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Samstag, den 1. Februar 1930.
Auldaer Zeitung
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Kommunislen-Sffensive gegen das Zentrum
2. Blatt
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Die Kommunisten haben einen konzentrischen Kampf gegen das Zentrum beschlossen. Die großen Erfolge, die die Zentrumspartei bei den letzten Kommunalwahlen besonders auch in den industriellen Bezirken errungen hat, lassen den Linksradikalen keine Ruhe mehr. Der kommunistische Feldzugsplan gegen das Zentrum ist fertig, der Beginn der Offensive auf einen nahen Zeitpunkt festgelegt. Der berühmte günstige Wind, der schon so oft eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt hat, hat uns den Wortlaut der Richtlinien aus den Tisch geweht, die von der kommunistischen Parteileitung hinsichtlich der „Anti-Zentrums- arbeit" den kommunistischen Unterorganen gegeben worden sind. Wie bekannt, baut sich die kommunistische Werbearbeit auf der sog. Zelle auf, das sind kleine Gruppen vertrauenswürdiger Parteianhänger, die in jedem größeren Betrieb und daneben in allen Arbeiterwohnvierteln gebildet sind. Diese Zellen werden von zentraler Stelle aus durch Rundbriefe, Zellenzeitringen u. ä. informiert. Das erwähnte Schriftstück über die Kampfmaßnahmen gegen das Zentrum ist eine derartige Zelleninformation.
Nach einleitenden Ausführungen über die Wahlerfolge der Zentrumspartei und das Anwachsen der christlichen Gewerkschaften werden dem Zentrum diejenigen seiner Taten oorgeworfen, von denen der kommunistische Feldherr glaubt, sie seien dem Arbeiterinteresse entgegengesetzt und deshalb geeignet, die Werbearbeit der kommunistischen Partei auch in christlichen Arbeiterkreisen zu unterstützen. Daß die Wahrheit bei diesen Vorwürfen ziemlich schlecht wegkommt, braucht bei einem kommunistischen Dokument nicht besonders hervorgehoben zu werden.
Wie wenig der kommunistische Agitator jedoch die Mentalität eines christlichen Arbeiters versteht, offenbart sich darin, daß er dem Zentrum gerade die Leistungen vorwirft, die von jedem Christen, gleichgültig welchen Standes, positiv gewertet werden. „Verschärfte Konkordatsforderungen, Ehescheidungssabotage, Schulgesetze, schärfere Bestrafung der Abtreibung ufro." sind Dinge, die nur von den Kommunisten dem Zentrum als Sünde artge- rechnet werden, deren Durchführung aber der chrtst- liche Arbeiter wünscht. Wie himmelweit die geistige Haltung der Kommunisten von der des christlichen Arbeiters entfernt ist, wie verständnislos der Kommunist allem gegenübersteht, was der Christ in kultureller Hinsicht für geboten hält, zeigt sich bei dieser Gelegenheit wieder klar und deutlich.
lieber die Methoden, die von feiten der Kommunisten in ihrem Kampf gegen das Zentrum angewandt werden sollen, heißt es in den erwähnten kommunistischen Richtlinien folgendermaßen:
„Ohne Zweifel ist es, daß das Schwergewicht unseres Antizentrumskampfes in den Betrieben liegen muß. Folgende Maßnahmen werden notwendig sein, um die durch den Wahlausgang entstehende Scharte auf diesem Gebiet auszuwetzen.
Alle Zellen besprechen eingehend, wie in der praktischen Betriebsarbeit, ferner in den Betriebszeitungen gegen das Zentrum und die christlichen Gewerkschaften gekämpft wird. In die überall entstehenden Vertrauensmännerkörper müssen unbedingt gute christliche Arbeiter, die In Opposition zur
Bürokratie stehen, gewählt werden. Das gleiche ür die Delegiertenkörper und Konferenzen, chon jetzt müssen die notwendigen Vorbereitungen für die im März stattfindenden Betriebsratswahlen getroffen werden. Mehr als bisher müßen wir da durch oppositionelle christliche Kandidaten an die katholischen Proleten herankommen.
Der am 30. November in Berlin stattgefundene oppositionelle Gewerkschaftskongreß muß im breitesten Maße unter den christlichen Arbeitern ausgewertet werden. Wir sind die kampsgewillten Gewerkschaftler! Wir kämpfen für eine einheitliche, aber auf dem Boden des Klassenkampfes stehende Gewerkschaft.
Innerhalb der christlichen Gewerkschaften müssen wir mit Hilfe der Delegierten- und Vertrauensleutekörper endlich an die Organisation einer Fraktion Herangehen. Diese muß genau wie die revolutionäre Fraktion in den reformistischen Gewerkschaften arbeiten.
Die bereits erwähnte Frauen- und Jugendarbeit muß sich spezialisieren, in ihren Arbeitsmethoden auf die besondere Psyche der Christen Rücksicht nehmen.
Jeder Gewerkschaftsabteilung ist in den katholischen Bezirken eine besondere Anti-Zentrumsabteilung anzugliedern. Diese Abteilung ist kein abgeschlossenes Ressort, sondern sie hat die Aufgabe, stets die Vorgänge in den christlichen Gewerkschaften und Arbeiter- sowie Frauen- und Jugendveret- nen zu beobachten und dauernd an die Zellen, Fraktionen, Betriebsräte, Vertrauens- und Delegiertenkörper Informationen und Anweisungen ergehen zu lassen. Auch hat diese Abteilung dann die Aufgabe, sowohl die Presse, als die Zellenzeitungen usw., die Zellen- und Betriebsvertrauensleutekör- per auf die richtige Durchführung der Antizentrumsarbeit zu kontrollieren.
Der Iugendverband muß sich mit besonderer Sorgfalt der Gewinnung der katholischen Arbeiterjugend, die immer noch am empfänglichsten für unsere Gedanken war, widmen. Die früher von Westdeutschland (Ruhrgebiet) herausgegebenen „Einheitsrundbriefe" müssen wieder herausgegeben werden.
Neben der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit muß die proletarische Freidenkerbewegung (sowohl die Opposition im Verband für Freidenker- tum und Feuerbestattung als auch die von uns geführten Verbände proletarischer Freidenker) in offensivster Weise in den Kampf gegen das Zentrum eingreifen. Durch Massenvertrieb des „Proletarischen Freidenkers" und der revolutionären Freidenkerliteratur, Organisierung von Kirchen- austrittskampagnen usw. kann der ideologische Klärungsprozeß außerordentlich gefördert werden.
Ebenso muß die Partei den schulpolitischen Kampf (gegen die Verpfaffung der Schule, gegen das drohende reaktionäre Reichsschulgesetz, dessen Inhalt das Zentrum weitgehend bestimmt hat) energischer als bisher organisieren durch Zusammenfassung aller auf kulturpolitischem Gebiete tätigen Organisationen der Arbeiterschaft (Freidenker, ISB., Freie Schulgesellschaften, proletarische Elternbeiräte, Kommunalvertreter, Lehrerfrattio- nen)."
Die Zentrumspartei hat keinen Grund, den kommunistischen Angriff zu fürchten, und das um
so weniger, als Zielpunkt und Anlage dieses Angriffs nunmehr bekannt sind.
* Das Zuchthaus als Heimat. Das Schöffengericht in Kreuznach verurteilte den aus St. Gallen stammenden Friedrich Müller, der wegen Eidbruchs in einem Bingerbrücker Hotel feft- genommen worden war, zu zwei Jahren Zuchthaus. Der Verurteilte war schon als 17jähriger zum Mörder geworden, hatte seine Derbrecherlauf- bahn fortgesetzt und sich wiederholt des Diebstahls,
Sonnenaufgang von 7.45 bis 6.50 Uhr.
Sonnenuntergang von 16.45 bis 17.35 Uhr.
Lichtgestalten des Mondes: 1. Viertel am 6. um 18 Uhr, Vollmond am 13. um 10 Uhr, letztes Viertel am 20. um 10 Uhr.
nrf. Der Februar ist für die Sternbeobachtuno ein außerordentlich günstiger Monat; denn für die langsam im Westen verschwindenden Sternbilder, zu denen der Schwan und rechts von ihm die Wega und große Teile des Pegasus gehören, bietet sich im Osten reicher Ersatz. Die dort spät sichtbar werdende Jungfrau werden wir allerdings kaum als Frühlmgssternbild sondern eher als Sommersternbild betrachten; ihren Hauptstern Spica bekommen wir, falls wir nicht ganz späte Nachtschwärmer oder befcnbets leidenschaftliche Sternfreunde sind vorerst noch nicht zu sehen. Mindestens zu Anfang des Monats erscheint sie erst um Mitternacht über dem Horizont; die schwächeren Sterne der Jungfrau kündigen sie einstweilen an. Etwas günstiger steht es mit dem Arctur, dessen Erscheinen über dem Osthorizont in den frühen Abendstunden dem Sternfreund ein Frühlingsbote ist, und der jetzt noch ziemlich spät aufgeht, aber doch nicht so spät
der Meuterei und sonstiger Verbrechen schuldig gemacht. Obwohl er erst 31 Jahre alt ist, hat er schon viele Jahre in Gefängnissen und im Zuchthaus zugebracht.
Beim Skilauf verunglückt.
wtb. Rom, 30. Januar. (Eig. Meld.) Bei einem Skiwettlauf in den Abruzzen stürzten drei Studenten in einen Abgrund. Alle drei waren auf der Stelle tot.
wie die Spica. Sein Erscheinen wird durch das Höhersteigen des Großen Bären angekündigt, nach dem er auch seinen Namen Arctur, das heißt Bärenführer, trägt. Arlch der Löwe steigt gleichzeitig mit dem großen Bären empor, und wenn er hoch genug gestiegen ist, sehen wir unter ihm den Stern Alphard, das heißt etwa der Einsame, weil er der einzige hellere Stern der ganzen Umgebung ist. Der Orion und der Sirius sind während der ganzen Beobachtungszeit hervorragend gut sichtbar, und vielleicht werfen wir auch auf den Nachbarstern des Sirius, der sonst neben seinem großen Bruder etwas zu kurz kommt, gelegentlich einen Blick.
Von den Wandelsternen ist am Abendhimmel nur der Jupiter sichtbar. Er steht nun auch am Westhimmel, ein Zeichen, daß wir uns langsam auf den Verlust dieses Hellen Himmelsliü-tes gefaßt machen muffen. Vorläufig ist es allerdings damit noch nicht ängstlich, denn zu Anfang de- Monats erstrahlt er noch 9% Stunden, zu End, etwa 7% Stunden nach Sonnenuntergang im Sternbilde des Stiers, und noch immer erfreut feine überragende Helligkeit; aber am Morgenhimmel wird nun auch der Saturn sichtbar.
Kü st ermann.
Der Sternhimmel im Februar.
Alphard
Sonne
Mond: J) 1. Viertel @ Vollmond d letztes Viertel
STERNBILDER:
GROSZE BUCH-Xu
STABEN
Venus Man
Der di« 24 Stundenzahlen ton Mitternacht bis Mitternacht eines Tages enthaltende Kreis und die dick punktierte Linie, der sogenannte Horizont, sind feststehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeiger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt, Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Mo-. natsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich' den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtung; stunde zeigt; dadurch werden die tu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Ma-
' natsmitte ist der gerade Pfeil H Stund« SFSßRr früher, für je 5 Tage nach der Monats-'
mitte Vb Stund« später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er di« angedeutet» Licht- gestalt zeigt.
Sterne:
Kleine Buchstaben
3-
Vx-
>E
'231
A o* m
KAISERN läÜF FEE GESCHÄFT &
Sein Lostag.
(Ein Wiener Roman von Fanny Wlbmer-Pedit.
Copyright by Re-De-Ko, Münster i. W.
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6o versunken in Andacht und Wonne, trifft sie Frau Lnnerl an. Das Büblein und ein unsichtbarer Engel wacht über allen Dreien. Sie aber grüßt die beiden mit einem warmen, mütterlichen Kuß: „Ich wünsch euch liebe, brave Kinder, chr verdient es!"
Ihnen aber ist, als hätten sie eine Weihe empfangen
Dann ist noch der letzte Tag, bevor Karl wieder ins Amt geht, sie schlendern der Stadt zu. Eigentlich sollte er eine Wallfahrt sein, aber der Herbsttag ist so zauberschön, daß man ihn Schritt um Schritt verkosten muß wie ein vornehmes Geschenk. Wonniger Sonnenschein und laue Lüfte wollen fallende Blätter Lügen strafen, in den Anlagen blühen und duften Oktoberrosen wie m ihrer ersten Iulipracht. Langsam wie im Traum, unter tausend eitlen und hastenden Menschen biegen sie endlich in den Stephansplatz ein, bleiben stehen und schäum ins Gewoge. Der alte Steffl ragt hoch über allen Lärm ins tiefe Blaue des Himmels. Drüben über der Straße steht eine Blumenfrau, nicht das sanfte Blumenmädchen, poesie- und liebumflossen der echte, liebe, alte Wienertyp. Auch die ist noch vom alten Schlag, geht aber, ob schön, ob Regen, tapfer mit der neuen Zeit. Breit und behäbig, braungebrannt von Sonne, Wind und Regen, zeitlos gewandet, mit gutem Mundwerk ausgestattet, mit einem Riesenkorb blühender, duftender Fülle beschwert, so steht sie flts erster kecker Frühlingsbote, vom Lenz- sturm umbraust, auf der Straßenkreuzung. Eisiger Zugwind pfeift um die Ohren. Veigerln, Narzissen und alle lieben Kinder der Flora, so weit ihre zarte Schönheit den scharfen Wind verträgt, umringen ihren mächtigen Leib Tief in den Herbst hinein, wenn die tod- traurigen Novembernebel die Herzen umdüstern, steht noch die Blumenfrau als einzige Trostspenderin da, au3) für den, der nicht zu kaufen vermag, bedeutet der Anblick leuchtender Chrysanthemen und bunter Astern eine
tröstliche Augenblickssreude. Alles ist nicht verdorben, alles ist nicht verwelkt und verblaßt.
Heut aber leuchtet ihr verwittertes Gesicht mit den viel hundert hochstieligen, tiefroten Rosen um die Wette. Gitta schaut verloren hinüber, Karl mit wägender Absicht, sie wären wohl alle schon längst gekauft, ohne das freundlich heischende Wort, wenn, ja, wenn!
Karl denkt an das Lied: „Müssen's denn grab’ Tuberosen fein?" Ja, so denkt mancher junge Mann, weil er so denken muß, und er führt Gitta hinüber. Und sieh, in einem Körblein drängen sich Dergißrneinnicht wie ängstlich zusammen. Vergißmeinnicht im Oktober! Ein wenig rötlich angehaucht, er sucht mit linden Fingern das Schönste von allen den kleinen Büschelchen. Lächelnd will es die Blumenfrau in lichtes Seidenpapier hüllen, aber sie wehren es ihr. Sie wollen des W-ni- gen sich erfreuen den kurzen Weg feiner Bestimmung. -Von Lippe zu Lippe führen sie die bescheidene Opfergabe immer wieder. Die Blumenfrau schaut ihnen versonnen nach. Ihre Wangen sind rauh und rissig, aber mitten im Oktober zog der Frühling an ihr vorbei, unter ihrem zeitlosen Gewand schlägt ein junges, rafdies Herz, etliche Schläge lang. In der Zeit, ja, in der Zeit, jung und froh, hat jeder Halm noch seinen süßen Dust! Da kommt ein eleganter Stutzer und kauft Tuberofen! Die Tuberosen erblassen vor Schreck und Reid an zwei grell- roten Lippen.
Die Blumenfrau schaut noch einmal nach ihrem Frühling aus. der ist verschwunden im dichten Gewühl der wogenden Menge. Die Vergißmeinnicht liegen zwischen schwelenden Kerzen beim uralten Gnadenbild der Mutter Gottes in et Stephan. O schöner Tod von liebender, dankbarer Hand, der heiligsten Mutter dargebracht werden! Tausendmal schöner als auf weißen Linnen, im Dunst satter Menschen verdursten und ermatten müssen, als an heißer Frauenbrust zerpflückt werden!
Karl weiß nicht, was sein Herz mehr noch durchdringt und erhebt, die Andacht der Stunde oder die Weihe und Schönheit des Ortes. Dort rauscht eine neue Zeit auf, baut Massenvaliiste und Marmorbäder. Ob sie auch ein Jahrtausend bestehen und mehr, wie zehn Generationen beglücken und erbeben? Morgen wieder
an die Arbeit, zu neuem Kampf! Sie fliehen das Ge- furm nach der ruhigen Stunde. In den herrlichen Ringstraßengärten, wo das Land grünt, welkt und rauscht, freuen sich gutgetleibete Menschen des herrlichen Nachsommerabends. Draußen auf der Ringstraße aber schreien die Zeitungsverkäufer gellend und schrill.
Die Ruinen des Iustizgebäudes sind eingerüstet, völlig verdeckt. Die Neugierigen bedauern es, die Wissenden drücken sich weniger scheu vorüber, die alten Wiener Herren und Frauen gehen traurig vorbei, wie einer Schuld, einer Schande bewußt: „Wien, unser Wien!" Die schaurigen Bilder vom Sengen und Brennen werden noch immer verkauft. Der Blätterwald rauscht in die arme, müde Ruhe hinein.
Es ist ruhig in Wien, ganz ruhig auf den Straßen. Und die Gemüter? Sind teils getrübt, in Schreck noch immer ein wenig erstarrt — oder lauernd Und die Menschen? Sind schweigsam geworden, schätzen sich im Begegnen mit einem kurzen, scharfen Blick ab, je weiter man in die Dorstadt hinauskommt. In einem Park, wo Gitta als kleines Mädl so viel gespielt, machen sie noch eine kleine Rast. Es ist aber nicht mehr die liebe Ruh’ von einst unter den breitästigen, alten Kastanienbäumen babeim. Bank an Bank in der w-i- ten, großen Runde ist besetzt. Karl ist schweigsam und horcht tu das vielstimmige Gemurmel hinein In das lustige Kinderspiel fallen rauhe Stimmen, die Schauerwären erzählen, sie beten getreulich nach das Haßevan- geüum ihres Bekenntnisses. Ein Wüster schreit laut und vernehmlich: „Ja. das Iustizpalais hab’n s' eh selber anzund'n, daß die Schuld uns in die Schuech schieb'n könna!" Auf der nächsten Bank schauen sich drei Frauen erschrocken an und schweioen.
Eine von den drei Frauen stickt emsig an einem lichten, zarten Stück Zeug, wirft nur manchmal einen raschen Blick nach den spielenden Kindern. Meint die andere: „Mich wundert nur, wie sie so mit Ausdauer sticheln können, mich freut Heuer gar nix mehr, ich möcht' grab’ noch recht viel von die schönen Herbsttäg’ der- schnaufen, was weiß man denn, wie lang’ es noch dauert."
„Ja", sagt die fleißige Stickerin auf einmal, ganz fremd auf ihre Arbett sehend, „ja, wer weiß, was für
eine sich noch a mal mit meinem Vorhang da duddlt." Wickelt viel weniger liebevoll wie sonst die schöne Arbeit in eine Tasche hinein, ruft unfroh nach den Kindern und eine ganze Bank wird leer. Da gehen Karl und Brigitta auch heimzu, ihnen ist schwer ums Herz, sie möchten doch auch an ihre Zukunft denken. Da poltert und kracht’s gegenüber der Straße, unheimliches minutenlanges Getös, Frauen schreien entsetzt zum Fenster heraus. „Was war denn das? Doch nit Schüsse?" Auch Karl drängt Gitta unwillkürlich in eine Tornisch« hinein. Nach vielen Fragen schreit einer hinauf: „Ein Kamin ist eingestürzt und auf die Straße herabgefallen!"
„Was ist abig'fall'n?" Und weil der Wiener Humor noch nicht ganz versiegt ist, schreit ein kecker Bub hinauf: „Ab'r aner g’fturb’n is, den hab'n f auß'g» haut!" Bei den Fenstern mirbs schon wieder luftig. Da ruft wieder jemand: „Wo is a Kamin abig’folln? Der Bub schnell: „Sun Hausgangsenste' im dritt'n Stock, neben der Kellerstieg'n!" „Is was passiert?" „No be an S', da war do schon lang die Rettung da!" Niemand ist dem losen Schalk böse, so froh sind alle um das bißchen Lachen. Silberne Mariensäden glänzen in der milden Abendsonne, spinnen und weben auch um die Millionen Häupter der Großstadtmenschen. Aber die haben weder Zeit noch Sinn zum Schau-n. In hastender, drängender Eile reißt die zarte Himmel- gefpunft Nur dumpfe, schmerzende Müdigkeit legt sich in das beginnende Dunkel der Nacht. Iy solcher Zett wollen sich Gitta und Karl ihr Nest bauen. Auf schwanken Stiften wird es oft schaukeln, aber sie sind jung und stark und stehen in der Gnade des Herrn.
Es war ein sorgenvolles Zusammentragen. Halm zu Halm. Groschen zu Groschen, sich jede kleinste Freude eines geselligen Winters strenge versagend.
Es war ein schwerer, aussichtsloser Kampf in all dem stillen Glück.
Weißzeug nach schlichtem, altem Brauch war beisammen, nicht an Uebersluß, aber reichlich der Bedarf der ersten Jahre gedeckt, unbeirrt der weisen Ratschläge Frau Müllers, die mehr fürs moderne war.
Fortsetzung folgt.