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1. Ianuar

Vellage zur Fuldaer Zeitung

Ar. 1

Aeujahrsnacht in einer Kleinstadt

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Daß wir all leben in guter Ruh'.

Seelen in der Ewigkeit

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Von Willi Beils, Hünfeld.

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fruchtbar Jahr, eine gute Zeit; lieben Frieden auch dazu.

gestand sie, wie Willi Stelling handelt hatte, aber sie fügte ro daß er ein gutherziger, impulsiv es ihr übertrieben und närf zweier Menschen von solch einem zu machen. Aber Nelli blieb eigensinnig.

an Willi Stelling einen kameradschaftlichen Brief, e«e wäre ihr nun doch klar geworden, daß ihre Liebe für ihn nicht groß genug wäre, um ihr und ihm das erhoffte Glück zu schenken. Don dem Zwischenfall, der die um

Zählt man die Zeit im Jahr, Drin blau der Himmel blieb, Sind's wen'ge Tage nur, Die andern waren trüb.

Das Jahr mit feinen Sorgen und Mühen, Freuden und Enttäuschungen eilt mit Riesenschritten seinem Ende zu. Nur noch kurze Stunden trennen das neue Jahr vom alten. Stille, fast feierliche Ruhe liegt ausgebrei­tet über den Straßen und Gäßchen der kleinen Stadt. Am schwarzen Himmel funkeln kalt die unzähligen Sterne. Behäbig legt sich der breite Schatten der wink­ligen Häuserfronten über die Gasse und kriecht an der anderen Seite hinauf. Nur vereinzelt bricht sich ein Lichtschein hindurch. Matt schimmert aus dem bleichen Dunstkreis der Laternen das Licht. Steil führt der Weg ins Innere der Stadt. Hier und dort ist ein Fenster erhellt. Man sieht, wie die verschwommenen Umrisse ei­nes Christbaumes sich abmalen. Köpfe bewegen sich: man erwartet das neue Jahr. Schon während des Sil­vestertages hat einer dem anderenEinen guten Be­schluß im alten Jahr" gewünscht. So verlangt es die alte, schöne Sitte. Unser Weg mündet auf die breite, jäh ansteigende Hauptstraße. Man stützt sich fester auf den Stock, denn unbekümmert um die nachsichtige Ortspoli­zei hat die Jugend durch eifriges Schlittenfahren die Straße hübsch poliert. Aber die Leute sind es ja sel­ber schuld, wenn sie fallen. Sie können ja auf der Seite gehen, wo fürsorgliche Hände Asche und Sägemehl gestreut haben.

Wie ein Bollwerk, so recht auf Felsen gebaut, ragt die schlickte Pfarrkirche zum Himmel. Auf dem höchsten

Punkte stehend, beherrscht sie das Stadtbild. Ahnt sie, daß sie auf dem Boden einer Burg steht, die ein Ge­schlecht bewohnte, das einen Nachkommen als einen der zwei ersten Deutschen im Flug über den Ozean schickte? Nun wirds heller und lauter. Aus den Seitenstraßen, dort, woher der furchtbare Brand einst feinen Ausgang nahm, lösen sich sprechende Schatten, kommen näher; man erkennt sich, drückt sich die Hand, alle haben das gleiche Ziel. Eine auffallende Helligkeit läßt unsere Schritte rascher werden. Wir stehen auf dem dreieckigen Marktplatz, gerade im Herzen der Stadt.

Hier weitet sich das nächtliche Bild. Helles Lampen­licht übergießt den Platz. Hell treten die Häuser an den beiden Einfassungsstraßen hervor; das Licht verscheucht die Schatten, die das Rathaus die Grundlinie des Dreiecks verhüllten. Eindrucksvoll hebt sich der dun­kelrote Bau ab, dessen an Spätrenaissance erinnernde Formen nicht so recht in die etwas eintönige Umgebung passen wollen. Ein warmes Licht umspielt seine Ar­kaden. In Eis erstarrt schläft der Brunnen. Vor ihm aber reckt ein mächtiger Weihnachtsbaum in seinen zot­tigen Armen Hunderte Lichtlein in die kalte Nacht. Er ist wahrhaftig der König und unumschränkter Herrscher auf dem Marktplatz; auf ihn richten sich alle Augen. Vor den Häusern sammeln sich Menschengruppen. Hinter den Fenstern wirds lebendig, Vorhänge werden zurück­gezogen, Fenster öffnen sich. Köpfe heben sich ab. Selt-

Resignation bereits auf uns herab und lächelt uns aus einem altvertrauten Antlitz müde an?

Es ist nun einmal Menschenlos, daß der jähe Auf­schwung nicht in die Höhe führt. Nur in langsamem zähen Steigen, Stufe um Stufe, kommen wir vor­wärts. Viel müssen wir uns vornehmen, um ein klein wenig zu erreichen. Wie die Natur einen ungeheuren Samenreichtum verschwendet, um ein einziges Samen­korn zur Entwicklung zu bringen, so müssen auch wir die Samenkörner unserer Entschlüsse in Mengen in das Erd­reich unserer Seele säen, um das eine oder andere zur Frucht erwachsen zu sehen. Wir müssen einen Anlauf wie zur Erklimmung eines Alpengipfels nehmen, um nur einen Wiesenhang zu ersteigen. Lang ist der Weg von unserer himmelstürmenden Sehnsucht bis zu der fruchttragenden Tat ,und immer neuer Antriebe bebarfs, um nicht zu ermüden.

Und wenn wir nahe daran sind an einem Ziel, wie oft ist bann nicht bie ganze Herrlichkeit vergangen. Was uns vorbem groß, gewaltig, erstrebenswert er­schien, wie schrumpft es nun zu einem Wenig ober gar Nichts zusammen. Das große ferne Gebirge, wie sehr enttäuscht es in ber Nähe, unb wie türmen sich,bisher ungesehen, dahinter erst die wahren Bergriesen in uner­reichbar dünkender Ferne! Doch gerade der Umstand, daß Dir das, was Dir vordem groß erschien, nunmehr gewöhnlich und gering erscheint, gerade das zeigt Dir, daß Du selber gewachsen bist. Es ist eine weise Gabe der Gottheit, daß die Erfolge sich in unseren Augen ver­kleinern, je mehr wir uns ihnen nähern. Stolz sprechen wir unserIch werde" unb pflanzen es wie einen grü­nen Baum in unserer Seele auf, dahinter aber lauert schon der entlaubende Gang der Zeit. Nirgends auf Erden ein Ziel, an dem man ruhen kann und darf; was wir Ziele nennen, sind nur Stützpunkte, die wir suchen müssen, weil wir den Blick in die Unendlichkeit unseres Strebens nicht ertragen.

Darum mutig auf zu einem neuenIch werde!" Hinein in die jungfräulichen Gefilde des neuen Jahres mit reinem Willen und mit unbeschwingter Kraft! Wer diesesIch werde" nicht spricht und mag es sich bei ihm noch so oft schon in ein resigniertesIch wollte" verwandelt haben ber kann von einem neuen Jahr nicht sprechen. Nicht ob wir die neue Zahl mitschrei­ben, ist bas Entscheiden!»!, sondern ob in unserem Herzen eine neue Stunde schlägt, die durch die Triebfeder-unse­res eigenen Innern ausgelöst wurde.Ick; trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir . . ." Diese Uhr, von der der Dichter singt, ist das ewig unruhige, ewig be­bende, ewig pochende, den kreisenden Lebensstrom an­treibende menschliche Herz. Auch dieses muß eine Jah­reswende anzeigen!

fame Dinge scheinen vor sich zu gehen. Um die große Laterne mitten vor dem Rathaus schart sich ein Häuf­lein Männer. Man sieht etwas Weißes in ihren Hän­den. Stimmen summen. Ein Spitz schnuppert um die Gruppe. Hoch in der Luft scheinen sogar Musikanten ihre Instrumente zu stimmen. Brummende und tril­lernde Töne flattern durch die Nacht. Aus dem Rat­hausdach ist es lebendig geworden. Fackeln, von unsicht­baren Händen geschwungen, beleuchten geisterhaft sche­menhafte Gestalten. Immer größere Gruppen stehen auf dem Platze zusammen. Uebermütigen Burschen wird die Zeit zu lang. An allen Ecken knallen kleine Feuer­werkskörper,Frösche". Schrilles Kreischen geängstigter Weiblichkeit.

Die Ahnung der Stunde legt sich erregend unb be­glückend auf die Menschen. Gespanntes Lauschen, kur­zes Harren. Jetzt holt die Turmuhr der alten Pfarr­kirche zum ersten Schlage aus, und zwölf Schläge, noch nie so feierlich wie jetzt, hallen durch die Nacht. Wie­der ist ein Jahr ins Meer der Ewigkeit hinabgetaucht. Da löst sich aus dem Dunkel des Rathausdaches eine Melodie, so seltsam anheimelnd, wie nur echtes Volks­gut fein kann. Und nun singt die Gruppe der Män­ner an der Laterne mit kräftiger Stimme jenes uralte Lied, dessen Dichter unb Komponist niemanb kennt, bas als echtes Volkslieb sich von Generation zu Generation vererbte:

Ein End' hat nun bas alte Jahr, Jetzt schreibt man 1930 an der Zahl. Nach der Geburt Emanuel, Welcher geboren zu Bethlehem.

Jesus ward er an heut genannt, Uns ist seine Liebe wohlbekannt. An heut vergoß er fein erstes Blut. :: Wer ifts, der ihn nicht lieben tut?

Das alte Jahr, das ist vollbracht. Dem lieben Gott sei Dank gesagt, Daß er das liebe Vaterland Erhalten hat in gutem Stand. Gott geb' auch Glück und Segen dazu; Das ifts, was ich Euch wünschen tu. :-: Wahr möge alles werden! :-:

Den alten Brauch, den nehm' ich wahr. Wünsch' allen Glück zum neuen Jahr, Der geift- und weltlichen Obrigkeit, Alles nach Ehr' unb Mürbigkeit;

Dem Herrn Bürgermeister und wohlweisen Rat, Sowie der ganzen Bürgerschaft

Zum neuen Jahr ich wünsche: :-:

Gesundheit, Fried' und Einigkeit,

Drum, da der Himmel selbst So oft in Tränen steht, Klag nimmer, Menschenherz, Daß dir's nicht besser geht.

Justinus Kerner.

Ich werde . . .

Gedanken zum Jahresbeginn von Adolf Fohr.

Es wird stets eine lange Liste: Was ich tun, was ich lassen werde, was ich muß, was ich soll das steht mir zu Begin eines neuen Jahres stets lebhaft vor der Seele.Ich werde", sage ich zu mir dann viele Male, und damit sehe ich mich auch schon in das junge Jahr hinunterschreiten unb meine Fußspuren in bas un- betretene, jungfräuliche Gefilde eindrücken dieses Ge­filde, das unendlich vor uns liegt, weiß und rein und unberührt wie frischgefallener Schnee. Ach, dies herr­liche Bewußtsein, daß an dem ne ui« Jahr noch nichts verdorben ist, daß es noch die kühnsten Hoffnungen und Illusionen erträgt! Lustschlösser wachsen darauf in die Höhe, Tag türmt sich auf Tag, unb bas Ganze liegt da wie ein ansteigendes Gelände, das sich zu einem fernen wunderbaren Gebirge erhebt, und wir im Begriffe, die­sen Weg hinauszuwandern, verjüngt, erfrischt, erleichtert: Ich werde...!"

Doch bann läuft langsam ber erste Tag bes neuen Jahres ab ein Festtag gewiß. Aber am Abend schon wenn man zurückblickt: war es ein wahrhaft neuer Tag, der Beginn eines neuen Jahres? Steht dasIch werde" noch kräftig da ober hat es bie erste vielleicht kleine Nieberlage unb Einbuße schon erlitten?

Dann gehen bie Arbeitstage an. Ach, biefelbe Not, derselbe Kummer, bieselben Schwierigkeiten, biefelbe Unlust zu überwinden. Dazwischen flammt wohl ein­mal etwas auf:Ich werde . . ." Oder heißt es viel­leicht jetzt schon:Ich wollte...?" Und senkt sich die

Iahreslauf und Menschenherz

Zählt man die Zeit im Jahr, Drin freudvoll war ein Herz, Sind's wen'ge Stunden nur, Die andern trug der Schmerz.

Hilf, Jesus, nun zur Seligkeit.

:-: Gott gebe ihnen die ew'ge Ruh'. :-:

Die letzte Strophe ist verklungen. Da pfeift der alte Nachwächter, der jahrzehntelang die nächtliche Ruhe der Bürger bewacht hat unb ber als Senior zur Sänger- gilbe gehört samt seinem Spitz, breimal auf seiner alterprobten Dienstpfeife.Prosit Neujahr!" schallts von allen Seiten; wieder knallen dieFrösche". Durch manche Fenster sieht man den brenne, den Weihnachts- baum. Weihevoll steigt der ChoralNun bautet alle Gott" zum Sternenmeer empor, wie ein mächtiger Ju­bel, ber die Empfindung aller zum Ausdruck bringen mochte. Das alte Jahr ist vorbei; vieles kam anders rote man dachte. Was wird das neue bringen?? Die bange Frage pocht in jedem Herzen.

Weiter ziehen die Sänger; in jedem Stadtteil wird bas schöne Neujahrslieb gesungen. Dann winkt Minen ein Schmaus, ben die Stadt stiftet.

Langsam verläuft sich die Menschenmenge. Noch ein­mal leuchten die Fackeln auf dem Dache auf. Die hel­len Fenster werden spärlicher. Nun erlischt auch das Kerzenheer am großen Baum. Es dunkelt. Wir ge­hen nach Hause. Immer weniger, immer leiser werden die Tritte auf dem holperigen Pflaster. Zuweilen knirscht ein Schlüssel. Haustüren schließen sich, lieber- all Stille, und die Nacht breitet ihren dunklen Mantel über den Frieden der kleinen Stadt.

Das Orakel.

Von E. van Lidth de Ieude.

Es war am Silvesterabend. Nellie van Wave starrte nachdenklich vor sich hin. In den Händen hiel sie eine kleine, unenträtselbare Bleisigur, die sie vorhit gegossen hatte. Dann sagte sie langsam zu ihre Schwester:Es ist ja eigentlich eine so sinnlose Spielerei Doch was tut man nicht alles, um zu erfahren, ob mai wirklich geliebt wird."

Sie wurde leiser.Ich habe da einen Gedanken Anna. Auch eine Art Orakel, aber---"

Nun? Da bin ich gespannt," sagte Anna.

Wenn man zweifelt, ist es vielleicht gut, auf solch Weise zu eitern Ergebnis zu gelangen. Willi bleib noch einige Tage bei euch; ich werde ihm heute abend wenn ich nach Hause komme, einen Brief schreiben, oei er morgen, am Neujahrstag, mit der Frühpost erhaltet wird. Dann muß du beim Frühstück aufpassen, ob e zuerst nach meinem Brief greift ober nach ber Zeitung um bie SBörfennotierungen einzusehen. Unb bann muß bu es mir ehrlich mitteilen. Greift er zuerst nach bei gräßlichen Kursen, bann lose ich unsere Verlobung, dani ist er boch zu sehr Materialist, um mich glücklich zi machen."

Anna erhob Einwenbungen. Wenn man sich aua ein Urteil verschaffen müsse, von so etwas bürfe mat es doch nicht abhängig machen. Ihr Mann und Will Stelling, der Verlobte ihrer Schwester, waren beib, Börsenmakler. Ihr Mann griff bes Morgens auch zu erst nach bet Zeitung mit ben Börsenberichten; ab ei beshalb war bie Ehe boch nicht weniger glücklich.

Unb boch will ich es so, bitte, Anna, hilf mir nur" beharrte Nellie. Unb Anna, bie ihrer jüngeren, eit wenig launischen Schwester, niemals etwas abschlagei konnte, gab auch diesmal nach.

Am folgenden Morgen kam Willi Stelling vergnüg, in das Eßzimmer der Villa, welche die Brünings be wohnten.

Guten Morgen, Anna, gut geschlafen? Dein ®attii noch nicht vorhanden? Dann wird er wohl bald er scheinen. Hallo, ein Brief von Nel für mich, das is wirklich ein aufmerksames Mädchen; aber erlaubst bt mir, baß ich erst einmal in bie Morgenzeitung sehe?''

Anna Brüning war blaß geworben, ber Würfel roa* gefallen! Aber ber junge Mann bemerkte es nicht, fr vertieft war er bereits in bie finanziellen Neuigkeiten (Er murmelte ein paarmal zusrieben, unb als Jan Bru ning, der Gastherr, eintrat, begrüßte er ihn mit einem n Morgen, Jan, wie fest die Börse in Amerika bleibt Das mußt bu roteber einmal sehen."

Und erst später las er behaglich im Wohnzimmers ben Brief feiner Verlobten.

Anna führte aus, was sie verlnrochen hatte. Ehrlich

Die Zett.

So wandelt sie im ewig gleichen Kreise, Die Zeit nach ihrer alten Weise 2ftrf ihrem Wege, taub und blind. Das unbefangne Menschenkind Erwartet stets vom nächsten Augenblick Ein unverhofftes seltsam neues Glück. Die Sonne geht und kehret wieder, Es kommt der Mond, und sinkt di« Nacht hernieder, Die Stunden, die Wochen abwärts gleiten, Die Monde bringen die Jahreszeiten.

Don außen nichts sich je erneut!

In Dir trägst Du die wechselnde Zeit, I n D i r nur Glück und Begebenheit.

Ludwig Tieck.

Ersatzreservist Barth.

Don I. L e m a I b.

10] ---------

Um acht Uhr abends meldeten sich die beiden Grup­pen, die als Trägertrupp an der Reihe waren, beim Kompaniefeldwebel, der mit im Lager war.Sie müs­sen unter allen Umständen unsere Kompanie erreichen", sagte ber.Am Vaux-Teich wird ein Führer sein, fra­gen Sie nach dem, wenn Sie drüben sind. Die Sachen empfangen Sie im Pionierdepot oben am Hardoumont. Und nun alles Gute!"

Am Depot herrschte ziemliches Gedränge. Andere Trägertrupps nahmen ihre Lasten in Empfang. Vorhin hatte es einigemale ganz in der Nähe eingeschlagen, des­halb suchte jeder so schnell rote möglich fortzukommen. Vorn war es wieder unruhig, schwere Einschläge lagen bei der Artillerie im Walde.Das wird wieder allerhand geben heute Nacht", sagte einer von einem anderen Trup­penteil, hängte seinen Sack um und ging.

Barth mit seinen Kameraden war an der Reihe. Wieviel Mann?", fragte der Pionierunteroffizier.Acht­zehn!"So, los, hier abnehmen!" Er reichte Sandsäcke heraus, von denen immer zwei zusammengebunden roa= ren.So, achtzehn. Die nächsten!"

Die beiden Gruppen machten sich auf ben Weg.Die Eätfe hängen einem aber schwer am Halse, was ist benn eigentlich drin?", fragte einer.

In jedem fünf Flaschen Mineralwasser", sagte ber Unteroffizier.

»Da müssen wir uns auch in ach tnehmen, sonst gehen die unterwegs in Scherben."

Sie waren im Graben, ber nach bem Vaux-Teich führte. Es war beinahe buntel. Der Graben war stark belebt. Plötzlich gab es eine StockungWas ist benn los ba vorne?" frugen ungebulbige Stimmen. Niemand nrnjjte es.Wenn das noch lange dauert, gehen wir raus aus bem Graben unb laufen oben die Böschung entlang," sagte einer.

Das wollen wir lieber bleiben lassen", sagte Barth. » enn so ein Feuerüberfall käme, ba sollte es uns ba «außen doch anders werben".

Mensch, brück boch nicht so!" rief es hinten,meine Flaschen gehen ja kaput."

Kann ich bafür?" gab eine ärgerliche Stimme zurück, bie hinter mir brücken ja selbst wie verrückt".

Es war dunkel geworden mittlerweile. Der flackernde Schein von Leuchtkugeln erhellte minutenlang die raben­schwarze Nacht, blitzartig zuckten Granateinschläge auf. Einzeln krachten die Abschüsse der Artillerie hinten im Walde und übertönten für Augenblicke das Heulen und Saufen der Granaten in der Lust.

Endlich ging es weiter. Barth legte beide Arme um die Sandsäcke mit den Wasserflaschen und tastete mit den Ellenbogen an den Grabenwänden weiter. So hingen die Säcke wenigstens ruhig, wenn auch die Ellenbogen manchmal hart anstießen.

Sie lauerten am Hang, wo es zum Vaux-Teich hinab- ging.Wir gehen alle auf einmal rüber!" rief der Un­teroffizier der vorderen Gruppe,sonst kommen wir drü­ben nicht mehr zusammen." Dann rannten sie los. Die fahle Helle der Leuchtkugeln schimmerte bis in bie Schlucht unb ließ bas Wasser bes Vaux-Teiches gespen­stig aufglänzen. Sie waren drüben.Alles da?" rief der Unteroffizier.Ja"! kam die Antwort.Dann wol­len wir erst mal schnaufen, bann will ich mal nach bem Führer sehn, ber muß doch hier herum sein."

In der Nähe war ein Unterstand, aus dem ein schwa­cher Lichtschein drang. Dorthin ging der Unteroffizier und kam gleich darauf mit einem Mann zurück.Habt ihr was zu trinken?", war dessen erstes Wort,wir sind heute bald verdurstet da vorn. Wo sind denn gestern die Träger geblieben? Der Leutnant hat schwer Krach gemacht."

Der Stimme nach mußte es Schneider fein. Barth rief ihn an:Schneider, hier habe ich dir ein paar Zi­garetten mitgebracht. Wie geht es benn vorn? Willst bu einmal trinken?"Ach, bu bifts Barth. Ich hab vorhin bort im Unterftanb getrunken, aber bie Zi­garetten kommen mir recht, ich hab den ganzen Tag keine gehabt. Da vorn, meinst du Wir haben bis jetzt zwei Tote unb acht Verwundete. Es war eigentlich

<o schlimm, als ich gedacht hatte. Der Weg i;t immer das allerfchlimmste. Wo sind die denn eigentlich gestern geblieben?" Barth gab Bescheid unb fragte nach Roth.Dem gehts gut. Aber los, wir wollen nun

gehen."Ach was, wir finb ja erst gekommen, was sollen wir benn schon wieder losrennen!" knurrten einige.Meinetwegen, wir können auch noch etwas warten," sagte Schneider. So lagen sie noch einige Augenblicke. Barth merkte, wie ihm die Kleider am Leibe klebten. Die zehn Flaschen Wasser hingen doch schwer am Halse bei diesem Rennen.Nun aber auf, das Warten hat keinen Zweck," sagte der Unteroffizier. Sie fliegen den Hang hinan.Haltet euch ja beisam­men!", rief Schneider,da oben ist dicke Luft."

Auf der Höhe war es etwas heller, bie Leuchtkugeln vorn stauben ununterbrochen in ber Nacht. Haarscharf zischten bie Granaten über ben Kamm und explodierten mit dumpfem Krach unten im Vaux-Grund. Gebückt keuchte ber Trägertrupp voran. Der Mond war auf­gegangen unb beleuchtete schwach den Pfab, der in vie­len Windungen zwischen den Granatlöchern hinführte. Graue Gestalten rannten an ihnen vorbei, gehetzt und lautlos. Weiß schimmerten Verbände durch die Nacht. Krankenträger mit Bahren tarnen ihnen entgegen. Jetzt waren sie in einer kleinen Mulde angelangt. Sie war­fen sich hin, keuchend wie gehetzte Tiere.

Wir haben jetzt noch zweihundert Meter," raunte Schneider nach einer Weile.Jetzt aufgepaßt und kein lautes Wort mehr, sonst gibts Maschinengewehrfeuer. Und hinlegen, wenn eine Leuchtkugel kommt!

Sie lagen unb fühlten langsam ihren Herzschlag ru­higer werben. Ununterbrochen zischten Granaten über ihnen hin.Los jetzt!"

Sie traten an unb stiegen aus ber Mulde. Der Mond mußte wohl hinter einer Wolke verschwunden (ein, cs war dunkler geworden. Da zuckte jäh ein Blitz vor ihnen auf ein gellender Krach. Barth warf sich hin, kroch, bis er ein Granatloch fand, kauerte sich zu­sammen, das Gesicht gegen den Boden gepreßt. Noch drei-, viermal dieses ohrenzerreißende Krachen, sausende Splitter, dann war es wieder still bei ihnen.

Da vorn stöhnte einer. Barth kroch hin. Es war ber Unteroffizier ber vorderen Gruppe, er rührte sich schon nicht mehr.Sdjneiber, Schneiber! rief Barth mit gebämpfter Stimme in ber Dunkelheit.Hier, hier liegt einer, komm her!"Er muß tot sein," raunte Schneider, als Barth bei ihm war,wieviel sind wir denn eigentlich noch?"Ich weiß nicht, bei mir war

keiner." Dann bleib mal hier, ich will zurückgehen und sehen." Er verschwand in ber Dunkelheit.

Barth griff nach bem Kameraben, sein Herz schlug nicht mehr. Er nahm ihm bie Erkennungsmarke ab und leerte die Taschen aus. Schneider tarn und hatte fünf Mann bet sich.Wo sind denn die anderen?" flüsterte^ Barth.Vier sind verwundet, die konnten aber noch! laufen, die anderen habe ich nicht gefunden. Mutz uns bas passieren! Jetzt kriegen wir wieder kein Wasser' vor!"

Wir nehmen bas Wasser von ben Toten unb 23er«; rounbeten mit. Los, bie Säcke gesucht!"

Sie fanden noch vier Traglasten. Schneider hing! sich zwei um, von den übrigen nahm jeder einen Sack in die Hand. Es war wieder etwas heller geworden. Sie gingen tief gebückt, Gewehrkugeln zischten ab und zu. Eine dunkle Gestalt erhob sich aus einem Loch vor ihnen, sie waren angelangt.Wo liegt ber Kompanie­führer?" frag Barth.Weiter links. Bringt ihr Was­ser?"Ja."Gott sei Dank."

Sie krochen weiter links, bie dunklen Locher entlang. Ist hier der Kompanieführer" frag Barth bei jedem Loch. Dann richtete sich eine Gestalt auf:Ja, hier. Wer ist da?" Barth gab Bescheid.Wieviel Mann sind mitgekommen?"Fünf."Und die anderen? Verwundet ober tot."Ach so. Unb wir haben nun roteber kein Wasser."

Wir haben neunzig Flaschen dabei, Herr Leutnant."

Wie ist benn bas möglich mit fünf Mann?"

Wir haben bie Traglasten von ben Toten unb Ver- rounbeten mitgenommen."

Das ist ja gut. Geben Sie mal alles Wasser hier herein. Unb nehmen Sie bem Feldwebel diesen Bries mit. Nun sehen Sie, daß Sie glücklich wieder zurück­kommen."

Die fünf krochen zurück, bie Löcher entlang bis zu bem Pfab, ben sie hergekommen waren.Franz, Franz!" hörte Barth auf einmal eine gebämpfte Stimme. Ach, bu bifts, Emil, wie gehts benn?"Gut bis jetzt. Nimm den Brief mit, Franz, vielleicht kannst bu ihn irgenbroo unterbringen."Ja Emil, wachs gut!"

Es hämmerte schon, als die fünf im Lager ankamen.