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Nr. 9

VeUage zur Fuldaer Zeitung

12. Januar

Die Schloteskadt.

Von Marie Ionghaus.

Einmal möchte sie zu Gaste laden Schönheit die unvergänglich bleibt.

Wenn jäh der Sturm die Wolkenfetzen treibt, grollt sie, durchflattert von des Rauches Schwaden. Wie Spinnenbeine umkrampfen schmale Gassen ihr dürstend Herz. O diese Schlote muß sie hassen! Die aus ihr streben hoch hinauf in Weiten, die ihr das Lachen rauben und die frohe Güte, die purpurnen lohen wie eine wilde Blüte, und düster, grau die Ränge nach ihr breiten. Sie, die will, daß SiDüheit sich in ihr aufbaue, sie ist die Schlotestadt, die nebelgraue . .

Doch sieh, an einem Wintermorgen das erste Glockenlied flog himmelan vom alten Zwiebelturme fing sie zu leuchten an! Aus blauen Dämmerslören strebte Schlot um Schlot «n weißer Winterherrlichkeit, von Sonnenglanz umloht!

Industrie-Adel.

Lus Anlatz des 25. Todestages von Ernst Abbe am 14. Ianuar.

Don Dr. KarlBergmann.

Wer regiert Deutschland? Wer ist wirklich Herr der Welt? Jeder Tag kündet ihren Triumph von neuem: Sn den Händen der Wirtschaft ruht das Zepter.

Doch auch des größten Jndustriekönigs Thron wird stürzen, wenn er nicht weiß, was es bedeutet: Herrschen. Die Großen der Wirtschaft dürfenebenso wenig mehr bloß Techniker und Spezialisten sein wie Könige Polizei­wachtmeister oder Militärs. In Zukunft werden allen­falls Politiker Spezialisten sein dürfen, ihrer geringen Bedeutung gemäß. Wirtschaftsführer dürfen auch keine bloßen Arbeitstiere mehr sein, wie leider so viel; sie müssen unmittelbar vom Sinn des Ganzen her das Ein­zelne betreiben. Lernen sie dies, bann wird ihnen das Große beschieden sein, zu Einführern einer wahrhaft bes­seren SMt zu werden." So schrieb Graf Keyserling schon vor Jahren in seinem Buch überPolitik, Wirtschaft, Weisheit".

Der springende Punkt ist eben der, daß die Wirt­schaftsführer ihre Macht fortan nicht anders mehr be­nützen, als einst Könige, Staatsmänner, Adel. Das Ge­heimnis von deren Macht und Erfolgen aber war: Freiheit. Freiheit von Gewinn- und Goldsucht nie war der Händler ein Held; Freiheit vom Ich nie war der Egoist ein Ritter.

Doch, ist die Zeit derKöniglichen Kaufleute" nicht ebenso vorbei wie die Genua, Venedig, Amsterdam und Hansa, darin sie lebten? Daß auch heute noch nicht wahr ist, ein Industrieller müsse eben als Wirtschaftsmensch - auf Profit aus sein, zeigt uns die Gestalt Ernst Abbes. Sie ist eines der ragendsten Vorbilder für die Zukunft des Abendlandes.

Abbe war, gewiß, der größte Spezialist, ein König der Wissenschaft. Dieser Enkel eines Volksschullehrers, der als Junge seinem Vater im Henkelmann das Mit­tagessen zur Fabrik, einer Eisenacher Kammgarnspin­nerei, tragen mußte, errang schon in seinem dritten Se­mester und da erst 18 Jahre alt! einen wissenschait- iidjcn Preis; obwohl er sich den strengsten Examinator an der Göttinger Universität aussuchte, beendete er sein Mathematik- und Physik-Studium mit Auszeichnung. An der Universität Jena wurde er Professor für Physik und Mathematik und übernahm die Sternwarte. Weil ihm die optischen Instrumente nicht genügten, kam er mit bem 1816 zu Weimar geborenen Universitätsmechaniker Karl Zeiß zusammen, der sich in seiner 1846 von ihm selbst begründeten optisch-mechanischen Werkstätte um dasselbe bemüht hatte, doch trotz der Ratschläge tüchtiger Gelchrter ohne Erfolg. Die Mikroskope blieben zu lichtschwach, ihre Seh-Bilder zu sehr farbig umrandet und durchsetzt. Welche Glassorten sollte man nehmen, wie die Linsen formen und zusammensetzen? Abbe löste

Das Gift.

Roman von William Le Queux.

AlleRecbted.Gretev.Urbanitzkd,Wien. Bearb. b.Dr.OttoBorschke Vs --------

^nbalf des bisher abgedrucklen Romanabschnitte».

Hugh Garfield, ein junger englischer Dip­lomingenieur, hatte eines Abends in London ein seltsames Erlebnis. Als er sich auf dem Wege zu feinem Onkel befand, wurde er in der Stetton Street plötzlich von einem Diener in Livree ange­sprochen und dringend gebeten, ihn in das nahe­gelegene Haus seines Herrn zu begleiten, den ein schwerer Kummer bedrücke. Garfield kommt nach einigem Zögern der Bitte nach und wird von dem Diener in ein palaisartiges Haus geführt. Es gehört Oswald de Gex, einem bekannten Mil­lionär. Der Hausherr, dem der Besuch anscheinend sehr angenehm ist, schüttet in längerer Unterhaltung dem Gast sein Herz aus. Plötzlich ertönt ein Schrei aus dem Nebenzimmer. De Gex stürzt hinaus und überbringt kurz darauf die Nachricht, daß so­eben seine Nichte Gabriele Engleduean Herz­schlag gestorben fei. Er führte Garfield in das Zim­mer, wo ein junges Mädchen leblos auf einem Bette hegt. De Gex überredet Garfield, einen Totenschein über Gabriele zu unterschreiben und bietet ihm eine hohe Geldsumme als Belohnung. Kurz darauf schwinden Garfield die Sinne. Vier Wochen später findet er fL, in einem Hospital der französischen Stadt St. Malo wieder. Wie er dorthin kam, ist ihm völlig rätselhaft. Nur ganz langsam und allmählich dämmert die Erinnerung wieder auf. Nach London zurückgekehrt, sucht Garfield das i rätselhafte Geschehnis aufzuklären. Als er erfährt, daß de (5ir inzwischen nach Florenz abgereift ist, fährt er eb-nfalls dorthin und sucht ihn auf. Doch dieser tut 70, als ob er Garfield nie im Leben gesehen habe und von einer Nichte Gabriele über­haupt nichts wisse. Die Erzählung des jungen Engländers erklärt er für Hirngespinste einer ver­rückten Phantasie. Garfield verläßt empört das Haus, mietet sich in Florenz ein Zimmer und ist

das Problem durch den Nachweis, daß die geometrische Optik hier nicht verwendbar sei. Auf den Werken über Neue Apparate zur Bestnnmung der Berechnungs- und Zerstreuungsvermögen fester und flüssiger Körper" und denBeiträgen zur Theorie des Mikroskops" beruhen feine weltberühmten Erfindungen und Konftruktionsver- befferungen, die die uns heute so geläufige Mikrophoto­graphie oder (durch doppelrohrige Mikroskope) sogar ste­reoskopische Mikrobilder bis zu den unglaublichen Fein­heiten von Zehntausend-Teilchen eines Millimeters r- möglichen, Leistungen, mit denen die modernen Natur­wissenschaften, insbesondere die Medizin stehen und fal­len. Nicht nur für das Mikroskop hat Abbe diese Erfolge erreicht, man kann ihn den Begründer der modernen Optik überhaupt nennen.

Eben da aber zeigte sich, daß er noch mehr war: der große Mensch. Der Schöpfer trat hinter fein Werk. Die Früchte seiner Arbeiten auch für die Photo­graphie und die Ausbildung des Fernrohrs tragen be­kanntlich nicht den Namen Abbe. AlsZeiß"-J nstrv - mente erwarben sie ihren Weltruhm.

Wie Abbe denn auch zu Lebzeiten niemandem be­kannt wissen wollte, von wievielen gelehrten Gesell­schaften er Ehrenmitglied war, selbst die Stadt Jena durfte es nicht veröffentlichen, daß sie ihn zum Ehren­bürger gemacht hatte. Nicht einmal seine großartige Stiftung trägt seinen Namen! Im Jahre 1889 nämlich ging das Zeiß-Werk in Abbes alleinigen Besitz über, Abbe aber entäußerte sich dieses ganzen Millionenunter­nehmens. Um es den Arbeitern des Betriebes sowie den Forschungsinstituten der Universität Jena dienstbar zu machen, ließ er es eintragen alsKarl Zeih- Stiftung" und er wurde ihr angeftellter Leiter; sei­nen Angehörigen blieb gleichfalls nur das gesetzliche

Pflichtteil. Abbes Wirtschaftsziel war eben nicht Er­höhung des Gewinnes, sondern Steigerung der Leistung durch Hebung der an der Arbeit mitbeteiligten Menschen. Lange bevor der Staat eine Arbeiterfürsorge forderte und auch später noch über das gesetzliche Maß hinaus richtete Abbe deshalb die achtstündige Arbeitszeit ein, entschädigte unschuldig Entlassene, zahlte den Lohn auch während der Urlaubszeit und der Wahrnehmung öffent­licher Ehrenämter. Das Gehalt der ülngeftellten fetzte er in ein Verhältnis zu den Arbeiterlöhnen. Dazu tarnen Werkfparkafsen, Fortbildungsunterricht, der Bau von Arbeiterwohnungen oder die Ermöglichung von Eigen­bauten ufw.

Das große Industrieunternehmen ging dabei keines­wegs in die Brüche. Nicht nur, daß es sich andere Werke, wie die Jenaer Glaswerke, angliedern konnte. Se'n Weltersolg zeigt, daß der mittelalterliche Gedanke der Werkgemeinschaft auch heute noch lebensfähig ist. Nicht in einer unmöglichen Mitte zwischen Ich- Profit und Sozialisierung, sondern auf jener höheren Ebenekooperativer Wirtschaft", wie sie Friedrich Dessauer als die einzig mögliche Grundlage un­serer Zukunft erkannt und verkündigt und Abbe uns vor­gelebt hat. Die aber ist eine Frage nicht der Technik sondern der Gesinnung: des Verantwortungsgefühls und des Willens zurSchöpfung". Oder, wie Graf Keyserling in dem genannten Buche es ausdrückt:Das Problem des Wiederaufstiegs Deutschlands, des Wieder­aufbaues Europas ist im letzten ein persönliches Problem: das Problem dessen, welche Anforderungen die Führer an sich stellen, zu welcher Tiefe des Sinn­verstehens sie sich erziehen, zu welcher Weite des Blicks, mit welcher Energie sie das einmal als richtig Erkannte verfolgen."

Von tiefsten Temperaturen im Weltall und Laboratorium.

Die phantastischen Pläne der Weltraumfahrt, ange­regt durch die Raketenversuche der jüngsten Zeit, insbe­sondere der neue UfafilmDie Frau im Mond", den viel Tausende, vielleicht Millionen Menschen diesen Winter sehen werden, sie haben, wie ich glaube, die Einstellung von uns Heutigen zum Mond wesenllich geändert. D-e- ser Mond des 20. Jahrhunderts ist nicht mehr das be­liebte Requisit Eichendorffscher Romantik; ist nicht mehr der Mond aus Lenaus Postillon mit Silberwölklein; er ist ein reales, berechenbares Ding geworden für uns alle; ein Trabant, etwas Erreichbares in der vorauseilenden Phantasie, fast hätte ich gesagt, eine Kolonie, von der wir morgen Besitz ergreifen.

Aber so einfach, wie der Film sie sich denkt, so ein­fach wie die utopischen Artikel es darstellen, die der Wirklichkeit des Erreichbaren weit vorauseilen, wird eine Landung auf den Mond für die Menschen nicht sein. Selbst wenn wir annehmen, daß der Raketen­antrieb gefunden wird, der dem Weltraumschiff die parabolische Geschwindigkeit von 11200 Meter in der Sekunde verleiht. Schon allein die Temperaturschwan­kungen auf dem Mond werden wahrfcheinlich ungeheure Schwierigkeiten für irdische Lebewesen darstellen. Petit und Nicholson haben nach einer Mitteilung in denPub- likations of the Astronomical Society of the Pacific" mit Thermoelementen recht genaue Messungen der Ausstrah­lung der unbeleuchteten Teile der Mondscheibe vorge­nommen und die sich daraus ergebenden Temperaturen für die Nachtseite des Mondes errechnet. Für den der Sonne grabe gegenüberliegenden Mondmeridian, in wel­chem also Mitternacht ist, ergibt sich eine Temperatur von 110 Grad abf. (gleich 163 Grad C.), während man für die sonnenbestrahlten Gebiete des Mondes mit einer Mindesttemperatur von 350 Grad abf. (gleich + 77 Grad C.) rechnen muß. Bei einer absoluten Mond­finsternis hat man einen Temperatursturz von 200 Grad E., d. d. von + 77 Grad auf 123 Grad E. messen können. Interessant ist bei dieser Beobachtung, daß schon die kurze Zeit der Bedeckung durch den Erdschatten hinreichte, eine fast ebenso große Temperaturerniedri­gung hervorzubringen, wie die sieben Tage lang wäh­

rende Ausstrahlung bis zur Mondmitternacht. Man nimmt auf Grund dieser Erscheinung an, daß es sich bei der vorhandenen Restwärme der Monüoberfläche denn für den umgebenden Weltraum ist eine Temperatur von 273 Grad anzusetzen um Eigenwärme des Mondinnern handelt. Also auch der Mond ist noch nicht zu den vollkommen erkalteten Weltkörpern, zu den Zoten« zu rechnen. Minus 273 Grad ist der absolute Nullpunkt der Temperatur, die tiefst denkbare Temperatur, bei der jede Molekularbewegung (Wärme ist ja nichts anderes als Molekularbewegung) aufhört, und es bestehen eindeu­tig klar erkannte physikalische Gesetze, nach denen es keine tiefere Temperatur geben kann als 273 Grad C., den absoluten Nullpunkt. Mit dieser Temperatur hat die Weltraumfahrt sich abzufinden, abgesehen von allen anderen Schwierigkeiten, die mir vielleicht heute noch nicht einmal ahnen.

Die Unentwegten, die Optimisten, die Romanschrei­ber, die Stammtischtechniker wissen allerdings heute schon die Mittel, mit denen man sich gegen die unsympatische Weltraumkälte schützen wird. In den wissen- schaftlichen Laboratorien der Welt aber kämpft man heute noch mit feingeschliffenen Waffen zunächst einmal erst um die Geheimnisse der Veränderungen, welche die Eigenschaften der Stosse bei tiefen Temperaturen erlei­den.

Mißt man z. B. den elektrischen Widerstand eines Zinndrahtes bei zunehmender Abkühlung, so stellt sich heraus, daß bei abnehmender Temperatur der Wider­stand ab nimmt, also die elektrische Leitfähigkeit zu- nimmt. Und zwar sinkt der Widerstand für jeden Grad der Temperatilrerniedrigung um einen ganz bestimmten kleinen Betrag. Es war der kürzlich verstorbene Phy­siker Kammerlingh Dnnes, dem es in seinem kältetechni­schen Laboratorium in Leyden gelungen ist, durch Ver­flüssigung von Edelgasen, Temperaturen zu erreichen, die fast am absoluten Nullpunkt lagen, also um 273 Grad C. herum.

Die Untersuchung der Leitfähigkeit bestimmter Me­talle, abgekühlt bis nahe am absoluten Nullpunkt, er­gab die überraschende Tatsache, daß der elektrische Wi-

feft entschlossen, das Geheimnis trotz allem zu lüf­ten. In einer Weinschenke wird er mit Robertson, dem Kammerdiener von de Gex, bekannt, von dem er vergeblich eftoaS über Gabriele Engledue zu erfahren sucht. Als er eines Tages in der Kathe­drale Santa Maria bei Fiore weilt, bemerkt er zu seiner größten Ueberraschung eine von einem Herrn begleitete junge Dame, die der totgeglaubten Gabriele Engledue aufs Haar gleicht. Der Beglei­ter ist ein gewisser Arzt, namens Moroni. Um ihn näher 'kennen zu lernen, begibt sich Garfield in feine Behandlung. Bei einem seiner Besuche hört er im Nebenzimmer eine Unterredung zwischen Moroni und De Ger, dessen Hausarzt ersterer ist. Sie verabreden für den Abend ein Zusammentref­fen im Park der De Gexschen Villa. Garfield ist unbemerkter Zeuge der Aussprache, die ihm wich­tige Auflchlüsse gibt. Einige Minuten später hört er ein geheimnisvolles Gespräch zwischen De Gex und einer Frau Eullerton mit an. De Gex heu­chelt der Dame gegenüber selbstlose Freundschaft. In Wirklichkeit ill er. wie Gariield aus der Unter­haltung des Millionärs mit Moroni entnommen bat, aus iraenb welchen Gründen ihr erbitterster Feind, der sie zu vernichten trachtet. Bei einem Betuch enthüllt Gark-e^d E-ill-rton die Ge­fahr, in der sie schwebt. Einige Tage später fährt er nach London zurück. Im Zuge 'trifft er einen Franzosen namens Gaston Suz 0 r, dem er schon früher einmal begegnete. Zu seinem Erstaunen sieht er denselben am andern Tage mit Gabriele Tenni- s 0 n, jener ihm bereits in Florenz durch ihre über­raschende Aehnlichkeit mit Gabriele Engledue ausge­fallenen Dame zusammen. Als sie sich verabschiedet haben, folgt er dem Franzosen nach dessen Hotel.

Drei Stunden lang wartete ich vor dem Hause, doch er kam nicht mehr heraus. Dann begab ich mich ins Hotel Carlton, wo ich durch den Portier in Erfahrung brachte, daß Monsieur Suzor wohl dort logierte, doch nicht immer dort nächtigte. Manchmal sei er zwei ober drei Tage lang abwesend, wahrscheinlich irgendwo auf dem Lande, meinte der Portier.

So hatte ich denn die seltsame Tatsache festgestellt, daß Gaston Suzor, wenn er sich in London aufhielt, zwei Quartiere hatte, eines in einem eleganten Hotel,

das andere in einem kleinen, das von Leuten aus min­deren Kreisen besucht wurde.

Was mochte wohl der Grund dafür sein?

Um Mitternacht ging ich nochmals ins Hotel Carlton und fragte nach Monsieur Suzor; der Nachtportier erklärte mir, daß er noch nicht zurückgekehrt fei. So kehrte ich beim in meine Wohnung zurück und schlief bis zum nächsten Morgeen.

Bei jedem Schrllte schien ich vor einem neuen Rätsel zu stehen. Immer sah ich vor meinen Augen bas Bild jenes hübschen Mädchens, das leblos vor mir dagelegen war und beretroegen ich ein Dokument gefälscht hatte, ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß ich mich eines Verbrechens mitschuldig gemacht hatte. Meine Pflicht war es nun, das Rätsel zu lösen und die Schul­digen der gerechten Strafe zuzuführen.

Das war es auch, was ich aus ganzem Herzen er­sehnte. Es war nun die Frage, ob Gabriele Engledue wirklich tot war ober ob sie in ber Person der Gabriele Tennison weiterlebte. Dies war der Punkt, den ich vor allem aufklären mußte.

Am folgenden Morgen stand ich zeitig auf und blickte über die Themse, über ber dichte Nebel lagen, auf die jenseits liegenden Fabriken hinaus fürwahr, gerade kein ermutigender Anblick. Bald nach acht Uhr früh­stückte ich und begab mich nachher wieder nach Carls Court, um das Haus in der Songribge Roab zu beob­achten. Durch meine Umfrage in ber Nachbarschaft er­fuhr ich, daß Frau Tennison vor einigen Tagen abgereist war, angeblich nach Paris.

Das junge Fräulein Tennison scheint recht eigen­artig zu sein", bemerkte ich nebenbei zur Inhaberin ei­nes Bäckerlabens, die mir erzählt hatte, baß sie das Ge­bäck in das Haus liefere.

Ja, die Arme", erwiderte die Frau.Seit sie im vergangenen November krank war, kann sie sich nicht mehr recht erholen. Sie hat angeblich einen so schweren Nervenchock erlitten, daß ihr Geisteszustand ein wenig angegriffen ist. Frau Alford, die Haushälterin, erzählt, daß das Mädchen oft tagelang kein Wort spricht."

Seltsam", bemerkte ich.Was mag das wohl für ein Chock gewesen fein, der eine solche Veränderung mit

verstand auf einen kaum noch meßbaren kleinen Betrag herabgesetzt wird. Das Metall, man hat u. a. Zinn, fxlei und Quecksilber bei diesen Verhältnissen untersuch», war supraleitend geworden und man konnte folgend«/ interessante Experiment anstellen: Man taucht einen Bleiring in verflüssigtes Helium und kühlt ihn so auf 270 Grad ab. Ein elektrischer Strom, den man jetzt durch diesen Ring hindurchschickte, kreiste noch viele Stunden nach dem Abschalten des Stromes in dem Blei­ring weiter, da er ja keinen Widerstand sand, der ihn allmählich aufzehrte. Phantasten haben bereits mo­derne Kabel, eingebettet in Röhren mit flüssigem Helium, als die letzte Errungenschaft ber modernen Technik vor­ausgesagt. Kabel also, die die elektrische Energie voll­kommen verlustfrei über beliebige Entfernungen leiten können.

Es ist sicher, daß auch alle anderen Eigenschaften der Materie bei extrem tiefen Temperaturen ähnliche Ver­änderungen aufweisen werden. Wir haben erst einen kleinen Schritt in bas Neuland dieser Erkenntnisse getan und wissen nicht, welche Ueberraschungen uns dort noch erwarten. Der straff.

Glosse der Woche.

Abgesagtes Fest.

Die Zeitungen melden, daß die M 0 n d r a- kete vorläufig nicht abgeschossen wird.

Erst Anfang Januar war es dem Kurzwellenemp­fänger ben alda Manbeb auf dem Monde gelungen, die Nachricht vom Nichtabschuß der Rakete zu bekommen. Solange waren die gefunkten Worte im Weltenraume herumgebummelt.

Das Komitee zum feierlichen Empfang der Rakete trat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Man bedauerte die großen Geldausgaben. Riesige Triumph­bogen waren errichtet, Girlanden schwangen sich von Krater zu Krater und ein großes Festessen stand sozu­sagen kampfbereit auf den heißen Quellen von Ama- dusa. Seit Tagen leuchtete ein TransparentHerz, lich Willkommen" an jener Stelle, an der man die Lan­dung der Rakete erwartete.

Die Zweifler, die Pessimisten, hatten recht behalten und waren obenauf. Sie hatten gegen die Bewilligung der Empfangsmittel gestimmt, sie hatten auf bas heftigste protestiert. Auch jetzt glaubten sie nimmermehr an bi« Sprengung ihrer mondlichen Einsamkeit.

Die Jasager, die Optimisten, aber waren guter Dinge, sie machten den richtigen Vorschlag, das Festesten amfi so einzunehmen denn es könne schlecht werden, und wenn die Mondrakete, was ja sicher wäre, eine« Tages doch käme, dann sei schnell nach dieser glänzen­den Generalprobe ein neuer Empfang vorbereitet.

Der gleichen Meinung war auch bas Mondkalb Noch ehe die Sitzung angefangen hatte, begann es, ben großen prachtvollen Kranz zu fressen, ben ber Kom­missar für bie Ausschmückung des Landes um feinen Hals geschlungen hatte. Karl Theodor Haanen.

Drei Gespräche mit Maria.

Der Bettler. Die werdende Mutter. Der 6(oro* Don Hans Wirtz.

Der Bettler:

graue! Du bist so arm wie ich. Aber merkwürdig: Dich und dem Kind lobt man wegen eures Armseins. Mich aber verachtet man . . . Was bei euch als Tu­gend gepriesen und zur Nachahmung empfohlen wird, sieht man bei mir als Schande an!

So zwiespältig sind die Menschen.--

Es gab eine Zeit, da war ich reich. Und da hab ich an mir erfahren, was Reichtum in ben Augen ber Men­schen ist. Man hat mich mit Ehrungen überhäuft, hat meine Gesellschaft gesucht, hat meine Meinungen be­wundert, und man sagte, ich sei ein kluger und gerechter Mann! Und dabei kannte mich keiner. Sie kannten nur meinen Besitz: meinen vornehmen Rock, mein präch­tiges Haus, mein reiches Warenlager und die Zahl mei­ner Pferde. Wer weil ich das alles besaß, war ich für sie ein Ehrenmann. .

Es kam der Tag, wo ich von all dem nichts mehr hatte, ein Bettler war. Da haben sich alle von mir

sich brachte? War das Mädchen vor dem November ganz gesund?"

Dollkommen, sie kam oft um Schokolade und Cakes zu mir und war immer voll Leben. Es tut einem wirk­lich das Herz weh, wenn man sie jetzt sieht. Immer scheint sie über etwas nachzugrübeln, doch niemand kommt darauf, über was."

Merkwürdig", sagte ich,auch ich habe mich schon über sie gewundert, wie viele andere wahrscheinlich."

Stimmt. Ihre Mutter hat sie, wie ich hörte, zy einer Anzahl von Nervenfpezialisten gebracht, doch kei­ner scheint ihr helfen zu können. Was es stt, können sie nicht sagen, denn die junge Dame scheint ihr Gedächtnis teilweise verloren zu haben."

.Letzt Frau Tennison in guten Verhältnissen?' fragte ich.

Nein, im Gegenteil," gab die Bäckersfrau zur Ant­wort.Herr Tennison soll sehr reich gewesen fein, al, er aber starb, zeigte es sich, daß er knapp vor dem Ruin gestanden war und bie Witwe blieb in sehr ärm­lichen Verhältnissen zurück."

Ich erkundigte mich noch, ob Frau Tennison viel Besuch empfange, was die Frau jedoch verneinte uni hinzusügte:

Vor einigen Wochen kam oft ein Italiener zu ih­nen, er ging auch öfters mit ber junngen Dame aus. Je­mand sagte, er sei ein Arzt, doch ich weiß nicht ob das wahr ist."

Ich fragte die Frau, wie der Mann aussah und sie gab mir eine genaue Beschreibung des geheimnisvoller Arztes aus der Via Caoezzo!

Moroni hatte also das Mädchen hier in London be­acht!

Ich versuchte noch herauszubringen, ob Gaston Su- ,or ebenfalls hier gewesen fei, doch bie Frau kannte ihn nach meiner Beschreibung nicht. Sie nhatte ihn nie mit Gabriele Tennison ausgehen gesehen, wie ben Italiener.

Nachbem ich fast eine halbe Stunde lang mit bet Frau geplaudert hatte, mußte ich mich empfehlen do Kunden in den Laden traten. Ich beobachtete dann noch