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Lied eines Arbeitslosen.
Entnommen aus der „Werkjugen b".
Manchen Tag
verträumen wir auf Brücken.
Welch Bedrücken, wenn die Wellen schnellen Laufs zerrinnen So zerfließen, so zerrinnen
unsere Tage in den leeren Raum der Zeit.
Bitterkeit heißt unser Fluß, warten, warten unser Muh.
Morgens wir am Fenster stehen, sehen Kommen, Gehen zwischen Ruh und Schicht.
Uns ruft die Fabriksirene nicht.
Müssen zuschaun, wie aus Schweiß und Mühen Blumen des Geborgenseins erblühn.
Arbeit ist gewiß ein Joch, ach, wie gerne trügen wir es doch, aä), wie gerne trügen wir die Plage, statt der aufgezwungenen, toten Feiertage.
Mittags
kocht das Mahl der Mangel, steht der Hunger zwischen Tür und Angel. Jeden Abend, Schassenden die Rast, sitzt bei uns der träge Gram zu Gast.
Nacht ist tiefe dunkle Kluft
Weh, wenn uns der grelle Morgen ruft, wiederum zum Bettelgang verdammt: Arbeitsamt! Arbeitsamt!
Julius Zerfaß.
Jeder hak seine Ausgabe.
Ein aller Fuldaer mahnt zur Einsicht.
‘ (Bergt, die „Aussprache" im „Blatt der Jugend" vom 15. und 22. Janugr).
Man schreibt uns:
Die Gründung des k a t h o l. G e f e 11 e n o e r e i ns, der kathol. Arbeitervereine, der ch r t )t I. Gewerk schäften und zuletzt der k a t h o l. Iung- männ er vereine, erfolgte zu verschiedenen Zeiten, bereit dringenden Vedürfnissen entsprechend. Alle diese Gründungen haben eine besondere M i s- fio n zu erfüllen. Zur Zeit des hl. Bonifatius genügten die Benediktiner für die Heidenmission: heute müssen in dieser eine ganze Anzahl anderer Orden tätig fein. Dasselbe trifft heute auf die kath. Standesver- ein e und christl. Verufsverbände zu. Es gilt dauernd Streiter für Christi Herrschaft zu sammeln, der Gottlosigkeit zu wehren, auch durch Beispiel zu zeigen, welche Achtung man seinem Seelsorger und dem Gottesdienste schuldig ist. Der Gesellenverein wurde schon 1846 gegründet: von da an bis jetzt konnte er freilich in dieser langen Zeit viel mehr leisten als die erst vor einigen Jahren gegründeten Jungmännervereine. Von diesen ist zu hoffen, daß ihre älteren Mitglieder, welche lebenslänglich Lohnempfänger bleiben müssen, dem kath. Arbeiterverein beitreten werden. Der Arbeiterverein ist für diese kath. Arbeiter ebenso wichtig wie der Gesellenverein für werdende Handwerksmeister (nergl. dazu aber die Ausführungen in dem aus Gefel- tenoereinstreifen stammenden Aussatz „G e s e 11 e n v e r- ein und Jungmännerverein". Der Gesellen- oeretn will scheinbar nicht Stande scerein der Handwerker sein, sondern die ge famte werktätige Jugend, vielleicht sogar die Bauern umfassen. D a - her kommen unseres Erachtens auch die Konflikte. Da liegt der Kern. Die Schriftt.)
Nun aber auch etwas vom Wirken des St. I o f e p h s- vereins, wie der kathol. Arbeiterverein anfangs in Fulda hieß Dieser Standesverein der kachol. Arbeiter war bei der Oeffentlichkeit so lange beliebt als feine Mitglieder nur das Religiöse und Unterhaltende pflegten. Da erhielt er Lob, sogar Geschenke zu Weihnachtsfeiern. Das hörte auf als er sich dann Arbeiterverein nannte, sich um die Kommunatwahten bekümmerte, eine Befchwer- dekommisfion bildete, die mit dem Gewerberat in Verbindung trat, damit Maßnahmen getroffen wurden, wie sie das Arbeiterschutzgesetz verlangt. Wo etwas geschah, hieß es: „Das hat die Beschwerdekommission des Josephsvereins bewirkt." Ein Jemand schrieb an den damaligen Vizepräles u. a.: „Sorgen Sie dafür, daß die Beschwerdekommission aufgehoben wird. Wenn unser Herr den Mitgliedern des Josephsvereins kündigt, kann ihnen bann der Herr Präses Brot geben?" Und erst als gar der Arbeiterverein den christl. Gerne rk- schäften hier Eingang verscbaffte. Da ergrimmten verschiedene ehemalige Gönner. Danaos timeo, et bona ferrentes. Manche hätten wohl rot lieber gesehen als schwarz. Ohne bas Eingreifen des kath. Ärbeiterver- eins hätten die freien (sprich roten) Gewerkschaften hier die Ueberhand nicht nur in den Betrieben, sondern auch bei der Vertretung zum Gewerbegericht, bezw. bei der Arbeiterversicherung erhalten. Natürlich gehörte zu diesem Eingreifen eine Schulung, aus welcher die nötigen Kenntnisse, Mut und Opfergesinnung entsprießen mußten. Zuerst muhte hierfür der Arbeiterverein allein sorgen. Dann hatte er einen Helfer in den Gewerkschaften gesunden, deren Leiter man nickt bei der kirchlichen Behörde verklagen, bezw deren Dersetzüng verlangen konnte. Nackdem in dem Aufsätze „Die Aus
sprache beginnt?", das absolut zutrifft, was aber bas Wirken des Gesellenvereins gesagt ist, wäre es ein Unrecht, das zu verschweigen, was der kath. Arbeiterverein in unserer Heimatstadt zur geistigen, sittlichen und hierdurch auch indirekt zur materiellen Hebung seiner Mitglieder schon geleistet hat. Jeder Standesverein findet aus seinem Gebiet Arbeit genug, sollten auch alle andern kathol. Standesvereine mit ihm nach den erhabenen Zielen um die Wette rennen. Es muß sich ja dann zeigen, wo, und von dem die schwersten Hindernisse überwunden und die größten Erfolge errungen werden.
GeseNenverein und
Iungmännerverein.
Noch eine Aeußerung zu dem Zwiegespräch in der vorletzten Nummer.
Im Blatt der Jugend vom 15. Januar wurde über Meinungsverschiedenheiten berichtet, die zwischen Gesellenverein und Iungmännerverein herrschen. Als altes Gesellenvereinsmitglied (bald 50 Jahre gehöre ich diesem Vereine an) möchte ich zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen. Um es gleich vorweg zu sagen: „Größenfimmel" und „Kampfstellung" liegt mir fern.
Adolf Kolping, der Gesellenvater, unterscheidet sich vom großen Heere der heutigen Volksfreunde dadurch, daß er nicht nur geschrieben, kritisiert und organisiert hat. Er hat vielmehr gehandelt, und Leib und Seele, Kraft und Vermögen durch viele Jahre dem Wohle des Volkes, dem WohlederJugend zum Opfer gebracht. Alle, die diesen Mann und seine Stiftung kennen, schauen mit dankbarer Verehrung auf ihn und fein Werk.
Der katholische Gesellenverein hat sich bewährt zu allen Zeiten. Das ist dem Gesellenverein nicht nur voll dem weitschauenden „Mann im Monde" bestätigt, der begeistert von „prächtigen Menschen" und ihrem „schönen Bunde" spricht, von jungen Leuten, die „fest bei ihrer Fahne halten", sondern auch von vielen Bischöfen und den letzten Päpste n, die aufmerksam wurden auf die soziale und charitative Tätigkeit des Gesellenvereins. Aus ihm sind im Laufe der Jahre, auch aus unserer engeren Hei- mat, ungezählte tüchtige Staats- und Gemein- bebürger hervorgegangen, die Höchstes geleistet haben für Kirche und Staat.
Kolping ging es nicht um einen Stand, sondern um l e- benbige Menschen. Daß ber junge, werktätige Mensch burch den kath. Gesellenverein für bas Leben tüchtig werbe, baß er in seinem Berufe und in ber staatlichen Gemeinschaft etwas leiste, und baß er vor ollem ein guter Vater und Ernährer seiner Familie werbe, das war die erziehliche Aufgabe, die Kolping sich in seinem Gesellenverein gesteckt hatte.
So hatte Kolping schon in Elberfeld verfahren. So tat er es weiter in Köln. Er nahm das Wort „G e - feile" als gleichbedeutend mit „w e r t tä 11 g e r, junge r B u r s ch e". Dazu zählen auch wir folgerichtigg, nach dem Beispiele Kolpings, nicht nur den jugendlichen Handwerker, und nehmen prinzipiell, wie Kolping, auch Nichthandwerker auf, die sich bilden wollen nach seinem Programm. Oder sollte Kolpings Ziel: ber tüchtige Berufsarbeiter, ber tüchtige Familienvater, der tüchtige Staatsbürger, ber tüchtige Katholik, nicht auch ein herrliches Ziel fein für unsere Industrie- unb Lanbjugend?
Angesichts ber mobernen Vereinsmeierei ist es unseres Erachtens ein großer Vorzug des von Kolping ge« grünbeten Jugenbvereins, baß er seinem Statut entsprechend auch die verheirateten kath. Männer bei seiner Fahne hält. Wer einmal Kolpingssohn geworden ist, kann es bleiben, bis bas Kolpingsbanner sich über seinem Grabe senkt. Auch bas Altmitglied soll zeitlebens die hohen Ideale für Familie, Beruf, Kirche und Staat in ber Seele behalten, gar nicht zu reben von ben wirtschaftlichen Vorteilen, wie sie bte Organisation auch bem Altmitgliebe gibt. Alle fühlen sich wohl unter dem Banner Kolpings.
Und bann bas „Abkommen von Neiße". Ja, bas kennen wir. Das hätte ber Dialogschreiber doch deutlicher barlegen unb nicht mit . . . rätselhaft ab tun sollen. Die praktischen Ausführungsbestimmungen bezüglich ber Wanbersürsorge ber Jungmannen finb ben Hausmeistern kürzt, zugegangen. Was ber Wanderpaß benJungmänner- verband kostet, wird ber Jungmann „Karl" wohl wissen. Für ben Gesellen „Adolf" kostet er in ben meisten Fällen nichts. Das ist immerhin ein Unterschieb. Ferner, das Wanderbuch des Jungmannen „Karl" enthält nur die Gesellenvereine verzeichnet, die in Deutschland ein e i g e- n e s Haus haben. In diesem Haus wird „Karl" Gast sein. „Adolf" hat als Sohn Kolpings ein gewisses Hausrecht. Das zeigt sich darin, daß der Gast eine Marke im Werte von 50 Pf. sich vom Hausmeister aus dem Wanderpah ab trennen lassen muß zur Rückvergütung an das Haus. Der Geselle hat das nicht notwendig. Er findet auch im Gegensatz zum Jungmann in den meisten Häusern Freitisch für Abend und Marge-, meist sogar für den ganzen Sonn- und Feiertag, und zwar nicht nur bei den Drtsoereinen mit eigenem Heim, sondern bei allen Gesellenvereinen. Das bedeutet z. B., daß ein Geselle in der Diözese Fulda an 46 Plätzen Nachtlager und Verköstigung auf ber Wan- berschaft oorfinbet, während ber Jungmann das nur in etwa vier Gesellenhäusern berechtigterweise findet. Das Essen muß der Jungmann bezahlen. Nur im Falle der Not kann er gegen Abgabe einer Marke sich ein Essen
Geht ein Kolpingssohn über die deutsche ^renze, bann finbet er im Besitze seines Wanberpasses basselbe in Oesterreich, Ungarn, Tick ch "ob» Schweiz, Holland, in Rom, Paris, Lonbon, Newyork usw. In ber Zeit ber Auswanberung dürfte auch bas ein kleiner Unterschied zwischen Geselle und Jungmann sein. Der Jungmann muß bei längerem Verweilen im Gesellenhaus Kolpingssohn werden. Als vorübergehender Gast muß er an ben Bereinsabenben teilnehmen.
In dem zur Diskussion stehenden Dialog im Jugend- blatt wird gesagt, in „jedem Heckennest" — einen solchen Ausdruck finden wir recht unfein — würde ein Gefellen- verein aufgemacht, ob Gesellen da seien ober nicht. Daraus sei erwidert, daß nach meinen Erfahrungen nur dort Gesellenoereine gegründet wurden und werden, wo die jungen Leute es selbst dringend wünschen und an die maßgebenden Stellen herantreten. Dazu hat die Jugend das Recht. Daran krankt ja vielfach das Leben mancher anderer Vereine, daß sie nicht entstanden sind aus bem Willen eifriger Mitglieder, sondern daß sie zu schnell und mehr von höherer Instanz ins Leben gerufen finb. Selbstverständlich wird es in unseren Kreisen begrüßt, wenn der Gesellenoerein auf bem Vormarsch ist. Will man uns das verübeln? Jawohl, ihr jungen Leute, wir rufen „Brano!“, wenn ihr euch um das Kolpingsbanner schart und bann mit jugenblichem Idealismus bas zu sein bestrebt feib, was Kolping aus euch machen will. Freie Bahn für alles Gute, zumal wenn es sich so bewährt hat und bewährt wie das Werk des heiligmähigen Priesters Adolf Kolping! W. F.
Bemerkung der Schriftleitung: Auch bei dieser Erwiderung müssen wir auf etwas Hinweisen. Der Verfasser ist nicht genug auf bas eingegangen, auf was es dem „Jungmann" vor allem ankam. Es ist bie Frage: Ist der Gesellenverein Standesverein für bie Handwerker, wie man z. B. aus dem Begrüßungsspruch: „Gott segne bas ehrbare Handwerk" schließen muß, oder will er, wie es nach bem Aufsätze und vielfach auch nach ber Praxis scheint, bie gesamte werktätige Jugend, also auch die Arbeiterschaft und auf bem Lande sogar bie Jungbauern umfassen. Nun wollen unb können wir bem Gesellenverein zwar keine Vorschriften machen, was er zu tun ober zu lassen hat, (im Gegenteil, jeder muß den Ausbehnungsbrang und die vorbildliche Organisation ber Gesellenvereine, die geleistete Arbeit unb die Begeisterung der Gesellenvereinsmitglieder rückhaltlos anerkennen) aber wir halten es für zweckmäßig, rechtzeitig auf Schwierigkeiten hinzuweisen, bie notroenbiger Weise entstehen müssen. Eine Gefahr ist besonders bann vorhanden, wenn durch eine unklare Grenzziehung zwischen bem mittelständischen Handwerker und dem Arbeiter die Bildung einer selbstbewußten katholischen Arbeiter stände s- bewegung erschwert ober zu lange verzögert werden sollte. Damit jedes Vereinsmitglied einmal über die Eingliederung seines Vereins in die Katholische Aktion nachdenkt, deshalb hatten wir eine Aussprache angeregt; vielleicht wird durch sie erreicht, daß sich die einzelnen Vereine und Gruppen bann in gegenseitiger Achtung und Anerkennung leichter unb schneller zu einer örtlichen Arbeitsgemeinschaft zusammenfinden.
Beschämend!
Vor einer Woche trat in unserem Fulda eine „Schmiere" auf, die sich als die beste Operetten-Revue in Deutschland ausgab. Durch eine freche Reklame an- gelockt, tarnen viele unb opferten eine ober zwei Mark, um zu sehen, was eigentlich eine Revue ist, ober weil versprochen worden war, man könne 20 schöne Frauen in „hüllenlosen Bildern" sehen. Was man dann aber an Schmutz und Schund zu sehen bekam, war so, daß es den Protest aller anständigen und gebildeten Menschen herausfordern mußte. Einem Teil ber Zuschauer scheinen bie Darbietungen aber gefallen zu haben, wie der mehr ober weniger starke Beifall bewies. Mich hat es aber geradezu verblüfft, daß gerade ein Teil der anwesenden Frauenspersonen ihrem Gefallen an zweideutigen Witzchen durch lautes Gekreisch Ausdruck verliehen. Unb sie merkten gar nicht ben Hieb, ben sie erhielten, als der Spaßmacher sagte, er freue sich, daß er den Geschmack der Anwesenden so bald getroffen habe. Diese kleine Schilderung genügt wohl, um wieder einmal darauf hinzuweisen, daß auch bei uns schon manches faul ist. Aber so weit sind wir wohl noch nicht, daß wir staunend die Abfallware aus den Großstadtkabarets kaufen. Das wird wohl auch ber Veranstalter gemerkt haben, wenn er sich einmal bei dem urteilsfähigeren Teil feines Publikums erkundigt haben sollte. Daß viele aus Neugierde hin- liefen, selbst zahlreiche Schüler der höheren Lehranstalten, beweist nicht, daß das Unternehmen wirklichen Erfolg gehabt hat. Man wird wohl mit bem einen Versuch genug haben. Und sollte man trotzdem weiter geneigt sein, diese „Kunst" der Jugend zu zeigen, so gibt es, wenn die Polizei, die doch eigentlich auch gegen „Schmutz unb Schund" schützen muß, versagen sollte, noch bas Mittel ber Selbsthilfe. Es sind ja genug faule Aepfel im Keller! —
Dies alles bringt mich aber nicht über die beschämende Tatsache hinweg, daß man der Fuldaer Jugend so etwas zu bieten wagte. Haben diejenigen recht, bie glauben, bie Jugenb habe Geschmack an dieser „Kunst" ober diejenigen, bie ben guten und aufbauen« ben Kräfte in ber Juqenb vertrauen? Noch glaube ich
daran, baß bie junge Generation durch bie Gefahren unb Stürme gestählt hinburchgehen wirb, um ben kulturellen unb wirtschaftlichen Aufbau mit vollenden zu helfen. Aber im „Neuen Theater" habe ich mich als Fulder Jung geschämt, weil man bas Gegenteil von uns bachte.
Daß ich mit meinem Urteil über biefes Unternehmen nicht allein stehe, beweist eine Zuschrift, bie ich unter bem Kennwort „K u n st" erhielt: „Schönheit unb Wahrheit sind Richtpunkte ber Kunst. Die „Revue", bte man vor einer Woche in Fulda zu sehen bekam, wollte Kunst fein. Wir fragen: Was hat ein Schock verrotteter Halbwelt mit Schönheit unb Wahrheit zu tun? Em jedes Kunstwerk hat ein Thema. Dieses Thema muß be« handelt, ausgeschöpft unb illustriert werben. — „3m Tempo unserer Zeit!", verkünbete ber Konferencier unb man sah ein nassauisches Bauernpaar, frideriziamschen Rummel, einen abnorm gewachsenen, mephistotelisch aussehenben Mann usw. Ist bas: „Im Tempo unserer Zeit?" Jene alte Geschichte vom Unteroffizier unb Rekruten bei ber Instruktion, bie allenfalls vor 20 Jahren aktuell war: ist bas: „Im Tempo unserer Zeit? . Der Besitzer des „Neuen Theaters" scheint wahrhaftig zu glauben, baß man in Fulda hinter dem Mond daheim ist. Jedes Kunstwerk bat eine Tendenz: Es will veredelnd oder wenigstens ätsthetifch auf die Zuschauer wir- ken. Die Revue im „Neuen Theater" wirkte auf alle Gebildeten abstoßend; jene halbwüchsigen Jungen unb Mädchen, ja auch — man muß es leider bemerken Erwachsene erzählten jene dreckigen und aberdreckigen Witze nachher weiter unb klatschten während der Vorstellung Beifall. - Kunst???! Das aber ist letzt ber Höhepunkt ber ganzen Affäre, baß man Mannern, bie es wagen, ein offenes Wort gegen bie Bebrohung der Heimat burch „Schmutz unb Schund" zu sagen, weil ,ie sich in ihrem Gewissen dazu verpflichtet suhlen, eine „schmutzige Phantasie" unterschieben will."
Ich habe dieser Zuschrift nichts hinzuzufugen. Nur möchte ich hoffen, daß ber Besitzer bes Fuldaer Kinos sich wieder wie früher bei aller Rücksichtnahme auf einen guten Geschäftsgang ber moralischen unb künstlerischen Verantwortung bewußt wirb, bie er für Fulda tragt, zumal er im Besitze eines Monopols ist.
Bereits gescheuert.
Heinrich Mertens, der Katholische Sozia- I i ft", hatte vor einiger Zeit in Köln das „Rote Blatt aufgemacht, um für den Eintritt der jungen, gläubigen Katholiken in die S o z i a l b e m o k r a 11 e zu werben. Das Ziel war angeblich, die breiten Massen der werktätigen Bevölkerung, bie sich zur Sozialdemokratie bekennen, oder aus dem christlichen Lager ihr angeblich unaufhaltsam weiter zuströmen müßten, von dem überragenden Einftuß ber Materialisten unb Freidenker zu befreien. Rein theoretisch gesehen, hatte dieses Vorgehen vieles für sich. Aber an ber harten Wirklichkeit, bte man besonders bei politischen Entscheidungen nicht außer acht lassen darf, mußte es scheitern. Daß Heinrich Mertens, der kluge und sympathische junge Mann aber jetzt schon gescheitert ist. nachdem er noch auf der letzten Windthorstbundtagung seine These erfolgreich verteidigen konnte, kommt etwas überrafchend. Aber es ist Tatsache. Das „Rote Blatt erscheint setzt nicht mehr selbständig, sondern im Verlag ber religiösen Sozialisten. Heinrich Mertens tritt in den Verlag ber religiösen Sozialisten ein, während künftig Otto Baue r-Wien, ber Führer bes österreichischen Bundes religiöser Sozialisten, Mitherausgeber bes Blattes wird.
Zu biefem Vorfall schreibt die „Westdeutsch e A r- beiterzeitung" durchaus treffend: Durch diesen Wechsel schließen sich die katholischen Soziali- ft e n dem Bunde der religiösen Sozialisten enger an, dem sie bisher, aus für jeden Katholiken leicht begreiflichen Gründen, mehr als reserviert gegenüberstanden. Es ist jetzt vorbei mit der fo oft behaupteten Sonderstellung. Der Bund der religiösen Sozialisten dient mit Entschiedenheit der Gesamtpartei. Mit der besonderen „Haltung in einer „Bewegung" muß wohl ober übel Schluß gemacht werden. Es gab keinen anderen Ausweg mehr. Mertens hat vor Jahresfrist unter freundlichem Protektorat und finanzieller Unterstützung aus sozialist. Kreisen so eine Art „Zeitenwende" angekündigt. Die offizielle Sozialdemokratie sah ihm zu. Ihre Parteitakttker erhofften recht massive Vorteile für den Sozialismus. Sie versuchten es, einmal auf einem anderen Wege an die katholischen Arbeiter heranzukommen. Der platte Kampf gegen Kirche, Pfaffen unb Pfaffenknechte hatte nicht zum erwünschten Ziele geführt. Darum gab man einer anderen Taktik Raum. Die ausiässigen und polternden Freidenker wurden mit Augenblinzeln beschwichtigt. Es kommt doch auf bie Stimmen an, bie uns christliche Arbeiter bringen, pflegten ihnen in der Stille bie Parteistrategen zu sagen. Aus bem großen Einbruch in die katholische Arbeiterschaft und ihrem Abmarsch zum Sozialismus ist nichts geworden. Der angetünbigte Zusammenbruch bes Zentrums blieb aus. Ganz im Gegenteil, bie Novemberwahlen in Preußen brachten ber Sozialbemokratie eine Einbuße von brei« viertel Millionen Stimmen. Das Zentrum gewann fast 250 000 Wähler. Unter diesen Umständen lohnten sich die finanziellen Opfer ber Sozialdemokratie nicht. Hinzu kam, daß die Proteste lauter unb eindringlicher wurden. Man hätte sie nur beschwichtigen können, wenn ein sichtbarer Erfolg zu verzeichnen gewesen wäre. Da dieser ausblieb, hat bie Partei, um Ruhe zu bekommen, die katholischen Sozialisten abgedrängt, auf ein „N eben- gl e i se geschobe n", wie der „Deutsche Weg" mit Recht feststellt.
Verantwortlich für „Das Blatt ber Jugend": Dr. oec. publ. Joseph Sauer-Fulda.
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Verirrt in der Camargue.
Von Kurt Witt.
Wer kennt denn die Camargue, in Deutschland, in Frankreich? Jenes stille geheimnisvolle Land, daß sich weit ausspannt da wo" die hundert Arme der Rhone weit ins Mittelmeer hinausgreifen und Schlick und Schlamm der Jahrtausende die fast unbekannte unb um ck-Hängliche französische Pampas geschaffen haben. Wer weiß es denn bei uns in Deutschland baß hier in biefem vergessenen Winkel Europas sich noch -roße Herben vo" roilben Pferden tummeln, daß große ^agdzüge jährlich ihre prachtvollen wilden Karnvfstiere aus ben Sümpfen ber Rhönemünbung in bte Sirenen von Slimes, von Arles, in bie Barrieren von Saintcs Maries holen?
Das ist nun schon sehr lange her, daß ich als Junge einmal bie Camargue im Film zu Gesicht bekam. Das war wohl einmal auf einer Schuloorstellung in Berlin. Der Einbruck blieb mir burch alle bie Jahre unvergeßlich — bis mich bas Schicksal einmal in ben Silben wehte unb ich Tage um Tage biefes seltsame Stück Crde zu Fuß durchstreifen konnte. —
Bon iarosqon war ich südwärts gezogen — bie einsamen staubweißen Weae, bie an gebrochenen Burgen
unb verfallenen Höfen vorbeiführen — westlich von Arles — wo bann bie weiten Steppen ber Camargue sich auftun — weg-, sieg- unb menschenlos. Eine einzige Autostraße läuft bort unten burch bie Einöbe. Wöchentlich zweimal bringt sie ein Häufchen Touristen, bas neugierig bie alten Mauern der Kreuzfahrerfeste Sligues Mortes besichtigt unb nach einer Stunbe hinter einer Wolke von Staub verschwinbenb weiterrol.t um noch vor Slbenb bie im Programm vorgesehene Kirche von Les Samtes Maries „besichtigen" zu können.
---Die Kirche von Les Saintes Maries. — Sie sollte auch mein nächstes Ziel fein. Das große Heiligtum ber Camargue, zu bem frommer Glaube feit anberthalb Jahrtaufenben pilgert. Man sagt, sie sei eine ber ersten christlichen Gotteshäuser überhaupt in ber Welt.
Nirgenbs gab es eine Landkarte ber Camargue Als ich an einem Frühmorgen vom Quai bes alten Fischerhafens Le Grau bu Roi ben langen Straub nach Osten hin entlang blickte, ba glaubte ich denn ausrechnen zu können, bah ich längs ber Küste in einer guten Tageswanderung Stes Maries erreichen müßte. Im Orte selbst wußte mir niemand Bescheid zu geben Aber meine Feldflasche erhielt noch einmal frisches Wasser, 1 Kg. Trauben, frische Feigen unb ein Stück Weißbrot
roanberten in den schon nicht ganz leichten Rucksack, bas weiße unentbehrliche Kopftuch wurde neu geschlungen unb bann ging es vorwärts — ins Ungewisse. —
--— Diese einsame Strandwanderung, Stunde um Stunde unter dem tiefblauen Himmel, an dem tiefblauen Spiegel bes Meeres war etwas unbeschreiblich Schönes. Pinien und hohes Buschwerk begleiteten ben Straub. Als bann bie einsame Wagenspur, bie immer noch neben mir als einziger Weggenosse eiuherlief, weit braußeu am Leuchtfeuer von Le Grau verschwunden war, als die stundenweit noch herüberwinkenden bunten Dächer von Le Grau ins Blau versunken waren unb die Sonne hoch im Mittag stand, frischte man sich in dem ruhigen Meer unb ruhte lange in bem bürftigen Schatten einer Pinie.---
---Steruennacht. Mau kann diese Sternennacht am Mittelmeer, die sich wie eine einzige diamantene Kuppel über bas winzige Selbst wölbt, nicht beschreiben. Mau könnte nur immer in sie Hineinwanbern. Enblos. Als benn der Nachtschlaf kam, ich mochte Stunden in die Nacht gewandert sein — da war ber grüne Saum zur Seite verschwunden und Saud, nichts als Sand zog sich in weichen Welken, so weit das Auge durch das blauschwarze Dunkel zu bringen vermochte. Jetzt erst wollte es langsam klar werden:.
Einen Tag lang war man den Strand entlang nach Osten gewandert. Aber keine Spur von Les Stes Maries. Aber vielleicht war es doch nicht mehr weit unb bei Tagesgrauen vielleicht schon zu sehen. Ich war sparsam mit meinem Wasservorrat gewesen. Noch halb war bie Feldflasche gefüllt. Ein paar Trauben waren noch da. Das Brot war im Rucksack unter der Sonnen- glut knochenhart geworden. — Etwas beunruhigt schlief man zwischen ben Dünen so gut es ging ein. —
Ein buntes Geschnatter ließ mich aus ber Decke fahren. Nanu. — Eine große Schar Wasservögel, es mochten wohl Wildgäuse gewesen fein, watschelten lagt spektakelnd gerade hinter meiner Scmbbüne hervor uno stolzierten tompaniemeife, immer etwa zu zehnen brav hintereinander unb ohne ihren ftaunenben Parabechef auch nur eines Blickes zu roürbigen stramm vorbei, unb waren balb mieber hinter ber nächsten Düne ver schwunben.
Der Schlaf war schnell aus ben Augen. Ich kletterte auf bie Düne Wie ein großer violetter Spiegel, ber dem Hellrot bes Morgenhimmels zu verschwimmen schien, lag- bas Meer. Die weiße Zeile bes Stranbes leuchtete von bem Widerschein wie der Firnschnee bes Dome be Gouter, ben wir noch vor Wochen zu bezwingen versuchten.
Fortsetzung folgt.