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Dritter Sonntag nach Erscheinung.
Eingangslied: Pf. 96, 7—8.
Betet den Herrn an, alle seine Engel. Das hört 5'ton und freut sich; es jauchzen die Töchter Judas. Pf. ebd. 1.) Der Herr ist König; es frohlocke die Erde, die Schar der Inseln freue sich.
Epistel: Röm. 12, 16—21.
Brüder! Haltet euch nicht selbst für klug. Veraltet niemand Böses mit Bösem; seid auf das Gute bedacht nicht nur vor Gott, sondern auch vor allen Menschen. Lebt, soviel an euch liegt, niit allen Menschen in Frieden. Verschafft euch nicht sechst Rache, Geliebteste, sondern überlasset es dem Aorngericht (Gottes.) Es steht ja geschrieben: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr Wenn dein Feind Hunger hat, so gib ihm vielmehr zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. -Tust du das, fo samnielst du feurige Kohlen auf sein Haupt. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse durch das Gute.
Pauli Bekehrung.
Aus dem Werk: Die Apostelgeschichte. Kurze Bibelpredigten von Dr. Josef, Weingartner, 345 | Seiten, Preis brosch Rm. 4.30. Ganzleinen Rm
6.—. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck.
... Die außerordentliche Bedeutung, die Pau- fus nach dem Ratschlüsse Gottes für die Ausbreitung des Ehristentums erlangen sollte, zeigt sich einigermaßen schon in der außerordentlichen Art seiner Berufung, und dabei könne wir wieder sehen, wie Gottes Vorsehung in gleicher Weise natürliche Voraussetzungen und übernatürliche Gnaden verwendet, wie er natürliche und übernatürliche Faktoren organisch Zusammenwirken läßt, um seine Absichten zu erreichen.
Für eine Aufgabe, wie sie Paulus zugedacht war, waren auch ganz bestimmte natürliche ' Anlagen notwendig, brauchte es vor allem einen Mann voll flammender Begeisterung und rastloser Energie für seine Ideale und zugleich einen cholerischen Charakter, einen eisernen Willen, der das, was er einmal in die Hand nahm, nicht mehr losließ, der vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckte, der keine Furcht und keine Ermattung kannte.
.... Flammende Begeisterung für die Religion der Väter, ver,zehrender Eifer gegen jene, die er für die Feinde dieser Religion ansteht, Schwung, eiserne Energie und rastlose Tatkraft — alles das werden wir schon dem unbekehrten Saulus zubilligen müssen. Aber wie das Feuer iij, her anrechten Hand aus einer belebenden Kraft Bin verzehrendes Unheil wird, so auch diese Eigenschaften, wenn sie nicht vom rechten ®eifte gelenkt und gehandhabt werden. Saulus fehlt die ruhige Besinnung, die auch noch im Angesichte des Gegners die Züge des Bruders erkennt, und im übertriebenen Selbstvertrauen richtet er fein Tun nur nach dem ungehinderten Drange des eigenen Herzens ein und denkt nicht daran, sich ielbst strenge zu prüfen und Gott um Rat zu fragen. Saulus ist also der typische Fanati- k e r und das Urbild jener Losgänger, die trotz des besten und heiligsten Willens und trotz ihrer oft hervorragenden Qualitäten viel mehr schaden als nützen und denen die Worte des hl. Jakobus gelten: „Wenn aber bitterer Eifer und Parteilichkeit in euren Herzen ist, so rühmt euch nicht, denn diese Weisheit kommt nicht von oben, sondern ist »ine irdische, selbstsichere, teuflische. Die Weisheit aber, welche von oben kommt, ist lauter, friedfertig, bescheiden, voll Erbarmen, nicht parteiisch."
Es war nun hie Aufgabe, Saulus aus seiner bisherigen Richtung zu werfen und feine Gesinnung so umzuwandeln, daß seine natürlichen Anlagen nun erst ihre rechte Verwendung finden konnten. Gott hat dafür viele Wege, geht bald schnell, bald langsam vor und nicht nur die Aeschichte der Heiligen, auch unsere eigene Erfahrung zeigt uns in zahlreichen Beispielen dieses geheimnisvolle Wirken der Gnade, das die Menschen immer näher zu Gotk, immer näher zu ihrem eigentlichen Ziele zwingt. Bei Saulus hat Gott den raschen Weg gewählt, aber auch bei ihm änderte er nicht die Natur, den Charakter, die persönliche Anlage, sondern gibt ihnen nur ein neues.
besseres Ziel, läutert sie von ihren Schlacken und führt sie so erst ihrer wirklichen Vollendung entgegen.
Var allem war es notwendig, Saulus aus seiner falschen Selbstsicherheit zu reißen. Als Mann voll überströmender Lebensfülle, voll Tatendrang, voll aggressiven Feuers nahte er sich Damaskus, der blühenden Stadt, dem Auge des Morgenlandes, wie die Araber sie nennen, — plötzlich aber liegt er, von einer höheren Macht nie» dergedonnert, von einer himmlischen Lichterschei- nung geblendet, im Staube der Straße. Und als er sich wieder zu erheben vermag, ist er blind, und er, der als Verfolger, als Sieger in Damaskus ein- ziehen wollte, muß hilflos und mühsam von seinen Gefährten an der Hand in die Stadt geleitet werden.
Fest überzeugt, in allem die richtige Ansicht zu haben, seiner selbst und seiner Sache vollkommen sicher, hatte Saulus bisher vergessen, auf die Stimme Gottes zu hören, hatte nur dem Ungestüme seines eigenen Blutes gelauscht. Nun aber zwingt ihn Gott, auf ihn zu hören, nun kommt er seiner Stimme nicht mehr aus. Der, den er bisher verfolgt, an den er nicht geglaubt, stellt ihn selbst zur Rede, sagt zu ihm, daß er vergeblich gegen den Stachel ausschlage, d. h., daß er sich vergeblich gegen die Absicht Gottes zur Wehr setze und endlich, endlich dämmert dem selbstsicheren Manne die Erkenntnis auf, daß er bisher auf dem falschen Wege gewesen war, daß er einen anderen Weg gehen müsse. Aber seine Selbstsicherheit, fein Eigenwille, fein geistiger Hochmut ist dahin — nicht er selber, Gott soll ihm sagen, was er von ihm verlangt, und zitternd und blendend fragt Paulus, nun schon nicht mehr der alte Saulus: „H err, was willst du, daß ich tun soll?"
Nun ist Paulus dort, wo der Mensch fein muß, soll er ein brauchbares Werkzeug für Gott werden, soll er frei und bereit fein, nicht sich, sondern Gott zu leben, soll Gott wie auf einem willigen Instrumente auf ihm spielen können. Nun ist Paulus an diesem Punkte angelangt. Jedoch Gott antwortet ihm nicht iogleich, er will ihn noch prüfen, er will ihn feiner eigenen Unzulänglichkeit noch tiefer bewußt machen und verweist ihn auf die Stadt, wo er das Weitere hören soll. Und blind und vor tiefer Erschütterung drei Tage lang unfähig, etwas zu essen oder zu trinken, kam er dort an.
Die kathol. Arbeiterbewegung.
Die zwei wichtigen, für den Arbeiterstand lebensnah endigen Organisationen, der Kartell- verband der christlichen Seine r k s ch af- ten und die konfessionellen Arbeitervereine bemühen sich, die christliche Arbeiterschaft rar der drohenden Erfassung durch die antichristlichen Gewerkschaften zu schützen Die deutsche Arbeiterbewegung wurde nämlich von vornherein in ein kirchen - und christ entum sfeindliches F a h r w a s s er gelenkt. Die marxistische Gedankenwelt übte auf die deutschen Arbeiter einen erheblichen Einfluß aus. Diesem verderblichen Wirken gegenüber mußte ein Damm aufgeworfen werden. Es fanden sich bald Männer, die vom christlichen Gewissen gefreben, in die Fußtapfen eines Frei- Herrn von Kettcler, Bischofs van Mainz, traten, und die ein tiefes Verständnis für die soziale Dalksnot hatten.
Dieses Ziel, den unheilvollen Einfluß des Marxismus unter den christlichen Arbeitern zu hemmen, vertreten auch in ausgeprägter Weife die konfessionellen Arbeitervereine, wie Papst Pius XI. in seinem Antwortschreiben auf die Adresse des Reichsverbandes der katholischen Arbeitervereine erklärt hat. I» diesem, von Kardinalstaatsfekretär Gasparri unterzeichneten Schreiben an Msgr. Karl Walterbach heißt es: „Zur rechten Zeit bekämpft ihr auf dem Fundament der ewigen Wahrheiten, von denen sich die soziale Lehre der Kirche leiten läßt, die neuen Trugschlüsse derer, die die Lehre des Evangeliums vom irdischen Leben und von den Gütern dieser Welt falsch verstehen und deshalb glauben, daß sie gleichzeitig gute Katholiken und Sozialisten sein ober mit den Sozialisten spyrnpa- thisieren können ober sogar müssen.
Jnbem ihr die Arbeiter vor diesen falschen. Lehren bewahrt, zeigt ihr, daß ihr die feierlitbr
Mahnung wohl verstanden habt, die der Heilige Vater im Konsistorium vom 18. Dezember 1924 an die Gesamtheit richtete, alle Kräfte aufzubieten, um die äußerst schweren Gefahren und die ganz sicheren Schäden des Sozialismus und Kommunismus fernzuhalten."
Die christliche, vorab die katholische Arbeiterbewegung hat ihre Aufgabe nicht allein in der Abwehr einer marxistischen Gedankenwelt gesehen, sie hat in den dreißig Jahren ihres Bestehens auch positiv an der Hebung des Arbeiter st andes gearbeitet. Wir sagen, des Arbeiter st an d e s, da die christliche Arbeiterbewegung den Klalsenkampf grundsätzlich a b l e h n t. Die christliche Arbeiterbewegung will auf dem Wege der Selbsthilfe die Arbeiter zu mit- arbeitenben Menschen in das Wirtschaftsleben einordnen. Der christlichen Arbeiterbewegung liegt eine bedeutende Kultursendung ob. Als Freie sollen die Arbeiter in voller Ebenbürtigkeit in der Volksgemeinschaft mit Bauern und Bürgern leben, mit den Unternehmern zusammen deutsche Volkswirtschaft pflegen. Die christliche Arbeiterbewegung sieht in Tarifverträgen und sozialen Gesetzen nicht das Letzte. Sie will eine Arbeiter- ftanbestultur schaffen, sie will eine Kulturgestaltung der Wirtschaft veranlassen und fördern.
Die katholische Arbeiterbewegung hat auch für die soziale Hebung des Arbeiter ft an- des viel getan. Kardinal Gasparri hebt dies in dem erwähnten Schreiben hervor: „Es freut den Heiligen Vater, in eurem Schreiben den Nutzen hervorgehoben zu sehen, den die katholischen Vereine stiften, sei es dadurch, daß sie für zeitgemäße staatliche Maßnahmen und Schutzgesetze eintreten, sei es dadurch, daß sie die Mitwirkung der Arbeiterorganisationen fordern, sei es durch Disziplinierung des Verbrauches, durch vorsorgliche Mehrung der Ersparnisse sowie durch die für eine glückliches und ehrbares Ehe- und Familienleben notwendige Beschaffung gefunkt Wohnungen. Alles Dinge, die zur Verteidigung der Rechte des Arbeiters und zur Steigerung seines Wohlstandes dienen, vor allem gegenüber der Uebermacht der modernen Riesenin- d u ft r i e."
Was die christlichen Gewerkschaften alles erstreben, ist von ihren fähigsten Köpfen auf dem 12. Kongreß der christlichen Gewerkschaften, der Mitte September in Frankfurt am Main stattfand, bar« gelegt worden. Die katholisch-christliche Arbeiterbewegung baut sich in die k a t h o l i s ch e A k t i o n ein, wie Kardinal Gasparri in dem genannten Schreiben deutlich hervorhebt: „Die katholische Aktion besteht ja in her Beteiligung der Laienwelt am hierarchischen Apostolat und zielt dahin, die katholischen Grundsätze auf allen Gebieten — das der Wirtschaft nicht ausgeschlossen — zu wahren, zu verbreiten und in die Tat umzu- setzen. Daher wird jeder verstehen, welch mächtigen Damm die auf diese Aktion sich stützenden katholischen Vereine der Ueberftutung durch den Sozialismus entgegenstellen."
Die christliche Arbeiterbewegung hat schon viel erreicht. Sie hat an dem Aus- und Ausbau unserer sozialen Gesetzgebung tatkräftig mitgearbeitet. Sie bewirkte einen steigenden Anteil der Arbeiterschaft am gesamten Erlös der Produktion, direkt durch Erhöhung der Löhne, indirekt durch Verkürzung der Arbeitszeit. Sic hat auch die Grundzüge eines Arbeiterrechtes geschaffen. Wir wünschen der christlichen Arbeiterbewegung noch ein weiteres gesegnetes Wirken.
ftafljolifdje Kirche von henke.
Eduard S P a n g e r kennzeichnet die Lage des deutschen Katholizismus in seinem Buche „Das deutsche Bildungsideal der Gegenwart in geschichts- philosophischer Beleuchtung" in seiner Weise, die jede katholische Kleinmütigkeit beschämen muß. — Er schreibt: „Die Lage der katholischen Religion und Kirche in Deutschland ist viel günstiger als die der Protestanten, besonders des Luthertums. Noch aus Anlaß des Katholikentages von 1905 konnte Freiherr von Hertling die Stellung des deutschen Katholizismus dahin kennzeichnen: „Wir sind zurückgeblieben, wir haben uns überflügeln (affen"; und gleichzeitig ließ der Freiburger Buchhändler Waibel eine Broschüre unter dem vielsagenden
Titel erscheinen: „Catholica sunt non leguntur". Seitdem hat sich das Verhältnis beinahe umgekehrt.
NILS
Die katholische Kirche konnte nach dem allgemeinen Zusammenbruch ihre Scharen am schnellsten wieder sammeln; denn sie ruht nicht nur auf dem Boden einer jahrtausendalten, die Völker umspannenden Tradition, sondern ihrem Prinzipe nach auf dem Ewigen und Absoluten selber. Es ist kein Zweifel, daß schon vor der politischen Katastrophe, die der katholischen Weltanschauung nahestehende Philosophie, die sich mitten in den logischen Absolutismus hineinstellte, die stärkste Wirkung entfaltete. — Ebenso erwies sich die katholische Geschichtsauffassung als weit genug, um die besonderen Aufgaben der historischen Gegenwartslage zu erkennen, sie zugleich aber mit dem lieber« zeitlichen in sinnvoller Verbindung zu halten. In der Praxis wurde die neue Sozialpol itif, die Methode des Parlamentarismus und die Jugendbewegung dem ehrwürdigen Ge- bäude mühelos eingefügt. Die ganze Weither« zigkeit der Kirche gegenüber den Er« scheinungsformen des natürlichen Lebens, soweit sie an das Prinzip nicht rühren, ihre ganze Äuffassungsfähigkeit gegenüber den politischen Aufgaben und geistigen Situationen, bewährt sich von neuem. So ging in vielen Beziehungen die Führung des deutschen Geisteslebens in das katholische Lager über; ihr alter Besitzstand wurde nicht nur behauptet, sondern manigsach erweitert. Gleichviel, ob sich damit der Anfang einer neuen Kulturlinie anbeutete oder nur die Tatsache, daß fick hier alte, hohe Geistesformen über alle Stürme hinaus als lebensfähig erwiesen hatten: keine Religion und keine Organisation steht heute fester da als der Katholizismus."
Eduard Sprenger (geb. 1882) ist P r o t esta n t. Er wurde 1912, mst 30 Jahren, ord. Professor an der Universität in Leipzig, 1919 in Berlin, und beschäftigt sich als Professor der Philosophie hauptsächlich mit der Philosophie der Geisteswissen- schäften, der Ethik und Pädagogik. In Berlin besitzt Spränget noch sehr großen Einfluß in allen Fragen der Erziehung. Religiös neigt er zu einem ethischen Pantheismus. Die religiöse West ist ihm „ein ins Gegenständliche übersetztes Symbo' sehnsüchtiger Gefühle".
Spranger ist somit ein ganz unverdächtiger Ge. währsmann.
Kleine Mitteilungen.
Reue Konfessionssialifiik aus der Tschechoslowakei.
Aus Prag erhalten wir wichtige Angaben über die nationalen und religiösen Verhältnisse in Böhmen, Mähren und Schlesien, desgleichen über die Tschechoslowakei. Demnach werden unter den Tschechen Böhmens, Mährens und Schlesiens gezählt: 5 211 463 Katholiken, 160 000 Protestanten. 519197 tschechische Schismatiker (Nationalkirche), 695 557 Konfessionslose, 43 395 Juden, 1755 Griechisch-Orthodoxe, 1437 Altkatholiken. Die Deutsch e n in den gleichen Landesteilen gliedern sich in religiöser Beziehung in: 2808772 Katholiken, 88 987 Protestanten, 35 143 Altkatholiken, 39 832 Juden, 15 794 Konfessionslose. Aus diese: Ausstellung ersieht man die Verluste der katholischen Kirche nach dem Umsturz. In den genannten drei Ländern gab es unter der österreichischen Regierung fast keine Konfessionslosen. Ein äußeres Zeichen der leider erfolgreichen Kirchenaustrittsbewegung bei den Tschechen ist es, daß die Altstädter Marienstatue vor der Theinkirche, einst das Wahrzeichen Prags, in den Revolutionstagen beschädigt und entfernt worden ist, ohne daß sich auch nur eine Hand bis heutigen Tags dagegen ge- rührt hätte. Da auf dem Altstädter Ring jetzt das Husdenkmal Aufstellung gefunben hat, bürste vorerst ble Frage nach ber Wieberaufstellung her Ma- rienftatue auch kaum bisfutierbar sein. — In bet Slowakei ist bie konfessionelle Glieberung foi« genbe: Von ben Slowaken sino 1 544 461 Katholiken, 91 343 griechisch-katholisch, 338 890 Protestanten. Ruthenen gibt es 82 844 griechisch-katholische. Die Deutschen zerfallen in 97734 Katholiken unb 32 763 Protestanten. Auf magyarischer Seite gibt es 448117 Katholiken, 154 030 Protestanten. An Iuben zählt bie Slowakei 130000. Die Zahl ber Konfessionslosen ist in ber Slowakei ganz gering.
MnWerküberThereseNeumann
Bei einem Besuche, den ich im Oktober 1928 zusammen mit einem meiner geistlichen Brüder in Sanners« reuth machte, nahm ich Gelegenheit, auch an der Türe rnzuklapsen, hinter der ich den ehemaligen Schriftleiter ber „Münchener Neuesten Nachrichten" und Berufshisto- eiker, Herrn Dr F. G e r l i ch an der Arbeit wußte. Es war im Pfarrhafe, erstes Zimmer rechts. Ich sand einen sehr liebenswürdigen, aber auch sehr beschäftigten Herrn, umgeben van Tabaksrauch, etwas „verschnupft" infolge des naßkalten Wetters. Nicht nur der Tisch, son- bern auch die Stühle um ihn herum waren mit beschriebenen Papierbogen belegt, die erst zusammenge- fchoben werden mußten, um Sitzgelegenheit zu schaffen: ich wurde lebhaft an P. Denifle O. Pr. in der Bia S. Sebaftianello in Rom erinnert, da hatte es so ähnlich ^usgesehen. War eben auch ein Gelehrter und Historiker. Was damals noch in Konnersreuth an beschriebenen Papierbogen umherlag, liegt mir heute zu zwei stattlichen Bänden angewachsen, fein säuberlich gedruckt Und elegant gebunden vor, das Werk: „Die Stigmatisierte von Konnersreuth".
Beim Auffchlagen des ersten Bandes fällt unser Blick sofort auf ein ausgezeichnetes Bild Therese Neumanns, bas wohl selbst seine eigene Geschichte hat, denn Therese »erhält sich gegen alle Zumutungen, sich selbst darstellen $u lassen, entschieden ablehnend. Soviel wissen mir, daß sehe anderweitige Wiedergabe dieses hervorragend gelungenen Bildes sehr ernste Folgen nach sich zöge. Jawohl, das ist Therese Neumann oder besser gesagt: so sieht sie manchmal wirklich aus. Denn ich sand nie einen Menschen der fo vielen Veränderungen in feinen Zügen unterworfen ist wie die Stigmatisierte von innerster'*
Wir haben schon früher mitgeteilt, von welchen Grundsätzen sich der Berfasser dieses Werkes hat leiten lassen. Obenan stand ihm das Gebot, „nicht falsches Zeugnis zu reden" und so hat er die Dinge, wie er sie gefunden, getreulich festgehalten, hat das schon halb Vergessene mühsam wieder aus der Vergessenheit hervorgeholt, hat bas scheinbar unrettbar Verwirrte entwirrt, hat Ordnung in das gebracht, was nach zahlreichen, sich wissenschaftlich benennenden Schriften zu Chaos geworden war und damit nicht nur weiteren Phantasien den Boden entzogen, sondern auch die Beweisführung ermöglicht, wie wenig solche medizinische Arbeiten in festem Tatsachengrunde verankert waren und sind.
Niemand weiß, welche Zukunft Therese Neumann vorbestimmt ist, aber das ist sicher, daß noch keine Stigmatisierte zu Zeiten, da der Nachweis aller Einzelheiten noch möglich war, je einen so gründlichen und unparteiischen Biographen gehabt hat. Er entrollt vor uns die ganze Lebensgeschichte bis zu dem bekannten Brande, der dann so außergewöhnliche Folgen hatte. Er erzählt uns nach mühsamen Rekonstruktionen unter Heranziehung aller Beteiligten und ihrer Zeugnisse eine Krankheitsgeschichte, die in all ihren bisher größtenteils unbekannten Einzelheiten etwas ganz anderes ist, als uns Professor Ewald und seinesgleichen bisher aufgetischt hatten. Es ist aber auch eine Krankheitsgeschichte, die menschlich betrachtet, viel trauriger ist. als alles was mir uns bisher darunter vorstellten. Erst von diesem in aller Nüchternheit vorgetragenen Hintergründe von Jammer und unheilbaren Elend heben sich die plötzlichen Heilungen richtig in ihrer wahren Natur ab und zwingen zu dem von Dr. Gerlich wider seine eigene Weltanschauung gemachten Geständnisse, hab k-e „natürlich
nicht erklärbar sind", also nur übernatürlich zustandege- kommen sein können.
In gleicher Sachlichkeit werden die Schauungen und das Auftreten der von den Wundmalen begleiteten Passionsekstasen, die Sühneleiden und Stigmenblutungm mitgeteilt, wobei jedoch abgesehen von einzelnen Aufzeichnungen Herrn Pfarrer Nabers die Erlebnisse Dritter, wie wir sie in unserer eigenen „Konnersreuther Chronik" der Oeffentlichkeit übergaben und demnächst wieder übergeben werden, nicht berücksichtigt wird.
Der zweite Band befaßt sich fast ganz mit der Beantwortung der Frage: Ist Therese Neumann hysterisch? Nochmals zieht der ganze Krankheitsverlauf an uns vorüber, aber diesmal nur als Mittel zum Zwecke, um die Richtigkeit der bisherigen Urteile der Vertreter der medizinischen Wissenschaft gründlichst nachzuprüfen. Hier stößt er vor allem auf Professor Ewald, der als Vertreter des „Nur-Hysterie"-Stanb- punktes mit feiner Arbeit führend dasteht. Hier reiht sich nun bei Gerlich der Nachweis eines „schweren Verstoßes gegen die Tatsachenerforschung" an den anderen, der Nachweis der Nicktberücklichiigung bereits vorliegender Feststellungen. Alle Mängel, die sich aus mangelhafter Untersuchung ergeben, habe „Ewald als Verstöße gegen die wissenschaftliche Methode zu verantworten. Für sie gibt es keine Entschuldigung." Und zusammenfassend 'stellt er fest: „Die Krankheitsgeschichte, die Ewald schildert, ist jedenfalls nicht die der Therese Neumann. Wir haben aber hier nicht die Frage zu untersuchen, ob eine Kranke, die den von Ewald angenommenen Krankheitsverlauf aufweist, als hysterisch anzusehen ist. Da er seine Arbeit „Die Stigmatisierte von Konnersreuth" überschreibt, haben wir das Recht zu beanspruchen, daß die Geschehnisse und Erscheiungen, die
er seinem Gutachten zu Grunde legt, auch wirklich die der Therese Neumann sind". Und Prof. Ewald muß sich gefallen lassen, daß ihm gesagt wird, was er geschrieben hat, sei nicht eine „gutachtliche Stellungnahme" unb ein „Untersuchungsbericht", sondern nur ein „medizinischer Roman". Aehnlich ergeht es Geheimrat Specht, der Ewald bescheinigt hatte, er habe „mit einer nicht mehr zu übertreffenden Sorgfalt und Wissenschaftlichkeit" seine Untersuchung vorgenommen. Auch die übrigen „Sachverständigen" wie Dr. von W e i s l, Dr. F a i ß t, Dr. N i e ß l von M a y e n d o r f. Dr. Stephan. Dr. Schulz kommen nicht besser weg. wobei ihnen immer neue Verstöße gegen die Tatsachen nachgewiesen werden und Dr. Gerlich gesteht, daß er bei der Prüfung ihrer Arbeiten „keine Gelegenheit hatte, über Ausführlichkeit und Gewissenhaftigkeit erstaunt zu fein, sondern nur darüber, daß die Arbeiten allgemein das Gegenteil zeigten. . . .
Eine Untersuchung der Therese Neumann durch einen Arzt, die den wissenschaftlichen Ansprüchen der Schulmedizin genügt, liegt ... bis heute nicht vor Die Urteile, die diese Arbeiten enthalten, gründen sich auf eine völlig unzulängliche Kenntnis der Geheimnisse unb sind deshalb ausnahmslos als ro e r t Lo s zu erachten."
Die Schlußkapitel des zweiten Bandes behandeln noch die Lebenserhaltung der Therese Neumann", „bie Wiedergabe fremder Sprachen", „die hist. Glaubwürdigkeit der Therese Neumann", um dann mit dem Ausdruck der Ueberzeugung zu schließen, daß die Angaben, die ei „in der Lebensbeschreibung der Therese Neumann vereinigt hat, historisch und kritisch zureichend beglaubigte Tatsachen sind .. unb daß der Gesamtfall Therese Neumann nicht natürlich erklärbar ist."
Friedrich R. von Lama.