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8t. 15.

Ksnvkag, den 19. Ianrrar 1930.

Auldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei. Fulda.

| Rund um die Woche.

Bfliimftagen. — Barbara. — Staatsgeheimnisse. — Ansere Gesellen. — Golem.

„Aber Kind, das gehört sich doch nicht!" Die Mutter sagt es dem Jungen, der das Bild einer ll>enig bekleideten Kusine harmlos neben vielen andern chr zeigte. „Aber Mutter", so gab der Kleine zurück, „weißt du, das ist >a im Bade- foftiint!" Die kluge Frau sagte nichts, sann tief «ach und atmete dann etwas erleichtert auf. „Richtig' es gibt ja auch so etwas wie Ball- kostüm!" Das eine gehört an den Strand, das andere in den Ballsaal, und wieder ein anderes näßt in die Kirche . . . und schließlich gibt es ja auch noch ein Adamskostüm . . . Kein Wörtlein möchte ich biet' hinzufügen, damit dieses kleine Ge­spräch, das mir übermittelt wurde, wirte wie eine Legende Es steckt nämlich mehr Weisheit darin, ~al5 mancher Fanatiker sich träumt.

Lieber Leser, teure Leserin, sag einmal, geht es dir gelegentlich auch so, daß du nichts wüßtest, weil du innerlich leer wärest, sondern gerade darum, weil du mit irgendetwas zu tief beschäf­tigst bist, davon ganz erfüllt? Dann danke Gott, daß du in einem 'solchen Zustand keine Plauderei zu schreiben brauchst. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich nach diesem Werfelbuch mit der Aufschrift „Barbara oder die Frömmigkeit" wieder zur Wirk­lichkeit des Lebens zurückfinden soll. Es ist nichr die Ermüdung, die man nach 800 und mehr Seiten zu spüren ein gewisses Recht hat. Rein, es ist der Ausklang des ®an-en. Nachdem Seite für Seite in dieser seltsamen Chronik die Ereignisse seit den Tagen, der Vorkriegszeit breit und mächtig vor­übergeflutet sind, scheinen ste doch alle auf einmal in eine unaussprechliche Nichtigkeit zu versinken. Nur Barbara ist geblieben, die treue Amme. Sie hat den kleinen Ferdinand gepflegt und ihm ihre Liebe bewahrt, auch als ihn das Leben weit von ihr forttrug. Schließlich kehrt er zurück, so etwa wie Peer Gnnt zu Solweig zurückgekehrt ist. Sie hat es gewußt und nimmt ihn mit hinauf in das Kämmerlein. Da nestelr sie ein schweres Beutel- cken aus dem Köfferlein. lieber hundert Goldfische sind darin, die sie nach und noch in ihrem schwe­ren arbeitsreichen Leben erspart hat, ein unermeß­licher Schatz nach den Zeiten der Inflation. Das schenkt sie ihm, und er muß es nehmen. Ach, es geht ihm nicht um das Gold. Aber dieses Gold ist echt. Es ist die Arbeit der Amme. Es ist ihre Liebe. Es ist ihr stilles Dasein. Es ist ihr opfer­voller Dienst. Ja, das ist das wahre Geheimnis der Valuta, und wären wir alle, wie diese Bar­bara, die auälenbften Wirtschaftsfragen wären morgen gelöst. Ein Leben des Opfers und der Ar­beit, das ist der unveränderliche Stand jeder Wäh­rung, die dauern will.

So gelüstet mich nach solcher Lektüre wirklich nicht, vom Haag zu sprechen. Wenn im gewöhn­lichen Leben zwei oder drei Menschen ein Geschäft miteinander haben, dann pflegen sie an den still­sten Ort der Stadt zu gehen. Ganz heimlich setzen sie sich in eine Ecke und verhandeln flüsternd mit­einander. Da sie alle in Not sind, verstehen" sie sich schon. Wo ein Wille ist, da ist nach dem alten Sprichwort ja auch immer ein Weg. Was würden die Leute wohl sagen, wenn diese Drei sich an den lautesten Tisch des Marktes setzten. Wenn jeder ihrer Vorschläge durch das Radio verbreitet würde. Wenn alle Welt das Recht hätte, sich drein zu Nischen! Wenn da ständig von Sympathie und Lpathie, Popularität und Unpopularität, Minister­posten oder Ministerkrisen in eine Sache hinein­

spielten, die einzig und allein eine Sache der Ge­rechtigkeit ist. Kein Mensch würde noch das ge­ringste Vertrauen aufbringen. Ich weiß wohl, daß es heute eine Demokratie gibt. Ich weiß, daß man dem souveränen Volk etwas schuldig ist. Aber ich meine, wenn schon einmal das Volk einigen aus feiner Mitte fein Vertrauen geschenkt hat, bann soll es biefen auch wirklich vertrauen unb sie machen lassen. Das nenne ich Demokratie. Die wichtigsten Staatsgeschäfte aber so erledigen, baß jeber Idiot und jeber Schreiber und jeber Bankerotteur unb jeder Großstadtpöbel mit feinem Gelärm dazwi- schenfahren kann, das ist schon das vereinigte Eu­ropa als Irrenhaus. Das soll kein Tadel für die armen Minister fein, die unter solchen atmosphäri­schen Schwankungen ihre Konferenz, halten müs- len. O nein. Im Gegenteil, bei dem Frühstück zum mindesten wäre idfgern dabei gewesen!

Uebrigens kann es den Herren nicht besser ge­schmeckt haben, als der frische Trank, den mir der Hausmeister eines großen Gesellenhauses jüngst am späten Abend verabreicht hat. Ich fragte, wie es in jenem Verband heute zugehe, wie die jungen Leute sich verhielten, wie sie den Gefahren der Großstadt trotzten. Unb da bekam ich freund­liche Antwort und bin ganz frohen Mutes ae- worden. In Berlin gab es vor dem Kriege drei Eesellenvereine, heute sind es schon 19. Zwei Rie- senhäuser sind ganz überfüllt. Unb was für präch­tige Menschen sind ba beisammen. Vergleicht man alles mit ber Zeit vor bem Kriege, so ist ber Bil­dungshunger heute viel größer. Eine gewisse Dumpfheit ist wie weggeblasen. Die Arbeit ber Hanb unb die Arbeit bes Geistes haben einen schö­nen Bunb geschlossen. Darunter hat bie Religion keineswegs gelitten, sondern im Gegenteil, diese jungen Leute stehen fest bei ihrer Fahne. Natür­lich hat der Gesellenverband einige ganz besondere Vorteile. In ihm sind wie fast nirgendwo bie wirtschaftlichen unb bie religiösen Interessen mit« emanber verbunben. Unb 'so wächst benn leichter etwas Einheitliches auf. Lieber Hausmeister, bas war ein schönes etünbdien, bas wir da mitein­ander verlöbt haben. Heiliges Land ist da, wo Fleiß, wo Solidarität, wo Frömmigkeit, alles ver­eint mit Jugendsrische, so herrlich blühen.

Noch nirgendwo sonst hatte ich den Eindruck von etwas Starkem und Kompromißlosem. Das war in Würzburg gelegentlich der Aufführung des Go­lem. Von dieser Spielschar ist schon manchmal ge­sprochen worden. Es find jüdische Studenten aus Rußland, die sich einzig zum Ziele gesetzt haben, die heiligen Legenden ihrer Väter zu spielen. Sol­cher Kunst haben sie sich gewidmet, und das merkt man diesem Spiel in jeder Geste und in jedem Worte an, daß da eine unbedingte Ueberjeugung dahinterfteht, bie den ganzen Menschen ergreift unb künstlerisch beseelt. Warum wollen diese Kräfte nicht auch in der christlichen Theaterbewe­gung erwachen? Jedenfalls fühlt man, worauf es auch in der Kunst ankommt, nämlich auf den un­bedingten Willen, hervorfchießend aus einem un­bedingten Ideal. Obwohl man kein Wort verstand, war doch alles zutiefft ergriffen. Das war die Kraft der Seele, die eben von Seele zu Seele schwingt und ihre eigenen Wege und Geheimnisse bat . . . Schluß. Natürlich habe ich im goldenen Würzburg meinen alten Freund in der Kette be­grüßt. Es gab wieder einen Feingespritzten, der

inzwischen berühmt geworden ist. Neulich waren einige meiner Leser da, tue weither gekommen wa ren. Sie gehörten obendrein zum dritten Orden...

Warum auch nicht? ...

Der Mann im Monde.

* Zur Indienststellung des Kreuzers „Köln" Zur Indienststellung des Kreuzers „K ö l n" rich­tete der Reichswehrmini st er folgendes Telegramm an den Kommandanten Fregattenkapi­tän von Schröder: „Kommandant, Offizieren unb Besatzung bes Kreuzers „Köln", ber zum ersten Male Flagge unb Wimpel hißt, sende ich Grütze und wärmste Wünsche. Für alle Zeit glückliche Fahrt! Der Name des Schiffes erinnert an den ersten heldenmütigen Kreuzerkampf des Weltkrie­ges in der Nordsee und verbindet bie Reichsmarine mit der Hauptstadt der Westmark, die in schwer­sten Zeiten treu zum bedrohten Vaterlands gestan­den hat. Ein solcher Name verpflichtet. Möge bie Besatzung sich feiner stets würdig erweisen." Der Chef der Marineleitung übermit­telte dem Kommandanten des Kreuzers „Köln" fol­genden drahtlichen Glückwunsch: „Unseres zweiten neuen Flottenkreuzers und seiner Besatzung ge­denke, ich bei seiner ersten Indienststellung mit Ka­meradschaftlichen Grützen und Wünschen für stets glückliche Fahrt. Ich vertraue darauf, daß die neue „Köln" die Flagge des Reichs ebenso in Ehren füh­ren wird wie einst die in ehrenvollem Kampfe vor dem Feinde gesunkene erste .Köln".

* Line Spur des verschollenen Fliegers Eielson. Telegraphenagentur der Sowjetunion: Einer Mel­dung zufolge, die die Regierungskommission für die Erforschung der Arktis von der Funkstation Pinkignej erhalten hat, ist der seit vielen Wochen verschollene amerikanische Flieger Eielsson nach unbestätigten Berichten, die von den Einwohnern der Halbinsel Tschuktschen überbracht wurden, in der Nähe des Flufses Aguemi, 200 Kilometer vom

Nordkap, nach längerem Fluge stromaufwärts gelandet. Ein Schlitten, der von Swenfon ausgefanöt wurde, um Nachforschungen anzustel- len, mußte infolge eines Schneesturmes umkehren, ohne fein Ziel erreicht zu haben. Die Regierungs- kommifsion hat Maßnahmen getroffen, um die Meldung nachzuprüfen. Der Kapitän des Sow- jetdampfers „Stawropol" und zwei Sowsetflieger, die in der Nähe des Nordkaps überwintern, sind angewiesen worden, in der Gegend des Aguemy- Flusses Nachforschungen anzustellen.

* Ein Londoner Anwalt in Frankreich ver schollen. Erst jetzt wurde das geheimnisvolle Ver schwinden des Londoner Anwalts Philipps be kannt, ber am 20 Dezember vorigen Jahres sich zu einer geschäftlichen Besprechung nach Paris begeben hatte. Beim Verlassen des von Folke­stone in Boulogne für Mer angekommenen Damp­fers hatte er noch feine Fahrkarte abgegeben. Seit­dem ift man ohne jegliche Nachricht von ihm. Seine Frau ist in Boulogne eingetroffen unb hat ber Polizei Anzeige erstattet. Sowohl in ben Häfen Nordfrankreichs, wie in Paris hat man mit ben Nachforschungen begonnen. Da ber Vermißte kei­nerlei geschäftliche ober finanzielle Schwierigke-ten gehabt haben foll, vermutet man einen Unfall ober ein Verbrechen.

* Aufsehenerregender lob eines amerikanischer Geldmannes. Der Vizepräsident bes New Parker Bankhauses S. W. Strauß u. Co., Herbert Spen­cer Martin, stürzte aus bem Fenster seiner Wohnung im neunten Stock. Es scheint nicht aus-- geschlossen, baß ber löblich Verunglückte sich m selbstmörderischer Absicht aus bem Fenster gestürzt hat. Seine Gattin, geb. Mablin Straus, Tochter bes Bankiers Straus, betunbete, daß ihr Mann vor einem halben Jahre einen Nervenzusammen­bruch gehabt, unb baß sie beabsichtigt hätten, s-ch nach Europa einzuschiffen, um bort einen Spezia­listen zu konsultieren.

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„Hör'n ’s mir auf, mir wird schlecht! Was hat denn tzrein Mann erzählt, hingestellt hat er sich wie blöd, grob >s er worden mit ’n eigenen Leuten! Mit seiner Faust bat er sie z'ruckdrängen wollen, weil sie sich ihr Recht haben holen wollen! Das war mir a Genosse, a schem- heiliger Querulant is er, — und is a weiter was daber, wann solche Leut halt a amal draufzahlen, denen tuets nit so weh! Wenigstens sieht er ein, was ihm fein Edel­wut geholfen hat!"

„Weh tuts an jeden," sagt eine, die sich, ein wenig abseits, still über den Gesteig gebeugt Hai. Ihr ist nichts geschehen in diesen Tagen, aber der Mann war habe:, beim wilden Raufen, der älteste Sohn aber ist bei der Wehrmacht und denkt wieder anders wie der Vater, sie aber, sie, die Mutter, steht ewig blutend, in Harm und Not zwischen den beiden, Höris mir aus von jeden und der hält an andern Dank verdient, Höris mir auf von dem Zeug, mir wachst alles schon lang beim G'nack außer! Ä Ruh mecht i haben! Rix, als a bißl Ruh und Halbwegs zum Leben!"

Müd schlürft sie ins Haus, mit den bloßen Füßen in den weiten, ausgetretenen Schlapfen.

„Recht hat sie, ganz recht hat sie," meint die Haus- Uleisterin. „Da fchauts her," jammert die Gutmütige aus, wie ein Kind, das um eine Freude gebracht ift. »Mit der blöden Kepplerei hab’n mirs ganz verfamt, wies angestiegen fan in die Elektrische! Jetzt fans der- Uon a schon. Habt» nit gesegn, wie das Manhart Gitter! derdruckt war, son die wirklich verlobt gewesen?"

„Na freilich werden sie es sein, aber es werd all's lam nix mehr nutzen, er kummt ja nit auf."

„Die foll sich nur an andern suchen, der sich a mit'n Airchenrennen die Schuhsohlen durchwetzt!"

„Ja, z' seg'n ist nix mehr und mei Arbeit bleibt nit Sern allanig, Unterhalts euch gut, i geh!"

Aber auch die andere geht mit der Hausmeisterin hinaus in den schmalen, kühlen Hof zwischen den ragen­

den schmucklosen Mauern der Häuser, wo die Sonne schon längst wieder über den hohen Mittag vorbeige­zogen. Nur an einer Stelle rankt sich eine wilde, ver­staubte Rebe empor, mühsam, mit mageren, schütteren Aermchen, flehend nach der stolzen Sonne, fürchterliche Verbannung, eine glühende, mitleidige Stunde im Som­mer, keinen Schimmer vom sprossenden Lenzglück, keinen Abglanz vom satten, braungoldenen Herbst. Hier, in diesen öden Höfen ist der Menschheit Sehnsucht nach Licht und Freuds, die noch in ihrer Väter glücklichen Herzen gelebt und gefungcn, hier ist sie verkümmert und langsam zum racheschnaubenden, fressenden Ungeheuer geworden. Die Streitbare mit dem vipernden Zünglein steht noch draußen in der gleißenden Straße. Nichts kommt ihrem Mut in die Quere, still ist die Straße, selbst die wilden Buben haben sich in schattige stille Winkel verzogen. Die wenigen, die vorübergehen, sind fremd und sie mustert sie alle von oben bis unten, äugt nach jedem besseren Rock. Langweiliger Nachmittag, wenn man doch jeden so bis ins Herz und Nieren prüfen könnte! Langsam schwenkt sie gegen das Haustor.

• Da kommt der Wachmann des Rayons über die Gaffe herab in feinem gleichmäßigen Postenschritt. Ihr Auge glimmt auf, breit stützt sie die Hände auf die ausgcmer- geiten Hüften, sie haben sich nur einem Kinde erschlossen und das verlottert auf der Straße. Der Posten geht auf dem Rand des Gehsteiges, wie nach einer Schnur. Es ist eine kleine, unschuldige Kurzweil in dieser stillen, menschenleeren Stunde. Da spreizen sich, zwei Frauen- fühs in vertretenen Lackschuhen unb Hellen schmutzigen Strümpfen, unweiblich in seinen Weg, daß der auf­schauen muß. Dies Gesicht kennt er, es gleicht den anderen, in die er vor etlichen Tagen geschaut hat, da­mals war er noch viel jünger und glaubte an viel Schönes. Er macht einen kleinen Bogen.

Indessen fährt Frau Müller, von ihrem Mann und der Gitta treu umsorgt, zu ihrem Sinb.

Mutter Manhart kämpft mit den vielen möglichen unb unmöglichen Packerin, sie mußten ber aufgeregten Mutter ben Willen tun. Wie foll die Arme auch -bre Liebe anders kundtun als wie mit allen Herrlichkeiten eines genußfrohen Gaumens. Ueppiakeit. die einem Ge­funden verderblich werden könnten, find dem schwerlei- denden zugedacht. Sie selber hält einen großen Rosen­

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strauß von betäubendem Duft in ihren zitternden Hän­den. So zittern sie, daß einige voll erblühte Dolden zu entblättern beginnen. Gitta hält nur ein kleines Ver- gißmeinnichtsträußchen an ihr klopfendes Herz gedrückt. Es find seltene, bescheidene Blümlein in dieser verschwen­derischen Jahreszeit, kostbar fast in ihrer duftlosen Schlichtheit.

Seit gestern abend hat Karl Müller wieder die Be­sinnung erlangt. Wenn seine Kräfte langen, muß eine Operation vorgenommen werden, nur dann ist vielleicht eine Rettung möglich. Gittas Herz ist wie ein ver­sprengtes Vöglein, hin und her, ratlos unb voller Ver­langen, bereit zu allem Verzicht. Freut unb sorgt sich und verzweifelt, ob er sie erkennt unb erkennen will. Ob im wilben Meer seiner Leiben bes Vaters böses Wort nicht doch versunken und spurlos zerschellt ist wie ein kleinwinziger Tropfen? Er weiß ja nicht, daß sie viele Stunden schon an feiner Seite gelitten, gebetet und gewartet hat.

Ströme von Menschen flauen pch vor dem Kranken­haus, nicht nur heute und nicht nur hier, immer und überall, wo Menschen leiden. Jeden Tag, den Gott gibt im ganzen Jahre, ist cs dasselbe Bild vor ben Wiener Krankenhäusern. Be''d " ™’' ^rücht-m unb

Leckerbissen, tief in ben Taschen verborgen, ein von lieber Mutter-, treuer Gaitinnenhand bereitetes Lieb­lingsmahl, ein Schlückerl golbig leuchtenben „Alten".

Der es vermag, gibt in lleberfluß unb ber Arme vom Letzten.

Was tut's auch, wenn am Abenb bie Fieberkurven noch höher steigen ob ber armen, verborbenen Mögen, in Liebe wird's verzehrt, oft in ber heimwehkranken Gier verschlungen. Alle Süßigkeit unb alles Ach unb Weh kommt aber vom Herzen, vom lieben Wiener­herzen! Wo aber an einem stillen Krankenbett nur Blu­men unb Blumen sich häufen, bas ist bie blühend duf­tende, traurig verschwiegene bittere Wahrheit: Sterben!

Frau Müllers Augen flackern. Ihr Mann und Gitta sie an ben Hänben beruhigenb haltenb. spüren ihre flie­genden Pulse und Gitta meint: „Sollt' ich nicht voraus- geh'n und ihm sagen, daß Mutier kommt?"

„Nein! fkin, ich — bie Mutter will zuerst hinestt!" I

„Nein, Siebe", sagt der Mann bestimmt, „wir geh'» mitsammen unb nimm bich z'samm'."

*

Karl ist bei Bewußtsein, in seiner großen Schwäche vermag er aber kaum die Lider zu heben.

Er fühlt nur, daß an seine Seife Menschen treten, und die Mattigkeit, die auch fein Denken lahmt, läßt ihn kaum erraten, wer es wohl fein mag. Die Mutter starrt reglos eine lange Weile in fein bleiches, abge­zehrtes Gesicht, ist entsetzt über bie tiefen, grauen Schat­ten des Leides, die sich drüber gebreitet haben. Erst als er mühsam die Augen aufschlägt, ist er ihr nimmer so furchtbar, so erschreckend fremd. Mit einer hilflosen Ungeschicklichkeit legt sie ihm den riesigen Strauß aus die Brust, und erschrickt nun selber, „wie einem Toten."

Herr Müller nimmt ihn schnell weg, legt ihn seit­wärts und schaudert.

Mutter'Manhart verstaut still ihre vielen Pakete so unauffällig es eben geht, auf und unter das Tischchen neben bem Bett, rückt sie zusammen, baß es nach weni­ger aussieht. Es ist eine ungeschickte Fülle, ein Berg von Unverstand, ein armes, maßloses Sieben!

Gitta steht zitternd am Fußende des Bettes.

„Karl, kennst mich denn nit, deine Mutter? Karl, ich bin da! Weißt, ich hab' nit früher kommen können, ber Schrecken, bie Angst haben mich krank gemacht, Karl, kennst mich wohl, Karl?" Wimmernb unb drin- genb ist bas letzte Wort.

Mag fein, daß sie fein wehes, fchmerzverzerrtes Lä­cheln so erschüttert ober ber entstellte Klang seiner matten Stimme, wie er sie mühfam begrüßt: „Ah die Mutter — wie geht's dir benn?"

Aufschreiend wirft sie sich über ihn: „Karl, mein Karl! Karl stirb mir nicht, ich kann's nit überleb'n. wenn dir 'was g'schieht, nimmer zum Kennen bist du so haben sie dich hergerichiet! Karl, wenn dir was g'schieht!"

Sie befreien den Kranken von der Mutter wilder Umarmung, keuchend ring er nach Atem. Sie aber ruft: „Frau Manhart! Frau Manhart. wo ist denn Ihner Herrgott! Schau'n S' ihn an, ben Armen!"

(Fortsetzung folgt)