Einzelbild herunterladen
 

Erkenntnis.

Willst du, o Herz, ein heitres Ziel erreichen, Mußt du in eigner Angel schwebend ruhn;

Ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuh'n, Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen.

Ein Tor, der aus des Nachbars Bubenstreichen Sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, Der immer um sich späht und lauscht und nun Sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen.

Tu frei und offen, was du nicht kannst lassen, Doch wandle streng auf selbstgeschaffnen Wegen Und lerne früh nur deine Fehler hassen.

Dann gehe mild den anderen entgegen; kannst du dich selbst nur fest zusammenfassen, 5o hängt an deine Schritte sich der Segen.

Gottfried Keller.

Spiel mit dem Sowjetstern.

Von Dr. Erich Klein.

Es scheint ein Gesetz zu sein, daß der Mensch von Na­tur aus blind gegenüber seinem Untergang ist.

Zu einer Zeit, da an der Monarchie in Deutschland noch keinerlei Zweifel und Bedenken nagten, schrieb Klopstock seine „Gelehrtenrepublik". Dieses Buch, all­überall subskribiert, mit Spannung erwartet, bei seinem Erscheinen allerdings arg enttäuschend, war die erste Re­volte gegen den Monarchismus, freilich nur auf dem Felde der Literatur, nur von Leuten der Feder aus­gehend, nur zugunsten ihrer eigenen Interessen. Daß der Sänger des Messias eine Auszeichnung erhielt, die der eines Altonaer Pferdehändlers gleichwertig war, war der zündende Funke. Republik — das Wort hatte damals einen kühnen Klang, es genügte, um Gefängnispforten zu eröffnen. Allerdings „Gelehrtenrepublik" — das schien harmlos; man lachte, man ärgerte sich, man zuckte mit den Achseln und ging schließlich darüber zur Tagesord­nung über. Und doch, so sehr dies Werk in seiner Wir- kung verpuffte, es blieb genug davon in der allgemeinen Atmosphäre des geistigen Seins übrig, um die Emanzi- pierung der geistig Schaffenden zu fördern und die Los- lösung von dem starren Dogma des Monarchismus vor- zubereiten.

Voltaire, Rousseau, Montesquieu waren die Mode- -utoren Frankreichs im 18. Jahrhundert. Beaumarchais kam bald hinzu und eroberte für seine „libres idees" dos Theater. Bedenklich schüttelte Ludwig XVI. den Kopf und ging mit dem Gedanken um, den „Barbier von Se- vAa" und „Figaros Hochzeit" zu verbieten. Aber das höfische Publikum forderte gebieterisch die Freigabe und beklatschte Abend für Abend mit frenetischer Lust diese und andere Stücke, in denen der dritte Stand den an­dren Ständen offenkundig als Sieger, und zwar geisti­ger, entgegentrat. Die Sinne dieser Kreise waren stumpf; sie sahen nicht, daß der Sieg des Geistes immer der ent­scheidende ist und daß äußere Machtstellung nichts gegen die unterwühlenden geistigen Kräfte vermag.

Und nun wir und die Gegenwart. Im Osten droht der russische Sowjetkoloß Auflösung aller Ordnung, aller Religion und Sitte. Zwar ist die Hoffnung, daß der Bolschewismus innerhalb weniger Jahre von Rußland aus terroristisch über die Erde schreiten werde, aufgege­ben. Aber man hat nicht die stille unauffällige Erobe- nmg aufgegeben, die sich unblutiger, unauffälliger, sagen «ir es ruhig, geistiger Waffen bedient. Die Bolsche- wisierung der Well, vornehmlich Deutschlands, des näch- sten Nachbars, schreitet fort, nicht nur in der Gewinnung immer größerer Massen des Proletariats, fanden auch ~~ und dies ist gefährlicher — mittels der Unterhöhlung der psychischen Widerstandskraft, der Hinwegräumung der abgeneigten Tendenzen.

Stets waren die produktiven geistigen Kreise die Schrittmacher alles Neuen. Keine Umwälzung, die nicht von geistigen Kräften von langer Hand vorbereitet und gefördert worden wäre. Die geistigen Mächte sind die eigentlich Regierenden, auch roe*t sie im Verborgenen wirken oder ihre Vertreter als Schwärmer, Utopisten oder Idealisten belächelt werden. Diese aggresiioe und vor­

wärtsdrängende Haltung der Geistigen hat mehrfache Gründe. Einmal die dem geistig Schaffenden angeborene innere Unruhe und Beweglichkeit, andererseits aber auch die Stumpfheit, die Verständnislosigkeit der anderen, ja die offene oder versteckte Mißachtung ,die Verkennung des Wertes und der Tragweite der freien geistigen Ar­beit. Der Richter urteilt und hat die Strafen neben sich, der Lehrer teilt Diplome und Berechtigungen aus, der Handelsherr „realisiert" Kapitalien, und noch der Buch­halter weiß, daß es ohne ihn nicht geht. Der freie geistige und künstlerische Arbeiter aber scheint außerhalb dieser Sphäre des greifbaren Nutzens zu stehen, scheint Luxus zu sein und Luxus zu bringen, fein Einfluß scheint sich zu verflüchtigen, und so verflüchtigt sich auch seine ernste Geltung und die materielle Ergiebigkeit seiner Arbeit. Je­der Verleger glaubt, mehr für den Erfolg eines Buches getan zu haben als der Autor, jeder Theaterdirektor mehr für den Erfolg eines Stückes als der Verfasser. Die geistig Schaffenden sind — daran ändert auch die vornehmste Haltung einzelner nichts — nun einmal Proletarier, d. h. Arbeiter, die in ihrer Arbeit nicht die Existenzgrundlage finden. So muß es dahin kommen, daß sie ebenso wie das Proletariat der Hand für umwälzende revolutionäre Ideen aufgeschlossen sind — ja, sie selber erzeugen und nähren. Wenn das Pro­letariat der Hand waffenlos und ohnmächtig dasteht, sie haben eine Waffe, und zwar eine furchtbare. Und wehe der Gesellschaft, die zwischen diese beiden Proletariats gerät!

Es ist kein Geheimnis, daß sehr weite, geistig tätige Kreise, vor allem das akademische Proletariat, das eine sehr beachtenswerte Neuerscheinung unserer Zeit ist, und die Künstlerwelt radikal eingestellt sind. Schauspieler, Dichter. Literaten, Zeichner, Maler und große Teile des akademischen Nachwuchses — sie fühlen sich außerhalb der Gesellschaftsordnung stehend und sind ihr feindlich ge­sinnt. Ein Teil steht extrem rechts, der größte Teil extrem links.. Und die ganze von ihnen beherrschte Welt gibt dessen Ausdruck: Theater, Fllm und Presse. Die Radi­kalisierung im Geistigen und Sittlichen ist ganz erheblich weiter fortgeschritten als die im Politischen. Darüber darf man sich keinerlei Illusionen hingeben. Und die Ziele dieses Geistesproletariats? Es gibt wohl kaum einen treffenderen Ausdruck für sie als die Verse, die Alfred Kerr im Berliner Tageblatt (das sicherlich den politischen Radikalismus ablehnt) in Hinsicht auf die vom modernen Zeittheater zu fordernden Stoffe schrieb:

Nicht Weinerlich-Seelisches, Phrasiges, Sondern Mephistophelisches, Aasiges, Bis die schreibenden Manndl'n Nicht klecksen, sondern handeln.

Nun ist die Frage, wie stellt sich denn das Publikum dazu ein? Finden diese radikalen Geistigen ein Publikum? Finden sie es unter dem arbeitenden Proletariat? Wo finden sie es?

Sie finden es nicht im arbeitenden Proletariat. Nein, sie finden es im Bürgertum, in der „Gesellschaft", die es liebt, mit dem Sowjetstern zu spielen, sie finden es in Berlin W., am Kurfürstendamm, im Theater am Nollen- dorfplatz und im Mormorhaus. Sie haben auch nicht nötig, den Proletariercharakter ihrer Werke zu betonen. Nein, sie spielen und arbeiten für ein ff. Publikum, sie müssen entsprechend auftreten. Die Russenfilme laufen nicht in irgendeinem kleinen Kino itu Norden oder Osten Berlins, sie laufen im Mormorhaus, und Leute in Pel­zen, in Seide und in Samt klatschen und trampeln wie unsinnig, wenn die aufrührerischen Mandschuren über die Filmleinwand toben. Piscator im Theater am Nollen- dorfplatz führte den „Kaufmann von Berlin" in glän­zendster Inszenierung auf, mit einem Prunk, wie man ihn sonst selten sieht, und zu Preisen, wie sie nur ein Luxuspublikum bezahlen kann. Wenn „Cyankali § 218" über die Bretter geht, dann — ich folge einem wörtlichen Bericht einer rechtsstehenden Zeitung — bann „sitzen wo- nokelgeschmückte Kommunistinnen (wirklich?) im Parkett, die wild in ihre gepflegten Patschhändchen schlagen". Die Zeiten sind längst vorbei, da es in „guten" Kreisen für anstößig galt, radikal zu denken. Der Kommunismus ist längst salonfähig geworden — ohne daß man deshalb einen kommunistischen Stimmzettel abzugeben braucht.

Theoretischer, geistiger Radikalismus und politischer Ra­dikalismus sind verschiedene Dinge — so will man es. Welche Täuschung! Als ob die Eroberung einer Welt nur mit Schwert und Gewehr, mit Kolben und Stimm­zettel möglich wäre! Die politischen Folgerungen ziehen sich, nach gehöriger Vorbereitung, ganz van selbst.

Wir sind Jnvasionsland geworden für die radikalen Ideen. Wir wollen es jedoch ruhig zugeben, daß es kei­neswegs nur so ist, daß der Feind draußen steht und seine Mission von dort aus bewußt und planmäßig erfüllt. In unserem Lande selber sind Infektionsherde, von denen aus das liebel weiter und weiter um sich greift. Als solche sind zu nennen: die rein diesseits eingestellte und daher auf immer neue Sensationen und Reize ausgehende Verfassung der sogenannten Gesellschaft, die um jeden Preis Betäubung, Ablenkung, Zerstreuung, Reiz verlangt — in krankhaften Fällen werden ja selbst Unglück und Schmerz als wohltuende Abwechselung inmitten eines ruhigen Glückes herbeigezerrt. Und unsere Gesellschaft ist in einem solchen krankhaften, gereizten Zustand, in dem sie ihr eigenes Wohlergehen nicht mehr ertragen kann. Sodann aber auch die beklagenswerte Unterbe­wertung alles Geistigen und Künstterischen sowohl in ma­terieller wie in ideeller Hinsichi. Ein geistig-künstlerisches Proletariat gibt es in Amerika nicht. Warum? Weil die geistige und künstlerische Mrbett entsprechend gewertet und auch entlohnt wird, — ebenso wie auch die Ardett der Hand ihrem Werte nach entgolten wird. Es gibt wohl in Amerika ein Proletariat der Not, aber es gibt kein Proletariat der Arbeit. Infolgedessen ist Amerika dem Bolschewismus unerreichbarer als jedes andere Land der Welt.

Ich schließe mit demselben Satz, der am Anfang dieses Aufsatzes steht: Es scheint ein Gesetz zu fein, daß der Mensch von Natur aus blind gegen seinen Untergang ist.

Hebet Kakteen. Mode und Atchlteklut.

Von Dr. Dora Edinger.

Die unzähligen Kakteentöpfchen, -tischchen, -Ständer, -Gießkännchen und wer weiß was noch, die eine findige Industrie uns verlockend als „paffendes Festgeschenk" anpreist, lassen saft den Verdacht aufkommen, als sei hier eine „Mode" geschaffen, nur, um ihre Bedürfnisse dann zu befriedigen.

Die Kaktusliebhaberei ist sicher in unserer Zeit kein Zufall; schon früher gab es „Kaktusfreunde", aber nicht

Ueberall gegenwärtig, wenngleich dem Auge meist un­sichtbar, befinden sich in der uns umgebenden Lust winzig kleine Teilchen organischer und anorganischer Natur, so klein, daß sie selbst bei völliger Windstille dem Gesetze der Schwere zu spotten scheinen und sich lange Zeit schwe­bend zu halten vermögen. In ihrer Gesamtheit bilden sie den Staub, den Todfeind jeder ordentlichen Hausfrau und vor allem auch des Arztes. Gänzlich staubfreie Lust kommt in der Nähe der Erdoberfläche selbst über der offe­nen See kaum vor, wenn auch die Verteilung und Menge ganz außerordentlich schwanken. Auf dem Meere und — nach oorhergegangenen Regenfällen — in ländlichen Gegenden, wo es keine Fabriken gibt, beträgt die Staub- menge in der Regel weniger als ein Milligramm je Ku­bikmeter; in Städten ohne Industrie wächst dieser Betrag auf ein bis drei, in größeren Städten mit Fabrikanlagen bis zu fünf Milligramm je Kubikmeter. Für Bergwerke und in Fabrikgebäuden selbst gelten wesentlich höhere Zahlen; z. B. wurden in einem Bohrloch durch Quarz­gestein 412, in einer Schleiferei 310 Milligramm ge­messen.

Ebenso verschieden wie die Menge ist auch die Art des Staubes, lieber See besteht er meist aus ganz kleinen Salzkristallen, die hochgewehtem Schaum chren Ursprung verdanken. In der Nähe der Küste machen sie sich durch ihre korrodierende Wirkung auf alle Eisenkonstruktionen sehr nachtellig bemerkbar, lieber dem Festlande wechselt

nur von der sonderbaren Art der Spitzwegschen Origi­nale, sondern auch in viel geistigeren Regionen. Es gibt em wunderbares, immer noch viel zu wenig ge­kanntes Buch deutscher Sprache, den „Nachsommer" von Stifter, in dem bas Geschick eines seltenen Kaktus wie ein Symbol die Bildung des Helden begleitet. Viele Seiten in Stifters kristallklarer Sprache sind die­sem Pflanzenwunder gewidmet; fast möchte man glau­ben, daß in der Seele von Spitzwegs Sonderlingen das­selbe Ausdruck suche. Was den Klassiker wie den mo­dernen Menschen seltsamerweise vereint in der Liebe zur uninbiotbuellften, kristallinischen Pflanzenform, dir die Natur kennt.

Wie sich unsere heutige Zeit zu einer überstrengen Klarheit unb Zweckmäßigkeit gegen alles urtümliche Schmuckbebürfnis hingezogen fühlt in Kunstgewerbe. Ar­chitektur, Textilien, Wohnräumen und Trachten, so lehnte auch die Klassik alle naive Verspieltheit in Fache und Linie des Rokoko ab unb schuf klare, großlin'ge Anlagen, die mit wenigen und kargen Tönen belebt waren; in diese Kühle paßte keine Blume, kein Zier­strauch; wohl aber die seltsamen Kakteen mit ihrer „Vornehmheit". Fremdartigkeit. Der Kakteenfreund der Biedermeierzeit war nur ein treuer Bewahrer dieser Geschmacksrichtung. Die modernen Architekten ober handeln sehr bewußt, denn in ihren strengen Innenräu- men würde jede andere Pflanze zu frösteln scheinen; auch das karge Grün enttpricht den von ihnen bevor- »ugten Farbtönen. Die Kakteenmode ist also wirklich fein Zufall — wie Mode ja nie Zufall ist. — sondern sich letztlich immer der herrschenden Stilrichtung einfügt. Schriebe man eine Historie der Zimmerblumen — man könnte es selbst an diesem kleinen Sonbergebiet te:rht Nachweisen. Aber so gelehrt brauchen wir ja ganvctit werben; wir wollen nur dieser wunderlichen Manien- mode bas Recht zugestehen mehr zu sein, als eine dank­bar aufgegriffene Einnahmeauelle für alle, die big Luxusbebürfnis bestimmter Gruppen bewußt fteioe’-n. Sicher kann ber langsam wachsende, spröde, und plötz­lich mit überraschenden B'üten dankende $M*us feinem treuen Pfleger lieber werden, als manche Pflanze, De­ren Reiz sich sofort erschließt. Wer ein wirklicher Kak- teenfreunb geworden, bleibt es für sein ganzes Leben, unb barum wird wohl auch die Freude am Kaktus — wie bei Spitzwegs Biedermeiern — die „Kaktusmode um viele Jahre überdauern.

die Art der Zusammensetzung des Staubes je nach der Bodenbeschaffenheit, dem Pflanzenwuchs und dergleichen. Der lästige Heuschnupfen z. B., der manchen Manschen im Sommer befällt ist auf den Blutenstaub bestimmter Gräser zurückzuführen. Bei Regenfällen wird der Staub niedergeschlagen. Man hat in England Messungen ange­stellt, um zu untersuchen, wie groß die so im Laufe eines Jahres zu Boden geschlagene Staubmenge ist. wobei in einem ländlichen Bezirke der ganz ansehnliche Betrag von 37 Tonnen auf einem Quadratkilometer, in großen Industriestädten sogar die sechsfache Menge sestgestellt wurde.

Während der Staub auf dem Lande aus verhältnis­mäßig wenig verschiedenartigen Stoffen besteht, ist er in der Stabt, vor allem in dr Großstadt, außerordentlich mannigfaltig zusammengesetzt. Ruß und Qualm, Absplit, terungen von Steinen unb Asphalt, sich zersetzende pflanz­liche Abfälle, Verschleiß von Schuhen und Kleidern, Pferdedung und Hundeexkremente, Mehlstaub. Schimmel und die verschiedensten Bakterien, sie alle tragen zur Staubbildung bei. Fabriken mit Mahl- und Schleifarbeit oder solche des Textilgewerbes liefern einen bedeutenden Anteil, das Gleiche gilt von Bergwerken und Steinbrü­chen. Jntereffant ist ein Vergleich der Zahl der Staub­teilchen unter verschiedenen Verhältnissen. In London wurden an einem sehr nebeligen Januarnachmittage 53 000 Staubteilchen in einem Kubikzentimeter gezählt;

Ein winziger Feind der Menschheit.

53000 Staubteilchen in einem Kubik-Zentimeter. — Meine Ursachen, große Wirkung. — Moderne Staub-Vekämpsuntz.

Das Gift.

Roman von William Le Queux.

Rechte d. Grete v. Nrbanitzkv, Wien. Bearb. v. Dr. Otta Borschke 121 --

Malt der bisher abgedruckten Romanabschnittes.

Den Ausgangspunkt der Handlung bildet ein merkwürdiger Vorfall, ber einem jungen englischen Ingenieur namens Garfield im Hause des Londoner Millionärs Oswald de Gex begeg­net. Während er sich mit dem Hausherrn unter­hält, ertönt plötzlich ein Schrei aus dem Neben­zimmer. Oswald de Gex. der sofort hinausstürzt, kommt mit der Nachricht zurück, daß soeben seine Nichte Gabriele Engledue einem Herz­schlag erlegen fei. Garfield läßt sich bewegen, einen Totenschein über Gabriele zu unterschreiben. Kurz daraus schwinden ihm die Sinne. Einige Wochen später findet er sich in einem Hospital in Frankreich wieder. Erst ganz langsam kehrt die Erinnerung an das Geschehene zurück, bas er nun mit allen Mitteln aufzuklären sucht. Er folgt de Gex nach Florenz und fordert von ihm Rechen­schaft. Doch dieser will von nichts wissen und weist ihn ab. Zufällig begegnet er einige Tage später einer Dame, die der totgeglaubten Gabriele Engledue aufs Haar gleicht. Ihr Begleiter ist ein gewisser Arzt mit Namen Moroni, der ' auch in Beziehungen zu Oswald de Gex steht. Bald wird es Garfield zur Gewißheit, daß es sich um die Totgeglaubte handelt. Nach ihrer Rückkehr noch London sucht er sie dort aus. Bei dieser Gelegenheit erfährt er Näheres über das seltsame Ereignis, das der jungen Dame — sie nennt sich Gabriele Tennison — zugestoßen ist. Seitdem hat sie ihr Gedächtnis vollkommen verloren. Das Datum des rätselhaften Gescheh- niffes stimmt mit dem merkwürdigen Erlebnis Garfields genau überein. Eine gewisse Rolle in der seltsamen Angelegenheit scheint ein fran­zösischer Bankbeamter namens Suzor zu spie­len. Garfiel folgt ihm, begleitet von feinem

Freund Harry Hamblcdon, bei einer Reise nach Paris.

„Du kannst ihn leicht beobachten, denn dich kennt Suzor nicht. Deine Auslagen trage ich, denn ich habe noch ein kleines Guthaben auf ber Bank. Wir warten, bis Suzor von Charing Croß abgereift ist, bann fahren wir mit bem Auto nach Croydon unb machen die lieber* fahrt per Flugzeug, fo daß wir einige Stunden vor ihm in Paris sind. Dort erwartest du ihn bann, folgst ihm unb beobachtest, was er treibt."

Hamblebon, ben bie Sache sehr interessierte, war rasch dabei.

„Morgen hätte ich zwar dringende Fälle zu erle­digen," sagte er, „doch wenn du wirklich willst, daß id) dich begleite, werde ich meinem Freunde Hardy telepho­nieren und ihn ersuchen, sie für mich durchzuführen. Lange werden wir ja nicht ausbleiben, wie?"

„Längstens eine Woche. Ich möchte nur einwandfrei feftftellen, wer dieser Bankbeamte in Wirklichkeit st. denn ich habe einen bestimmten Verdacht gegen ihn."

„Auch mir geht es so." erklärte Hamblebon. „Du kannst mir glauben, sie haben irgenbeinen schurkischen Anschlag verübt unb setzen jetzt alles daran, um bie Spuren ihres Verbrechens zu verwischen "

„Dies ist auch meine Ansicht", erwiderte ich. „Wir fliegen also morgen nach Paris und beobachten unseren Mann dort."

„Die Geschichte von dem durchgegangenen Schuld­ner der Bank ist ein Märchen, glaube ich", roarf Harry ein.

„Ich bin sogar überzeugt davon."

Am folgenden Morgen war Harry schon zeitig auf unb fuhr nach Charing Croß, wo er wartete bis Suzor wegsuhr. Dann kehrte er zurück und wir fuhren nun mit unserem Handgepäck nach Crondon, wo wir, knapp vor M'ttag, eines jener großen Paffagierflugzeuge be­stiegen, di« den Verkehr zwischen London und Paris vermitteln. Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft auf dem Flugplatz befanden wir uns schon in den Lüften und flogen nach Süden gegen Lympne bei Folkestone.

Das Wetter war klar und kalt und die Aussicht prächtig. Unter uns lag die Landschaft mit den kleinen Häusergruppen ber Dörfer unb den größeren bar Städte

Die dunklen Flecke, die hier und dort eingestreut wa­ren, waren Wälder, während gerade unter uns ein win­ziger Eisenbahnzug auf der Strecke zwischen Folkestone und London dahinfuhr. Außer uns beiden waren noch drei Passagiere im Flugzeug, die ganz entzückt waren — wahrscheinlich war es ihr erster Flug.

Bald hatten wir das Meer vor uns und auch bie französische Küste kam in Sicht.

Als wir uns Lympne näherten, gab der Beobachter auf radiotelegraphischem Wege einen Bericht über unsere Lage nach Croydon ab und wenige Augenblicke später schwebten wir schon über dem Kanal, lieber der fran­zösischen Küste entlang, folgten wir ber Bahnstraße unb flogen weiter gegen Paris, bevor noch der Expreßzug. mit dem Suzor reifte, Calais verlassen hatte.

Tatsächlich waren wir schon vor drei Uhr im Hotel Terminus beim Gare St Lazare; dann machten wir einen Spaziergang über die Boulevards und warteten, bis der Crvreßzug aus Calais fällig war.

Dor halb sechs Uhr trennte sich Hamblebon von mir unb fuhr mit einem Taxi zum Bahnhof, um Suzors An­kunft zu überwachen unb feinen Aufenthaltsort feltzu- ftellen; ich durfte das nicht wagen, da ich fürchten mußte, von ihm gesehen zu werden.

Erst nach neun Uhr abends kam mein Freund ins Hotel zurück. Er berichtete, Suzor fei auf dem Bahnhof von einer Engländerin erwartet worden unb *ie be-den hätten sich in ein Restaurant an ber Ecke des Boulevard Haußmann begeben, wo sie gespeist hätten.

„Ich nahm ganz in ihrer Nähe Platz und konnte deutlich bemerken, baß die beiden ein ernstes Gespräch führten", erzählte mein Gefährte weiter. „Sie schien ihm etwas zu erzählen unb war sehr erregt, während er sehr enttäuscht schien Er hatte ein toftlnieliges Essen bestellt, bas sie ober kaum berührten. Sie 'aßen in einer Ecke und sprachen englisch miteinander, aber ich konnte kein Won Stehen."

Auf mein Ersuchen hin beschrieb er mir Suzors Be­gleiterin.

Er tat es und fügte hinzu: „Sie trug nur ein einzi­ges Schmuckstück, nämlich einen herrlichen, apfelgrüne.i Jadestein an einem schmalen, schwarzen Samtbande um ben Hals. Als sie aufftanben und ber Kellner ihre

Garberobe brachte, hörte ich, wie er sie mit „Dorothy" ansprach."

„Dorothy Cullerton!" rief ich überrascht aus „Ich erinnere mich, daß sie auch in Florenz diesen chinesischen Schmuck trug! Was mag sie hier wollen?"

„Der Mann drückte ihr unter dem Tisch etwas in bie Hand, das sie in ihre Tasche steckt«," fuhr Hambledon fort. „Ich glaube, es war ein Bündel französischer Bank­noten."

„Vielleicht bie Belohnung für irgendeine Auskunft," bemerkte ich. „Ich traue der Dame nicht. Nun, und was weiter?"

„Dom Restaurant fuhren sie zum Hotel Wagram « der Rue de Rivoli; dort stieg sie aus, er aber ging weiter zum Hotel du Louvre."

Diese geheime Zusammenkunft zwischen dem Fran­zosen und Frau Cullerton überraschte mich Am näch­sten Vormittag beobachtete ich das Hotel Wagram, wa­ch bei dem Gedränge, das in der Rue Rwol! herrschte, ganz gut wagen konnte; tatsächlich kam die Erwartete um elf Uhr aus dem Hotel heraus, stieg in ein Taxi und fuhr mit diesem weg.

Mein Nächstes war, daß ich mich in der Zentrale des Crödit Lyonais. die sich auf dem Boulevard des Italiens befindet, erkundigte. Wie ich aber geahnt hatte, war dort der Name des Franzosen unbekannt.

„Einen Beamten mit dem Namen Suzor hoben wir nicht," erklärte mir der Sekretär höflich, an den ich mich gewendet hatte „Der Herr hat gelogen, wenn er be- haupete. mit uns in Verbindung zu stehen. Es ist nicht das erste Mal, daß dies vorkommt."

Suzor mar also gar kein Bankbeamter.

Hambledon Übermächte mittlerweile das Hotel bi Louvre; er kam erst am Nachmittag zurück und berih- tete mir feine Crlebn'tte

Suzor war gegen Mittag ins Grand Cafe gegangen, wo er einen Herrn getroffen hatte, der dort auf ihn gewartet hatte Sie tranken zusammen Kaffee und fuh­ren dann ins Bois hinaus, wo sie sich mit einer ele­ganten jungen Dame, allem Anscheine nach einer Sdiau- fpielertn. getroffen hatten. Die drei hatten ungefähr eine D-ertelstunde lang zusammen geplaudert bann hat­ten sich bie beiden Männer von ihr aetrennt unb marer

Nr. 27

Beilage zur Fuldaer Zeitung

2. Februar

A/ILS

um