Nr. 9 Beilage zur Fuldaer Zeitung 12. Iauuar
NILS
Slernennacht.
Von Julius V a n s m e r.
Sterntzurchglühte Winternacht! Doll von wunderbarer Klarheit! Aufgetan steht weit der Wahrheit Tempel nun in goldner Pracht.
In der Stille wächst das Herz; Zum Altar will's sich gestalten. Ueberirdische Gewalten
Tragen's singend sternenwärts.
Ankon P. Tschechow.
Zum 70. Geburtstag des großen russischen Dichters am 17. Januar.
„Ich las einmal die Erzählung eines Deutschen", so schreibt Leo Tolstoi, „in der ein junger Mann seiner Braut, der er ein schönes Geschenk machen will, die Werke von Tschechow schenkt, da er ihn über alle berühmten Dichter stellt. Und das ist sehr richtig." Ja, Tolstoi meinte noch in seinem höchst kritischen Alter, Tschechow sei „unersetzlich; man liest ihn mit Vergnügen nicht nur eini it, sondern immer wieder . . ."
Man müsste ihn mit Tolstoi, Dostojewski und Turgenjew zusammen nennen. Hat er auch nicht solch beispielhaft weltumfassende Werke hinterlassen, wie diese größten russischen Dichter, seine kleinen Dramen und Novellen sind von weltliterarischem Rang; er ist Meister der erst durch ihn recht aufgekommenen Kurzgeschichte, die mehr ist als nur Skizze zu einem unfertig gebliebenen Roman.
Kein anderer russischer Dichter eröffnet daher dem Fremden so leicht den Einblick in das Rätsel des russischen Volkes. Und das ist um so mehr, als er wie der große Schöpfer unseres deutschen „Simplizissimus" die Wahrheit lachend sagt. Zunächst schrieb der am Asow- schen Meer geborene Enkel eines Leibeigenen und Sohn eines Viehhändlers, Witzgeschichten für kritisch- Unterhal» tungsblätter. Die unerbittlich scharfe Zeichnung seiner Vorstellung hob ihn jedoch bald aus der Masse der „Humoresken". Seine Geschichtensammlung „In der Dämmerung" wurde von der Akademie mit dem Puschkin- preis belohnt. Tschechow war Arzt, und, wie er selbst sagt, „die Beschäftigung mit medizinischen Wissenschaften «weiterten bedeutend das Gebiet meiner Beobachtungen,
Leben und Tod
Triumph des Lebens?
Der größte Sieg, den das 19. Jahrhundert errungen iot, ist nicht ein Sieg kämpfender Heere, auch nicht ein Sieg der Technik, sondern der gewaltige, beispiellose Lieg über den Tod. Jahrhunderte lang, vielleicht ein Jahrtausend lang, haben Leben und Tod sich die Wage gehalten, trotz zahlreicherer Geburten ist eine Vermehrung der Erdbevölkerung nicht oder doch nicht in nennenswertem Maße eingetreten. Erst seit dem 17. Jahrhundert wird ein Zuwachs spürbar. Daß er gespürt °>urde, erkennen wir daraus, daß damals schon die Berechnungen der Volkswirtschastler einsetzten, ob die Erde «ohl die wachsende Bewohnerzahl werde ernähren können. Dabei wurde ein recht langsames Tempo der Verwehrung vorausgesetzt, und selbst dieses gab schon zu allerlei Befürchtungen Anlaß. So rechnete um 1700 Gre- Bor King aus, daß England in einigen Jahrhunderten V Millionen Einwohner zählen würde und daß dies die Höchstzahl fei, die das Land ernähren könne. Mathus Iah die Lage noch viel schlimmer an, und in Deutschland achtete man schon um 1800, daß bei der in einigen »ahrzehnten zu erwartenden Einwohnerzahl von 40 MU- Wen die Krise eintreten werde. Alle diese Betechnun- Beir sind hinter der Tatsächlichkeit weit zurückgeblieben, und zwar sowohl was die Volksvermehrung als was die "olksernährung anlangt. Die einzelnen Länder sowohl a'e die Erde im allgemeinen sind, von zeitweiligen Wirt-
Das Gift.
Roman von William Le Queux.
lll- Rechte d. Grete v. Urban itzkv, Wien. Bearb. v. Dr. Otto Borschke 10J -------
tafialf des bisher abgedrucklen Romanabschnilles.
Hugh Garfield, ein junger englischer Diplomingenieur, hatte eines Wecws in London em seltsames Erlebnis. Als er sich auf dem Wege M seinem Onkel befand, wurde er in der Stetton: Street plötzlich von einem Diener in Livree angesprochen und dringend gebeten, ihn in das nahegelegene Haus seines Herrn zu begleiten, den ein schwerer Kummer bedrücke. Garfield kommt nach einigem Zögern der Bitte nach und wird von dem Diener in ein palaisartiges Haus geführt. Es gehört Oswald de Gex, einem bekannten Millionär. Der Hausherr, dem der Besuch anscheinend . sehr angenehm ist, schüttet in längerer Unterhaltung dem Gast Herz aus. Pwtzlich ertönt ein Schrei aus dem Nebenzimmer. De Ger stürzt hinaus und überbringt kurz darauf die Nachricht, daß soeben seine Nichte Gabriele Engledue an Herzschlag gestorben sei. Er führte Garfield in das Zimmer, wo ein junges Mädchen leblos auf einem Bette liegt. De Gex überredet Garfield, einen Totenschein über Gabriele zu unterschreiben und bietet ihm eine hohe Geldsumme als Belohnung. Kurz darauf schwinden Garfield die Sinne. Vier Wochen später findet er sich in einem Hospital der französischen Stadt St. Malo wieder. Wie er dorthin kam, ist chm völlig rätselhaft. Nur ganz langsam und ; allmählich dämmert die Erinnerung wieder auf. Nach London zurückgekehrt, sucht Garfield das rätselhafte Geschehnis aufzuklären. Als er erfährt, daß de Gex inzwischen nach Florenz abgereist ist, fährt er ebenfalls dorthin und sucht ihn auf. Doch dieser tut so, als ob er Garfield nie im Leben ?esehen habe und von einer Nichte Gabriele über- aupt nichts wisse. Die Erzählung des jungen Engländers erklärt er für Hirngespinste einer ver- - rückten Phantasie. Garfield verläßt empört das Haus, mietet sich in Florenz ein Zimmer und ist
bereicherten mich mit Kenntnissen, deren Wert für mich, als einen Dichter, nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist". So war Tschechow „stets auf der Hut, und ich bemühte mich, wo es ging, mich nach d?n Ergebnissen der Wissenschaft zu richten; wo es ober mist ging", so fügt er sehr bezeichnend hinzu, „zog ich vor, gar nicht zu schreiben". Daher denn die stramme Energie, mit der jedes Wort auf die Hauptsache gerichtet ist, wie man sie als charakteristisch für die Kurzgeschichte rühmt, „die eherne Sachlichkeit, die die Stimmung ganz dem Leser überläßt und sich im Notfall lieber in die Ironie flüchtet, als daß sie dem Pathos weicht". Damit wurde Tschechow zu einem der programmatischen Namen der Pfemfert- schen „Aktion", jener wichtigen deutschen Kulturzeitschrift, die nach dem Krieg nicht anders zu schreiben brauchte als vorher. Gewiß, sphinxhaft muten uns solche Schilderungen an wie die einzigartige Reisebeschreibung von der Verbrecherinsel Sachalin. Tschechow verschönt nichts; selbst wo er die Liebe schildert, läßt er sich nicht erweichen von der Süße des Empfindens, In der trostlofen Oede der Provinz, „in der nichts geschieht", sieht er „herrliche Mädchenblüten erblühen", aber er sieht auch sie — und das ergreift uns mit namenlosem Weh — verdorren, versumpfen in dieser Tragik, die eben darin besteht, „daß nichts geschieht". Selbst die glühenden Ideale der Jugend sieht er verlöschen unter der Kälte des Alltags. Wie einer seiner Landsleute sagt: Er sah „das russische Leben an und brach in Tränen aus; er beweinte, was darin am meisten Mitleid verdient: die geschändeten und zerschlagenen Frauenträume, die im Schnaps ersäuften Talente, die Unerreichbarkeit des Ideals und den frühen Verlust der Lebensfreude."
Wundert es uns, daß ein fo'cher D'chter zu einem der ersten Tierfchilderer der Weltliteratur wurde, Jahrzehnte vor Fleuron, Kipling, Löns? Nicht wie sie veranschaulichte er die Tierseele; er läßt sie uns erleben, die „stumme" Natur. Da aber, wo wir — wie in der „Step« pen"-Novelle — den Duft über dem wogenden Gras spüren, lichtet sich bas Dunkel des Lebens. Das Sein wird zum Schein, hinter dem, über dem sich ein wirkliches Wesen auftut. Das gilt nicht zuletzt auch von den elegischen Provinzdramen, nach deren einem das berühmte Moskauer Künstler-Theater sich sein Symbol über dem Eingang wählte: „Die Möwe." Wie Andrej Bjelyr, einer der frühen russischen Modernen, es gesehen hat: »Man weiß ganz sicher, daß, wenn man diese grauen Pfade immer weiter und weiter verfolgt, dort, wo das Abendrot leuchtet, ein Abglanz des Ueberirdifchen und Ewigen ruht." Dr. Wilhelm Friedrichsfohn.
auf der Wage.
— Sieg über deu Tod!
fchaftskrifen abgesehen, noch lange nicht an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, und die vorhandenen Existenzmittel sind noch längst nicht voll ausgenutzt. Andererseits aber hatten die letzten 100 Jahre tatsächlich begründeten Anlaß, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, wie sich aus den zu nennenden Zahlen ergibt.
Nach den neuesten Erhebungen der Londoner Statistischen Gesellschaft ist allein in Europa in den letzten 100 Jahren ein Anwachsen der Menschenzahl von 216 Millionen auf 400 Millionen festzustellen. Ein ähnlicher Zuwachs ist für Asien und Afrika anzunehmen, in Amerika beträgt er sogar das Dreifache. Im ganzen ist die Menschheit von 847 Millionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf über 1800 Millionen (bei sehr vorsichtiger Schätzung) angewachsen. Unter den europäischen Ländern hat Deutschland die stärkste Vermehrung zu verzeichnen, nämlich 26 Millionen auf 70 Millionen. Außerhalb Europas hält Aegypten den Rekord mit einer Vermehrung von 2,3 Millionen auf 12 Millionen. Bei der Union, die von 5,6 auf 130 Millionen angewachsen ist, liegen infolge der starken Einwan- 1 berung besondere Verhältnisse vor, die einen Vergleich nicht zulassen.
Nun muß man sich fragen: wodurch hat bas Leben in ben letzten 10D Jahren biefen gewaltigen Sieg davonge- tragen? Durch sich selbst, burch bie Steigerung bes Wer
dens, durch die freudige Bejahung des Lebens und die weitherzige Schenkung desselben an ungeborene Geschlechter? Die zusammenschrumpfende Zahl der Familien, die zusammenschrumpfende Zahl der Geburten sprechen eine deutliche Sprache. Genau gesehen, hat nicht bas Leben einen Triumph erlebt, nur der Tod hat eine Niederlage erlitten und erleidet deren mehr und mehr. So nur ist der anscheinende Widerspruch zu erklären, daß in einer Zeit, da die Geburtenbeschränkung so deutlich sichtbar ist, selbst bei den der Natur noch näherstehenben Völkern, eine solche Vermehrung bes Lebens möglich gewesen ist.
Also in 100 Jahren eine Vermehrung ber Erbbevöl- kerung ummehralsbasDoppelte. Welch gewaltige Faktoren müssen ba gewirkt haben! llnb wie gewaltig muß in früheren Zeiten bie Ernte bes Todes gewesen sein, wenn er imstande war, bie weit höhere Geburtenziffer einfach wettzumachen, so baß bie Schalen bes Werbens unb bes Vergehens gleich ftanben!
Wir kennen noch bie Schreckensberichte aus alten Zeiten, wenn ber Würgengel umging, bie Pest ober bie Cholera. Ganze Stabte sanken in ben Tod, kaum ein Fünftel der Einwohnerschaft wurde gerettet, und ganze Landstriche starben förmlich aus und lagen jahrelang noch wüst und öde, weil niemand sich getraute, in das verrufene Land zu gehen. In den Jahren 1348 bis 1350 soll Europa burch ben Schwarzen Tob — so nannte man bamals die Pest — 25 Millionen Einwohner verloren haben. Noch im Jahre 1682 herrschte in Deutschland eine Pestepidernie, und im Jahre 1817 noch drang die Cholera von Asien aus vor, erreichte im Jahre 1831 Deutschland und das westliche Europa und richtete ungeheure Verheerungen an. Neben den Seuchen die große Kindersterblichkeit. Nicht ein Sechstel, wie heute, sondern die Hälfte der Kinder starben in den ersten Lebensjahren hinweg.
Schlimmer noch wütete ber Tob in ben Naturvölkern. In Afrika würben noch bis ins 19. Jahrhunbert hinein ganze Völkerschaften bis fast zum letzten Mann ausgerottet, in Indien starben allein an ber Beulenpest in ben Jahren 1900 bis 1920 noch 9 Millionen Menschen.
Heute noch kommen mitunter aus entlegeneren Gegenden ber Erbe Alarmnachrichten über Hungersnöte eine Plage, bie für uns ben Hauptschrecken verloren hat, weil bie Verkehrsmittel für einen genügenden Austausch sorgen. Nur ba, wo bie Verkehrsmittel fehlen, kann es zu einer allgemeinen Hungersnot kommen. Früher je- boch war jebes kleine Gebiet auf sich angewiesen. Kam eine Mißernte, so war es selten möglich, den Ueberfluß anderer Gegenden nutzbar zu machen; in dem einen Lande verfaulte das Korn, im anderen starben Tausende Hungers. Im Jahre 1125 ist schätzungsweise die Hälfte ber gesamten Bevölkerung Deutschlands burch Hunger umgetommen. Noch im Jahre 1772 verlor Kursachsen allein infolge Hungersnot 150 000" Menschen.
Einen wesentlichen Faktor stellte auch ber Krieg unb bie Art ber Kriegführung bar. Die Zahl ber Kriege unb Kämpfe hat sich gegen früher ganz wesentlich verringert. In Europa war bas 19. Jahrhunbert befonbers arm baran. Unb auch in ben anberen Erbteilen brachte ber europäische Einfluß eine Verminberung ber unaufhörlichen Fehben zuwege, von benen bie Völker heimgesucht würben. In Afrika rotteten sich bie Stämme fast systematisch gegenseitig aus, bis bie sogenannte Pax Britanica gegen bie Mitte bes Jahrhunberts bem ein Enbe machte. Ein einziges Beispiel: die Zahl ber Zulus hat sich seit bem Jahre 1844 verachtfacht! Die Art ber Kriegführung von heutzutage ist trotz aller mobernen Morbwaffen nicht so blutig und mörberisch wie bie von ehebem. Die größere Entfernung ber Heere voneinanber, bie Ausbilbung ber Schutzmaßnahmen, bie ganze Gestaltung bes Krieges wirken bah in, baß nicht erst bie Vernichtung selbst, fonbern in vielen Fällen schon bie drohende Vernichtung zur Herbeiführung ber Entscheibung genügt. Daher bie große Zahl ber Gefangenen. Was wäre, um nur ein Beispiel anzuführen, wohl in früheren Zeiten bas Schicksal bes weichenben brutschen Heeres beim Kriegsenbe gewesen? Der Kampf von Mann zu Mann, wie er früher üblich war, ist bei weitem ber blutigste. Dschingis-Khan soll im ganzen 12 Millionen Menschen burch seine Kriege von ber Erbe vertilgt
fest entschlossen, bas Geheimnis trotz allem zu lüften. In einer Weinschenke wird er mit Robertson, dem Kammerdiener von de Gex, bekannt, von dem er vergeblich etwas über Gabriele Engledue zu erfahren sucht. Als er eines Tages in ber Kathedrale Santa Maria del Fiore weilt, bemerkt er zu feiner größten Ucberrafdjung eine von einem Herrn begleitete junge Dame, die der totgeglaubten Gabriele Engledue aufs Haar gleicht. Der Begleiter ist ein gewisser Arzt, namens Moroni. Um ihn näher kennen zu lernen, begibt sich Garfield in feine Behandlung. Bei einem feiner Besuche hört er im Nebenzimmer eine Unterredung zwischen Moroni uird De Gex, dessen Hausarzt ersterer ist. Sie verabreden für den Abend ein Zusammentreffen im Park der De Gexschen Villa. Garfield ist unbemerkter Zeuge der Aussprache, die ihm wichtige Auffchlüsse gibt. Einige Minuten später hört er ein geheimnisvolles Gespräch zwischen De Gex unb einer Frau Cutterton mit an. De Gex heuchelt ber Dame gegenüber selbstlose Freundschaft. In Wirklichkeit ift er. wie Garfield aus der Unterhaltung des Millionärs mit Moroni entnommen bat, aus iraenb welchen Gründen ihr erbitterter Feind, der sie zu vernichten trachtet. Bei einem Besuch enthält Garfield ^rau C"llertc>n die Gefahr, in ber sie schwebt. Einige Tage später fährt er nach London zurück. Jrn Zuge trifft er einen Franzosen namens Gaston Suzor, dem er schon frijher einmal begegnete. Zu seinem Erstaunen sieht er denselben am andern Taae mit Gabriele Ten ni- s o n, jener ihm bereits in Florenz durch ihre überraschende Aehnlichkeit mit Gabriele Engledue ausgefallene Dame zusammen. Bei einem Besuch in der Wohnung Tennisons erfährt Garfield von einem seltsamen Ereignis, das Gabriele betroffen hat. Das Rätselhafte ist, daß das Gedächtnis der jungen Dame seitdem völlig geschwunden ist.
Gewiß, ein halbes Dutzend — unter ihnen auch Doktor Moroni, den berühmten italienischen Arzt. Cr nahm sie zur Behandlung nach Florenz mit, doch sie zeigte nicht die mindeste Besierung."
„Woher kennen Sie Moroni?" fragte ich rasch.
„Ich glaube, er wurde auf den Fall durch einen der Aerzte aufmerksam gemacht, zu dem Frau Tennison sie geführt fjatte-*
„Kannte Frau Tennison den Doktor Moroni schon vorher?"
„Nicht, daß ich wüßte. Er ist ein sehr netter Mensch und war sehr lieb zu Fräulein Gabriele", erwiderte Frau Alford. „Wie alle anderen Aerzte, ist auch .r der Meinung, daß sie einen schweren Schock erlitten hat — doch welcher Art dieser war, kann niemand sagen."
„Was für andere Aerzte wurden noch beigezogen?" fragte ich weiter.
„Sir Charles Wendover gab sich große Mühe mit ihr, doch scheint er ihr auch nicht helfen zu können."
Der Genannte war einer der bekanntesten Nervenärzte und wenn auch er nicht hatte helfen können, dann mußte der Fall hoffnungslos fein.
„Doch weshalb brachte Doktor Moroni sie nach Italien?"
„Er brachte sie zu Professor Casuto — ich glaube, so hieß er — nach Florenz, doch auch er wußte keinen Rat und so brachte man sie wieder zurück."
„Nun sagen Sie mir offen, Frau Alford, haben Sie jemals den Namen De Gex gehört — eines reichen Mannes, der in der Stretton Street wohnt?"
„De Gex?" wiederholte sie. „Ja, ich habe den Namen in der Zeitung gelesen — er soll sehr reich sein, wie man sagt."
„Hörten Sie nie von ihm in Verbindung mit Fräulein Tennison? War sie mit ihm bekannt?"
„So viel ich weiß, nicht. Weshalb fragen Sie?"
„Ich habe einen bestimmten Grund dafür." gab ich zur Antwort. „Vergessen Sie nicht, daß ich bas Rätsel lösen will, bas über Ihrer jungen Herrin liegt. Jede Ihrer Mitteilungen kann mir babei helfen."
Im Nebenzimmer stimmte eine süße Altstimme ein bekanntes Lieb an. Es war (Sabrielens Stimme.
„Alles, was ich weiß, steht Ihnen zur Verfügung, mein Herr," versicherte mir bie Frau.
„Sagen Sie mir nun, was ist Ihrer Meinung nach ber jungen Dame während ihrer Abwesenheit zuge- stoßen?"
Frau Alford zuckte bie Achseln.
„Was sollen wir vermuten? Sie ging ganz gesund weg und als man sie bann auf ber Landstraße auffand, hatte sie ihr Gedächtnis verloren. Sie war ganz her
haben. In allen Kriegen, die Napoleon führte, sind jedoch im ganzen nur etwa 2 Millionen umgekommen.
Es liegt etwas Demütigendes darin, daß der Mensch mit den anderen Naturlebewesen die Ausrottungstendenz, die in ber Natur mitunter hervorbricht, teilt. Aber er hat es in ber Hanb, ihr entgegenzuwirken unb die Kostbarkeit seines Lebens zur Geltung zu bringen. Daß der Mensch ber Herr ber Schöpfung ift, muß sich nicht zuletzt in ber Ehrfurcht vor bem Leben und in seiner Wertschätzung zeigen. R.
Gefährliche Aengste.
Erlebtes aus der vesahungszeit. Von Jakob Kneip.
Das Städtchen Diez an der Lahn, in dem ich zu Beginn der Besatzung wohnte, lag an ber Grenze ber französischen Zone. Die Sperre für Lebensmittel, Post — überhaupt für jeglichen Verkehr nach bem unbesetzten Deutschlanb wurde aufs schärfste durchgeführt. Auch die Lahnbrücken wurden scharf überwacht, und bie einzige Fähre zwischen Diez und Limburg, die ben Verkehr nach ben jenseitigen Dörfern vermittelt, mußte ihren Betrieb einstellen.
Ganz in ber Nähe biefer Fähre wohnte ich. Das Haus, eine alte Klostermühle, lag am Fuße bes Schlosses Dranienftein, dicht am Ufer ber Lahn.
Im Sommer 1919 nun starb in bem uns gegenüber liegenben Dorf Aul einer meiner Schüler. Der Begräbnistag aber war außerorbentlich heiß, unb um mir nun in ber Hitze ben weiten Weg bis zur Sieger Brücke unb die Scherereien mit dem französischen Posten zu ersparen, entschloß ich mich, in der Nähe meiner Wohnung eine Furt zu suchen. Sie war bald entdeckt. Das Wasser reichte mir an ber tiefsten Stelle gerabe bis zur Brust.
So begab ich mich nachmittags, mit Zylinber und Gehrock angetan, zu biefer Furt, zog die Kleiber aus, bünbelte sie zusammen, hielt sie mit einer Hanb hoch und stieg hinab in ben Strom. Den Zylinber aber behielt ich auf bem Kopf.
Alles schien gut zu gehen. Aber als ich eben am anbern Ufer aus bem Wasser steigen wollte, erblickte ich an einer Fußbiegung eine französische Uniform. Ich dachte an eine Streifwache und bekam einen Schreck. Aber es war nur ein Soldat, der dort angelte. Und ber Schreck bes Franzosen, als er ba einen Mann im Abamskostüm, ben Zylinber auf bem Kopfe, plötzlich aus ben Fluten steigen sah, muß noch weit größer gewesen sein: er ließ bie Angel fallen unb starrte mich fassungslos an.
Ich hielt es nicht für angebracht, ihn über bas Rätsel aufzuklärem fonbern zog eiligst meine Kleiber an und kam rechtzeitig zu dem Begräbnis nach Aul.
Mein Beispiel aber sand Nachahmung. Einige Mäher hatten meinen Uebergang mit angesehen, und alsbald entwickelte sich an meiner Furt, vor allem zur Nachtzeit, ein lebhaftes und luftiges Herüber und Hinüber.
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Kurz darauf aber erlebte ich mit ber Besatzung einen Fall, ber viel weniger harmlos verlief, ber vielmehr bie ganze Unsicherheit unb Not unserer Lage beleuchtet:
Ich hatte bei meinem Freunbe unten in ber Stabt ben Abend verbracht und wollte gegen 11 Uhr nach meiner Wohnung zurück. Mein Weg führte über eine Anhöhe, durch ein Wäldchen, dann durch eine Allee nach Schloß Dranienftein hinab. Es war eine breite Fahrstraße, die sonst von Gaslaternen beleuchtet war. Aber gerade in dem Wäldchen brannte in jener Nacht auf meinem Heimweg keine einzige Laterne. Dazu war es sehr regnerisch und dunkel.
Doch ich war den Weg tausendmal gegangen und schritt vollkommen sicher und unbekümmert hinan.
Schon bin ich am Ende bes Wälbchens angelangt, ba höre ich plötzlich hinter mir ein Geräusch. Aber noch
Werbet Ur die Zeitung
untergekommen unb währenb ber wenigen Tage um vieles gealtert, konnte sich an nichts erinnern unb wiederholte immer nur die Worte: „Rot, grün und goto!"
„Wieso nur diese Farben einen solchen Eindruck auf sie gemacht haben mögen?" bemerkte ich.
„Darüber zerbrechen sich auch die Aerzte den Kopf. Jeden Abend, wenn es dunkel wird, setzt sie sich nieder, wird ganz still und starrt vor sich hin, als ob sie über etwas angestrengt nachdenke. Dann fährt sie plötzlich auf und ruft aus: „Ah, ich sehe — dieses entsetzliche Rot, Grün und Gold — es ist grauenhaft — rot, grü« und goto!" Immer, wenn es Nach! wird, scheint sie von diesen drei Farben wie besessen zu sein."
Ich schwieg einige Augenblicke.
„Wissen Sie bestimmt, daß Sie nie von Herrn Di Gex gesprochen hat?" fragte ich dann.
„Bestimmt. Meine junge Herrin lernte an der Musikakademie singen. Horchen Sie — sie singt eben! Hat sie nicht eine schone Stimme? Ach, mein Herr, das ist eine furchtbare Sache — wenn man bloß bedenkt, daß die Arme bis heute noch sich an nichts erinnern kann! Rot, grün und goto scheint alles zu sein; was auf sie einen Eindruck macht, doch so oft sie diese Worte aus» spricht, scheint sie wie erstarrt vor Entsetzen."
Das unglückliche Mädchen besaß wirklich eine prachtvolle Stimme, die ihr im Konzertsaal oder auf ber Bühne ein Vermögen eingetragen hätte.
Ich bemühte mich, noch Weiteres über ben italienischen Arzt unb über De Gex in Erfahrung zu bringen, doch die Haushälterin konnte mir absolut nichts mehl sagen. Daß sie mir nichts verheimlichte, wußte ich.
Nur als ich ben Namen Sujor erwähnte, wurde sie sichtlich verlegen.
„Ich kenne den Herrn nicht", erklärte sie. Ich hatte sie aber doch im Park beisammen gesehen! — „Ich weiß allerdings nicht, ob er Ihnen unter bem Namen Suzoi bekannt ist," sagte ich und beschrieb ihr dann den Genannten fogut ich konnte
Doch die Frau schüttelte den Kopf. Zum erstenmal log sie, denn ich hatte doch mit eigenen Augen gesehen, wie der Mann auf sie und das Mädchen zugekommen war, wie sie dann, nachdem sie sich begrüßt hatten, aus-