß Frankreich be- 1 aber rechneten mit 12 Wochen.
Monatlich 1.80 einichUeyl. Pougeoüqr (48 Ps.> ohne .ZmleUg. I An,eigen-Preife Kleinzeile (Sol.) lokal 0,15 O auswärts I K7 0,20 O. Reklamezeile: lokal0,60 auswärts0,80 «Jt I Bei Wiederholungen Rabatt. Voltscheckk. Tranks, a. M. 4051 |
Dr. Hlrkfieser über Wohnungs-Fragen.
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VDZ. Berlin, 1. Februar. (Eig. Meld.) Der preußische Landtag erledigte in seiner heutigen Plenarsitzung zunächst kleine Vorlagen. Angenommen wurde ein Antrag des Landwirtschaftsausschusses, der die Preußenkasse ersucht, zu prüfen, ob sie künftig Düngekredite auf 18 Monate verlängern kann. In der fortgesetzten allgemeinen Aussprache zur zweiten Lesung des Wohlfahrtshaushaltes wird dann der Abschnitt Wohnungs- und Siedlungswesen erörtert. Wohlfahrtsminister Hirtsiefer führt aus, daß 1929 gegen 199000 neue Wohnungen erstellt werden konnten, was die Zahl ber vorjährigen im etwa 13 000 übertrifft. Auch befanden sich am 51. Dezember 1929 noch über 104000 im Bau, im 21. 12. 1928 nur 96 000. Allerdings dürfe man nicht übersehen, daß bie besonders starke Produktion nur möglich war durch eine zum Teil bis an hie äußersten Kraftgrenzen ber Gemeinden gehende Inanspruchnahme von Krediten. Wie sich bie Bautätigkeit 1930 gestalten werbe, läßt sich noch nicht übersehen. Die Kosten ber ersten Hypotheken seien um rund 1 bis IVs Prz. in die Höhe gegangen und bedeuteten eine schwere Belastung des Wohnungsbaues. Eine Befserung werde für den Realkredit nur im Zusammenhang mit einer nachhaltigen Hebung ber allgemeinen Wirtschaftslage, insbesondere mit einer wohlwollenden Behandlung aller kapitalbil - denden Faktoren und von einer Verflüssigung ber ausländischen Kapitalmärkte zu erwarten sein. Gegenüber ber Behauptung, daß ber gemeinnützige Wohnungsbau bevorzugt sei, sei festzustellen, daß die durch bie private Bauunternehmerschaft durchgeführten Wohnungen in Preußen prozentual überwiegen. Er halte es für selbstverständlich, daß bie Wohnungsfürsor- gegesellschaften in gutem Einvernehmen mit der Privatwir tschaft arbeiteten. Auf dem Gebiete ber Wohnungszwangswirtschaft .seien grundlegende Aenderungen ber Vorschriften im verflossenen Jahr nicht zu verzeichnen. Seit dem 1. Oktober 1927 betrage in Preußen, wie in den anderen deutschen Ländern bie gesetzliche Miete 120 Prz. ber Friedensmiete.
Oeffentliche Wohnungsbaumittel auS der HcmS- zinssteuer werden voraussichtlich in gleichem Umfange wie im letzten Jahre zur Verfügung stehen. Aber es müsse die preußische Hauszinssteuerver- ordnunz bis zum 31. März 1931 verlängert wer- den. Die Versorgung des Wohnungsbaues mit Hypotheken ist mit dem rapide abwärts gehenden Pfandbriefabsatz schlechter geworden. Der Neuverkauf in Pfandbriefen betrug für die Institute im ganzen Reichsgebiet 1929 nur noch 570 Mill, gegen 1,07 Milliarden 1928. Wenn trotzdem die Wohnungsbauten int ganzen durchfinanziert werden konnten, war das in erheblichem Maße auf die sehr verdienstliche Hilfe ber öffentlichen Sparkassen zurückzuführen. Um so bedrohlicher lieht beshalb die Lage für das begonnene Baujahr aus. Meine wiederholten Bemühungen für eine Beseitigung des Steuerabzuges vom Kapitalertrag für die festverzinslichen Werte sind bis heute ergebnislos gewesen. Ich habe mit allem Nachdruck mich für eine restlose Befreiung ohne Unterschied zwischen alten und neuen Emissionen eingesetzt. Es wäre dringend erwünscht, wenn das Reich ohne Verzug in diesem Sinne handeln würde. Es wäre auch an der Zeit, wenn das Reich die Mittel der sozialen Versicherungs- träger, bie e§ in letzter Zeit zur Behebung seiner Finanznöte in Anspruch nahm, wieder frei gäbe. Dabei handelt es sich um rund 165 Mill., bie jährlich für den Wohnungsbau gewonnen werden könnten.
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Die vom Reichskabinett angeregte Partei- führe rbesprechung, in der die von ber Zentrumsfraktion zur Behandlung des Poung-
Planes gestellten Forberungen erörtert werben sollen, finbet laut „Germania" am kommenden Montag um 11 Uhr statt.
Mtztrauensarttrag in Preußen.
VDZ. Berlin, 1. Febr. (Eig. Meld.) Die Wirtschaftspartei und mehrere ^Abgeordnete der Deutschen Fraktion haben soeben im preußischen Landtag gegen den Winisterpräsidenten Braun einen Mißtrauensantrag eingebracht, der mit der Ernennung des Sozialdemokraten Grimme zum Kultusminister begründet wird.
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Aus führenden Kreisen der preußischen Zentrumsfraktion wird uns geschrieben:
„Die Sozialdemokraten haben sich seit dem Austritt der Deutschen Volkspartei aus der Regierung, also seit über fünf Jahren, mit nur 2 von 8 Ministern begnügt. Sie stellten neben dem Ministerpräsidenten, der kein eigenes Ressort hinter sich hat. nur noch den Minister des Innern. Dabei zählte ihre Fraktion damals schon mehr Abgeordnete, als die anderen Koalitionsparteien zusammen. Dieses Zahlenverhältnis hat sich durch die letzten Wahlen weiterhin zugunsten der Sozialdemokraten verschoben (Soz. 138, Zentrum 71. Demokraten 21). Die Berechtigung des Anspruches ber Sozialbemokratie auf Besetzung eines weiteren preußischen Ministeriums bnrch einen Sozialbemo- traten lag also auf ber Hand. Die Aufgabe eines ber brei Zentrumsministerien konnte für bie Zentrumsfraktion nicht in Frage kommen. Das Handelsministerium und das Finanzministerium waren in den Händen .der Demokraten. Der bisherige Inhaber des Kultusministeriums, Dr. Becker, zählte sich zu keiner Partei. Bei den jetzt wiederum gescheiterten Verhandlungen zur Erbreiterung der Koalition, die von der Deutschen Volkspartei angeregt und wieder abgebrochen wurden, waren das Handelsministerium neben einem Ministerium ohne Portefeuille der Deutschen Volkspartei angeboten worden. Die Sozialdemokraten verlangten das Kultusministerium. Der dafür präsentierte Abg. König wurde von mehreren Seiten, nicht zuletzt von der Zentrumsfraktion abgelebt. Das von den Protestanten geäußerte Verlangen, neben einem katholischen Staatssekretär im Kultusministerium einen Minister evangelischen Glaubens zu berufen, wurde ausdrücklich anerkannt und unterstützt. Nun ernannte der Ministerpräsident nach dem ihm verfassungsmäßig zustehenden Rechte den bisherigen Vizepräsidenten des Provinzialschulkollegiums für Brandenburg, Dr. Grimme, der sich als „religiöser Sozialist" bezeichnet, zum Kultusminister. Eine Fühlungnahme des Ministerpräsidenten mit der Zentrumspartei vor der Ernennung Grimmes hat nicht stattge- funben.
Es gibt im Parlamentarischen Leben Situationen, an benen man nicht Vorbeigehen kann, mag es auch unbequem sein. Was bie Stellung bes Zentrums zu bem neuen sozialbemokratischen Kultusminister angeht, so läßt sich sagen, baß man in Dr. Grimme einen Mann vor sich hat, von bem man annehmen bars, er habe in feiner, früheren Tätigkeit Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, baß es mit ber Stellung eines Kultusministers in Preußen feine befonbere Dewanbtnis habe, gleichgültig, welcher Partei er angehört. Jeder Kultusminister in Preußen muß mit bestimmten Realitäten rechnen, über bie er ebensowenig hinwegspringen kann wie über seinen eigenen Schatten. Zu biefen Realitäten gehören bie beiden christlichen Bekenntnisse mit ihren parlamentarischen Vertretungen, also auch der Katholizismus und das Zentrum. Die Sozialdemokratie dürfte schon früher zu dem Glauben gelangt fein, daß ein sozialdemokratischer Kultusminister für die Sozialdemokratie keine geringere Belastung barstellt, als für jebe an