N. 21.
Sonntag, den 26. Januar 1930.
Auldaer Zeitung
Druck der Fuldaer
2. Blatt.
Rund um die Woche.
papageien-Krankheik. — Die Unzertrennlichen. — Ein Riesenskandal. Praktisches Mosaik.
Daß in unserem demokratischen Zeitalter die Papageienkrankheit erst so recht entdeckt wurde, tuen kann es wundern? Im wohlbehüteten Käfig ber öffentlichen Meinung hat das Geschlecht der Nachplapperer in der Tat seinen ewigen Sonntag gefunden. Bei den Jungen wird diskutiert und bei den Alten, im Parlament und in der Schule. Und immer redet einer es dem anderen nach, bis die Papageien auf allen Aeften lebendig werden. Die Papageienkrankheit ist übrigens schon alt. Jene Pädagogen, die in der Schule alles auf reine Plapperei des Gedächtnisses stellten, litten an ihr. Jene Politiker, die überhaupt nicht nachdenken, sondern immer das alte Lied vom Zeitgeist, dem man gehorsam dienen müsse, daherschwätzen, leiden noch heute daran. Auch jene sind angesteckt, die ihrem Modejournal nachplappern, was denn guter Geschmack sei. Das Evangelium von der sogenannten Freiheit der Kunst wird von Papageien weitergezeugt. Die neuen Lehren der Sittlichkeit, an die ihre eigenen Urheber nicht glauben, halten sich nur, weil es Papageien genug gibt, die das ohne Unterlaß wiederholen. Das Eigentümliche beim Papagei ist, daß sein starker Schnabel beweglich am Kopfe befestigt ist. Es ist so der Papagei recht eigentlich die Emanzipation des Schnabels von der Vernunft, die Unabhängigkeits- rrklärung des Schnabels, die Souveränität des Maules an sich. Große Dichter sind dieser Souveränität der Papageien in der literarischen Kritik über die ganze Welt hin verpflichtet, bei bedeutenden politischen Aktionen ist es von größter Wichtigkeit, die nötigen Papageien bereit zu haben, und schließlich bleibt Schacht oder bleibt Schacht nicht, je nachdem er oder seine Gegner sich rechtzeitig um die Resonanz bei den Papageien der öffentlichen Meinung bemüht haben. Dabei habe ich noch gar nicht gesprochen von den Aerzten, die es in Zukunft leichter haben werden mit den Diagnosen. Man braucht jetzt in Fällen, wo man nichts weiß, nicht immer zu sagen, es sei ein Grippebazillus, sondern man nennt es einfach Papageienkrankheit. Ueberhaupt kann das bekannte Kar- nikel, das man immer suchen muß, wenn etwas in der Welt schief gegangen ist, heute durch den Papagei ersetzt werden. Der Junge, der sitzen bleibt, das Mädel, das abends nicht nach Haufe kommt, der Mann, der davonlaufen möchte, die Frau, die es nicht mehr aushält, sie habest einfach die Papageienkrankheit, und so ist alles erklärt. Jeder Bankerott, jede schlechte Bilanz,es kommt alles vom Papageienbazillus, dessen Häufigkeit ja nicht auffallen kann in einem ZeitaUer, das der Fortpflanzung der Papageien so günstig ist. Um ibrigens noch etwas Gutes von dem geschmähten Pier zu sagen, so gibt es eine Gattung, die man Die „Unzertrennlichen" nennt, weil nämlich die Pärchen so schön zusammenhalten. Wenn künftig im Reichstag noch einmal von Ehescheidung die Rede sein sollte, so kann man einen Vogelbauer mit einem solchen Käfig dabei aufstellen, was auch allen jenen Gatten empfohlen sei, die heute nicht mehr so friedlich-niedlich nebeneinandersitzen wie im ersten Lenz. Seht ihr nicht, ihr Papageien- hcindler, wie ich hier für eure Interessen eintrete? Liegt hier nicht wirklich ein Bedarf vor? Stellt also die „Unzertrennlichen" nur recht vorn und sichtbar ins Schaufenster. So wird der Papagei alles wieder gut machen, was er angerichtet haben soll ... .
Inwischen blühen also die Schneeglöckchen im Haag, und der Goldstrom fließt. Als ich das alles las, lag neben mir das neue Buch mit dem Titel „Generäle, Händler und Soldaten", das im Frundsberg-Verlag in Berlin erschienen ist und ächerlich nur in einem Bruchteil der Presse bespro- üen werden wird. Es müssen nämlich alle die schweigen, die mit jenem unbekannten Händler so ober so in Verbindung stehen, von dem in einem der Kapitel da die Rede ist. Es ging ja schon etwas darüber durch die Presse, und ich meine, man
sollte dieses Kapitel überall als Feuilleton drucken. Es behandelt die Tatsache, daß England während der ersten Jahre des Krieges über Dänemark und Schweden einen außergewöhnlich schwunghaften Handel mit Deutschland betrieben hat. Interessant, nicht wahr? Diese Unbekannten in der Londoner City haben dem englischen Soldaten an der grausigen Ppenffront gesagt, man könne Deutschland zwar nicht im Felde schlagen, aber man könne es aushungern und zermürben. Zur gleichen Zeit, in der sich also ob solcher Botschaft Hunderttausende totschießen ließen, haben sie dann ihr Geschäft mit dem Feinde gemacht, wofür wir sogar englische Zeugnisse haben. Da sie auch Baumwolle und überhaupt Stoffe lieferten, die zur Munitionsfabrikation verwendet werden konnten, so haben sie buchstäblich also die Waffen nach Deutschland geschafft, die ihren eigenen Soldaten den Tod brachten. Die Summe des Gelieferten ist so hoch, daß man ruhig sagen kann, es wäre der Krieg ohne diese Händler zwei Jahre früher zu Ende gewesen. Dergleichen las man bisher nur bei den Kommunisten, es ist aber gut, daß gerade auch die bürgerlichen Kreise es wissen. So sieht die Welt aus, und das ist ein Stück von jenem Moralsystem, das nicht nur das fiebente Gebot bedroht, sondern auch das sechste, die Ehe usw Es ist einfach das Evangelium des Profits und des größtmöglichen Genusses. Diese Leute sind es, die heute die Kommunisten unterstützen und morgen die Nationalsozialisten — auf die Namen kommt es nicht an. Sie sorgen mit ihrem Geld dafür, daß immer die arme Menschheit in Krieg und Haß bleibt. Indem sie beide Parteien gegeneinander ausspielen, leben sie selbst gesichert und in Freuden.
So viele Briefe liegen da vor mir, schon seit Neujahr, ich kann sie nicht alle persönlich beantworten. Wie soll ich das auch anfangen, diesem eine Stelle besorgen und jenem, und erst die komplizierteren Fälle, etwa einen armen Verwandten aus dem Irrenhaus retten, in das ihn die Niedertracht der Verwandten bei der Erbschaftsverteilung gebracht hat. Das Schlimme ist, daß man bei solchen Anklagen nicht urteilen kann, ehe man nicht die andere Seite gehört hat. Schon wollte ich mich jenes Arbeitslosen annehmen, der für ein kleines Vergehen ins Gefängnis wandern sollte, weil er nickst zahlen konnte — da lese ich in der Presse, daß die Sache doch etwas anders war. Zudem weiß ich von vielen Beamten, die in der Justiz arbeiten, wie man da doch kein Unmensch fein will. Immerhin zeigen mir so und so viele । Fälle, daß man gerade heute, wo es so viels | Schufte gibt, die alles ausnützen — ich denke an i jenen, der die Arbeitslosenversicherung in der Hand hatte und dessen erste Sorge es war, die eigene Frau nach unbekannten Methoden „arbeitslos" zu machen, um ihr so die Unterstützung zuwenden zu können — doppelt darauf allsten muß, daß nicht gerade der Unschuldige die Härte des Gesetzes spüre, der Unschuldige und der kleine Mann, der nicht die Mittel hat, wie jene Unbekannten aus der City von London, die wahrscheinlich noch heute ihr europäisches Banditenhandwerk treiben. Selbst für die Kirchensteuer gilt das. Irgendwo sollte neulich ein Toter noch diese Steuer zahlen, obgleich der Todesfall mitgeteilt worden war Nun, das kann vorkommen. Als aber die Sache richtiggestellt war, da erschien — natürlich durch das Versehen einer Nachgeordneten Stelle — noch einmal der gleiche Steuerzette! mit dem Vermerk: „Kirchensteuer todeshalber für ein Jahr erlassen." So wird man also noch die Auferstehung der Toten beschleunigen, damit sie wieder Steuern zahlen können. Als Petrus davon hörte, hat er listig gelächelt, dem getreuen Amtsschimmel ein wenig auf das Fell geklopft und gesagt: „Hier oben hast du wirklich nichts verloren und halt dich auch da unten möglichst von meinen Amtsstuben fern . . So traurig ist die Welt, und so lustig . . . '
Der ITCann im Monde.
Zur Stellungnahme des Sozialismus, des Kommunismus und Lolschewismus gegenüber dem Recht.
Von Landgerichtsdirektor Dr. Marr, Köln.
Rechtsansll)auung und Weltanschauung sind untrennbar verbunden. „Niemand vermag einen einzigen Satz über das Wesen des Rechtes auszusagen ohne in die Tiefe seines Welfgebäudes hinabzu- fteigen. Sein Weltgebäude ruht auf feiner Weltanschauung. Wer keine Weltanschauung besitzt, kann keine Rechtsanschcuung haben." (Hans Fehr in „Recht und Wirklichkeit").
Um die Weltanschauung ist es nun aber heute sehr eigen bestellt. Daher auch die Unsicherheit in der Erfassung wahren Rechts. „Heute im Zeitalter der erdgebundenen Lebensziele des Geldes, der Banken, der Zahl, der Maschine, leitet der größte Teil der europäischen Menschheit das Recht ob aus reinen Utilitätsermägungen. Das Recht gilt ihm als eine Sicherung feiner Interessen innerhalb der Volksgemeinschaft. Was ihm und seinem Volke nützlich erscheint, das ist sein Recht. Was diesen Nutzen nicht fördert, gilt als Unrecht. Und dabei ist Nutzen in den Köpfen der meisten als materieller Nutzen, als bequemer Lebensgenuß gedacht." (Fehr a. a. 0.) Das Recht wird nur höchst selten noch im christlichen Sinne als die Norm des Gemeinschaftslebens betrachtet, die den Freiheitsgebrauch des einzelnen einschränkt, soweit dies zur Erfüllung der allgemeinen Menschheitszwecke, die auf Höheres hinauslaufen, erforderlich ist. Das Recht erscheint vielmehr immer mehr als ein Ergebnis von Nützlichkeitserwägungen. Diese Nützlichkeitserwägungen wiederum find bei den verschiedenen Personenkreisen durchtränkt und beeinflußt von ganz versichedenartigen, oft geradezu entgegengesetzten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Auffassungen Und so werden denn auf dem Gebiete der Rechtsgestaltung Kämpfe zwischen Jndividualethik und Sozialethik, Individualrecht und Sozialrecht, Wirtschaft und Staat, Kapitalismus und Sozialismus usw. ausgefochten. Jede Machtgruppe nimmt ihre besondere Stellung zum Recht ein. Im folgenden sei einmal die Stellung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus zum Recht mit einigen Strichen skizziert.
Der Sozialismus betrachtet das zur Zeit in Deutschland bestehende bürgerliche Recht, von dem
zunächst die Rede sein soll, nur als den Nieder schlag einer falschen individualistischen Auffassung, die ganz einseitig kapitalistische Belange schütze. Die Sozialisten iehen mit H. de Man („Die Intellektuellen und der Sozialismus" — 1927 — E. 22) im Sozialismus „eine Erneuerung aller sittlichen und rechtlichen Grundlagen der Gesellschaft" Schon im „Kommunistischen Manifest" von Karl Marx, auf das die SPD. nicht weniger als die KPD', zurückgreift, ist die geltende Rechtsordnung nicht nur im Hinblick auf ihren Inhalt, sondern auch wegen ihres ganzen Wesens verworsen. Während nun aber die KPD. mit revolutionärer Schärfe gegen diese Rechtsordnung vorgeht, erwartet die SPD. ihren Erfolg mehr von einer allmählichen Aenderung der Wirtickiaftsverböltnisss im sozialistischen Sinne, denen sich das Recht dann einfach anzupassen habe. Zwecks Erreichung anderer Wirtschaftsverhältnisie wird aber auch nicht vor Klassenkampf zurückgeschreckt. Das Eriurte, Programm von 1891 enthielt u. a. eine ausrühr- liche Verwahrung gegen die gesamte ausbeuterische Rechtsordnung aller kapitalistischen Länder, dis nur durch den Klasienkampi gebrochen werden könne. Die allgemeinen Grundsätze des Erfurter Programms, insbemnbeie die Lehre vom Klassenkampf, der zur Diktatur d"§ Proletariats führt, sind dann im Heidelberger Programm vom 18. 9. 1925 beibehalten und gelten heute noch. Die demo- kratische Republik wird nur als ein Uebergargs« ftadium zur sozialistischen Revublik angesehen. Die neue Rechtsordnung, die dann kommen !oü, ist etwas völlig anderes als die jetzige, in der Weimarer Verfassung verankerte. Was sie, wenigstens nach dem Sinne der die Mehrheit bildenden Radikalen, bringen soll, sagt die kommunistische Parteischrift „Bürgerlicher Staat, Klassenjustiz und Proletariat", herausgegeben vom Zentralvorstand der „Roten Hilfe Deutschlands" (1927 mit folgenden Worten: „Durch die Klasi en Herrschaft erstrebt das Proletariat die Beseitigung aller Klassen. Damit wird alles Recht überflüssig. Recht ist nichts als legalisierte, systematisierte, normifierte Unterdrückung der einen Klasse durch die andere. Der
Der deutsche Außenhandel 1929.
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Deutscher Außenhandel 1929
Zahlen in Millionen Mark
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Zum ersten Mal seit Jahren weist der deutsche Außenhandel 1929 ein kleines Plus zugunsten der Ausfuhr auf. Rund 13 500 Millionen Ausfuhr stehen nur 13 450 Millionen Einfuhr gegenüber. Aber in den Ausfuhrziffern sind die Reparationsliefrungen in der beträchtlichen Höhe von 840 Millionen Mark enthalten, für die wir außer den Abbuchungen auf den Poungplan-Konten keinen Gegenwert erhalten.
M Ms» MA F Sonnabend,
großer Tomax-Maskenbafl
in den feenhaft dekorierten Räumen des Restaurants „Hohe nzoliern“. Zwei Kapellen. Eintrittspreise: Herren 1.50, Damen t Rm. „Tomax“-Motorrad- und Gesellschaftsklub Fulda*
Sein Lösing.
Tin Wiener Roman von Fanny Wibmer-Pedit.
Copyright by Ne-De-Ko, Münster i. W.
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Um ihn ist Ruhe. Sie schlummern und stöhnen le-se. §s brennt nur eine einzige Ampel und die ist verhüllt. Kur der Wachmann neben ihm stößt oft kurze, erschreckte schreie aus. Er kämpft und wehrt sich jede Nacht um sein nacktes Leben, waffenlos, hilflos preisgegeben. Jede Nacht wird er aus dem Auto gerissen, das ihn zum Dienstort hätte bringen sollen, wird geschlagen, zertreten und mit seinem eigenen Säbel halb zerfetzt. Es sind furchtbare Nächte.
Dann ist der Priester an Karl Müllers Bett. Er hat ihn kommen sehen, die anderen dösen. Wie ist er froh, daß sie seiner nicht achten und wie verachtet er sich. Feig, feig, zum erstenmal in seinem Leben! Er zwingt sich, dem Mann da vor ihm im langen, schwarzen Talar in die Augen zu schauen. Dies Gesicht, das sich über chn neigt, ist blühend noch, fast jung, aber voll abgeklärter Ruhe. Es ist auch voll Güte hingebungsvoll wie eine reife Frucht. — Oder ist es nur angelernte, ehrwürdige Geste? Sollten die anderen doch recht haben?
Er muß die Augen schließen, nicht nur müde von dem scharfen, fast abweisenden Schauen, auch beschämt, vor diesem rätselhaft tiefen, forschenden Blick. Angst tropft ihm das Herz zusammen vor der kommenden Demütigung Er fühlt, diesem ist er nicht gewachsen, er. der Sieche, Sterbende. Warum beginnt er noch immer nicht, warum fragt er nicht nach seinen Lastern und Irrungen? O. wie ihm graut! Statt all dessen greift der Priester nach seinem Puls und fragt dann leise: „Wie geht es Ihnen? Ihr Herz ist unruhig." _
Karl will ein Wort hervorwürgen, er weiß selber nicht, welches: er vermag auch keines zu formen in sei- rem lallenden Munde. _
„Mühen Sie sich nichr, ruhen Sie, ja, Sie haben roch Schwereres vor sich, aber haben Sie nur Der» bauen iu unseren tüchtigen Aerzten — und in Gott!
Sie haben schon soviel gelitten diese Zeit, opfern Sie alles auf, man glaubt gar nicht, was der Mensch alles aushält. Sie können wieder gesund und stark werden, nur Vertrauen, nur Gottvertrauen!"
Nach seiner Krankheit fragt ihn der? Vom Leben, vom Gesundwerden redet er ihm, nicht vom Sterben? Oder will er ihn nur zum Narren halten?
Bitter sagt er: „Sie wissen doch selbst, daß ich sterben muß, warum ruft man den Priester!"
In einer großen Traurigkeit zittern des anderen Worte: „Ja, Sie haben recht, man ruft mich meist erst, wenn .... und daß ein Sterbender stirbt, dafür kann der Priester doch nichts, daß aber, mein lieber Freund, daß Sie sterben müssen, das weiß ich nicht, weiß keiner von uns, nicht der beste Arzt mit voller Bestimmtheit, das weiß nur Gott!"
„Ich weiß es auch!" stößt Karl trotzig heraus.
„Dann will ich Ihnen gern helfen, Sie für diesen Weg vorzubereiten, dann wollen Sie wohl als Christ die Rechnung schließen mit dem Herrn, mein lieber Freund?"
„Ich bin fein Christ!"
Herausfordernd sagt es Karl Müller. Da wirft der Priester einen kurzen Blick auf den Kopfzettel, meint leise und noch gütiger: „Ein Taufbuchchrist sind Sie aber doch, und Sie haben mich gerufen."
Langsam löst sich auf Karls Gesicht der quälende Widerstand und mit einer schönen Offenheit gesteht er: „Ich stehe der katholischen Kirche, auch jeder anderen Religion schon seit meiner Kindheit ganz ferne, habe aber meiner Braut versprochen, die Sakramente zu empfangen vor dem Sterben."
Ein heller Strahl ist in des Priesters ernsten Augen, warm und tief klingen seine Worte: „Dann bitt ich Sie herzlichst, sich meiner schwachen Kraft zu bedienen, daß Sie Ihr Versprechen auch einlösen können. Erzählen Sie mir von Ihrem Leben und Leiden. Leben ist immer Leiden."
Karls stolzes, trotziges Herz liegt darnieder, nicht ge* äemütigt, aber in einer zitternden, staunenden Dankbarkeit. Es hat ihn noch keiner nach feinem Leben, nach feinen Leiden gefragt. Sollte wirklich Gott vor seiner Tür stehen?
Sie haben ihn gerühmt und verdächtigt, seine Pläne gefördert und gekreuzt, seine Kraft geschätzt und mißbraucht, sie haben ihn voll Begeisterung geliebt und voll Neid gehaßt, nur noch feinem Leben, seinem innersten Sehnen, und Armsein, nach seinen Leiden, hat noch keiner, keiner gefragt.
Und Karl Müller erzählt, und Quell um Quell springt aus dem Schuttberg feiner Verbitterung, aus dem gehäuften Irrtum feiner Einsamkeit. Trübe Wässerlein und klare Flut, alles in allem ein reißender Strom warmherziger Menschenliebe. Der vielgeschmähte Bruder in Christo hat den Arm um seine Schulter geschlungen, netzt ihm die rebegierigen Sippen, lauscht und lauscht, daß ihm keine der kostbaren Bekenntnisworte entgehen, preist und segnet im Stillen jenes Mädchen, das mit dem Mosesstab feiner Gnade ihm diesen Fels erschlossen.
Sie merken beide nicht, wie eifrig einige Patienten miteinander zu flüstern beginnen, wie der erwachte Nachbar seine roeinbufeligen Äugen aufreißt, wie er schluckt und würgt vor Wut. Dennoch wagt keiner ein lautes, rohes Wort, es ist etwas seltsam Bezwingenbes über die zwei Weltvergessenen gebreitet, etwas, das Achtung gebietet. Sie starren hin, wie sich der Priester die Stola umlegt, hohnlächeln über bas hl. Kreuzzeichen, das die weißen, stillen»Hände über den Betenden zeichnen.
Der Verhaßte nimmt Abschied von ihrem Genossen, als wäre er sein alter Bekannter, als wäre es fein Bruder. So ganz und gar nergefien sie, daß alle Menschen Brüder sind. Der Nachbar zur Linken aber zittert und bebt. Diese Gesichter, die kennt er, sie wecken das Grauen der unvergeßlichen Stunde, sie ist lebendig um -hn. Unbeirrt winkt der Scheidende jedem freundlich zu. einige stellen sich schlafend, der Humpelnde aber verstellt ihm den Weg, schnappt rouffchnaubcnb nach Luft und seine Stimme gröhlt heiser, halb trunken noch: „Wann du dir no arnat einertrauft, i banl di aus!"
„Wenn Sie non mir was wollen, dann bitte komm Sie auf mein Zimmer."
Karl Mütter vermag nichts gegen jenen Menschen, er ist zu sehr erschöpft.
Sein Nachbar aber winkt den Geistlichen zu sich, der
tritt an fein Beit und fragt nach seinem Wunsch. „Hochwürden, ich bin von weiter her. Sie wissen ja eh. a „Mistlbacher", mir macht das nichts, schlampig worden bin ich ja doch erst da in der Stadt. Die Braut da von Herrn Mütter hat heut meine Kinderln küßt, ist allrocil so gut zu mein' armen Weib, was das für mich ist — ich kann mich gar nicht anders erkenntlich zeigen, hörn' mir doch auch die Beicht ab, es tut nit schaden, man kann nichts wissen, ich bitt schön, daß mein Nachbar nit ganz allantg ist da . . ."
Was doch die Menschen einander zuliebe alles tun könnten, wenn sie wollten, denkt sich erschüttert der Priester und nimmt zum zweitenrnale die Stola heraus. Was irrt chn bas heisere Flüstern im Saal herum auch weiter noch, schaukelt auch sein Schifflein unruhig auf hoher stürmischer See, er weiß, heut ist ber Herr bei ihm. Hier an biefem Bett ist es ein stilles, frohes He-m» fommen, ber Rückweg noch nicht verwachsen unb verwildert, nicht irrend unb schmerzvoll.
Das alles zerstiebt vor Karls geschlossenen Augen, wenn er aufschreckt aus fernem Halbschlummer. aus d e- fem Bersunkenfein — er hat nie gewußt, daß es fo ein wonniges Rasten gibt, wenn er sich zur Wirklichkeit ermannt, schöpft er Gittas Rosenkranz von einer Hand in die andere.
Es ist wie reifes Aehrcnrauschen, und das Sommerland ist feine Seele.
Er kann nur spielen mit dem kleinen Wunderding, andächtig spielen. Rosenkranzbeten muß er erst brüb-n lernen. Drüben — er muß schon dort fein denn fo lang er gelebt, sind nie Wunder gefckiehen unb ist doch alles um ihn unb in ihm lauter Wunber. . . .
Jetzt aber will er ruhen unb rasten, alles alles isi von ber Seele ger-det. jetzt erst, — ist alles getan Ei bentt immer, was werben sie sagen, wie werden sie spotten, ob sie es erfahren ober nicht. Unb müßt er über bie Leiben feines Leibes hinaus noch das am bere Kommende ertragen, er fühlt, daß feine Kräfte reichen zum Kampf, daß sie reichen. eine zu beglücken bei er biefe Stunbe bankt. Daß sie reichen würben, — würden — wenn nicht bas Schicksal es so gewollt,
(Fortsetzung folgt)