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Sprüche für die Frau.

Je mehr wir unsere Kinder lieben, um desto weniger fattn uns das genügen, daß sie nur in unsere Fußstapfcn treten; sondern di« Kinder sollen besser werden als die Wern waren, und so ein jedes Heranwachsende Ge- schlecht sein erzieherisches überragen zu seiner Zeit.

F. E. D. S ch l e i e r m a ch e r.

*

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel

Und drängt durch alles sich;

Sie ist ohn Unbeginn, schlug ewig ihre Flügel

Und schlägt sie ewiglich.

Matthias Claudius.

Geiz und Verschwendung.

Von Dina Ernstberger -Reunkirche^ am Brand.

Geiz und Verschwendung! Der Vater der beiden heißt: Geld. Wehe den Menschen, die unter ihrer Anute stehen. Sie tragen Unfrieden und Unruhe in die Herzen und sie bringen alle Keime geistigen Lebens zum Absterben.

Selten hat ein Geiziger oder Verschwender eine Ahnung von dem Glück, das wir als das Höchste er­kennen, das aus dem inneren Reichtum fließt, und nie­mals wird ein Innerlicher, einer der mit geistigem Auge sehend durch das Leben geht, mit einem Geizigen oder Verschwender tauichen wollen. Dieser mag nach außenhin bettelarm, tief im Innern trägt er reiches Gold und Edelgestein, viel kostbarer als jene Schätze, die der Dem Geizigen geben seine Schätze keine Befriedigung, ziellos hinauswirft. Ob Geiziger oder Verschwender der Untugend fällt die Ruhe des Herzens und der Frieden der Seele zum Opfer; dem Innerlichen aber trägt sein Gold reichliche Zinsen, Seelenruhe und Frieden und echtes Glück.

Das Herz, das so viel am äußerlichen hängt, hat keine Zeit sich mit dem Innerlichen zu befassen. So verpaßt der Geizige und der Verschwender in der Jagd nach Besitz und Geld die höchsten Güter des Lebens Dem Geizigen bgsen seine Schätze keine Befriedigung. Die Sorge, er möchte sie verlieren und die Gier nach mehr" läßt sie ihn nicht genießen. Im Gegenteil. Ruhelos sucht er Gold auf Gold zu häufen, die Sorge quält, der Reid peinigt ihn; er gönnt sich und anderen nicht das Notwendigste und empfindet im Ueberfluß alle Qualen bitterster Armut.

Der Verschwender genießt zwar, aber unnütz, zweck­los, meist sich zum Verderben. Die Verschwendung hat häufig Mangel, Armut und Schande geboren. Arm fühlt sich ja letzten Endes nur der, welcher nie satt .n materiellen Gütern bekommt.

Es ist ein breiter Weg, den Geiz und Verschwen­dung gehen, er führt zum Laster. Das Verbrechen

geschieht nicht Knall und Fall; nicht über Nacht wird Tugend zum Laster und Schüchternheit zur Frechheit. Solchen Handlungen gehen immer vorbereitende Hand­lungen, die in die Tiefe führen, voraus. Nur ftufen- weis führt der Weg-zum Verbrechen und der Uebergang von einer Stufe zur anderen vollzieht sich ganz unmerk­lich. Der erste Schritt nur bereitet Kampf. Ist der aber einmal geschehen, dann geht es leicht und rasch vorwärts auf abschüssiger Bahn.

Ein erster Schritt zum moralischen Niedergang ist auch der Geiz und die Verschwendung. Was tut der habgierig« Egoist nicht alles. Er schreckt vor keiner schlimmen Tat zurück, wenn er seinen Nutzen sieht. Er kennt nicht Nächstenliebe und Mitleid und Barmherzig­keit; sein Herz ist verhärtet gegen Not und Jammer; sein Ohr überhört den Hilferuf des Versinkenden, weil es nur an das Klingen des Goldes gewöhnt ist. Er hat weder Geld noch Brot für seinen hilflosen Nächsten, denn er muß Tag und Nacht Vorräte sammeln, Berge auf Berge häufen für ber. eigenen Bedarf. Und dies Errungene füllt sein ganzes Denken aus. Es ist das Einzige um das er lebt, für das er kämpft. In ständi­ger Sorge um seinen Götzen verfließen die Tage n Sorge und Pein, weder Genuß noch Freude bringt ihm das Leben; schauernd denkt er an Alter und Tod. die ihm seine Schätze rauben wollen. Für den Geizigen hat das Leben weder Blumen noch Sonne. Peinigende Sorge führt ihn durchs Leben, grauendes Entsetzen er­wartet ihn an der Todespsorte. Noch schneller als Geiz führt die Verschwendung zum Verbrechen. Der Gerichts­saal weiß davon zu erzählen. Verschwendung ist 'm- mer mit Leichtsinn und Genußsucht gepaart. Der Ver­schwender will nur genießen. Er kennt kein höheres Gut als das Leben, an das er sich anklammert, ohne zu überlegen, daß er selbst jeden Tag durch seine Aus­schweifungen die Axt an seinen Lebensbaum setzt. Er ist ebensowenig wie der Geizige zu geistigem Höhenflug befähigt. Und kommt die Zeit, wo das Schicksal der Verschwendungssucht die Grenze setzt, wo Reue und Not den Ueberfluß von seiner Schwelle scheuchen, so ist es zur Umkehr meist zu spät. Der Weg geht weiter n die Tiefe. Es gehört viel moralischer Mut dazu, durch Verschwendung verschuldete Armut zu bekennen. Vei- ichwender kennen Mut und Widerstandskraft nicht, die Genußsucht hat sie feig und verweichlicht gemacht. Zum geistigen Aufstieg fehlt die Kraft, man wird eher Ver­brecher, als reuiger Büßer. Weder der Verschwender noch der Geizioe erreicht ein hohes Alter. Den einen verzehrt die Sorge, den anderen die Ausschweisung. Zwischen Geiz und Verschwendung steht die Sparsam­keit. Weise vornehme Sparsamkeit ist eine segenspen­dende Tugend, die nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Wo vernünftige Sparsamkeit im Hause herrscht, da ist auch Zufriedenheit und glückliche Häuslichkeit und Wohlstand zu finden. Und sei die Hütte noch so klein und der Verdienst noch so kärglich, die Hausfrau, die es versteht, die Ausgaben ihrer Haushaltkasse nach der Decke zu strecken, wird in ihrem Hause nie das Gefühl bitterer Armut haben, das der Begüterte sehr oft mit all seinem Reichtum kostet, einzig weil er nicht versteht, seine Ansprüche an das Leben seinen Verhältnissen an­zupassen und weil ihm Sparen und Entbehren in der Kinderstube nicht gelehrt wurde.

Vorläufer der Arühjahrsmode.

Von Emmy F i c u s - Frankfurt a. M.

In diesem Jahre liegt in Florenz die Strohhutindu- strie noch brach, während sonst um diese Zeit der Ein­kauf schon stark einsetzte. Allzu viele Exoten blieben bei den ausländischen Großisten am Lager zurück. Florenz bestimmt zwar nicht die Formen und Farben der Hüte, aber nach den Bestellungen richten sich die Detaillisten. Paris erteilte Auftrag in feinhalmiger Ware, in Ra- cell- und Pedalinstroh, auch in billigen, buntfarbigen Geflechten. Amerika bestellte mehr Crochets, das sind gehäkelte Hüte aus slorentinischen, sehr weichem Vipa- Stroh. Das bevorzugte Material der Sommersaison 1930 wird also Raeello sein, Disea sowie hochglänzende Bortenhüte. Für den .^oergangshut bevorzugt jedoch in unseren Gauen Seide, und zwar Crepe Sa­tin, Duchesse, Moiree sowie Cire in Verbindung Racellvborten. An Farben dominieren Schwarz, Ma­rone, Bronze, Myrte, Bischoflila und Weinrot, bis dir Sonne auch hellere Töne ins Modenbild zaubert.

Die Hutformen bleiben im Frühjahr vorerst klein und beschränken sich auf durchaus individuell geformte und gefaltete Hauben, Kappen, Baretts und Toques. Einzelne gleichen dem um den Kopf geschlungenen Sei­dentuch der Bäuerin, viele erinnern an Feuerwehr­helme, andere an Lokomotivpuffer. Jedenfalls läßt die Vorderkrempe immer mehr von der Stirn frei, wäh­rend die Nackenlinie markiert u. die Wange oft einseitig «ingerahmt wird. Das wirkt bei scharfen Zügen oder schmalen, ältlichen Gesichtern oft so unvorteilhaft, daß man lieber zum Südwester ober zur Capeline raten sollte. Auch der leichte Stirnschleier oder die Stirn­löckchen mildern und verhüllen unschöne Falten und Härten, die unnötig alt machen.

Man prophezeit von Paris aus als Frühjahrneu­heit Complets, bestehend aus Georgettenmänteln mit Hermelinkragen, aus Georgettenkleidern und Figaco- jäckchen. Dieses Ensemble ist sowohl für mildere Zo­nen als für gespicktere Geldbeutel gedacht, nicht für die unseren. Für uns gelten sportliche Mäntel und Kostüme aus Tweed, Duvetine oder Tuch mit weitem Rumpsteil, hoch angebrachtem Gürtel und ungezwun­genem Raglanschnitt. Als neueste Mode dürfte die kurze Pelerine gelten, sowie flatternde Capeteile und schalartige Kragen mit lang herabfallenden Enden. An­liegende Taillen an tarierten Mänteln, kurze Jäckchen in Herrenfasson beherrschen das Modebild. Daneben sieht man Schneiderkostüme aus grauen,, blaugrauen oder melierten Shctlandstofsen mit Herren,Reverskra­gen. Die Pelzkragen deuten nur noch ihren dekorativen Zweck an. Dreiviertelmäntel aus feinen, pastellfarbe- nen Wollstoffen werden halbanliegeird gearbeitet, mit Seitenglocken und Schienennähten oder mit Steoperei, Blenden und Schnittverzierung. Eine große Neuheit ist das Capekostüm aus Wollstoff mit Chinakrevpblufe.

Bei den neuen Stoffen ist das kleine Muster Trumpl. Besonders beliebt ist das kleine Broche-Desstn, auch Crepe- und Jmpimiestosse machen sich breit. Statt ber Blumenranken zieht man geometrische Figuren bei be­druckten Stoffen vor.

Mit der erhöhten Taillenlinie kehrt auch die Bluse wieder innerhalb des Rocks zu tragen, teilweise mit steisgestörkten Bubikragen. Selbst die gestrickten Jum­

per zeigen steife Leinenkragen. Sonst wirken aber die Blusen durch Schleifen, Jabots, plissierte Ruschen und A-rmelvolants, die Pullover durch phantastische Gurlec.

Zum Sommer wird eine Hausse in weißen ßingerte- kleidern erwartet, mit Hmd-Ajours, seinen Saumchen und Weißstickerei, mit lcuchtendroten oder kornblumen­blauen Gürteln, Schals ober Kreppjackchen. Wer a-.D gerne stickt, mag schon jetzt für feinen we,hen Sommer- ftaat sorgen und den Stoss mit Weihst,ckere, schmuckem

Elegante Kleider stellt man aus Spitzen und Tun arecque her, dem neuesten grobfäbigen Bienenwaben- tijll. Die. Modefarbe ist noch immer braun m allen Zwischentönen und Abstufungen von Kapuziner und Milchkaffee bis zum hellsten Blond. Nur die Strumpf­werden immer dunkler! Den neuesten FarbenNaaft- schatten" undKanonengrau" werden sich jebom >m Frühjahr fröhlichere Farbtöne beigesellen.

Dom Feirer-Anmachen.

Von Elfriede Schirmer-Kassel.

Manche Hausfrauen haben mit dem Feueranstecke, die größte Mühe, besonders auf dem Lande, wenn Gae ober Elektrizität als Behelfsmittel nicht vorhanden sind Deshalb ist es gut, wenn man einige Kniffe kennt, di« das Anfachen des Feuers erleichtern. Daß man sich ta- bet nicht des Petroleums ober Spiritus bedient, foll.e eigentlich eine Selbstverständlichkeit fein, die man n chl mehr erwähnen müßte. Vor allem follte die praktuche Hausfrau alles irgendwie fetthaltige Papier zum Feuer- Anmachen aufheben, auch alle Wachsrefte, Stearin« stümpchen werden sorgsam gesammelt und beim An- feuern verwendet. Das Holz muß möglichst klein ge­spalten und ganz trocken sein. Die besonders harzi­gen Holzstücke verbrennt man nicht unter Tage, son- bern hebt sie zum Anseuern auf. Will das Feuer nicht gleich brennen, fo liegt dies mitunter auch am Kamm, den man erst erwärmen muß, was man mit einer zu- fammengerollten Zeitung, die am einen Ende ange« steckt und in den Kamin gehalten wird, recht gut be­werkstelligen kann. Den nötigen Zug bewirkt, wie zu Großmutters Zeiten der Blasbalg ober bei ber mobe» nen Hausfrau die Abluft des Staubfängers, die man vorsichtig am glimmenden Feuer vorbeileitet.

Die Frau in der Küche.

Gedämpfte Kalbsrippe. (Für 4 Personen). Zutaten: V/a Kg. Kalbsrippe, 1 Liter Fleischbrühe aus 34 Mag­gis Fleischbrühwürfeln, 50 Gr. Butter, 2 Teller voll verschiedene, kleingeschnittene frische Gemüse, Weizen­mehl zum Binden, gehackte Petersilie, Salzkartosseln. Zubereitung: Die Kalbsrippe wird in Port'vns- stücke geschnitten, diese in der Butter auf allen Seiten angebraten, mit Fleischbrühe überfüllt und langsam gar- gedämpft. Inzwischen muß man die verschiedenen kleingeschnittenen Gemüse wie: Karotten, Kohlrabi, klein« Schalotten, 1 Gurke, einige in Viertel geschnittene Salatköpfe für sich in der restlichen Fleischbrühe weich kochen. Wenn die Fleischstücke gar sind, wird die Dämpfbrühe mit ein wenig Weizenmehl bündig gekocht. Man richtet dann bas Gemüse in der Mitte der Schüs­sel an, bestreut es mit Petersilie und gibt di« Fleijch- stücke mit ihrer Soße im Kranze herum L. H.

Im ersten Jahrzehnt nur

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Sein Lostag.

Ein Wiener Roman von Fanny Wibmer-Pedit Copyright by Ne-De-Ko. Münster i. W.

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0, dann is eh recht!" darauf der Ferdl und will lüft heim zu den Seinen, denn er sieht durch das Fenster int Zwielicht des warmen Sommerabends die ersten Straßenlaternen aufblitzen.

Da kommt eben Brig-tta zur Tür herein, wie er­wacht aus ihrer Versunkenheit.

Will alle froh begrüßen, aber ihr Lächeln wird !chon wieder hilflos und weh, wie sie im trauten Kreis .die Gesichter, die lieben, vertrauten, ins Auge faßt. All dies wird sie einmal verlassen müssen, es wird dennoch sucht so leicht sein, wie zu allem Leid auch noch dieses. Sie sind froh und heiter um di« jüngste Schwester her­um, wohl ein bisserl laut und gemacht, weil sie der Ar- wen gern helfen möchten und doch jeder auch sein Teil Kummer zu tragen hat.

Dann aber fragen sie doch nach dem brennendsten Punkt, wie es Karl geht, wie sie ihn verlassen hat, ob ihm gar nicht ein bisserl leichter war. Die Gitta setzt üch erst einmal ohne Antwort ans offene Fenster. Drau­ßen im Wiener Wald steigt ein Wetter auf und ein un- geduldiger Sturmwind fegt über die Vorstadtstraßen her­ein, drüben über den Giebeln rauschen die Kronen der Kastanienbäume auf, das Braufen bricht sich nach einer Pfeile an der langen Häuserfront, trägt eine Wolke ®tcub zum Fenster herein, daß sich Gitta wenden muß. «ann aber sagt sie:

Es ist ihm schon leichter . . ., ich mein, es ist ihm 'ch°n viel leichter."

Da erschrecken sie, er wird doch nicht, sie trauen es der Gitta völlig zu, daß sie sich auch über bas nicht sswhr wehren tat, so still ist sie geworben die letzte 3-it.

Sie aber faltet die Hände im Schoß und ihre Augen bekommen einen schönen Glanz, schauen in die dämme­

rige Tiefe der kleinen Küche, schauen noch viel weiter, als ob sie nun eine lange Geschichte erzählen wollt':

Der Müller Karl, er . . . er . . . wird heut' noch beichten ....

Und bann ist Stille im engen Raum unb bie vielen Atemzüge sind voll Andacht verhalten, wie in einer Kirche. Der Ferdl aber, noch immer an ber Tür, schlägt auf einmal seine breiten, genagelten Absätze zu­sammen, knallend und exakt und salutiert, ihn hat das letzte, kleinste seiner Worte schmählich verlassen, in sei­ner sprachlosen, freudigen Hochachtung.Salutieren", das ist eine seiner größten, überwältigendsten Verle­genheitsgesten. Dann dröhnt die Türe zu, seine gro­ßen, treuen Hände sind nun schon einmal so massig, da kann man nichts machen, als den goldenen, lieben Vier- schröter auch recht verstehen.

Ja, ja, i sag's allweil, a Weib vermag 'was, wenn sie will, a Weib derricht 'was, wenn sie Gnad hat!"

Zittrig ist des alten Manhart Stimme und er wischt sich 'was aus den Augen, vielleicht vorhin vom herein- blafenben Sturm noch ein Stäubchen. Mutter Man- hart streichelt Gittas Scheitel, still und dankbar, wil­lig und ergeben. Nun hat der Herr auch chre Jüngste, ihr Sorgenkind gesegnet, reich, überreich, mit Leid und Liebe unb Gnabe.

Da schrecken sie alle auf, aus Gittas Kabinetterl kreischt ein Stimmlein, bas Hanserle verlangt hungernd nach seiner Mutter. Die Frau Annerl neigt sich in ber hämmernden Stille des kleinen Gemaches selig über ihr Kind. Die drängende Fülle ihrer mütterlichen Quelle hat schon wieder gewartet auf diese Stunde. Hinströmen lassen, Saft und Kraft in seligster, innig­ster Mutterliebe. In hoher, wunscherfüllter Berufung!

Ob sie den Vater ihres Kindes wohl auch noch liebt? Ganz bange wirb ihr bei dem Gedanken. Es wird kein Unrecht fein, rieselnde Quellen sind alle Leidenschaften, alles Glücksverlangen ber Sinne, gegen ben schwellen­den Strom ber Mutterliebe, naturgewollt unb von Oer ewigen Allmacht so weise gefügt . . .

Neuer Sturm braust durch die Gasse. Gitta kommt herein:Annerl, sollst Nachtmahl essen geh'n, jetzt

könnt' ihr nicht heim, kommt ein Wetter, ich bleib' beim Kleinen, nur mit Ruh', ich schau' schon drauf!"

Annerl verhüllt sich mit einer angeborenen lieben Scheu, auch vor ber eigenen Schwester, ohne alle Prü- berie, um wieviel schöner aber ist bas junge, schlichte Weib eben barum. Das Kindlein liegt satt und schwer in ihrem Schoß, lullt träumend weiter. Gitta hebt es vorsichtig empor, legt es wie ein kleines Heiligtum sorg­lich auf ihr Bett.

Lass' mirs ja nit herausfall'n, Gittert!" meint Annerl mit übertrieben wichtiger Sorge. Darüber muß Gitta nun doch leise lachen, so viel versteht auch sie schon, daß das Kleine, mit seinen drei Wochen, insDek- kerl gewickelt, einfach gar nicht aus dem Bett fallen kann. O, ganz kindisch ist die Annerl geworden, vor Mutterglück ganz kindisch.

Kann man so werden vor Glück? . . . Sie dreht das Licht auf, verhüllt es leicht unb kniet an ihrem Bett nieber, ganz nahe am Gesicht bes Bübleins. Es lullt noch immer weiter, aus feinem rosigen Mundwin­kel quillt ein Tröpflein, vorn köstlichen Labsal, wie eine bläuliche Perle schimmert ber satte Ueberfluß. Da bäumt sich in Gittas schlummernder Weibessehnsucht ein unermeßliches Leid empor.Meine Quellen werden alle versiegen, meine Triebe alle verdorren, nicht blü­hen, nicht reifen! Vorbei, über ein Grab geht mein langes, einsames Wandern.

Kindl, grab nur bich werd' ich lieben dürfen, wie ben Abglanz meines verlornen Glückes, bist an bem Taz geboren, wo mein Leben den Riß bekommen. Nicht mehr hineinschauen in bas gelobte Land, bas sich ihr verschließt, nicht verzagen, o Mutter ber ©naben, ver­lass' mich nicht! O Mutter ber Gnaden, du hast auch ein Kindl im Arm! Alle haben eins an ihr Herz ge­drückt, bis auf die wenig Starken, die freiwillig ver­zichten, bis auf die Enterbten Gitta schaudert bis auf die vielen, die die Spur ihrer Schritte verwi­schen, die wie Schemen gaukelnd über die Erde irren!"

Da weint das Hanserle und sie trägt es leis« auf und ab auf schaukelnden Armen. Und es träumt wie­der weiter seinen dumpfen, unbewußten, weltfernen gekolbten Rüschen bes Ueberjuges, sie achtet nicht bar- Traum. Gittas Tränen tropfen auf die weißen, schön

auf. Was ist bie kleine Eitelkeit einer glücklichen Mut­ter gegen ihr Herzleid.Bis du laufen kannst, Han- ferte, bleib ich, ich hab ja noch gar nicht gewußt, daß es fo schwer ist, drum darf ichs nicht länger verschie­ben. Grad laufen möcht ich bich noch sehen und .Tante" sagen mußt bu doch zu mir, nur Tante, nur

Tante wenn sie dich doch Karl ge/ 'uft hätten''

Die Tür klinkt auf unb Mutter Manhart steht bet ihrem schluchzenben Kinde, legt das schlafende Bübl wieder zurück unb setzt sich mit Gitta auf bie Bettkante: Jetzt, Mäbl, klag' mir, wein' dich einmal recht aus. ifts beut' wieder einmal gar so hart? Ich weiß es wohl, es drückt nicht immer gleich das Kreuz, bas uns auferlegt ist. Bist ja völlig ein bißt froher heimgekom­men, was hat bich denn wieder so desperat gemacht, red', Gitierl, red' zu deiner Mutter!"

O Mutter, das Kind, das Kind da!" Lange sagt die Mutter Maichart nichts mehr, schwer ist ihr um das Weh des Mädchens. Schau, schau, so ist bas Leben, so viel hart und schnell fertig mit ben glücklichen Tagen, wie lang' ist es beim her, war diese Jüngste selber noch ein Kind unb leidet nun schon nach Weibessehnsucl t.

Brigitta, trag es, wie es kommt, er hat es ver­dient, daß du um ihn leidest, alles andere wird auch wieder einmal recht werden, der Herrgott hat uns ar­men Menschen so was Großes gegeben, bas Verwin­den, das Vergessen! Nit das, was uns bas Liebste war. bas vergißt man wohl nie, aber ber Schmerz, ber wird mit der Zeit immer linder unb linder, ben vergißt man den verwindet man mit der Zeit und einmal blüht ein neues Glück am Weg."

Für mich nimmer, so wie ben Karl könnt' ich fei nen mehr gern haben, unb für alle Zukunft hab' ich mir einen andern Weg erwählt."

Sie sagt der Mutter, wie es gekommen, daß sic auch die Eltern verlassen will. Gittas Leidens- und Opferweg ist vor der Mutter aufgetan, bis zum höch­sten Endziel. Sie aber sagt sich mit zagem Herzen, es ist nicht ber erste und wird nicht der letzte Kampf fein. Glückshungrig und lebensbegierig, aber unendlich reut) an Liebe ist ihr Kind, fo mög' ihm Gott weiter helfen.

(Fortsetzung folgt.)