M M M MUMM
TT
Die Traurige.
Wenn wir traurig sind, ist kein Himmel da, und kein Angesicht hat Himmel mehr, auch kein Licht ist mehr und kein Laub ist mehr, nur der graue Staub der Erde ist uns nah.
Wenn wir traurig sind, geigt der Tod ein Lied, wie das Ende dumpf war der Beginn.
Alles stirbt darin in uns sinnlos hin, und in alle Flucht es mit uns flieht.
Ruf dem Himmelslicht: Leuchte über mir!
Ruf dem Baume zu: Sei Laub und blüh'!
Wenn der Ruf zu früh, hilft nicht Bitt' und Müh'.
Warte ... bis du Laub und Himmel hast in dir!
Johann L u z i a n.
Das letzte Viertel;ahr.
Don Hermine Hause r-Elberfeld.
Die Weihnachtsferien sind vorüber, der Ehristbaum jst verschwunden, die großen Ueberraschungen des Festes hat das Christkind wieder abgeholt und in der Mansarde verstaut und die Kinder trotten an jedem Morgen wieder in die Schule. Das letzte Bierteljahr des Schuljahres hat begonnen und als erste Ueberraschung ist manchem Vater und mancher Mutter ein Brieflein ins Haus geflattert, in dem der Lehrer mitteilte, daß der Herr Sohn ober das Fräulein Tochter das Klassenziel nicht erreichen werde, wenn nicht im letzten Quartal die Leistungen weit besser werden. Diese im Volksmund ganz allgemfein „Faulenzerzettel" genannten Briefchen sind der Ersatz für die nicht mehr gegebenen Weihnachtszeugnisse.
Was ist nun zu tun, wenn ein solcher Zettel unverhofft ins Haus fliegt? Vor allem wird sich ein verstau- tiger Vater und eine aufmerksame Mutter mit dem Klassenlehrer des Kindes in Verbindung setzen, um in einer Aussprache unter vier Augen, bei der Vertrauen gegen Vertrauen gilt, einmal festzustellen, wo es hauptsächlich bei dem Kinde fehlt. Denn es ist im allgemeinen selten, daß ein Kind in allen Fächern gleichmäßig schlecht ist und der Lehrer wird bann am besten Anweisung geben können, wo man nachhelfen muß. In der Regel wirb es nämlich nicht gelingen, die Lücken eines Schuljahres im letzten Quartal aufzufüllen, man muß vielmehr darauf bebacht sein, in einem genau geregelten Arbeitsplan zu versuchen, wenigstens das Klassenziel zu erreichen, um dann im Saufe des nächsten Sommers die Lüchen auszugleichen.
■ Man wird einem gesunden Kinde auch ruhig eine erhöhte Arbeitsleistung zumuten können, besonders in den Wintermonaten, in denen die junge Gesellschaft doch oft ans Haus gefesselt ist. Ganz anders fiegn die Verhältnisse aber bei kranken und schwächlichen Kindern. Bei ihnen ist eine lange und sehr ausgedehnte Aussprache mit dem Lehrer und vielleicht auch mit dem Arzt unbedingte Notwendigkeit. Dies gilt im besonderen für solche
Kinder, die seither vielleicht ganz gut dem Lehrplan und seinen Aufgaben folgen konnten, die aber plötzlich nachlassen und in ihren Leistungen absinken. Nun hat bet Lehrer bei ben außerordentlich großen Schulklassen oft nicht die Zeit, sich mit der physiologischen und psychologischen Beschaffenheit seiner Zöglinge eingehender zu beschäftigen und die Aussprache mit den Eltern gibt dann vielleicht Hinweise, die für bas weitere Schicksal bes Kindes von Wichtigkeit sind.
Hat man aber festgestellt, daß ein Kind, das Klassen- ziel nur unter Anspannung seiner letzten Kräfte erreichen wird, weiß man ferner, daß es nach seiner seelischen und geistigen Struktur auch in der nächsten Klasse nur mit Mühe Leistungen erzielen kann, dann verzichte man auf die Paukerei im letzten Quartal. Es besteht nämlich die ernste Gefahr, daß ein schwächliches Kind bei lieber- anftrengung einer Erkrankung zum Opfer fällt, die es weit mehr zurückwirft, als das so gefürchtete Sitzenbleiben, das allenfalls ein Lebensjahr kostet.
Es wird dann aber auch Aufgabe der Eltern fein muffen, einem solchen Kinde klar zu machen, daß die Wiederholung einer Klasse in feinem gesundheitlichen Interesse liegt und keineswegs als Schimpf und Schande empfunden werden muß. Gerade schwächliche und kranke Kinder leiden mitunter weit schwerer unter dem Sitzenblei, ben als große Faulenzer, die ganz gut könnten, wenn sie nur wollten. Diese pflegen nämlich das Sitzenbleiben mit beneidenswerter Ruhe hinzunehmen und bei ihnen wird auch alle Antreiberei zu vermehrter Arbeit int letzten Quartal des Schuljahres nicht allzuviel nutzen.
Plättbrett und Plättelfen.
Von I. W e g n e r-Gothe.
Ein altes Volkssprichwort sagt: „Wie der Herre so fein Gescherte!" Mit anderen Worten, aus der Beschaffenheit des Handwerkszeuges erkennt man den Arbeiter. Wenn also Plättbrett und Plätteisen sich in entern guten Zustande befinden, kann man auf Ordnungssinn und Akuratesse der Hausftau ober bes Hausmädchens schließen.
Wie aber sehen diese in vielen Häusern aus und wo sind sie zu finden, wenn sie einmal gebraucht werden sollen?
Ein gutes Plättbrett sollte nicht zu schmal und zu kurz sein und muh unter allen Umständen an dem einen Ende spitz zulaufen. Hierdurch erleichtert sich das Ueberziehender Röcke beim Plätten und andererseits kann man diese Spitze in Ermangelung eines Slermelbrettes zum Plätten der Aermel in vielen Fällen verwenden.
Als Polstermaterial kommt für ein Plättbrett außer grauer Baumwollwatte, Fries ober auch Papier mit einer Fries- ober Wattefchicht in Betracht. Wenn man Watte verwendet, wird diese in Tafeln passend auf das Brett gelegt, dann breitet man über sie ein passendes Stück Nessel, feuchtet dieses gleichmäßig mit einem Schwamm ober einer Blumenspritze an und plättet es mit einem sehr heißen Eisen trocken. Hierdurch verbindet sich das Stück Nessel mit der geleimten Watte, so daß beide nur ein Stück bilden. Dieses Ganze wird an der unteren Seite des Brettes mit feinen Blaustiftchen befestigt, fo daß es glatt und straff aufliegt. Als Ueberzug verwendet man ebenfalls Nessel ober Leinenstücke von mehr ober weniger defekten Wäschestücken, die aber keinerlei Nähte aufweisen dürfen. Diese Bezüge müssen
in einem ordentlichen Haushalt unbedingt gesäumt sein. Es darf nicht vorkommen, daß man bei Bedarf einfach von irgend einem Wäschestück einen Fetzen abreißt und diesen über das Brett spannt ober daß man einen Ueberzug überhaupt nicht verwendet und direkt auf den Fries oder der Watteschicht plättet.
In noch anderen Häusern verwendet man alte oder auch neue Handtücher als Bezüge für Plättbretter oder man nimmt gar Bettücher und legt diese auf den Plätt- tisch, um sie als Unterlage zu benutzen. Auch dies zeugt weder von Ordnungssinn, noch von Wirtschaftlichkeit. Wie schnell sind auch sie versengt und große Werte mit ihnen vernichtet. Zum Bezug eines Brettes kommt entweder Nessel in irgendeiner Stärke oder Stücke von einem ausrangferten Wäschestück ohne Nähte in Betracht. Es ist nicht nötig, daß diese Bezüge breiter als das Brett find, ein Zuviel wäre bei den heutigen Stoffpreisen sogar eine Verschwendung und bedeutete eine Verteuerung der Wirtschaftsführung.
Außer Benutzung muß das Plättbrett ebenfalls mit einer Schutzhülle umgeben fein. Hierzu dienen sehr gut die auseinandergetrennten und sauber gewaschenen Salzsäcke, die man zu passenden Hüllen verarbeitet und über die Bretter zieht. Die weitere Aufbewahrung der Bretter wird sich ganz nach den räumlichen Verhältnissen richten müssen.
Das Plätteisen darf niemals achtlos auf Herdplatten, Fußböden usw. gestellt werden. Hier wird es nicht allein schmutzig und zur Arbeit ungeeignet, sondern es bekommt auch sehr leicht Riffe und hat dann nicht nur an Wert bedeutend verloren, sondern es eignet sich bann zum Plätten von empfindlichen Sachen nicht mehr in dem erforderlichen Maße. Vielmehr benutze man immer nur die hierfür bestimmte Unterlage bezw. Untersatz.
Jst man mit der Arbeit des Plättens fertig, läßt man das Eifen auskühlen und bewahrt es dann in einem trockenen Raum auf. Sehr gut ist es, wenn man es in eine wollene Hülle stecken kann. Hierzu eignen sich nicht allein allerlei Reste von Flanell, Barchent, Wolle und Tuch, die man mehrfach zusammenstückeln kann, sondern auch alte wollene Strümpfe.
Tips für Locherfolge.
Von Lore Lenz.
Wie hübsch sieht es ans, wenn die Klöße so recht rund und glattgesichtig in der Schüssel liegen! Sie sind nicht immer wohlgeratene Gebilde, sondern versuchen, sich auf eigene Faust im Kvchwasser zu amüsieren und flatterhaft hier- und dorthin zu schweifen. Das kommt daher, weil man vergaß, das Wasser vorzubereiten. Auf jeden Liter Wasser rührt man einen Teelöffel Kartoffelmehl oder Maispuder an, gießt es zu dem kochenden Wasser unb legt erst bann die Klöße hinein. Die wurden mit falten, nassen Händen geformt und bann in letzter Minute vor dem Kochen in dem weißen Reis-, Mais- oder Kartoffelpuder gewälzt, der trocken auf einen Teller geschüttet wurde. Nun find sie gefeit gegen alle Versuchungen des Abkochens.
Unpanierte, kleine Fleifchstücke ober Rumpffteaks biegen sich und ziehen sich beim Braten Höcker zu, wenn man vergaß, die ringsum hastende Haut scharf einzukerben, damit sich das Gewebe in der Brathitze seitlich ausdehnen kann.
Der falsche Hase platzt nicht so leicht, wenn man ihn von allen Seiten mit Maispuder bestäubt und bas
Deutsche Beefsteak wird besonders saftig, wenn bet Fleischmasse kurz vor dem Braten auf jedes Pfund Fleisch 6—8 Eßlöffel kaltes Wasser untergerührt werden.
Gewürze, die scharf durchschmecken sollen, dosiert man sparsam erst vor dem Anrichten und setzt sie den Speisen zu. Namentlich Paprika verträgt es nicht, mitgeröstet zu werden, wie die Vorschrift oft lautet. Er verliert Kraft und gesunde Farbe, wenn er stundenlang im Kochtopf weilt.
' Zwiebelgeschmack im unangenehmen Sinn verliert sich bei langem Kochen, und nur ein würziges „Ich weiß Nicht was" gibt ben Speisen Wohlgeschmack.
Bei Süßspeisen scheut man sich, der kochenden Waffe den Eierschnee zuzusetzen, möchte aber gern, daß er doch darin gar wird. Wenn man dem Eiweiß beim Schlagen erst etwas Salz, dann messerspitzemveise Puderzucker unterschiebt, verspricht es, das Gerinnen sein zu lassen und sich glatt der Masse einzufügen.
Die Mandelmühle wird oft gebraucht und man glaubt sich bas dauernde Abschrauben und Reinigen sparen zu können. Da bas feine ausscheidende Del aber schnell ranzig wird, schmecken die Nüsse und Mandeln beim Rohkostfrühstück von Tag zu Tag weniger lieblich. Selbst der Nachtrab des Zwiebacks kann den eingebrun- genen Geschmack in der Mühle nicht gutmachen. Sie muß gewaschen werden.
Die Zwiebel als heiser im haushalt.
Die Zwiebel ist in manchen Fällen ein getreuer Helfer der Hausfrau. Lackschuhe z. B. behalten ihren schönen Glanz und werden nicht rissig, wenn man sie do nZeit zu Zeit mit einer ausgeschnittenen Zwiebel ab- reibt und mit einem wollenen Tuche nachpoliert. Zwiebelsaft entfernt Flecken aus Lederwaren, wenn man ihn vorsichtig aufträgt und gut nachreibt. Zwiebelsaft mit Kampfer gemischt ergibt ein vorzügliches Mittel gegen Küchenschaben, Ameisen und anderes Kleingetier in der Küche. Zwiebelschalen ausgekocht verwendet man zum Färben von Dekorationsstossen und zur Osterzeit auch zum Färben der Eier, ©ie ergeben einen schönen gelblichen Ton.
Gefundhettspflege.
— Sauerkraut als Heilmittel ist noch viel zu wenig bekannt. Sauerfraut wirkt wegen feiner natürlichen Milchsäure erfrischend und belebend, regt die Verdauung an und stärkt die Blutbildung in bedeutender Weise, so daß gar manche blasse Gesichtsfarbe gerade infolge bes Genusses von reichlichem Sauerkraut einem gefunben Aussehen weichen muh. Das instinktive Verlangen manches Bleichsüchtigen nach sauren Speisen Bonbons usw. sollte man nicht bekämpfen, wie es gewöhnlich geschieht, sondern dem Fingerzeige der Natur Folge leisten, natürlich in maßvoller Weffe. Nur Essig ist zu vermeiden.
— Gerade Haltung. Brust heraus, Kopf hoch, Mund geschlossen und gute Tiesatmung, das muß jedem Kinde täglich zur Erhaltung feiner Gesundheit anempfohlen werden. Läßt man ein schlappes Wesen einwurzeln, so wird der jugendliche Körper mit seinen weichen Formen und biegsamen Knochen sich sehr schnell danach bilden, unb ehe man sichs versieht, ist eine Mißbildung entstanden. Je zarter ein Kind von Natur ist, desto leichter kann es durch Vernachlässigung zu Schaden kommen.
Im ersten Jahrzehnt nur
NIVEA
KINDERSEIFE
Sie ist nach ärztlicher Vor* schrift besonders für die empfindliche Haut des Kindes hergestellt. Dir seidenweicher Schaum dringt schonend in die Hautporen ein und macht sie frei für eine gesunde Haut-
W atmung. Preis 70 Pfg. W2$y3S __________________
Gegen spröde Haut
schützt Sie beim Wintersport, überhaupt immer, wenn Sie sich bei Kälte. Wind und Wetter im Freien aufhalten
NIVEA-CREME
Nivea-Creme enthält als einzige Hautcreme das dem Hautfett verwandte Eucerit, und darauf beruht ihre Wirkung. Sie dringt, ohne einen Glanz zu hinterlassen, vollständig in die Haut ein und macht die Gewebe der Haut geschmeidig und • /iderstandsfähig; sie nährt, kräftigt und pflegt die Haut, Dosen tu RM. 0.20- 1-20 z Tuben aus reinem Zinn zu RH. 0.60 ü. 1.00
Sein Loskag.
Wiener Roman von Fanny Wibmer-Pedit.
Copyright by Ne-De-Ko, Münster i. W.
13] ----------
Menschen kommen und gehen. Zeitlos ist hier der Raum, zeitlos das flehende Leid, das heiße Danken er» (älter Wünsche.
Geheimnisvoll nistet das Dunkel in der gedrängten Unendlichen Höhe der gotischen Gewölbe.
Und alles Denken, Sehnen und Wünschen, alles Bit- ren und Beten strebt mit empor, verliert sich in keine Breite, in keine Weite, alles ist Ziel und Sammlung in diesen ehrwürdigen Hallen. Alles ist Geschloffenhe:t Und Geborgenfein. An jeden Pfeiler möcht man sich schmiegen, tn jeden Schatten sich stellen und ruhen, ruhen.
Gittas Herz zuckt wieder auf und wagt noch einmal $u hoffen. „Wenn er aber wieder gesund wird, wieder gesund wird!" Es ist ein kindisches, hilflos sehnendes fallen. „Glückliche Bräute." Mutter, helligste Mutter"! Glückliche Bräute sind hier vorbeigeschritten, wenn er ge- tod wird, so bleib ich bei ihm, an seiner Seite, daß er nimmer irrend ins Weite rennt, stark lass' mich werden Und mächtig in seinem Herzen, lass' mich in Demut deinem Sohn dort einen Thron erbauen, stark last' mich »erden in reinster Liebe, mit allen unentweihten Kräften! Weib und Mutter und Retterin will ich werden! i Dumpf und schwer breitet sich neuer Kummer über
Mädchen.
„Er muß sterben . . Herr, wenn du ihn heimnimmst deiner Gnade, wenn du ihn rettest, hier ist mein Herz, es — nimmer zuckt es, — es ist bereit!"
Sie war die letzte im kleinen, rötlichen Lichtkreis der tozen. Stül wartete der Kirchendiener, bis auch diese toerin langsam, wie träumend hinaustrat. Wie ein "Unkler Schatten ging sie an ihm vorüber, müde tastete ”e hinaus an der glatten, abgegriffenen Mauer.
Grell sind die künstlichen Lichter am weiten Siephans- Antz grell unb fremdartig, aus einer neuen Zeit. Wie lie Ausgeburt eines erhitzten Traumes flimmern und
flirren sie schmerzlich in den Augen, die aus einer andern Welt kommen, aus einer Welt der Opferbereitschaft, wo die Steine reden und warmherzige Tröster werden.
lieber die Toten von St. Stephan sausen und brausen die Wunderwerke moderner Technik, rasen die Omnibuse mit der Hexengeschwindigkeit alter Weissagungen, über den Toten von St. Stephan donnert eine neue Zeit
lieber neunzig frische Hügeln rast und drängt das unerbittliche Leben weiter, weiter ohne Rast und Ruh, ohne Besinnen, läßt nicht Zeit zum Schmerz, gibt nicht die Gnade zum Beten, nicht die Kraft zum Gesunden, brütet nur neuen Haß. Im Jahrhundert der Humanität stirbt die Liebe zum Nächsten, erstickt in der Gier nach Geld und unter den gestürzten Thronen regen sich neue, fürchterliche Mächte, sinnlose Gewalten, ohne Gott, ohne Schöpfergeist, das Faustrecht der Neuen.
Alle wollen ihm gleich fein, dem Gott ihrer Herzen, dem Reichen! Im gierigen Ringen unb Gleichseinwollen werden sie alle verarmen!
Spät kam Gitta heim, der Vater aber dachte nimmer Schlimmes von ihr.
Dem alten Mann sind die müden Augen wieder hell und klar geworden, wo immer und in welcher Gestalt ihm das Leid über den Weg trat, erfaßte er es unb versuchte zu lindern und zu helfen, mahnte seine Schwiegersöhne zur Ruhe, zur Geduld, zu lebendiger Liebe in Gott, die ben Freund wie ben Feind umfaßt, goß in die vielen Wermutsbecher dieser Tage gar manches Tröpflein echten, alten Wiener Humors.
Mit einem kleinen, gütigen Schalklächeln, hinter dem sich viel Leid und Liebe und ein tiefes Verstehen verbarg, begrüßte er die Heimkommende: „Mäderl, Mäderk, ich werd noch ganz eifersüchtig wegen die vielen Randl- wuzeln mit unfern lieben Himmelvatern!" Unb er drückte sie ans Herz, als wär sie noch sein kleines Putzirnäderl.
„Wieso weißt denn, wo ich war, Vater!?"
„Riechst ia noch von seiner himmlischen Tabakpfeisen!" Verständnis '^s schaut ihn Gitta an.
„Nu, bll ja wirklich als a ganzer völlig ranzig vom Weihrauch, wie a alter Ministranttnkittl!"
Nun kommt auch in Gittas blasses Gesicht ein Lächeln. „Sixt es, du armes Trutscherl, das hab ich ja wollen! Nur net verzagt sein, der Herrgott wirds scho richten!"
„Wo ist denn die Mutter?" „Na, waht et), beim kleinen Pamperletsch wars erst, dann haben sie es, zur Frau Müller geholt, die will sich schon gar nit geben, hat heut wieder einmal einen schrecklichen Tag unb wollt akkurat zum Karl, aber vor sie nit ruhig wird, können sie sie doch net zu ihm lassen."
„Warst denn den ganzen Nachmittag allein, Vater?" „Ah, woher denn, schau da einmal wie es ausschaut da herum, Kindermadl hab ich gemacht, der Hausmasterin ihre roar’n da, sie is ins Spital zum Mann, es soll ihm heut schon besser gehn. Du Gitta, a rechte Freud hab i gehabt, der klone Schnegg, was allweit so gescheit da- herredt, hat a*bißl plauscht, denk dir, die Mutter töt beten mit ihnen af d' Nacht fürn Vatern, daß er wieder heimkummt. Hab ich mir halt denkt, ist nit anders, als daß es die Schwachen in fo an Sturm no weiter außi- treibt unb die Starken wehren sich mit ihrer ganzen Kraft dem Ufer zu und kriegen wieder Boden unter den Füßen."
„Ja," denkt sich Brigitta, „wie recht hat der Vater, Boden unter den Füßen, ich fühl ihn auch wieder, steh fest und kann alles erwarten, wie es mir bestimmt ist "
Dann räumt sie zusammen, flink und sauber, mit einem mütterlichen Eifer umsorgt sie den Vater, findet Trost in der Arbeit, viel Segen liegt in ihr. Bald pretzelte auf dem Gasherd ein einfaches Mahl. Der bescheidene Geruch von heißem Fett und gerösteter Zwiebel zog dennoch würzig durch den heimeligen Raum. Es war eigentlich der erste, anftänbige Bissen, ben Vater Man- hart in diesen Tagen unter die Zähne bekam. Gitta freilich kostete nur davon, ihm aber schmeckte es. Eine Weil« vergißt der leidende Mensch wohl auf ben hungernden Menschen, aber bann melbet sich allmählich der gesunde Erhaltungstrieb. Heimelig und warm war es dem alten Mann und immer heller und froher im Ge- müte. In diesem behaglichen Gefühl und mit dem lieben, treuen Gutmeinen sagte er zur Gitta: „Gelt Brigitta, ich denk mir grab so, wirst wohl einmal so um beinen Mann herum tun, bann bin halt wieder ich der „Niemand"!" Da fällt dem Mädel just das letzte Häferl aus ben Händen, das sie in ben Schrank stellen wollte „Na, na, nur nit so geschreckt, Scherben bedeuten ja Glück!" Gitta begann mit zitternden Händen die Scher
ben vom Boden aufzulesen und sagte leffe: „Das ist doch nur ein Aberglauben, Vater."
„Ist schon ein Glauben auch dabei, ich glaub an dein Glück Gitta, ich glaub, der Herrgott wirds schon richten!"
„Vater, er muß ja sterben," haucht sie schluchzend. Darauf wird ihr kein« Antwort mehr gegeben.
Vater Manharts kleiner Freudenfunken ist wieder verloschen, wie die glimmende Glut in seiner Pfeife . . . Aber daß er doch einen Trost haben soll, legt Gitta die Hände um ihn unb meint: „Vater!, ich bleib wohl immer bei dir unb Mutter, so lang ihr lebt."
„Aber nachher, wir leben nimmer ewig, du bist die Jüngste, Haserl, bann bist du allein," bebt es von des Vaters Lippen und die erkaltete Pfeife legt er mit leicht zitternder Hand auf den Tisch.
„Nachher, nachher wird sich schon ein stilles Platzerl finden, Vater, nachher such ich mir einen Dienst, einen recht schonen Dienst."
Er versteht sein Kind nicht ganz, er versteht nur, daß es mit einem heißersehnten Glück schon völlig abgeschlossen hat und tiefes Weh breitet sich über sein warmes Vaterherz und doch wieder ein kleines Hoffen: „Der Herrgott wirds schon richten."
Still warteten sie auf die Heimkehr der Mutter.
*
Mit sinnendem Schauen hat die Mutter Manhart grab in ben törig unschuldigen Augen ihres jüngsten Enkels geforscht, in die dunkle, mit siebenmal sieben Balken verschlossene Zukunft geforscht. Durch sieben Balken sieht ein Mutterauge wohl, aber sie unb bas kleine Ee- schopflein ba sinb schon zu weit auseinander und mochte ihm doch alles Weh verscheuchen, alles Glück in den Weg stellen, an feinen blumigen Lebenspfad. Da ift sie zur Frau Müller geholt worden.
Hier war ein wüster, trauriger Weg, gestürzte Götzentempel auf Sand gebaut, versengte Steppen. Was der Mann ihr wohlmeinend verschwiegen, haben ihr andere zugetragen, daß es um Karl schlecht steht. Allem zügellosen Schmerz und Toben hat sie sich wieder l; ingegeben und lag nun überwältigt von ihrem eigenen Wüten hilflos ba. Tage wird es nun wieder dauern, bis sie ihren Sohn erst sehen kann, selber verrammelt sie sich ben Weg zu ihrem Kinb.